12. August 2026

Gerrit Komrij - "Zonsverduistering" | "Sonnenfinsternis" (1999)





(12. August 2026, Aufnahmeort Spanien)


Zonsverduistering

Wij maakten bij een kars een repje glas
Roetzwart en hadden toen een heuse bril –
Een oogbeschermer vor een habbekras.
Er is een zonsverduistering op til.

De hele klas komt bij de wei bijeen.
Traag schuift over de zon de zwarte schil.
We turen naar de lucht en iedereen
Wacht ongelovig af. Dan wordt het kil.

Een kou zet in die niemand heeft verwacht.
Het gras rilt. In de plotselige nacht
Brandt licht dat al een eeuw lijkt stil te staan.

Vanuit een hoekhuis schreeuwt een baviaan,
Hoewel er nimmer bavianen waren.
De aarde zwijgt en wij zijn zoutpilaren.

(1999)

4. August 2026

4. August 2026: "Es werden sachte Regen fallen"





I

Ray Bradbury, „Es werden sachte Regen fallen“ (Buchfassung von 1950)

Im Wohnzimmer sang die Stimme der Uhr: „Tick-tack, sieben Uhr, beeilt euch nur, sieben Uhr!“ – als ob sie Angst hätte, daß niemand auf sie hören würde. Das morgendliche Haus lag leer da. Die Uhr tickte weiter, und wiederholte ihren Spruch in die Leere. „Sieben Uhr zehn, Zeit aufzustehn, sieben Uhr zehn!

In der Küche seufzte der Herd zischend und warf aus seinem warmen Inneren acht makellos gebräunte Toastscheiben aus, acht Spiegeleier mit dem Eigelb nach oben, sechzehn Speckstreifen, zwei Tassen Kaffee und zwei Gläser kalte Milch.

„Heute ist der 4. August 2026,“ sagte eine zweite Stimme von der Küchendecke, „in der Stadt Allendale in Kalifornien.“ Sie wiederholte das Datum dreimal, damit man es sich merken konnte. „Heute hat Mr. Featherstone Geburtstag. Heute jährt sich Tilitas Hochzeitstag. Die Versicherung wird fällig, und die Rechnungen für Wasser, Gas und Strom.“

Irgendwo in den Wänden klickten Relais, wurden Bänder mit Erinnerungen von elektrischen Augen gelesen.

Acht Uhr eins, tick-tack, auf zur Schule, auf zur Arbeit, schnell, schnell, acht Uhr eins! Aber es wurden keine Türen zugeschlagen, keine Gummisohlen hinterließen Abdrücke auf dem weichen Teppichboden. Draußen fiel Regen. Die Wetterbox an der Haustür sang leise: „Regen, Regen, geh doch fort, geh an einen anderen Ort… ach, ich bitt: nehmt Schirm und Regenmantel mit.“ Und der Regen trommelte auf das leere Haus und weckte die Echos.

Draußen läutete die Garage, öffnete ihr Tor und gab den Blick auf das fahrbereite Auto frei. Nach einer langen Pause senkte sich das Tor wieder.

Um halb neun waren die Eier verschrumpelt und der Toast hart wie Stein. Ein Alumimiumkeil kratzte sie in den Ausguß, wo sie von heißem Wasser eine eiserne Kehle hinuntergespült wurde, die sie verdaute und auf den Weg zum weit entfernten Meer brachte. Die schmutzigen Teller verschwanden in einer Spülmaschine und kamen glänzend und trocken wieder zum Vorschein.

Aus ihren Gängen in den Wänden kamen winzige Robotermäuse hervor. In den Zimmern wimmelte es von den kleinen Putztieren aus Plastik und Eisen. Sie prallten gegen Stühle, wirbelten mit ihren behaarten Beinchen, klopften die Teppiche aus und saugten sacht den verborgenen Staub auf. Dann verschwanden sie wie geheimnisvolle Eindringlinge wieder in ihren Gängen. Ihre roten elektrischen Augen erloschen. Das Haus war sauber.

29. Juni 2026

Alfred Polgar - "Der Sternenhimmel (Ein Schulaufsatz)" (1926)



Die Nacht erstarb. Und der Tag erwachte. -
Draußen unter dem Sternenhimmel
Stand ein Droschkenpferd, ein Schimmel,
Und lachte.

Der Tag entwich und die Nacht begann.
Auf steiniger Ebene stand das Pferd.
Es hatte die Beine gen Himmel gekehrt
Und sann.

Und wieder durchzuckten die Sterne den Himmel. - -
Das rechte Auge des Pferdes tränte. --
Der Mann auf dem Kutschersitze gähnte
Und trank einen Kümmel.

