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21. Oktober 2025

Der kleine Johannes und das große Wirtschaftswunder



„Ich will euch etwas von dem kleinen Johannes erzählen. Meine Geschichte erinnert zwar sehr an ein Märchen, aber dennoch ist alles in Wirklichkeit so geschehen. Sobald ihr das nicht mehr glaubt, sollt ihr nicht weiterlesen, denn ich schreibe dann nicht für euch. Auch dürft ihr nie zu dem kleinen Johannes darüber sprechen, wenn ihr ihm jemals begegnen solltet, denn das würde ihm Kummer bereiten und ich würde es bereuen, euch dies alles erzählt zu haben.“

Frederik van Eeden, Der kleine Johannes (1885/1887/1892/1906)


Namenswitze sind zurecht verpönt und man sollte sie sich tunlichst verkneifen, auch wenn es im Bereich der sozialen Medien mitunter en vogue ist, wie im Fall von Ursula-fond-of-Lying oder Greta Thunfisch. Manche Verehrer von Marcel Proust tragen es ihrem Idol bis heute nach, daß der Verfasser der „Suche nach der verlorenen Zeit“ sich in jungen Jahren ein mattes Wortspiel mit dem Namen seines Freundes Marcel Plantevignes erlaubt hat, als er seinen Namen zum Anlaß dafür nahm: „… Wenn ich Rebstockpflanzer hieße / ließ ich auf dem Balkon die Reben sprießen.“ Und dennoch … mitunter gilt der Satz Oscar Wildes: „I can resist anything but temptation.“ Johann Wadephul, seit jetzt 167 Tagen Nachfolger der glanzlosen Frau Baerbock im Amt des deutschen Außenministers, hat nämlich am Freitag aus Gelegenheit seiner Visite in der Türkei aus Anlaß des 64. Jahrestags des Anwerbeabkommen mit der damaligen türkischen Regierung ganz offiziell auf dem Twitter- (Entschuldigung: X)-Account des Auswärtigen Amtes dies erklärt, bzw. erklären lassen:



„Es waren Menschen aus der Türkei, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht & Deutschland mit aufgebaut haben. Heute ist die #Türkei ein wichtiger strategischer Partner, sowohl innerhalb der NATO als auch der G20“ – @AussenMinDE im Gespräch mit @Hurriyet: 12:04 PM Oct 17, 2025


Wörtlich lautet der Passus aus dem Interview mit der Zeitung „Hürriyet“ (die sich übrigens mit „ü“ schreibt, liebes Social-Media-Team unseres Außenminderleisters), das das Auswärtige Amt am Freitag hochgeladen hat (immerhin in deutscher Übersetzung, was mittlerweile nicht mehr selbstverständlich scheint angesichts der Tipps zum Bürgergeld und zur Abschiebungsumgehung auf Arabisch, bei denen man auf deutsche Fassungen aus nachvollziehbaren Gründen verzichtet):

Frage:

Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei wurde vor ca. 64 Jahren unterzeichnet. Was bedeutet die Beschäftigung dieser Menschen für Deutschland?

Johann Wadephul:

Das Anwerbeabkommen ist auch heute noch bedeutend und prägend für Deutschland. Es waren ganz entscheidend auch Frauen und Männer aus der Türkei, die mit harter Arbeit unter teils sehr schwierigen Umständen das sogenannte „Wirtschaftswunder“ möglich gemacht haben – sie haben das moderne Industrieland Deutschland mit aufgebaut. Das ist viel zu lange nicht ausreichend gewürdigt worden.


5. August 2024

Die Wokolympics und die Tücken der DNA

Zugegeben: Die seit Jahrzehnten bekannte und wirklich grausam offenkundige Korruption im olympischen Komitee ist jetzt nicht unbedingt eine besonders spannende Erkenntnis oder Meldung. Das ist eben das, was passiert, wenn man Abermillionen Euro an eine völlig unkontrollierte Funktionärskaste verteilt, die niemandem Rechenschaft ablegen müssen und eben in ihren Hinterzimmern dann auch dafür sorgen, dass keiner von ihnen jemals wieder im Regen stehen wird. Soweit, so trivial. Vergleichsweise neu, wenn auch eigentlich überhaupt nicht überraschend, ist der Einzug der Wokeness in eben jene Hinterzimmer. Genaugenommen naheliegend, denn wie auch in diversen NGO, Behörden, Stiftungen, Rundfunkanstalten oder sonstigen Dunkelkammern der westlichen Welt, blühen eben die Schattengewächse dort am besten, wo keine Kontrolle stattfindet, keine Rechenschaft abglegt werden muss und Steuergelder ohne Nachfrage in reichlicher Menge sprudeln. Das das IOC auf den Woke-Zug aufsteigt ist da eigentlich nur folgerichtig.

29. Dezember 2021

Paul Scheerbart, "Der Wetterprophet. Eine chinesische Geschichte" (1910)

Als ich vor drei Monaten in Peking war, lernte ich bei dem italienischen Gesandten am einem lustigen Gesellschaftsabend dem reichen Herrn Li-Ban-Schin kennen, der als Wetterprophet im Land des Zopfes ein großes Ansehen genießt.

Die vornehmen Chinesen sind heute den Europäern gegenüber nicht mehr so diplomatisch zugeknöpft wie vor zehn Jahren noch. Auch im Osten des asiatischen Kontinents ist vieles anders geworden. Und so kam es, daß Li-Ban-Schin mich noch an demselben Abend, an dem er mich kennen lernte, einlud, ihn an einem der nächsten Tage in seiner Villa zu besuchen.

Er sandte mir eines Morgens ganz früh, gleich nach Sonnenaufgang, sein Automobil, und nach dreistündiger Automobilfahrt empfing mich Herr Li-Ban-Schin im Portal seiner Villa zwischen zwei großen weißen Porzellanhunden.

Die Villa war eine Porzellan-Villa – außen blau und innen hellgelb. Schwarzer Sammetbelag bedeckte überall den Fußboden. Und die Hälfte aller Porzellanfliesen war sowohl innen wie außen bemalt. Die Möbel bestanden aus geschnitztem Ebenholz – tief schwarz, aber nicht poliert. Das Köstlichste steckte in den großen bunten plastischen Porzellanfrüchten, die in dekorativen Kränzen mitten in den Wänden und an Tür- und Fensterrahmungen innen wie außen das ganze belebten; diese Weintrauben, Pfirsiche, Pflaumen, Aepfel, Kirschen und Aprikosen erinnerten ein wenig an die italienische Renaissance, obwohl da der Farbenreichtum lange nicht so üppig hervortrat wie hier. Daß diese Porzellan-Villa in China entstand, dafür sprachen die Malereien, die durchaus in rein chinesischem Stil blieben – und zwar in einem ganz alten, dem man Verwandtschaft mit dem modernen Geschmack nicht nachsagen konnte.

