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1. April 2009

Zehn Wörter, die man gegenüber Moslems vermeiden sollte. Das Neueste zur Political Correctness. Sprache als politische Waffe

Der Westen hat es vorgemacht, vor allem die USA haben uns das vorgemacht, als in den siebziger, den achtziger Jahren die Sprache gereinigt wurde.

Wörter wie "Neger", "Zigeuner", "Eskimo", "Behinderter", "Blinder", "Tauber", ja sogar das deutsche "Fräulein" oder die "Frau Professor" wurden tabuisiert. Man konnte sie nicht mehr unschuldig verwenden. Wer sie entgegen der Tabuisierung benutzte, der setzte sich dem Verdacht aus, ein Rassist, ein male chauvinist, ein Elitärer, wenn nicht Schlimmeres zu sein.

Aufgrund dieses Drucks war es schließlich auch so, daß nur noch solche Leute diese Begriffe verwendeten. Diejenigen, die die Sprache als Waffe einsetzten, hatten auf der ganzen Linie gesiegt.

Denn die Sprache ist eine mächtige Waffe beim Kampf um kulturelle Dominanz. Das haben inzwischen auch die Moslems erkannt.

Oder jedenfalls hat es ein Autor erkannt, Chris Seiple, der sich am Wochenende im Christian Science Monitor Gedanken darüber machte, welche Begriffe und Ausdrücke man im Umgang mit Moslems vermeiden sollte. Titel: "10 terms not to use with Muslims", zehn Begriffe, die man gegenüber Moslems nicht verwenden sollte.

Er wolle, schreibt Seiple, "share the advice given to me from dear Muslim friends worldwide regarding words and concepts that are not useful in building relationships with them", die Ratschläge weitergeben, die ihm liebe moslemische Freunde aus aller Welt gegeben hätten, was Wörter und Begriffe angehe, die für den Aufbau einer Beziehung zu ihnen nicht von Nutzen seien.



Was dann in der Liste der zehn Begriffe kommen würde, habe ich zum Teil erwartet. Andere Begriffe, die ich erwartet hatte - "Kreuzzug" zum Beispiel, oder "Kolonialvölker" - kommen nicht darin vor. Bei der Mehrzahl der Begriffe hat es mir aber doch sozusagen die Sprache verschlagen.

Hier ist sie, die Liste der zehn Wörter, die man beim Umgang mit Moslems laut Chris Seiple vermeiden sollte; er ist übrigens Präsident eines Institute for Global Engagement, das für weltweite Religionsfreiheit eintritt:
1. "The Clash of Civilizations."

2. "Secular"

3. "Assimilation"

4. "Reformation"

5. "Jihadi"

6. "Moderate"

7. "Interfaith"

8. "Freedom"

9. "Religious Freedom"

10. "Tolerance"
Mit anderen Worten, Seiples "liebe Freunde" wünschen sich, daß wir auf so ungefähr alle Begriffe verzichten, die sich auf die Werte unserer Kultur beziehen - von Freiheit und Säkularität bis zu Toleranz und dem interreligiösen Dialog ("Interfaith").

Wie begründen sie das, die lieben Freunde? Nehmen wir zwei Beispiele:
8. "Freedom." Unfortunately, "freedom," as expressed in American foreign policy, does not always seek to engage how the local community and culture understands it. Absent such an understanding, freedom can imply an unbound licentiousness. The balance between the freedom to something (liberty) and the freedom from something (security) is best understood in a conversation with the local context and, in particular, with the Muslims who live there. "Freedom" is best framed in the context of how they understand such things as peace, justice, honor, mercy, and compassion.

8. "Freiheit". Leider sucht "Freiheit", wie es in der amerikanischen Außenpolitik zum Ausdruck kommt, nicht immer zu erfassen, wie die örtliche Gemeinschaft und Kultur sie versteht. Fehlt ein solches Verständnis, dann kann Freiheit unbegrenzte Beliebigkeit bedeuten. Die Balance zwischen der Freiheit für etwas (Handlungsfreiheit) und der Freiheit von etwas (Sicherheit) läßt sich am besten im Gespräch mit dem lokalen Kontext und vor allem den Moslems begreifen, die dort leben. "Freiheit" sollte am besten im Zusammenhang mit der Art und Weise gefaßt werden, wie sie Dinge wie Frieden, Gerechtigkeit, Ehre, Gnade und Mitleid verstehen.

9. "Religious Freedom." Sadly, this term too often conveys the perception that American foreign policy is only worried about the freedom of Protestant evangelicals to proselytize and convert, disrupting the local culture and indigenous Christians. Although not true, I have found it better to define religious freedom as the promotion of respect and reconciliation with the other at the intersection of culture and the rule of law – sensitive to the former and consistent with the latter.

