Nachdem wir die Energiewende an sich, die Stromerzeugung und die Speicherung angesprochen haben, ist es nun Zeit dafür die ersten Rechnungen vorzulegen. Das will ich mit diesem Beitrag tun. Diese Rechnung ist extrem vereinfacht, sie geht von konstantem Stromverbrauch aus (was nicht ganz richtig ist, aber eine zulässige und durchaus auch begründbare Annahme), sie geht von unendlichen Ressourcen aus (vor allem Land- und Gasspeicher), sie geht von irren finanziellen Möglichkeiten aus und vor allem davon, dass sich Wind- und Solarkraftwerke linear skalieren lassen. Letzteres ist die schwächste Annahme, da man nicht einfach fünfmal so viele Windräder bauen kann und dann fünfmal soviel Strom hat. Standorte sind bei Windkraft von essentieller Bedeutung. Da wir aber eine untere Abschätzung machen, nehmen wir diese Annahme hier mithin auf.
Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt
20. September 2022
18. September 2022
G. K. Chesterton, "Über öffentliche Aufbahrung" (1936)
Vor dem Begräbnis des guten und frommen Dieners, der die Krone des Bekenners und der Eroberers geerbt hatte, lag sein Körper, wie es in der offiziellen Formulierung heißt, „im Staat,“ an jener historischen Stätte, die der Sohn des Eroberers erbauen ließ, und in dem einst der Prozeß um das Leben eines englischen Königs geführt wurde. Die Tatsache, daß der erste Monarch ermordet und der zweite hingerichtet wurde, während der dritte im Tod so geehrt wurde wie im Leben, sollte denen, die in der Geschichte nichts erblicken wollen als den Widerstreit zwischen Mächten und Ständen, zu denken geben. Aber schon diese offizielle Formulierung („lying in state“) soll uns hier interessieren, und zwar deshalb, weil solche Vereinfacher dies gerne „nur ein Zeremoniell“ nennen. In neuerer Zeit, besonders am Ende des 18. Jahrhunderts, als das höfische Ritual und die Etikette ihren Höhepunkt erreichten – wie stets vor ihrem folgenden Zusammenbruch – kam es zu einer weitverbreiteten Ablehnung solcher Zeremonien; und zwar nicht nur unter den Anhängern der Aufklärung, sondern auch unter vernünftigen Leuten. Infolge dieser Ablehnung geriet die wahre Bedeutung solcher Rituale weitgehend in Vergessenheit. Der öffentliche Ärger wandte sich gegen ebendie Festlichkeiten, die einst eingeführt worden waren, weil sie beim Volk beliebt waren.
Streiflicht: Die Tagesschau hats doch erzählt
" Lass die Leute reden und lächle einfach mild. Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild. Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht: Aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht."
-- Die Ärzte: Lass die Leute reden (Liedtext)
Es ist eine kleine Randnotiz, die sich auf der Achse des Guten vor einigen Tagen finden lies. Unter Berufung auf die dts-Nachrichtenagentur berichtet die Achse vom ZDF-Politbarometer, dass per Umfrage heraus gefunden hat, dass 54 Prozent der Deutschen für eine Laufzeitverlängerung der AKWs ist. Das ist soweit die Hauptnachricht. Interessant ist der Nebensatz: 32 Prozent der Deutschen sind dafür, die AKWs bis zum April "in Reserve" zu halten, wie sich Robert Habeck das vorstellt.
7. September 2022
Randnotiz: Die .... E-Räder
Der natürliche Feind des Radfahrers ist normalerweise der Autofahrer (und umgekehrt). Wer viel als Radfahrer unterwegs ist, kennt das zur Genüge: Die anderthalb Meter Überholabstand kann man bei einigen Autofahrern mit einem größeren Geodreieck nachmessen, Vorfahrt eventuell beim Linksabbiegen ist erst ab 200 Kilogramm Gegnergewicht von Relevanz und die Tür kann man jederzeit zur Seite aufstoßen, der Radfahrer wird schon sehen, was er davon hat. Das ist leider oftmals Alltag. (Da ich auch Autofahrer bin, kenne ich die Sprüche in die andere Richtung genauso, und sie sind auch genauso wahr.)
2. September 2022
Die grüne OPEC, Merit Order Effect und die dreisteste Klientelpolitik seit Ballisto Keksriegel
Ich gebe zu, ich bin mir dessen auch nur am Rande bewusst gewesen, aber nachdem Strompreisankündigungen von teilweise mehreren Faktoren die Runde machen, macht es doch Sinn sich mal Gedanken zu machen, warum dem denn so ist. Eine gute Zusammenfassung findet sich in diesem Video Video von Julian Reichelt (dessen Youtube Kanal definitiv ein Abo lohnt), doch das Thema erscheint so wichtig, dass ich es hier nicht nur bei einem Link belassen will.
30. August 2022
“Winnetou und ich.“ Ein Gastbeitrag von Dr. Carl May, Radebeul
(Das Portrait Mays, das ab 1892 als Frontispiz für die 33 Bände des Werkausgabe der Reiseromane des Fehsenfeld-Verlags verwendet wurde.)