Ich mußte zunächst mit Hern Li-Ban-Schin frühstücken. Es gab Tee, Cognac und mindestens dreißig chinesische Delikatessen – dazwischen Zigaretten und Zigarren. Ich hatte jedoch gar keine Zeit, dieses Frühstück viel zu betrachten, denn der Herr des Hauses war sehr gesprächig. Er hatte sich in jüngeren Jahren sehr lange in Berlin aufgehalten und sprach fließend Deutsch.

„Man hält mich hier,“ sagte er lächelnd, „für einen Wetterpropheten. Aber ich bin eigentlich etwas mehr. Mir ist es eigentlich ganz gleichgültig, ob es regnet oder schneit, ob es windig oder nicht windig ist.“

18. November 2016

Hofreiters Hühner

Grünen-Vorsitzender Hofreiter ist nicht nur ein extrem schöner Mann, sondern immer auch für originelle Aussagen gut. Zum Wahlkampfauftakt behauptet er nun:
"Deutsche Agrarpolitik für Flüchtlingskrise mitverantwortlich".
Konkret gemeint sind subventionierte deutsche Produkte, insbesondere Geflügelerzeugnisse, die in diversen afrikanischen Ländern verkauft werden und dort nach Meinung Hofreiters die Leute in die Flucht schlagen.

Nun haben Subventionen viele Nachteile. Insbesondere für die Leute, die sie bezahlen müssen - hier also die deutschen Steuerzahler. Dagegen profitieren die Leute, denen diese Gelder zugute kommen - hier also deutsche Bauern und afrikanische Konsumenten. Gerade in ärmeren Ländern sind die Ausgaben für Nahrungsmittel der teuerste Anteil der Lebenshaltung und jede Erleichterung ist hochwillkommen.
Nicht so glücklich wie ihre Landsleute sind natürlich afrikanische Hühnerzüchter, denen Geschäft entgeht. Aber diese Leute sollen nun so frustriert sein, daß sich sie zu Tausenden auf den Weg nach Europa machen?

Eigentlich eine ziemlich hanebüchene Behauptung, die Hofreiter natürlich auch nicht belegt. Aber hanebüchen oder nicht - das läuft unkritisiert und unrecherchiert durch die deutschen Medien.
Dabei ist es gar nicht so schwer, das nachzuprüfen.

23. September 2016

Marginalie: Wir schaffen das nicht. "Rückführung"

Manchmal sind es die kleinen, versteckten Meldungen, unauffällig in den hinteren Seiten der Printmedien verborgen, oder auf den Netzportalen der größeren Outlets allein durch eine kurze, kaum auusagekräftige Kurzzeile verlinkten Meldungen, die die gutes Korrektiv zu den allfälligen Spins des tagespolitischen Geschäfts bilden und diese erst in ein aussagekräftiges Verhältnis rücken. Wer vor gut zwanzig Tagen über die Aussage "unser aller Domina und Geiselnehmerin" (Michael Klonovsky) aufgeschreckt worden ist, das Gebot der Stunde heiße jetzt "Rückführung"  -

Das Wichtigste sei nun, abgelehnte Asylbewerber abzuschieben. Man müsse verstärkt auf die Sorgen der Bevölkerung eingehen, sagte sie laut Teilnehmerangaben. Um solchen Flüchtlingen helfen zu können, die wirklich Hilfe bräuchten, und die Akzeptanz dafür in der Bevölkerung zu erhalten, müsse man entschlossen jene in ihre Heimat zurückschicken, die nicht schutzbedürftig seien.
 „Für die nächsten Monate ist das Wichtigste Rückführung, Rückführung und nochmals Rückführung“, wurde Merkel zitiert. Es könnten nur jene bleiben, die wirklich verfolgt sind. (Die Welt vom 3. Sept, 2016)

- der darf sich beruhigt zurücklehnen. Bangemachen gilt nicht; auch für die Große Politik: the show must go on, und eine Gefahr zur Umsetzung einer solchen radikalen Umsteuerung der hierzulande geübten Praxis droht nicht einmal ansatzweise.

17. Mai 2016

Arabischer Mythos

In Nahost ist wieder einmal Krieg, und wieder einmal werden Schuldige gesucht. Oder genauer: Die Schuldigen sind natürlich längst bekannt, weil es immer dieselben Schuldigen sind. Gesucht wird also eine Begründung, warum sie es auch diesmal sind.

Da kommt gelegen, daß das Sykes-Picot-Abkommen gerade 100 Jahre alt wird. So bietet sich die Chance für außenpolitisch inkompetente Journalisten, "den Westen" einmal wieder vorzuführen. Denn selbstverständlich habe dieser während des ersten Weltkriegs die heutigen Konflikte angezettelt.

Wie üblich prescht das Neue Süddeutschlant dabei besonders deutlich formulierend vor:
Warum der Nahe Osten ein Blutbrunnen ist - und bleibt
Und dann wird der Mythos nacherzählt, mit dem IS und arabische Nationalisten ihren Frust und ihre Aggressivität begründen.
Grotesker Unsinn.

4. Juli 2013

Mursi weg -alles gut? Der Militärputsch in Ägypen

Nun ist er also endlich weg, und am Ende ist alles ganz schnell gegangen. Das Militär erklärte gestern den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi und seine Regierung, nach fast exakt einem Jahr im Amt, für abgesetzt, suspendierte die Verfassung und versprach Neuwahlen. Als Übergangspräsident wurde der bisherige oberste Richter Adli Mansur eingesetzt. Und in der Tat: die Regierungsbilanz der seinerzeit zu den Wahlen 2011/2012 gern als gemäßigte Islamisten bezeichneten Muslimbrüderfür die der Bundesaußenminister seinerzeit um Vertrauen warb, ist desaströs. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden, die klerikalen Kräfte haben die tiefe Spaltung des Landes weiter zementiert. Für den deutschen Beobachter zeigte sich dies zuletzt und erschreckend in dem Aufruf, den ägyptischstämmigen deutschen Publizisten Hamed Abdel-Samad wegen islamkritischer Äußerungen zu ermorden. Es ist gut, daß diese Regierung nicht mehr im Amt ist. Allein das "Wie" läßt mich zögern, in das gegenwärtige Jubilate einzustimmen. Es war ein Militärputsch.

21. Februar 2013

Was ist eigentlich mit Mali? Was mit der Kaida im islamischen Maghreb?

Es ist immer wieder erstaunlich, zu sehen, wie ein Thema eine Zeitlang die Schlag­zeilen beherrscht und dann verschwindet. Mali ist ein Beispiel.

Sie wurden hier in ZR besser über Mali informiert als vermutlich irgendwo sonst im deutschsprachigen Raum, nämlich durch Diarra, der dort sieben Jahre gelebt hat.

Wie ist die aktuelle Situation?

