Zettels Raum Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt

Thursday, May 15, 2008

Marginalie: Zar Putin und sein Hadschi Halef Omar

Als ich im russischen Nachrichtensender Russia Today die Szene sah, wußte ich, daß da etwas nicht stimmte. Aber es dauerte einen Augenblick, bis ich merkte, was da nicht stimmte.

An einem Schreibtisch saßen sich Präsident Medwedew und sein Premierminister Putin gegenüber. Putin war zum Präsidenten gekommen, um ihm seinen Vorschlag für die Kabinettsliste zu überreichen.

Aber es sah - das wurde mir nach einigen Augenblicken klar - nicht so aus, als suche Putin Medwedew auf, sondern als suche Medwedew Putin auf. Putin saß entspannt da, sozusagen breitbeinig, wenn man denn breitbeinig sitzen kann. Medwedew saß da, wie halt ein Besucher dasitzt: Fast auf der Stuhlkante, angespannt.

Als ich mich später an die Szene zu erinnern versucht habe, kam es mir so vor, als hätte Putin auch auf der Seite des Schreibtischs gesessen, auf der dessen Besitzer seinen Platz hat - wo also die Schreibmappe liegt, das Telefon steht usw. Und als hätte er im höheren, größeren Chefsessel gethront als sein Besucher Medwedew.

Der doch der Chef ist, und Putin war in dieser Szene sein Besucher.



Nicht so ganz. Über den Blog von Vincent Jauvert beim Nouvel Observateur (ich habe diesen ausgezeichneten Journalisten kürzlich hier zitiert) bin ich nämlich auf eine Bericht von Reuters über diese Szene aufmerksam geworden.

Illustriert mit einem Bild der Situation. Der Schnappschuß trifft leider nicht so ganz das, was ich eben beschrieben habe, was die Körpersprache der beiden angeht. Auch täuschte mich die Erinnerung, daß auf Putins Seite das Schreibtisch- Gerät gewesen war und daß er in einem Chefsessel gesessen hatte. Das war eine typische Erinnerungstäuschung gewesen.

Warum typisch? Weil sie das sozusagen visualisierte, was in der Tat der Fall gewesen war.

Putin hatte auf der Seite des Tischs Platz genommen, auf der er bei solchen Ereignissen als Präsident immer gesessen hatte. Und Medwedew saß dort, wo er als Mitarbeiter Putins immer gesessen hatte.

Freilich hatte es zuvor einen kleinen Dialog gegeben. Putin hatte Medwedew den Platz des Präsidenten angeboten: "Das ist jetzt Ihr Platz". Worauf dieser antwortete: "Was macht das schon für einen Unterschied?". Und sich auf seinen alten Platz, den des Mitarbeiters, des Besuchers setzte.



Es wird viel darüber gerätselt, wie wohl das "Gespann", das "Tandem" Medwedew- Putin zusammenarbeiten wird. Mir scheint, die kleine Szene macht es deutlich: Wie Kara ben Nemsi und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.



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Wednesday, May 14, 2008

Marginalie: Kann Hillary Clinton aus ihrem Triumph in West Virginia noch Kapital schlagen?

"Clinton crushes Obama across the board", also ungefähr "Clinton fegt Obama hinweg" titelt CNN im Augenblick.

In der Tat: Clinton hat West Virginia nicht einfach nur gewonnen, sondern sie hat es mit 67 zu 26 Prozent überwältigend gewonnen. Und das, obwohl sie schon als erledigt abgetan worden war. Die Wähler in West Virginia sahen das anders; vielleicht drückt sich in ihrem Votum ja auch so etwas wie eine Trotzreaktion gegen die Großkopfeten in Washington und in den Leitmedien aus, die über Hillary Clinton bereits den Stab gebrochen hatten.

Kann sie dieser Sieg noch retten? Ihr Strategie sieht, folgt man der amerikanischen Presse, so aus:
  • Erstens will sie erreichen, daß die Ergebnisse der Primaries in Michigan und Florida nachträglich doch noch anerkannt werden. Die Parteiführung der Demokraten hatte ihnen (schon im voraus) die Anerkennung verweigert, weil die örtlichen Parteiorganisationen sich nicht an den von der Zentrale vorgegebenen Zeitplan gehalten hatten. Werden diese Ergebnisse - es hatten sich immerhin 2,3 Millionen Wähler beteiligt - nachträglich legitimiert, dann schmilzt der Vorsprung Obamas bei den Delegierten.

  • Die Superdelegierten schwenken zwar im Augenblick zu Obama, aber Clinton versucht sie zurückzuholen. (Wenn ein Superdelegierter sich für einen Kandidaten ausspricht, dann ist das völlig unverbindlich. Er kann seine Meinung bis zum Augenblick der Nominierung jederzeit ändern). Clinton wiederholt immer wieder das Argument, daß sie selbst weit besser als Obama in der Lage sei, die swing states zu erobern; also diejenigen Staaten, die mal republikanisch und mal demokratisch wählen. Die Mehrheiten dort - und nicht der popular vote, also die Gesamtzahl der Stimmen - entscheiden bekanntlich, wer Präsident wird.
  • Die Bedeutung des Ergebnisses gestern in West Virginia liegt darin, daß es ein solcher swing state ist.

