31. Juli 2020

周作人《历史》 / Zhuo Zuoren, "Geschichte" (1928)

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(Zhuo Zuoren)


周作人《历史》 

天下最残酷的学问是历史,他能揭去我们眼上的鳞,虽然也使我们希望千百年后的将来会有进步,但同时将千百年前的黑影投在现在上面,使人对于死鬼之力不住地感到威吓。我读了中国历史,对于中国民族和我自己失了九成以上的信仰与希望。“僵尸,僵尸!”我完全同感于阿尔文夫人的话。世上如没有还魂夺舍的事,我想投胎是真的,假如有人要演崇弘时代的戏,不必请戏子去扮,许多角色都可以从社会里去请来,叫他们自己演。我恐怕也是明末什么社会里的一个人,不过有这一点,自己知道有鬼附在身上,自己谨慎了,像癞病患者一样摇着铃铛叫人避开,比起那吃人不餍的老同类或者是较好一点了吧。

Zhuo Zuoren, "Geschichte"

Die grausamste Wissenschaft auf der Welt (1) ist die Geschichte. Sie läßt uns die Schuppen von den Augen fallen. Sie schenkt uns zwar die Hoffnung, daß es auch noch in hundert Jahren oder in tausend Jahren Fortschritt geben kann, aber sie macht uns auch deutlich, daß die vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende ihre Schatten auf unsere Gegenwart werfen, und wir erschrecken vor der dämonischen Macht, die sie besitzen.  Ich habe die chinesische Geschichte studiert, und ich habe neun Zehntel meiner Hoffnung und meines Glaubens an das chinesische Volk und an mich selbst eingebüßt. "Gespenster, Gespenster!" Ich kann Frau Alvings (2) Worten nur beipflichten. Vielleicht gibt es auf Erden keine Wiederauferstehung, aber ich glaube, eine Wiederverkörperung findet wirklich statt. Wenn man an einem Schauspiel aus der Vorzeit teilnehmen möchte, braucht man keine Schauspieler, die sich verkleiden; es reicht, Menschen aus unsere Gesellschaft zu nehmen und sie sich selbst spielen zu lassen. Ich fürchte, daß ich für meinen Teil einer jener Geheimgesellschaften am Ende der Ming-Zeit angehöre - freilich mit dem Unterschied, daß ich mir bewußt bin, daß ich ein Gespenst mit mir herumtrage. Ich bin vorsichtig, und läute eine Glocke wie ein Aussätziger, um andere auf Abstand zu halten. Ich hoffe, daß ich es damit etwas besser halte als diese Vorfahren, die nur eine unersättliche Gier nach menschlichem Fleisch antrieb (3).


28. Juli 2020

魯迅 《鴨的喜劇》 / Lu Xun, "Eine Entenkomödie" (1922)

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 (Lu Xun. Holzschnitt von Li Qun, 1936)



