31. Oktober 2016

Happy Reformation

Jedes Jahr wieder führen Strenggläubige den Kreuzzug gegen die Halloween-Unsitte. Zum Beispiel mit einem Aufkleber: "Ich bin evangelisch", steht da drauf, und "ich feiere am 31. Oktober den Reformationstag". Und damit klar ist, was nicht gefeiert werden darf ist zentral eine Gruppe verkleideter Kinder abgebildet, mit rotem Verbotszeichen darüber.

Das kommt rüber wie "Ich bin evangelisch, und bin deswegen ein intoleranter Spießer". Selber den Reformationstag zu feiern ist eine Sache. Aber weder in der Bibel noch bei Luther wird man Belege finden, daß man wegen Reformation den Kindern ihren Spaß nicht mehr gönnen darf.

30. Oktober 2016

Justitia. Schland im Herbst 2016

In dem diesem Blog beigeordneten Diskussionsforum, Zettels kleinem Zimmer, findet sich unter der Hausordnung der Forumsregeln an erster Stelle der Satz  "Beiträge, die persönliche Angriffe gegen andere Poster, Unhöflichkeiten oder vulgäre Ausdrücke enthalten, sind nicht erlaubt; ebensowenig Beiträge mit rassistischem, fremdenfeindlichem oder obszönem Inhalt und Äußerungen gegen den demokratischen Rechtsstaat." Der Endunterzeichner möchte hiermit ausdrücklich klarstellen, daß es sich beim Folgendem nicht um eine intendierte Verletzung der letzten Regel handeln soll, sondern nur um den Hinweis auf zwei konträr gelagerte Fälle, über deren unterschiedliche Gewichtung von Seiten der Jurisprudenz nachzudenken sich lohnen könnte. Auch aus diesem Grund wurde, bis auf einen einzigen Absatz, auf eigene Kommentierung verzichtet. Bei den folgenden Passagen handelt es sich ausschließlich um Zitate aus der Berichterstattung der Onlineportale diverser Zeitungen, die hier - ausnahmsweise - in längerer Form zum Zweck der Dokumentation des Facetten beider Fälle wiedergegeben sein sollen..

Daß der Rechtsstaat in diesem Land, bei allen Friktionen und scheinbarer Schieflage, durchaus funktioniert, ergibt sich aus der Tatsache, daß im ersten Fall das erstinstanzlich ergangene Urteil  durch die übergeordnete Instanz aufgehoben wurde; im zweiten die Anfechtung des Urteils angekündigt worden ist. Es scheint dem Verfasser allerdings wünschenswert, wenn es einer solchen nachgeordneten Klärung der Rechtsfindung nicht erst bedürfte.

27. Oktober 2016

Was erlaube Pöbel ? Ein Gedankensplitter zu Polarisierung und dem Dagegen

Was haben Donald Trump, die AfD, Pegida, der Front Nationale und die UKIP gemeinsam? Ganz einfach, wird der geneigte Leser des neuen Süddeutschlandes aus der Pistole geschossen sagen können: Das sind alles ganz furchtbare Populisten, mit "kruden" Ansichten und dem Willen die Welt ins Chaos zu stürzen.

19. Oktober 2016

Moral und der Mob

Mit großer Werbeankündigung inszenierte die ARD das Theaterstück "Terror" und ließ die Zuschauer darüber abstimmen, ob der im Stück angeklagte Pilot dafür bestraft werden soll, daß er durch den Abschuß eines von Terroristen entführten Passagierflugzeugs die Menschen eines Fußballstadions rettete. Verkürzt gesagt und einige unrealistische Nebenannahmen ignorierend ging es um die Frage, ob man den Tod einer kleinen Anzahl von Menschen in Kauf nehmen darf, um eine viel größere Anzahl von Menschen zu retten. Ein schwieriges moralisches Dilemma.

Den besonderen Spin erhielt die Inszenierung durch die Verknüpfung mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das ein Gesetz zu einem solchen Abschußbefehl als verfassungswidrig verworfen hatte. Der Staat dürfe nach Gerichtsmeinung nicht zwischen den Menschenrechten der kleineren und der größeren Anzahl abwägen. Was im Stück verkürzt wurde zur Behauptung, die Handlung des Piloten wäre grundgesetzwidrig.