    In diesen Staaten waren in den achtziger Jahren viele traditionell demokratisch wählende Bürger aus der Arbeiterschicht zu Ronald Reagan übergelaufen (die sogenannten Reagan Democrats), weil sie die linksintellektuelle Führung der Demokraten ablehnten. Billy Clinton hatte sie wieder für die Demokraten gewonnen.



    Kann diese Doppelstrategie Clintons aufgehen? Viele - beispielsweise die Washington Post - meinen, daß es dafür zu spät sei.

    Warum kämpft Clinton so verbissen weiter? Eine immer wieder zu lesende Spekulation ist, daß sie damit ihre Attraktivität als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft steigern möchte.

    Wird Obama nominiert, dann ist er völlig frei darin, wen er zu seinem running mate macht. Wenn aber Clinton eindeutig seine Wahlchancen bei gerade denjenigen Wählern verbessern würde, bei denen er selbst schwach dasteht, dann könnte das für ihn ein Argument sein, sich für Clinton als seine Nummer zwei zu entscheiden.

    In CNN hat vergangene Nacht ein Redakteur darauf hingewiesen, daß es just so nach der Nominierung von John F. Kennedy gelaufen ist. Dieser machte damals seinen schärfsten Konkurrenten in den Vorwahlen, Lyndon Johnson, zu seinem Vize, weil dieser genau die Stimmen (damals von Southern Democrats) holen konnte, die Kennedy allein nicht bekommen hätte.



    Siehe auch die immer lesenswerte Berichterstattung von Florian Heinhold in Pennsylvania Ave.



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    Zitat des Tages: Kommunisten unterwandern Kommunisten

    Der Verfassungsschutz sieht "offen extremistische Strukturen" bei den Linken. Die Partei von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine sei von kommunistischen Altkadern und Linksextremisten unterwandert, heißt es im Jahresbericht.

    "Spiegel Online" über Inhalte des noch unveröffentlichten Jahresbericht des Verfassungsschutzes mit Berufung auf einen Bericht der "Bild-Zeitung".

    Kommentar: Unterwandert? Dann war am Ende schon die SED von Kommunisten unterwandert?



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    Tuesday, May 13, 2008

    Marginalie: Warum sind Lebensmittel in Deutschland so billig und in Frankreich so teuer?

    Jeder Frankreichurlauber weiß, daß in Frankreich die Lebensmittel teurer sind als in Deutschland. Um genau 14 Prozent, für den Lebensmittel- Warenkorb einer durchschnittlichen Familie; so steht es im aktuellen Nouvel Observateur.

    Warum ist das so? Odile Benyahia-Kouider, die Autorin des Artikels, nennt zwei Hauptgründe:
  • Die französische Reglementierungswut ("hyper- réglementation"), die, so zitiert sie einen Ökonomen, "a totalement stérilisé la concurrence. La distribution française vit dans un régime de prix administrés". Die Konkurrenz sei völlig kaltgestellt. Der französische Handel lebe in einem System behördlich kontrollierter Preise.

  • Konsequente Discounter wie Aldi und Lidl spielen in Frankreich längst nicht die Rolle wie in Deutschland. Sie haben nur einen Marktanteil von 13 Prozent, gegenüber 40 Prozent in Deutschland. Dank ihrer Marktmacht können die Discounter in Deutschland mit den Herstellern deren Preise aushandeln. In Frankreich hingegen würde, so sagte es ein Vertreter von Lidl gegenüber der Autorin, die Hersteller die Preise "dekretieren".
  • In der Regierung Fillon gibt es jetzt Bestrebungen, die Reglementierung des französischen Handels durch zahllose Gesetze ein wenig zu lockern.

    Was das Kartell der großen Handelsketten in Unruhe versetze, heißt es in dem Artikel.



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    Zettels Meckerecke: Oper im TV - dreimal kurz gemeckert

    Arte übertrug gestern Abend "Cosí fan tutte": Eine opulente, muntere Aufführung des Festivals von Aix- en- Provence. Wie schön, wenn Mozart, wie hier von Patrick Chéreau, als Mozart inszeniert wird, statt daß ein Regisseur einen Komponisten, einen Autoren mißbraucht, um uns an seiner Weltanschauung und/oder seinen untherapierten neurotischen Konflikten teilhaben zu lassen.

    Soweit ist da nichts zu meckern. Arte zeigte die Aufzeichnung einer gelungenen Inszenierung.

    Eine Aufzeichnung. Und there's the rub. Wer aufzeichnet, kann weglassen. Der Endverbraucher zum Beispiel kann, wenn er aufgezeichnet fernsieht, die Werbepausen im Film weglassen. Und die Verantwortlichen des Fernsehens die Pausen im Theater.

    Ja, glauben sie denn, ein Stück von - wie hier - drei Stunden hätte nur deshalb eine Pause, damit die Bühne umgebaut werden kann? Finden sie selbst, wenn sie in die Oper oder ins Theater gehen, es denn nicht erfreulich, daß man zur Halbzeit sich die Beine vertreten, ein wenig über das Gesehene und Gehörte plaudern, einen Piccolo trinken kann? Und sonstiges tun, wozu es einen ja vielleicht drängt?

    Niemand - na gut, fast niemand - würde im Theater oder in der Oper drei Stunden ohne Pause spielen. Warum wird dann im TV in der Regel die Aufzeichnung ohne Pause gesendet? Hat man einen Vertrag mit den Herstellern von Festplatten- Empfängern mit Time Shift- Funktion?



