10.11.12

Marginalie: Obama hat seinen Sieg allein den Ledigen zu verdanken. Eine Wahlanalyse

Wer hat bei den Präsidentschaftswahlen welchen der beiden Kandidaten gewählt? Glaubt man deutschen Leitmedien, dann ist die Antwort einfach. Am bündigsten konnte man sie in der "Süddeutschen Zeitung" lesen: Fast alle haben sie Obama gewählt. "Für die Republikaner bleiben nur: die alten, weißen Männer".

Das ist natürlich erkennbar Stuß. Wie sehen die Ergebnisse der Exit Poll tatsächlich aus, in denen untersucht wurde, wer Romney und wer Obama gewählt hat? Man kann das umfassend bei CNN lesen. Und da gibt es manche Überraschung.



Wie ist es mit dem Votum der Frauen bestellt? Es stimmt zwar, daß es einen gender gap gibt, eine Kluft zwischen den Geschlechtern. Die Männer haben mehrheitlich (52 zu 45 Prozent) Romney gewählt, die Frauen mehrheitlich (55 zu 44 Prozent) Obama.

Aber viel wichtiger als das Geschlecht war, ob jemand verheiratet ist oder ledig. Von den Verheirateten haben nicht nur die Männer (60 zu 38 Prozent), sondern auch die Frauen (53 zu 46 Prozent) mehrheitlich für Romney gestimmt. Obama hat seinen Sieg allein den Ledigen zu verdanken, von denen bei den Männern 56 (zu 40) Prozent und bei den Frauen sogar 67 (zu 31) Prozent für ihn gestimmt haben.

Diese Daten zeigen, wie leichtfertig pauschale Zuordnungen sind.

Nicht nur, weil es "die Frauen" und "die Männer" nicht gibt. Vielmehr entscheiden sich Männer und Frauen anders, wenn sie die Verantwortung für eine Familie haben, als wenn sie ledig sind. Eine Aufteilung nach Männern und Frauen liefert also ein irreführendes Bild. Die Präferenz für Obama unter den Frauen ist in Wahrheit auf ledige Frauen beschränkt.

Hinzu kommt, daß solche demographische Merkmale mit anderen korrelieren.

Unter den Unverheirateten sind beispielsweise trivialerweise mehr Junge als Ältere. Das Alter aber war ein anderer wichtiger Faktor bei der Wahlentscheidung: In den Altersgruppen 18-29 (60 zu 37 Prozent) und 30-44 (52 zu 45 Prozent) hatte Obama die Mehrheit. Romney führte in den Altersgruppen darüber (bei den 45 bis 64jährigen mit 51 zu 47 Prozent; bei den 65+jährigen mit 56 zu 44 Prozent).

Es ist eine alte Regel, daß Menschen im Lauf ihres Lebens konservativer werden. Aber unter den Älteren sind eben auch mehr Verheiratete; in ihrer Generation war das Zusammenleben ohne Trauschein noch nicht üblich. Wie will man ermitteln, welches der wichtigere Faktor ist? Jedenfalls geht das nicht durch eine einfache Auszählung.



Wie sieht es mit dem Faktor der Rasse aus? "Rasse" ist, auf Menschen bezogen, in Deutschland nachgerade ein Unwort; nicht aber in den USA, wo der Begriff unbefangen benutzt wird.

Hätten nur die 72 Prozent weiße Amerikaner zu wählen gehabt, dann hätte Mitt Romney mit 59 zu 39 Prozent einen überwältigenden Sieg errungen.

Hätten nur die 28 Prozent Nichtweiße zu wählen gehabt, dann hätte Obama noch eindrucksvoller gewonnen: Bei den Schwarzen hätte er mit 93 zu 6 Prozent gesiegt, bei den Latinos mit 71 zu 27 Prozent, bei den Asians mit 73 zu 26 Prozent; bei den Anderen (zum Beispiel Indianer) mit 58 zu 38 Prozent.

Vereinfacht gesagt: Weiße haben überwiegend Romney gewählt, aber doch auch viele von ihnen Obama. Nichtweiße haben überwiegend Obama gewählt, und nur sehr wenige von ihnen Romney. Dieser Asymmetrie verdankt Obama seinen Sieg.

