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4. April 2009

Marginalie: Erdogan hier, Karzai dort. Was motiviert sie, den Westen herauszufordern? Vielleicht rationales Kalkül

Natürlich ist es ein Zufall, aber die beiden Meldungen passen schon gut zusammen:

Im Nato-Rat legt sich Erdogan quer und will der Wahl von Rasmussen zum Nato-Generalsekretär partout nicht zustimmen. Nicht etwa, weil er Einwände gegen dessen Qualifikation für das Amt hätte - sondern weil in Dänemark einmal Mohammed- Karikaturen veröffentlicht worden waren und weil dort ein kurdischer Sender geduldet wird.

Es geht also nicht um die Nato, es geht nicht um die Person. Es geht um Religion und um türkischen Nationalismus.

Und ausgerechnet im Vorfeld des Nato- Gipfels, auf dem über eine Ausweitung des Militär- Einsatzes für ein freies, demokratisches Afghanistan beraten wurde, wird bekannt, daß der Präsident Karzai, der dieses moderne Afghanistan verkörpern soll, ein rückständiges Gesetz gutgeheißen hat, das die Rechte schiitischer Frauen - so jedenfalls wird berichtet - mehr beschränkt, als sie das selbst unter den Taliban gewesen waren.

Beide Male hat man den Eindruck, daß der Westen mutwillig herausgefordert wird.

Zu Afghanistan schreibt Ulrich Gebauer in "Spiegel- Online": "Grundsätzlich ist es nach Einschätzung von Diplomaten schwierig, mit Kritik auf Kabul einzuwirken. Aus Erfahrung wissen die Experten, dass Einmischung oft zu einer Verfestigung der Positionen in der afghanischen Politik führt".

Und auch Erdogan und Gül haben - das ist der Stand, während ich dies schreibe - offenbar alle Bemühungen von Merkel, Sarkozy und dem telefonierenden Berlusconi an sich abprallen lassen, doch noch einzulenken.

Die Türkei hat den Eklat riskiert. Sie hat sich außerhalb der Gemeinschaft der Nato- Staaten gestellt. Und das ohne einen Anlaß in der Sache, allein aus zwei erklärten Motiven heraus, die beide mit der Nato nicht das Geringste zu tun haben.



Islamismus? Irrationales Verhalten von Fundamentalisten? Ich glaube, eher nicht.

Karzai steht vor Wahlen, die er leicht verlieren kann. Er ist auf die Stimmen der Schiiten angewiesen. Aufgrund einer Seltsamkeit der afghanischen Verfassung hat er einem Gesetz zustimmen können, das nur für Schiiten gilt. So scharf auch Dasjenige abzulehnen ist, das in dem Gesetz steht - an den faktischen Verhältnissen dürfte es nichts ändern.

Was natürlich schlimm genug ist. Aber Afghanistan ist eben nicht auf dem Weg zu einer aufgeklärten Demokratie; der Westen kann froh sein, wenn er langfristig die Taliban und die Kaida militärisch in Schach hält. (Siehe diesen kürzlichen Artikel in diesem Blog sowie den Kommentar von Thomas Pauli und meine Anmerkungen dazu).

Karzais Entscheidung für dieses Gesetz spiegelt leider nur die reale Situation in Afghanistan wider. Für eine Demokratisierung, wie sie im Irak zu gelingen scheint, fehlen alle Voraussetzungen.



Und Erdogan? Auch er handelt durchaus rational. Er hat heute der Welt deutlich gemacht, daß die Nato nicht allein ein Bündnis westlicher Staaten ist, sondern daß sich darin auch ein islamischer Staat befindet. Erdogans Adressat ist die islamische Welt, ist insbesondere der Nahe Osten.

Etwas, das beim Moslems Mißfallen erregt, wird die Nato fortan nicht mehr beschließen können; nicht, solange die Türkei Mitglied ist und dort nicht wieder (was überhaupt nicht zu erwarten ist) der Säkularismus an Boden gewinnt.

Vor zwei Monaten habe ich über eine Analyse von George Friedman berichtet, der für die Türkei die Option einer Führungsmacht im Nahen Osten skizziert hat, ungefähr im Gebiet des einstigen Osmanischen Reichs.

Auch hier möchte ich auf die Diskussion in "Zettels kleinem Zimmer" aufmerksam machen, in der die Analyse Friedmans mit zum Teil ausgezeichneten Argumenten kritisiert wurde.