    Nun gut, man kann sich natürlich als Zuschauer, dem diese Funktion nicht zur Verfügung steht, selbst die Pause nehmen und einen Teil der Aufführung verpassen. Auch beim Fußball kommen viele Zuschauer ja erst wieder von den Klos und Bratwurst- Buden ins Stadion, wenn längst wieder angepfiffen ist.

    Ich weiß nicht, wie das am Sonntag war, als die Aufzeichnung einer Oper nicht drei, sondern geschlagene fünf Stunden lang gesendet wurde, die der Wiener "Meistersinger" in 3Sat. Denn wir haben diese Sendung nicht gesehen. Teils wegen der abschreckenden Länge. Teils aber auch, weil ein Service fehlte, der bei der Übertragung von Opern selbstverständlich sein sollte: Die Untertitelung.

    Es mag ja Genies der rezeptiven Sprachverarbeitung geben, die einen gesungenen Wagner- Text verstehen können. Ich nicht; jedenfalls überwiegend nicht.

    Wenn ich aber Sprache höre, auch gesungene, dann versuche ich sie zu verstehen. Wenn das anstrengend ist, wenn es fortlaufend sogar mißlingt, dann komme ich mir vor wie ein Schwerhöriger oder wie jemand, der einer Konversation auf Griechisch zu folgen versucht. Nein, danke.

    Gewiß, es gibt Musikbegeisterte, die die wichtigsten Libretti so einigermaßen auswendig können. Es gibt vermutlich auch Menschen, denen es nichts ausmacht, nichts zu verstehen, sofern sie nur ungefähr die Handlung kennen. Sie kommen ja wegen der Musik, vielleicht noch wegen der Kostüme und der Kulissen in die Oper. Es sei ihnen gegönnt, aber ich bin da halt anders. Ich will verstehen, was mir geboten wird.

    Nicht nur ich scheine dieses Bedürfnis zu haben, und es scheint auch nicht neu zu sein. Meine Großeltern pflegten nicht nur mit dem "Opernglas" in die Oper zu gehen, sondern auch mit kleinen Textbüchlein, in denen sie gelegentlich mitlasen, wenn es hell genug dafür war.

    Heute ist es für die Bühnentechnik natürlich kein Aufwand mehr, den Text zu projizieren. Erst recht ist es für das TV das Leichteste von der Welt, eine Aufführung zu untertiteln. Warum tat man es nicht, als gestern fünf Stunden lang Wagner übertragen wurde, von viertel nach neun bis viertel nach zwei?



    Ja, von viertel nach neun bis viertel nach zwei. Womit ich bei der dritten Meckerei bin. Was denken sich die für das Programm Verantwortlichen bei solchen Sendezeiten? "Cosí fan tutte" begann gar erst um halb elf und lief bis halb zwei in der Nacht.

    Gut, ich bin ein Nachtmensch und kann es mir leisten, das auch auszuleben; mich trifft das also nicht. Aber wie soll ein Zuschauer eine solche Sendung sehen, der am nächsten Morgen um sechs oder sieben Uhr aufstehen muß?

    Aus den Programmen der ARD und des ZDF und auch der meisten Dritten sind Theater- und Opernübertragungen weitgehend verschwunden; man hat sie, wenn nicht gleich in den Theaterkanal, zu 3Sat und Arte abgeschoben. Und dort nun werden sie tief in die Nacht verfrachtet.

    Deutlicher kann man die Mißachtung von Kultur kaum zum Ausdruck bringen. Das einzige, was das gebührenfinanzierte Fernsehen überhaupt rechtfertigen kann - daß es sich leisten kann, auch ein wenig kulturorientiert zu sein -, wird so absolviert, als wolle man die Zuschauer einladen, von dieser Programmsparte nur ja keinen Gebrauch zu machen.



    Genug gemeckert. Zum Schluß das Positive, damit Sie nicht fragen müssen: "Und wo bleibt das Positive?" Hier ist es, und sie werden vielleicht überrascht sein, es hier in ZR zu lesen: Ich empfehle Musikfreunden das cubanische Staatsfernsehen, Cubavisión Internacional. Die Frequenzdaten findet man hier.

    Ich verfolge dieses Programm regelmäßig, seit Castro krank wurde und sich damit Veränderungen in Cuba abzeichneten, und habe Informationen aus diesem Programm auch hier in ZR immer wieder einmal verarbeitet.

    Diese politische Sendungen sind natürlich so, wie Fernsehen überall im Sozialismus ist: Zum Gähnen langweilig, einseitig und uninformativ, interesssant nur im Hinblick auf die politischen Tendenzen, die man aus ihnen ablesen kann.

    Empfehlenswert aber sind die Musiksendungen in Cubavisión. Viel gute caribische Folklore, auch anspruchsvolle Ballettsendungen. Und viel Jazz. Heute zum Beispiel eine Sendung über den und mit dem Jazzpianisten Frank Emilio. Sendezeiten 16.15 und 20.00 Uhr MEZ.



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    Zitat des Tages: Wer ruft da nach dem Staat? Die "Süddeutsche Zeitung" und der Liberalismus

    Dass ausgerechnet Liberale nach dem Staat rufen, wenn in der Wirtschaft die Preise steigen, mutet besonders seltsam an. Sind doch die Liberalen sonst immer die Verfechter von Staatsferne und Eigenverantwortlichkeit.

    Peter Blechschmidt in der heutigen "Süddeutschen Zeitung" in einem Kommentar mit der Überschrift "Der Benzinpreis- Reflex".