(Die vor ein paar Wochen ausgebrochene „Sommerlochdiskussion“ um das Werk und die Person von Karl May anläßlich des Kinostarts des Jugendfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ hat mit der Tatsache, daß der Verlag Ravensburger vier Kinderbücher, die er als Begleitprogramm dazu verlegt hat, aus dem Vertrieb genommen hat, nachdem eine kleine Anzahl Berufsempörter dem Film den Transport von rassistischen Klischees vorgeworfen hatte. Gestern hat die ARD erklärt, keinen der 11 Spielfilme, die zwischen 1962 und 1968 mit Pierre Brice und Lex Barker in den Hauptrollen entstanden sind, mehr ins Programm zu nehmen. Vor einer Woche hat der Hamburger „Afrikahistoriker“ Jürgen Zimmermann auf Twitter Mays Westerngeschichten für im Kern #rassistisch und #antisemitisch erklärt. Zimmerer gehört zu jenem kleinen Kreis von Historikern, die die sogenannte „Kontinuitätstheorie“ vertreten und für die sich die Verbrechen des Holocausts unter dem Nationalsozialismus geradewegs aus dem Verhalten der deutschen Kolonialbehörden in Afrika 4 Jahrzehnte zuvor herleiten. (Warum die Engländer, die doch im Burenkrieg kein Jahrzehnt zuvor die ersten als solche bezeichneten „Konzentrationslager“ einrichteten, sich hier nicht anschlossen, sowenig wie die Belgier, deren brutale Ausbeutung der indigenen Bevölkerung im Kongo durch den Report von 1904 durch Roger Casement weltweite Empörung auslösten, wird immer ein Geheimnis solcher „Forscher“ bleiben.) Zwei Tage später hat Zimmerer in der „Berliner Zeitung nachgelegt: „Es ist kein Zufall, dass Adolf Hitler und SS-Chef Himmler große Karl-May-Fans waren“ – und daß „der Rassismus und der Kolonialismus quasi die DNA der Geschichten von Winnetou, Old Shatterhand und Kara ben Nemsi“ ausmachen.“ Die Vorstellung von „einem Land, das man besiedelt, während die Bewohner einfach verschwänden,“ sei das literarische Programm gewesen, daß dann ein halbes Jahrhundert von den Nationalsozialisten im Osten Europas in die Praxis umgesetzt worden sei. In welchen der Orient-Romane um Kara Ben Nemsi die „bisherigen Einwohner einfach verschwinden,“ dürfte freilich ein Geheimnis unseres Beschwerdeführers bleiben. Und daß literarische Werke - ungeachtet ihrer Qualität – gemeinhin nicht zu Anstiftungen für solche Aktionen werden, dürfte sich außerhalb der Wokeness-Blase solcher Leute auch herumgesprochen haben. Aber wen kehren schon solche Petitessen, wenn man sich medienwirksam im Sommerloch ausmähren darf?
Zettels Raum hat aus Anlaß dieser Mißhelligkeit den Verfasser jener Berichte, in denen er uns von seinen Erlebnissen während seiner Reisen in die Neue Welt und seinen Erfahrungen mit den dortigen Ureinwohnern berichtet, Herrn Carl May, wohnhaft in Radebeul, um eine klärende Stellungnahme in eigener Sache gebeten. Dr. May war so freundlich, uns den folgenden Text zur Verfügung zu stellen, den wir gerne mit unserer Leserschaft teilen. Der Titel stammt von der Redaktion.)
29. August 2022
Eine wirkliche Mondrakete. "Hit the Road, Jack!"
(Aufnahme: John Kraus, 26. August 2022)
„Hit the road, Jack
And don’t you come back
No more, no more, no more, no more…!
(Ray Charles)
Vor fast zwei Wochen ist im Zug der fast ∞en Geschichte der „Rückkehr zum Mond“ etwas geschehen, daß ich in all den Jahren, in denen ich nun das „Abenteuer Raumfahrt“ verfolge, noch nie erlebt habe. Statt einer Verzögerung, eines weiteren Hinausschiebens, einer Terminüberschreitung hat sich die Leitung des amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA am vorigen Montag, dem 15. August, völlig überraschend entschieden, den „Rollout,“ den Transport der Mission Artemis I von VAB, dem Vehicle Assembly Building zur Startrampe 39B des Kennedy Space Centers um zwei Tage vorzuziehen. Und so fand der gut 6,2 Kilometer lange Transport des SLS, des Space Launch System mit der Orion-Raumkapsel, dem Starttisch und dem Startturm, der die 98 m hohe Rakete noch um einiges überragt, vom Abend des 17. August an statt – nach dem Takt der Mitteleuropäischen Sommerzeit von kurz nach 4 Uhr morgens bis kurz nach 14 Uhr am Mittwoch, bis der Crawler-Transporter 2 seine Last von insgesamt gut 9700 Tonnen nach einer Fahrdauer von 10 Stunden und 8 Minuten in die Halterungen des Starrampe abgesenkt hatte – diesmal nicht zu einem Probebetankung, eins Check der Systeme – sondern um, wenn nicht Unvorhergesehenes dazwischen kommen sollte. In etwas mehr als 10 Stunden, am heutigen Montag, dem 29. August 2022, die viersitzige Orion-Raumkapsel auf ihren ersten Flug zum Erdtrabanten zu schicken.
26. August 2022
William Herschel und das Gespenst
William Herschel. Porträt von Lemuel Francis Abbott, 1785.
Der folgende Bericht möge ein einfaches und doch, scheint mir, schätzbares Zeugnis ablegen von der besonderen Geistesart Sir William Herschels, des Astronomen. Das Mitgeteilte ereignete sich zu der Zeit, da der Vierunddreißigjährige sich – 1772 war das Jahr – als Musiklehrer in Bath in Somerset niedergelassen hatte. Gleichzeitig war er Organist der sogenannten Oktagon-Kapelle; er komponierte Motetten und Gesänge, ja ganze Kirchenmusiken, studierte sie ein und führte sie auf; und er dirigierte öffentliche Konzerte. Doch diente all diese aufreibende Tätigkeit ihm nur zum Broterwerb, um um nämlich in der Mußestunden seiner eigentlichen Leidenschaft und Berufung, der Himmels-Erforschung, sich hingeben zu können. Auch das forderte von ihm neben der geistigen eine schwere körperliche Leistung, indem alle nötigen Instrumente noch fehlten, so daß er seine Teleskope, das erste zwanzigfüßige wie später das große vierzigfüßige, ganz und gar selber erbaute, selber die Spiegel schliff und mit Hilfe seiner Schwester Caroline, die sein Haus betreute und vom Strickstrumpf bis zum Logarithmus alles erlernte, jedes Einzelteil an der Drehbank selber herstellte.