27. Januar 2013

Aktuelles zum Krieg der Dschihadisten (13): Ethnische Strukturen des Dschihadismus in Nordafrika

Vorgestern wurde gemeldet, daß westliche Regierungen, darunter die britische, die holländische und auch die deutsche, ihre Staats­angehörigen aufgefordert haben, die Stadt Bengasi in Ostlibyen zu verlassen. Es gebe eine "konkrete Bedrohung". Die Regierung der Niederlande begründete ihre Warnung damit, daß seit der französischen Intervention die Gefahr von Anschlägen auf westliche Ziele gestiegen sei. Offenbar gibt es aber jetzt über diese allgemeine Bedrohungslage hinaus unmittelbare Hinweise auf eine von Dschihadisten geplante Aktion in Bengasi.

Der Mali-Konflikt, der bereits zu dem Anschlag auf die Gasanlage in Algerien geführt hatte, droht offenbar jetzt auf Libyen überzugreifen.

Das wirft ein Schlaglicht darauf, wie wenig der Dschihadismus in Nordafrika sich um Grenzen kümmert.

23. Januar 2013

Konformistische Individualisten, staatsfromme Revolutionäre. Zum Jahrestag des Élysée-Vertrags ein Blick auf französische Widersprüchlichkeiten


Wer im Deutschland der fünfziger, sechziger, siebziger Jahre als Individualist gelten wollte, der versah sich oft mit Französischem: Er rauchte Gauloises, bot seinen Gästen Beaujolais an, fuhr einen 2CV (oder, wenn wohlhabend, einen Citroen DS), begeisterte sich für Juliette Gréco und jene Barbara, die in Göttingen mit einem Riesenerfolg auftrat. Er richtete sich philosophisch an Sartre und Camus aus, schätzte die mageren Gestalten, die Bernard Buffet malte, und die blauen Kleckse von Yves Klein. Er liebte die Filme von Jean-Luc Godard, François Truffaut und jenes jungen Claude Chabrol, der noch keine Krimis drehte, sondern Weltschmerz-Filme wie "Les cousins".

Reiste ein solcher Individualist nach Frankreich, dann machte er in der Regel zwei ernüchternde Entdeckungen:

22. Januar 2013

Das Ziel der französischen Intervention ist "die vollständige Rückeroberung Malis". Was das bedeutet, und was nicht

Falls Sie eine gute halbe Stunde Zeit haben und Französisch verstehen, dann empfehle ich Ihnen, sich die gestrige Hauptnachrichtensendung des malischen Fernsehens anzusehen. Sie bekommen dann einen Eindruck von der Stimmung, die derzeit in Mali herrscht: Eine Welle des Patriotismus, gerichtet auf die reconquête Nordmalis; seine Rückeroberung von den Terroristen (das ist die in dieser Sendung häufigste Bezeichnung für die Dschihadisten). Die französische Intervention hat offenbar eine massive psychologische Wirkung; die Malier glauben jetzt an den Sieg.

Am Sonntag hat der franzlösische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian dieselbe Parole ausgegeben: Das Ziel der Intervention sei die "vollständige Rückeroberung" Malis.

19. Januar 2013

Warum schlug die Regierung Algeriens mit einer solchen Härte zu? Hintergründe der heute beendeten Geiselnahme


Schauen Sie sich bitte einmal diese Karte Algeriens an (für eine vergrößerte Version bitte zweimal auf die Abbildung klicken). Sie sehen im Südwesten und Südosten wie mit dem Lineal gezogenen Grenzen, wie sie typisch für eine künstliche Grenzziehung am Reißbrett sind.

Die Sahara ist geographisch und ethnisch nicht in einen algerischen, einen malischen und einen Anteil von Niger geteilt. Die Bevölkerung - vor allem Tuareg - wohnt diesseits und jenseits der Grenzen und bewegt sich oft frei über diese hinweg. Dasselbe können Dschihadisten, wenn sie auch mit ihren Pickups mehr auf Pisten angewiesen sind.

17. Januar 2013

Mali: Bisherige Blauhelme im Antiterror-Kampf? 30 Panzer nach Diabaly. Die Dschihadisten bereiten sich auf den Guerrillakrieg vor

In Artikeln vom Samstag und Montag habe ich über den Anfang der französischen Operation in Mali und ihre drei Phasen berichtet, deren dritte jetzt in breitem Umfang angelaufen ist. Auf das dort Ausgeführte beziehe ich mich im Folgenden und verwende dabei hauptsächlich Informationen aus zwei - nicht allgemein zugänglichen - Artikeln von Stratfor.

13. Oktober 2012

Aufruhr in Arabien (32): Ein Video zeigt die wahren Ziele der "gemäßigten" Regierungspartei Tunesiens, der Ennahda. Es sind die Ziele der Salafisten

Der "arabische Frühling" begann nicht im Frühjahr, sondern im Dezember; genauer: am 18. Dezember 2010, als es nach der Selbstverbrennung des Obsthändlers Mohamed Bouazizi im tunesischen Sidi Bouzid zu ersten Demonstrationen gegen das sozialistische Regime Ben Ali kam.

Der Scheinwerfer des internationalen Interesses war folglich zunächst auf Tunesien gerichtet; dann schwenkte er auf Ägypten, Libyen und aktuell Syrien. Demnächst könnte Jordanien in den Blickpunkt geraten.

In dieser Serie habe ich die Entwicklung dieser beiden Jahre mit Analysen und Kommentaren begleitet. In der Ankündigung der Serie im Januar 2011 konnten Sie zu Tunesien lesen:

15. September 2012

Die Münsteraner stimmen morgen über ihren Hindenburgplatz ab. Wie sich die politische Korrektheit jetzt der Straßennamen bemächtigen will


Seit 85 Jahren hat Münster seinen Hindenburgplatz. Jeder, der in Münster studiert hat, kennt ihn; denn wenn man vom Hauptgebäude der Universität - dem Schloß - in die Innenstadt möchte, dann überquert man ihn. Entweder geht es dann durch die Überwasserstraße oder durch die Frauenstraße ins Zentrum; man kann auch etwas weiter südlich die Universitätsstraße nehmen.

Nein, so ist es nicht ganz richtig. Nicht mehr.

3. Juli 2012

Aktuelles zum Krieg der Dschihadisten (12): Wenn Rebellen sich zurückziehen. Strategie und Taktik in asymmetrischen Kriegen

In den letzten Wochen wurden in etlichen Ländern islamistische Aufständische gezwungen, sich aus Städten zurückzuziehen, die sie erobert hatten. Das sind Niederlagen für die Dschihadisten; aber bei weitem nicht so schlimme, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Bei Stratfor hat jetzt Scott Stewart dazu eine Analyse geschrieben; auf sie stütze ich mich im folgenden zum Teil.