9. "Religionsfreiheit". Leider vermittelt dieser Begriff allzu oft die Wahrnehmung, daß die amerikanische Außenpolitik sich nur um die Freiheit protestantischer Evangelikaler kümmert, Abtrünnige zu gewinnen und zu bekehren und damit die örtliche Kultur und die das Christentum der Einheimischen zu zerstören. Zwar stimmt das nicht, aber ich finde es besser, Religionsfreiheit als die Förderung des Respekts und der Versöhnung mit dem Anderen zu definieren; und zwar an der Schnittstelle zwischen Kultur und Gesetzlichkeit - sensibel für die erstere und in Übereinstimmung mit der letzteren.
Wenn ich Seiple nicht ganz falsch verstehe, dann will er mit dem letzten Satz sagen: Wir müssen sensibel für die Kultur der Anderen sein, auch wenn ihnen die Scharia vorschreibt, angebliche oder tatsächliche Ehebrecherinnen bis zum Hals einzugraben, die Ehebrecher bis zur Hüfte, und dann solange Steine auf sie zu werfen, bis sie eines qualvollen Todes gestorben sind. Und wir müssen die dortige Gesetzlichkeit respektieren, die nun einmal - auch wenn das nicht unbedingt unseren Wertvorstellungen entspricht - dies verlangt.



Wer ist schon Chris Seiple? Man könnte ihn vergessen, wenn er nicht eine Meinung bis zu ihrern absurden Konsequenzen vertreten würde, die im linken Lager, bis zu den "Linksliberalen", weit verbreitet ist: Kulturen sind nun mal verschieden. Wir respektieren, daß fromme Moslems Ehebrecherinnen steinigen. Dafür erwarten wir, daß sie es respektieren, wenn bei uns den Männern nur eine Ehefrau erlaubt ist.

Was schon etwas seltsam ist. Aber in Wahrheit ist es ja noch schlimmer. Denn während Leute wie Seiple dafür eintreten, die unmenschlichen "Werte" der Scharia zu respektieren, denken deren Verfechter natürlich überhaupt nicht daran, die westlichen Werte der Freiheit des Individuums, der Trennung von Staat und Religion, der Achtung von Minderheiten, kurz: der Aufklärung zu respektieren.

Mit anderen Worten: Seiple möchte gern, daß wir Toleranz im westlichen Sinn üben, und daß wir zugleich diesen westlichen Begriff der Toleranz gegenüber den Moslems verleugnen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Daniel Pipes. Titelvignette: Suleiman der Prächtige, zeitgenössische Darstellung. Public Domain.

18. April 2008

Zitat des Tages: "Irritierende Gewalterfahrungen"

Zu den gegenwärtig irritierendsten Gewalterfahrungen gehört die grassierende Rede über Gewalt, ob in Wissenschaft, Medien oder Politik. Dabei leben wir, worauf Reemtsma hinwies, in historisch beispielloser Friedlichkeit: Unsere selbstverständlich Degen tragenden Ahnen sahen hingegen täglich die Leichen an den Galgen und in Folterkäfigen, haben natürlich ihre Kinder und Frauen geprügelt und bei einer Wirtshausschlägerei niemals die Polizei gerufen. Es ist die Gewöhnung an die friedliche Normalität der Gesellschaft, die uns erst so viel empfindlicher macht für die unfriedlichen Regelbrüche, für blutige Fernsehbilder oder Springmesser auf Schulhöfen.

Über diese Anmerkung Jan Philipp Reemtsmas im Potsdamer Einsteinforum berichtet Alexander Cammann in der heutigen FAZ.

Kommentar: In der Tat gehörte bis zur Aufklärung zu allen Formen menschlicher Kultur ein Maß an Gewalt, das wir uns heute kaum noch vorstellen können; von der Gewalt Krimineller über die willkürliche Gewalt des Staats gegenüber seinen Bürgern bis hin zur Gewalt im Krieg, die die Zivilbevölkerung nicht nur nicht verschonte, sondern die sich wesentlich und gezielt gegen sie richtete.

Die friedliche Gesellschaft, in der wir in den kapitalistischen, demokratischen Rechtsstaaten heutzutage leben, ist ein historischer Glücksfall; man könnte auch sagen: eine historische Anomalie. Sie geht wesentlich darauf zurück, daß in der amerikanischen Verfassung die Ideen der Aufklärung in die politische Praxis umgesetzt wurden und daß dies auf Europa zurückwirkte.

In diesen Tagen wird viel über die Achtundsechziger diskutiert; Maybritt Illner hatte sie gestern wieder zum Thema. Diese "Bewegung" war - jedenfalls ab dem Jahr 1968 - einer der immer noch wiederkehrenden Versuche, die fundamentale Errungenschaft des staatlichen Gewalt- Monopols in Frage zu stellen.

Sie stand insofern keineswegs, wie manche ihrer Vertreter glaubten oder glauben machen wollten, in der Tradition der Aufklärung.

