8. September 2006

Randbemerkung: Die geschlossenen Augen der Natascha Kampusch

Eine junge Frau ist als Kind entführt worden und hat es geschafft, sich zu befreien. Sie war von einem Kriminellen, vermutlich einem Psychopathen, in einem unterirdischen Gefängnis acht Jahre lang gefangengehalten worden .

Das ist ein ungewöhnlicher Kriminalfall, der alle Merkmale einer Cause Célèbre besitzt - etwas so noch nie Dagewesenes, etwas Monströses. Ein fürchterliches Schicksal. Eine junge, hübsche Frau als Opfer eines Verbrechers, der sich am Schluß selbst richtet.



Ein solcher Fall rührt uns an, er erweckt unser Interesse. Mythen, Märchen und Sagen sind voll von derart schrecklichen Vorkommnissen; oft haben sie ihren Weg in die Literatur gefunden. Chroniken haben sie festgehalten, von denen manche späteren Sammlungen wie den Chroniques Italiennes von Stendhal und dem Pitaval als Quellen gedient haben.

Es ist das uralte Interesse am Verbrechen, an extremen Schicksalen, das da sichtbar wird. Uralt auch in dem Sinn, daß in den überlieferten Materialien die ältesten Quellen - Hesiods Theogonie zum Beispiel - das, was Menschen Menschen antun können (und Götter Göttern), am schrecklichsten, am unverblümtesten dargestellt haben. (Jedenfalls galt das für einige Jahrtausende. Was heute an literarischen Grausamkeiten, an Horror auf DVDs angeboten wird, stellt das oft in den Schatten.)



Unser Interesse am Schicksal der Natascha Kampusch ist vor diesem Hintergrund, wenn auch vielleicht nicht legitim, so doch jedenfalls normal, menschlich-allzumenschlich. In einer Gesellschaft, in der eine Großindustrie jedes Bedürfnis der Neugier, des Wissen- und Sehenwollens befriedigt, läßt es sich erst recht nicht unterdrücken.

Vermutlich wird, wer diesen Beitrag liest, das Interview mit Natascha Kampusch gesehen haben, das der ORF und - zeitversetzt - RTL am Mittwoch Abend ausgestrahlt haben; mindestens in den Ausschnitten, die in jeder Nachrichtensendung auftauchten. Mein Eindruck - der ganz subjektiv ist, also sicher nicht von allen geteilt werden wird - war der von einer sympathischen, intelligenten jungen Frau, die ein eigenartig inkonsistentes Verhalten zeigte: Manchmal entspannt wirkend, manchmal extrem angespannt. Meist in Distanz zu dem, was sie durchmachen mußte; während kurzer Augenblicke aber hochemotional. Eine gewinnend spontane, fast kindliche Mimik, die doch seltsam fremd wirkte. In der Sprache reflektierend, stellenweise fast altklug. In der Erzählhaltung oft wie neben sich stehend.

Erfahren haben wir in dem Interview im Grunde wenig. Äußerlichkeiten, ja - wie sie entführt wurde, was sie sehen und hören durfte, die "Häftlingsausführungen" in die Stadt; so muß man das ja wohl nennen. Das Eigentliche blieb ausgespart - was ihr Entführer eigentlich von ihr gewollt, welche perversen Bedürfnisse er dadurch befriedigt hatte, daß er sie als Gefangene hielt. Welche Beziehung zwischen Täter und Opfer bestand. Was ihr angetan worden war.



Natascha Kampusch hat - das bedarf ja eigentlich keiner Erwähnung - das Recht, das jeder Mensch in einer freien Gesellschaft hat: Von sich nur das der Öffentlichkeit preiszugeben, was er selbst für richtig hält. Das gilt generell, und es gilt ganz und gar, wenn jemand ein so schlimmes Schicksal erlitten hat. Sie hat also gesagt, was sie sagen wollte. Sie hat damit unserer Neugier Genüge getan. Und sie hat verschwiegen, was sie verschweigen wollte. Das nicht zur respektieren wäre impertinent.

Das hätte es denn also sein sollen. Das hätte es sein müssen. Aber noch mit der Sendung von RTL begann ein erbärmliches, würdeloses Nachspiel: "Experten" traten auf den Plan. In diesem und jenem Studio saß einer dieser Experten, bis hinein in die Nachrichtenstudios der Dritten Programme. Ein Diplompsychologe, ein "Polizeipsychologe", gar ein "Experte für Körpersprache". Leute, die Natascha Kampusch so wenig kennen wie wir alle, die von dem Fall nicht mehr wissen. Die sich aber - offensichtlich - Ferndiagnosen zutrauten; allein aufgrund des Interviews, das sie so gesehen hatten wie wir alle. So, als würde ein Arzt einen Menschen eine Stunde im TV sehen und danach seine internistische Diagnose stellen.



Und was hat sich da alles ihrem diagnostischen Blick enthüllt, dem Blick der von den Sendern angeheuerten Experten!

Frau Kampusch hat beispielsweise, wie wir alle bemerkt haben, auffällig oft die Augen geschlossen. Der eine Experte erklärte uns, das läge daran, daß in ihr "innere Bilder" abliefen. Ein anderer, in einem anderen Sender, versicherte uns im Gegenteil, mit dem Augenschließen "blende" sie "belastende Erlebnisinhalte aus". Der Experte für Körpersprache wußte gar, daß die Bilder, die in ihr aufstiegen, sich mal auf die Vergangenheit, mal auf die Zukunft bezogen. Und so fort. Ein Experte - ein leibhaftiger Psychologieprofessor - teilte uns bei RTL kraft seiner Expertenschaft mit: "Natürlich muß man damit rechnen, daß in einigen Wochen, einigen Monaten so'n Zusammenbruch kommt". Natürlich.

Und natürlich konnte da die schreibende Zunft nicht zurückstehen. In der FAZ meldete sich Christian Geyer zu Wort, ein Leitender Redakteur des Blatts, der sich im Studium mit Philosophie, Geschichte und Germanistik befaßt hatte. Gegen seine diagnostische Tiefe verblassen die Psychologen und Körpersprachler:
Es hat nichts Großsprecherisches, es ist kein neuer Anlauf von Deutungsbesessenheit, wenn man feststellt: Es war die Kraft der Abstraktion, mit der sie dem empirischen Desaster standgehalten und ihm endlich entkommen ist. Die Energie, sich unter dem Druck der übermächtigen, alles gefangennehmenden Umstände gedanklich von diesen Umständen zu lösen, sie zu bezwingen, auch wenn man ihnen verhaftet bleibt - diese Art Kraft muß Kampusch gemeint haben, als sie gleich nach ihrer Flucht sagte: Er, der Entführer, hat sich mit der Falschen angelegt.
Sie muß. Dem "empirische Desaster" - vulgo dem Umstand, daß sie acht Jahre wie ein Tier gefangengehalten wurde - hat Natascha Kampusch wie standgehalten? Mit der "Kraft der Abstraktion"; was immer das heißen soll (vielleicht: Sie hat sich nicht unterkriegen lassen?). Und auch ihre Innenwelt, als ihr die Flucht gelungen war, kennt Christian Geyer:
Was sie in den Sekunden danach in den Schrebergärten, im grünen Niemandsland zwischen Verlies und Freiheit, erlebte, waren genau die fürchterlichen Umstände, die sie in der Abstraktion immer vorweggenommen hatte.
(Abstraktion jetzt ein anderes Wort für Phantasie?)