In dieser arbeitsfiebernden, für unendliche Fruchtbarkeit feurig wirkenden zeit klagte er einmal in einem kleinen Kreis freundgesinnter, das Beste von ihm erwartender Männer über ein Nachlassen seiner Kräfte – und daß ihm nur wenige Wochen einsamer Hingabe an eine gewisse Arbeit fehlten, um sie zu Ende zu bringen. Wenn er auch den nötigen Urlaub von seiner sonstigen Tätigkeit sich aneignen könne, so mangle doch eine Stätte, wo er nicht, wie im belebten Bath, beständigen Störungen ausgeliefert bleibe. Einer der Anwesenden, ein begüterter Aristokrat, äußerte, da die übrigen schwiegen, nach einer Weile, halb verlegen und halb im Scherz: Er wisse vielleicht eine solche Stätte, doch würde sie Herschel kaum zusagen. Dies sei, erklärte er auf Befragen, ein unfern, am Ausgange eines Dorfes gelegenes Schlößchen, das im Besitz seiner Familie, jedoch unbewohnt, nämlich unbewohnbar sei, weil es darinnen spuke. Ein Vetter hatte sich dort das Leben genommen; jahrelang blieb es leer; dann vertrieb der Ungeist die wieder Wohnung Versuchenden, nun war es wohl tief im Verfall.
24. August 2022
Klabauterbach schätzt
Das Propellerkarl nicht so recht mit den Anforderungen in Mathematik der Mittelstufe mitkommt, war hier schon einmal Thema. Aber wenn der Ruf schon ruiniert ist, soll es sich angeblich ganz ungeniert leben. Karl macht den Test. So twittert er gestern vormittag (muss der eigentlich nicht arbeiten um die Zeit?) so vor sich hin und schrieb uns allen dass Paxlovid die Sterblichkeit an Corona bei Älteren um bis zu 90% senke.
11. August 2022
Zeitmarke. Vor 50 Jahren: Stippvisite aus dem All
Unter den letzten Texten, die der Gründers dieses Netztagebuchs, Zettel, nur gut zehn Tage vor seinem plötzlichen, völlig unerwarteten Tod im Februar 2013 veröffentlicht hat, sind drei Wortmeldungen, die sich mit dem Thema des Meteoriteneinschlags in der südrussischen Stadt Tscheljabinsk befassen („Was ist eigentlich ein Meteorit? Ein Asteroid? Eine Sternschnuppe?“, „Die Fakten zum Meteoriteneinschlag im Ural“ und „Millionen von Asteroiden. Was kann man gegen diese Gefahr tun?“ – Zettels Raum vom 15 und 16. Februar 2013). An jenem 15. Februar explodierte um halb 10 Uhr morgens ein Meteorit in einer Höhe von gut 30 Kilometern, mit einem Durchmesser gut 20 Metern und einer geschätzten Masse von 12.000 Tonnen, nachdem er mit einer Geschwindigkeit von gut 70.000 Stundenkilometern in die Atmosphäre eingetreten war, mit einer Sprengkraft von 400 bis 500 Kilotonnen TNT, also etwa der 30fachen Energie, die 1945 beim Abwurf der ersten Atombombe auf Nagasaki freigesetzt worden war. Gut 7000 Gebäude wurden in einem Umkreis beschädigt; in den folgenden Tagen suchten in der Oblast Tscheljabinsk 1400 Menschen um ärztliche Hilfe nach; von denen gut 120 i stationär in den örtlichen Krankenhäusern behandelt werden mußten; die meisten hatten sich Schnittverletzungen durch geborstene Fensterscheiben zugezogen. Es war der bislang ernsteste und zerstörerischste Zusammenstoß mit einem solchen „kosmischen Vagabunden,“ der im Lauf der aufgezeichneten menschlichen Geschichte registriert worden ist. (* Es gibt eine mögliche Ausnahme, auf die ich am Ende dieses Beitrags kurz zu sprechen komme.) Andere spektakuläre Meteoreinschläge, etwa der bekannte von Tunguska im Juni 1908 oder der Sichote-Alin-Meteor vom Februar 1947, fielen in unbewohnten Gegenden, im östlichen und zentralen Bereich Sibiriens und richteten nur Waldschäden an – ebenso wie der Bolide, der im Februar 1896 über Madrid niederging und der das Stauen der Zeitgenossen erregte, weil die leuchtende Rauchspur, die er in der Atmosphäre hinterlassen hatte, noch stundenlang sichtbar blieb.
7. August 2022
"Weltraumquallen II" oder: Gedränge im Weltraum
Oder, genauer gesagt: nicht im Weltall – wohl aber an den Weltraumbahnhöfen der Erde, von denen aus der Start in die irdische Umlaufbahn und darüber hinaus erfolgt. Und wenn auch für die einzelnen Startrampen dort vorgestern jeder Start eine Rakete „das übliche Programm“ darstellte, so manifestierte sich die drangvolle Enge doch immerhin im Terminkalender des Betrachters. Ich habe es jetzt nicht für jeden Tag in der Geschichte der Raumfahrt nachverfolgt, aber eine solche Häufung, eine solche Taktfolge, wie sie vor 2 Tagen, am 4. August 2022, an den Tag gelegt wurde, hat es in diesen fast 65 Jahren noch nicht gegeben. Nicht eine, nicht zwei, auch drei, sondern gleich vier verschiedene Missionen haben, über den ganzen Tag verteilt, ihren Anfang genommen. (Als kleines Beseit: es gibt kein griffiges deutsches Pendant für die englische Wendung „a busy day“ – wie in „a busy day in space“: hier werden nur Teilaspekte betont: „ein stressiger Tag,“ „das volle Programm“.) (Auf dieser Seite der ESA, „Space Environment Statistics,“ kann man nachlesen, daß seit dem 4 Oktober 1957, als das Raumfahrtzeitalter durch „Sputnik“ eingeleitet worden ist, bei gut 6220 Starts insgesamt 13300 Satelliten ins All befördert worden sind, von denen gute 6100 zurzeit noch ihren Dienst versehen; zu beachten ist, daß mehr als 2950 davon aus die Konstellation entfallen, die seit dem Mai 2019 durch „Starlink“ gebildet wird.)
