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11. November 2008

Die vier hessischen SPD-Dissidenten bei Reinhold Beckmann. Wie glaubwürdig sind sie? Über Gewissensentscheidungen

Nach der Pressekonferenz, die die vier hessischen SPD- Dissidenten gestern vor einer Woche im Wiesbadener Dorint- Hotel hielten, haben sich viele gefragt, was sie zu ihrem Verhalten motiviert haben mochte.

Warum haben drei von ihnen sich nicht früher erklärt? Warum haben sie sogar bei Probe- Abstimmungen ihre Bereitschaft zu Protokoll gegeben, nach erfolgreichen Verhandlungen mit den Grünen für eine von "Die Linke" tolerierte Ministerpräsidentin Ypsilanti zu stimmen?

Sofort tauchte das Gerücht auf, die drei seien von der Energie- Industrie gekauft worden. Eine der Quellen für diese Gerüchte war die Bundestags- Abgeordnete Helga Lopez, die gerade wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt wurde. Die Vermutung liegt nahe, daß da jemand sein eigenes Verhältnis zu "Silberlingen" (so Lopez) auf andere projiziert hat.

Dieses Gerücht war schlechterdings infam; so, wie Maßnahmen der Führung der SPD- Fraktion wie der Ausschluß der vier aus Fraktionssitzungen und der kolportierte Plan, sie gar im Landtag getrennt von der Fraktion zu setzen, nur als schäbig bezeichnet werden können.



Aber die Frage nach dem Motiv bleibt. Hätte jemand, der aus Gewissensgründen eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ablehnt, das nicht sofort sagen können und müssen? Hätte nicht spätestens der Schritt von Dagmar Metzger für die drei anderen der Anlaß sein müssen, sich ihr anzuschließen?

Es gibt da einen Erklärungsbedarf; ein Bedürfnis, besser zu verstehen, was in den Dissidenten vorgegangen ist.

In den letzten Tagen sind zwei Artikel erschienen, die sich im Detail, offenbar gestützt auf eingehende Gespräche mit den Dissidenten, mit dieser Frage befassen: Ein Artikel von Matthias Bartsch, Konstantin von Hammerstein und Kerstin Kullmann im gedruckten "Spiegel" dieser Woche ("Spiegel" 46/2008, S. 26 - 30) und ein Bericht von Thorsten Holl in der FAZ.

Gestern Abend dann sind die Vier in der Sendung "Beckmann" aufgetreten und haben sich den wie immer direkten, bohrenden, aber fairen Fragen von Reinhold Beckmann gestellt.

Es beginnt sich ein Bild abzuzeichnen. Nicht für alle vier. Die Motive und das Verhalten von Dagmar Metzger lagen von Anfang an offen zutage. Bei Jürgen Walter andererseits ist auch jetzt noch vieles im Dunklen. Er hat ja den Koalitionsvertrag mitverhandelt und danach nicht etwa kritisiert, daß man überhaupt mit den Kommunisten paktieren wolle, sondern er hat sich über den Zuschnitt des für ihn vorgesehenen Ministeriums beschwert.

Aber die Motivation der beiden Abgeordneten Carmen Everts und Silke Tesch, die Motive nicht nur für ihre Entscheidung, sondern auch für ihr Entscheidungsverhalten, beginnen sich doch abzuzeichnen.



Warum haben die beiden Abgeordneten sich nicht gleich erklärt?

Gewissensentscheidungen sind ihrem Wesen nach keine einfachen Entscheidungen. Das, was wir "Gewissen" nennen, zeigt sich ja überhaupt erst im Konflikt. Ohne Konflikt handelt man eben, wie man es für richtig hält. Erst wenn dem etwas entgegensteht, kommt das Gewissen ins Spiel.

Das kann zu quälenden, langwierigen Konflikten führen. Da drückt man nicht auf den Knopf, und heraus purzelt die Gewissensentscheidung wie das Horoskop aus dem Automaten. Da quält man sich.

Die Offiziere des 20. Juni standen in einem solchen Konflikt, in dem ihr Gewissen von ihnen verlangte, ihren Hitler geleisteten Eid zu brechen. Kommunisten, die am Ende mit ihrer Partei brachen, haben diesen langen Konflikt regelmäßig erlebt. Wolfgang Leonhard hat das zum Beispiel in "Die Revolution entläßt ihre Kinder" geschildert.