Heute aber hat Erdogan gezeigt, daß er gedenkt, die Türkei als eine islamische Macht zu profilieren. Auch und gerade in der Nato.



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25. Februar 2009

Zitat des Tages: "Frauen dürfen nur mit Erlaubnis ihrer Ehemänner arbeiten". Meinen fast siebzig Prozent der Türken.

73 Prozent der rund 6500 Befragten wollen nicht, dass Grundeigentum an Ausländer verkauft wird. Fast 70 Prozent geben an, dass sie "nie" Bücher lesen. Ebenfalls beinahe 70 Prozent sind der Meinung, dass Frauen nur dann arbeiten dürfen, wenn sie ihre Männer um Erlaubnis fragen. 57 Prozent halten es auch im Hochsommer für unsittlich, wenn Frauen ärmellose Oberbekleidung tragen (außer daheim). (...)

Die Zahlen dürften einiges an Diskussionen auslösen – denn sie zeichnen das Bild einer auch nach acht Jahren Reformpolitik zutiefst islamisch- konservativen Türkei voller Misstrauen gegenüber Ausländern – das Gegenteil einer Annäherung an europäische Sichtweisen.


Die "Welt" gestern über die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage in der Türkei.

Kommentar: "Auch nach acht Jahren Reformpolitik"? In diesen acht Jahren regierte Erdogans AKP, deren "Reformpolitik" darin besteht, die Türkei wirtschaftlich, militärisch und außenpolitisch zu stärken, während zugleich im Inneren an die Stelle der säkularen Gesellschaft, wie Atatürk sie durchgesetzt hatte, eine islamische Gesellschaft treten soll.

Die Umfrage zeigt, daß das nicht schlecht funktioniert. Nicht trotz, sondern aufgrund dieser "Reformpolitik" nähert sich die Türkei keineswegs einer modernen, liberalen Gesellschaft, sondern entfernt sich immer mehr davon.

Ein aktuelles Beispiel: Im Sommer vergangenen Jahres stand die Neuwahl der Rektoren der 21 staatlichen Universitäten der Türkei an. Das übliche Verfahren ist, wie das Chronicle of Higher Education damals berichtete, daß die Universitäten Listen vorlegen, deren Erstplazierten der Präsident dann üblicherweise beruft.

Aber er muß das nicht. Der Staatspräsident Gül (AKP) nun lehnte sämtliche Erstplazierte ab, die sich gegen eine Aufhebung des Kopftuch- Verbots an türkischen Universitäten ausgesprochen hatten, und ersetzte sie durch Professoren, die für diese Aufhebung sind.

Soviel zur "Reformpolitik" der AKP.



Zu dem Artikel in der "Welt" gibt es eine Umfrage mit der Frage "Ist die Türkei reif für die EU?". Im Augenblick haben von 2158 Abstimmenden 27 Prozent mit "ja" und 73 Prozent mit "nein" geantwortet.

Was ja schön und gut ist. Nur ist die Frage irrelevant für die Entscheidung, ob die Türkei in die EU darf. Es geht nicht darum, ob sie "reif" oder "nicht reif" ist. Sondern es geht bei der Entscheidung darum, ob ihre Aufnahme für die EU von Vorteil oder von Nachteil ist.

Es geht - aus meiner Sicht - also darum, welche Folgen eine Aufnahme der Türkei für eine EU hätte, in der bekanntlich Freizügigkeit herrscht; jener Türkei, deren "junge und dynamischen Bevölkerung" das Parteiprogramm der AKP rühmt.

Jung, dynamisch - und mit den Auffassungen, die aus dieser Umfrage hervorgehen.



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3. Februar 2009

"Es ist unvermeidlich, daß die Macht der Türkei wächst". Erdogans Ausbruch in Davos. Dessen Hintergrund, analysiert von Stratfor-Chef George Friedman


Sehen Sie sich bitte einmal diese Abbildung genau an (für die volle Größe anklicken). Dann haben Sie, ohne weiterzulesen, bereits Vieles von dem verstanden, was in diesem Artikel steht.

Die Abbildung stammt aus einem gestrigen Aufsatz im Informationsdienst Stratfor, den ich schon häufig zitiert habe. Der Autor ist der Stratfor- Chef George Friedman. Titel: "Erdogan's outburst and the future of the Turkish state" - Erdogans Ausbruch und die Zukunft des türkischen Staats.