Obama konnte den Block der Schwarzen (13 Prozent der Wähler) fast vollständig und den der Latinos (10 Prozent) zu einem sehr großen Teil gewinnen. Einen vergleichbar einheitlich abstimmenden Block der Weißen für Romney gab es nicht.



Wie hat sich die Schulbildung auf das Wahlverhalten ausgewirkt? Viel weniger stark als der Familienstand oder die Rasse. Es gibt aber eine schwach ausgeprägte U-förmige Funktion:

Obamas Wähler sind vor allem unter denen mit einer schlechten Bildung (nur High School: 51 zu 48 Prozent) und einer sehr guten Bildung (Master oder Promotion: 55 zu 42 Prozent) zu finden.

Romney haben vorwiegend die gut, aber nicht exzellent Gebildeten gewählt; diejenigen mit Bachelor-Abschluß (51 zu 47 Prozent). Bei denen, die ohne Abschluß studiert haben, liegen beide gleichauf.

Mit der Bildung korreliert natürlich das Einkommen. Aber im Wahlverhalten zeigt sich diese Korrelation nur teilweise.

Obama hat eine Mehrheit allein bei den 41 Prozent der Wähler, deren Einkommen unter 50.000 Dollar im Jahr liegt (60 zu 38 Prozent für Romney). Das entspricht seinem Vorsprung bei den schlecht Gebildeten.

In der Mittelschicht (50.000 bis 100.000 Dollar) führt Romney mit 52 zu 46 Prozent. Aber während bei den sehr gut Gebildeten Obama wieder in Führung geht, ist das bei den sehr gut Verdienenden nicht so: Von denen, die mehr als 100.000 Dollar Haushaltseinkommen in Jahr haben, wählten 54 Prozent Romney und nur 44 Prozent Obama.



Bei der Religion gab es kaum Überraschungen. Natürlich wählten beispielsweise die weißen Evangelikalen (mit 78 zu 21 Prozent) Romney. Natürlich wählten die 12 Prozent der konfessionslosen Wähler Barack Obama (70 zu 26 Prozent). Interessant ist immerhin, daß bei den 25 Prozent katholischer Wähler Obama mit 50 Prozent knapp vor Romney (48 Prozent) lag.

Und wie sieht es mit den Juden aus; gegeben die nicht eben israelfreundliche Politik des Präsidenten Obama? Sie wählen traditionell demokratisch; 2008 hatten 78 Prozent Obama gewählt. Diesmal waren es nur noch 69 Prozent, die für Obama stimmten.



Was hat den Ausschlag für Obamas Sieg gegeben? Eine eindeutige Antwort kann man den Exit Polls nicht entnehmen. Ein Faktor aber zeichnet sich deutlich ab: Der Hurrican "Sandy" hat eine wesentliche Rolle gespielt.

15 Prozent sagten, daß das Verhalten Obamas während des Hurrikans der wichtigste Faktor für ihre Wahlentscheidung gewesen sei. Davon stimmten 73 Prozent für Obama.

Auch diejenigen, die es als einen wichtigen oder wenigstens als einen kleinen Faktor ansahen, stimmten Mehrheiten (65 und 51 Prozent) für Obama. Nur bei den 31 Prozent der Wähler, die sagten, dies sei für sie überhaupt kein Faktor gewesen, entschied sich eine Mehrheit für Romney. Hier allerdings eine sehr große: 70 Prozent zu 28 Prozent für Obama.

Auch hier ist bei der Interpretation wieder Vorsicht geboten; denn viele von denen, die ohnehin für Obama gewesen waren, dürften von dessen Verhalten während "Sandy" beeindruckt gewesen sein. Viele der Variablen, die bei solchen Exit Polls erhoben werden, korrelieren nun einmal miteinander.

Das vielleicht wichtigste Ergebnis ist: Entscheidend ist nicht allein, wie groß der Wählerblock ist, den ein Kandidat hinter sich hat. Genauso wichtig ist, wie eindeutig er diesen Wählerblock hinter sich hat.

Die Schwarzen machten nur 13 Prozent der Wähler aus; aber sie stimmten zu 93 Prozent für Obama und gaben ihm damit ein knappes Viertel aller Stimmen, die er erhielt. Auf der anderen Seite bezeichnen sich nur 26 Prozent der Wähler als weiße Evangelikale (reborn white Christians); aber sie stimmten zu 78 Prozent für Romney und brachten ihm damit vierzig Prozent seiner Wählerstimmen.
Zettel



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