Diese Beispiele sind sicher zu hoch gegriffen, um das zu beschreiben, was Silke Tesch und Carmen Everts an Konflikt zu bewältigen hatten. Aber in gewisser Weise war ihre Situation doch vergleichbar: Sie standen vor der Wahl, entweder ihre Überzeugung zu verraten oder ihrer Partei zu schaden.

In einer solchen Situation findet man es häufig, daß die im Konflikt Stehenden vor einer Entscheidung zurückweichen, solange diese nicht zwingend erforderlich ist. Es könnte ja immer noch eine Situation eintreten, die ihnen die im einen wie im anderen Fall bittere Entscheidung erspart. So schilderte es gestern Carmen Everts bei Beckmann:
Meine Hoffnung war, daß wir einen Ausstieg finden aus dieser Linksbeteiligung. Und daß wir - wir haben ja harte Kriterien formuliert, es gab bei der Linkspartei sehr harte Ansagen auf ihrem Parteitag ... und ich hatte schon die Hoffnung am Ende, daß auch in den Koalitionsverhandlungen und zum Abschluß dieses Prozesses man den Ausstieg noch findet.
Reinhold Beckmann hat dem entgegengehalten, daß doch die "Linken" sich "fast kooperativ verhalten" hätten; daß es "auf den letzten Metern doch gar keine Chance mehr" gegeben hätte, daß sich noch etwas ändert. Darauf Everts:
Aber man stellt sich, glaube ich, die Frage "Wie stimmst du ab?" dann erst wirklich ganz am Ende. (...) Es ist eine existenzielle Frage gewesen ... die habe ich mir am Ende sehr, sehr nachdrücklich gestellt.
Ich finde das überzeugend. So überzeugend wie die schnelle Entscheidung der Abgeordneten Metzger, die - aus "altem SPD-Adel" stammend - mit Selbstbewußtsein ihrem inneren Kompaß folgte. Bei Carmen Everts und Silke Tesch war das anders. Es verdient deshalb nicht weniger Respekt.



Respekt verdienen die beiden Abgeordneten auch, weil sie mit ihrer Entscheidung schwere persönliche Konsequenzen auf sich genommen haben; nicht nur die jetzige schmähliche Behandlung durch ihre Partei, sondern auch eine ungewisse wirtschaftliche Zukunft. Dazu der "Spiegel" über die Lage vor der Entscheidung der beiden Abgeordneten:
Everts, Tesch und Walter ist klar, was sie mit ihrem Schritt riskieren. Eine Welle des Hasses wird über sie niedergehen, sie werden Teile ihres sozialen Umfelds abschneiden, vor allem aber werden sie vor dem wirtschaftlichen Nichts stehen. Walter wird wohl als Anwalt wieder Arbeit finden, Everts verfügt über eine gute wirtschaftliche Ausbildung, aber was wird aus Tesch, deren Familie hauptsächlich von ihren Abgeordneten- Diäten lebt?
Silke Tesch hat in dem Gespräch angedeutet, daß ihr Mann schwer erkrankt ist und daß sie selbst (wie auch Carmen Everts) mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Auch solche persönlichen Gesichtspunkte spielen bei derartigen Entscheidungen eine Rolle.

Die Ökonomie kennt das Konstrukt des Homo Ökonomicus, der sich in seinen Entscheidungen allein von seinem wirtschaftlichen Vorteil leiten läßt. In der Politik tendieren wir oft dazu, die Akteure ähnlich als lauter kleine Ausgaben eines Homo Politicus zu sehen, dessen Entscheidungen allein vom Machtmotiv bestimmt sind.

In dem Gespräch bei Beckmann klang immer wieder an, daß Andrea Ypsilanti nachgerade blind gewesen sei für die Signale, die von den späteren Dissidenten kamen. Ähnlich hat sie offenbar die Folgen falsch eingeschätzt, als sie Jürgen Walter mit einem Mini- Ministerium abspeisen wollte, in dem er von Ypsilantis Intimus, dem für das Wirtschafts- Ministerium vorgesehenen Hermann Scheer, abhängig gewesen wäre.