俄國的盲詩人愛羅先珂君帶了他那六弦琴到北京之後不久,便向我訴苦說:
「寂寞呀,寂寞呀,在沙漠上似的寂寞呀!」 這應該是真實的,但在我卻未曾感得;我住得久了,「入芝蘭之室,久而不聞其香」,只以為很是嚷嚷罷了。然而我之所謂嚷嚷,或者也就是他之所謂寂寞罷。
我可是覺得在北京彷彿沒有春和秋。老於北京的人說,地氣北轉了,這裡在先是沒有這麼和暖。只是我總以為沒有春和秋;冬末和夏初銜接起來,夏才去,冬又開始了。
一日就是這冬末夏初的時候,而且是夜間,我偶而得了閒暇,去訪問愛羅先珂君。他一向寓在仲密君的家裡;這時一家的人都睡了覺了,天下很安靜。他獨自靠在自己的臥榻上,很高的眉棱在金黃色的長髮之間微蹙了,是在想他舊遊之地的緬甸,緬甸的夏夜。
「這樣的夜間,」他說,「在緬甸是遍地是音樂。房裡,草間,樹上,都有昆蟲吟叫,各種聲音,成為合奏,很神奇。其間時時夾著蛇鳴:'嘶嘶!'可是也與蟲聲相和協……」他沉思了,似乎想要追想起那時的情景來。
我開不得口。這樣奇妙的音樂,我在北京確乎未曾聽到過,所以即使如何愛國,也辯護不得,因為他雖然目無所見,耳朵是沒有聾的。
「北京卻連蛙鳴也沒有……」他又嘆息說。
「蛙鳴是有的!」這嘆息,卻使我勇猛起來了,於是抗議說,「到夏天,大雨之後,你便能聽到許多蝦蟆叫,那是都在溝裡面的,因為北京到處都有溝。」
「哦……」
過了幾天,我的話居然證實了,因為愛羅先珂君已經買到了十幾個蝌蚪子。他買來便放在他窗外的院子中央的小池裡。那池的長有三尺,寬有二尺,是仲密所掘,以種荷花的荷池。從這荷池裡,雖然從來沒有見過養出半朵荷花來,然而養蝦蟆卻實在是一個極合式的處所。
蝌蚪成群結隊的在水裡面游泳;愛羅先珂君也常常踱來訪他們。有時候,孩子告訴他說,「愛羅先珂先生,他們生了腳了。」他便高興的微笑道,「哦!」
然而養成池沼的音樂家卻只是愛羅先珂君的一件事。他是向來主張自食其力的,常說女人可以畜牧,男人就應該種田。所以遇到很熟的友人,他便要 勸誘他就在院子裡種白菜;也屢次對仲密夫人勸告,勸伊養蜂,養雞,養豬,養牛,養駱駝。後來仲密家果然有了許多小雞,滿院飛跑,啄完了鋪地錦的嫩葉,大約 也許就是這勸告的結果了。
從此賣小雞的鄉下人也時常來,來一回便買幾隻,因為小雞是容易積食,發痧,很難得長壽的;而且有一匹還成了愛羅先珂君在北京所作唯一的小說 《小雞的悲劇》裡的主人公。有一天的上午,那鄉下人竟意外的帶了小鴨來了,咻咻的叫著;但是仲密夫人說不要。愛羅先珂君也跑出來,他們就放一個在他兩手 裡,而小鴨便在他兩手裡咻咻的叫。他以為這也很可愛,於是又不能不買了,一共買了四個,每個八十文。
小鴨也誠然是可愛,遍身松花黃,放在地上,便蹣跚的走,互相招呼,總是在一處。大家都說好,明天去買泥鰍來餵他們罷。愛羅先珂君說,「這錢也可以歸我出的。」
他於是教書去了;大家也走散。不一會,仲密夫人拿冷飯來餵他們時,在遠處已聽得潑水的聲音,跑到一看,原來那四個小鴨都在荷池裡洗澡了,而 且還翻觔鬥,吃東西呢。等到攔他們上了岸,全池已經是渾水,過了半天,澄清了,只見泥裡露出幾條細藕來;而且再也尋不出一個已經生了腳的蝌蚪了。
「伊和希珂先,沒有了,蝦蟆的兒子。」傍晚時候,孩子們一見他回來,最小的一個便趕緊說。
「唔,蝦蟆?」
仲密夫人也出來了,報告了小鴨吃完蝌蚪的故事。
「唉,唉!……」他說。
待到小鴨褪了黃毛,愛羅先珂君卻忽而渴唸著他的「俄羅斯母親」了,便匆匆的向赤塔去。
待到四處蛙鳴的時候,小鴨也已經長成,兩個白的,兩個花的,而且不復咻咻的叫,都是「鴨鴨」的叫了。荷花池也早已容不下他們盤桓了,幸而仲密的住家的地勢是很低的,夏雨一降,院子裡滿積了水,他們便欣欣然,游水,鑽水,拍翅子,「鴨鴨」的叫。
現在又從夏末交了冬初,而愛羅先珂君還是絕無消息,不知道究竟在那裡了。
只有四個鴨,卻還在沙漠上「鴨鴨」的叫。
一九二二年十月

25. Juli 2020

黃梵 《白口罩》 / Huang Fan, "Der weiße Mundschutz"

­黃梵 / 白口罩——2020年春天劄記


它像一隻素手,突然捂住我的臉
已兩個月,我仍不適應
它捂暖我嘆息的擁抱
也應該我說出的母語,被它好好過濾?


它是舌頭的牢門,關住了多少大言不慚
它讓愛情,也不要靠得太近
它說我們的嘴像傷口,需要它來緊緊包紮
它像白月亮那樣,讓我在夢中埋下一點奢望


它是今春開得最盛的白花
試圖與悲傷的顏色相稱
它也是病人肺裡的冬天
想在眾人的臉上長久結冰
讓我戴著它抱怨時,像含著滿口的愧疚


22. Juli 2020

周作人, 《苦雨》 / Zhuo Zuoren, "Bitterer Regen" (1924)

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伏园兄:
北京近日多雨,你在长安道上不知也遇到否,想必能增你旅行的许多佳趣。雨中旅行不一定是很愉快的,我以前在杭沪车上时常遇雨,每感困难,所以我于火车的雨不能感到什么兴味,但卧在乌篷船里,静听打篷的雨声,加上欸乃的橹声以及“靠塘来,靠下去”的呼声,却是一种梦似的诗境。
倘若更大胆一点,仰卧在脚划小船内,冒雨夜行,更显出水乡住民的风趣,虽然较为危险,一不小心,拙劣地转一个身,便要使船底朝大。二十多年前往东浦吊先父的保姆之丧,归途遇暴风雨,一叶扁舟在白鹅似的波浪中间滚过大树港,危险极也愉快极了。我大约还有好些“为鱼”时候--至少也是断发文身时候的脾气,对于水颇感到亲近,不过北京的泥塘似的许多“海”实在不很满意,这样的水没有也并不怎么可惜。你往“陕半天”去似乎要走好两天的准沙漠路,在那时候倘若遇见风雨,大约是很舒服的,遥想你胡坐骡车中,在大漠之上,大雨之下,喝着四打之内的汽水,悠然进行,可以算是“不亦快哉”之一。但这只是我的空想,如诗人的理想一样的靠不住,或者你在骡车中遇雨,很感困难,正在叫苦连天也未可知,这须等你回京后问你再说了。

20. Juli 2020

Streiflicht: Haste ma ne Mark?