Sie war im Gegenteil, nach der Hitlerei und dem Kommunismus in der DDR, der dritte große Versuch im Deutschland des Zwanzigsten Jahrhunderts, wieder hinter das Staats- und Gesellschafts- Verständnis der Aufklärung zurückzugehen. Nicht nur, aber wesentlich auch, was die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung der eigenen politischen Ziele angeht.

Das ist leider nicht so Geschichte, wie das die vielen "Rückblicke" auf die Achtundsechziger Zeit leicht suggerieren. Vor noch nicht einmal einem Jahr haben wir erlebt, wie breit die Unterstützung für politische Gewalttäter in Deutschland noch immer ist; nämlich anläßlich des G-8-Gipfels in Heiligendamm. Die damaligen Bilder aus Rostock zeigen, daß die Mentalität, die in den siebziger Jahren den Terrorismus in Deutschland möglich gemacht hat, noch durchaus nicht überwunden ist.



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19. März 2008

Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie und Achtung der Menschenwürde"

Heute ist es an uns, an meiner Generation, zusammen mit der jungen Generation das Bewusstsein für eine Erinnerungskultur zu wecken, eine Erinnerungskultur, die auch dann trägt, wenn die Überlebenden der Shoah nicht mehr unter uns sein werden. (...)

Helfen kann uns dabei eine Kraft, die uns auch in den vergangenen Jahrzehnten geholfen hat: Es ist die Kraft zu vertrauen. Diese Kraft zu vertrauen hat ihren Ursprung in den Werten, die wir, Deutschland und Israel, gemeinsam teilen: den Werten von Freiheit, Demokratie und der Achtung der Menschenwürde. Sie ist das kostbarste Gut, das wir haben: die unveräußerliche und unteilbare Würde jedes einzelnen Menschen ‑ ungeachtet seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Sprache, seines Glaubens, seiner Heimat und Herkunft.

Meine Damen und Herren, das Bewusstsein für die historische Verantwortung und das Eintreten für unsere gemeinsamen Werte ‑ das bildet das Fundament der deutsch- israelischen Beziehungen von ihren Anfängen bis heute.


Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in ihrer Rede vor der Knesset.

Kommentar: Wieder einmal hat die Bundeskanzlerin nicht nur "den richtigen Ton gefunden", sondern auch das Richtige gesagt.

Sie spricht nicht nur von der Erinnerung an den in deutschem Namen begangenen Massenmord, sondern auch von den gemeinsamen westlichen Werten; und sie verknüpft beides durch den Begriff des Vertrauens. Wenn die Kanzlerin so etwas sagt, dann weiß man, daß sie eine Überzugung ausspricht und sich nicht von einem Redenschreiber Phrasen hat aufschreiben lassen.

Das Erinnern an die Shoah kann leicht zur Phrase werden (das ist es, was Martin Walser in seiner Paulskirchen- Rede kritisiert hat, die sehr mißverstanden wurde).

Daß wir mit Israel die von Merkel genannten Werte der Aufklärung gemeinsam haben - fast möchte man wünschen, daß es wenigstens in Form von Phrasen öfter erwähnt werden würde.

Denn wenn man sich zum Beispiel das vergegenwärtigt, was die Kanzlerin dazu offen gesagt hat (daß "in Umfragen eine deutliche Mehrheit der Befragten in Europa sagt, die größere Bedrohung für die Welt gehe von Israel aus und nicht etwa vom Iran"), dann fragt man sich, wieviele unserer Mitbürger schon wieder nicht verstehen, wer die potentiellen Täter sind und wer die potentiellen Opfer.

Und man fragt sich, wieviele nicht verstehen, daß wir über eine Auseinandersetzung zwischen einem demokratischen Rechtsstaat und totalitären Diktaturen (samt von ihnen bezahlten terroristischen Banden) nicht mit der Attitüde eines fernen Schiedsrichters urteilen können.

Wir - das heißt die Demokraten in Deutschland - sind selbstverständlich Partei. Wir stehen auf der Seite Israels. Nicht nur wegen der historischen Schuld, sondern auch aufgrund der heute für uns geltenden Werte.

Eine Trivialität, sollte man meinen. Ja, das wäre schön, wenn es in Deutschland eine Trivialität wäre.

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25. Oktober 2007

Ist der Islam eigentlich wichtig; ist es der terroristische, der totalitäre Islamismus?

Der Islam interessiert mich nicht. Ich werde nicht Arabisch lernen, um den Koran lesen zu können, um die Auseinandersetzungen zwischen den Spielarten des Islam verstehen zu konnen. Wenn ich mich einmal mit Religionen beschäftigen sollte, dann mit dem Judentum und mit dem Buddhismus - zwei Religionen philosophischen Zuschnitts.

