4.11.12

Marginalie: Die Wahlkarte der USA, einmal zur Kenntlichkeit verzerrt. Und eine weitere, mit der Sie spielen können

Wenn man sich eine typische electoral map ansieht - eine Karte der USA, in der die Staaten nach ihrer politischen Präferenz eingefärbt sind -, dann kann man den Eindruck gewinnen, daß fast das ganze Land republikanisch ist: Es überwiegt bei weitem die rote Farbe, die traditionell für die GOP steht. Lediglich an der Westküste, in Neuengland und der Gegend um die Großen Seen finden sich "blaue Staaten", also Hochburgen der Demokratischen Partei:


Diese Karte zeigt das Ergebnis der Präsidentschaftswahl von 2004, die George W. Bush gegen John Kerry gewann. Mit gewissen Verschiebungen in die eine oder andere Richtung sieht die electoral map in der Regel ähnlich aus.

Wie kommt es dann, daß dennoch Präsidentschaftswahlen meist knapp ausgehen; daß am kommenden Dienstag sogar der Demokrat Obama beste Chancen hat, nach 2008 ein weiteres Mal zu gewinnen?

Die Antwort können Sie sich - im Wortsinn - vor Augen führen, wenn Sie sich diese Variante einer electoral map ansehen. Sie zeigt nicht maßstabsgerecht die geographische Ausdehnung der Staaten der USA, sondern diese sind in ihrer Größe proportional zur Zahl der Wahlleute dargestellt, die sie in deren Gremium, das Electoral College, entsenden.

Neuengland und die Westküste werden nun zu großen Landmassen, welche die zwischen ihnen liegenden kleinen roten Staaten fast zu zerquetschen scheinen. Das geographisch winzige New Jersey in Neuengland - der flächenmäßig viertkleinste Staat - ist in dieser Darstellung größer als das geographisch riesige Montana im Nordwesten an der kanadischen Grenze; der nach Fläche viertgrößte Staat. New Jersey hat 14 Wahlleute; Montana ganze 3.

Diese Karte gibt Ihnen einen Eindruck davon, daß Romney nur dann gewinnen kann, wenn er einen erheblichen Teil der umstrittenen Staaten - der swing states - gewinnt. Auf der verlinkten Karte sind sie teils hell gefärbt wie Colorado, North Carolina und Florida; teils hat sie der Autor der Karte, Sam Wang, hellblau eingefärbt (New Hampshire, Virginia und Ohio), weil er dort Obama als den wahrscheinlichen Sieger vermutet.

Wenn Romney gewinnen will, dann muß er nicht nur die drei hell gefärbten Staaten holen, sondern mindestens auch einen Teil der Staaten, die auf Wangs Karte hellblau oder sogar blau sind; die er also bereits Obama zuschlägt.



Wie diese Wahlarithmetik genau aussieht, das können Sie sehr schön mit Hilfe der interaktiven Karte von CNN studieren. Sie sehen, daß die Redaktion von CNN vorsichtiger ist als Professor Wang. Auf dieser Karte sind beispielsweise auch Nevada, Wisconsin und Iowa als umstrittene Staaten eingefärbt.

Sie können das selbstherrlich ändern. Durch ein- oder mehrfaches Klicken auf einen Staat können Sie dessen Farbe wechseln und sich ansehen, wie sich das jeweils auf die Zusammensetzung des Electoral College auswirkt (Leiste oberhalb der Karte).

270 Mandate braucht man zum Sieg. Obama würde sie beispielsweise erreichen, wenn er Pennsylvania, Michigan, New Mexico, Nevada und New Hampshire gewinnt - alles Staaten, in denen er deutlich in Führung liegt -; und dazu Wisconsin und Ohio oder Iowa und Ohio. Auch in diesen drei Staaten liegt er vorn.

Romney müßte, um 270 Stimmen im Electoral College zu erreichen, Florida, North Carolina und Colorado gewinnen, wo es relativ gut für ihn steht. Dazu aber braucht er auch noch Staaten, in denen allesamt er im Rückstand ist: Beispiels­weise Wisconsin und Ohio oder Wisconsin, Michigan und New Hampshire.

Wenn man sich das klarmacht, dann versteht man, warum Obama die weitaus besseren Aussichten auf den Sieg hat; auch wenn auf nationaler Ebene die beiden Kandidaten immer noch Kopf an Kopf liegen.

Aber vielleicht mögen Sie selbst ein wenig mit dieser Karte spielen; Sie werden noch viele weitere kombinatorische Möglichkeiten entdecken.
Zettel



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