    Zuvor hatte Blechschmidt zitiert, was die Liberalen wollen: "Prompt fordert der fröhliche Mainzer [Rainer Brüderle; Anmerkung von Zettel] die Abschaffung der Öko- und der Kraftfahrzeug- Steuer. Sein Vorsitzender Guido Westerwelle möchte Benzin nur noch mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent belasten".

    Kommentar: Es ist schon einigermaßen unverfroren, den Vorschlag, Steuern zu senken oder abzuschaffen, als "nach dem Staat rufen" zu bezeichnen.

    Zumal es den "Ruf nach dem Staat" in Zusammenhang mit dem Benzinpreis ja wirklich gibt. Gregor Gysi und der saarländische SPD-Chef Maas haben unisono schon Ende April eine staatliche Preiskontrolle für Benzin und Diesel verlangt.

    Das freilich erwähnte der Kommentator Blechschmidt bei seiner Attacke gegen - so im Vorspann des Artikels - "Populisten" mit keinem Wort.

    Er wirft den Liberalen Etatismus vor und schont die wirklichen Etatisten. Er nennt die Liberalen Populisten und verschweigt, daß es zum Benzinpreis in der Tat populistische Fordernungen gibt; freilich aus den Reihen der Kommunisten und der Sozialdemokraten.

    Als "linksliberal" wird die "Süddeutsche" gern tituliert. Ich frage mich seit langem, was an dieser Zeitung denn wohl liberal ist.



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    Monday, May 12, 2008

    Zwei Meldungen zur Präsidentschaftswahl in den USA. Erkennen Sie Original und Fälschung? Und etwas über Muscheln auf Sylt

    Hier sind zwei ähnlich klingende Meldungen zu den Kandidaten McCain, Clinton und Obama. Allerdings besagt die eine das Gegenteil der anderen. Eine ist echt. Eine habe ich gefälscht:

    Meldung A:
    McCain würde gegen Obama und Clinton gewinnen

    Laut einer Umfrage der 'Los Angeles Times' vom Wochenende würde sich der bereits feststehende Kandidat der Republikaner, John McCain, sowohl gegen Obama als auch Clinton durchsetzen. Das Duell mit Clinton würde der Senator aus Arizona mit 49 zu 46 Prozent gewinnen. Gegen Obama würde er 48 Prozent erzielen, einen Punkt mehr als der Senator aus Illinois. Die Fehlerquote der Erhebung lag bei drei Prozentpunkten.
    Meldung B:
    McCain würde gegen Obama und Clinton verlieren

    Laut einer Umfrage der 'Los Angeles Times' vom Wochenende würden sowohl Obama als auch Clinton sich gegen den bereits feststehenden Kandidaten der Republikaner, John McCain, durchsetzen. Das Duell mit Clinton würde der Senator aus Arizona mit 38 zu 47 Prozent verlieren. Gegen Obama würde er 40 Prozent erzielen, sechs Punkte weniger als der Senator aus Illinois. Die Fehlerquote der Erhebung lag bei drei Prozentpunkten.
    Meldung B ist die echte. Sie stand gestern um 17:49 Uhr in "Welt Online". Überschrift: "McCain würde gegen Obama und Clinton verlieren". Grundlage des Berichts von "Welt Online" ist ein Artikel in der Los Angeles Times vom vergangenen Samstag, in dem über eine Umfrage im Auftrag der Los Angeles Times berichtet wurde. Erhebungszeitraum war der 1. bis 8. Mai.

    Meldung A habe ich gefälscht.

    Was soll das Spielchen? werden Sie fragen. Nun, das Spielchen soll illustrieren, wie problematisch derartige Meldungen sind.

    Gefälscht ist nämlich nur, daß es die Los Angeles Times war, die die Daten in Version A publizierte. Tatsächlich habe ich sie dem Wikipedia- Artikel "Nationwide opinion polling for the United States presidential election, 2008" entnommen, der, ständig aktualisiert, die Ergebnisse der Umfragen zu den Wahlen am 4. November bringt. Die Daten, die ich in die Meldung eingesetzt habe, wurden von Gallup im Aufrag von USA Today erhoben; Erhebungszeitraum 1. bis 4. Mai.



    Wie kommt es, daß zwei gleichermaßen renommierte Institute im gleichen Zeitraum zu so unterschiedlichen Werten kommen? Bedeutet das nicht, daß man der Demoskopie nicht trauen kann?

    Doch, man kann ihr trauen. Man muß aber verstehen, auf welcher Grundlage sie funktioniert.

    Im Vorspann zu der ausführlichen Auflistung der aktuellen Daten von Gallup schreibt USA Today etwas zur sogenannten Fehlermarge, in Deutschland seltsamerweise und sehr mißverständlich oft "Fehlerquote" genannt. Mißverständlich deshalb, weil es sich keineswegs um eine Quote, also einen Anteil handelt, sondern eben um eine Marge. Ein Intervall also, einen Bereich, eine Abstand:
    For results based on the total sample of national adults, one can say with 95% confidence that the margin of sampling error is ±3 percentage points.