Die Älteren werden sich an den Satz noch erinnern: "Haste ma ne Mark?" Da der Euro immer noch gefühlsweise viel wert ist (obschon deutlich weniger als "die Mark") hört man heute eher die Version: "Haste ma n bischen Kleingeld?". Inhalt der selbe, es ist das klassische Anbetteln. Nahezu jeder der nicht gerade auf dem Dorf wohnt hört diesen Satz in dieser oder ähnlicher Form mehrmals im Jahr, diejenigen, die in Bahnhofsnähe leben und arbeiten vermutlich mehrmals die Woche. Alter Hut. 

Neu wäre dagegen der Satz: Gib ma Kleingeld, sonst rede ich nicht mehr mit Dir. Zumindest dieser Autor kann sagen, dass nie gehört zu haben, ja auch nie gehört zu haben, dass jemand anders diesen Satz in diesem Kontext je gehört hätte. Es ist zur Vermutung zu neigen, dass das wohl auch nicht allzu erfolgreich ausgehen würde. 

16. Juli 2020

Die Afd mal wieder. Heute in Thüringen.

Vor gar nicht langer Zeit erklärte mir ein Kollege, dass in Zettels Raum zu viele (oder nur noch) AfD Beiträge stehen würden. Nun, diese Beurteilung verdient heute einmal wieder der Bestätigung.

Am 30.7.2019 verabschiedete der Thüringer Landtag ein Gesetz zur paritätischen Besetzung von Wahllisten für die Landtagswahl. Ein verfassungsrechtlich massiv fragliches Gesetz, aber das Demokratieprinzip wird ja nach Meinung der vier Linksparteien ohnehin weit überschätzt. Verabschiedet wurde es von einer Mehrheit aus SPD, SED und den Grünen und sollte dann auch -wenn schon denn schon- bei der nächsten Wahl gelten. 

15. Juli 2020

Hat jermand meinen Elefanten gesehen?

Ein großer, weißer Elefant steht mitten im Raum. Er steht da, den Blick vorwurfsvoll dem Beobachter zugewandt, die Stoßzähne erhoben und den Rüssel bereit zum trompeten. Doch der Beobachter weigert sich den Elefanten zu sehen und faselt nicht nur etwas davon, dass ein paar Ameisen den Boden beschädigt haben, er fährt auch jedem über den Mund, der es wagt den Elefanten zu erwähnen. Es ist kein Elefant in diesem Zimmer, schon gar kein weißer Elefant und überhaupt gibt es keine weißen Elefanten, und wenn es sie gäbe, dann wären sie nicht im Zimmer und wenn jemand einen Elefanten sehen würde, dann einzig und alleine deshalb, weil er was gegen Tiere an sich habe und jedes Tier für einen Elefanten hielte, so auch die Ameisen, die den Raum beschädigt haben. Was aber gar nicht passiert ist.

14. Juli 2020

Lord Dunsany, "Das Haus der Sphinx" (1911)

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(Sidney H. Sime, "The House of the Sphinx")


Als ich das Haus der Sphinx erreichte, war es schon dunkel geworden. Man hieß mich dort freudig willkommen. Und trotz der Tat war ich froh über jeden Ort, der mir in diesem bedrohlichen Wald eine Zuflucht bot. Ich sah sofort, daß hier eine Tat geschehen war, obwohl man einen Mantel darüber gebreitet hatte, um sie zu verbergen. Allein die falsche Fröhlichkeit der Begrüßung ließ mir diesen Mantel verdächtig erschienen.

Die Sphinx war verdrossen und schweigsam. Ich war nicht hergekommen, um die Geheimnisse der Ewigkeit zu erfahren oder etwas über ihre kleinen Geheimnisse, und so hatte ich nicht viel zu sagen und kaum Fragen an sie, aber sie schwieg zu allem, das ich vorbrachte. Es war deutlich, daß sie mich im Verdacht hatte, die Geheimnisse ihrer Götter ausspähen zu wollen, oder ihren Umgang mit der Zeit; vielleicht sann sie aber auch über die Tat nach.

Mir wurde alsbald klar, daß außer mir noch jemand erwartet wurde. Ich erkannte es daran, wie die unsteten Blicke von der Tür zu der Tat und wieder zurück zur Tür wanderten. Und es war deutlich, daß der Willkommensgruß eine verriegelte Tür sein würde. Aber was für Riegel waren das, was für eine Tür! Rost und Moder und Schimmel hatten viel zu lang daran genagt; nicht einmal für einen entschlossenen Wolf stellte sie ein Hindernis dar. Und was immer es war, das hier erwartet wurde, schien ärger zu sein als nur ein Wolf.

13. Juli 2020

Tönnies und der Rechtsstaat: Ein Jammerspiel

Clemens Tönnies hat es wirklich geschafft: In nicht einmal drei Monaten vom hofierten Großunternehmer und Sportfunktionär zum absoluten Paria der Republik. Respekt. Das hat nichtmal Uli Hoeness so schnell geschafft und der ist immerhin Chef vom FC Bayern gewesen, wo die halbe Republik sich freut, wenn man dort auf die Nase fällt. 

12. Juli 2020

"...daz ist der stern Kometa..."