Was mir der Islam, diese Verkündigungsreligion, überhaupt nicht zu sein scheint. Er scheint mir im wesentlichen in Vorschriften zu bestehen, die einzuhalten die Gläubigen verpflichtet sind, und ein paar schlichten Glaubenssätzen, die sie vermutlich just wegen ihrer Schlichtheit inbrünstig glauben. Die Gelehrten des Koran befassen sich, so scheint mir, hauptsächlich damit, zu entscheiden, was erlaubt und was verboten ist.

Naja, vielleicht irre ich mich da. Ich verstehe halt nichts vom Islam.

Ja, aber muß man sich denn nicht mit dem Islam befassen, weil er politisch so bedeutsam ist? Weil Moslems nach Europa einwandern, in solchen Scharen, daß manche gar eine "Islamisierung" Europas fürchten? Weil es einen kriminellen Islamismus gibt, der mit seinen Verbrechen weltweit die Völker zu terrorisieren trachtet?

Weil ein islamisches Land, Pakistan, schon die Atombombe hat und ein zweites, der Iran, dabei ist, sie zu bauen? Weil im Irak eine Schlacht zwischen demokratischem Fortschritt und der Rückständigkeit einander und den Westen bekriegender Frommer geschlagen wird?



Gewiß, das sind gegenwärtige Probleme, es sind aktuelle Krisenherde.

Aktuell freilich auch in dem Sinn, daß diese Themen erst seit ein, zwei Jahrzehnten so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Verwandten vor vielleicht fünfzehn Jahren, der einen rechtskonservativen Informationsdienst, die "Vertraulichen Mitteilungen", bezog. Dort hatte er viel von der Gefahr des Islamismus gelesen und versuchte mir das nahezubringen. Ich hielt das für abwegig; so wie wohl fast alle, die sich damals für Politik interessierten. Propaganda von rechtsaußen, so sah man das seinerzeit.

Nun, heute ist diese Präokkupation mit dem Islam längst kein "rechtes Thema" mehr. Gewiß nicht ohne Grund; sicherlich aufgrund der Ereignisse, die seither stattgefunden haben. Nicht zuletzt dadurch, daß die Bedrohung Israels, die lange Zeit von säkularen nationalistischen, oft auch sozialistischen arabischen Organisationen ausging, immer mehr zu einer Bedrohung durch islamistische Gruppen geworden ist.

Aber sind das sozusagen säkulare Ereignisse? Ereignisse, die unsere Epoche prägen? Hat sich an der Bedrohung Israels etwas fundamental geändert dadurch, daß nicht mehr die PLO und die PFLP es von der Landkarte tilgen wollen, sondern die Hamas und die Hisbollah? Wird für spätere Geschichtsschreiber einmal der Islamismus im Mittelpunkt dessen stehen, was sie über die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts schreiben?



Ich bezweifle das. In der kleinen Serie über die Misere Arabiens habe ich argumentiert, daß der Islamismus wesentlich eine Folge der Rückständigkeit des arabischen Kulturkreises ist; und ich habe auf einen der Faktoren aufmerksam gemacht, die meines Erachtens dafür kritisch sind: Arabien wurde nicht von einer westlichen Macht kolonisiert, sondern es gehörte Jahrhunderte zum rückständigen Osmanischen Reich.

Der Erfolg vieler Staaten in den Teilen der Welt, die einmal die "Dritte Welt" hießen, beruhen auf Kultur und Bildung, vor dem Hintergrund einer eigenen alten Hochkultur (China, Japan, Indien) und/oder der Kultur, die von Kolonialherren übernommen wurde (Indien, die meisten anderen der heute erfolgreichen Schwellenländer).

Die Araber aber haben eine jahrhundertelange Geschichte als Untertanen des Osmanischen Reichs hinter sich. Es fehlt ihnen - so habe ich in der Serie argumentiert - dadurch noch die Voraussetzung dafür, den Weg Indiens, Chinas oder auch Malaysias und Indonesiens zu gehen.



Wenn das richtig ist, dann ist der Islamismus ein vorübergehendes Phänomen. Auch die Länder des arabischen Kulturkreises werden den Weg in die Moderne gehen, und auch dort werden religiöse Fanatiker, sobald die Moderne Einzug gehalten hat, wieder eine kleine, radikale Minderheit ohne politischen Einfluß sein; so, wie überall auf der Welt.

Deshalb glaube ich nicht, daß in der Sicht späterer Historiker der Islamismus eine herausgehobene Rolle in der Geschichte der ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts spielen wird.

Was sie einmal als die zentralen Charakteristika unserer Epoche sehen werden, das ist, da wir noch mitten in dieser Epoche stecken, naturgemäß schwer zu sagen. Man braucht Distanz, um ein Zeitalter charakterisieren zu können.