Wie zu erwarten stimmte aber der überwiegende Teil des Publikums dafür, den Piloten nicht zu bestrafen. Womit dann für viele Journalisten die Frontstellung klar war: Die breite Mehrheit des Volkes stellt sich gegen das Grundgesetz. Die FR geht in typisch linker Verachtung für die Normalbürger so weit, die Abstimmenden als "Mob" zu beschimpfen. Der allgemeine Tenor: Es wäre falsch, daß die ARD überhaupt so eine Abstimmung zugelassen hätte. Man könne die Rechtsprechung nicht den Bürgern überlassen. Und einige Kommentatoren zogen dann gleich die Linie weiter und nahmen die Sendung als Beleg, daß damit auch Volksabstimmungen in der Politik nicht vernünftig wären.

So weit, so falsch.

18. Oktober 2016

神舟十一号 / Shenzhou 11



Wenn man den Zeittakt noch im Ohr hat, mit dem vor einem halben Jahrhundert der erste "Wettlauf ins All" zwischen den USA und der weiland Union der Vereinten Sowjetrepubliken, der mit dem "kleinen Schritt für einen Menschen" im Mare Tranquillitatis seinen Abschluß fand, in Szene gesetzt wurde, kann man nicht umhin, einen Kontrast zu den gegenwärtigen Verhältnissen festzustellen, wie er größer nicht sein könnte, und ihn sich in jeden sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts selbst eingefleischte Pessimisten nicht hätten träumen lassen. Das gilt freilich nicht nur für die Raumfahrt - die die Idee des Aufbruchs, des Überwinden bisher eisen gesetzt geglaubter Grenzen freilich wie keine andere Technologie verkörperte - sondern auch für den Rest der technologischen befeuerten Visionen, die die Entgrenzung der Beschränkungen der menschlichen Möglichkeiten nicht nur denkbar, sondern als unausweichlich erscheinen ließen. Die Künstliche Intelligenz (in ihrer sogenannten "starken Form", mit Intentionalität, Verstehen eines Kontextes, innerer Reflexion) ist heute so weit von ihrer Realisierung entfernt wie zu der Zeit, als Marvin Minsky vor genau einem halben Jahrhundert die Visionen für die noch weit entfernt liegende Jahrtausendwende entwarf, die dann in HAL 9000 in Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" Gestalt gewannen. Die Biotechnologie, oft in den letzten sechzig Jahren als die entscheidende Kunstfertigkeit, τέχνη, ausgerufen, die im 21. Jahrhundert die Physik als Leitwissenschaft ablösen sollte, hat mitnichten chimärische Zwitterwesen erzeugt noch zu einer Panazee gegen jedwedes Leiden oder, negativer, einem gensequentierten Sozialdarwinismus geführt (wie die Albträume der Science Fiction von Brave New World bis GATTACA das in ermüdender Unablässigkeit ausgemalt haben), sondern ersetzt immer noch einzelne Gene mithilfe viraler RNS-Scheren - ein Verfahren, an dem sich in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten seit der Einführung der DNS-Rekombination nichts wesentliches geändert hat. (Wers nicht glaubt, der mache sich klar, daß die Geburt von Dolly dem Klonschaf am schottischen Roslin Institute in drei Monaten volle zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit zurückliegt.) Die letzte Utopie in dieser Reihung, die Nanotechnologie, vor genau dreißig Jahren von K. Eric Drexler in seinem Buch "Engines of Creation" als alle Bereiche des Lebens revolutionierendes Atom-für-Atom Baukastenprinzip ausgemalt, ist heute so weit von der auch nur ansatzweisen Blaupause für einen Molekular-Assembler entfernt wie 1986. Die Befürchtungen für das Überflüssigwerden der Humanagenten, wie sie etwa Ray Kurzweil vor 17 Jahren in seinem Buch Homo S@piens umtrieben, dürften auch für etliche künftige Generationen bruchlos alle 20 Jahre neu ausgegraben und weitere 20 Jahre in die Zukunft projiziert werden, ohne Gefahr zu laufen, von der eingetretenen Wirklichkeit ad absurdum geführt zu werden.   

14. Oktober 2016

His Bobness




"It’s night time in the big city
Rain is falling, fog rolls in from the waterfront
A night shift nurse smokes the last cigarette in a pack"
(Theme Time Radio Hour, Ep. 1: "Weather")

I
Manche Dinge erfährt man als Internetizen zuerst durch die spontanen Reaktionen anderer Netzbürger. In diesem Fall durch einen heute mittag um 13:10 auf einem anderen Forum getätigten #aufschrei:

Bitte was? Ich habe mich gerade erstickungsreif verschluckt. Die Infantilisierung des Westens kennt keine Gnade.

Recht hatte der anonyme Kommentator.