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...Vnd wie der stern Kometa
Den lovf und sine meta
Tovgen in dem firmament
Gut untz uf den innsten sent
Der stern ist lúzil liut erkant
Und ist vmb in also gewant
Daz er sich selten schowen lat
Vnd swenner verborgen stat
So gat ein rovch und ein kunst
Uon im als von dez tievils tunst
Von swenne man den sternen siht
Der tiutit gerne so man giht
Urlug oder manslaht
Daz man tribet tac und naht
Er tiutet och gemeinen tot
An liuten an vihe dez todis not
Er tiut och gerne tiure jar
Ich han den selben sternen fúr war
Mit minen ogen wol gesehin
Dez war ich mit warheit vil veriehin
Si warn an dem gestirne
So kvnste rich so virne

Hugo von Langenstein, Martina (1293 abgeschlossen), 14,110 - 15,20

Es kommt nur sehr selten vor (eigentlich nie), daß ich eine Weichenstellung, eine vor langer Zeit getroffene Entscheidung bedauere, gerade wenn es um recht triviale Aspekte geht. So etwa der Entschluß, nie im Leben zu fliegen, keinen Führerschein zu besitzen und niemals einen Fuß auf Berliner Gebiet zu setzen. Heute morgen, kurz vor Beginn der Dämmerung, ergab sich eine solche Gelegenheit. Ich habe vor über dreißig Jahren darauf verzichtet, zu fotografieren, weil mir das angelegentliche Fixieren aus Ausflugzielen oder seltenen geselligen Anlässen als zu trivial erschien und der Aufwand, sich hier mit einer halbwegs professionellen Ausrüstung, Teleobjektiven, Stativen und Blitzgeräten angesichts der wenigen Male, in denen ich mich damit beschäftigt habe, finanziell und vom Zeitaufwand her gesehen als völlig unangemessen wirkte. Das Ergebnis solcher Enthaltsamkeit ist, daß das einzige bildgebende Medium, das mir zur Verfügung steht, die im Smartphone eingebaute Weitwinkelkamera ist - die aber für Fernaufnahmen und das Heranzoomen astronomischer Objekte weder gedacht noch geeignet ist.

...irgendwas mit Pferden...

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Es widerspricht der Tradition dieses Netztagebuchs, Fundstücke unkommentiert zu präsentieren. Aber es gibt auch Funde, bei denen jedes Wort der Erläuterung eines zuviel wäre. Außer vielleicht dieses hier: Ja, das ist echt

P.S. Das SPD kann man dies nachsehen, da man dort auch Herrn Stegner, Frau Esken und Herrn Maas für Politiker hält.

P.P.S. Es ist, rein theoretisch, auch denkbar, daß Frau E. hier versucht hat, einen Scherz zu reißen, auch wenn sich Anlaß und Kontext nicht ausmachen lassen. Nur ist die Schalheit in diesem Fall so klafterstark, daß es die Sache keinen Deut besser macht.

U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.

11. Juli 2020

周作人 《入厕读书》 / Zhuo Zuoren, "Lesen auf dem Klo" (1935). Mit einem Seitenstück zu Jun'ichirō Tanizaki

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 (周作人 / Zhou Zuoren)



郝懿行著《晒书堂笔录》卷四有《入厕读书》一条云:

旧传有妇人笃奉佛经,虽入厕时亦讽诵不辍,后得善果而竟卒于厕,传以为戒。 虽出释氏教人之言,未必可信,然亦足见污秽之区,非讽诵所宜也。 《归田录》载钱思公言平生好读书,坐则读经史, 卧则读小说,上厕则阅小词,谢希深亦言宋公垂每走厕必挟书以往,讽诵之声琅然闻于远近。 余读而笑之,入厕脱裤,手又携卷,非惟太亵,亦苦甚忙,人即笃学,何至乃尔耶。 至欧公谓希深言平 生所作文章多在三上,乃马上枕上厕上也,盖惟此尤可以属思尔,此语却妙,妙在亲切不浮也。

定,但总未必很短,而且这与吃饭不同,无论时间怎么短总觉得这是白费的,想方法要来利用他一下郝君的文章写得很有意思,但是我稍有异议,因为我是颇赞成厕上看书的。 小时候听祖父说,北京的跟班有一句口诀云,老爷吃饭快,小的拉矢快,跟班的话里含有一种讨便宜的意思,恐怕也是事 实。 一个人上厕的时间本来难以一。 如吾乡老百姓上茅坑时多顺便喝一筒旱烟,或者有人在河 沿石磴下淘米洗衣,或有人挑担走过,又可以高声谈话,说这米几个铜钱一升或是到什么地方去。 读书,这无非是喝旱烟的意思罢了。

9. Juli 2020

Lord Dunsany, "Das wundervolle Fenster" (1911)

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Der alte Mann in seiner orientalisch anmutenden Gewandung fiel Mr. Sladden, der seinen Lebensunterhalt im Kaufhaus von Messr. Mergin und Chater verdiente, deshalb auf, weil ihn ein Polizist weiterscheuchte, und wegen des Pakets, das er unter dem Arm trug.

Mr. Sladden hing der Ruf an, der geistesabwesendste Berufsanfänger in seinem Metier in ganz London zu sein; der kleinste Anlaß, der geringste Anklang an Romantik, an Fernweh und Abenteuer, brachte ihn zu träumen, und er blickte dann vor sich hin, als ob sich die Wände des Kaufhauses in Nebel auflösten und London ein Märchenland wäre, anstatt sich um die Wünsche der Kunden zu kümmern.

