11.4.13

Winter für Arabiens Christen, Winter für Arabien?

Für Leser von Zettels Raum sind Nachrichten über die seit dem Beginn des Arabischen Frühlings eskalierende Christenverfolgung in Nordafrika und im Nahen Osten keine Überraschung. Ansonsten findet dieses Thema in der deutschen Presselandschaft – mit wenigen Ausnahmenkaum die Beachtung, die es eigentlich verdient. Und wenn in den Leitmedien schon einmal über die betreffenden Drangsale geschrieben wird, verschleiert ein bisweilen desinformierender Titel dem flüchtigen Leser die erst aus dem Text klar hervorgehende Rollenverteilung zwischen dem Urheber der Ausschreitungen und dem Opfer.
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Vielleicht bedurfte es deutlicher Worte von höchster Stelle, damit in hiesigen Publikationen wieder einmal ohne Umschweife von den mehr als erschreckenden Zuständen namentlich in Ägypten die Rede ist: So referiert das Online-Portal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die harsche Kritik des Oberhauptes der koptischen Kirche, Papst Tawadros II., an der Indifferenz des Staatspräsidenten Mohammed Mursi gegenüber dem Schicksal der christlichen Minderheit im Lande.

Vorausgegangen war dieser Äußerung des Oberhirten ein offenbar von Polizei und Krawallmachern gemeinsam veranstalteter Angriff auf koptische Gläubige, die sich während einer Demonstration in unmittelbarer Nähe der Kairoer Markus-Kathedrale befanden beziehungsweise in diese flüchteten. In Anbetracht der Bedeutung der genannten Kirche für die Christen im Nil-Staat vergleicht der koptische Bischof für Deutschland, Anba Damian, diesen Angriff in einem an pointierten Formulierungen nicht armen Interview mit einer Attacke auf den Vatikan.

Vor dem Hintergrund dieser anhaltenden Drangsale ist es kaum verwunderlich, dass die orientalischen Christen ihre Heimatländer in Scharen verlassen. Neben der humanitären Tragödie, die sich mit diesem Exodus verbindet, könnte die Auswanderungswelle auch den ökonomischen Niedergang der arabischen Länder beschleunigen. Wie Lawrence Solomon in einem höchst lesenswerten Beitrag für die Financial Post feststellt, ist das Import- und Exportgeschäft im Nahen Osten seit dem 19. Jahrhundert fest in christlicher Hand. Diese Entwicklung sei dadurch begünstigt worden, dass Christen im Rechtsverkehr mit Nichtmuslimen das juristische Regime frei vereinbaren konnten und sich somit viel flexibler an das marktwirtschaftlich-rechtsstaatliche Modell Europas anpassten als die der Scharia unterworfenen Muslime.

Eine Minderheit als Motor der Wirtschaft – dies kannte man etwa auch aus dem Uganda der Ära vor Idi Amin. Der Schlächter von Afrika wies bekanntlich 80.000 mehrheitlich aus Indien stammende Einwohner seines Staates aus – mit verheerenden Folgen für den ohnehin schon angeschlagenen Handel und Wandel des Landes.

Manchmal scheint sich die Geschichte leider zu wiederholen: Der Winter der arabischen Christenheit könnte sich zum Winter für die gesamte arabische Welt auswachsen.

Noricus


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