Gelegentlich ist es vorgekommen, daß zwei Starts am selben Tag stattfanden – aber dann waren die Starts in der Regel Teil einer gemeinsamen Mission. So etwa beim Start der gemeinsamen Apollo-Sojus-Mission im Juli 1975 zum „Rendezvous im Weltraum,“ einer symbolischen Aktion, die das „Ende des Wettlaufs ins All“, des „Space Race“ symbolisieren sollte – offiziell ASTP, Apollo-Sojuz-Test-Programm genannt, als umgerechnet auf Mitteleuropäische Zeit (der Flug fand 5 Jahre vor der Einführung der Sommerzeit in Deutschland statt) um 13:20 die Kosmonauten Alexej Leonov und Waleri Kubasow mit Sojus-19 vom Kosmodrom Baikonur starteten, gefolgt um 20:50 von Thomas Stafford, Vance Brand und Deke Slayton in einer „Apollo“-Kapsel von Cape Canaveral. (Ältere Zeitzeugen werden sich erinnern, daß Amerikas Raumfahrtbahnhof während des Mondlandeprogramms als „Cape Kennedy“ in den Medienberichten figurierte; die Rückänderung des in Florida unbeliebten Namens erfolgte im Oktober 1973.) Möglich geworden war das Unternehmen dadurch, daß der US-Kongreß im Januar 1972 die Mittel für die drei letzten geplanten Mondflüge, Apollo 18 bis 20, gestrichen hate, die „Hardware“ aber schon gefertigt worden war.
So war es auch im Fall des letzten „Doppelstarts“ am gleichen Kalendertag von der amerikanischen „Space Coast“ aus, im März 1966, als Gemini 8 von der Startrampe 19 mit den Raumfahrern Neil Armstrong und David Scott abhob, um ein Rendezvous mit der Zweitstufe einer Atlas Agena-Rakete durchzuführen, die 100 Minuten zuvor vom benachbarten „Launch Complex-14“ auf den Weg gebracht worden war. Das Manöver diente zur Erprobung der Navigations- Kopplungstechniken, die für die Durchführung der Landung auf dem Mond notwendig werden sollten. Das Unternehmen stand unter keinem guten Stern: das Andocken gelang zwar, aber ein Ventil in der Agenda-Stufe hatte sich beim Start verklemmt, und bei dem Versuch, die instabile Lage mit dem dortigen Antrieb zu korrigieren, hatte zur Folge, daß Kapsel und Rakete in ein sich beschleunigendes Rotieren gerieten, bis sie sich einmal pro Sekunde drehten. Nach der Trennung und der händischen Korrektur der Lage des Raumschiffs durch Kommandant Armstrong war der Treibstoffvorrat der Kapsel so weit erschöpft, daß die Mission nach nur 10 Stunden abgebrochen wurde. (Beim ersten „gemeinsamen Raumflug“ drei Jahre zuvor, mit den Kapseln Wostok 5 und Wostok 6 im Juni 1963, mit den Kosmonauten Walentina Tereschkowa und Waleri Bykowski, lagen übrigens zwei Tage zwischen den beiden Starts)
Aber der Reihefolge nach; und zwar der zeitlichen.
26. Juli 2022
Das Mittel ohne Nebenwirkungen
"Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat."
--- Gustav Kuschinsky
Das alle wirksamen Medikamente Nebenwirkungen haben, ist vermutlich so ziemlich jedem Pharmakologen bewusst, es hat mitunter den Character einer selbst dem Laien vertrauten Binse. Was den weltbekannten, selbsternannten Virologen, Epidemiologen und Pharmezeuten ehrenhalber, Dr. Karl Lauterbach, nicht daran hinderte die "Impfung" gegen Corona wiederholt als nebenwirkungsfrei(!) zu bezeichnen, beispielsweise hier. Natürlich könnte es sein, dass Lauterbach einfach davon ausgegangen ist, dass der Stoff auch hauptwirkungsfrei ist (was man wohl inzwischen mit einiger Berechtigung durchaus unterstellen kann), aber viel wahrscheinlicher ist es wohl eher, dass der gute Mann eben nicht nur in seiner Eigenschaft als Epidemiologe ein Hochstapler ist und seine Qualifikation als Arzt von ähnlicher Qualität rührt.
24. Juli 2022
Von "Layla" zu "Putin"
Lenin hat es nicht geschafft
Stalin hat es nicht gerafft.
Wieso denkt Ihr, daß ich das kann?
(Putin Girls): Du führst uns ins gelobte Land!
Ganz recht: verdammt noch mal, ich bin der Putin-Mann!
I.
Mitunter kommt man als Blogger zu seinen Themen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind – in diesen Fall durch schlichte Anwendung des klassischen dialektischen Dreisprungs „Theke → Antitheke → Syntheke.“ Und daß ich ohne den Anlaß nicht auf diese Pointe gekommen wäre, zeigt eine musikalische Bildungslücke, die vielleicht mehr über mich sagt, als mir lieb sein kann. Auslöser war in diesem Fall der Hinweis des geschätzten Netztagebuchmitführers Llarian auf Marius Müller-Westernhagens kleines musikalisches Skandalon über nichtschlank gelesene Zeitgenossen vor mittlerweile auch schon 44 Jahren. Ich habe dazu im „Kleinen Zimmer“ die Anmerkung angefügt, daß „Dicke“ Ende 1978, als MWWs vierter Longplayer „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ erschien und im Radio gespielt wurde, keineswegs so anlaßlos in der Luft hing, wie das den Nachgeborenen erscheinen mag. Das Album hat Müller-Westernhagen damals „einen Namen gemacht,“ seine ersten drei LPs, die vorher im Jahrestakt erschienen waren, waren, waren praktisch unbeachtet geblieben – und als Schauspieler hat er sich erst zwei Jahre später in der Hauptrolle in Peter Bringmanns „Theo gegen den Rest der Welt“ einen gewissen ikonischen Ruf erworben, in einem der wenigen deutschsprachigen Road Movies, die nicht von der ersten bis zur letzten Szene bemüht und witzlos daherkommen. Das „Pfefferminz“-Album war eines der ersten Alben, bei denen Deutsch als Sprache der Rockmusik wenn schon nicht geschätzt, aber zumindest allgemein zur Kenntnis genommen wurde. Zuvor war das allein Udo Lindenberg vorbehalten gewesen. Hörern, die später musikalisch sozialisiert worden sind, mag es vielleicht unglaublich erscheinen, aber für eine, zwei Generationen, die seit den Fab Four aus Liverpool mit der aktuellen Populärmusik groß geworden sind, war – und ist – die Idee, „Deutsch“ als Idiom der Rockmusik zu verwenden, grotesk und geschmacklos. Wirkliche Rockmusik: das waren die Rolling Stones, die barock gedrechselten Synkopen von Genesis, „Stairway to Heaven,“ „River Deep, Mountain High,“ der Sound von Janis Joplin und Jimi Hendrix (gut, bei Hendrix‘ Genuschel hätte es sich auch um Esperanto handeln können). Deutsch war die Sprache der seichten, peinlich triefenden Schlager – oder, ab Ende des 70er Jahre, der Liedermacher wie etwa Reinhard Mey. Bevor gut ein Jahr später, um die Jahreswende 1979/80, die stets wie eine Parodie-ohne-Witz daherkommende aufgesetzte Infantilität der „Neuen Deutschen Welle“ losbrach, war die „Vorige Deutsche Welle“ den „Blödelbarden“ von Schlage Insterburg & Co., Frank Zander und Ulrich Roski vorbehalten gewesen. (Daß Meys größte Erfolge Mitte der 70er Jahre wie „Diplomatenjagd“ oder „Annabelle“ sich genau in dieses Muster fügten, ist wohl kein Zufall.)