Es gibt da viele Möglichkeiten: Vielleicht wird es der jetzt heraufziehende amerikanisch- chinesische Konflikt sein, der unser Zeitalter so kennzeichnet, wie der Kalte Krieg die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vielleicht wird es der Zerfall Afrikas sein, vielleicht ein Wiedererstehen des Kommunismus in Lateinamerika. Vielleicht sind es auch - obwohl ich das für eher unwahrscheinlich halte - klimatische Veränderungen, die einmal als das Hauptmerkmal unseres Zeitalters gelten werden.

Vielleicht wird man aber auch unser Zeitalter, wie ich hier optimistisch vermutet habe, als dasjenige charakterisieren, in dem sich im Rahmen der Globalisierung Aufklärung, Kapitalismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit weltweit durchzusetzen begonnen haben.

Der Islam jedenfalls wird, da bin ich ziemlich sicher, im Rückblick keine große Rolle spielen. Vielleicht wird man in seinem jetzigen Boom einen letzten Nachklapp des religiösen Zeitalters sehen, das mit der Aufklärung zu Ende ging.

Und gar der terroristische Islamismus, der islamistische Totalitarismus, wie er in Afghanistan herrschte und wie er immer noch im Iran herrscht - ich denke, ihn wird man als die letzte Variante des Totalitarismus sehen, der mit dem Kommunismus, dem Nazismus und dem Faschismus die Mitte des 20. Jahrhunderts prägte.

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11. Juni 2007

Das Elend Afrikas, das Elend der Entkolonialisierung

Thilo Thielke, der Afrika- Korrespondent des "Spiegel", hat sich in einem sehr lesenswerten Kommentar vom Herzen geschrieben, was vermutlich jeder schreiben könnte, der die Fakten kennt und der die politische Afrika- Folklore miterleben muß, wie sie bei uns in diesen Tagen von Köln über Rostock bis Heiligendamm wieder einmal "hunderttausende junger Menschen" in ihren Bann gezogen hat.

Man kann sie ja verstehen, die jungen Leute, die wenig wissen, aber viel fühlen. Sie sehen die Bilder vom Elend in Afrika, sie sehen unseren Wohlstand. Und sie schließen, daß es den Afrikanern so schlecht geht, weil es uns so gut geht.

Was - Thielke weist wieder einmal darauf hin - schlicht nicht wahr ist. Afrika wird nicht von den Europäern und Amerikanern ausgebeutet, sondern es leidet unter seinen heimischen Ausbeutern. Es ist arm, nicht weil wir es arm halten, sondern weil - mit Ausnahme der Südafrikanischen Republik, in einigen wenigen Bereichen - es keinem afrikanischen Land gelungen ist, eine moderne, wettbewerbsfähige Industrie aufzubauen.

Ghana hatte, als es selbständig wurde, ungefähr dieselbe Wirtschaftskraft wie damals Südkorea und Taiwan. Es liegt nicht an der Politik der USA, der Europäer, daß Südkorea und Taiwan heute moderne Industriestaaten sind und Ghana nicht. Dazu schreibt der Afrika- Korrespondent des "Handelsblatts", Wolfgang Drechsler:
Gerade die potenziellen "Lokomotiven" Nigeria, Kongo, Kenia oder Äthiopien, die mehr als 300 Millionen Menschen beherbergen, kommen nicht unter Dampf. Auch eine jüngste OECD-Studie bietet kaum Aussicht auf Besserung. Denn die für Afrika gemeldete Wachstumsrate von durchschnittlich fünf Prozent basiert auf einem extrem niedrigen Niveau und beruht fast ausschließlich auf dem globalen Rohstoffboom.

Strukturen für eine nachhaltige Entwicklung findet man in Afrika kaum. Und von Integration in die Weltwirtschaft kann nach wie vor kaum die Rede sein. Viele Merkmale der Misere Nigerias, insbesondere Korruption und Missmanagement, finden sich auch in den anderen Teilen des Kontinents. Im Klartext: So gut wie alle Versuche einer selbstbestimmten postkolonialen Entwicklung sind in Afrika gescheitert.


Auf den TV-Bildschirmen sehen wir dieses Elend in Afrika. Wir sehen den Wohlstand der USA, wir kennen den unseren. Also sind doch die einen arm, weil die anderen, die Reichen, sie ausbeuten; wie sollte es anders sein?

Daß die wohlmeinenden, kenntnislosen jungen Leute das glauben, was sozusagen augenfällig zu sein scheint, kann man ihnen nicht verübeln. Diejenigen, die ihre "Bewegung" organisieren, die sie mit "Argumenten" versorgen, wissen es natürlich besser.

Aber ihnen ist klar, daß die Empörung dieser junger Leute wunderbar für ihre Agitprop genutzt werden kann. In dieser Agitprop ist es ja nicht einfach "der weiße Mann", der für das Elend in Afrika haftbar gemacht wird. Sondern es ist "der Kapitalismus".

