9.4.13

Tod aus dem Schlot

Im Auftrag von Greenpeace hat das Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart die gesundheitlichen Folgen der Kohleverstromung berechnet. (Siehe die von Greenpeace angebotenen PDF-Downloads.)

Das schlagzeilenträchtige Hauptergebnis lautet:

Die Studie berechnet durch eine Modellierung der Schadstoffverbreitung in der Atmosphäre, dass die Emissionen deutscher Kohlekraftwerke jedes Jahr zum vorzeitigen Tod von ungefähr 3.100 Menschen führen. Dies ist gleichbedeutend mit einem Verlust von insgesamt 33.000 Lebensjahren.

Die Berechnung der vorzeitigen Todesfälle erfolgt in mehreren Schritten.

Ein lebenszeitverkürzender Effekt wird vor allem dem Feinstaub und in geringem Maß dem Ozon zugeschrieben. In einer Langzeitstudie, die in den USA zwischen 1982 und 1998 durchgeführt wurde, hat man einen linearen Zusammenhang zwischen der Feinstaubkonzentration in der Atemluft und der Lebenserwartung festgestellt. Damit läßt sich der Verlust an Lebenszeit bei Erhöhung der Feinstaubmenge pro Kubikmeter berechnen.

Die Menge an Feinstaub, die ein Kraftwerk emittiert, ist bekannt. Die Kraftwerke melden ihn dem European Pollutant Release and Transfer Register. Nun kommt es noch darauf an, wie sich der Staub aus dem Kraftwerkskamin in der Umgebung verteilt. Dazu verwendet das Stuttgarter Institut eine Modellrechnung, in die Windrichtungen und -stärken, die Dauer der chemischen Umwandlungen u.a. eingehen. Das Modell fußt auf den Ergebnissen des großangelegten europäischen Projektes "ExternE - Externalities of Energy" (1991-2005).

Der Staub aus den Kraftwerksschloten verteilt sich danach größtenteils im Radius von 700 km um ein Kohlekraftwerk, wobei die Konzentration im Ring von 100-200 km am höchsten ist. Berücksichtigt man noch die Bevölkerungsverteilung, dann kann man die Atemwegsbelastung der Menschen bestimmen und mit der Formel aus der oben genannten Langzeitstudie die verlorene Lebenszeit ausrechnen.

Im dritten Schritt, den nicht die Stuttgarter Forscher, sondern den Greenpeace selbst vorgenommen hat, wird die durchschnittliche Lebenszeitverkürzung in die Zahl der vorzeitigen Todesfälle umgerechnet. (Einfach per Division durch 10,7; diese Zahl fußt auf der US-Langzeitstudie.)


Vergleicht man diese Resultate mit einer früheren Studie zum Thema, mit Aussagen des Fachverbandes VGB der Stromwirtschaft über die Feinstaubbelastung in Deutschland, mit der Zahl aller Todesfälle in Deutschland und mit Angaben der OECD über die Verkürzung der Lebenserwartung aus allen Ursachen, so zeigt sich, dass die Ergebnisse der Greenpeace-Studie im Rahmen des Erwartbaren liegen. Die Genauigkeit, die von Greenpeace für ihre Aussagen beansprucht wird, ist dabei nicht sehr hoch:

(...) deutet darauf hin, dass die in diesem Bericht geschätzte verkürzte Lebenserwartung von 33.400 Lebensjahren, die mit Emissionen aus dem Betrieb von Kraftwerken verbunden ist, ein 95 Prozent-Konfidenzintervall von 6.520 bis 61.300 hat.

Man kann wohl annehmen, dass diese Schätzung der heute möglichen wissenschaftlichen Erkenntnis entspricht.


Aus dem Ergebnissen der Stuttgarter Forscher leitet Greenpeace eine Reihe von politischen Forderungen ab.