- Joachim Ringelnatz, „Die Nacht erstarb“ (aus: Die Schnupftabakdose, 1912)



(Fotografie von Fritz Eschen, 1951)

Alfred Polgar, „Der Sternenhimmel”

Der gestirnte Himmel, zumal in der warmen Jahreszeit, ist ein prächtiger und erhebender Anblick. Man hat ihn selten in der Gegend, wo wir auf Sommerfrische sind, weil es hier meistens regnet. Dann spielen der Papa und die zwei Heren aus der Nachbarschaft im Zimmer Karten, wogegen sie das bei schönem Wetter auf der offenen Vernada tun. „Das Vergnügen ist doppelt so groß“, sagt der Vater, „wenn man im Freien tarockiert, über sich die ewigen Sterne.“

Kein Mensch bleibt von der Majestät des Sternenhimmels unberührt, ausgenommen die Blinden. Mein Hauslehrer kennt die Gestirne alle beim Namen, und Mathilde geht gerne mit ihm in den Garten, sich das Firmament erklären zu lassen. Oft sind sie so versunken in den himmlischen Zauber, daß man lange rufen muß, bis sie einen hören. Der Professor sagte, daß der Anblick des gestirnten Himmels dem Menschen Trost spende. Bei Zahnschmerzen, insbesondere bei Beinhautentzündung, wie ich aus Erfahrung weiß, versagt aber das Mittel. Mein Bruder, der im Krieg war, erzählt auch, daß ihn, als er mit einem Bauchschuß im feuchten Graben lag und auf die Sanitäter wartete, das Licht der über ihm funkelnden Sterne kalt gelassen hätte. Es scheint also, daß sie eine Freude nur gesunden und gut gelaunten Menschen machen. Aber denen macht ja bald etwas Freude, und der Regen lacht ihnen nicht minder als die Sonne.

27. Juni 2026

"Audentis Fortuna juvat"



... Ultro occurramos ad undam
dum trepidi egressique labant vestigia prima.
Audentis Fortuna juvat.

Vergil, Aeneis, X, 282-84



John Berryman, „Der Ärger mit Telstar“ (1963)



Doc Stone griff zu einem Trick, damit ich ihn nicht mit meiner üblichen „Zu beschäftigt!“-Ausrede abwimmeln konnte. Er schickte Millie vorbei, um mich abzuholen.

„OK, Millie,“ sagte ich zu Stones Sekretärin. „Ich habe gleich Zeit für Sie.“ Ich räumte die Pläne und Verschlußsachen von meinem Schreibtisch, packte sie in vorschriftsgemäß in den Tresor und ging mit Millie zu Stones Büro.

„Ein ganz normaler Reflex,“ sagte Dr. Stone, als Millie mich in sein Büro ließ. „Jede Art kämpft auf ihre Weise ums Überleben.“ Er zog gedankenvoll an seiner Pfeife. „Der alte Knacker,“ ergänzte er.

„Mal wieder der Selenoid, Doc?“ fragte ich.

„Was sonst, Mike?“ sagte er und zog die Augenbraue hoch. „Paul Clearys Lieblingprojekt, und er wird nach all den Jahren, die er jetzt bei uns ist, nicht einfach so die Flinte ins Korn werfen.“

Also war ich dafür zuständig. Eigentlich sollte das nicht der Fall sein, denn ich hatte mit der Konstruktion dieser Magnetspule nichts zu schaffen gehabt; ich hatte nur herausgefunden, wie man sie am besten zerstören kann. Das ist schließlich die Aufgabe unseres Labors, und damit verdiene ich meine Brötchen.

26. Mai 2026

Clifford D. Simak, "Der begrenzende Faktor" (1949)





Zuerst fanden sie zwei Planeten, die all ihrer Erze beraubt worden waren: ausgeplündert, ausgeweidet und nackt den Aasgeiern des Weltalls überlassen.

Dann folgte ein Planet mit einer märchenhaften Stadt, ein Ort, der an verwunschene Schlösser gemahnte, an Spinnennetze, die vor Tau leuchteten, eine Stadt aus Plastik und Glas, deren Schönheit einem die Kehle zuschnürte.

Aber es gab nur diese eine Stadt. Nirgendwo sonst auf diesem Planeten fand sich ein Anzeichen einer Besiedlung. Und die Stadt war verlassen. Ihre Schönheit war vollkommen, aber darunter verbarg sich nichts.

Und zum Schluß fanden sie einen Planeten aus Metall, den dritten in diesem Sonnensystem. Kein Globus mit einem Eisenkern, sondern ein Planet mit einer Oberfläche – einem Dach – aus bearbeitetem Eisen, auf Hochglanz poliert wie ein Spiegel. Und im Sonnenlicht, das es zurückwarf, glänzte sie wie eine zweite Sonne.

* * *

“Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren,“ sagte Duncan Griffith, „daß das nicht mehr als ein Lager ist.“

„Du spinnst doch,“ sagte Paul Lawrence in scharfem Ton. Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

„Es sieht vielleicht nicht wie ein Lager aus,“ fuhr Griffith fort. „Aber die Beschreibung paßt.“

Für mich sieht es wie eine Stadt aus, sagt Lawrence zu sich selbst – vom ersten Moment. Und das bleibt auch so. Groß, lebendig, selbst wenn es wie ein Märchenschloß wirkt – ein Ort, an dem man leben und träumen kann und den Mut und die Kraft findet, solche Träume auch zu verwirklichen. Große Träume, sagte er sich. Träume, die zu dieser Stadt passen – zu einer Stadt, für deren Bau die Menschheit ein ganzes Jahrtausend benötigt hätte.

6. April 2026

"Hello World" - Zwei ikonische Fotografien





How to locate in darkness, with a gasp
Terra the Fair, an orbicle of Jasp.