"Der Neo-Imperialismus" hieß das früher. Diese allzusehr an Lenin erinnernde Vokabel ist aus der Massenlinie der antikapitalistischen Propaganda verschwunden. Also "die neoliberale Globalisierung"; das ist im Augenblick die Sprachregelung.




Ich bin, was das Elend Afrikas angeht, im Lauf der Jahre immer pessimistischer geworden. Mir scheint immer plausibler, daß die Wurzel des Problems die Entkolonialisierung ist.

Ein kurzer Blick zurück:

Als, seit dem späten fünfzehnten Jahrhundert, Europa dank der wissenschaftlich- technischen Revolution, die die Renaissance eingeleitet hatte, die Welt zu erobern begann, gab es ein Problem der, sagen wir, kulturellen Ungleichzeitigkeit.

Die anderen Hochkulturen - die chinesische, die japanische, die indische, die arabische - waren bis dahin der europäischen Kultur mindestens ebenbürtig, ihr in vielen Belangen überlegen gewesen.

Aber mit der Renaissance, dann mit der Aufklärung, mit der daraus entspringenden Industrialisierung und dem ungeheuren Fortschritt der Wissenschaften seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts gewannen die Europäer einen immer größeren kulturellen (manche meinen: nein, nur "zivilisatorischen") Vorsprung gegenüber den anderen Hochkulturen; erst recht natürlich den Stammeskulturen, den Feudalgesellschaften in Afrika.

Das begründete - im doppelten Wortsinn - die Dominanz der abendländischen (europäisch- nordamerikanischen) Kultur, die bis ins 20. Jahrhundert anhielt und die in unserer Zeit schwindet.

Die alten Hochkulturen hatten stets die Voraussetzungen dafür, diesen - historisch gesehen, vorübergehenden - Vorsprung unserer abendländischen Kultur aufzuholen. Jede dieser Hochkulturen hat im Lauf der Jahrhunderte eine wissenschaftliche Tradition geschaffen, eine Tradition der Gelehrsamkeit. Jede hat städtische und komplexe staatliche soziale Strukturen, hat Menschen mit hoher Selbstdisziplin hervorgebracht. Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende sind in diesen Hochkulturen Eliten entstanden - geistige Eliten, künstlerische Eliten, Machteliten.

Dort, wo das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem das erlaubte, wie in Japan, Taiwan, Hongkong, Südkorea, Malaysia, begann auf dem Boden dieser Voraussetzungen das Aufholen des Westens schon früh; und es ist heute weitgehend abgeschlossen.

Rotchina waren bis vor kurzem durch den Kommunismus Fesseln angelegt. Indien hatte ebenfalls jahrzehntelang auf den Sozialismus gesetzt; wenn auch einen weniger repressiven. Seit sich dort der Liberalismus durchgesetzt hat, erlebt das Land eine förmliche Explosion des wirtschaftlich- technischen Fortschritts.

Alles Länder mit den Voraussetzungen, die das Ergebnis einer langen Entwicklung zur Hochkultur sind.



Afrika hat sie nicht. Gewiß, nicht überall in Afrika war man im 19. Jahrhundert auf dem Niveau von Stammeskulturen, wie überwiegend südlich des Äquators. Es gab an den Küsten im Osten wie im Westen Länder, deren Gesellschaften mit den Feudalgesellschaften der dorischen Antike oder des europäischen Mittelalters vergleichbar waren.

Aber es gab nichts, was der chinesischen, der japanischen, der indischen Hochkultur und den Kulturen in ihrem Umfeld vergleichbar gewesen wäre.

Indien zu "kolonisieren" war eine Absurdität gewesen. Ebensogut hätten die Inder sich aufmachen können, Großbritannien zu kolonisieren. Die Selbständigkeit Indiens war eine historische Notwendigkeit; die Korrektur eines historischen Irrtums.

Aber nachdem Indien am 15. August 1947 selbständig geworden war, entwickelte sich eine Dynamik der "Entkolonialisierung". Wenn Indien - warum nicht auch die Goldküste, die Elfenbeinküste? Warum nicht auch Belgisch- Kongo, Angola?

Innerhalb von kaum zwei Jahrzehnten warf England, warf Frankreich die meisten der Kolonien ab wie Ballast, der ein Schiff niederzieht. Die Belgier folgten, am Ende auch die Portugiesen. Diese allerdings erst, nachdem sie vergeblich in Angola und in Mozambique kommunistische Aufstände bekämpft hatten.

In Kenya hatten die Mau- Mau- Terroristen mit unglaublicher Brutalität gehaust. Von der "Barbarei von Wilden" sprach damals "Time Magazine". Es war zu befürchten, daß derartige "Befreiungskriege" bald den ganzen Kontinent überziehen würden. Die Kolonialmächte zogen es verständlicherweise vor, das Feld zu räumen. Die Kolonien waren längst nicht mehr profitabel. Ihretwegen blutige Kriege zu führen wäre unsinnig gewesen.