Mit "Zukunft" meint Friedman die geopolitische ebenso wie die innenpolitische Zukunft der Türkei. Beide hängen eng miteinander zusammen, schreibt Friedman, und der Ausbruch Erdogans sollte im Zusammenhang damit gesehen werden.

Im folgenden fasse ich aus meiner eigenen Sicht das zusammen, was mir an dem Artikel Friedmans besonders interessant erscheint. Diesen ganz zu lesen empfehle ich sehr.



Innenpolitisch ist die Situation der Türkei durch drei Faktoren gekennzeichnet: Erstens eine schnell wachsende Wirtschaft. Zweitens eine islamistische Bewegung, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Drittens ein Militär, das sich als Wächter der laizistischen kemalistischen Tradition im Inneren und einer zurückhaltenden, nicht- imperialistischen Außenpolitik versteht; mit traditionell guten Beziehungen zu Israel.

Erdogan verkörpert so etwas wie den Vektor aus diesen drei Kräften. Er ist Islamist, aber ein gemäßigter. Er ist ein türkischer Nationalist, aber bisher keiner mit imperialistischen Gelüsten; westlich orientiert wie das Militär. Er ist mit seiner Politik einer Modernisierung der Türkei auch der Mann der Wirtschaft.

Diese drei Kräfte schränken aber auch seinen Spielraum ein. In diesem Kontext muß man seinen Ausbruch in Davos sehen - ob nun echt oder gespielt; ob von langer Hand vorbereitet oder aus der Situation heraus entstanden.

Der Gaza- Krieg hat die türkischen Islamisten mobilisiert. Ihnen mußte Erdogan Zucker geben; aber möglichst so, daß kein diplomatisches Prozellan zerdeppert wird.

Dem diente der Eklat in Davos auf eine perfekte Weise. Sein Adressat war ja nicht der Staatspräsident Peres; also war es kein Affront gegen Israel. Erdogan protestierte vielmehr gegen den Moderator, den Kolumnisten der Washington Post David Ignatius. Aber in der Öffentlichkeit der Türkei wurde der Vorfall so wahrgenommen, daß Erdogan Israel in seine Schranken gewiesen hatte. Es war Theaterdonner; eine Vorstellung für die Galerie. Friedman:
The Turkish prime minister needed to show his opposition to Israel’s policies to his followers in Turkey’s moderate Islamist community without alarming Turkey’s military that he was moving to rupture relations with Israel. Whether calculated or not, Erdogan’s explosion in Davos allowed him to appear to demonstrate vocal opposition to Israel — directly to Israel’s president, no less — without actually threatening ties with Israel.

Der türkische Premier mußte seinen Anhängern in der moderat- islamistischen Gruppierung seine Opposition gegen die Politik Israels zeigen, ohne das türkische Militär befürchten zu lassen, daß er sich darauf zubewege, die Verbindungen zu Israel zu kappen. Ob nun kalkuliert oder nicht, die Explosion Erdogans in Davos erlaubte es ihm, scheinbar lautstarke Opposition gegen Israel zu zeigen - direkt gegenüber dem Präsidenten Israels, nichts Geringers als dies -, ohne aber die Bindungen zu Israel tatsächlich zu gefährden.
Das also ist - in Friedmans Analyse - die innenpolitische Seite, die freilich eng mit der geostrategischen Lage der Türkei verknüpft ist.



Die Abbildung zeigt diese geostrategische Lage der Türkei sowie die Grenzen des einstigen Osmanischen Reichs. Sie visualisiert die zentrale Position, die die heutige Türkei einnimmt:
Asia Minor is the pivot of Eurasia. It is the land bridge between Asia and Europe, the northern frontier of the Arab world and the southern frontier of the Caucasus. Its influence spreads outward toward the Balkans, Russia, Central Asia, the Arab world and Iran. Alternatively, Turkey is the target of forces emanating from all of these directions.

Kleinasien ist die Drehachse Eurasiens. Es ist die Landbrücke zwischen Asien und Europa, die Nordgrenze der arabischen Welt und die Südgrenze des Kaukasus. Sein Einfluß erstreckt sich nach außen in Richtung Balkan, Rußland, Zentralasien, die arabische Welt und den Iran. Andersherum betrachtet, ist die Türkei das Ziel von Kräften, die von allen diesen Richtungen ausgehen.
In dieser Situation steht die heutige Türkei vor zwei geostrategischen Optionen.