John Shade, „Pale Fire“ (1962), Canto Three, Vers 557-8



Aus Mondentfernung betrachtet, ist das Erstaunlichste an der Erde, das, was einem den Atem verschlägt, die Tatsache, daß sie lebt. Die Fotografien zeigen im Vordergrund die staubtrockene, aufgewühlte Mondoberfläche, so tot wie ein versteinerter Knochen. Darüber, eingehüllt in die feuchte, schimmernde Membran des hellen blauen Himmels, schwebt die aufgehende Erde, das einzige dynamische Objekt in diesem Teil des Alls. Wenn man lang genug hinsehen würde, könnte man den Zug der großen weißen Wolkenbänke erkennen, die die halbverdeckten Landmassen verbergen und wieder freigeben. Wenn man über den Zeitraum geologischer Epochen hinsehen könnte, würde man sehen, wie sich die Kontinente selbst bewegen, die auf ihren Schollen auseinander driften, angetrieben durch das Feuer unter ihnen. Sie macht den Eindruck eines organisiertes, autarken Lebewesens, voller Information, optimal darauf angelegt, mit dem Sonnenlicht umzugehen. – Lewis Thomas, 1973


Schön wie niemals sah ich jüngst die Erde.
Einer Insel gleich trieb sie im Winde.
Prangend trug sie durch den reinen Himmel
Ihrer Jugend wunderbaren Glanz.

(…)

Unaufhörlich trieb die junge Erde
Durch das siebenfache Licht des Himmels.
Flüchtig nur wie einer Wolke Schatten
Lag auf ihrem Angesicht die Nacht.

Marie Luise Kaschnitz, 1947

15. Februar 2026

Marco Rubio, Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz (14. 02. 2026)







(Der amerikanische Außenminister Marco Rubio hat gestern, am 14. Februar 2026, am zweiten Tag der Münchner Sicherheitskonferenz, eine Rede gehalten, die nicht nur in den US-Amerikanischen Medien, sondern auch in deutschen sozialen Medien wie Facebook und X-vormals-Twitter, ein überwältigendes Echo - ein positives Echo! - hervorgerufen hat. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Rubio mit seinen klaren, unumwundenen Worten einen "Nerv getroffen hat," daß er zahllosen Zuhörern, die über die Videostreams diese 20 Minuten verfolgt haben, aus tiefstem Herzen gesprochen hat. Vor allem aus den USA waren zahllose Kommentare zu lesen, daß es sich um die beste, prägnanteste Rede handelt, die seit Jahren von einem Politiker zu hören war. Auch der Schreiber dieser Zeilen neigt zu diesem Urteil: diese Rede sollte in die Geschichtsbücher engehen, neben die "Gettyburg Address", John F. Kennedys "Before this decade is out..." oder Ronald Reagans "Mr. President, tear down this wall!" Mehrere deutschprachige Outlets haben die Rede, im Original wie in deutscher Übersetzung, bereits gestern ins Netz gestellt, so etwa Nuis.de und "Tichys Einblick." Aber solche Beiträge "versenden sich," wie es vor Jahrzehnten über die Flüchtigkeit von Radiosendungen hieß. Und angesichts einer solchen Gelegenheit schadet es nicht, auch einer vier- oder fünffachen Dokumentation eine weitere an die Seite zu stellen. Ich habe mich deshalb entschieden, Rubios Rede in voller Länge, in meiner eigener Übertragung, folgen zu lassen.)

* * *

Wir kommen hier heute als Mitglieder einer historischen Allianz zusammen, einer Gemeinschaft, die die Welt gerettet und sie verändert hat. Als diese Konferenz 1963 ihren Anfang nahm, fand sie in einem Land statt – auf einem Kontinent sogar – der geteilt war. Die Grenze zwischen dem Kommunismus und der Freiheit verlief durch das Herz Deutschlands. Nur zwei Jahre davor war der erste Stacheldraht der Berliner Mauer gezogen worden.

Und nur wenige Monate vor dieser ersten Tagung, als unsere Vorgänger sich hier in München getroffen haben, hatte die Kubakrise die Welt an den Rand der Zerstörung gebracht. Zu einer Zeit, als man sich sowohl in Amerika wie in Europa immer noch deutlich an den Zweiten Weltkrieg erinnerte, sahen wir uns von einer erneuten, weltweiten Katastrophe bedroht – einer Bedrohung, die an Zerstörung, and apokalyptischem Potential alles bisherige in der Geschichte der Menschheit übertraf.

Zur Zeit dieser ersten Tagung befand sich der Sowjetkommunismus auf dem Vormarsch. Das Schicksal von Jahrtausenden der westlichen Zivilisation stand auf dem Spiel. In diesen Jahren war es keineswegs sicher, daß wir diesen Kampf gewinnen würden. Aber uns hat ein gemeinsames Ziel geeint. Wir waren nicht nur geeint durch das, was wir bekämpften, sondern durch das, für das wir kämpften. Und gemeinsam haben Europa und Amerika gesiegt und diesen Kontinent wieder aufgebaut. Unsere Völker gediehen. Mit der Zeit kam es zwischen dem westlichen Block und dem Ostblock zur Wiedervereinigung. Eine Zivilisation wuchs wieder zusammen.