Sie hat wohl damit gerechnet, daß ein Homo Politicus auch das schluckt, wenn er nur Minister werden darf. Er wird es als Rückschlag verbuchen und weitermachen.

Sie hat offenbar ebenso damit gerechnet, daß Silke Tesch und Carmen Everts am Ende doch lieber ihr Mandat behalten als dieses opfern und ihre wirtschaftliche Existenz zur Disposition stellen würden, nur um ihrem Gewissen zu folgen.

Bei Silke Tesch hat sie sicherheitshalber noch etwas nachhelfen wollen, indem sie ihr für den Fall von Wohlverhalten das Amt einer Vizepräsidentin des Landtags in Aussicht stellte; mit höheren Diäten und einem Dienstwagen.

Andrea Ypsilanti wollte - so wurde es ihr laut "Spiegel" aus der Fraktion vorgehalten - den ganzen rechten Flügel "abschneiden". Sie wollte "durchregieren", wie es im Gespräch bei Beckmann gesagt wurde.

Sie fühlte sich offenbar stark genug dafür, weil sie vom Egoismus der anderen ausging. Sie setzte darauf, daß am Ende Jürgen Walter seinen Vorteil darin sehen würde, Minister zu werden; daß Silke Tesch den Vorteil ergreifen würde, Vizepräsidentin zu werden; daß Carmen Everts lieber weiter in der SPD Karriere machen würde, als ins Nichts zu fallen.

Und als diese sich nicht wie erwartet verhielten, hatte sie laut "Spiegel" nur eine Erklärung: "Wer hat euch gekauft?"

So denken sie, Leute wie Andrea Ypsilanti.



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18. Juni 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Ein Rezept für den Selbstmord der SPD

Die Neue-Mitte-SPD kann ihre Politik nur dann zielstrebig verfolgen und politisch gegen die Union zum Erfolg führen, wenn eine intakte, kampagnenstarke, gut geführte, populistisch raffinierte Linkspartei die zurückgebliebenen und sozial frustrierten Unterschichten sammelt und eine Merkel- Westerwelle- Koalition dadurch weiterhin allein arithmetisch unmöglich macht.

Franz Walter in "Spiegel Online".

Kommentar: In schlichtes Deutsch übersetzt heißt das: Die SPD soll sich zur Mitte hin bewegen, damit die "Linke" die traditionellen SPD-Wähler übernehmen und man dann gemeinsam regieren kann.

Mit diesem Rezept zieht der Autor Franz Walter ("Lob der Lüge") seit Monaten durch die Gazetten; und erstaunlicherweise kaufen sie ihm das, im doppelten Wortsinn, immer noch ab.

Ja, erstaunlicherweise. Denn abgesehen davon, daß Walter in immer neuen Aufsätzen immer dasselbe schreibt - was er vorschlägt, das ist ja offenkundig ein Rezept für einen Selbstmord der SPD.

Eine einerseits zur Mitte gerückte, andererseits aber mit den Kommunisten koalierende SPD stünde vor der Wahl, entweder eine linke Politik zu machen und damit just die von Walter beschworenen Wähler der "Neuen Mitte" an die CDU oder die FDP zu verlieren; oder, alternativ, sich den Kommunisten zu widersetzen - mit dem Ergebnis eines Dauerstreits in einer Koalition, gegen die die jetzige eine wahre Idylle der Kooperation wäre.

Mit dem absehbaren Ergebnis, daß die SPD in etwa die Rolle "hineinwachsen" würde, die in der italienischen Nachkriegsrepublik und in der Vierten Republik Frankreichs die Sozialdemokraten spielten - eine kleine Partei zwischen den mächtigen Kommunisten und den bürgerlichen Parteien.



Die SPD kann nicht zugleich nach rechts und nach links rücken. Sondern sie hat die Wahl, sich entweder programmatisch nach links zu bewegen und sich damit auf eine Volksfront- Koalition vorzubereiten, oder sich für eine Politik der Mitte zu entscheiden und damit für eine Koalition mit den Grünen und der FDP.