6. März 2011

Aufruhr in Arabien (15): Zusammenfassung, Zwischenbilanz, Wertung

In die folgende Beurteilung sind Analysen von Stratfor eingeflossen; es ist aber meine eigene Wertung. Zum Teil fasse ich zusammen, was in früheren Artikeln ausführlich zu lesen gewesen war (siehe Links am Ende des Artikels). Dies ist also nur ein knapper Überblick. Details, Begründungen, Quellen finden Sie unter den Links. Eine Zusammenfassung in zehn Punkten:

1. Das Schema "Es finden Revolutionen gegen Diktaturen statt" stimmt nicht.

2. Etwas, das man als eine Revolution bezeichnen könnte, hat allenfalls in Tunesien stattgefunden. Es ist auch das einzige der bisher von der Aufstandswelle erfaßten Länder, in dem sich die Möglichkeit einer langfristigen Entwicklung zur Demokratie abzeichnet. Dabei spielt eine wesentliche Rolle, daß es dort eine westlich denkende, in Frankreich ausgebildete Elite gibt; ein Erbe der Zeit, in der Tunesien ein französisches Protektorat gewesen war.

3. In Ägypten gab es keine demokratische Revolution, sondern das nach wie vor herrschende Militär hat sich Mubaraks entledigt, als dieser seinen Sohn als Nachfolger inthronisieren wollte; die Unruhen kamen dabei zupaß. Vielleicht wird es dort künftig etwas mehr Freiheit geben. Aber auch unter Mubarak waren schon demokratische Parteien zugelassen gewesen und durften sogar die Moslembrüder sich am politischen Leben beteiligen; wenn auch nicht unter diesem Namen.

4. In Bahrain findet keine demokratische Revolution statt, sondern eine Auseinandersetzung zwischen der herrschenden sunnitischen Minderheit und der schiitischen Mehrheit. Im Hintergrund schürt der Iran diesen Konflikt. Auf der Seite der Sunniten versucht sich Saudi-Arabien einzuschalten, vor dessen Küste Bahrain liegt.

5. Der Jemen ist ein Kunstprodukt aus der ehemaligen britischen Kronkolonie Aden, die nach der Unabhängigkeit eine sozialistische Republik geworden war, und dem alten Jemen, in dem noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein mittelalterliche Verhältnisse geherrscht hatten. Das Land droht jetzt wieder in diese beiden Teile zu zerfallen.

6. Dasselbe könnte Libyen bevorstehen. Es ist ebenfalls ein künstlicher Staat, der dadurch entstand, daß Italien sich 1911 drei Provinzen des Osmanischen Reichs aneignete. Unter Mussolini wurden dieses Italienisch-Nordafrika in "Libya" umbenannt. Die dortigen Kämpfe sind weitgehend Auseinandersetzungen zwischen dem Gaddafi-Stamm und anderen Stämmen. Zwischen Ost- und Westlibyen liegen 800 km Wüste; ein Auseinanderbrechen in die frühere Cyrenaika und das ehemalig Tripolitanien (mit Fezzan) würde also von der Geographie begünstigt werden. Im Osten versucht Ägypten, im Westen Tunesien auf die Entwicklung Einfluß zu nehmen.

7. In den beiden konstitutionellen Monarchien Marokko und Jordanien ist schon lange der Prozeß einer vorsichtigen Demokratisierung im Gang. Es gibt dort legale Oppositionsparteien, deren Rechte jetzt erweitert werden. Revolutionen sind in diesen beiden Ländern nicht zu erwarten; lediglich eine Beschleunigung des Prozesses der Demokratisierung.

8. In den beiden nach Libyen schlimmsten Polizeistaaten Arabiens, Algerien und Syrien, ist es - eben wegen dieses ihres Charakters - noch weitgehend ruhig. In Algerien wurden gerade Demonstrationen verboten.

9. Überall in Arabien gibt es mehr oder weniger starke und unterschiedlich radikale islamistische Gruppen. Die Kaida ist am stärksten im Jemen und könnte jetzt in Ostlibyen Fuß fassen. Die Hamas könnte über die Moslembrüder auf Ägypten einwirken. Algerien hat einen blutigen Bürgerkrieg gegen die Islamisten der FIS hinter sich. In Bahrain bekämpfen sunnitische und schiitische Fundamentalisten einander, treten aber gemeinsam gegen einen säkularen Staat auf.

10. Ein Schlüsselaspekt ist der bevorstehende Rückzug der USA aus dem Irak. Drei Staaten stehen bereit, das damit entstehende Machtvakuum zu füllen: Der Iran, dessen Verbündeter al-Sadr inzwischen im Irak eine entscheidende Rolle spielt; die Türkei, deren offensichtliches Bestreben die Wiederherstellung des Osmanischen Reichs in Gestalt von Einflußzonen ist; und Ägypten, das als Militärmacht und mit einer ähnlich großen Bevölkerung wie die beiden anderen Länder (alle drei knapp achtzig Millionen) nach dem Sturz Mubaraks eine aktivere Machtpolitik betreiben dürfte.

Die Türkei mischt sich bereits massiv in dem einst von den Osmanen regierten Ägypten ein; der Staatspräsident und der Außenminister waren gerade dort zu Besuch und haben Gespräche mit dem Militär, der demokratischen Opposition und den Moslembrüdern geführt.



In diesem komplexen und sich schnell verändernden Gefüge "Arabien" gibt es Dreierlei, das als einigermaßen sicher gelten kann:
  • Die USA werden in dieser Region aufgrund von Obamas Rückzugspolitik nicht mehr die bisherige Rolle spielen; jedenfalls nicht, solange dieser Präsident im Weißen Haus regiert.

  • Israel ist damit stärker bedroht als in den letzten Jahrzehnten. Daß es sich unter diesen Umständen dem Risiko eines möglicherweise bald von der Hamas regierten Palästinenserstaats auf der West Bank aussetzt, ist schwer vorstellbar.

  • Der Islamismus wird an Bedeutung gewinnen.



  • Die früheren Artikel, in denen die einzelnen Länder (allerdings manchmal nicht als das Hauptthema) erwähnt werden, können Sie unter diesen Links lesen:
  • Tunesien
  • Algerien
  • Marokko
  • Libyen
  • Ägypten
  • Irak
  • Bahrain
  • Türkei
  • Iran.
  • Die größeren Artikel finden Sie auch unter diesem Link, der zu der Rubrik "Stratfors Analysen" führt. Oder Sie mögen vielleicht den Link im Fußtext nutzen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    21. Februar 2011

    Stratfors Analysen: Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 3: Libyen

    Im zweiten Teil habe ich mich mit zwei der kleineren arabischen Länder befaßt; Jordanien und Bahrain. Trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten in der momentanen politischen Lage zeigte die genauere Analyse, daß die jeweiligen Unruhen ganz unterschiedliche Ursachen haben.