II
Bob Dylan wurde am 24. Mai 1941 als Robert Zimmerman in Duluth, Minnesota geboren. Im August 1962 änderte er gerichtlich seinen Namen in Robert Dylan. Vom März 1962 bis zum Mai 2016 veröffentlichte er insgesamt 37 Studienalben und eine kleine Anzahl von Livemitschnitten, die von einer umso größeren Menge hal- und illegaler "Bootlegs" flankiert werden. Die Anzahl der von ihm geschriebenen Songs dürfte zwischen vier- und fünfhundert liegen (USA Today ist im vorigen November auf die Zahl von 359 gekommen), Im Oktober 2016 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

7. Oktober 2016

Alles freiwillig

Manche meinen, wir hätten derzeit das intellektuell schwächste Bundeskabinett seit Gründung der Republik. Das kann man in einigen Fällen bestreiten, aber daß "Justiz"-Minister Maas dieses Niveau nicht hebt hat er schon häufiger bewiesen.

Und tut dies aktuell wieder mit einem Ausspruch den er für so gut hält, daß er ihn auch über SPD-Twitter verbreiten läßt:
„Die Milliarden für die Integration wurden in diesem Land erwirtschaftet und wurden niemanden weggenommen.“

Er hätte recht wenn er damit darauf hinweisen wollte, daß die in Deutschland (unter anderem für Integration) ausgegebenen Steuermilliarden nicht durch Raubzug der Bundeswehr in fremden Ländern erbeutet wurden, sondern im Lande selber produziert wurden. Ginge ja auch gar nicht - beim aktuellen Zustand der Bundeswehr käme da maximal Liechtenstein als Beutobjekt in Frage, und das würden die Schweizer schon mit der Miliz von Sankt Gallen verhindern.

Er hätte auch recht, wenn die im deutschen Staatsbesitz befindlichen Unternehmen ausreichend Gewinne erwirtschaften würden, um den Staatshaushalt zu finanzieren. Ginge aber auch nicht - da geht es eher die Frage, wieviele Zuschüsse Bahn und Co. aus dem Steuersäckel benötigen.

Nein, er glaubt offenbar, daß alles was die Bürger in Deutschland erwirtschaften legitimerweise dem Staat zusteht. Der Ertrag ihrer Arbeit wird ihnen nicht "weggenommen", sondern das mit dem Steuerabführen passiert in seinen Augen alles freiwillig.

Ich werde das mal bei meiner nächsten Steuererklärung aufgreifen. Das Finanzamt wird doch bestimmt nicht wagen, dem "Justiz"-Minister zu widersprechen. Und wenn die mir nichts mehr wegnehmen, dann würde ich gerne freiwillig etwas spenden. Aber eher nicht für die Sachen, die sich Herr Maas so vorstellt.

4. Oktober 2016

An alle

Ich
bin nur der Staat.
Aber
das Volk ist das Volk.

Alle sind das Volk.
Nichts hat sich
geändert:
Wir sind wir alle.

Wir gehören zu uns.
Auch
die Rechten gehören zu uns.
Wie wollen Sie die aufhalten?
Können Sie nicht.
Wie und woher
kommen wir bloß?

Wer ein Problem hat,
soll zurecht
Vorschläge machen,
sich aber überlegen,
wie er es nutzt.
Das ist
gelebte Demokratie.

Rückführung
ist Rückführung.
Aber freundlich.
Mein Land ist nämlich
mein Land.
Auch wenn's mir leid tut.

Brexit ist Brexit.
Ungarn
erwähne ich ungern.
Kurz nur kurz.
Europa heißt Frieden.
Der Euro scheitert am Euro.

"Brücken bauen" heißt
natürlich auch
Brücken bauen.
Wir bauen die Zukunft.
Ich finde das
schön.
Ein Riesenerfolg!

Fakten sind Fakten.
Gefühle sind ebenfalls
Fakten.
Sie sind nunmal da.
Auch das
mussten wir lernen.

Wir schaffen's auf Sicht.
Indem wir Höchstes leisten,
wie immer.

Absolut richtig.

Kallias

© Kallias. Für Kommentare bitte hier klicken.

3. Oktober 2016

Zum 3. Oktober: Heiße Luft über den Stammtischen

In diesem Blog hat der Kollege Andreas Döding vor kurzem erläutert, warum ihm am 3. Oktober nicht so recht zum Feiern zumute ist. Sein Argument, dass der Staat an diesem Tag sich selbst und nicht seine Bürger in den Vordergrund stellt, halte ich für schlüssig.