Daß die SPD einerseits eine Partei der "Neuen Mitte" werden und andererseits auf eine Koalition mit den Kommunisten hinarbeiten soll - das ist so typisch Mini- Machiavelli, daß es schon fast zum Lachen ist.

Daß es jedenfall verdient, unter "Kurioses" kurz kommentiert zu werden.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

20. Mai 2008

Zettels Meckerecke: Westentaschen-Machiavellis. Wie die SPD bei der Wahl des Bundespräsidenten taktiert

Das Taktieren der SPD in Sachen Bundespräsident ist ebenso durchsichtig, wie es mal wieder ein Beispiel für den täppischen Machiavellismus ist, der offenbar - siehe Wiesbaden - unter Kurt Beck zum Markenzeichen der SPD zu werden beginnt.

Bisher hat sich noch stets in der Geschichte der Bundesrepublik ein Bundespräsident nur dann zur Wiederwahl gestellt, wenn er sicher sein konnte, sowohl von Regierungsseite als auch von der Opposition gewählt zu werden.

Das ist bisher erst dreimal geschehen. Fünf der Präsidenten (Heinemann, Scheel, Carstens, Herzog und Rau) amtierten nur für eine Amtsperiode.

Theodor Heuß wurde 1954 mit den Stimmen sowohl der Regierungsparteien CDU/CSU und FDP als auch der SPD-Opposition wiedergewählt.

Bei seiner Wiederwahl 1974 erhielt Heinrich Lübke sowohl die Stimmen der Regierungspartei CDU als auch die der in der Opposition stehenden SPD; die FDP allerdings hatte mit Ewald Bucher ihren eigenen Kandidaten aufgestellt.

Richard von Weizsäcker hatte bei seiner Wiederwahl 1989 keinen Gegenkandidaten und wurde von den Regierungsparteien sowie von der SPD-Opposition unterstützt.

Es liegt also auf der Hand, daß Bundespräsident Köhler nur dann für eine zweite Amtsperiode zur Verfügung stehen wird, wenn auch die SPD sich für ihn entscheidet. Angesichts der bisherigen Tradition in diesem Punkt würde eine Wiederwahl mit einem knappen Ergebnis nachgerade einer Demontage Köhlers und einer Beschädigung des Amtes gleichkommen.



Verhielte sich die SPD fair statt machiavellistisch, dann würde sie dem Bundespräsident die Information geben, die er für seine Entscheidung braucht: Ihm entweder mitteilen, daß sie ihn unterstützen wird, oder ihm sagen, daß er nicht auf ihre Stimmen rechnen kann. Falls sie zu dieser Entscheidung jetzt nicht in der Lage ist, dann hätte sie den Mund zu halten gehabt.

Was aber machen diese Westentaschen- Machiavellis um Kurt Beck, Andrea Nahles und Hubertus Heil?

Sie veranstalten das Spektakel eines "Geheimtreffens", das so geheim ist, daß es schon am selben Abend mit allen Einzelheiten, inclusive Teilnehmerliste und Ort des Geschehens von dpa gemeldet wird.

Der Generalsekretär Heil tut dann erst so, als sei es in dem Treffen gar nicht um die Wahl des Bundespräsidenten gegangen. Dann läßt man durchsickern, daß es sehr wohl darum gegangen sei und daß Frau Schwan nicht abgeneigt sei.