21. Juli 2022
Streisand, Würzburg und der Ritt auf dem Schmetterling
Würzburg, knapp 130.000 Einwohner, irgendwo in der Walachei in .... -na, wer weiß es?- der bayrischen Provinz. Man hat es schon mal gehört, aber so richtig viel wissen tut man gemeinhin eher nicht über die doch eher possierliche Gemeinde, mal ab davon dass sie wirtschaftlich recht erfolgreich ist, auch wenn man die großen Arbeitgeber überregional nicht unbedingt allzu gut kennt.
Würzburg war nun also der Meinung, dass es eine besonders gut Idee wäre, in die Fußstapfen der großen Barbara Streisand zu treten, um bundesweit ein bischen die Bekanntschaft zu steigern. Und das ist in Zeiten wo die Presse zwischen dem Krieg in der Ukraine, Klabauterbachs neuesten Drohungen und der realen Energiekrise schon eine ganz ordentliche Herausforderung. Man entschied sich daher bei dem anstehenden "Kiliani Volksfest" (so eine Art lokales Besäufnis im Stil des Oktoberfestes) das derzeit auf Mallorca recht populäre Lied "Layla" zu verbieten, bzw. mit den Veranstaltern eine "Vereinbarung" zu treffen, das das Lied (und andere) nicht gespielt werden darf.
20. Juli 2022
Paul Scheerbart, "Luftquallen" (1910)
Luftquallen. Eine Entdeckergeschichte.
Von Paul Scheerbart
Vor acht Tagen besuchte mich ein Herr, auf dessen Visitenkarte der sonderbare Name "Crispin Dobberkatz" stand. Der Herr sagte gleich:
"Ich habe einen komischen Namen, das ist ein großes Unglück für mich; denn man lacht immer, wenn ich was erzähle. Außerdem bin ich ein geborener Amerikaner - aus Chicago. Und als Amerikaner werde ich auch nicht ernst genommen, weil man jetzt alle Amerikaner für Schwindler hält - Cook und Peary haben mir da sehr geschadet."
"Wodurch," fragte ich da, "kann ich Ihnen also gefällig sein?"
"Sie," erwiderte er, "werden in jedem Falle immer ernst genommen. Ihnen glaubt man alles. Sie haben noch nie die Unwahrheit gesagt."
"Das weiß ich!" versetzte ich stolz und bot dem Herrn eine meiner sehr langen Zigarren an.
Wir rauchten.
Und er fuhr fort:
"Sehen Sie, die Sache liegt nun so: ich habe etwas Kolossales entdeckt; nicht einmal Eskimos hatte ich bei mir - wie Cook und Peary."
"Haben Sie," fragte ich da ganz ernst, "den Südpol der Erde entdeckt?"
"Nein," erwiderte er.
18. Juli 2022
"Weltraumquallen" - Von Dingen, die am Himmel gesehen werden
I.
Vorgestern, am 15. Juli 2022, ist von Cape Canaveral – Entschuldigung: vom „Kennedy Space Center“ (KSC) – nicht zu verwechseln mit der daneben gelegenen Cape Canaveral Space Force Station (CCSFS) – von der aus dem Apollo-Programm bekannten „Mondstartrampe,“ dem „Launch Complex 39B,“ eine Falcon 9 von SpaceX mit einer Cargo-Dragonkapsel an der Spitze in den abendlichen Sommerhimmel gestartet, um mehr als 2,5 Tonnen Ausrüstung und Versorgungsgüter zur Internationalen Raumstation zu bringen (genauer: 2668 kg). Gestern, um 17:21 mitteleuropäischer Sommerzeit, ist die Mission CRS-25 nach 16 Stunden Flugzeit am Harmony-Modul der ISS angedockt. Das Kürzel CRS steht übrigens für „Commercial Resupply Service“ (habe ich schon einmal erwähnt, daß Raumfahrtorganisationen in aller Welt sich durch einen geradezu obsessiven AKÜFI, einen AbKÜrzungsFImmel auszeichen, der jedes Militär vor Neid erblassen läßt?). Das wäre weiter nicht erwähnenswert, da solche Starts mittlerweile Routine sind und Starts von SpaceX im Wochentakt stattfinden. Mehr noch: in wesentlich kürzeren Abständen. Der nächste Start von SpaceX, mit dem die neueste Tranche von 53 Starlink-Satelliten in die Umlaufbahn gebracht wurde, fand heute Nachmittag von der benachbarten Startrampe 40 im KSC statt, deren Erststufe als zweiter Booster seinen 13. Flug absolvierte. Damit beläuft sich die Zahl der Erdtrabanten, die SpaceX im Verlauf der letzten 3 Jahre gestartet hat, auf 2858, von denen mehr als 2500 ihren Dienst als Kommunikationsrelais versehen. Die nächsten beiden Starts zum Aufbau dieses im Wortsinn weltumspannenden Kommunikationsnetzes finden am nächsten Donnerstag von der Air Force Base auf der anderen Seite der USA, der Vandenberg AFB statt (Mission 3-2) sowie am Sonntag in einer Woche, dem 24. Juli, (Mission 4-25), wieder von der Rampe 39. (Die vorgestellte Zahl bezeichnet die „Schale,“ die Höhe, in der die Satelliten kreisen; die 4. Schale weist jetzt mehr als 1000 Satelliten auf.) Mit dem heutigen Start hat SpaceX im laufenden Jahr den 31. Start absolviert und hat damit jetzt schon mit dem Jahr mit den bislang meisten Starts, 2021, gleichgezogen.