Nicht so recht in Feststimmung scheint auch Adrian Lobe zu geraten, der in einem auf ZEIT-Online erschienenen Beitrag mit dem Titel "Fremd im eigenen Land" das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihrem Nationalfeiertag und dem Konzept der Nation mit zwei großen inländischen Volksfesten thematisch in Verbindung bringt, nämlich mit dem Münchner Oktoberfest und dem Cannstatter Wasen.

Die Idee ist an und für sich nicht schlecht: In der Tat bietet sich vorderhand nichts so sehr als Symbol für das Klischeedeutschtum an wie das Bierzelt, dieser Hort alkoholgeschwängerten Frohsinns. Doch leider hält Lobes Artikel nicht das, was die ersten Zeilen versprechen. Im Gegenteil: Je mehr sich der Autor über teutonische Stereotype in Rage schreibt, umso mehr erliegt er selbst den hanebüchensten publizistischen Gemeinplätzen.

2. Oktober 2016

Gedanken zur sogenannten postfaktischen Politik

Die Bundeskanzlerin spricht davon, dass sie diejenigen, die "Merkel muss weg" schrien, mit Fakten nicht erreichen könne und äußert andernorts, es heiße, "wir lebten in postfaktischen Zeiten." Dies bedeute, dass es nicht mehr um Fakten gehe, sondern "die Menschen [...] allein den Gefühlen" folgten. In der letzten September-Ausgabe von Anne Will wurde über das Thema "Emotionen statt Fakten - Warum ist Trump so erfolgreich?" diskutiert. Der tendenziöse Titel der Talksendung mag schon erahnen lassen, dass sich ein Betrachten der 60-minütigen Debatte nicht wirklich lohnt. Nach Ansicht des Verfassers genügt die Lektüre von Frank Lübberdings auf faz.net erschienener Kritik, um sich ein Bild von der Konversationsveranstaltung zu machen.

Was die höchsten Kreise der Politik und des beitragsfinanzierten Infotainments mit dieser Themensetzung aussagen möchten, scheint klar zu sein: Es findet eine Art asymmetrischer Kampf zwischen den auf Faktenbasis argumentierenden Vertretern der etablierten Parteien und den frei phantasierenden Rechtspopulisten statt, mit einem evidenten methodischen Vorteil für die Letzteren.

29. September 2016

Der weltweite Dorfsheriff

Der Casper aus Hamburg hat es wieder einmal geschafft. Erneut gelangt er mit seinem Kampf gegen die pösen US-Konzerne in den Schlagzeilen. Auch nachdem ihm schon längst gerichtlich bescheinigt wurde, überhaupt nicht zuständig zu sein - im Kampf um mehr Aufmerksamkeit und mehr Untergebene ist ihm kein Aufwand zu teuer. Sind ja schließlich nur Steuergelder.

Verbraucherschutz war schon wiederholt in Zettels Raum Thema. Die üblichen Vorbehalte gelten auch hier: Es geht um ein völlig freiwilliges und kostenloses Angebot. Die Nutzer müssen nicht "geschützt" werden, weil sie jederzeit auf das Angebot verzichten können. Und im Zweifelsfall arbeitet der "Verbraucherschützer" hier wieder gegen die Interessen der Verbraucher. Denn die Verbraucher mögen das Angebot von Facebook und WhatsApp so, wie es ihnen dort angeboten wird. Da Casper selber noch nie ein nützliches Angebot produziert hat, ist bei ihm deutlich weniger Sachkenntnis in dieser Richtung zu vermuten.

27. September 2016

Wenns unbedingt mit Frau sein muss: Eine Filmkritik

Normalerweise ist Zettels Raum nicht gerade der richtige Ort für eine Filmkritik, ist doch der Anspruch diesen Ortes der von vernünftigen Gedanken von Gott, der Welt, der menschlichen Seele und allen Dingen überhaupt. Weil aber diese Filmkritik auch ein paar gesellschaftliche Aspekte haben wird, mache ich hier eine Ausnahme. Wenn seichte Kinofilme halt nicht ihr Interesse sind und Sie lieber in metaphysicher Betrachtung verweilen, dann machen Sie um den folgenden Artikel einen kleinen Bogen und lesen lieber morgen hier weiter.

25. September 2016

Zitat des Tages: "Bei der Polizei wird jeder Übergriff, bei dem nicht erwiesen ist, daß er keine rechtsextreme Motivation hat, in die Statistik hineingezählt."

Eine bemerkenswerte Einlassung des Brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) in einem Interview mit dem Sender Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb). In diesem Interview referiert  Woidke, wie der "Kampf gegen rechts" aus seiner Sicht zu führen sei und meint offensichtlich unter anderem einen Kampf mit den Mitteln der Statistik.