Das Ärgerliche an dieser Schwadroniererei ist nicht nur, daß Leute sich irgendwas ausdenken und Geld damit verdienen, es uns als Expertenwissen zu verkaufen. Sollen sie, von mir aus.

Das wirklich Schlimme ist die Art, wie dabei mit Frau Kampusch umgegangen wird. Sie war Opfer eines Verbrechens, sie ist dadurch zu einer öffentlichen Figur geworden. Aber was in aller Welt gibt irgendwelchen Psychologen, Körpersprachlern und Feuilletonredakteuren damit das Recht, sie sich so vorzunehmen wie ein Psychiater seinen Patienten? Über ihr Innenleben, ihre Kraft oder Schwäche, ihre Abstraktionsfähigkeit oder sonst was zu schwatzen? Kurz, sie als Objekt ihrer interpretativen Bemühungen zu behandeln, so als habe sie ihnen jemand auf die Couch gelegt?

"Der Mensch aber ist keine Sache, mithin nicht etwas, das bloß als Mittel gebraucht werden kann, sondern muß bei allen seinen Handlungen jederzeit als Zweck an sich selbst betrachtet werden." (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785).

7. September 2006

Der Somst

In diesen Tagen beginnt meine Lieblings-Jahreszeit. Sie ist keine der "Vier Jahreszeiten", sondern eine Zeit weit minderen Rangs - nur eine Zwischenzeit, eine Zeit des Übergangs. Im Deutschen heißt sie erst Spätsommer und dann, wenn sie fortschreitet, Frühherbst. Ein anderer Name ist Altweibersommer (Das ist, wie wir der Wikipedia entnehmen können, gemäß Urteil des Landgerichts Darmstadt keine ältere Damen diskriminierende Bezeichung). In England nennt man sie ganz gleichartig Old Wives' Summer. Der Indian Summer in den USA und in Canada (dort also auch Été Indien) umspannt unseren Frühherbst, ja ragt teilweise bis spät in den Herbst hinein; denn bis in den November findet man dort in bestimmten Gegenden das, was diese Zeit des Jahres ausmacht: Das spezifische Wetter, den spezifischen Zustand der Vegetation.

Wie also diese Zeit nennen? Ich will mich im Folgenden für keinen der aufgezählten Namen entscheiden und spreche schlicht vom Somst, zusammengezogen aus Sommer und Herbst wie der Smog aus Smoke und Fog.



Was kennzeichnet ihn, den Somst?

Das Wetter? Ja, natürlich. Die Hitze des Sommers ist vorbei. Der Tag beginnt nicht selten mit Nebel. Dann stellt sich das ein, was die Meteorologen gern "Ruhiges Spätsommerwetter" nennen. Viel Sonne, wenig Wind. Die Schatten sind lang geworden. Der Tag beginnt spät und endet zu einer Stunde, in der man im Hochsommer noch am Strand liegen konnte.

Dann die Vegetation. "Bunt sind schon die Wälder", wir wissen es zu singen (kennen aber zumeist nicht den Autor, einen gewissen Johann Gaudenz Frhr. v. Salis-Seewis, der das 1782 gedichtet hat). Manchmal ist es in dieser Zeit so schön wie die Neuengland-Landschaft, in der Edmund Gwenn und Shirley McLaine in Hitchcocks wunderbarem Film ihren Ärger mit Harry in den Griff zu kriegen versuchen.

Drittens: Diese Eigenarten des Wetters und der Vegetation haben eine Bedeutsamkeit, die über solche sinnlichen Eindrücke hinausreicht. Sie werden durch den Umstand mit einem bestimmten, sagen wir, Timbre versehen, daß sie auf ein baldiges Ende hindeuten. Es wird eng mit der Zeit. Die letzten Früchte, die letzte Süße des Weins, und wer jetzt nicht behaust ist, der geht harschen Zeiten entgegen. So ungefähr sagt es der Dichter, und wir alle haben es im Kopf.

Warum in aller Welt wird dieser schönen Zeit der Status einer vollgültigen Jahreszeit verwehrt? Warum verteilt man sie auf zwei andere Jahreszeiten, so wie Völker, denen ihr eigener Staat verwehrt wird, auf verschiedene Länder verteilt werden?

Die Frage mag kurios erscheinen. Ja, gibt es sie denn nicht nun mal halt, die Vier Jahreszeiten?



In welchem Sinn "gibt" es die uns vertrauten vier Jahreszeiten? Es gibt sie im Grunde nur in einem einzigen Sinn: In Bezug auf die Länge der Tage; genauer, auf ihre Änderung im Jahreszyklus. Zweimal im Jahr herrscht Tag-und Nachtgleiche. Einmal im Jahr werden die Tage wieder länger, einmal wieder kürzer. Diese vier Ereignisse definieren den Beginn von Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Die vier Zeitpunkte ergeben sich aus der Neigung der Erdachse und dem Lauf der Erde um die Sonne, wie man es sich hier anschauen kann. Man kann sich anhand dieses Schemas auch leicht klarmachen, warum die Unterschiede in der Länge von Tag und Nacht in Polnähe am Ausgeprägtesten sind und zum Äquator hin abnehmen; wie hier zu sehen. Am Äquator selbst herrscht immer Tag- und Nachtgleiche. Denn egal, wo sich die Erde bei ihrem Umlauf um die Sonne befindet - der Äquator ist derjenige Breitengrad, der immer genau zur Hälfe auf der Tag- und zur Hälfte auf der Nachtseite liegt.

Gibt es am Äquator also keine Jahreszeiten? Nein, im astronomischen Sinn nicht. Meteorologisch aber schon; es gibt die Regenzeit, die Trockenzeit, beispielsweise.