Schon die Tatsache, daß das Packet, der der alte Mann unter dem Arm trug, in schmutziges Packpapier gewickelt war, das mit arabischer Schrift bedeckt war, war für Mr. Sladden wie ein Versprechen von ungeahnten Abenteuern, und er folgte ihm, bis sich die kleine Menge, die der Zwischenfall angelockt hatte, zerstreut hatte und der alte Mann an einer Straßenecke anhielt, sein Paket auspackte und sich offenkundig anheischig machte, den Inhalt feilzubieten. Es handelte sich um ein kleines Fenster mit bleigefaßten Scheiben; es war nur gut einen Fuß breit und weniger als zwei Fuß hoch. Mr. Sladden hatte noch nie erlebt, daß jemand ein Fenster mitten auf der Straße zum Verkauf anbot, und fragte nach dem Preis.

"Der Preis ist: alles, was Sie besitzen," sagte der alte Mann.

"Wo haben Sie es bekommen?" fragte Mr. Sladden, denn es handelte sich um ein seltsames Fenster.

"Ich habe dafür alles, was ich besaß, auf den Straßen von Bagdad hergegeben."

"Und haben Sie vorher viel besessen?" fragte Mr. Sladden.

"Ich besaß alles, was ich mir wünschen konnte," war die Antwort, "außer diesem Fenster."

"Es muß ein besonderes Fenster sein," sagte der junge Mann.

"Es ist ein magisches Fenster," sagte der Alte.

8. Juli 2020

Die Welt am Scheideweg durch Donald Trump

Ob sich Europa, insbesondere Deutschland, von Merkel und ihrer fundamental grünen Politik wird erhohlen können erscheint derzeit, insbesondere im Schatten von Corona, unwahrscheinlich. Zumindest kurz- oder mittelfristig. Der Schaden ist angerichtet und derart massiv das selbst bei einer Kurskorrektur nicht davon auszugehen ist, dass Europa in naher Zukunft noch eine große weltpolitische Bedeutung zufällt (zumal der deutsche Wähler bis dato immer noch nicht so richtig realisiert, wer ihm die Entwicklung der letzten Jahre so aufgedrückt hat). Vielleicht ist das, auch wenn es für die Europäer eher bitter ist, am Ende für die Welt nicht das schlechteste, in der Vergangenheit waren die Ansätze aus Europa (und auch da gerade wieder aus Deutschland) ihre Werte in die Welt zu exportieren von teilweise recht verheerenden Folgen.

6. Juli 2020

Corona und kein Ende

Das Christentum ist 2000 Jahre alt, die CDU 75. Diese Partei brauche jetzt eine weltliche Daseinsbegründung, meint Thomas Schmid. Selbst die Kirchen zeigten in der gegenwärtigen Krise ja, dass sie nichts zu sagen wissen.

4. Juli 2020

Tönnies zum zweiten. Oder: litterae in ovo

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Mitunter frage ich mich: soll ich es eigentlich bedauern, daß aus mir kein Romanautor geworden ist? Das ist nun nicht so sehr eine Frage des Wollens, sondern der Einsicht in die eigenen, sehr bescheidenen Fähigkeiten auf dem Gebiet des Kreativität und des literarischen Vermögens. Denn ich erzähle ja niemals Geschichten, schon gar keine erfundenen; für das Ersinnen einer Fabel geht mir jegliche Begabung ab; das Schildern von Persönlichkeiten, von einer Entwicklung, der stimmigen Ausmalung der couleur locale, des Wechselgeflechts der Beziehung, die Ambivalenzen: Fehlanzeige auf der ganzen Linie. (Vom "Stilgefühl" will ich gar nicht erst beginnen.) Was bliebe also übrig als Metier, wenn schon die triste gegebene Realität nicht um das Ausschlagebende, den narrativen Kosmos, erweitert werden kann? Eines der wenigen Genres, das sich anböte, wäre der Schlüsselroman, der Roman à clef, das tatsächlich gegebene - oder vermutete - Skandale der unmittelbaren Gegenwart in literarischer Verlarvung präsentiert, hinter neuen Namen, neuen Örtlichkeiten - aber den Zeitgenossen sofort entschlüsselbar. Nicht in sublimierter Form, die eine chronique scandaleuse zum Anlaß nimmt, um ein umfassendes Portrait der Moral, der Widersprüche und Spannungen einer Gesellschaft zu zeichnen, wie es etwa Theodor Fontane mit dem "Fall Ardenne" für Effi Briest tat, oder mit dem heute vollkommenen "Fall Ravené" für seinen kleinen Roman L'adultera ein Dutzend Jahre vorher. Das entfällt aus den oben genannten Gründen. Nein: Als grelle Kolportage, deren einziger Zweck wäre, dem Leser Insinuationen nahezulegen, den allgemeinen Zustand eine Gesellschaft - oder einer Unterabteilung, etwa der unternehmerischen Klasse und der classe politique  - als korrupt, verblendet, bar jeder Verantwortung und von strahlender Unfähigkeit zu schildern. Natürlich ist dergleichen ungerecht, immer und zu jeder Zeit. Aber der grobe Holzschnitt ist die Natur dieser Art von Kolportage.