Von dem, was das Ergebnis dieses angeblich geheimen Treffens war, wird eine so breite Spur gelegt, wie das Winnetou zu tun pflegte, wenn er sicher sein wollte, daß seine Verfolger ihn auch ja nicht aus dem Auge verlieren. So breit, daß in der gestrigen FAZ Stefan Dietrich schreiben konnte:
Nachdem sich der Parteivorsitzende Beck und seine drei Stellvertreter mit der von Andrea Nahles schon zur Wunschkandidatin ausgerufenen Gesine Schwan getroffen haben, ist die Grundsatzentscheidung über die Nominierung einer Gegenkandidatin – ein Kandidat kommt wohl nicht in Frage – gefallen.
Nur bekanntgeben tun sie die Entscheidung nicht, die Führer der SPD. Das täten sie aus Respekt nicht, versichern sie treuherzig. Wie dpa meldet:
Die SPD wolle zuerst Klarheit, ob Köhler erneut zur Verfügung stehe, sagte Heil. Das gebiete der Respekt vor dem höchsten Staatsamt. Die SPD habe aber das Recht, einen eigenen Kandidaten zu nominieren.
Was Heil und seine Genossen veranstalten, ist allerdings, wie R.A. bei den Kollegen von B.L.O.G. treffend bemerkt, "gerade das Gegenteil von 'Respekt vor dem höchsten Staatsamt'":
Die SPD fordert, daß sich Köhler aus dem Fenster lehnt und um eine zweite Amtszeit bittet. Um ihm anschließend sagen zu können: "Ätsch, wir würden Dich aber lieber absägen".
Den Vortritt will sie Köhler lassen, sagt die SPD. Man kann jemandem auch den Vortritt lassen, um ihn von der Treppe hinabzustoßen.



Der Respekt vor dem Amt des Präsidenten nämlich ist bei Beck und Heil offensichtlich so ausgeprägt, daß sie ihn als Schachfigur in ihrem Spiel "Wir fädeln mittels der Wahl einer Bundespräsidentin die Volksfront- Koalition ein" verwenden möchten.

Denn ohne eine vorausgehende Zusage der SPD, ihn zu wählen, kann Köhler sich, siehe oben, nicht zu einer zweiten Amtszeit zur Verfügung stellen.

Die SPD gedenkt ihn also in eine Situation zu manövrieren, in der er gar keine Wahl hat, als abzusagen. Das soll dann das Signal für unsere kleinen Machiavellis sein, sich hinzustellen und mit biederem Blick zu sagen: Tja, unter diesen Bedingungen werden wir natürlich unsere eigene Kandidatin präsentieren. Niemand kann doch von uns erwarten, einen neuen CDU- Kandidaten mitzuwählen.

Es ist schlau eingefädelt, freilich nur so bauernschlau, wie nicht nur Beck und Heil, sondern auch ihre Wiesbadener Genossin Ypsilanti halt sind. SchülerInnen eher jener Leuchte der deutschen Politologie, des Lobredners der Lüge Franz Walter, als des großen Niccolò Machiavelli.

Und wer weiß, vielleicht fallen die kleinen Taktierer ja auch so auf die Nase wie ihre Kollegin in Wiesbaden. Laut einer heute veröffentlichten Forsa-Umfrage liegt die SPD jetzt bei 23 und "Die Linke" bei 13 Prozent. Das ist die Quittung für die taktischen Meisterleistungen der SPD-Spitze. Und 57 Prozent dieser kleinen Schar der verbliebenen SPD-Anhänger sind dafür, daß die SPD Köhler mitwählt. Nur 35 Prozent hätten gern einen eigenen SPD-Kandidaten, also nach Lage der Dinge die Kandidatin Schwan.

35 Prozent von 23 Prozent, das sind etwas mehr als sieben Prozent der Befragten. Auch wenn vermutlich aus den anderen Parteien noch manche eine Kandidatur von Gesine Schwan unterstützen würden - von einer Massenbewegung zu ihren Gunsten wird man nicht eben sprechen können.

Mir scheint, sie müssen sich warm anziehen, die Meister der Taktik an der Spitze der SPD. Und hoffen, daß sie nicht am Ende des Jahres 2009 unter einem Bundeskanzler Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine ins Kabinett müssen, vereidigt von einem wiedergewählten Präsidenten Köhler.

Na gut, das war jetzt Satire. Aber wo hört, angesichts der im Irrgarten der Taktik herumtaumelnden SPD-Führung, die Wirklichkeit auf und fängt Satire an?



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24. Mai 2007

Zettels Meckerecke: Pervers, in der Tat

Dailynet brachte gestern diese Pressemitteilung:
Petra Pau: Perverser Schritt zum präventiven Sicherheitsstaat

Die Polizei hat bei vermeintlichen G8-Gegnern Körpergeruchsproben als Wiedererkennungs- Marke für speziell abgerichtete Hunde genommen. Dazu erklärt Petra Pau, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE. und Mitglied im Innenausschuss:

Das ist ein weiterer Schritt vom demokratischen Rechtsstaat zum präventiven Sicherheitsstaat, noch dazu ein perverser.