Kein einziges der "in die Unabhängigkeit entlassenen" afrikanischen Länder war damals aber auch nur annähernd reif dafür, eine moderne Industrienation zu werden.

Es hätte Jahrzehnte, wahrscheinlich ein Jahrhundert oder länger gedauert und riesige Investitionen gekostet, um in diesen Ländern die gesellschaftlichen Strukturen, den Bildungsstand, die Mentalität zu schaffen, wie sie China, Indien und Japan in Jahrtausenden entwickelt hatten.



Das wollten und konnten die Kolonialmächte nicht. Zumal man sich im Kalten Krieg befand. Im Wettstreit zwischen dem Kommunismus und der Freiheit konnten es sich der freie Westen nicht leisten, sich dem Vorwurf des "Kolonialismus" auszusetzen, nur weil man riesige Geldmittel in die Entwicklung von Kolonien gepumpt hätte, die irgendwann doch selbständig geworden wären.

Die Entkolonialisierung war für die Kolonialmächte rational. Für Afrika war sie eine Katastrophe.


Es kam, wie es kommen mußte: Statt zu den entwickelten Industrie- Nationen aufzuschließen, fällt Afrika immer weiter zurück. Man exportiert nicht, wie China oder Malaysia, High Tech, sondern Rohstoffe. Man lebt immer mehr von Entwicklungshilfe; sozusagen als globale Sozialhilfe- Empfänger ohne die Aussicht, in das Erwerbsleben eingegliedert zu werden. Noch einmal Wolfgang Drechsler:
Die Entwicklungsgelder, die einst als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht waren, sind längst zu einer Dauerlösung verkommen, die alle Eigeninitiative erstickt.
So ist es wohl. Und die Aussichten sind - soweit ich das beurteilen kann - hoffnungslos. Denn das, was vor einem halben Jahrhundert versäumt wurde - die allmähliche Entwicklung Afrikas unter fortdauernder Kolonial- Herrschaft - läßt sich heute nicht mehr nachholen.

3. März 2007

Randbemerkung: Inzest

Geht es Ihnen auch so wie mir? Schon das Wort "Inzest" bereitet Unbehagen.

Da wird etwas angesprochen, das lieber nicht angesprochen werden sollte.

Brüderlein und Schwesterlein, das Mägdlein und das Reh. Nein, das wollen wir gar nicht wissen.



Nun gibt es allerdings dieses Leipziger Geschwisterpaar.

Zwei Menschen verschiedenen Geschlechts, die einander lieben. Sie begannen diese Liebe, als sie nicht wußten, daß sie Geschwister sind. Sie haben vier Kinder, zwei davon behindert.

Nun also wissen sie, daß sie Bruder und Schwester sind, und zugleich Mann und Frau. Und sie wollen gerichtlich erzwingen, daß das gutgeheißen wird. Darüber muß also nun das BVG entscheiden.



Das ist mal wieder ein Fall für meinen liberalkonservativen Vermittlungsausschuß.

Der Liberale in mir sagt: Ja, natürlich haben wir freie Bürger das Recht, so zu leben, wie wir das wollen.

Also auch das Recht, unsere Schwester zu begatten, wenn sie das denn mag.

Der Konservative in mir gibt zu bedenken, daß keine Gesellschaft den Inzest toleriert.

Ob nicht vielleicht jeder und jede von uns a bisserl auf die Schwester, den Bruder geprägt ist?

Ob nicht vielleicht folglich alle Gesellschaften gut daran taten und tun, den Inzest zu tabuisieren? Weil man halt nicht das tun darf, wohin einen der Trieb zieht?



Ich weiß das nicht.

Ich weiß überhaupt nicht, wohin das ungeheure Menschheitsexperiment führen wird, das die Aufklärung in Gang gesetzt hat.


Dieses Experiment, das Klassenschranken eingerissen, das die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern nivelliert, das das freie, nur sich selbst verantwortliche Individuum geschaffen hat.

Vielleicht gelingt es, dieses mutige Menschheitsexperiment; ich wünsche das.

Vielleicht überfordert es uns aber auch. Vielleicht verlieren wir gegen diejenigen, die die Menschen so unterdrücken und beherrschen wollen, wie das seit Beginn der Kultur der Fall gewesen ist.

17. Dezember 2006

Kein schöner Tod. Aber eine schöne Leiche

Der Gouverneur von Florida, Jeb Bush, hat die Vollstreckung der Todesstrafe in seinem Bundesstaat ausgesetzt, nachdem es bei einer Hinrichtung am Mittwoch 34 Minuten gedauert hatte, bis der Delinquent endlich tot war.