Alle Kohlekraftwerke müssen die Auflage erhalten, mit der besten verfügbaren Filtertechnik ausgerüstet zu werden, um Schadstoffemissionen zu minimieren.
Die verheerenden Gesundheitsauswirkungen der Kohlekraftwerke erfordern, dass die Kohleverstromung möglichst schnell reduziert und mittelfristig ganz beendet wird.
Keines der 17 in Bau oder Planung befindlichen neuen Kohlekraftwerke darf mehr ans Netz gehen.
Greenpeace fordert außerdem von der Bundesregierung, ein Kohleausstiegsgesetz zu beschließen. Ähnlich dem Gesetz zum Atomausstieg soll die Laufzeit der Kohlekraftwerke durch Reststrommengen effektiv begrenzt werden.
Die einzige Möglichkeit, Tausende von Todesfällen in Folge der Kohleverbrennung zu verhindern, ist der vollständige Umstieg auf saubere Erneuerbare Energien.
Die Verkürzung der Lebenserwartung durch Kohlekraftwerke ist ganz und gar vermeidbar, da wir mit Erneuerbaren Energien und den aktuellsten Lösungen zur Energieeffizienz in der Lage wären, die Lichter ohne ein einziges neues Kohlekraftwerk weiter brennen zu lassen.

So wenig überraschend diese Aussagen sind, so wenig lassen sie sich schlüssig aus der Stuttgarter Studie ableiten.

Bei der Herleitung ihrer Forderungen sind Greenpeace drei gravierende Fehler unterlaufen.

Erstens müsste das Feinstaubproblem in den Kontext aller anderen Gesundheitsrisiken eingeordnet werden. Dafür bietet sich zum Beispiel der Vergleich mit mit der Verkürzung der Lebenserwartung aus allen Ursachen für vorzeitiges Ableben an. Nach Wikipedia sind das in Deutschland jährlich etwa 2,5 Millionen verlorene Lebensjahre, damit würde ungefähr ein Achtzigstel auf die Kohlekraftwerke entfallen. Lohnen sich die Kosten des Kohlestromausstiegs im Verhältnis zu den Möglichkeiten, gegen andere lebensverkürzende Risiken vorzugehen? Dazu sagt Greenpeace nichts.

Zweitens verkürzt auch der Einsatz der von Greenpeace favorisierten "Erneuerbaren Energien" die Lebenserwartung. Nach einer Studie von Wolfram Krewitt aus dem Jahre 2002 beträgt die Zahl der verlorenen Lebensjahre pro Milliarde kWh Stromerzeugung:

  • bei Braunkohle 73,
  • Steinkohle 54,
  • Photovoltaik 33,
  • Erdgas 25,
  • Kernenergie 9.6,
  • Windenergie 4.

Zwei Zahlenangaben dieser Vergleichsstudie dürften Greenpeace besonders mißfallen: der hohe Wert für die Photovoltaik und der niedrige Wert für die Kernenergie. Tatsächlich werden Vergleiche dieser Art gerne zugunsten der Kernenergie zitiert, etwa von Steffen Hentrich und von Zettel, wobei diese beiden sich nicht auf Krewitt, sondern auf einen Blogbeitrag in Next Big Future beziehen.

Meiner eigenen Berechnung zufolge, die sich auf Krewitt stützt, würde der deutsche Atomausstieg 30000 Lebensjahre kosten, was nach meiner Schätzung 2000-3000 vorzeitigen Todesfällen entspricht. (Siehe Wieviel Menschenleben kostet der Atomausstieg?, ZR vom 23.4.2011.)

Daher ist es schon verständlich, wenn Greenpeace sich auf die Betrachtung der Schäden durch Kohleverstromung konzentriert. Die Behauptung, sie ließen sich vollständig vermeiden, indem man auf andere Energieträger umsteigt, ist jedoch falsch. Diese haben auch ihre jeweiligen Gefahren, ganz abgesehen davon, daß sich Stromerzeugungsarten nur begrenzt durch andere ersetzen lassen.

Und schließlich übersieht drittens Greenpeace den Nutzen, den die Stromerzeugung aus Kohle bietet und den wirtschaftlichen Schaden, den der Umstieg kosten würde. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Lebenszeitverkürzung ein höherer Lebensstandard gegenüberzustellen sei - ein Vergleich, der etwas zwiespältige Gefühle hervorruft, obwohl er andererseits nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Schließlich haben Menschen immer schon Risiken auf sich genommen, um ein besseres Leben zu finden.