Ein Staat, der derartige Anleihen beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR nimmt, beraubt sich jeder bürgerrechtlichen Legitimation.

Pressekontakt:
Christian Posselt
Deutscher Bundestag
Fraktion DIE LINKE.
Pressereferent
Platz der Republik 1
11011 Berlin
Tel: 030 227 52803
Fax: 030 227 56801
email: christian.posselt@linksfraktion.de
website: http://www.linksfraktion.de

In der Wikipedia ist über Petra Pau zu lesen:
Petra Pau (* 9. August 1963 in Berlin) ist eine deutsche Politikerin (Linkspartei.PDS). (...)

Nach dem Besuch einer Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule (POS) begann Petra Pau 1979 eine Ausbildung am Zentralinstitut der Pionierorganisation in Droyßig, die sie 1983 als Freundschaftspionierleiterin und als Unterstufenlehrerin für Deutsch und Kunsterziehung beendete. Bis 1985 war sie in ihrem erlernten Beruf tätig und begann dann ein Studium an der SED-Parteihochschule Karl Marx, welches sie 1988 als Diplom- Gesellschafts- wissenschaftlerin abschloss. Sie war dann bis 1990 Mitarbeiterin beim Zentralrat der FDJ, den sie nach der Wende abwickelte.
Bei der erfolgreichen Revolution gegen den Staat mit dem Ministerium für Staatssicherheit war Petra Pau 26 Jahre alt. Sie hatte bis dahin diesem Staat nicht nur gedient, sondern sie hatte ihm als Berufs- Funktionärin gedient.

Sie hat einem Staat gedient, den man mit Recht als "präventiven Sicherheitsstaat" bezeichnen kann, auch als einen perversen, wenn man denn diese Terminologie schätzt.

Sie hat sich, immerhin damals keine Jugendliche mehr, nicht gegen die Herrschaft der Stasi gewandt; sie hat sie im Gegenteil als Funktionärin des Regimes unterstützt.



Welche Unverfrorenheit gehört dazu, daß eine Frau, die sich aktiv für einen Staat eingesetzt hat, der jeder "bürgerrechtlichen Legitimation" entbehrte, sich jetzt öffentlich um die "bürgerrechtliche Legitimation" des demokratischen Rechtsstaats sorgt, den ihr Staat bis zu seinem Ende erbittert bekämpft hat?

Welche Verlogenheit braucht eine Frau, die einem Unrechtsstaat in hoher Funktion gedient hat, um jetzt vor "Anleihen" beim Repressionsapparat dieses Staats zu warnen?



Nein, keine Unverfrorenheit, keine Verlogenheit. Petra Pau verhält sich nur so, wie Marxisten-Leninisten das gelernt haben: machiavellistisch. Perversion - ja, die ist hier schon im Spiel. Es ist aber nicht die persönliche Perversion der Petra Pau, sondern es ist die Perversion leninistischen Denkens, das keine Moral kennt, außer der Moral der Macht.

Wenn die liberale Öffentlichkeit, wenn die nichtkommunistische Linke so dumm sind, den Kommunisten zu glauben, daß sie kollektiv im Herbst 1989 von einem Saulus- Paulus- Erlebnis erfaßt wurden; daß sie stracks von Funktionären des Totalitarismus (die sie alle waren, die heutige Führung der PDS aus dem Osten) zu überzeugten Bürgerrechtlern geworden sind: Warum soll man sie dann nicht an der Nase herumführen, diese dummen Bürger?

Und wenn man es einer DDR-Funktionärin, wenn man es Spitzen der Nomenklatura wie Gysi und Bisky abkauft, daß sie jetzt den bürgerlichen Rechtsstaat gegen Stasi- Gefahren verteidigen wollen - warum sollen sie, warum soll die kommunistische Partei dann nicht diese Taktik versuchen?

27. April 2007

Randbemerkung: Was will Putin? Elementary, my dear Watson

"Nato rätselt: Was will Putin?" titelt im Augenblick die FAZ. Mir scheint, die Antwort ist einfach.