24. September 2016

Warum mir am 3. Oktober nicht recht zum Feiern zumute ist

Am 3. Oktober wird der Beitritt der DDR zum Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes im Jahr 1990 gefeiert. Ohne Zweifel ein erfreuliches Datum, das jedoch letztlich nur den formaljuristischen Schlußpunkt einer Entwicklung markiert, für die als Gedenkanlass andere Tage sehr viel kennzeichnender wären. Man könnte auch sagen: der Staat feiert am 3. Oktober in erster Linie wieder einmal sich selbst.

23. September 2016

Marginalie: Wir schaffen das nicht. "Rückführung"

Manchmal sind es die kleinen, versteckten Meldungen, unauffällig in den hinteren Seiten der Printmedien verborgen, oder auf den Netzportalen der größeren Outlets allein durch eine kurze, kaum auusagekräftige Kurzzeile verlinkten Meldungen, die die gutes Korrektiv zu den allfälligen Spins des tagespolitischen Geschäfts bilden und diese erst in ein aussagekräftiges Verhältnis rücken. Wer vor gut zwanzig Tagen über die Aussage "unser aller Domina und Geiselnehmerin" (Michael Klonovsky) aufgeschreckt worden ist, das Gebot der Stunde heiße jetzt "Rückführung"  -

Das Wichtigste sei nun, abgelehnte Asylbewerber abzuschieben. Man müsse verstärkt auf die Sorgen der Bevölkerung eingehen, sagte sie laut Teilnehmerangaben. Um solchen Flüchtlingen helfen zu können, die wirklich Hilfe bräuchten, und die Akzeptanz dafür in der Bevölkerung zu erhalten, müsse man entschlossen jene in ihre Heimat zurückschicken, die nicht schutzbedürftig seien.
 „Für die nächsten Monate ist das Wichtigste Rückführung, Rückführung und nochmals Rückführung“, wurde Merkel zitiert. Es könnten nur jene bleiben, die wirklich verfolgt sind. (Die Welt vom 3. Sept, 2016)

- der darf sich beruhigt zurücklehnen. Bangemachen gilt nicht; auch für die Große Politik: the show must go on, und eine Gefahr zur Umsetzung einer solchen radikalen Umsteuerung der hierzulande geübten Praxis droht nicht einmal ansatzweise.

21. September 2016

USA: Präsidentschaftswahl 2016. And the winner is...

47:23:18:50


Langggedienteren Lesern dieses Blogs wird es aufgefallen sein, daß die Wahlen zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in diesem Blog bislang keine (und nur in sehr eingeschränktem Maß im angeschlossenen Diskussionsforum) Aufmerksamkeit gefunden haben. Ganz im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Wahlen, die vom Gründer dieses Netztagebuchs in ausführlichen Serien detailliert begleitet worden sind (hier und hier nachzulesen). Das liegt natürlich am Naturell von "Zettels Erben", ihrer Aufmerksamkeitsökonomie, ihrer Präferenzen, und, zumindest im Fall des Endunterfertigten, am doppelten Gefühl, vor den verlinkten Beispielen nur trübseliges Pfuschwerk präsentieren zu können und auf die anderen Seite angesichts des Dauersperrfeuers, mit dem unsere Medien den nun seit 18 Monaten laufenden Wahl- und Vorwahlkampf abdecken, wenig bis nichts Substanzielles zum Thema beitagen zu können.

Nicht, daß es sich nicht lohnen würde, der unisono entschiedenen proaktiven Heiligsprechung der demokratischen Kandidatin Hillary Rodham Clinton nebst der ebenso flächendeckenden Perhorreszierung ihres satanischen Gegenparts Donald John Trump, dem eigentlich nur noch eine tiefrote Hautfärbung nebst zwei Stirnhörnchen zur Komplettierung des Leibhaftigen abgehen, durch die hiesigen Medien sanft zu widersprechen, allein schon aus Gründen einer mephistophelischen Lust am Widerspruch halber ("Ein Kerl, den alle Menschen hassen: Der muß was sein", meinte Arno Schmidt einmal). Aber zum einen neigen auch die Mehrzahl de Media outlets der Anglosphäre, die man salopp, aber nicht ganz unzutreffend ausgedrückt, als "linksdrehend" bezeichnen könnte, zumeist zu einer polarisierten Sicht auf beide Kandidaten, die dem hiesigen Medienstadl kaum nachsteht.  Zudem ist eine solche manichäische Präsentation, streng in weißgutdemokratisch versus schwarzargrepublikanisch geschieden, seit dem legendären Kampf um die Thronfolge Dwight D. Eisenhowers zwischen John F. Kennedy und Richard Mulhouse Nixon im Herbst 1960 mit dem legendären ersten Fernsehduell zu einer unveränderlichen Tradition geronnen wie der alljährliche Sturz Freddy Frintons über den Tigerkopf. The same procedure as every four years.