Sondern es gilt zudem, dass wachsender Wohlstand mit einer höheren Lebenserwartung einhergeht. Und dieser Lebenszeitgewinn müsste auf jeden Fall gegen die lebenszeitverkürzenden Effekte gerechnet werden.

Um zu zeigen, wie das aussehen kann, sei an dieser Stelle der Verlust an Lebensjahren abgeschätzt, der aufgrund der Energiewende zu erwarten ist.

Es besteht nämlich ein Zusammenhang zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen und der Lebenserwartung in einem Land, wie ihn diese Grafik in der Wikipedia veranschaulicht:

Hier wird nicht das nominelle Einkommen zugrundegelegt, sondern die sog. Kaufkraftparität, die dem Wohlstandsniveau entspricht.

Die Kosten der Energiewende vermindern zur Gänze den Wohlstand, weil durch sie ja kein neues Produkt entsteht, sondern lediglich ein bereits vorhandenes, nämlich der Strom, auf eine andere Weise hergestellt wird. Das Geld, das dafür aufgewendet werden muß, fehlt für andere Zwecke, so daß das Einkommen, oder genauer die Kaufkraft des Einkommens sinkt.

Nach einer vorsichtigen Schätzung der Bundesregierung wird die Energiewende bis Ende der 2030er-Jahre 1000 Milliarden Euro kosten. Experten nehmen z.T. weit höhere Kosten an, so rechnet etwa Fred F. Mueller mit einer Investitionssumme von 4650 Mrd. € (Siehe ScienceSkepticalBlog vom 25. März 2013).

Wenn wir aber bei den zurückhaltenderen Angaben der Bundesregierung bleiben, dann kostet die Energiewende in den kommenden 28 Jahren 1000 Mrd. €, d.h. etwa 36 Mrd. € pro Jahr. Damit verringert sich das Inlandsprodukt (2570 Mrd. €) um 1,4%, und entsprechend dürfte das Pro-Kopf-Einkommen zurückgehen.

In der obigen Grafik zur Lebenswartung steht eine mathematische Formel, die den Zusammenhang mit dem Einkommen beschreibt. Vermutlich hat der Autor Davius sie selbst aus den Zahlenwerten berechnet, da keine Quelle angeben wird.

Setzt man die entsprechenden Zahlen in die Formel ein, ergibt sich eine um 0,1 Jahre geringere Lebenserwartung aufgrund der Energiewende. Im Jahre 2011 sind in Deutschland etwa 850000 Menschen gestorben. Eine Verringerung der Lebenserwartung um 0,1 Jahre würde daher zu etwa 85000 zusätzlich verlorenen Lebensjahren führen.

Die Energiewende führt also zu einem dreimal größeren Lebenszeitverlust als die Kohleverstromung, vielleicht sogar zu einem 15 mal größeren, wenn man die Kostenschätzung Muellers zugrundelegt.


Eine Milchmädchenrechnung? Vielleicht. Wer es kann, soll es besser ausrechnen. Greenpeace lenkt die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Aspekt, nämlich die Gesundheitsgefahren durch den Kohlestrom. Weder werden andere Stromerzeugungsmethoden betrachtet, noch wird das Problem in den Kontext aller Gesundheitsgefahren eingeordnet. Der gesundheitliche Nutzen des industriell erzeugten Wohlstandes wird nicht berücksichtigt und ebensowenig die Schäden durch ausstiegsbedingte Wohlstandsverluste.

Da liegt das Problem der Ökologisten. Sie betrachten Einzelphänomene, die sie schematisch als gut oder schlecht bewerten. Das komplex-vernetzte Denken ist ihnen fremd.

Kallias

© Kallias. Die Zitate stammen aus Tod aus dem Schlot von Greenpeace. Die Grafik wurde vom Autor Davius unter Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication freigegeben. Dank an Calimero für den Hinweis auf das Kompendium des VGB über "Umweltmedizinische Aspekte der Stromerzeugung aus Kohle". Für Kommentare bitte hier klicken.