Politiker mit wenig Skrupeln setzen gern die Außenpolitik für ihre parteipolitischen, gar ihre persönlichen Ziele ein. Sie riskieren es auch schon mal, außenpolitisch Vertrauen zu verspielen, den Interessen ihres Landes zu schaden, wenn das ihren persönlichen Nutzen mehrt.

Gerhard Schröder hat das exemplarisch im Spätsommer 2002 vorgeführt, als er sein Bush gegebenes Wort brach und Deutschland massiv gegen die Irak-Politik der USA in Stellung brachte. Mit Erfolg: Seine Friedens- Rhetorik brachte ihm einen knappen Wahlsieg.

Das Verhältnis zu den USA war danach zwar zerrüttet; aber dafür stand ja Putin als neuer Bündnispartner bereit, zusammen mit Chirac, für eine gegen die USA gerichtete Achse Paris- Berlin- Moskau.



Schröder als Kanzler ist glücklicherweise Vergangenheit. Aber der Männerfreund Wladimir hat offenbar etwas von Gerhard gelernt: Wenn man das Volk hinter sich bringen will, dann muß man sein Sicherheitsbedürfnis, seine Friedenssehnsucht ansprechen. Oder auf die USA eindreschen. Am besten aber beides.

Seit Anfang Februar habe ich hier immer einmal wieder darauf hingewiesen, daß Putin unter Bruch, Umgehung oder Änderung der russischen Verfassung versuchen könnte, auch nach Ablauf seiner Amtszeit Anfang nächsten Jahres weiter Präsident zu bleiben.

Dafür sprechen diverse Indikatoren: Putin läßt seine Getreuen nach einer Verlängerung seiner Amtszeit rufen und die Gefahr ausländischer Einmischung in die russische Innenpolitik an die Wand malen.

Jetzt fehlt nur noch die internationale Krise, die die Russen endgültig danach rufen lassen wird, daß ihr guter Zar Putin, ihr starker Zar Putin sie jetzt nicht verläßt.

Offenbar ist Putin dabei, sie, getreu nach Gerhards Vorbild, in Gestalt einer Konfrontation mit den USA zu inszenieren. Und zwar, wie damals Schröder, basierend auf einer bewußten Unwahrheit:

Schröder hatte den Eindruck erweckt, die USA würden Deutschlands Beteiligung an einem etwaigen Irak- Krieg verlangen; was niemals zur Diskussion gestanden hatte. Er beschwor eine inexistente Gefahr, um sie dann mit großer Geste abzuwehren.

Putin erweckt jetzt, nach genau demselben Rezept, bei den Russen den Eindruck, die Nato würde sie durch das geplante Raketensystem bedrohen. Das ist zwar ebenfalls schlicht die Unwahrheit, aber wie damals Schröder wird jetzt Putin viele seiner Landsleute davon überzeugen, daß er als Beschützer gegen diese Gefahr unverzichtbar ist.

31. Januar 2007

Christian Klar begnadigen? Offene Türen, zwei Bundespräsidenten, linke Machiavellisten

Die Diskussion um die vorzeitige Freilassung der beiden RAF- Häftlinge Mohnhaupt und Klar scheint zunehmend vom Thema "Reue" bestimmt zu werden.

Dabei werden nicht selten offene Türen eingerannt. In Spiegel- Online argumentiert die Schwester der RAF- Terroristin Susanne Albrecht, Julia Albrecht, zum Beispiel wortreich, man könne von Brigitte Mohnhaupt keine "öffentliche Auseinandersetzung mit den damaligen Taten fordern".

Ja, wer tut das denn? Mohnhaupts Strafe soll zur Bewährung ausgesetzt werden. Reue spielt bei der Entscheidung darüber keine Rolle, eine "öffentliche Auseinandersetzung" spielt nicht die geringste Rolle. Sondern es geht um die Prognose, ob sie weitere Morde oder sonstige Gewalttaten begehen wird. Diese Prognose ist günstig, also wird sie entlassen werden.

Die Dinge liegen ganz anders bei Christian Klar. Er will begnadigt werden. Auf Begnadigung hat niemand ein Recht; und es geht dabei nicht nur um die Prognose.