Woraus erhellt: Wenn wir von Jahreszeiten sprechen, dann meinen wir das gar nicht im astronomischen Sinn. Täten wir das, dann würde ja der Nikolaustag in den Herbst fallen. Der Bauer würde im Märzen sein Rößlein einspannen, wenn Winter herrscht. Und die vergangene Fußball-WM hätte in ihren beiden ersten Wochen im Frühling stattgefunden.

Wir grenzen die Jahreszeiten offensichtlich nicht so ab, wie die Astronomie es befiehlt. Wir tun es vielmehr nach Wetter und Vegetation, oft auch sehr subjektiv (für mich zB beginnt der Frühling mit den ersten Krokussen, der Sommer mit dem ersten Tag, an dem man sich unbekleidet sonnen kann).

Wenn wir uns aber ohnehin die Freiheit nehmen, uns in diesem Punkt von der Astronomie zu emanzipieren - was verpflichtet uns dann eigentlich dazu, uns an die Heilige Zahl vier zu halten? Meine Lieblings-Jahreszeit, der Somst, könnte dann durchaus Anspruch auf jahreszeitliche Eigenstaatlichkeit erheben.

Oder wenigstens auf einen Autonomiestatus.



Wenn es nach mir ginge, dann gäbe es sechs Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Somst und Winter, und dazwischen zwei Sturm- und Matschzeiten; eine vor dem Sommer (sagen wir, im April) und eine - der Herbst - zwischen dem Somst und dem Winter.

Die Länge dieser sechs Jahreszeiten variiert von Jahr zu Jahr. Manchmal fällt eine davon auch fast ganz aus, in bestimmten Gegenden. Wie der Herbst im Jahr 2003. Da verbrachten wir den Somst in Südbaden, im Dreiländereck. Anfang Oktober war es noch warm; man lag in der Sonne. Dann fiel von einem Tag auf den anderen Schnee, und der Schauinsland präsentierte sich mit einer weißen Spitze, wie der Fujiyama.

5. September 2006

Verschwörungstheorien (3): Die Meister des Mißtrauens

Mißtrauen ist etwas anderes als Zweifel. Zweifel bezieht sich auf Sachverhalte. Mißtrauen richtet sich gegen Menschen.

Descartes, mit dessen methodischem Zweifel der zweite Teil dieser Serie begann, war keineswegs mißtrauisch. Seine Werke sind geradezu auffällig frei von Kritik an Institutionen, an überkommenen Meinungen. Das lag sicherlich zum Teil an den Bedingungen der Zensur, unter denen er publizieren mußte. Aber es entsprach auch seinem Denken: Als einer, der von sich selbst ausging und seinem Vermögen vertraute, selbst die Wahrheit zu erkennen, interessierte er sich herzlich wenig dafür, andere zu widerlegen oder gar ihnen zu mißtrauen. Darin glich er den anderen großen Selbstdenkern in der Geschichte der Philosophie - Sokrates, Augustinus, Kant, Schopenhauer, Wittgenstein zum Beispiel.



Zweifel: Ja, und zwar gründlich. Mißtrauen: Nein. So ist es seither immer in den Wissenschaften gewesen. Jeder ernsthafte Wissenschaftler zweifelt ständig (auch an seinen eigenen Daten und Modellen); aber in einer freien Gesellschaft mißtraut er nicht seinen Kolleginnen und Kollegen. Er arbeitet unter der Prämisse, daß auch diese, wie er selbst, bestrebt sind, mit ihrer Arbeit der Wahrheit ein Stück näherzukommen. Wissenschaftler setzten voraus, daß jeder sich irren kann. Aber eben nur irren. Und daß man nicht versucht, zu fälschen, zu verschleiern, zu beschönigen oder zu vertuschen.

Und sie setzen voraus, daß Wissenschaftler das auch können. Daß sie also nicht durch unbewußte Motive, sachfremde Einflüsse, "Zwänge" irgendwelcher Art daran gehindert werden, objektive Daten zu erheben und sie so zu interpretieren, daß man zu einer diese Daten abdeckenden, zugleich plausiblen, in sich stimmigen und möglichst einfachen Erklärung gelangt.



Die meisten großen Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts sind auch Naturwissenschaftler gewesen, jedenfalls an Naturwissenschaften und Mathematik interessiert. Descartes hat unter anderem wichtige Beiträge zur Optik und zur Physiologie geleistet. Leibniz' Bedeutung für die Mathematik ist bekannt. John Locke war studierter Mediziner. George Berkeley war einer der Begründer der Optik. Kant befaßte sich - wie schon in Teil 2 erwähnt - mit theoretischer Astronomie.

Ganz anders im 19. Jahrhundert. Hier war Schopenhauer einer der wenigen der großen Philosophen, die sich noch für Naturwissenschaften interessierten. Dann erst wieder die Neukantianer, von denen der Weg zur modernen analytischen Philosophie führt. Hegel und Fichte aber, Schelling (auch und gerade mit seiner "Naturphilosophie") und Nietzsche waren Geisteswissenschaftler. Und natürlich Marx. Ihnen ging es um den Gang der Geschichte, um die Gesellschaft, um Kunst, Literatur, Psychologie. Mißtrauen gehört, wie gesagt, in den Bereich des Sozialen. Und zwei dieser Philosophen des 19. Jahrhunderts waren die Großmeister des Mißtrauens: Nietzsche und Marx. Die beiden großen Demaskierer, die leidenschaftlichen Entlarver.

Nietzsche sah sich als "Psychologen", und für ihn war die Psychologie die "Herrin der Wissenschaften" (so in "Jenseits von Gut und Böse"). Er wollte entlarven, aufdecken, die eigentlichen Motive hinter der Moral aufspüren. So wie - mit anderen Methoden - dann später Sigmund Freud. Marx wollte dasselbe für die Gesellschaft. Beide glaubten den Menschen nicht das, was sie behaupten. Nietzsche nicht, weil er dahinter Selbstsucht, Eitelkeit, Feigheit witterte. Marx nicht, weil für ihn die wahren Triebfedern der Menschen die ökonomischen waren, ihre materiellen Interessen. Getarnt freilich durch das "falsche Bewußtsein" der Ideologie, so wie Nietzsche unser Bewußtsein als ein Instrument des Selbstbetrugs sah.

Nietzsche schrieb über sich, daß wohl niemals "jemand mit einem gleich tiefen Verdacht in die Welt gesehen" habe (Vorrede zu "Menschliches, Allzumenschliches"); und für Marx waren Denker nichts anderes als "... Ideologen ..., welche die Ausbildung der Illusion dieser [herrschenden] Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweig machen" ("Deutsche Ideologie").