13. Juli 2022
12. Juli 2022
Randnotiz: Die Welt will mehr Frauen!
Gut, das wir die "Welt" haben, so erklärt uns die Chefredakteurin(!) der Welt, Jennifer Wilton, dass wir dringend mehr Quote brauchen, da die deutsche Wirtschaft, als internationales "Schlusslicht" nur 22% Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten aufweist. Und das mache ja Sinn, "denn wo gemischtere Teams, da mehr Erfolg" (wörtliches Zitat).
11. Juli 2022
Eine wirkliche Mondrakete: "...und wieder zurück"
(Symboldbild)
In der nachgerade „unendlichen Geschichte,“ die die Rückkehr der Menschen zum Erdtrabanten mittlerweile darstellt (oder genauer: als deren unmittelbare Vorbereitung sich mittlerweile präsentiert), bleibt dem Chronisten für die 26. Kalenderwoche, mit der die erste Hälfte des laufenden Jahres abschließt, nur, zwei erfolgte Schritte in diesem Marathonlauf im Protokoll zu vermerken. Sie mögen sich, jeder für sich genommen, nicht sehr gewichtig ausnehmen. Aber daß sie erfolgt sind, zeigt, daß sich hier definitiv „etwas bewegt“ und daß tatsächlich Hoffnung besteht, daß wir nach all den endlosen Verzögerungen und Vertagungen damit rechnen können, in absehbarer Zeit tatsächlich Zeugen eines solchen Aufbruchs zu werden. Ich erspare mir an dieser Stelle Überlegungen darüber, ob es sich bei bemannten Flügen zum Mond – oder zum Mars – tatsächlich um einen „Aufbruch“ handelt, ob die „Zukunft im All“ nicht besser Robotern, Rovern und automatischen Sonden vorbehalten sein sollte und daß der „spirituelle Mehrwert“ eines solchen Unterfangen sich in jedem Fall in überschaubaren Grenzen halten dürfte. Genau diese Erwägungen sind schon vor einem halben Jahrhundert, als Neil Armstrong seinen kleinen Schritt für einen Menschen und den „gewaltigen Sprung für die Menschheit“ im Meer der Ruhe machte, endlos angestellt worden – und aus der Rückschau kommt ihnen nicht das geringste Gewicht zu. Die „Vermessenheit,“ die „Hybris,“ die nicht nur von damaligen Zeitgeistsurfern wie Günther Anders scharf verurteilt und der Erbsünde zumindest der westlichen Menschheit zugeschlagen wurde („for man has invented his doom / first step was touching the moon,“ hieß es 14 Jahre später, 1983, in Bob Dylans Song „License to Kill“ aus dem Album „Infidels“), zeichnet in der Rückschau eher solche moralischen Vorhaltungen aus. Aus der Distanz von einem halbem Jahrhundert wirkt auch der damalige Vorschlag, die Kosten des Mondlandeprogramms „doch lieber zur Lösung sozialer Probleme“ zu verwenden oder damit „den Welthunger zu bekämpfen,“ ausgesprochen naiv – vor allem, wenn man bedenkt, daß die letzte Frage zu genau jener Zeit durch Norman Borlaughs „Grüne Revolution“ (die nichts mit heutigen „grünen Weltumbauplänen“ zu tun hatte) gelöst wurde, und daß der Welthandel und die Öffnung des größten Teil der Welt für den Markthandel im letzten halben Jahrhundert das größte Wohlstandsprogramm in der Geschichte der Menschheit darstellte und mehr Menschen aus der Falle der absoluten Armut befreit hat, als es auch das astronomischste Regierungsprogramm je hätte tun können.
(Note 1: zwischen 1990 und 2015 ist nach Berechnungen der Weltbank der Anteil der Weltbevölkerung, der in solcher „absoluter Armut“ lebt – konkret: von umgerechnet weniger als $1,90 pro Tag – von 36% auf 10% der Weltbevölkerung gesunken, und das, obwohl sich die Zahl der Menschen auf der Erde von 5,28 Milliarden auf 7,33 Milliarden erhöht hat.) (Note 2: Die Kosten des „Apollo“-Mondflugprogramms beliefen sich für den Zeitraum von 1960 bis 1973 – von den ersten Planungen bis zur Verwendung einer dritten Stufe einer Saturn V als erste amerikanische Raumstation „Skylab“ – auf insgesamt 25.8 Milliarden Dollar. Inflationsbereinigt würde dies in heutiger Kaufkraft einer Summe von 257 Milliarden Dollar entsprechen. Das „Artemis“-Programm hat. Das Space Launch System, das sich seit 2011 in der Entwicklung und im Bau befindet, hat bislang eine Summe von gut 20 Milliarden Dollar gekostet.)
7. Juli 2022
Randnotiz: Venezuela als Vorbild und "Wer A sagt, muss auch B sagen wollen"
Es mag zunächst mal noch ein Kuriosum sein, aber die Bild Zeitung weiß diese Woche zu berichten, dass die erste Wohnungsbaugenossenschaft in Deutschland ihren Mietern Duschzeiten vorschreibt, "um Energie zu sparen". Man sollte meinen es sei ein Witz und neigt dazu den Kalender zu suchen ob wir Anfang April haben. Aber es ist kein Witz. Die meinen das vollkommen ernst. Deutschland im Jahr 2022 bereitet sich darauf vor "den Gürtel enger zu schnallen".