Die Schandmauer, die diese Nation geteilt hatte, stürzte am Ende ein, und mit ihr ein Reich des Bösen, und der Osten und der Westen wurden erneut eins. Aber die Begeisterung über diesen Sieg hat uns zu einer gefährlichen Illusion verführt: das wir, ich zitiere: „am Ende der Geschichte angelangt“ wären – daß alle Nationen in Zukunft freiheitliche Demokratien bilden würden; daß die Bindungen, die durch Handel und Gewerbe bestimmt würden, den Nationalstaat ersetzen würden, daß die auf diesen Regeln basierende Weltordnung – ein überstrapazierter Begriff – jetzt an die Stelle der nationalen Interessen treten würden, und daß wir von nun an in einer Welt ohne Grenzen leben würden, in der jedermann zu einem Weltbürger werden würde.

19. Januar 2026

Eine wirkliche Mondrakete - II. Eine Bilderstrecke



「千里之行始于足下。」 - 老子



Daß auch eine lange Reise mit einem einzigen kleinen Schritt ihren Anfang nimmt, wie uns Laozi im 64. Kapitel des Tao Te King gemahnt, gehört zu den Merksätzen der klassischen chinesischen Lebensweisheit, die auch im Westen sprichwörtlich geworden sind. Die „tausend Li“ (千里/qiān lǐ), die Meister Lao hier wörtlich nennt, stehen dabei sinnbildlich für jede immense Distanz – so wie auch das altgriechische μυριάς nicht nur die Anzahl „10.000“ bezeichnete, sondern jede gewaltige, nicht mehr zählbare Zahl, bis hin zur Unendlichkeit (unsere „Myriade“ erinnert noch daran). Und das gilt auch für Ausflüge zu Zielen, die „hunderttausende von Kilometern“ entfernt sind (wie es eine unvergessene deutsche Außenpolitikerin vor einiger Zeit formuliert hat).

31. Dezember 2025

Erich Kästner, "Punschlied auf das neue Jahr"





(Zeichnung von Paul Warburton, 2025)

So. Sie sind also das neue Jahr?
Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei mir.
Das vorige Jahr zum Beispiel, das war,
Wenn ich nicht irre, zwölf Monate hier.

Ich wollte ihm vorher kündigen. Freilich.
Das stimmt schon. Aber dann zog's sich hin.
Ich konnte es nicht hinausschmeißen, weil ich
Ein ausgemachter Gemütsmensch bin.

Außerdem waren wir zwei vertraglich
Für zweiundfünfzig Wochen gebunden.
Hätte ich denn Ersatz gefunden?
Vorm 1. Januar schien mir das fraglich.

Ich will es Ihnen ganz offen sagen,
Auch wenn Sie meine Offenheit stört:
Das war kein Jahr, wie sich's gehört!
Wir werden uns hoffentlich besser vertragen.

Sie brauchen nur auf eins zu achten.
Ich ford‘re Respekt vor meinem Willen.
Sie müssen nichts tun als darnach zu trachten,
Mir sämtliche Wünsche zu erfüllen.

Sie sind noch jung. Es wird schon gehen.
Der Dienst ist leicht. Meine Wünsche sind klein.
Was bleiben Sie denn vor der Tür stehen?
Treten Sie näher! Kommen Sie 'rein!

Den Kontrakt, den können wir gleich unterschreiben.
Zwölf Monate fest engagiert, steht drin.
Und falls ich mit Ihnen zufrieden bin,
Dürfen Sie sogar länger bleiben.

Ja, ja, ich bin ein gemütlicher Mann.
Hören Sie draußen die Glocken läuten,
Und wissen Sie auch, was die Glocken bedeuten?
Ihr Dienst geht los! Also, fangen Sie an!

24. Dezember 2025

Annie M.G. Schmidt, "Das großartigste Weihnachten seit 574 Jahren" (1960)







„Da sitzen wir also mal wieder,“ sagte der Heilige.

„Das kannst du laut sagen,“ sagte Piet. „Auf dem Dampfschiff in die Niederlande. Genau wie jedes Jahr. Zum wievielten Mal machen wir das jetzt, Sinterklaas?“

„Zum fünfhundertvierundsiebzigsten Mal,“ sagte der Heilige.

„Bah,“ sagte Piet.

„Was soll das heißen: ‚bah‘?“ fragte Sinterklaas erbost. „Wieso bah?“

“Mir reicht es!“ sagte Piet.

„Aber du magst doch Kinder? Und die Kinder lieben uns!“

„Ach was,“ sagte Piet. „Die mögen nur unsere Geschenke. Es geht einzig und allein um die Päckchen, und sonst um gar nichts. Und jetzt zieht auch noch ein Sturm auf. Bah!“

4. Dezember 2025

Erich Kästner, "An die Unpolitischen" (1929)





Ihr hieltet und ihr haltet still.
Und man macht mit euch, was man machen will.
Ihr laßt dem Staat seinen Lauf.
Ihr sitzt und wartet ungefähr,
als ob das Schicksal ein Zahnarzt wär
und reißt den Schnabel auf.