In einer sehr breiten, zeitweise dominanten geistesgeschichtlichen Strömung sind diese beiden Varianten der Philosophie des Mißtrauens Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts zusammengeflossen. Auch wenn orthodoxe Marxisten und orthodoxe Freudianer einander oft nicht wohlgesonnen waren - ein Amalgam aus ihren Entlarvungsprogrammen hat einen großen Teil der Intellektuellen des Zwanzigsten Jahrhunderts geprägt, und über sie als die Transmissionsriemen die ganze Gesellschaft.

Daß man dem, was Menschen sagen, nicht trauen darf, ist sozusagen zu einem Teil unserer Allgemeinbildung geworden. In endlosen "Beziehungsgesprächen" will man herausspüren, was eigentlich "dahintersteckt", wenn der Partner oder die Partnerin etwas an der Oberfläche Belangloses sagt. Und in der Wahrnehmung der Politik, des Wirtschaftslebens gilt es als ausgemacht, daß alles, was im Öffentlichen Raum geschieht, im Grunde eine einzige Lüge ist. "In Wahrheit", so meint man, steckten doch nur "Wirtschaftsinteressen" hinter dem, was Staatsmänner sagen und tun.

Vor allem die weltweite Bewegung Ende der sechziger Jahre, die bei uns die der "Achtundsechziger" genannt wird, hat diese Haltung befördert, sie fast kanonisiert. Das "Establishment", die "falschen Bedürfnisse", die es uns einredet, das "Big Government", dem jede Schurkerei zugetraut wird - was bis dahin linke Intellektuelle ausgeheckt hatten, wurde nun zum Gemeingut. Die Attitüde des "mir macht keiner was vor", "ich durchschaue alle diese Lügen" ist nachgerade zur Grundhaltung vieler politisch Interessierter geworden; man braucht sich nur politische Internet-Foren anzusehen.



Diese mißtrauische Grundhaltung ist der Nährboden für Verschwörungstheorien. Der Nährboden - aber beileibe nicht ihr einziges Motiv. Verschwörungstheorien sind ja etwas Uraltes, weit hinter Marx, Nietzsche und Freud zurückreichend. Ohne den Nährboden des Mißtrauens könnten sie nicht gedeihen. Aber es gibt Motive, die sie sozusagen in diesen Nährboden pflanzen. Um sie - um den Reiz von Verschwörungstheorien - wird es im nächsten Teil gehen.
(Fortsetzung folgt)



© Zettel. Titelvignette: Die Verschwörung des Peter Amstalden in Luzern im Jahre 1478. Abbildung aus dem "Luzerner Schilling" (1513). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

4. September 2006

Randbemerkung: Ein Kommentar zu den US-Wahlen

"Kommentare" bestehen in den deutschen Medien meist darin, daß der Kommentator seine Meinung mitteilt. Die "Opinion"- Spalten in der angelsächsischen Presse enthalten zwar auch explizit Meinungsäußerungen, aber zentral ist bei ihnen die Darlegung, das Ordnen und Interpretieren von Fakten. Sie sind so etwas wie analytische Kolumnen.

Ein Beispiel ist die Kolumne von Jonathan Chait in der Los Angeles Times vom 3. September "November Elections -- the Great War of '06". Chait hat - nun ja - die Idee, den jetzigen Wahlkampf mit dem Ersten Weltkrieg zu vergleichen. Nicht sehr überzeugend, aber vielleicht didaktisch ganz geschickt - seine Überlegungen gewinnen dadurch jedenfalls an drastischer Anschaulichkeit:
  • Wie der Erste Weltkrieg sei dieser Wahlkampf zwar eine umfassende Schlacht, aber diese werde auf nur wenigen Schauplätzen entschieden. Es gehe, schreibt er, beim Senat um fünf Staaten, die jetzt von den Republikanern gehalten werden und die die Demokraten ihnen abnehmen könnten: Montana, Ohio, Pennsylvania, Rhode Island und Missouri. Die Demokraten führen in den Umfragen in den ersten vier und liegen in Missouri gleichauf mit den Republikanern. Gewinnen sie diese fünf Staaten und noch irgendeinen anderen dazu - zum Beispiel Tennessee -, dann hat Präsident Bush seine Mehrheit im Senat verloren. Ebenso leicht könnte er die Mehrheit im Repräsentatenhaus verlieren, wo es auch nur um ein paar Sitze geht.

  • Die Demokraten versuchen es mit der Taktik, populäre bis populistische Kandidaten aufzustellen und dadurch den Republikaner Wähler abzujagen - in Pennsylvania Bob Casey Jr., der sogar bekennender Abtreibungsgegner ist, in Montana Jon Tester, einen bulligen, populistischen Bauern. Chait vergleicht das mit dem ersten Einsatz von Panzern im Ersten Weltkrieg. Nun ja, wie gesagt.

  • Zwischen den beiden Lagern herrsche weiterhin, wie zwischen Kriegsparteien, eine tiefe Feindschaft, schreibt Chait. Beide Parteien würden die Schlacht "apokalyptisch" sehen. Chait steht ganz auf der Seite der Demokraten. Er wünscht deren Sieg, und zwar um der Machtbalance willen. Bush habe bisher mit einem willfährigen Kongreß regiert, und damit das US-System der Balance of Powers zunehmend untergraben.



  • Gewiß richtig. Ich würde es ebenfalls begrüßen, wenn 2008 ein Demokrat Präsident würde - etwa mein Favorit, der Senator Joe Lieberman (der freilich jetzt als Independent kandidiert).

    Aber ob es gut wäre, wenn Präsident Bush jetzt - in einer hochkritischen Weltlage - mit einem vom politischen Gegner beherrschten Kongreß regieren müßte?

    Das erinnert mich denn doch zu sehr an die französische Cohabitation und die Große Koalition in Deutschland.

    2. September 2006

    Zettels Meckerecke

    Austern mit Mousse au Chocolat

    Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. Dem Koch noch nicht einmal die Mitwelt. Jedenfalls in Deutschland, jedenfalls bis vor zwei, drei Jahrzehnten.

    Jetzt aber sind wir Deutschen auch kulinarisch auf dem Weg zur Westqualität. Im TV sind Kochsendungen so zahlreich wie Sendungen über das Leben im Zoo und Serien, in denen Angehörige bildungsferner Schichten ihren Seelenmüll auskippen.

    Und folglich haben wir eine, sagen wir Kochliteratur. Produziert von Journalisten, die restaurantkritische Bücher schreiben und Zeitschriftenartikel. Was einmal Pioniere wie Gert von Paczensky und Wolfram Siebeck begonnen hatten, das ist sozusagen zur Massenbewegung geworden und hat auch bereits eine Berufsbezeichnung hervorgebracht: Den - so lesen wir in der Wikipedia - Gastro-Journalisten.