Und schließlich zählen für den Endunterzeichner (im weiteren Verlauf als "ich" figurierend; das Adorno'sche Verdikt Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie ich sagen ignoriert dieses schreibend unlyrische Ich als alteuropäische Dünkelhaftigkeit) nicht die Fürfallenheiten des Wettbewerbs um die Stimmen der Wähler, sondern das Endresultat. Nicht also: "wen würdest du am liebsten gewinnen sehen?", auch nicht "wer sollte die Wahl gewinnen?" (Zwei Fragen, die durchaus nicht deckungsgleich sind, wenn auch der Endunt..., wenn auch ich  freimütig zugebe, daß ich mich, hätte ich je die Staatsbürgerschaft meines so nur portativen Vaterlands erworben, mich ins Wählerverzeichnis der Partei im Zeichen des Elefanten eingetragen hätte. Bekanntlich ist das, nicht die bloße Gegenheit der Staatsbürgerschaft, die Voraussetzung, sein Kreuzchen setzen zu dürfen.) Sondern: "wer wird die Wahl gewinnen?" Nicht zuletzt verdankt sich das einem über Jahrzehnte konditionierten Pawlowschen Reflex wider bundesdeutsche Wahlkrämpfe von den Straußstops bis zur Guidomobilisierung, dem ein fortwährendes unaufgehobenes Moratorium sämtlicher Gladiatorenwettstreite das liebste wäre.  Die amerikanische Variante dieses Schaukampfs mit monatelangen Vorwahlen in allen Bundesstaaten, der Bestimmung der Wahlmänner, der endlosen Kavalkade der Spendengalas zur Einwerbung von Wahlkampfgeldern, dient freilich einem weiteren, wichtigeren Zweck: Wer diese Ochsentour unbeschadet übersteht, von dem kann der Wähler sicher sein, daß er (bislang nur "er") sämtliche denkbaren Fährnisse der kommenden Inkumbenzperiode lässig zu meistern versteht. Wer also wird die Wahl am 8. November, in genau sieben Wochen, für sich verbuchen?

Die wöchentlich oszillierenden Polls, die Wahlumfragen, haben in den letzten Wochen kaum nennenwerte Schwankungen gezeigt, zumeist mit einem leichten Vorsprung von 1 bis 2 Prozent für Frau Clinton: also einem nicht nennenwerten Bonus - vor den gut 9 Prozent für den Kandidaten der Libertarian Party, Gary Johnson, und gut dreieinhalb für das Aushängeschild der Green Party, Jill Stein. (Sollte es Sie überraschen, daß es in den USA überhaupt eine Partei der Grünen gibt, geschweige denn, daß man dort als Wettbewerber ums höchste Staatsamt antritt: beide Kandidaten vereinigen auf sich ein reines Protestwählerpotenzial: die Stimmen derer, die am politischen Prozeß teilnehmen möchten - Nichtwähler dürfen sich nicht über ihnen mißliebige Ergebnisse beklagen - aber ihr Mißfallen an der eingefahrenen, zementierten zweihundertjährigen bipolaren Tradition zum Ausdruck bringen wollen. Eine Rolle in der politischen Willensbildung spielen sie nie; ein Faktum, daß auch allen ihren Wählern - naiven Idealisten ausgenommen, die es in den USA nicht weniger gibt als auf unserer Seite des Großen Teiches - völlig klar ist. "Third party politics" haben seit den Know-Nothings der 1850er Jahre in der amerikanischen Politik nie eine Chance gehabt; ihre Anliegen finden erst dann wirksamen Ausdruck, wenn sie Einlaß in die Agenda der beiden großen Monolithe gefunden haben; zuletzt hat die Tea Party diese Erfahrung machen müssen.) 