Die eine besteht in einer Fortsetzung der Politik, die im Kern auf Kemal Pascha zurückgeht und die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konkretisiert wurde.

Atatürk hatte erstens den radikalen Abschied von der Tradition des Osmanischen Reichs gewollt, zweitens eine westliche Orientierung der Türkei. In der Nachkriegszeit bedeutete das die Integration der Türkei in die Nato.

Dies war auch eine Reaktion auf die Bedrohung durch die Sowjetunion. Diese antwortete auf die Nato- Bindung der Türkei damit, daß sie einen eigenen Einflußbereich in Arabien aufbaute; vor allem in Ägypten, Syrien, dem Irak. (Später kamen andere Länder wie der Jemen hinzu). Auf diese zusätzliche Bedrohung von Süden her reagierte die Türkei ihrerseits damit, daß sie eine enge Zusammenarbeit mit Israel und mit dem Iran des Schah suchte.

Davon sind die Verbindungen zu Israel geblieben. Seit dem Ende der UdSSR haben sich aber auch die Beziehungen zur arabischen Welt verbessert, so daß die Türkei im Nahost- Konflikt ein wichtiger Vermittler geworden ist.

Das ist die traditionelle Option der Türkei; diejenige, die, wie gesagt, in der Tradition Kemal Paschas steht. Aber mit dem Aufkommen und der schnellen Ausbreitung des Islamismus steht die Türkei immer deutlicher vor einer alternativen Option:
Under this second vision, Turkey would extend its power outward in support of Muslims. This vision, if pursued to the full, would involve Turkey in the Balkans in support of Albanians and Bosnians, for example. It would also see Turkey extend its influence southward to help shape Arab regimes. And it would cause Turkey to become deeply involved in Central Asia, where it has natural ties and influence. Ultimately, this vision also would return Turkey to maritime power status, influencing events in North Africa. It is at its heart a very expansionist vision.

Nach dieser zweiten Vision würde die Türkei ihre Macht nach außen hin erweitern, zur Unterstützung von Moslems. Bis zum Ende verfolgt, würde diese Vision beinhalten, daß daß die Türkei auf dem Balkan zum Beispiel Albaner und Bosnier unterstützt. Sie würde auch dazu führen, daß die Türkei ihren Einfluß in südliche Richtung ausdehnt, um arabischen Regimes ihren Stempel aufzudrücken. Und sie würde die Türkei veranlassen, sich bis weit hinein nach Zentralasien zu engagieren, wo sie natürliche Bindungen und Einfluß hat. Letztlich würde diese Vision die Türkei auch wieder zu einer Seemacht werden lassen, so daß sie das Geschehen in Nordafrika beeinflussen könnte. Es ist im Kern eine expansionistische Vision.
In der Tat. Es ist ja nichts anderes als die Vision, das Osmanische Reich neu entstehen zu lassen (die Abbildung zeigt, daß dieses einst alle die von Friedman genannten Regionen umfaßte). Insofern nicht unähnlich dem Versuch Wladimir Putins (mit dem ja überhaupt Erdogan Vieles gemeinsam hat), das Reich der Zaren und der Sowjets wieder erstehen zu lassen.

Friedman weist darauf hin, daß die Türkei durchaus das Potential für eine solche imperiale Politik hat: Sie ist zusammen mit Indonesien, Pakistan, dem Iran und Ägypten eines der fünf großen islamischen Länder. Indonesien, Ägypten und Pakistan stecken aber in innenpolitischen Schwierigkeiten; Iran ist durch seine Konflikt mit den USA gebunden. Die Türkei mit ihrer hochgerüsteten Armee und ihrer boomenden Wirtschaft - weltweit inzwischen an 17. Stelle - könnte hingegen zur Führungsmacht der islamischen Welt aufsteigen.



Die Wahrscheinlichkeit, daß die Türkei diesen expansionischen Weg beschreiten wird, sieht Friedman als groß an. Gebremst werden könne sie allerdings durch Rußland, das seinerseits - siehe den Georgien- Krieg - die Expansion nach Süden sucht. Aber auch das werde langfristig wenig am Aufstieg der Türkei ändern:
But regardless of what level Russian power returns to over the next few years, the longer- term growth of Turkish power is inevitable — and something that must be considered carefully.