    Diesen mir bisher unbekannten Begriff entnehme ich dem Wikipedia-Artikel über Jürgen Dollase. Und zu diesem bin ich gelangt, weil ich etwas über diesen Gastro-Journalisten erfahren wollte. Das wiederum wollte ich, weil ich in der aktuellen FAZ den Artikel von ihm gelesen habe, über den ich jetzt meckern werde.

    Ich habe weder die Meinung von Jürgen Dollase zu beanstanden, noch scheint mir, daß er irgend etwas geschrieben hat, was nicht stimmt. Sondern ich möchte den Blick auf etwas richten, das zu kommentieren oder überhaupt zu beachten manchen vielleicht altmodisch vorkommt: Seinen Stil.

    Würde ein Chef so kochen, wie Dollase schreibt, dann gäbe es bei ihm Austern aus der Bretagne, garniert mit Mousse au Chocolat und überzogen mit Frankfurter Grüner Soße.



    Harte Worte? Ja. Kann ich das auch beweisen? Ja. Ich habe mir einige seiner Gerichte vorgenommen und versucht, die Austern unter der Garnierung hervorzuziehen. Es folgt jeweils eine Passage aus seinem Artikel und meine Version. Dollase in schwarz, meine Version in blau:
    Die Bewertungen in den Restaurantführern hinterlassen den Eindruck einiger systembedingter Unschärfen. Die Noten suggerieren ein gleiches Niveau für alle betroffenen Restaurants gleicher Bewertung (etwa: neunzehn Punkte im Gault Millau), was aber weder de facto nachvollzogen werden kann noch in den Redaktionen der Führer tatsächlich so gesehen wird.

    Die Bewertungen in den Restaurantführern liefern nur grobe Kategorien, nämlich Sterne oder Punktzahlen. Das wissen sogar die Redaktionen dieser Führer.

    Natürlich gibt es dort Diskussionen darüber, ob man eine Note noch aufrechterhalten kann oder abwerten muß, natürlich gibt es schwächere und stärkere Drei-Sterne-Häuser. Unschärfe stiftet der menschliche Faktor, der durchaus verhindert, daß man verdienten Altmeistern die Note kürzt. Auch am Sitz der jeweiligen Führer geht es anscheinend immer etwas milder zu. Vor allem aber produzieren die Führer keine wirkliche Reihenfolge, versagen also dem in diesem Sektor besonders an Zahlen interessierten Publikum die Auflösung im ewigen Suchspiel. In diese Bresche springen diverse Rankings, die in der Regel die Bewertungen der Führer nach einem bestimmten Schema umrechnen und auf diese Weise zu einer Gesamtrangliste kommen.

    Man diskutiert über Auf- und Abwertungen, wobei renommierte Köche und Häuser in der Nähe des Verlagsorts oft besser wegkommen. Eine Kategorisierung ist aber nun einmal kein Ranking. Deshalb haben andere auch Rankings veröffentlicht.

    (...)

    Um die These zu überprüfen, daß es sich bei den Wertungen zwar um veröffentlichte, aber im Detail nicht vollständig präzise Angaben handelt, hat diese Zeitung rund dreißig Verantwortliche des Führergewerbes sowie wichtige Kenner der Materie (...) gebeten, eine Reihenfolge ihrer persönlichen Top ten zu erstellen, auf Wunsch anonym. Die weitgehend kompletten Antworten ergeben nicht nur ein deutlich stärker differenziertes Bild, sondern auch deutlich feststellbare Trends hinsichtlich einzelner Restaurants wie stilistischer Präferenzen.

    Auch die FAZ wollte ein Ranking erstellen und hat dazu rund dreißig Fachleute um ihre - auf Wunsch anonyme - Bewertung gebeten. Die meisten haben geantwortet, so daß wir statt einer Kategorisierung jetzt ein Ranking haben. Es zeigt auch, daß die Befragten bestimmte Kochstile bevorzugen.

    (...)

    Die möglichen Folgerungen aus diesen Einschätzungen sind schwierig zu bewerten, weil, wie gesagt, eine individuelle Meinung die eine Sache ist, die Druckfassung aber anderen Gesetzen unterliegt. Die Prognosen für einzelne Köche könnten dennoch gewisse Vorzeichen für Veränderungen sein. Sollte die vorhandene Grundstimmung zugunsten individueller und/oder kreativerer Küche dazu führen, daß sich eine entsprechende Hausse bildet und in der Folge wesentlichere Umstrukturierungen bei den Bewertungen erfolgen?

    Zwischen dem, was die Fachleute denken und dem, was sie schreiben, gibt es vermutlich Unterschiede. Aber wer weiß - vielleicht haben sie Recht damit, daß demnächst originelle Köche besonders erfolgreich sind?

    Die zwar handwerklich beachtliche, aber oft redundant exekutierte Spitzenküche ist heute einem vielfältigen Druck ausgesetzt, der sie in absehbarer Zeit entweder in der Versenkung einer Generationenküche verschwinden lassen könnte oder sie zwingen würde, sich wesentlich stärker als je zuvor beständig und neuerlich zu beweisen. Aber - dies sind eben nur Meinungen hinter den Kulissen.

    Ein Schelm also, wer Böses dabei denkt.

    Text: F.A.Z., 02.09.2006, Nr. 204 / Seite 36

    Die heutigen Köche verstehen ihr Handwerk, aber sie kochen langweilig. Das ärgert die Gäste, und deshalb wird es entweder abwärts mit ihnen gehen, oder sie müssen sich etwas Neues einfallen lassen. Sagt man jedenfalls außerhalb der Öffentlichkeit.

    Ein Schelm, wer diese Trivialitäten zu einem Artikel aufbläst wie den Eischaum zum Soufflé.

    Text: Zettel, 02.09.2006


    Das Ranking ist übrigens ganz interessant. Der Artikel in der FAZ also lesenswert.

    31. August 2006

    Verschwörungstheorien (2): Systematischer Zweifel

    Das, was wir über die Welt wissen, ist in großem Umfang Wissen aus zweiter Hand. Wenn wir unserem Wissen trauen wollen, dann müssen wir - das war das Thema des ersten Teils - unseren Lehrern, Pfarrern und Professoren vertrauen. Wir müssen dann dem vertrauen, was in Büchern und Zeitschriften steht, was wir im TV sehen und im Radio hören.

    Müssen? Nein, natürlich müssen wir nicht. Wir können dem allen mißtrauen. Grundsätzlich können wir sogar, wie es Augustinus und dann vor allem Descartes durchgespielt haben, unseren Sinnen mißtrauen. Das freilich mündet in einen Solipsismus, den man nur spielerisch durchhalten kann. Oder, besser gesagt, in Gestalt eines Als Ob erproben kann, das dann doch wieder zur Realität zurückführt und zurückführen muß. Bei Augustinus und Descartes mit Gottes Hilfe.