    Im jetzigen dritten Teil gehe ich auf nur ein Land ein, Libyen. Zum einen, weil es seit einigen Tagen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Zweitens aber auch, weil über dieses Land, vor allem den historischen Hintergrund des jetzigen Aufruhrs, in den Medien selten Konkretes berichtet wird. Mehr als in den ersten beiden Teilen gehe ich dabei über das hinaus, was dazu Stratfor an Informationen geliefert hat.



    Libyen ist eines der vielen Länder, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus der, sagen wir, Konkursmasse des zerbrechenden Osmanischen Reichs hervorgingen.

    Es gibt aber eine wesentliche Besonderheit: Nicht Frankreich oder England lösten dort als die vorläufigen neuen Herren die Osmanische Herrschaft ab, wie auf der Arabischen Halbinsel, sondern Italien. Und das fand nicht als ein Ergebnis des Ersten Weltkriegs statt, sondern schon zuvor.

    Das damals noch längst nicht faschistische Italien, eine konstitutionelle Monarchie, hatte im September 1911 die Osmanischen Provinzen Tripolitanien, Fezzan und Cyrenaica schlicht überfallen, um ein Stück aus dem immer schwächer werdenden Reich des Sultans im fernen Istanbul zu rauben. So entstand die Kolonie Italienisch-Nordafrika; unter Mussolini in Libya umgetauft, nach einem antiken Namen der Region. Mussolini liebte ja das Antike; der Begriff "Faschismus" selbst ist bekanntlich dem Justizsystem des Römischen Reichs entlehnt.

    Die Kolonialmacht Italien herrschte brutal und versuchte Italiener in der Kolonie anzusiedeln; die einheimische Bevölkerung führte gegen die Landräuber einen blutigen, aber erfolglosen Unabhängigkeitskrieg. Es gibt Schätzungen, daß mehr als die Hälfte der Beduinen-Bevölkerung dabei ums Leben kam.

    Nachdem im Zweiten Weltkrieg die Briten in Nordafrika gegen Italien und Rommels Afrikakorps gesiegt hatten, geriet Libyen zuerst unter britische, teils auch französische Verwaltung und wurde dann Ende 1951 selbständig; und zwar als Königreich unter dem einstigen Emir von Cyrenaika Idris, der den Widerstand gegen die Italiener angeführt hatte und der als Idris I (und, wie sich dann zeigte, auch Idris der Letzte) den Thron bestieg.

    Bemerkenswert ist, daß dieser neue, sofort in die UNO aufgenommene Staat eine ausgesprochen liberale, rechtsstaatliche Verfassung hatte und damit in der gesamten arabischen Welt an der Spitze lag. Bis zum Putsch Gaddafis im Jahr 1969 war Libyen das politisch modernste arabische Land mit einer in ihrer großen Mehrheit moslemischen Bevölkerung (der gemischt christlich-moslemische Libanon ist ein Sonderfall); auch wenn es im Lauf der Regierungszeit von Idris gewisse Einschränkungen gab.

    Als am 1.September 1969 der König wegen einer ärztlichen Behandlung außer Landes war, putschte eine Gruppe von sozialistischen Offizieren unter Anführung durch den erst 27jährigen Hauptmann Gaddafi, erklärten die Monarchie für abgeschafft, löste das Parlament auf und proklamierte den Sozialismus innerhalb einer Arabischen Republik Libyen. Der Putsch war nach dem Vorbild von Nassers Machtergreifung in Ägypten 17 Jahre zuvor modelliert. Wie Nasser lehnte man den Kommunismus ab und trat für einen eigenen arabischen, nicht rigoros atheistischen Sozialismus ein.

    Anfang der siebziger Jahre inszenierte Gaddafi nach dem Vorbild Maos eine "Kulturrevolution" zwecks der völligen sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft. Das Land hieß ab 1977 "Sozialistische Libysche Arabische Volks-Jamahiriya". Das letzte Wort in diesem etwas länglichen Namen ist schwer zu übersetzen; Arabisten schlagen etwas in Richtung "Massenbewegung" oder "Volksgemeinschaft" vor.

    Ebenfalls nach dem Vorbild Maos verfaßte Gaddafi ein grundlegend-theoretisches Werk. Diese Gedanken des Vorsitzenden Gaddafi waren aber nicht in einem roten, sondern einem grünen Buch niedergelegt. Gaddafi trug fortan die beiden schönen Titel "Führer der Großen Revolution des Ersten September der Sozialistischen Libyschen Arabischen Volks-Jamahiriya" sowie "Brüderlicher Leiter und Führer der Revolution". Den Text des Grünen Buchs können Sie (auf Englisch) hier lesen.

    In den folgenden Jahrzehnten ging das Land seinen sozialistischen Gang, wie man ihn überall sieht, wo der arabische Sozialismus gesiegt hatte; freilich besonders häßlich: Gewaltherrschaft, Armut, Stagnation in allen Lebensbereichen. Eine Besonderheit war, daß Gaddafi sich bei der Unterstützung des internationalen Terrorismus hervortat. In den letzten Jahren sagte er sich allerdings vom Terrorismus los; an den desolaten inneren Zuständen, die zu dem jetzigen Aufruhr führten, änderte sich aber nichts.



    In den Schlagzeilen, in der TV-Berichterstattung hat in den letzten Tagen Libyen den Krisenstaat Bahrain abgelöst, der die vergangene Woche dominiert hatte. Die Aufmerksamkeit der Medien wendet sich nun einmal immer dorthin, wo es gerade am spektaklärsten, wo es am blutigsten zugeht. Das ist, wie man zum Beispiel in diesem Bericht in der Wochenendausgabe der FAZ lesen kann, im Augenblick Libyen; Berichte von dort dominierten auch die meisten Fernseh-Nachrichten.

    Ein offensichtlicher Unterschied zur Berichterstattung aus Bahrain und Ägypten ist allerdings, daß aus Libyen kaum Informationen, vor allem so gut wie keine Bilder nach außen dringen. Man ist weitgehend auf Berichte von Reisenden und Gastarbeitern angewiesen, die das Land jetzt verlassen; sowie auf das, was mutige Libyer an Berichten, Fotos und gelegentlich auch Videos ins Internet stellen. Dazu gibt es die propagandistischen Berichte der vollständig vom Staat kontrollierten Medien.

    Die Unruhen scheinen am Dienstag vergangener Woche in Benghazi begonnen zu haben, wo Demonstranten die Freilassung des inhaftierten Rechtsanwalts und Menschenrechtlers Fathi Turbil verlangten. Bereits am Donnerstag, der von der Opposition als der erste "Tag des Zorns" angekündigt worden war, kam es dann in Benghazi and Al Bayda zu blutigen Aktionen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten; mit Todesopfern. Das Staatsfernsehen in Tripoli zeigte derweil Bilder des Diktators Muammar al-Gaddafi, wie er über einer Schar von Anhängern thronte und Küsse verteilte.