    Für die Resultate, deren Grundlage die Gesamtstichprobe von Erwachsenen aus den gesamten USA ist, läßt sich mit einer Zuverlässigkeit von 95 Prozent aussagen, daß die Marge des Stichprobenfehlers plus minus drei Prozentpunkte beträgt.
    So ist es. Nur fürchte ich, daß viele ohne Ausbildung in Statistik, die etwas von einer "Fehlerquote von drei Prozent" lesen, das nicht richtig verstehen. Lassen Sie es mich an einem Beispiel erläutern:

    Nehmen wir an, am Strand von Sylt liegen 50 Prozent schwarze und 50 Prozent weiße Muscheln. Ich gehe an diesem Strand entlang, hebe völlig zufällig Muscheln auf und lege sie in meinen Korb. Wenn ich das oft genug getan habe, ist es wahrscheinlich, daß von den Muscheln im Korb ungefähr die Hälfte schwarz und die Hälfte weiß sind.

    Aber das ist nur wahrscheinlich; es ist keineswegs sicher. Möglich ist es auch, daß ich zufällig nur schwarze oder fast nur schwarze Muscheln gegriffen habe. Jede Proportion von schwarzen und weißen Muscheln in meinem Korb ist möglich.

    Warum sind nicht alle Proportionen von schwarz zu weiß gleich wahrscheinlich?

    Daß alle Muscheln, die ich aufgehoben habe, schwarz sind, ist sehr unwahrscheinlich, weil es nur eine einzige Sequenz gibt (ich muß jedesmal eine schwarze Muschel aufgehoben haben, also SSSSS usw.), die zu diesem Ergebnis führt.

    Daß die Hälfte schwarz und die Hälfte weiß sind, ist viel wahrscheinlicher, denn es gibt viele Sequenzen, die zu diesem Ergebnis führen (schon bei vier Muscheln, die ich aufhebe, zum Beispiel SSWW, SWSW, WWSS, WSWS, WSSW, SWWS).

    Allgemein: Je mehr Sequenzen es gibt, die zum selben Ergebnis führen, umso wahrscheinlicher ist dieses Ergebnis. Aber möglich ist auch jedes andere.

    Auf die Demoskopie übertragen bedeutet das: Wer US-Bürger nach ihrer Präferenz für Obama oder McCain fragt, der kann, wenn er Pech hat, in seiner Stichprobe 70 Prozent Zustimmung für Obama bekommen, obwohl in Wahrheit 60 Prozent McCain wählen wollen. Das ist möglich, es ist nur sehr unwahrscheinlich. Aber gegen einen solchen Fall gibt es für den Demoskopen keinen absoluten Schutz.

    Es gibt nur so etwas wie einen relativen Schutz. Der Demoskop kann ausrechnen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß ihm ein solches Malheur passiert. Und er kann dann Vorsorge dafür treffen, daß diese Wahrscheinlichkeit nicht größer ist, als er sie zu tolerieren bereit ist.

    Dazu muß der Demoskop erstens definieren, was er als ein Malheur betrachtet. Und er muß zweitens festlegen, welches Risiko er einzugehen bereit ist, daß ihm ein solches Malheur widerfährt.

    Für beides gibt es eine Konvention, auf die sich die Demoskopen geeinigt haben: Ein Malheur ist es, wenn der gemessene Wert um mehr als drei Prozentpunkte von dem wahren Wert abweicht. Und das Risiko eines solchen Malheurs sind sie einzugehen bereit, wenn die Wahrscheinlichkeit, daß es auftritt, bei nicht mehr als fünf Prozent liegt.

    Aus beiden Festlegungen zusammen ergibt sich daß man mindestens rund tausend Menschen befragen muß. Das kann man ausrechnen.



    Abweichungen zwischen den Ergebnissen der einzelnen Institute sind also etwas völlig Normales; auch größere Abweichungen. Erstens, weil auch ohne das Malheur damit gerechnet werden muß, daß die eine Umfrage um drei Prozentpunkte nach unten, die andere nach oben vom wahren Wert abweicht. Macht einen Unterschied von sechs Prozentpunkten zwischen den Daten der beiden Institute, ganz ohne ein Malheur. Und dann kann noch das Malheur passieren, in prinzipiell beliebiger Höhe.

    Kann man dennoch zu relativ sicheren Vorhersagen kommen? Ja, und zwar durch das Zusammenfassen (Aggregieren) von Daten.

    Das kann man entweder so machen, daß man die Daten mehrerer Institute zusammenfaßt (Poll of Polls). Oder ein einzelnes Institut kann seine Umfrage immer wieder - im Extremfall täglich - wiederholen und die Daten aus diesen einzelnen Durchgängen zusammenfassen.

    Das Letztere tut Gallup zu den Präsidentschaftswahlen. Die Umfrage wird täglich durchgeführt, und die Ergebnisse von jeweils fünf aufeinanderfolgenden Tagen werden in einem gleitenden Mittelwert zusammengefaßt. "Gleitend" (Englisch Running Average) deswegen, weil jeden Tag der neue Wert hinzukommt und dafür der älteste herausfällt; es gleitet also gewissermaßen ein Fenster über die Daten hinweg.

    Und was sagt nun dieser gleitende Mittelwert über McCain und Obama? Hier sind die Daten der letzten zehn Tage (1. bis 10. Mai) für die Frage, wen der beiden man gegenwärtig wählen würde:

    Obama: 42, 42, 42, 43, 45, 46, 46, 46, 46, 47

    McCain: 48, 48, 47, 47, 46, 45, 45, 45, 45, 44

    Es gibt einen Trend zugunsten von Obama. Am 1. Mai lag McCain noch mit 48 zu 42 vorn; am 10. Mai hatte Obama einen Vorsprung von drei Prozentpunkten.