2. Juli 2020

Der letzte Grandseigneur des deutschen Journalismus: Zum Tod von Dieter E. Zimmer

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Am 19. Juni, also bereits vor zwei Wochen, ist Dieter E. Zimmer in Berlin im Alter von 85 Jahren gestorben. Die Nachricht von seinem Tod ging aber erst vor zwei Tagen "durch die Medien" - insofern mag man mir diesen verspätete Eintrag nachsehen, nicht zuletzt, weil mir diese Nachricht Anlaß war, in seinen Büchern, von denen sich ein gutes Dutzend auf den unterschiedlichsten Regalen meiner Bibliothek verteilt finden, wieder einmal zur Hand zu nehmen.

1. Juli 2020

Wenn die Polizei nicht mehr kommt. Ein schöner Gruß nach Berlin.

In der gemeinen deutschen Presse eher unter ferner liefen, aber in den USA vergleichsweise viel diskutiert ist die "Capitol Hill Autonomous Zone" (kurz "Chaz"), ein Gebiet von einigen Straßenblöcken im Herzen von Seattle, dass sich vor knapp drei Wochen für "unabhängig" erklärt hat. Na ja, was man heute so nennt: Genaugenommen hat eine Gruppe von BLM (Black Lives Matter) Aktivisten, unterstützt von der lokalen (oder zugereisten) Antifa derart randaliert, dass die Seattler Polizei ein Revier aufgeben musste (um zu "deeskalieren"), was dann prompt besetzt wurde. Inzwischen kontrollieren die "Aktivisten" (allmählich gehen mit die Anführungszeichen aus) das Gebiet mit Waffen, die Polizei fährt nicht hinein und es gibt Checkpoints, an denen sichergestellt wird, dass auch kein Polizist etwa das böse "rassitische" Recht durchsetzen kann.

30. Juni 2020

Jonathan Swift, "On Stella's Birthday" / "Auf Stellas Geburtstag" (1719)

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(Esther Johnson, "Stella," 1681-1728; unbekannter Künstler)


"On Stella's Birth-Day"

Written 1718/19

Stella this Day is thirty four,
(We won't dispute a Year or more)
However Stella, be not troubled,
Although thy Size and Years are doubled,
Since first I saw Thee at Sixteen
The brightest Virgin of the Green,
So little is thy Form declin'd
Made up so largely in thy Mind.
Oh, would it please the Gods to split
Thy Beauty, Size, and Years, and Wit,
No Age could furnish out a Pair
Of Nymphs so gracefull, Wise and fair
With half the Lustre of Your Eyes,
With half thy Wit, thy Years and Size:
And then before it grew too late,
How should I beg of gentle Fate,
(That either Nymph might have her Swain,)
To split my Worship too in twain.


29. Juni 2020

周作人 《鬼的生长》 / Zhou Zuoren, "Vom Altern der Gespenster" (1934)

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(周作人 / Zhou Zuoren)


发挥一点考据癣,从古今人的纪录里去找寻材料,或者能够间接的窥见百一亦未可知。 但是千百年来已非一日,载籍浩如烟海,门外摸索,不得象尾,而且鬼界的问题似乎也多得很,尽够研究院里先生们一生的检讨,我这里只提出一个题目,即上面所说的鬼之生长,姑且大题小做,略陈管见,仁候明教。关于鬼的事情我平常很想知道。 知道了有什么好处呢? 那也未必有, 大约实在也只是好奇罢了。 古人云,唯圣人能知鬼神之情状,那么这件事可见不是容易办到的,自悔少不弄道学,此路已是不通,只好人死后为鬼,鬼在阴间或其他地方究竟是否一年年的照常生长,这是一个问题。 其解决法有二。 一是根据我们这种老顽固的无鬼论,那末免文不对题,而且也太杀风景,

其次是普通的有鬼论,有鬼才有生长与否这问题发生,所以归根结底解决还只有这唯一一法。 然而有鬼虽为一般信士的定论,而其生长与否却占人人殊,莫衷一是。 清纪昀《如是我闻》卷四云:
“任于田言,其乡有人夜行,月下见墓道松柏问有两人并坐,一男子年约十六七,
韶秀可爱,一妇人白发垂项,佝偻携杖,似七八十以上人,倚肩笑语,意若甚相悦,窍讶何物淫妪,乃与少年儿狎昵,行稍近,冉冉而灭。 次日询是谁家冢,始知某早年夭折,
其妇孀守五十馀年,殁而合窆于是也。 ”照这样说,鬼是不会生长的,他的容貌年纪便以死的时候为准。不过仔细想起来,其间有许多不方便的事情,如少夫老妻即是其一,
此外则子老父幼,依照礼法温清定省所不可废,为儿子者实有竭暇难当之势,甚可悯也。

27. Juni 2020

Lord Dunsany, "Armer alter Bill" (1910)

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In der alten Taverne am Hafen, in der Matrosen Gesellschaft finden, wurde es langsam dunkel. Ich hatte die Kneipe seit einigen Tagen aufgesucht, in der Hoffnung, von den Seeleuten, die da über ihren Wienen aus fernen Ländern saßen, Näheres über ein Gerücht zu erfahren, das ich aufgeschnappt hatte und das besagte, daß irgendwo in den Weiten der Südsee noch eine alte, aufgegebene Flotte spanischer Schatzgaleonen gesichtet worden sein sollte.