    Viele werden nicht in Stimmung gewesen sein, ihm mit einem Kußhändchen zu antworten. Denn in diesem durch sein Öl eigentlich reichen, aber vom Sozialismus völlig heruntergewirtschafteten Land liegt die Jugend-Arbeitslosigkeit höher als irgendwo sonst im nördlichen Afrika; sie wird auf zwischen 40 und 50 Prozent geschätzt. Auch die allgemeine Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Außerhalb des von Ausländern gemanagten Ölsektors gibt es praktisch keine Industrie.

    Es fehlt an der einfachsten Grundversorgung. Die Versorgung mit Wohnungen ist miserabel. Zwei Drittel der Bevölkerung in diesem reichen Ölstaat leben von weniger als 2 Dollar am Tag. Von auch nur annähernd unabhängigen Medien kann keine Rede sein. Eine innere Opposition konnte wegen der polizeistaatlichen Repression bisher kaum entstehen; die meisten Oppositionellen sind im Exil oder sitzen im Gefängnis.

    Stratfor meint, es sei bemerkenswert, daß es in einem derartigen Polizeistaat überhaupt zu Demonstrationen hatte kommen können. Das Regime werde versuchen, den Aufruhr mit eiserner Faust zu beenden; allerdings gehören zum Konzept auch gewisse Konzessionen. Beispielsweise wurde Turbil jetzt freigelassen.

    Bei der Niederschlagung etwaiger weiterer Aufstände kann sich Gaddafi auf ihm ergebene Truppen stützen; nicht wie in Ägypten Wehrpflichtige, sondern Berufssoldaten und Söldner aus dem Ausland.

    Ein geschickter Schachzug Gaddafis war es gewesen, einen Teil der militanten Islamisten, die auch in Libyen aktiv sind, abzuspalten und in seine Streitkräfte zu integrieren; auch die Beduinenstämme sind eng mit dem Militär verbunden. Anders als in Ägypten bei Mubarak ist also eher nicht damit zu rechnen, daß das Militär sich gegen Gaddafi stellt.

    Die Lage ist aber offenbar im Fluß. Heute Vormittag hat sich der Aufruhr ausgeweitet. Al Jazeera meldet soeben, es hätte heute bereits Dutzende von Toten gegeben. Die Protestierer hätten ein Militärlager besetzt, das darauf von der Luftwaffe bombardiert worden sei. Es gibt Gerüchte, daß Aufrührer die Stadt Benghazi "erobert" hätten. Auch Al Jazeera meldet wie schon Stratfor, daß Gaddafi möglicherweise ausländische Söldner gegen die Aufständischen einsetzen werde.



    Eine besondere Note erhält die Situation in Libyen durch den Machtkampf um Gaddafis Nachfolge, den sich seine beiden Söhne Seif al-Islam und Motasem liefern.

    Seif al-Islam gilt als der Gemäßigtere. Er hat die Ölindustrie hinter sich; mit dem Chef der Nationalen Ölgesellschaft Shukri Ghanem ist er ein Bündnis eingegangen. Mosem, der Sicherheitschef des Landes, hat das Militär und die Betonköpfe der Revolution auf seiner Seite.

    Gestern trat nicht Gaddafi selbst, sondern Seif al-Islam im Staatsfernsehen auf und hielt eine Rede, in der er zugleich Reformen wie aber auch ein hartes Durchgreifen gegen Demonstranten ankündigte. Man kann das so interpretieren, daß er im Augenblick in diesem Bruderkampf in Führung gegangen ist.

    Ob er damit durchkommt, oder ob ihm gerade sein Reformwille das Genick bricht (er war sogar so weit gegangen, eine von ihm kontrollierte Organisation Berichte über Verletzungen der Menschenrechte in Libyen publizieren zu lassen), ist im Augenblick völlig offen.



    Von den bisher in dieser Artikelfolge behandelten Staaten - Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien und Bahrain - hat Libyen das mit Abstand repressivste System.

    Der Vergleich macht deutlich, daß man nicht nur zwischen den konstitutionellen Monarchien mit weitgehenden politischen Freiheiten (Marokko, Jordanien, in Grenzen Bahrain) auf der einen Seite und den sozialistisch geprägten, bisher diktatorisch regierten Ländern (Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten; dazu das später zu besprechende Syrien) auf der anderen Seite unterscheiden muß.

    Auch in dieser zweiten Gruppe gibt es große Unterschiede. Das Ägypten Mubaraks war vergleichsweise frei; mit (wenn auch unfairen) Wahlen und mit zugelassenen Oppostionsparteien. Härter war die Repression im Tunesien von Ben Ali; noch erheblich brutaler ist sie in Algerien. Mit Abstand am weitesten fortgeschritten bei der Verwirklichung des Sozialismus aber ist die Sozialistische Libysche Arabische Volks-Jamahiriya. (Wird fortgesetzt).



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Lesen Sie zu "Stratfors Analysen" bitte auch die Ankündigung dieser Rubrik.

    19. Februar 2011

    Stratfors Analysen: Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 1: Ägypten und der Maghreb

    Stratfor hat jetzt in einer umfangreichen Analyse die Lage in den Ländern von Marokko bis zum Iran untersucht. Ich fasse sie in mehreren Folgen zusammen; einbezogen sind weitere Informationen und meine eigenen Bewertungen:


    Ägypten: Wie George Friedman in einem eigenen Artikel zu Ägypten dargelegt hat (siehe "Anfang der Woche regierte ein alter Soldat Ägypten. Ende der Woche regierte ein anderer alter Soldat Ägypten" (George Friedman); ZR vom 16. 2. 2011), hat aus der Sicht von Stratfor in Ägypten keine Revolution stattgefunden, sondern ein vom Militär sorgfältig inszenierter Machtwechsel.

    Auf dem Höhepunkt der Unruhen demonstrierten nicht mehr als 200.000 bis 300.000 Menschen (Kairo hat 7 Millionen Einwohner; im Nildelta leben ungefähr 30 Millionen Ägypter). Das Militär nutzte die Unruhen, um Mubarak loszuwerden.

    Im Augenblick scheint es sich mit den Moslembrüdern und den demokratischen Kräften zu arrangieren, aber Stratfor sagt eine wachsene Kluft vorher; denn das Militär wird seine Macht und seine Pfründe nicht freiwillig aufgeben.


    Tunesien: Hier hat eher so etwas wie eine Revolution stattgefunden (siehe auch Wie ist eigentlich die Lage in Tunesien? Erstaunlich!; ZR vom 5. 2. 2011). Die Geheimpolizei ist weitgehend entmachtet; es kehrt wieder annähernd Normalität ein. Noch in diesem Jahr, aber bisher ohne festgelegten Termin, sollen Wahlen stattfinden. Die demokratische Opposition ist jedoch schwach; auch die Islamisten sind es nach Einschätzung von Stratfor. Die bisherige Staatspartei NDP ist dabei, sich zu reorganisieren und dürfte an den Schalthebeln der Macht bleiben.