(Apropos Tea Party: bei näherer und unaufgeregter Betrachtung ist es frappant, welche Ähnlichkeiten, welche Parallelen die amerikanische Tea Party mit der bundesdeutschen AfD aufweist: vom staatspolitisch eingefleischtesten Konservatismus bei gleichzeitig breiten, teilweise durchaus liberalismus-kompatiblen Ausrichtung auf anderen Gebieten, etwa der Wirtschaft; der vehementen Rückbesinnung auf die eigenen demokratischen Startpositionen, ob nun die Gründerväter oder die "Väter des Grundgesetzes" benebst den Römischen Verträgen; die Rekrutierung der Wählerschaft aus der gesamten Breite des politischen Spektrums; die systematische Verteufelung bis hin zur Perfidie und blanken Lüge, über Jahre und zumeist ohne jede Faktenabprüfung, durch die meinungsbildenden Hauptstrommedien; nicht zuletzt das weibliche Führungspotential, von diesen diesen Medien als entweder spleenig-bizarr oder als autoritäre Hexe verteufelt; bei denen nüchternen Betrachter es dagegen schwerfällt, ihnen ob ihrer bisherigen Lebensleistung einen tiefen Respekt zu versagen. Neither Michelle Bachmann nor Ms von Storch may be you cup of tea - no pun intended - but Frauke Petry is our Sarah Palin.)

Der Gleichstand der beiden Spitzenkandidaten Clinton und Trump schien bislang das Urteil zu rechtfertigen: "es bleibt weiterhin spannend". Zumal die oft als ausschlaggebend angesehenen drei Fernsehduelle (am Montag, dem 26. September an der Hofstra University in Hempsted im Bundesstaat New York; am Sonntag, dem 9. Oktober am der Universität von St. Louis, und zuletzt am Mittwoch, dem 19. Oktober an der Universität von Nevada in Las Vegas. Vier; wenn man den Schlagabtausch zwischen den Kandidaten fürs Vizepräsidentenamt am 4. Oktober mitzählt.)

Jetzt sind freilich drei Facetten, kleine Aspektchen eigentlich nur, hinzugekommen, die mir jedenfalls doch hinreichend scheinen, an dieser Stelle meinen Hut in den Ring zu werfen - auch wenn meine track record als politische Kassandra höchst deplorabel ist. Nach meinem Dafürhalten ist das Rennen entschieden, gelaufen. finito. And, wie man seit einiger Zeit im Deutschen sagt, the winner is

Der Nichterfinder des Pulvers

Was haben ein syrischer Arzt und ein senegalesischer Ministrant gemeinsam?

In beiden Fällen handelt es sich um Metaphern, Projektionen der politischen Meinung von Personen und Gruppen, die auf dem Rücken potenzieller Biografien einen von Tag zu Tag hässlicher werdenden politischen Streit austragen. Sie stehen sinnbildlich für den Verlauf der Diskussion.

20. September 2016

Marginalie: Wenn das Wickeln nicht so läuft

Ein ganz interessanter Artikel ist, wenn auch eher unter ferner liefen, in der FAZ erschienen und beschäftigt sich mit dem Elterngeld, speziell mit der Frage, warum es so wenig Väter (!) in Anspruch nehmen. Der Artikel selbst ist recht lesenwert, bleibt aber unterm Strich in einem Klischee haften, dass die wesentlichen Gründe warum Männer (!) keine Elternzeit nehmen, darin bestehen, dass zum einen das Geld dafür fehlt und sie zum anderen Männer keine Lust dazu haben. Am Ende bleibt der Leser mit der mehr oder weniger verhehlten Erkenntnis zurück, dass Männer, wenn sie nicht so faul und bequem wären, und sich Familien ein bischen mehr einschränken würden, mindestens ebenso oft Elternzeit nehmen würden, wie die Mütter. Oder sollten, je nach Leserart.

19. September 2016

Zeit zurückdrehen ? Frau Bundeskanzler simuliert Selbstkritik.

"Merkel gesteht Fehler in der Flüchtlingspolitik ein", so titelt die FAZ heute und zitiert gleich einen passenden Satz dazu: „Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen“.
Sapperlot mag dem einen oder anderen durch den Kopf gehen: Hat Sie jetzt, nachdem es ihr nun mehr als ein Jahr um die Ohren gehauen wird, endlich verstanden, welchen Schaden sie angerichtet hat, welch massives Problem sie verursachte? Um es kurz zu sagen: Nein, hat sie nicht. Ganz im Gegenteil. Die Aussagen von Merkel dienen eigentlich nur einem Zweck: Dem Nachlaufen der öffentlichen Diskussion, um so zu tun, als habe sie die Kritik nicht nur verstanden, sondern sei ja eigentlich auch schon immer dieser Meinung gewesen. Inhaltlich ist ihre Reflektion ohne jedwede Eigenerkenntnis, dafür mit viel Selbstgerechtigkeit und vielen Floskeln.