Aber auch eine Begnadigung setzt keineswegs ein öffentliches Reuebekenntnis voraus. Auch Volker Schlöndorff rennt eine sperrangelweit offenstehende Tür ein, wenn er - laut Spiegel- Online -, sagt: "Ich würde Reue aus Anstand erwarten, aber ich würde sie nicht zur Vorbedingung machen, weil das der Scheinheiligkeit Tür und Tor öffnen würde".



Ja, gewiß. Ein Reuebekenntnis, das als formale Vorbedingung für eine Begnadigung verlangt werden würde, wäre ungefähr so viel wert wie der Übertritt zum Islam, mit dem im August letzten Jahres zwei von Terroristen entführte Mitarbeiter von Fox News ihr Leben retteten.

Niemand, sicherlich nicht die mit seinem Fall befaßten Bundespräsidenten, hat von Christian Klar ein "öffentliches Reuebekenntnis" verlangt oder erwartet.

Es geht um etwas anderes. Um was, das wird aus diesem Artikel der "Süddeutschen Zeitung" deutlich: "Nach der Praxis aller Bundespräsidenten kommt es bei einer Begnadigung auf Gnadenwürdigkeit und Gnadenbedürftigkeit an. Zu den Prinzipien gehört ferner, dass ein Gnadenakt nicht das Urteil aushöhlen darf."

Kein öffentliches Reuebekenntnis. Kein mea culpa, mea maxima culpa.

Aber doch Anhaltspunkte dafür, daß jemand, der zahlreiche Menschen ermordet hat, dies als ein Verbrechen akzeptiert, und daß er nicht darin eine "politische Strategie" sieht. Daß er einsieht, daß er ein Mörder ist und nicht ein "Kämpfer". So, wie zum Beispiel Silke Maier-Witt ihr Unrecht eingesehen hat.



Aber daß es um Verbrechen geht, nicht um Politik - das bestreiten ja nicht nur immer noch viele der ehemaligen Terroristen.

Im "Neuen Deutschland" schreibt ein gewisser Tom Strohschneider: "In der Debatte um die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt und eine Begnadigung Christian Klars ist viel von Reue und Moral die Rede. Das hat eine Menge mit Populismus zu tun – aber auch mit der Lufthoheit über den erinnerungspolitischen Stammtischen."

Und später: "Das in den letzten Jahren erfolgreich etablierte RAF-Bild von den durchgeknallten Bürgerkindern, deren Taten weniger politisch denn pathologisch zu erklären seien, soll auch den diesjährigen Erinnerungsmarathon '30 Jahre Deutscher Herbst' überstehen. Eine Mohnhaupt oder ein Klar, die nach der Freilassung ihre Version der Geschichte erzählen, eine, in der auch das Wort Kapitalismus vorkommen dürfte, könnte sich dabei als hinderlich erweisen."

So sind sie, die Kommunisten. Sie haben sich keinen Deut geändert. Was immer in der Öffentlichkeit diskutiert wird, wo immer es, wie jetzt, für uns Nichtkommunisten nicht um Politik, sondern um Moral und Recht geht - für die Kommunisten ist alles nur ein Schachzug im politischen Kampf.

Weil sie selbst Machiavellisten sind, sehen sie Machiavellisten überall.

21. Dezember 2006

Rückblick: Die NPD und der Islamismus

Vor vier Monaten gab es hier einen Beitrag über die Verbindungen zwischen der NPD und Islamisten. In Zettels kleinem Zimmer wurde das später mehrfach aktualisiert.

Jetzt macht Oliver Luksic auf neue Informationen zu diesen Zusammenhängen aufmerksam.



Man sollte das gewiß nicht überbewerten. Natürlich ist es eine Zweckallianz, durch gemeinsame Feinde und punktuell gemeinsame Interessen begründet. Aber es wirft doch ein interessantes Licht darauf, wie bedenkenlos Extremisten auch mit denen paktieren, die ihre ideologischen Antipoden sind.

So sehr sie ihre Ideologie als politisches Instrument einsetzen - in der Praxis sind sie die größten Machiavellisten. Wir erinnern uns an den Hitler-Stalin-Pakt.