    Die Fehlermarge beträgt bei diesen gleitenden Mittelwerten nur zwei statt der üblichen drei Prozent. Es wäre also kein Malheur für die Demoskopen von Gallup, wenn am 1. Mai der wahre Wert für Obama 44 und für McCain 46 Prozent betragen hätte, und am 10. Mai für Obama 45 Prozent und 46 Prozent für McCain.

    Wahrscheinlicher ist es aber, daß gegenwärtig Obama einen kleinen Vorsprung hat. Vor zwei Wochen war es noch anders. In zwei Wochen kann es wieder anders sein.

    Daraus irgend etwas über die Wahlaussichten abzuleiten wäre so, als würde man aus dem schönen Wetter am heutigen 12. Mai schließen, daß auch am 4. November die Sonne scheinen wird.



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    Sunday, May 11, 2008

    Was feiern wir eigentlich an Pfingsten? Nebst zwei Lesetips

    Bitte überlegen Sie einmal kurz, was Ihnen zu Pfingsten einfällt. Pfingstochse? Pfingstfeuer? Pfingstwunder? "Und sie redeten mit Zungen"? Sehr gut.

    Ja, und was hat das zu bedeuten? Was feiern wir eigentlich an Pfingsten, immerhin zwei Tage lang, in Frankfurt am Main drei (denn dort gibt es den Dienstag als den "dritten Feiertag", den Wäldchestag)?

    Bevor ich für meinen letztjährigen Pfingstartikel recherchiert hatte, war ich überzeugt gewesen, daß die meisten Deutschen, denen man diese Frage stellt, antworten würden: "Die Ausgießung des Heiligen Geistes". So hatte ich es in der Schule gelernt. Als Teil des Allgemeinwissens; so, wie man lernt, daß Paris an der Seine liegt und daß der Fliegenpilz giftig ist.

    Das war ein grober Irrtum gewesen. Nach einer Umfrage 2007 kannten 73 Prozent der Befragten nicht die Bedeutung des Pfingstfestes.

    Damals, vor einem Jahr, habe ich an diesen Sachverhalt einige kritische Bemerkungen über das geknüpft, was gegenwärtig mit unserer Kultur geschieht. Bevor Sie das vielleicht lesen und ein wenig trübsinnig werden, möchte ich Sie mit einer guten Nachricht erst einmal heiter machen: Hier finden Sie alles, was Sie schon immer über Pfingsten wissen wollten.

    Sie erfahren in diesem Bereich des verdienstvollen Internetportals Feiertagsseiten.de nicht nur zuverlässig und präzise, was es mit der Ausgießung des Heiligen Geists und dem Zungenreden, mit dem Pfingstochsen und dem Pfingstwunder auf sich hat, sondern Sie können sich auch über Pfingstbräuche wie die Bosheitsnacht und das Kufenstechen informieren, und Sie erfahren, was eigentlich ein Tugendkränzchen ist (nicht das, was ich dachte).



    Vielleicht war Ihnen als Antwort auf meine Eingangsfrage auch noch eingefallen "Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen ..."?

    Dann hätte ich einen zweiten Lesetip: Die Anregung, doch einmal, falls Sie das nicht schon getan haben, den wunderhübschen und sehr realistischen Text zu lesen, dem diese Zeile entstammt: Goethes Versepos "Reineke Fuchs", eine Fassung in Hexametern des alten Epos.

    Goethe nannte es eine "unheilige Weltbibel". Das rechte Gegenmittel also, falls Ihnen zu Pfingsten allzu heilig zumute werden sollte.



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    Zitat des Tages: Kurt Beck redet nicht von Steuererhöhungen

    Ich rede nicht von Steuererhöhungen, aber es gibt in manchen Bereichen Handlungsbedarf.

    Kurt Beck, laut einem Artikel in der heutigen F.A.S..

    Statt eines Kommentars zitiere ich den ersten Absatz dieses Artikels:
    10. Mai 2008. Die SPD will für Besserverdienende die Steuern erhöhen, um zugunsten der Geringverdiener und der mittleren Einkommen die Sozialabgaben zu senken. Das sollen nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung aus der SPD-Führung die Eckpunkte des Zukunftskonzepts sein, das der Parteivorsitzende Kurt Beck für Ende Mai angekündigt hat.



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    Saturday, May 10, 2008

    Marginale: Bei der Wahl des Bundespräsidenten am 23. Mai 2009 sollen die Weichen für die Volksfront gestellt werden

    Wie der aktuelle "Spiegel" berichtet, gibt es innerhalb der SPD den Versuch, zu verhindern, daß die sozialdemokratischen Delegierten bei der Wahl des Bundespräsidenten mit für Horst Köhler stimmen.

    Das ist nicht nur logisch, sondern es ist von einer zwangsläufigen Logik. Der Bundespräsident wird am 23. Mai 2009 gewählt, im beginnenden Vorwahlkampf zu den Bundestagswahlen. Also in der Zeit, in der eine eventuelle Entscheidung für eine Volksfront allmählich auch der Öffentlichkeit vermittelt werden muß.

    Denn die SPD wird nach dem Debakel in Hessen ein beabsichtigtes Zusammengehen mit den Kommunisten im Wahlkampf ankündigen, jedenfalls es als eine Möglichkeit offenlassen müssen. Einen Wählerbetrug, wie ihn Ypsilanti versucht hat, kann sich die SPD angesichts des öffentlichen Echos auf dieses Manöver nicht noch einmal leisten.