Man sagt, man müßte die Steuern erhöh’n.
Man sagt, eine große Flotte sei schön
Und schöner ein großes Heer.
Man sagt, ihr brauchtet den Ausfuhrzoll.
Man redet euch die Jacke voll
Und verschweigt euch noch viel mehr.

Man meldet, daß der Brotpreis stieg,
Man sagt, ihr müßtet in den Krieg,
und lacht euch ins Genick.
Man schmiert euch an. Man seift euch ein.
Man legt euch trocken. Man legt euch herein.
Man nennt das Politik.

Ihr seid so dumm. Ihr seid so stumm.
Man tanzt euch auf der Nase ‘rum.
Ihr fühlt euch so privat.
Die Frau will Geld. Und der Säugling schreit.
Ihr wollt ins Bett. Ihr habt keine Zeit
Für den sogenannten Staat.

Ihr habt die Augen, fragt nicht wo.
Ihr laßt die Köpfe im Büro.
Ihr haltet still und blecht.
Es ist egal, wer euch regiert.
Ihr werdet ewig angeschmiert.
Und das geschieht euch recht!


[Erschienen in „Jugend“ (München), Jg. 34, Nr. 48, vom 23. November 1929)

23. November 2025

"Deutsches Chaos". Ein Gastbeitrag von Kaspar Hauser





10. August
Das für heute früh 8.30 Uhr angesetzte Chaos ist durch eine Notverordnung der Regierung auf morgen verschoben worden.

11. August
Heute 8.30 Uhr ist das Chaos ausgebrochen. (Siehe auch Letzte Nachrichten.) Das Chaos wurde durch eine Rede des Reichskanzlers sowie durch einen kurzen, kernigen Spruch des Reichspräsidenten Hindenburg eröffnet. Der preußische Ministerpräsident Braun führte in seiner Chaos-Rede aus, daß Deutschland auch fürderhin…

Das bayerische Chaos brach erst um 9.10 Uhr aus.

Die Reichsbank nahm eine abwartende Stellung ein.

12. August
Heute hat das Reichs-Chaos-Amt seine Arbeit angetreten. Jedes Chaos (sprich: Chaos) bedarf demnach einer besonderen Chaos-Ausbruchs-Genehmigung durch das Reichs-Chaos-Amt, einer Nachprüfung durch das Reichs-Chaos-Nachschau-Amt sowie durch die einzelnen Chaos-Landesämter. Die Reichsbank nimmt vorläufig eine abwartende Haltung ein.

13. August
Das Chaos ist nunmehr überall definitiv ausgebrochen.

Ein reizender Vorfall wird aus Eßlingen (Württemberg) bekannt. Der dortige Bürgermeister hatte verabsäumt, die Verfügungen des Reichs-Chaos-Amts zur Durchführung zu bringen, und so wußten die guten Eßlinger noch bis gestern abend überhaupt nichts von dem Chaos und gingen ihrer Tätigkeit (Nichtauszahlung von Gehältern sowie Vertröstung der Gläubiger untereinander) mit rührendem Eifer auch weiterhin nach. Erst ein Funkspruch der württembergischen Chaos-Regierung machte diesem Zustand ein Ende. Das Backen von Chaos-Spätzle ist bis auf weiteres verboten.

9. November 2025

Streiflicht: Angie for President!





Aus Anlaß des Aufmachers („Aufreißer“ wäre der Ehre zuviel) der aktuellen Ausgabe der „Sturmgeschützes der Demokratie,“ die gestern ausgeliefert worden ist, fand ich heute auf der Seite eines Facebook-Freundes (der Name tut nichts zur Sache) folgenden leicht galligen Kommentar:

Wir sprachen bereits darüber, wer Euch da gerade hübsch gemeindienstlich gesteuert ins Schloss Bellevue gelogen werden soll, oder? Es geht doch kaum noch offensichtlicher. Ihr müsst doch gar nicht lesen was geschrieben wird, nur wer und wie und das reicht dann schon völlig aus.


Und er zitiert aus dem Text der Ankündigung:

Um Angela Merkel ist ein neuer Kult entstanden. Videos mit ihr gehen viral, Memes werden tausendfach geteilt. Offline-Events mit ihr sind ausgebucht. Warum?

»Je länger Merkel nicht mehr im Amt ist, desto mehr verbinden die Menschen all das mit ihr, was sie an Friedrich Merz vermissen«, schreibt SPIEGEL-Autor Konstantin von Hammerstein in der Titelstory. Und zwar: »Das Empathische, das Verbindende, das Vertrauenswürdige.«




(Diese ins gleiche Raster passende Meldung läßt freilich den Umkehrschluß zu, daß drei Viertel ihrer ehemaligen Untertanen sie eher dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst - ein Schickal, das ihr aktueller Amtsnachfolger schon einmal vorweggenommen hat.)