24. Juni 2022
火星的狗牛 – „Die Hunde des Mars“
(William K. Hartmann, "Dusk of Mars (after Frederic Church)," (2000))
„Cry ‚Havoc!’ and let slip the dogs of war.”
Marcus Antonius’ berühmt-berüchtigter Satz in der ersten Szene des dritten Aufzugs von Shakespeares Historiendrama „Julius Cäsar,“ und von August Wilhelm Schlegel leicht sinnverfremdend als „Mord rufen und des Krieges Hund entfesseln!“ wiedergegeben, ist wohl die bekannteste klassische symbolische Kopplung des Hundes mit der abstrakten Idee des Krieges. Und ebenso „klassisch“ ist die Vorstellung, den kosmischen Nachbarn der Erde, den Planeten Mars, wegen seiner schon mit bloßem Auge erkennbaren blutroten Einfärbung mit der Vorstellung des Kriegs und der Vernichtung in Verbindung zu bringen und entsprechend in seinem Auftreten am Nachthimmel und den Begegnungen mit den anderen Wandelsternen böse Vorzeichen erkennen zu wollen. Das geht weit über die Verbindung mit dem griechischen Gott des Krieges, Ἄρης, hinaus, dessen Pendant im römischen Pantheon, dem Mars, der Planet seinen heute gebräuchlichen Namen verdankt. Schon in der babylonischen Sternkunde, der die griechische vieles verdankte, war der Planet eine Verkörperung oder ein Symbol für den Kriegsgott Nergal – und auch im alten China galt das Auftauchen des „Feuersterns,“ des 火星 (Huǒ Xīng) als Ankündigung von „Krieg, Tod und Vernichtung.“ Asaph Hall, der 1877 die beiden Monde des Mars entdeckte, reihte sich in diese Tradition ein, indem er ihnen die Bezeichnungen der traditionellen Begleiter des Krieges, Furcht und Schrecken, Phobos und Deimos, verlieh.
Eine zweite, handfestere, aber nicht weniger symbolträchtige Verklammerung ergibt sich aus der leicht frivolen Feststellung, daß es im gesamten uns bekannten Universum genau zwei Planeten gibt, auf denen sich Zeichen von technologischer Aktivität , von zielgerichteter Manipulation der Umwelt, kurz: von intelligentem Leben gibt – und daß der Mars der einzige Weltkörper in diesem bekannten Universum darstellt, dessen Bevölkerung ausschließlich aus Robotern besteht. Als nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, zumindest im Westen, die Vorstellung populär wurde, daß des sich bei den Planeten unseres Sonnensystems um bewohnbare Welten nach dem Muster der Erde handeln könnte, deren Leben sich entsprechend der Darwinschen Entwicklungslehre an seine spezifischen Umwelten angepaßt hat, überwog die auf der von Simon Laplace und Immanuel Kant entwickelte Vorstellung, diese „Vielzahl der bewohnten Welten“ sei sukzessive entstanden, indem sich die Gaswolke, aus der die Planeten des Sonnensystems kondensierten, „von außen her“ abkühlten und den Weg des Lebens einschlugen, sobald die Zustände vor Ort dafür erträglich geworden waren. In dieser Sicht stellte der Mars eine „alte Welt“ dar, an der man die Zukunft der Erde bereits heute sehen konnte: eine einstmals blühende Welt, deren Ozeane verdunstet und der zur lebensfeindlichen Wüste geworden war. (Daß die Forschung durch Raumsonden, die dies seit nunmehr einem halben Jahrhundert vor Ort nachprüfen, einerseits durchaus bestätigt worden ist, andererseits hier Zeitmaßstäbe nicht von Jahrtausenden oder Jahrmillionen gelten, sondern von Jahrmilliarden, zählt zu den hübschen Ironien der Wissenschaftsgeschichte.) Insofern könnte man versucht sein, beim Mars tatsächlich „die Zukunft der Erde“ vorweggenommen zu sehen – jedenfalls in Jahrmilliarden, wenn die sich aufheizende Sonne die Ozeane tatsächlich zum Verdunsten bringt und die einzigen „Lebensformen,“ die dann noch an der Oberfläche tätig sein könnten, tatsächlich Roboter oder ähnlich beschaffene Automaten sein könnten.
14. Juni 2022
Москва - второй Билефельд
Daß die staatliche Propaganda totalitärer Systeme in Kriegs- und Krisenzeiten in unschöner Regelmäßigkeit ausgesprochen bizarr anmutende Sumpfblüten hervorbringt, darf nach den Erfahrungen mit solchen Gebilden im Lauf der letzten 100 Jahre als historisches Gesetz gelten – und insofern überrascht es kaum, daß in den russischen Medien im Zusammenhang mit Putins „Спецоперация на Украине,“ der „Spezoperazija na Ukraine“ es in dieser Hinsicht so hoch hergeht wie in den Tagen des georgischen Väterchens. In den vergangenen Wochen habe ich an dieser Stelle ja schon mehrmals über besonders groteske Beispiele dafür berichtet (hier und hier). In der vergangenen Woche ist nun ein weiterer solcher Schnörkel hinzugekommen, als in der laufenden Medienbegleitung zu lesen war, daß die russische Duma einen Antrag beschließen soll, um die 1991 erfolgte Unabhängigkeitserklärung Litauens für ungültig zu erklären und somit zumindest pro forma schon einmal „heim ins Reich“ zu holen, im Zug von Putins erklärtem Ziel des „Einsammelns russischer Erde“ (Cобирал русские земли).