    Es hat in der Bundesrepublik Tradition, einen Machtwechsel durch die Wahl eines Bundespräsidenten vorzubereiten. Der klassische Fall war die Wahl Gustav Heinemanns im März 1969 mit den Stimmen von SPD und FDP, mit der die sozialliberale Koalition im Herbst desselben Jahres eingefädelt wurde.

    Die FDP hatte bis dahin als eine "bürgerliche" Partei gegolten, für die eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten undenkbar war. Als die meisten ihrer Delegierten Heinemann wählten, war sie über ihren Schatten gesprungen. Der Eintritt in eine Koalition mit der SPD war psychologisch vorbereitet.

    So soll es nach dem Willen derer, die in der SPD jetzt gegen eine Wahl Köhlers und für eine eigene Kandidatin - noch einmal Gesine Schwan - werben, offensichtlich vierzig Jahre später wieder sein. Denn Gesine Schwan würde mit den Stimmen genau jener Parteien gewählt werden, die nach den Wahlen von 2009 die Volksfront bilden sollen.

    Diesmal ist der Schatten, über den es zu springen gilt, das bisherige Tabu in der SPD, auf Bundesebene mit den Kommunisten zu paktieren.

    Ist dieses Tabu erst einmal gebrochen, indem die SPD den Bundespräsidenten zusammen mit den Kommunisten gewählt hat, dann wird es auch keine Hemmungen mehr geben, gut ein halbes Jahr später gemeinsam den Kanzler zu wählen.

    Da dieser Zusammenhang natürlich auch denjenigen in der SPD klar ist, die ein Zusammengehen mit Feinden der Demokratie unverändert ablehnen, dürfte die Auseinandersetzung über die Wahlentscheidung der SPD am 23. Mai 2009 wohl spannend werden.

    Nicht vergessen sollte man dabei, daß die Volksfront ja auch gegenwärtig im Bundestag eine Mehrheit hätte. Die Diskussion um die Wiederwahl Köhlers könnte sich im Lauf des Jahres leicht so zuspitzen, daß auch die jetzige Regierung wackelt.



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    Zitat des Tages: Ein "Haus des Jugendrechts" wird eröffnet

    Kinder und Jugendliche, die andere Menschen schlagen, die stehlen, die Dinge beschädigen – kurzum: die sozial auffällig werden beziehungsweise sich norm- oder gesetzwidrig verhalten – brauchen umgehende und gezielte Hilfe.

    Der Mainzer Oberbürgermeiser Jens Beutel (SPD) bei der Eröffnung eines "Hauses des Jugendrechts" in Mainz.

    Kommentar: Hilfe beim Schlagen, Schädigen, dem Beschädigen von Sachen, damit sie das noch besser hinbekommen?

    Sie werden finden, lieber Leser, daß das eine dumme Frage ist; ein Kalauer unter dem Niveau von "Zettels Raum".

    Ja, gewiß. Aber ist es nicht vielleicht auch dumm, jugendlichen Kriminellen, statt sie damit zu konfrontieren, daß sie Böses getan haben, den Eindruck zu vermitteln, sie seien Hilfsbedürftige?

    Wenn sie rückfällig werden, dann braucht sie das dann ja nicht zu grämen. Sie können sich selbst sagen und sie können anderen gegenüber argumentieren: Da haben die Helfer versagt.



    Siehe dazu auch das, was in "Zettels kleinem Zimmer" Meister Petz zum Thema Verantwortlichkeit und freier Wille geschrieben hat. - Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

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    Friday, May 9, 2008

    Marginalie: Was braut sich im Libanon zusammen? Mit einer aktuellen Ergänzung

    [Artikel vom gestrigen Donnerstag:]

    Al Jazeera English übertrug heute Nachmittag eine Pressekonferenz von Scheik Hassan Nasrallah, dem Führer der Hisbollah im Libanon. Eine seltsame, eine erschreckende Pressekonferenz.

    Man muß sich an die orientalische Weitschweifigkeit solcher Stellungnahmen gewöhnen. Nasrallah redet blumig, er wiederholt sich endlos. Er redet vom Frieden, von der Brüderlichkeit zwischen Schiiten und Sunniten, vom Dialog mit der Regierung, mit den Christen.

    Aber der Kern ist klar: Die Regierung habe der Hisbollah den Krieg erklärt. Jetzt werde man sich verteidigen. Man strecke die eine Hand der Regierung zum Dialog entgegen, aber in der anderen Hand halte man die Waffe.

    Adressat der Stellungnahme waren offensichtlich vor allem die Regierungen anderer arabischer Länder, waren die Massen in anderen arabischen Ländern. An diese wandte sich Nasrallah immer wieder und versuchte ihnen einzuhämmern, daß die Hisbollah sich einem Komplott der USA und Israels gegenübersehe. Als deren Komplicen versucht er die Regierung Dschumblat hinzustellen.

    Der Anlaß für die jetzige Eskalation war die Entlassung des Sicherheitschefs des Beiruter Flughafens, der der Hisbollah nahestand, sowie die Ankündigung der Regierung, ein privates Telefonnetz und Spionagekameras, die die Hisbollah zur Überwachung des Flughafens aufgestellt hatte, zu demontieren. Ausführliche Berichte dazu findet man in der Jerusalem Post und der New York Times.