    Das könnte neue Unruhen mit sich bringen; möglicherweise ein Eingreifen des Militärs nach ägyptischem Vorbild nach sich ziehen.


    Algerien: Wie in Ägypten und Tunesien ist die Jugendarbeitslosigkeit anhaltend hoch und sind die Lebensmittelpreise in letzter Zeit stark gestiegen. Es ist bisher aber nur zu vereinzelten Protesten gekommen, denn der Unterdrückungsapparat arbeitet sehr effizient. Für den 25. Februar wurde zu einer Demonstration aufgerufen; bereits jetzt werden für diesen Tag Polizeikräfte zusammengezogen. Sowohl die Islamisten der verbotenen FIS als auch einige der großen Gewerkschaften haben zu dem Protest aufgerufen.

    Wie in Ägypten findet aber nach der Analyse von Stratfor der eigentlich Machtkampf hinter den Kulissen statt, und zwar zwischen dem autoritär herrschenden Abdel Aziz Bouteflika und dem Sicherheitschef, General Mohamed "Toufik" Mediene. Er ist ein alter Weggefährte Bouteflikas und leitet die Sicherheitskräfte schon seit 1990.

    In den letzten Jahren entwickelte sich aber zwischen den beiden eine immer schärfere Rivalität. Es geht wesentlich um die Nachfolge des 73jährigen Bouteflika. Mediene hat gute Kontakte zur Opposition, vor allem zu Saeed Saidi, der wie er Berber ist. Die Berber stellen ungefähr ein Drittel der Bevölkerung; ihre Unzufriedenheit ist einer der Faktoren hinter den jetzigen Unruhen. Die arabische Mehrheit scheint sich bisher hingegen überwiegend ruhig zu verhalten.

    Auch in Algerien könnte das Militär ein kritischer Faktor werden. Es hat unter Bouteflika an Macht verloren. Die Militärführung steht zwar bisher zu dem Präsidenten, aber in den mittleren und unteren Rängen gibt es viel Unzufriedenheit.

    Bouteflika versucht jetzt, die Opposition durch Entgegenkommen ruhigzustellen. Die Subventionen für Lebensmittel wurden erhöht; der Ölstaat Algerien kann sich das wegen der hohen Erdölpreise leisten. Bouteflika hat versprochen, Ende Februar den Ausnahmezustand zu beenden, und er hat politische Reformen angekündigt.

    Es ist eine Doppelstrategie: Einerseits materielle Verbesserungen und die Ankündigung politischer Reformen; andererseits ein hartes Vorgehen gegen die Opposition.


    Marokko: In Marokko ist es bis auf kleinere Demonstrationen bisher weitgehen ruhig geblieben. Für den morgigen Sonntag ist aber ein nationaler Protesttag angekündigt worden. König Mohammed VI hat reagiert, indem er mit Vertretern der Opposition zusammengetroffen ist und versprochen hat, die im Gang befindlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Reformen zu beschleunigen.

    Wie in Ägypten gibt es eine demokratische und eine islamistische Opposition. Die Letzere ist stärker als in Tunesien; allein die verbotene Partei für Gerechtigkeit und Wohlfahrt soll 200.000 Mitglieder haben. Keine der oppositionellen Gruppen will jedoch die konstitutionelle Monarchie abschaffen. Gefordert wird eine Verfassungsreform, welche die Rechte des Monarchen einschränken soll.

    Der Unterschied zu Algerien zeigt sich schon darin, daß die für morgen angekündigten Demonstrationen von der Regierung ausdrücklich erlaubt wurden.

    Im Zug der Unruhen im Maghreb könnten auch außenpolitische Konflikte wieder belebt werden. Der marokkanische Außenminister Taieb Fassi Fihri hat bereits Algerien davor gewarnt, Unruhen in der Westsahara zu schüren; einem Land zwischen Algerien, Marokko und Mauretanien, in dem die Polisario-Front herrscht (ihr "Befreiungskampf" war einst ein Thema in der deutschen Linken gewesen).



    Bereits diese vier Staaten zeigen also ein sehr unterschiedliches Bild.

    Die vergleichsweise geringsten Probleme hat das westlich orientierte Königreich Marokko, das als einziges dieser Länder nie sozialistische Tendenzen entwickelt hat.

    Algerien lebt immer noch mit dem Trauma des blutigen Bürgerkriegs gegen die islamistische FIS; Bouteflika könnte mit seiner Strategie von Zuckerbrot und Peitsche Erfolg haben.

    In Tunesien erscheint derzeit alles möglich - von einem System mit Zügen einer westlichen Demokratie bis hin zu einem Militärputsch.

    In Ägypten wird die Frage sein, ob es dem Militär gelingt, seine Machtstellung zu behaupten, oder ob es mit seinem Putsch gegen Mubarak eine Dynamik in Gang gesetzt hat, die es schließlich selbst gefährdet.

    Die große Unbekannte ist in allen vier Ländern die Stärke der Islamisten. Sie waren bisher überall verboten oder sind es noch. Es läßt sich kaum sagen, wie gut sie bei freien Wahlen abschneiden würden. (Fortsetzung hier).



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    7. Februar 2011

    Aufruhr in Arabien (9): Ein Bericht über die Revolution in der tunesischen Provinz. Mehr als 50 Tote in einer einzigen Stadt. Die Rolle des Islamismus

    Bilder von einer Revolution, die wir im TV sehen, und viele der Berichte, die wir lesen und hören, haben eine eigentümliche Distanz zum Geschehen: Da wird, wie jetzt in Kairo, tagelang aus Hotelzimmern heraus oder mittels irgendwo fest aufgestellter Kameras das Geschehen fotografiert. Reporter gelangen selten über die jeweilige Hauptstadt hinaus; in dieser oft nicht über den einen oder anderen Brennpunkt des Geschehens.

    Im Nouvel Observateur hat jetzt Sara Daniel, eine auf Reportagen aus Krisengebieten spezialisierte Journalistin, einen Bericht darüber publiziert, wie sich die Revolution in einer tunesischen Provinzstadt zugetragen hat; wie sie sich jetzt dort weiter auswirkt.

    Ich fasse ihre Reportage zusammen und ergänze damit die Augenzeugenberichte von Alma Allende, auf die ich in zwei früheren Folgen der Serie aufmerksam gemacht habe (Die (vorerst) gescheiterte (Fast-) Commune in der Kasbah von Tunis; ZR vom 30. 1. 2011, und Wie ist eigentlich die Lage in Tunesien? Erstaunlich!; ZR vom 5. 1. 2011).

    Sara Daniel hat sich in der Provinzstadt Kasserine umgesehen; ungefähr in der Mitte Tunesiens gegen die algerische Grenze hin gelegen.