    Der cartesianische Zweifel an der Realität unserer Sinneswelt also ist nicht ein Ergebnis des Denkens, sondern nur ein Weg des Denkens. Aber ein Weg - ein met-hodos, ein vermittelnder Weg - der doch etwas in die Welt setzte, was unsere Weltsicht nicht weniger revolutioniert hat als die kopernikanische Revolution: Die Herrschaft der Methode. Zwei der Hauptwerke von Descartes tragen das im Titel: Discours de la méthode, Regulae ad directionem ingenii - Abhandlung über die Methode, Regeln zur Lenkung des Denkvermögens. Und die Grundregel lautete: Prüfe alles kritisch! Nimm nichts ungeprüft hin!

    Die Renaissance hatte das vorbereitet, aber erst Descartes machte es zum expliziten Programm: Descartes - er, die Person René Descartes - machte sich zum Richter über das, was er glauben wollte und was nicht. Und er wollte nur das glauben, was er selbst als richtig erkannt hatte.



    Nun haben wir nicht alle die Kühnheit, das Selbstvertrauen und den Scharfsinn eines Descartes. Sein Programm konnte sich also nur sozusagen in der Variante Light durchsetzen: Nicht jeder kann sich von der Richtigkeit all dessen überzeugen, was er zu glauben bereit ist. Wir müssen den methodischen Zweifel gewissermaßen delegieren.

    Dieser an Institutionen delegierte methodische Zweifel ist die Grundlage der Moderne:
  • Im Bereich der Natur und des Geistes haben wir ihn an die Wissenschaften delegiert. Der ungeheure Fortschritt der modernen Wissenschaft basiert darauf, daß jede Behauptung wieder und wieder kritisch geprüft wird; sei es im Licht von Erfahrungsdaten, sei es im Hinblick auf die formale Schlüssigkeit.

  • Im Bereich der Gesellschaft haben wir diesen methodischen Zweifel an die politischen Institutionen und die Judikative delegiert. Die demokratischen Institutionen sind so beschaffen, daß sie der Schwäche und Bosheit des Menschen, seiner Machtgier, seiner Unwahrhaftigkeit Rechnung tragen. Dazu brauchen wir die Gewaltenteilung, eine Balance of Powers. Also haben wir die Opposition, die die Regierung kontrolliert. Die amerikanische Verfassung ist der in gesellschaftliche Realität umgesetzte methodische Zweifel; in vielleicht weniger gelungener Form ist es jede demokratische Verfassung.

  • Eine immer wichtigere Rolle spielen bei diesem methodischen gesellschaftlichen Zweifel die Medien. Die freie Presse ist oft als die Vierte Gewalt bezeichnet worden. In der Tat - wenn Politiker zu lügen und tricksen versuchen, wenn Unternehmer oder Gewerkschaften die Wirklichkeit im Licht ihrer Interessen darstellen, dann sind die freie Presse, sind zunehmend auch die freien elektronischen Medien unser Sachwalter dabei, das aufzudecken. Und allein ihre Existenz als methodisch Zweifelnde bewirkt, daß die Politik im demokratischen Rechtsstaat in einem Maß anständig und gesetzestreu funktioniert, wie das kein anderes politisches System jemals auch nur annähernd erreicht hat.

  • Und schließlich basiert diese gesamte institutionalisierte Kritik natürlich auf der freien Wirtschaft. Eine Konzentration wirtschaftlicher Macht, wie im Sozialismus, ermöglicht es ja, alle die anderen Mechanismen des institutionalisierten Zweifels auszuhebeln. Alle Formen des real existierenden Sozialismus haben das gezeigt. Die Grundbefindlichkeit "unserer Menschen" im Sozialismus ist das Mißtrauen; die Überzeugung, ständig belogen zu werden.



  • In einem modernen, vom wissenschaftlichen Fortschritt geprägten Staat hingegen, in dem diese gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, juristischen, medialen Mechanismen des institutionalisierten Zweifels funktionieren, sollten wir unserem Wissen trauen können. Also dem, was uns die Wissenschaft sagt, was uns die Medien sagen, was uns die gesellschaftlichen Institutionen sagen, so vertrauen können, wie Descartes dem traute, was er nach strenger Prüfung als wahr erkannt hatte. Sie prüfen das ja für uns; sie können gar nicht anders, weil sie in ihrer Funktionsweise den Zweifel und die Kontrolle eingebaut haben.

    Haben wir dieses Vertrauen? Die meisten von uns haben, scheint mir, nicht den Eindruck, daß der Wissenschaft nicht zu trauen sei, daß die Presse systematisch die Unwahrheit schriebe, daß unsere Politiker und Staatsmänner in ihrem Handeln durch ganz andere Motive bestimmt seien, als sie öffentlich sagen.

    Aber nicht alle pflichten dem bei. Und viele, die grundsätzlich beipflichten, haben dennoch manchmal ihre Zweifel an diesen Einrichtungen des institutionalisierten Zweifels.

    Woher kommt das, daß es am Ende bei diesen Menschen, in diesen Fällen, mit dem Delegieren des cartesianischen Zweifels doch nichts geworden ist? Daß sie diese den Zweifel verkörpernden Institutionen als "Show" wahrnehmen, als "demokratische Fassade", als "Freiheitsmäntelchen"? Wohinter sich - wenn wir hinter die Kulissen gucken, hinter die Fassade treten, das Mäntelchen wegziehen - vollkommen Anderes enthüllt: Die Interessen des Kapitals. Die Entscheidungen überstaatlicher Mächte. Die Drahtzieherei derjenigen, die wirklich das Sagen haben. Verschwörungen.

    Kurzum, es gilt - so sehen sie es -, zu entlarven, zu demaskieren. Wo kommt diese Haltung her? Die Antwort ist trivial: Sie stammt wesentlich von den drei großen Entlarvern im neunzehnten Jahrhundert: Nietzsche, Freud und natürlich vor allem Karl Marx.

    Um diese eigenartige Weltsicht des Schauens hinter die Kulissen, des Aufdeckens und Entlarvens à la Sherlock Holmes, deren Ausdruck die Verschwörungstheorien sind, wird es im nächsten Teil gehen.
    (Fortsetzung folgt)



    © Zettel. Titelvignette: Die Verschwörung des Peter Amstalden in Luzern im Jahre 1478. Abbildung aus dem "Luzerner Schilling" (1513). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

    30. August 2006

    Randbemerkung: Der größte Tisch der Welt

    Das Internet hat die Zugänglichkeit von Wissen in einem Maß erweitert, das noch vor einigen Jahrzehnten unvorstellbar war. Jeder Nutzer hat Zugang zu einer riesigen Menge an Informationen, die zuvor größtenteils Spezialisten vorbehalten gewesen waren. Jeder kann sich heute in Minuten das auf den Rechner holen, was allenfalls durch aufwendige Recherchen in Bibliotheken und Archiven hatte zutage gefördert werden konnen.