(Friedrich Merz bei der internatoinalen Friedenkonferenz für Gaza in Kairo am 13. Oktober)

Entre nous: Ich halte die Aussicht, daß Frau M. in gut 15 Monaten, wenn die Bundesversammlung mit voraussichtlich 1260 Delegierten (in gleicher Zahl die Abgeordneten des Bundestages und der Landtage) über den Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier entscheidet, zum neuen Staatsoberhaupt dieses Landes gewählt wird, für äußerst unwahrscheinlich. Eher dürfte sie es zum Cover-Girl des „Spiegels“ geschafft haben, weil es einem Volontär dort auffiel, daß die Scharteke ihrer Memoiren mit dem Titel „Freiheit“ vor fast genau einem Jahr mit großem Tamtam im Buchhandel lanciert worden ist, sich Buchhandel und Verlag aber, abgesehen von den zu Verkaufsbeginn hochgejazzten Auflagenzahlen (400.000 Exemplare der Erstauflage vom 26. November 2024, und weitere 200.000 eine Woche darauf; das „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ meldete nach der ersten Woche, 200.000 Exemplare und damit die gesamte Erstauflage (!) seien verkauft worden) seitdem in Bezug auf den Absatz überaus bedeckt zeigen. Erinnerungen von Politikern gehören notorisch zu den Ladenhütern in diesem Metier – das galt schon für Konrad Adenauers „Erinnerungen,“ die zwischen 1965 und 1968 in vier Bänden bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart in Stuttgart erschienen und immerhin die politischen Weichenstellungen in den ersten 15 Jahren der Bundesrepublik wie die Westbindung und die Wiederaufrüstung aus der Sicht ihres wichtigsten Akteurs umfassen – während Frau Merkel mit Hilfe ihrer langjährigen Büroleiterin Beate Baumann nach dem Eindruck vieler Rezensenten schlicht ihren Terminkalender auf einen Umfang von 736 Seiten endloser Langeweile ausgewalzt hat. („Freiheit und Frechheit: ein Buchstabe Unterschied“ merkte schon Arno Schmidt, Spiritus Rector dieses Netztagebuchs, 1951 in „Brand’s Haide“ an.)

1. November 2025

„Vorne macht es ‚zisch!‘ und hinten knallt’s“ – Halloween mit der deutschen Politik





Ich kauf' mir 'ne Rakete, und fliege auf den Mars!
Und fall' ich wieder runter, fragt jeder mich: wie war's?
Am Mars? - Am Mars? - Am Mars!
Vorne macht es „zisch!“ und hinten knallt's!
Schon flieg' ich der Venus um den Hals.
Jammern meine Gläubiger hinauf:
"Zahl' die Schulden!" - sag' ich: "Komm' Se 'rauf!"
Und wenn du etwas Geld erbst von Großpapa, dann spar's
Und kauf dir 'ne Rakete, und komm zu mir zum Mars.
Zum Mars! - Zum Mars! - Zum Mars!

- Weintraub’s Syncopators (1932)

I.



Daß es Halloween ist, die Zeit der imaginären und harmlosen Schreckgespenster, merkt man daran, daß deutsche Politiker das Bedürfnis verspüren, sich als Nick der Weltraumfahrer zu verkleiden und unter dem Motto „Der Weltraum: unendliche Weiten“ zu schwärmen, statt sich mit dem höchst realen „Raumschiff Berlin: unendliche Pleiten“ zu befassen und so nach dem Motto „Süßes oder Saures!“ das „Luftreich der Träume,“ das schon Heinrich Heine als natürliches Biotop der Deutschen ausgemacht hat, zu bedienen statt des Sauren, mit dem sie die restlichen 364 Tage die Wähler und Steuerzahler heimsuchen. Schon im vergangenen Dezember, also weit vor angeblichen „Regierungswechsel“ im Mai, träumte die CDU, dieses Land zum „Kompetenzzentrum von Luft- und Raumfahrt“ zu machen.

22. Oktober 2025

Und wenn das Krokodil einen dann doch zuerst frisst

Schadenfreude ist mitunter ein ziemlich negatives Gefühl, dass mehr über den Fühlenden aussagt, als dem lieb ist. Schadenfreude ist ebenso ein typisch deutscher Begriff, der so im angloamerikanischen Sprachraum nicht vorkommt, was eben auch damit zusammenhängt, dass man sich in Deutschland vielleicht ein bischen weniger schämt, sie zu empfinden.

Und dennoch kommt dieser Autor nicht umhin derzeit ein bischen Schadenfreude zu empfinden, wenn er sieht wie Friedrich Merz und Wolfram Weimer derzeit öffentlich versohlt werden für Aussagen, die nicht nur völlig undramatisch sondern im Kern absolut richtig sind.

Aber es trifft die richtigen. Weimer vielleicht nur indirekt, weil er Teil der Regierung Merz ist, aber zumindest Friedrich Merz sei es von ganzem Herzen gegönnt. Merz, der Lügner, der praktisch jedes Wahlversprechen mit Anlauf gebrochen hat (und das bereits Stunden nach der Auszählung), und der gar nicht brav genug Männchen vor seinem Vizekanzler machen kann, um zu beweisen, wie links es tatsächlich in seinem Herzen tickt, wird jetzt ausgerechnet von denen auseinander genommen, deren Lied er seit seiner Wahl doch brav jeden Tag gesungen hat.