Auch an jenem Abend erfuhr ich darüber nichts Neues. Die Stimmung war gedämpft, die Matrosen redeten nicht viel, und ich wollte gerade gehen, als ein Seemann, der Ohrringe aus purem Gold trug, den Kopf hob, seinen Blick auf die Wand vor sich richtete und anfing, mit lauter Stimme seine Geschichte zu erzählen:

(Während er sprach, brach draußen ein Platzregen los und schlug prasselnd gegen die Butzenscheiben. Seine Stimme übertönte den Lärm mühelos. Je dunkler es wurde, desto klarer funkelten seine Augen.)

"Wir waren auf einem Schiff, das noch auf die alte Art getakelt war, und wir liefen seltsame Inseln an. Keiner von uns hatte je zuvor solche Inseln gesehen.

"Jeder von uns haßte den Kapitän, und er seinerseits haßte jeden von uns. Man muß es ihm lassen: da war er gerecht. Er verabscheute uns alle in gleichem Maß. Und er redete kein einziges Wort mit uns, außer wenn es abends dunkel wurde - dann ging er manchmal an Deck auf und ab und sprach zu denen, die er tagsüber an der Rah hatte hängen lassen.

26. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Plünderung von Bombasharna" (1910)

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(Sidney H. Sime: "I Wish I Knew More About the Way of Queens")

Für Shard, den Piratenkapitän, war die Lage allmählich zu brenzlich geworden, auf allen Weltmeeren, die er befahren hatte. Die Häfen Spaniens blieben ihm verschlossen; in San Domingo war er kein Unbekannter mehr; in Syrakus nickten sich die Leute wissend zu, wenn sie seiner ansichtig wurden; die Könige beider Sizilien versagten sich das Lächeln, wenn ihre Rede auf ihn kam, und in allen Hauptstädten war ein hoher Preis auf seinen Kopf ausgesetzt worden mit seinem Konterfei auf den Steckbriefen - und keines dieser Porträts war schmeichelhaft. Und so war Käpt'n Shard zu dem Entschluß gekommen, daß es an der Zeit war, seinen Männern sein Geheimnis zu verraten.

Er rief sie zusammen, als sie eines Nachts vor Teneriffa auf Reede lagen. Er gab freimütig zu, daß es so einige Dinge gab, die der Erklärung bedurften: die Kronen, die die Prinzen von Aragon an ihre Neffen, die Könige beider Amerikas, gesandt hatten, hatten, hatten dero durchlauchtige Majstäten nie erreicht. Was war mit Kapitän Stobbuds Augen geschehen? Wer hatte die Küstenstädte Patagoniens gebrandschatzt? Warum hatte ein Schiff wie das ihre Perlen als Fracht geladen? Warum war das Deck so häufig rutschig vor Blut, und wofür brauchte man so viele Kanonen? Wo waren die Nancy, die Lärche und die Margaret Bell geblieben? Solche Fragen, gab er zu, könnten dem einen oder anderen Neugierigen durchaus in den Sinn kommen, und falls solche Leute mit den Gebräuchen des See unvertraut wären, könnten sich daraus knifflige rechtliche Fragen ergeben. Und Bloody Bill (wie Mr. Gagg von einigen Unverfrorenen  genannt wurde) blickte zum Himmel empor und bemerkte, daß es eine stürmische Nacht war und das Wetter ganz dazu geeignet war, ein paar solcher Kandidaten an der nächsten Rah zu hängen. Und einige der Anwesenden rieben sich nachdenklich den Nacken, während Käpt'n Shard ihnen seinen Plan darlegte. Er erklärte, daß die Zeit gekommen wäre, um die Verzweifelte Lärche aufzugeben; sie war den Kriegsmarinen von vier Königreichen allzugut bekannt, und eine fünfte war gerade dabei, sie auf ihre Liste zu setzen, und es würde nicht dabei bleiben. (In Wahrheit gab es noch mehr Kapitäne, die nach ihrer hübschen schwarzen Flagge mit dem schmucken Totenschädel und den gekreuzten gelben Knochen Ausschau hielten.) Er kannte einen kleinen Archipel, auf der anderen Seite des Sargassomeers; es mochten an die dreißig Inseln sein, die üblichen, unbewohnten Eilande; aber eine davon war eine schwimmende Insel. Er war vor vielen Jahren dort vorbeigekommen und war an Land gegangen, aber er hatte nie einer Seele davon erzählt, aber er hatte die Insel mit seiner Ankerkette am Meeresboden verankert und die Sache als sein größtes Geheimnis für sich behalten. Er hatte beschlossen, sich dort zur Ruhe zu setzen, wenn es ihm nicht mehr möglich war, sein Leben auf ehrliche Seeräuberweise zu fristen, nachdem er sich ein Weib genommen hatte. Als er auf die Insel stieß, trieb sie langsam vor dem Wind, der durch die Baumkronen blies; aber wenn die Ankerkette nicht durchgerostet war, sollte sich noch dort liegen, und sie würden sich ein Steuerruder zimmern und Kabinen im Inselboden ausheben und des Nachts Segel zwischen den Bäumen hissen und Kurs setzen, wohin immer es ihnen beliebte.

24. Juni 2020

Lord Dunsany, "Das Geheimnis der See" (1914)

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(Sidney H. Sime, "The Secret of the Sea")

In der alten, finsteren Hafenkneipe, die ich gut kenne, erzählt man sich viele Geschichten über die See; aber die Geschichte, auf die ich über ein Jahr lang vergeblich gewartet hatte, erfuhr ich erst durch die kräftige Mithilfe des Weins namens Gorgunder, den ich mit so vieler Mühe den Zwergen abgehandelt hatte.