    Eine Momentaufnahme aus einem Konflikt, der seinen Charakter in Jahrzehnten kaum geändert hat. Die Regierung des Libanon ist zu schwach, um ein Gewaltmonopol zu erzwingen und aufrechtzuerhalten. Vor Jahrzehnten waren es die Fatah und christliche Milizen, die ihren Staat im Staate bildeten. Heute ist es die Hisbollah.

    Es ist nicht zu sehen, wie sich die Situation stabilisieren sollte. Die Regierung kann die Hisbollah nicht besiegen, weil sie erstens militärisch zu schwach ist und weil zweitens der Iran dies verhindern würde. Die Hisbollah kann ihrerseits ebensowenig siegen; schon weil das Israel verhindern würde.

    Also zieht sich der Konflikt dahin. Ein Schrecken ohne Ende statt eines Endes mit Schrecken.

    Während Nasrallah sprach, brachte Al Jazeera im Hintergrund Bilder von den aktuellen Ausschreitungen. Massen von jungen Männern. An einem Werktag haben sie Zeit, sich auf der Straße zusammenzurotten. Vermutlich hat kaum einer von ihnen Arbeit. Sie sind - da sieht Gunnar Heinsohn wohl schon etwas Richtiges - sozusagen der unerschöpfliche menschliche Nachschub, aus dem sich solche Konflikte über Generationen speisen.




    [Aktuelle Ergänzung:]

    Als ich gestern diesen Artikel schrieb, spielte die Entwicklung im Libanon in den Medien noch kaum eine Rolle; selbst die zitierten Artikel in der Jerusalem Post und der New York Times waren nicht die Aufmacher.

    Al Jazeera hingegen hatte die Situation richtig eingeschätzt. Die Redakteure, die Nasrallahs Rede kommentierten, stellten in den Mittelpunkt, daß er einen Kriegszustand konstatiert hätte.

    Inzwischen ist das Thema sogar bei "Spiegel Online" angekommen - zeitweise als Aufmacher -, das ja meist erst berichtet, was die Spatzen schon von den Dächern pfeifen.

    Da Al Jazeera gestern richtig damit gelegen hatte, die heutige Entwicklung vorherzusagen, sollte man vielleicht auch die sonstige Lageeinschätzung der dortigen Nahost- Redaktion beachten.

    Man war sich dort gestern darin einig, daß es jetzt keinen Bürgerkrieg geben werde. Die Hisbollah könne jederzeit Beirut unter ihre Kontrolle bringen; aber sie hätte, so wurde argumentiert, kein Interesse daran. Es gehe ihr darum, jetzt Macht zu demonstrieren, um ihr politisches Gewicht in den kommenden Verhandlungen zu erhöhen.

    Die Reporterin, die das gesagt hatte, Rula Amin, meldete sich heute und berichtete über ein Gespräch, das sie gerade mit Walid Dschumblat gehabt hatte. Auch er schloß einen Bürgerkrieg aus. Man könne sich einen Kompromiß mit der Hisbollah auch in Bezug auf des demontierte Funknetz vorstellen, das man umdeklarieren könne. Es werde wohl, sagte Dschumblat, eine libanesische Lösung geben, also einen Kompromiß, bei dem alle Seiten das Gesicht wahren.

    Interessant war, daß Dschumblat sich enttäuscht über die libanesische Armee zeigte, die sich aus den Kämpfen heraushält. Dazu berichtet Al Jazeera, daß ein Auseinanderbrechen der Armee in schiitische und sunnitische Gruppen befürchtet werde, wenn sie sich gegen die Hisbollah engagieren würde.

    Unklar ist offenbar, welche Rolle der Iran und Syrien bei den jetzigen Vorgängen spielen. Dschumblat ist, wie auch der Regierungschef Saad Al Hariri, dessen Sender heute besetzt wurde, ein erbitterter Gegner Syriens, aber auch Israels und des Westens.



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    Zitat des Tages, diesmal aus der "Los Angeles Times" geklaut

    There's no mystery there, folks. George McGovern wants in his lifetime to see someone lose worse than he did.

    (Das ist kein Wunder, Leute. McGovern will in seinem Leben noch jemanden schlimmer verlieren sehen, als er selbst verloren hat.)

    Der amerikanische Talkshow-Moderator Rush Limbaugh über das Motiv dafür, daß George McGovern jetzt Barack Obama unterstützt.

    McGovern hatte 1972 gegen Richard Nixon kandidiert und mit 37,5 Prozent gegen Nixons 60,7 Prozent eine vernichtende Niederlage erlitten. Nixon gewann 49 Bundesstaaten, McGovern einen (Massachussetts) und dazu Washington, DC. Das Zitat entnehme ich dem Blog von Andrew Malcolm in der Los Angeles Times.

    Kommentar: Limbaughs Witz trifft den Kern der Sache. Obama hat die Stimmen der Schwarzen und vieler linker Intellektueller, dazu großen Zulauf von der Jugend. Das ist zwar mehr, als seinerzeit McGovern hatte; der hatte nämlich nur die linken Intellektuellen und die Jugend. Aber zum Sieg über McCain könnte es zu wenig sein.

    In den gegenwärtigen Umfragen liegen zwar McCain und Obama Kopf an Kopf, aber aus dem Reservoir der politisch weniger interessierten Wähler, die sich jetzt noch gar keine Meinung gebildet haben, dürfte für McCain mehr zu holen sein als für Obama.



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