    Dieses Wissen muß freilich, damit es dem Nutzer nutzt, aufbereitet, es muß erschlossen werden. Der große Erfolg von Google und seinen Nachahmern, auch der Erfolg der Wikipedia, beruht darauf, daß sie das besser leisten als die unbeholfenen Suchmaschinen, mit denen wir in den ersten Jahren des WWW hatten vorlieb nehmen müssen.

    Je mehr das im Web zugängliche Wissen wächst, umso mehr freut man sich über neue, pfiffige Arten, es verfügbar zu machen. Je größer das Wegenetz, umso wichtiger wird es, gute Karten zu haben und Routenplaner. Zum Beispiel spezialisierte Suchwerkzeuge für aktuelle Nachrichten.



    An so etwas dachte ich, als ich in der Internet-Ausgabe der SZ diese Überschrift las: Internetaktion zum Weltwissen - Ich frag' ja nur - Das Internet-Forum "Dropping Knowledge" verspricht Aktivität statt Apathie und 11.200 weltbewegende Antworten.

    Wow! Und der Artikel begann in der Tat vielversprechend:
    Es gibt keine dummen Fragen. Auch das Internet lässt seine Nutzer in diesem Glauben: Was immer sie anfragen, sie werden mit Suchergebnissen überschüttet. Nur bedeutet Quantität eben nicht Qualität und nicht jede Frage - ob gut oder schlecht - erhält die Antwort, die sie verdient. Es sei daher an der Zeit, den wirklich wichtigen Fragen eine neue Plattform zu geben, befand der Werbeunternehmer Ralf Schmerberg und gründete vor drei Jahren den Verein "Dropping Knowledge".
    Wunderbar, dachte ich, und machte mich auf zu der in dem Artikel angegebenen WebSite. Die URL enthielt einen Druckfehler (www.droppingkonwledge.org), aber der war schnell gefunden und behoben. Also - auf zu der Homepage von "Dropping Knowledge", die mir Qualität statt Quantität bei der Beantwortung meiner Fragen liefern würde.

    Ich traf auf eine grafisch aufwendige Startseite, die mich allerdings zunächst nur auf ein Ereignis aufmerksam machte, nämlich daß am neunten September "112 of the world's great minds" sich um "the world's largest table" versammeln würden, um Fragen zu beantworten.

    Ich hätte gern meine Frage gestellt - "Ist Pluto ein Planet?" - , aber egal, worauf ich auf der Startseite klickte, es begann der Download einer jedenfalls sehr großen Datei. Vielleicht des "Films", der auf der Startseite genannt wird. Nach einigen Versuchen habe ich das, als Landbewohner nicht DSL-begünstigt, abgebrochen. Ich wollte ja keinen Film sehen, sondern hätte gern meine Frage an 112 der größten Geister der Welt gestellt, oder wenigstens an einen von ihnen.

    Damit wird es nun nichts. Jetzt tröste ich mich damit, aus der SZ zu wissen, wer zu "the world's great minds" gehört: Avi Primor, Hafsat Abiola, Wim Wenders, Roland Berger, Eliot Weinberger, Jonathan Meese und Hans Peter Dürr. Das sind alle, die in der SZ genannt werden.

    Jeder von ihnen - und 105 weitere der großen Geister der Welt - beantwortet hundert Fragen, am neunten September 2006, in Berlin, auf dem Bebelplatz, am größten Tisch der Welt. Elftausendzweihundert Antworten an einem Tag, an einem Ort.

    Eben Qualität statt Quantität.

    28. August 2006

    Randbemerkung: Die Moral eines Mörders

    Knut Folkerts ist ein vierfacher Mörder. Am 7. April ermordete er in Karlsruhe gemeinsam mit drei Komplicen Siegfried Buback, Wolfgang Göbel und Georg Wurster. Am 22. September 1977 ermordete er in Utrecht Arie Kranenburg. Die ersten drei Morde waren kaltblütig geplant gewesen. Seinen vierten Mord beging Folkerts, als Polizisten ihn zu fassen versuchten.

    Für die drei Morde in Karlsruhe und andere schwere Straftaten wurde Folkerts zu zweimal lebenslänglichem Freiheitsentzug verurteilt, aber nach 18 Jahren entlassen. Für den vierten Mord wurde er in den Niederlanden zu 20 Jahren verurteilt. Die Niederlande haben jetzt ein Strafvollstreckungsbegehren gestellt, um zu erreichen, daß auch diese Strafe vollstreckt wird. Das Verfahren darüber ist beim Landgericht Hamburg anhängig.

    Soweit die Fakten. Es geht mir bei den folgenden Überlegungen nicht darum, ob es richtig ist, jemanden, der zu zweimal Lebenslänglich verurteilt ist, bereits nach 18 Jahren zu entlassen; ebensowenig darum, ob er seine in den Niederlanden ausgesprochene Strafe verbüßen oder ob man ihm diese erlassen sollte. Das mögen die Juristen und die Rechtsphilosophen entscheiden.

    Was mich interessiert, das ist die Haltung des Mörders zu seinen Taten.



    Knut Folkerts ist kein gewöhnlicher Mörder. Daß jemand innerhalb eines Jahres vier Menschen ermordet, kommt ja nicht sehr häufig vor.

    Er ist auch kein gewöhnlicher Mörder, was seine Motivation angeht. Diese war, so sagt er es jedenfalls, politisch. Ob das verwerflicher oder minder verwerflich ist als eine Tat aus persönlichen Motiven, darüber kann man streiten. Zudem ist unklar, wieweit bei Folkerts und seinen Komplicen das, was sie als "politisch" sahen, zumindest überlagert war vom Haß auf ihre Opfer; ähnlich wie bei vielen NS-Tätern. Wer - wie die Mörder Schleyers - schreibt, man habe des Opfers "klägliche und korrupte Existenz beendet", der läßt eine Mißachtung von dessen Menschenwürde erkennen, die große Nähe zur "Untermenschen"-Ideologie der KZ-Mörder aufweist.



    Nun steht also die Entscheidung des Hamburger Landgerichts darüber an, ob Folkerts die in den Niederlanden verhängte Strafe verbüßen muß. Und in dieser Situation hat Folkerts dem Journalisten Michael Sontheimer vom Berliner Büro des "Spiegel" ein Interview gegeben.