Die Todesstrafe ist eine barbarische Strafe, und zwar im Wortsinn: Sie hat etwas Archaisches. Ein Relikt aus traditionellen Kulturen, aus voraufklärerischer Zeit. Fast zu allen Zeiten und in allen Kulturen hatte ihr Vollzug zwei charakteristische Merkmale:
  • Die Hinrichtung war grausam, oft unbeschreiblich grausam. Wer sich die abstoßenden Details ansehen will, der findet in der Wikipedia alle bekannten Exekutionsarten sorgfältig beschrieben. Ein Panoptikum des sozial akzeptierten, ja von Religion, Sitte und Gesetz gebotenen Sadismus. Ein cave! auch in Bezug auf das, was Menschen Menschen antun können, sanktioniert durch die Normen ihrer Gesellschaft.

  • Der Vollzug der Todesstrafe war ein soziales Ereignis. Eine öffentliche Zeremonie, ein Schauspiel; manchmal etwas geradezu Festliches. Ein Event, um es in heutiger Sprache zu sagen.



  • Von diesem archaischen Charakter der Todesstrafe ist heute kaum etwas geblieben; auch wenn sie in zivilisatorisch zurückgebliebenen Ländern wie dem Iran, Saudi-Arabien und China noch öffentlich vollstreckt wird, und teilweise (wie beim Steinigen im Iran) auch noch mit großer Grausamkeit.

    Insgesamt hat sich aber doch die Menschlichkeit so weit durchgesetzt, daß man mit dem Delinquenten meist kurzen Prozeß macht. Und dort, wo seit der Aufklärung in zivilisierten Ländern noch von Staats wegen getötet wird, geschah und geschieht das durchweg unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit.

    Am konsequentesten war in dieser Hinsicht die DDR, in der Hinrichtungen sogar vor den Angehörigen geheimgehalten und in einem sozusagen überfallartigen Verfahren vollzogen wurden. Das letzte Opfer dieser Methode des Hinrichtens war Werner Teske, der 1981 in der Weise getötet wurde, daß der Henker aus einer Tür hinter ihn trat und ihn erschoß. Mit diesem "unerwarteten Nahschuß" setzte die DDR sozusagen den Schlußpunkt unter eine Entwicklung, die seit der Aufklärung weg von der öffentlichen und grausamen Exekution geführt hat.



    In den USA hat diese Entwicklung etwas hervorgebracht, das an dem jetzt aktuellen Fall wieder einmal besonders augenfällig - und in seiner ganzen Absurdität - hervorgetreten ist: Eine Vorliebe für unblutige Hinrichtungsarten.

    Wenn man jemanden schnell und weitgehend schmerzlos töten möchte, kann man das durch Köpfen oder Erschießen tun. Aber dabei wird Blut vergossen. Grausam sind diese Hinrichtungsarten nicht für den Delinquenten, aber unter Umständen für denjenigen, der sich das ansehen muß. In den USA wird infolgedessen (mit wenigen Ausnahmen) auf drei Arten hingerichtet, die zu einer schönen Leiche führen, einem heilen Körper des Toten: Vergasen, Elektro-Exekution, die Giftspritze.

    Alle drei Hinrichtungsverfahren sind mit einem - im Vergleich zum Erschießen, Köpfen, sogar zum Henken - langen Todeskampf verbunden; manchmal gelangen fürchterliche Einzelheiten an die Öffentlichkeit. Aber am Ende hat man eine schöne Leiche.



    Ist das pervers? Ja, gewiß.

    Für die Todesstrafe gibt es keine rationale Begründung. Ihre Irrationalität und Inhumanität hat schon 1764 der italienische Aufklärer Cesare Beccaria in seinem Buch Dei delitti e delle pene (Über die Verbrechen und die Strafen) dargelegt; das achtundzwanzigste Kapitel dieses Werks enthält so gut wie alle Argumente gegen die Todesstrafe.

    Für die Todesstrafe gibt es aber sehr wohl irrationale Motive. Sonst wäre sie ja nicht in fast allen Kulturen zu allen Zeiten heimisch gewesen. Die Art, wie man sie stets vollstreckt hat - grausam und öffentlich - weist auf diese Motive hin: gemeinsame Rachsucht, gemeinsame Schaulust, die gemeinsame Lust am Entsetzlichen.

    Wenn man also schon, wie in den USA, Menschen langsam und qualvoll vergast, elektrokutiert (ja, so heißt das, electrocution), wenn man sie an der Giftspritze sterben läßt - warum dann nicht wieder öffentlich, vielleicht im Rahmen einer großen TV-Show? Und warum nicht auf andere Arten, die auch nicht qualvoller sind - henken, verbrennen, in eine Schlangengrube werfen, von Elefanten zertreten lassen?



    PS für Begriffsstutzige: Nein, diesen letzteren Vorschlag meine ich nicht ernst.

    PS für Antiamerikaner: Die letzte Hinrichtung in Großbritannien fand 1964 statt, die letzte in Frankreich 1977. Der US-Staat Michigan schaffte die Todesstrafe 1847 ab.