Merz hat es zu 100 Prozent verdient, er hat sich denen, die ihn jetzt einen Rassisten und Menschenfeind nennen, angedient und denjenigen, die ihm die Hand gereicht haben, mehrfach in eben jene geschlagen und sie angespuckt. Es war (und ist) die Feigheit vor dem Krokodil in der Hoffnung als letzter gefressen zu werden, aber jetzt erlebt er, dass es dem linken Establishment nie links genug sein kann und das schon kleine Gesten der Nichtunterwerfung unter deren Mantra, mit Exkommunikation und öffentlicher Erniedrigung einher gehen. 

                    "Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister Werd’ ich nun nicht los."

Wohl bekomms!
­
Llarian

© Llarian. Für Kommentare bitte hier klicken.

21. Oktober 2025

Der kleine Johannes und das große Wirtschaftswunder



„Ich will euch etwas von dem kleinen Johannes erzählen. Meine Geschichte erinnert zwar sehr an ein Märchen, aber dennoch ist alles in Wirklichkeit so geschehen. Sobald ihr das nicht mehr glaubt, sollt ihr nicht weiterlesen, denn ich schreibe dann nicht für euch. Auch dürft ihr nie zu dem kleinen Johannes darüber sprechen, wenn ihr ihm jemals begegnen solltet, denn das würde ihm Kummer bereiten und ich würde es bereuen, euch dies alles erzählt zu haben.“

Frederik van Eeden, Der kleine Johannes (1885/1887/1892/1906)


Namenswitze sind zurecht verpönt und man sollte sie sich tunlichst verkneifen, auch wenn es im Bereich der sozialen Medien mitunter en vogue ist, wie im Fall von Ursula-fond-of-Lying oder Greta Thunfisch. Manche Verehrer von Marcel Proust tragen es ihrem Idol bis heute nach, daß der Verfasser der „Suche nach der verlorenen Zeit“ sich in jungen Jahren ein mattes Wortspiel mit dem Namen seines Freundes Marcel Plantevignes erlaubt hat, als er seinen Namen zum Anlaß dafür nahm: „… Wenn ich Rebstockpflanzer hieße / ließ ich auf dem Balkon die Reben sprießen.“ Und dennoch … mitunter gilt der Satz Oscar Wildes: „I can resist anything but temptation.“ Johann Wadephul, seit jetzt 167 Tagen Nachfolger der glanzlosen Frau Baerbock im Amt des deutschen Außenministers, hat nämlich am Freitag aus Gelegenheit seiner Visite in der Türkei aus Anlaß des 64. Jahrestags des Anwerbeabkommen mit der damaligen türkischen Regierung ganz offiziell auf dem Twitter- (Entschuldigung: X)-Account des Auswärtigen Amtes dies erklärt, bzw. erklären lassen:



„Es waren Menschen aus der Türkei, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht & Deutschland mit aufgebaut haben. Heute ist die #Türkei ein wichtiger strategischer Partner, sowohl innerhalb der NATO als auch der G20“ – @AussenMinDE im Gespräch mit @Hurriyet: 12:04 PM Oct 17, 2025


Wörtlich lautet der Passus aus dem Interview mit der Zeitung „Hürriyet“ (die sich übrigens mit „ü“ schreibt, liebes Social-Media-Team unseres Außenminderleisters), das das Auswärtige Amt am Freitag hochgeladen hat (immerhin in deutscher Übersetzung, was mittlerweile nicht mehr selbstverständlich scheint angesichts der Tipps zum Bürgergeld und zur Abschiebungsumgehung auf Arabisch, bei denen man auf deutsche Fassungen aus nachvollziehbaren Gründen verzichtet):

Frage:

Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei wurde vor ca. 64 Jahren unterzeichnet. Was bedeutet die Beschäftigung dieser Menschen für Deutschland?

Johann Wadephul:

Das Anwerbeabkommen ist auch heute noch bedeutend und prägend für Deutschland. Es waren ganz entscheidend auch Frauen und Männer aus der Türkei, die mit harter Arbeit unter teils sehr schwierigen Umständen das sogenannte „Wirtschaftswunder“ möglich gemacht haben – sie haben das moderne Industrieland Deutschland mit aufgebaut. Das ist viel zu lange nicht ausreichend gewürdigt worden.


19. Oktober 2025

Anmerkungen zu Trump, zu Israel und anderer schöner Dinge

Dröhnendes Schweigen trifft es nicht wirklich, denn auch die deutsche Presse berichtet (unter vielem anderen) über den Friedensplan Nahost der Trump Regierung. Kein Vergleich zu den Schlagzeilen der letzten zwei Jahre, wo uns eindrücklich erklärt wird, wie böse doch die IDF ist, wie böse Trump ist und was für ein übler Völkermord in "Palästina" da vor sich geht, aber immerhin nach oben schafft es der eine oder andere Artikel, so lange man nicht darüber berichten "muss", was der böse Donald da wieder angestellt hat. 