    Kasserine war einer der Orte gewesen, von denen die Revolution ausging. Mehr als 50 Menschen waren in den Revolutionstagen ums Leben gekommen. Zahlreiche Einwohner waren an der gescheiterten Besetzung der Kasbah von Tunis beteiligt gewesen und nun, als Sara Daniel die Stadt besuchte, gerade nach Hause zurückgekehrt.

    Sie sind in eine Stadt zurückgekehrt, in der, wie die Autorin schreibt, "Abrechnungen und Säuberungen herrschen". Wer gestern noch zu den Herrschenden gehörte, ist heute verfemt. Jeder überlegt sich, mit wem er sich noch zeigen, wem man noch die Hand geben darf.

    Es gibt diejenigen, die in letzter Minute ihr Herz für die Revolution entdeckt haben und die nun umso lauter auf das alte Regime schimpfen. Es gibt die Wendehälse, die sich still und leise an die neuen Verhältnisse anpassen.

    Angehörige der jetzt entmachteten Miliz und der Geheimpolizei sind unterwegs, mit einer, sagt Sara Daniel, "Politik der verbrannten Erde". Sie hausen in Schulen, plündern Lagerhallen. Sie wissen, daß ihnen in dieser heruntergekommenen Stadt niemand verzeihen wird.

    Es gibt Listen mit Schergen des alten Regimes, die "von der Bevölkerung gesucht" werden. Dazu gehören der ehemalige Bürgermeister, der Gouverneur, die Chefs der Geheimpolizei; aber vor allem die sogenannten Omdas: Bürokraten, die nur gegen Bakschisch ein Krankenhausbett oder einen Arbeitsplatz vergaben. Es gab Personen, die sich das Monopol auf den lokalen Schmuggel an der Grenze zu Algerien erkauft hatten. Einer liegt - so Sara Daniel - jetzt im Krankenhaus; er war während der Revolution zusammengeschlagen worden.

    Jeder hätte, schreibt die Autorin, seine Geschichte aus diesem kafkaesken System der Überwachung, der mafiösen Ausbeutung zu erzählen; einem Krebsgeschwür, das bis ins kleinste Dorf reichte.

    Der Besitzer eines Hammam beispielsweise, der seinen Betrieb schließen mußte, weil er eine geforderte "Spende" nicht hatte aufbringen können. Der Verwaltungschef eines Krankenhauses, der eine Entscheidung des Präsidenten Ben Ali kritisiert hatte und daraufhin seines Postens enthoben worden war; ein Arbeitskollege hatte ihn denunziert, der dann sein Nachfolger wurde. Oder der Lehrer Abdelkader, der zu oft in die Moschee gegangen war und daraufhin als Islamist denunziert wurde. Er mußte sich täglich auf zwei Polizeistationen melden; zwischen ihnen liegt eine Entfernung von 160 km.

    In dem Armenviertel Zoor besuchte Sara Daniel die 17jährige Afaf Idoudi. Sie hatte während der Revolution an der Beerdigung einer Nachbarin teilgenommen, die von einem Scharfschützen der Polizei durch einen Kopfschuß getötet worden war. Die Trauergemeinde wurde wiederum beschossen, und Afaf Idoudi erhielt einen Schuß ins Bein.

    Sie erzählt, wie sie - Serviererin mit 70 Euro Monatseinkommen - ebenfalls an die staatliche Mafia hatte zahlen müssen. Wenn sie das Geld nicht hätte, dann sollte sie es sich eben leihen, sagte man ihr. Ihr Bruder berichtete, daß ihm die Saisonarbeit im Hotel Yasmin Beach in Hammamet gekündigt worden war, weil er zu oft in die Moschee gegangen sei. Die Religion sei für viele eine Nische gewesen, in die sie sich vor dem Regime flüchteten, meint Sara Daniel.

    In der Wichtigkeit direkt nach der Demokratie rangierend, sei die Religionsfreiheit dasjenige, was diese Jugend besonders von der Revolution erwarte. Allgemein werde berichtet, wie jeder im Land Repressionen ausgesetzt gewesen sei, der regelmäßig die Moschee besuchte oder auch nur einen Bart getragen hatte; ebenso Frauen, die verschleiert gingen.

    Neben Einwohnern der Stadt Kasserine hat Sara Daniel auch den neuen Minister für Regionalentwicklung interviewt, Ahmed Néjib Chebbi, der als Kandidat für die Präsidentschaft Tunesiens gilt. Er meinte, daß die Zukunft seines Landes durch diese Jugend in der Provinz entschieden werde, die sich in den Islam geflüchtet hätte. Entweder werde man deren Bedürfnisse befriedigen können, oder es werde eine Explosion geben; und Gott wisse, wer dann ans Ruder komme.



    Ich habe mich bei dieser Zusammenfassung eng an die Reportage gehalten. Ob alle Angaben stimmen, ist naturgemäß nicht nachprüfbar; aber Sara Daniel ist Journalistin eines seriösen Nachrichtenmagazins mit einem ausgezeichneten Ruf als Reporterin aus Krisengebieten.

    Mich haben an dem Bericht drei Dinge beeindruckt:

    Zum einen, daß es offenbar bei dieser Revolution nicht nur einen Machtwechsel in Tunis gegeben hat, sondern ein radikales Zerbrechen der alten Strukturen auch in der Provinz; unter erheblichen Kämpfen. Es war eine wirkliche, flächendeckende Revolution und nicht nur ein Putsch in der Hauptstadt.

    Und es war keine friedliche Revolution wie 1989 in der DDR, sondern eine blutige; mindestens so blutig wie 1989 in Rumänien. Tunesien hat - so sieht es jedenfalls im Augenblick aus - nach mehr als zwanzig Jahren das nachgeholt, was Osteuropa damals gelungen ist: sich vom Sozialismus befreit (siehe Bricht jetzt der arabische Sozialismus so zusammen wie nach 1989 der osteuropäische?; ZR vom 6. 2. 2011).

    Zweitens wirft der Bericht ein Schlaglicht auf einen Aspekt der Islam-Frömmigkeit vermutlich nicht nur in Tunesien: In einem sozialistischen System, das alle Bereiche des Lebens zu kontrollieren trachtet, ist die Religion ein Refugium, eine Gegenmacht. So war es auch im kommunistischen Polen vor 1990 gewesen; bis zu einem gewissen Grad ebenfalls in der DDR.

    Drittens macht auch dieser Bericht wieder deutlich, daß die westlich orientierten Modernisierer, die jetzt in Tunis an der Macht sind, nur einen Teil des Bildes dieses revolutionären Tunesien repräsentieren.

    Wie stark die Islamisten in der Provinz sind, weiß niemand. Wenn es stimmt, daß der Islam als die einzige Gegenmacht zum sozialistischen Regime in Tunis wahrgenommen wurde, dann könnten sie vielleicht sehr stark sein.

    Wie möglicherweise in Ägypten könnten freie Wahlen sie an die Macht bringen; dann wäre die jetzige Freiheit wahrscheinlich nur eine Episode gewesen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.