Ich kannte meinen Pappenheimer und hatte viele seiner Geschichten gehört, während mir die Ohren von seinen wilden Flüchen klingelten. Ich hatte ihm Rum und Whisky und noch so allerhand andere potente Getränke spendiert, aber er hatte nie die Geschichte erzählt, auf die ich wartete, und als ich mir keine anderes Mittel mehr wußte, reist ich in die Huthneth-Berge und verhandelte eine ganze Nacht hindurch mit dem Anführer der  Zwerge.

Als ich in den alten Kaschemme eintraf und in den niedrigen Schankraum trat, war mein Mann noch nicht vor Ort. Die Matrosen lachten, als sie die alte eiserne Flasche sahen, die ich dabeihatte, aber ich kümmerte mich nicht um sie und setzte mich; wenn ich die Flasche geöffnet hätte, wären sie in Tränen ausgebrochen und hätten lauthals gesungen. Ich hatte Geduld und konnte warten, denn ich wußte, daß mein Mann die Geschichte kannte, auf die ich hoffte, und die schon oft die Skepsis der Zweifler befeuert hat.

23. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Pfeilspitze aus Opal" (1920)

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"Einmal, auf dem Bernsteinfluß..." begann Locquialton.

Wir alle hielten fast den Atem an und hörten ihm zu in unserer Runde um den alten Wirtshaustisch, an dem Locquialton saß. Außer ihm waren wir zu fünft. Ein alter, schwerer Tisch, ein niedriger Schankraum, hinter Locquialton ein großer, alter Kamin, in dem man ganze Baumstämme hätte verbrennen können. Die Scheite waren heruntergebrannt, das Feuer loderte nur noch schwach, draußen war es dunkel. Der Raum war nur noch ein paar Kerzen erhellt. Blauer Zigarrenrauch waberte durch den Raum. Ich sehe die Szene noch lebhaft vor mir: der hellblaue Zigarrenqualm, das tiefe Blau der Nacht hinter den Fenstern, das Kastanienbaun des Tisches und Locquialton, wie er sich vorbeugt. Ich höre noch seine Stimme, wie sie "einmal, auf dem Bernsteinfluß..." sagt. Uns war bekannt, was er für ein Weltreisender gewesen war. Oder genauer gesagt: es war uns eben nicht bekannt; niemand wußte, wo er sich herumgetrieben hatte. Wir erinnerten uns nur daran, daß er jahrelang fortgewesen war, ohne jede Nachricht, und dann plötzlich wieder auftauchte. Daß er nichts von seinen Reisen berichtet hatte. Und so entstanden Gerüchte, über unbekannte Flüsse und ferne Länder, die er erkundet hate. Er selbst sprach nicht davon; keiner von uns wußte, wohin er gereist war und zu welchem Zweck. Und eines Tages, während wir zusammensaßen und rauchten, fing er an: "einmal, auf dem Bernsteinfluß..." Wir hörten gespannt zu, und er erzählte uns eine seiner Geschichten. Noch nie zuvor hatte er von sich selbst erzählt. Bald danach änderten sich die Dinge zwischen uns; so weit wir das sagen können, ist dies die einzige Geschichte, die er erzählt hat. Ich kann nicht sagen, ob sie wahr ist; niemand kann das. Ich kannte Locquialton so gut wie wir alle, und kann mit Bestimmtheit sagen, daß er keinen Funken Phantasie besaß. "Einmal, auf dem Bernsteinfluß...": das waren genau die Worte, an die ich mich erinnere - und an den Rest seiner Geschichte erinnere ich mich nach all dieser Zeit eher wie eine Folge von Bildern, die sich in unserer Phantasie abspielten, die vor uns vorbeizogen wie die Schwaden des blauen Zigarrenrauchs vor dem Kaminfeuer. Und diese Geschichte gibt keine Aufklärung über ihn; sie ist so seltsam, wie er es selbst war. Ich halte sie für die seltsamste Geschichte, die ich je gehört habe - aber das mögen meine Leser beurteilen, falls ich nichts vergesse.

21. Juni 2020

Gütersloh: Tönnies. Beijing: Xinfadi-Markt

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Es gibt noch Meldungen, auch jetzt, im fünften Monat der Corona-Krise (oder dem vierten, je nachdem, wann man das pandemische Geschehen für den eigenen Standort als relevant einschätzt), die einem Betrachter der Zeitläufe den Kiefer gepflegt nach unten klappen lassen. Oder ungepflegt, je nach dem Ausmaß der Abgebrühtheit und des Zynismus, der sich mittlerweile eingestellt hat. Hier geht es um den akuten Ausbruch von SARS-CoV-2-Infektionen am Firmenhauptsitz der Tönnies-Holding im Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh, von dem sich die ersten Nachrichten vor drei Tagen, am 18. Juni, zuerst verbreiteten und deren Befund mit Stand von heute nachmittag ist, daß von rund 7000 Mitarbeitern dort bislang 1331 positiv auf das Coronavirus getestet worden sind (mit dem Stand von heute nachmitag liegen die Ergebnisse von 5899 der insgesamt 6139 durchgeführten Tests vor).