Aber unabhängig davon, bis auf welche Höhe die Macht Rußlands in den kommenden Jahren zurückkehrt, ist langfristig der Machtzuwachs der Türkei unvermeidlich - und etwas, das sorgsam bedacht werden muß.
In der Tat. Und nicht zuletzt im Hinblick auf den Versuch der Türkei, Mitglied der EU zu werden.

Interessanterweise erwähnt George Friedman diesen Aspekt mit keinem Wort.



Abbildung: Stratfor; mit Erlaubnis des Urhebers reproduziert. Für Kommentare bitte hier klicken.

4. Juli 2008

Marginalie: Wie läßt sich die Türkei aus der EU heraushalten? Nicolas Sarkozy hat eine Doppelstrategie

Präsident Sarkozy ist davon überzeugt, daß ein Beitritt der Türkei zur EU ein Desaster wäre. Er ist dabei, ihn durch einen Doppelstrategie zu verhindern.

Der eine Teil dieser Strategie ist die Gründung der Mittelmeer- Union, die nicht allein, aber doch auch diesem Zweck dient: Der Türkei soll eine attraktive Perspektive als Vormacht im östlichen Mittelmeer eröffnet werden; in enger Kooperation mit der EU. Als Alternative dazu, ein ungeliebter Randstaat der EU zu sein, könnte das für die Türken durchaus attraktiv sein; auch diese Option würde ja eine Hinwendung nach Westen bedeuten.

Der zweite Teil der Doppelstrategie besteht darin, die Hürde für einen Beitritt der Türkei sehr hoch zu stecken; und zwar innerhalb der französischen Verfassungsreform, der Réforme des Institutions.

An dieser Verfassungsreform arbeiten, nachdem zunächst eine Kommission einen Rahmen vorgelegt hatte, im Augenblick die französische Nationalversammlung und der Senat parallel.

Heute nun hat der zuständige Ausschuß der Nationalversammlung in Abstimmung mit dem Senat beschlossen, eine ursprünglich von Präsident Chirac eingeführte Änderung des Paragraphen 88-5 der Verfassung in die Reform zu übernehmen, die vorsieht, daß Frankreich nur nach dem positiven Ausgang eines Referendums der Aufnahme weiterer Mitglieder in die EU zustimmen wird.

Auch den Franzosen ist klar, was eine Aufnahme der Türkei in die EU bdeuten würde: Nach einer Übergangsfrist Freizügigkeit; also das Recht jedes Türken, nach Frankreich einzuwandern. Daß die Mehrheit der Franzosen dem in einem Referendum zustimmen würde, ist sehr unwahrscheinlich.

Das also ist Sarkozys Doppelstrategie: Er lockt mit dem Zuckerbrot der Mittelmeer- Union, und hinter dem Rücken hält er die Peitsche eines Scheiterns bereit, das einem EU-Beitritt der Türkei sehr wahrscheinlich durch ein Referendum in Frankreich blühen würde.



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12. Februar 2008

Zitat des Tages: Beckstein über Erdogan

Diese Rede war höchst unerfreulich.

Der bayrische Ministerpräsident Beckstein gegenüber der "Nürnberger Zeitung" zur Kölner Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Über die Haltung Becksteins zu einem EU-Beitritt der Türkei heißt es in dem lesenswerten Artikel: "In der EU will er – wie seine Partei – das Land auf keinen Fall sehen. Man dürfe sich keine Illusionen machen, warnt er. 'Sind sie erst aufgenommen, streben sie sicher eine Führungsrolle an', warnt Beckstein."

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11. Februar 2008

Marginalie: Nein. Schande. Verbrechen. Starke Worte des Ministerpräsidenten Erdogan. Vielleicht auch ein einziges starkes Wort

Türkisch müßte man können.

Am Freitag gab es hier im Blog ein "Zitat des Tages", gesprochen von dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Berlin, als er dort zusammen mit der Kanzlerin vor Schülern aufgetreten war. Dieses Zitat hatte ich "Spiegel Online" entnommen, und es lautete, in indirekter Rede formuliert: "Er sage aber Nein zu Assimilation. Menschen müssten in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert werden".

Starker Tobak, dachte ich da, am Freitag. Das, was doch das erwünschte und auch unvermeidliche Ergebnis jeder Einwanderung ist, die Assimilation der Einwanderer an die Kultur ihrer neuen Heimat, das hat Erdogan abgelehnt. In dem kleinen Beitrag habe ich diskret darauf hingewiesen, daß Erdogan und seine Partei der Assimilation wohl weniger ablehnend gegenüberstehen, wenn es um die Kurden in der Türkei geht.