Zwei Reaktionen waren bislang darauf zu verzeichnen: zum einen den Vorschlag des konservativen Abgeordneten Matas Maldeikis, der für die christdemokratische Partei „Vaterlandsbund“ (Tėvynės Sąjunga – Lietuvos krikščionys demokratai) im litauischen Parlament, dem Seimas, sitzt, der vorschlug, für den Fall, daß Präsident Putin einen solchen Beschluß unterzeichnen würde, doch im Gegenzug bitte den „Ewigen Frieden“ von 1634 außer Kraft zu setzen, der ein Ende der fast 30 Jahre lang andauernden Kriegszüge zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen auf der einen Seite und dem Zarenreich auf der anderen Seite beendet hatte, mit der Forderung, daß Herr Putin bitte die Vorherrschaft des polnischen Königs Władysław IV. Wasa (oder seines aktuellen Rechtsnachfolgers) anzuerkennen habe und die damals an Russland gefallenen Gebiete an den Westen zu restituieren habe. Von entsprechenden Forderungen deutscher Politiker nach einer Rückgabe Königbergs ist bislang nichts bekannt geworden.
12. Juni 2022
Llarians Welt: Selbstoptimierung?
Mir wurde neulich in unserem kleinen Zimmer "vorgeworfen" (zumindest war der Anwurf so verwendet), dass ich ein geistiger wie körperlicher "Selbstoptimierer" sei. Dem Vorwurf habe ich erst einmal ad hoc zugestimmt, ohne groß darüber nachzudenken. Denn es erschien mir (und erscheint mir) durchaus sinnvoll an sich selber zu arbeiten. Aber vielleicht verbirgt sich hinter diesem platten Anwurf doch etwas mehr als nur ein Begriff.
8. Juni 2022
Eine wirkliche Mondrakete: Hin und wieder zurück
I.
Gestern, am 6. Juni 2022, dem Pfingstmontag („einem Feiertag, von dem niemand weiß, wozu er gut ist,“ schreibt Norbert Hummelt in seiner gerade erschienen Tour d’horizon „1922: Wunderjahr der Worte“ über das Annus Mirabilis der modernen Literatur, zum gleichen Termin vor einem vollen Jahrhundert), hat am frühen Morgen nach Ortszeit auf dem KSC, dem Kennedy Space Center in Florida, das SLS, das Space Launch System, die Mondrakete des Artemis-Programms der NASA, zum zweiten Mal seinen Weg von dem VAB, der Montagehalle, (Englisch „Vehicle Assembly Building“) zum LC-39B, dem Launch Complex 39, der Startrampe zurückgelegt. Und wenn beim Leser der Eindruck entsteht, die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA, die National Air and Aeronautics Administration, laboriere an einem AKüFi, einem Abkürzungsfimmel, der jedem Militär zur Ehre gereichen würde, liegt er damit vollkommen richtig. (Bezeichnenderweise gibt es im Englischen nicht nur den obsoleten Fachausdruck „Acromania“ für eine verschärfte Form von Geisteskrankheit, sondern auch das Pendant „Acronymania,“ gemäß der Definition in Webster’s Dictionary „fervent or excessive enthusiasm for the use of acronyms or initialisms,“ zuerst 1960 als Neubildung im „New Scientist“ verwendet – der Kleine Zyniker vermutet einen gewissen Zusammenhang mit der zwei Jahre zuvor erfolgten Gründung einer gewissen Raumfahrtbehörde – und 1999 in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ von David Sharop als klinisches Krankheitsbild klassifiziert (Band 353, S. P1728).)
(Offizieller AkÜFI der NASA für den Anfangsbuchstaben "D")
Der Transport des Ensembles der 98 Meter hohen Rakete, dem Starttisch und dem Startturm, beides unter ML (für „Mobile Launcher“) zusammengefaßt, alles zusammen mit einem Gewicht von 9700 Tonnen zum 6,8 km entfernten Startkomplex, auf dem gewaltigen Transporter (CT-2, für „Crawler-Transporter 2“) begann eine Viertelstunde nach Mitternacht floridianer Ortszeit (EDT, für „Eastern Daylight Time“) und endete nach zehneinhalb Stunden um 10:47, also 16:47 MESZ (für „Mitteleuropäische Sommerzeit“). In gut zwei Wochen, am Sonntag, dem 19. Juni, soll nun der zweite Versuch einer Probebetankung (WDR, für „Wet Dress Rehearsal“) mit drei Millionen Litern flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff erfolgen, um nach erfolgreicher Absolvierung des Countdowns (für den es sinnigerweise keine Abkürzung gibt) wieder zurück zum VAB gefahren zu werden, um dann – hoffentlich – im August endlich doch in die Erdumlaufbahn und von dort auf einen gut dreiwöchigen unbemannten Probeflug zum Erdtrabanten starten zu können. Der Grund für diese dritte Rangierfahrt liegt darin, daß die NASA die Feststoff-Rettungsrakete (LAS, für „Launch Abort System“), die die Orion-Kapsel im Notfall in Sicherheit bringen soll, nur für 20 Tage lang für einen Einsatz freigibt, bis die Tankfüllung erneuert werden muß. In gewisser Weise entspricht das Profil dieser unbemannten Mission, Artemis-1, den beiden Erstflügen aus dem Apollo-Mondflugprogramm vor einem halben Jahrhundert, die ziemlich in Vergessenheit geraten sind: Apollo 4 und Apollo 6, vom November 1967 und April 1968. Allerdings gelang es in Fall von Apollo 6 nicht, die Kapsel wie geplant auf den Kurs zum Mond zu bringen, weil die dritte Stufe der Saturn-V-Trägerrakete nicht zündete (außerdem hatten sich zwei der drei Triebwerke der zweiten Stufe viel zu früh abgeschaltet).
7. Juni 2022
Randbemerkung: Das Ende von #metoo? Wohl eher nicht.
Nach dem doch etwas unerwarteten Ende des Depp/Heard Prozesses in den USA versucht so mancher, in der Regel konservative, Kommentator das Ende von #metoo herbei zu sehnen. "Endlich" einmal glaubt man dem Mann und endlich einmal bekommt eine Frau die Rechnung für die öffentliche Zerstörung ihres Ex-Mannes mit einer erfundenen Misshandlungs-Geschichte. Lange hat Justitia geschlafen, doch nun ist sie endlich erwacht und hat den ganzen geifernden Hyänen endlich den Garaus gemacht.
Oder auch nicht.
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