18. September 2016

Mimimi

Mimimi ist ein wunderschönes und ausgesprochen praktisches Wort. Es ist unglaublich hilfreich, wenn es darum geht sachliche Auseinandersetzung erst gar nicht bestreiten zu müssen und den adressierten Personen von vorneherein die Berechtigung zu entziehen sich zu beschweren.
So spart man sich nicht nur die Auseinandersetzung, man kann auch gleichzeitig ein Statement darüber abgeben, dass die Adressierten eigentlich eine Bande von Weicheiern sind, die gefälligst vom Herd wegbleiben sollen, wenn sie das Feuer nicht vertragen. Wunderschön. Einfach. Unsachlich. Und furchtbar praktisch.

14. September 2016

Neues vom Hausbau: Das Märchen vom Passivhaus

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Wenn man sich heute mit dem Thema Neubau von Wohnhäusern beschäftigt (was diesen Autor derzeit umtreibt), dann begegnet einem ab und an ein besonderes Wesen, dass seine Verwandtschaft mit dem gemeinen Einhorn nicht ganz von der Hand weisen kann: Das so genannte Passivhaus.

12. September 2016

Kurioses kurz kommentiert: Ist die Monarchie der Ausweg?

Der Verfasser dieser Zeilen glaubt ja gewöhnlich nicht daran, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als ihn seine Schulweisheit lehrt. Aber mittlerweile möchte er nicht mehr ausschließen, dass der große Kaiser in seinem hundertsten Todesjahr mit homerischem Gelächter auf die Nachkommen seiner Untertanen herabschaut: Die Stichwahl zum österreichischen Bundespräsidenten wird wohl verschoben werden - wegen funktionsuntüchtiger Klebestreifen auf den Wahlkarten. Dies ist in rechtlicher Hinsicht keineswegs unproblematisch.

5. September 2016

Ja, nein, vielleicht - Gedanken zur Änderung des Sexualstrafrechts, Teil 1

Führerscheinneulig Fritz fragt seinen Onkel Otto, der gerade ein nagelneues Sportwagenmodell Zuffenhausener Provenienz in seine Garage eingestellt hat: "Verkaufst du mir die Kiste für 100 Euro?" Daraufhin Onkel Otto, mit dem rechten Zeigefinger an seine Stirn tippend und in erkennbar ironischem Ton: "Aber natürlich, der Herr. Stets zu Diensten."

Andere Szene: Führerscheinneuling Fritz fragt seinen Onkel Otto, der einen in die Jahre gekommenen Kleinwagen aus Rüsselsheim sein Zweitfahrzeug nennt: "Leihst du mir mal bitte kurz deinen Corsa? Ich muss für meine Party heute Abend Getränke holen." Daraufhin Onkel Otto in strengem Ton: "Nein." Den irritierten Gesichtsausdruck seines Neffen erwidert er mit einem Lächeln und wirft ihm den Autoschlüssel zu.

4. September 2016

Drittstärkste politische Kraft im Bund: Anmerkungen zum AfD-Erfolg aus psychologischer Perspektive

Laut Meinungsumfragen bildet die AfD bundesweit aktuell die drittstärkste politische Kraft. Möglicherweise wird sie nach den heutigen Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern noch vor der CDU liegen. Auch wenn viele Entwicklungen der vergangenen Monate darauf hingedeutet haben, so ist dies dennoch ein bemerkenswerter Vorgang für eine Partei, die zunehmend völkisch und querfrontig grundiert erscheint und deren Flügelkämpfe eigentlich, den gängigen Regeln von Politik und Demoskopie folgend, zu deren Schwächung führen müßten. Aktuell kann die AfD augenscheinlich machen was sie will, sie wird, so scheint es, vom Wähler aus Prinzip goutiert.

30. August 2016

Sex, Lügen und Video. Ein kleiner Gedankensplitter zum Fall Gina-Lisa.

Eine bittere Pille für "Team Gina-Lisa", das Amtsgericht Berlin-Tiergarten verurteilte die C-Prominente Gina-Lisa Lohfink zu einer Strafe von 80 Tagessätzen wegen falscher Verdächtigung. Damit geht ein eigentlich vom Ergebnis her ziemlich irrelevanter Prozess (80 Tagessätze entsprechen nicht einmal einer Vorstrafe) in der ersten Runde vorerst zuende. Das Gericht lies am Ende wenig Zweifel an seiner Überzeugung daran, das nicht nur keine Vergewaltigung stattgefunden hat, sondern auch das Frau Lohfink bewusst gelogen hat, um eine falsche Verurteilung ihrer früheren Liebhaber zu erreichen.