Am Samstag dann habe ich einen bemerkenswerten Artikel der türkischstämmigen deutschen Soziologin Necla Kelek in der FAZ kommentiert. Kelek schreibt darin über autoritäre Strukturen und über Gewalt in den Familien türkischer Einwanderer. In dem Kommentar habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß an der Entstehung und Duldung dieser Situation die antiautoritäre Bewegung mit ihrem Multi- Kulturalismus ein gerütteltes Maß Schuld trägt.

Als Nachtrag zu diesem Beitrag habe ich auf einen weiteren Artikel von Necla Kelek hingewiesen. Dort berichtet sie über jenen Auftritt Erdogans in Berlin, in dem das Zitat über die Assimilation gefallen war.

Nur stand bei Kelek etwas anderes über Assimilation als das, was ich aus "Spiegel Online" zitiert hatte. Dort stand: "Erdogan sagte, dass Assimilation eine Schande für die Menschheit sei."

Eine Schande für die Menschheit.

Das also war am Samstag. Gestern nun erschienen Berichte über den Auftritt Erdogans in Köln. Und was stand da zu lesen? Überschrift des dpa-Berichts, wie ihn FAZ.Net brachte: "Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit".



Vermutlich hatte Erdogan bei beiden Auftritten dieselbe Formulierung auf Türkisch verwendet. Mal war sie als ein schlichtes Nein wiedergegeben worden, von Kelek als eine "Schande für die Menschheit" und von dpa nun gar als ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Ganz sicher bin ich nicht; denn ich kann kein Türkisch und kann deshalb mit der Aufzeichnung des Berliner Auftritts in dieser Hinsicht nichts anfangen.

Eine Schande für die Menschheit ist nun freilich nicht ganz dasselbe wie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Crime Against Humanity); das schwerste überhaupt juristisch definierte Verbrechen. Aber was auch immer Erdogan genau sagte und welche Übersetzung es trifft - jedenfalls war es offenbar nicht nur ein lautes "Nein!" gewesen, wie ich es in meinem "Zitat des Tages" angenommen hatte. Es war eine Äußerung tiefen Abscheus gewesen.



Das wirft nun allerdings Fragen auf.

Wenn er einen solchen Abscheu vor Assimilation hat - wie stellt er sich, der Chef der türkischen Regierung, denn die Zukunft der Einwanderer aus der Türkei nach Deutschland vor?

Will er türkische Kolonien in Deutschland, ungefähr wie die Siedlungsgebiete der Wolgadeutschen im zaristischen Rußland? Will er einen deutschen Vielvölker- Staat, mindestens Zweivölker- Staat, in dem Angehörige verschiedener Nationen leben, verbunden allein durch den gemeinsamen Paß und eine gemeinsame Verkehrssprache? Mit einem Eintrag zur "Nationalität" im Paß, so wie das in der Sowjetunion vorgesehen war?

Falls das seine Vorstellung sein sollte, dann, so scheint mir, wird es hohe Zeit, daß die Bundesregierung, daß alle deutschen Parteien diesem Recep Tayyip Erdogan klarmachen, daß das nicht unsere Vorstellung von der Zukunft unseres Landes ist.

Und wir sollten uns verbitten, daß er sich in dieser impertinenten Weise in unsere Inneren Angelegenheiten einmischt.

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4. Juli 2007

Randbemerkung: Mal wieder ein kleines Quiz

Zu erraten ist, wo diese Textpassage steht:
Wenn die türkische Justiz ihre Unabhängigkeit und die durchaus ausbalancierten Traditionen ihres Landes nicht verteidigt, wird sie die Vernuttung ihrer Jugend nicht verhindern können, die Springer und Co. auf dem Kontinent schon durchgesetzt haben. Marco mag unschuldig sein – aber Ballermänner wie Wagner und Bohlen werden nicht ruhen, bis die Kids in Anatolien so besoffen, verroht und versaut sind wie in Neukölln.
Wo war das vor einigen Tagen zu lesen?
(A) in "Hürriyet"
(B) in der "National-Zeitung"
(C) in der "Jungen Welt"
(D) in "Milli Gazete"
Die Lösung steht hier in einem Beitrag von C., der auch sonst äußerst lesenswert ist.



Zwei frühere Quiz-Beiträge findet man hier und hier.