15. Oktober 2025

Ein leichter Kontrast



Manchmal fügt es der Zufall, der unvorhersehbare Gang der Zeitläufe (angesichts der Tragik der Ereignisse wäre es allerdings frivol, hier Hegels Wendung von der „List der Vernunft“ zu bemühen), daß ein Bild – oder in diesem Fall: der Kontrast zwischen mehreren – wie nichts anderes dazu taugt, einen Moment in der Geschichte symbolisch festzuhalten, zu illustrieren, eine Wendung im Gedächtnis der Nachwelt einzufrieren. Das sind Bilder, die tatsächlich „mehr als tausend Worte sagen“ – und bei denen man sich jede weitere Erläuterung schenken kann. Das berühmte Foto, das der deutsche Photograph Thomas Höpker (er ist vor einem Jahr im Alter von 88 Jahren gestorben) am 11. September 2001 aufgenommen hat, gehört dazu: Im Hintergrund, auf der anderen Seite des Hafens von New York, steigen schwarz die Rauchsäulen aus den getroffenen Twin Towers wie ein Fanal in den Himmel, und davor sitzt eine Gruppe junger Menschen, die unbeschwert und ohne jede Ahnung des entsetzlichen Geschehens in ein Gespräch vertieft sind. Vergangenheit und Zukunft zugleich: in einer Sekunde für alle Zeit auf ein Bild gebannt.

Im aktuellen Fall, fast ein Vierteljahrhundert danach, geht es mir um etwas viel „Niederschwelligeres,“ nämlich den Kontrast zwischen der Sicht der Medien auf einen Politiker, die wie kein anderer in diesen 25 Jahren eben diese Medien (die klassischen wie die modernen „sozialen“) gespalten und polarisiert hat, seit er zuerst vor acht Jahren für ein öffentliches Amt kandidiert hat: aus deutscher Perspektive – und aus der Sicht der von ihm verantworteten Politik unmittelbar Betroffenen.

8. Oktober 2025

Premi Nobel de Literatura. Invitació a un Joc.





„Mantrana ist ein Flächen- und Raumdomino. Es wird mit Maximen gespielt. Sie seien ‚Steine‘ genannt. … Die Steine brauchen von ihrem Inhalt nach von den Mitspielern nicht anerkannt zu werden. Sie stellen Ansatzpunkte dar und sollen nur eine Reaktion hervorrufen … Die Steine haben die Form knapper Maximen, die Erfahrungen oder Ansichten ausdrücken. Sie sind in der Regel in einen Satz gefaßt. Ihr Umfang sollte kaum über drei Sätze hinausgehen. Sie sollen in sich selbständig sein, an sich verständlich und ohne polemischen Bezug.“

Ernst Jünger, „Mantrana. Einladung zu einem Spiel“ (1958)


Sprecher:

[A] Männlich, lebhaft, Bariton.
[B] Männlich. Baß, gravitätisch.
[C] Für Zitate. Weiblich, Alt, möglichst ohne Modulation. Ideal wäre die Sprachausgabe eines Textprogramms.
(Der Klangraum deutet eine akustische Isolierung an, als würde das Gespräch in einer Privatbibliothek oder einem Arbeitszimmer stattfinden. Gedämpfte Verkehrsgeräusche sollten unauffällig unterlegt werden, um „Kontur“ statt Ortlosigkeit zu erzeugen. Während der durch (***) angedeuteten kurzen Sprechpausen wird „das Geräusch fallender Blätter“ hörbar. Auftakt- und Abspannmusik sind die ersten Takte von Erik Saties „Gnossienne no 4.“)

Während die Musik nach ungefähr 30 Sekunden langsam ausgeblendet wird, wird links das Umblättern der Seiten in einem offenkundig größeren Buch hörbar (2-Sekundentakt). Von rechts nähern sich gedämpfte Schritte, dann leises Klopfen an einer Tür.

[A]: Wie passend, Sie zum Monatswechsel so zu finden. [Zitiert:] ‚Die Mönche mit haarigen Fingern schlugen das Buch auf: Oktober.‘ Darf man einmal sehen?

[B]: Bei Celan heißt es allerdings ‚September.‘ Non importa. Gemäß den Propheten unserer neuen Staatsreligion sind wir ja unterwegs zu Zuständen, bei denen kein Unterschied mehr auszumachen ist, weil ihnen allen gemeinsam ist, daß sie heißer und trockener und katastrophaler waren als alle bisherigen in den letzten 128.000 Jahren. Wie in der Kurzgeschichte von Steve Rasnic Tem, in der der menschengemachte Klimawandel die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten völlig eingeebnet hat und der graue, stickig-neblige Dauerzustand mit „Twember“ bezeichnet wird.

12. September 2025

Charlie Kirk, Gedanken und unsere Zeit

Es ist schwierig einen Nachruf auf jemanden zu verfassen, den die wenigsten in Deutschland überhaupt vor seiner Ermordnung gekannt haben oder viel von ihm wahrgenommen haben. Darum sollte ich es vielleicht gar nicht erst versuchen, aber um zu verstehen, was ich sagen will, ist es vielleicht sinnvoll damit anzufangen. 

Ja, das ist eine Form von Nabelschau, und sie wird einem Nachruf sicher nicht allzusehr gerecht werden, denn Nachrufe beschäftigen sich ja nun mit der Person selber und da haben wir wieder das Eingangsproblem, dass die meisten in Deutschland Charlie Kirk nicht gekannt haben und insofern auch nicht ermessen können was für eine zentrale Figur Charlie Kirk in den USA gewesen ist.