    In dem Interview geht es zunächst um dieses niederländische Ersuchen. Folkerts sagt dazu, was vermutlich viele in seiner Lage sagen würden: Daß dies "politisch motiviert" sei, weil in den Niederlanden der "Rechtspopulismus stark" sei. Daß er "ausreichend gebüßt" habe. Daß er den "Todesschuß" (das Wort "Mord" kommt weder dem Interviewer noch Folkerts über die Lippen) "bedaure". Und er schließt diesen Teil des Interviews mit dem Lamento ab, das die Verlautbarungen der RAF in den siebziger Jahren monoton begleitet hat: Er sei nach seiner Festnahme in Holland von Polizisten(!) "geschlagen, mißhandelt und gedemütigt" worden - und habe deswegen(!) damals nicht sein Bedauern gegenüber den Angehörigen(!) ausgedrückt.

    Er bedauert, sagt Folkerts. Er sagt nicht, daß er bereut. Er spricht nicht von seiner Schuld.



    Im zweiten Teil des Interviews geht es um die RAF allgemein und Folkerts' Rolle. Sontheimer fragt ihn, ob er auch seinen Einstieg in die RAF bedaure. Darauf antwortet Folkerts keineswegs mit "ja". Sondern er schildert langatmig den "langen Weg" zu seiner "Radikalisierung"; daß die RAF "etwas in Richtung Befreiung und soziale Gerechtigkeit" habe bewirken wollen. Er liefert Erklärungsversuche, Rechtfertigungsversuche. Und nochmals ein ausgiebiges Lamento über seine Haftbedingungen. Über das Schicksal seiner drei deutschen Opfer verliert er kein Wort. Kein Bedauern, noch weniger Reue.

    Und ein kritisches Fazit nur insofern, als Folkerts einräumt, die "Theorie und Praxis der RAF" habe sich "als falsch erwiesen", er habe sich für die "Beendigung des bewaffneten Kampfs der RAF" ausgesprochen und er treffe sich mit anderen aus der RAF, um "kritisch unsere Vergangenheit aufzuarbeiten".



    Man lag politisch falsch, das räumt Folkerts ein. Daß er seine Verbrechen bereut, davon findet sich in dem Interview kein Wort. Von den Morden an Buback, Göbel und Wurster ist in dem Interview überhaupt nicht die Rede (was freilich auch dem Interviewer Sontheimer anzulasten ist, der danach gar nicht fragt).

    Also ein uneinsichtiger - früher hätte man gesagt "ein verstockter" - Mörder. Einer, der nicht von Schuld und Reue spricht, sondern von "falsch". Offenbar, so könnte man folgern, einer jener Verbrecher, denen alle moralischen Maßstäbe fehlen. Der zynische, kalte Kriminelle. Auch bei den Nazi-Mördern gab es diesen Typus.

    Spricht er also gar nicht über Moral, dieser Knut Folkerts? Oh doch. Er sagt dazu zwei Sätze:

  • "Was wir als herrschende Moral vorgefunden haben, ließ Ungeheuerliches zu ..." und

  • "... der RAF ist es nicht gelungen, glaubhaft eine andere Moral zu entwickeln und zu praktizieren".

  • Ungeheuerlich, so glaubt der Mörder Folkerts offenbar immer noch, waren nicht seine Taten und die seiner Komplicen - sondern es war die "herrschende Moral".

    Er meint, es sei nicht gelungen, eine andere Moral zu praktizieren. Da allerdings irrt er. Die Moral, die die RAF praktiziert hat, war ja anders, und zwar sehr glaubhaft anders. Sie wurde mit Blut glaubhaft gemacht - glaubhafter kann jemand seine Moral kaum machen.

    Es war die Moral von Menschen, die in ihrer Arroganz und Verstiegenheit glaubten, sich über die Gesetze des Staats, die Regeln der Mitmenschlichkeit hinwegsetzen und für ihre verschrobenen Ziele Menschen verstümmeln und ermorden zu dürfen.



    Mich würde es interessieren, ob es ehemalige Angehörige der RAF gibt, die ihre Schuld akzeptieren; die eingesehen haben, daß kein Bürger das Recht haben kann, anderen Bürgern seine politischen Vorstellungen mit dem Mittel des Mords aufzuzwingen.

    26. August 2006

    Verschwörungstheorien (1): Unsichere Weltkenntnis

    Es war zu erwarten gewesen: Auch die aktuellen Anschläge sind alsbald mit üblen Verschwörungen in Zusammenhang gebracht worden. Spiegel-Online zitiert einen Araber, der glaubt, daß die Täter "vom deutschen Geheimdienst bezahlt" gewesen seien. Ein anderer in dem Artikel erwähnter Moslem nimmt die Aufdeckung der geplanten Flugzeuganschläge in Großbritannien als "Propaganda" wahr, bei der es darum gegangen sei, "vom Libanon-Krieg abzulenken".

    Es gibt kaum ein die Öffentlichkeit beschäftigendes Ereignis, das nicht Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen hätte. Die Wikipedia liefert mit ihrer Liste der Verschwörungstheorien einen im Wortsinn erschöpfenden Überblick - von modernen Verschwörungstheorien wie dem vorgeblichen Moon Hoax und den Theorien zu 9/11 bis hin zu Klassikern wie den Verschwörungen der Illuminaten und selbstredend von Juden. Und zahllosen sozusagen ad-hoc-Verschwörungstheorien - die Giftgase betreffend, die aus einem See in Kamerun strömten, oder eben ein aktuelles Ereignis wie die versuchten Kofferbomben-Anschläge.

    Ich will in dieser kleinen Serie über Verschwörungstheorien nicht diskutieren, ob die eine oder andere dieser Behauptungen stimmt oder falsch ist. Ich halte keine von ihnen, soweit ich sie kenne, für auch nur im Ansatz bewiesen oder auch nur irgendwie plausibel. Aber das zu begründen würde ins Uferlose führen und wäre auch wenig ergiebig, denn Verschwörungstheorien lassen sich ihrem Wesen nach nicht widerlegen.

    Beschäftigen will ich mich stattdessen mit der Frage, was eigentlich vielen Verschwörungstheorien zu ihrer weiten Verbreitung verhilft. Im jetzigen ersten Teil geht es um die allgemeinste Voraussetzung für Verschwörungstheorien: Die Unsicherheit unserer Kenntnis der Welt.



    Nur sehr wenig von dem, was wir über die Welt wissen, enstammt unserer eigenen, unmittelbaren Erfahrung. Das unterscheidet uns Menschen radikal von allen Tieren, deren Weltkenntnis ganz überwiegend aus ihrer eigenen Sinneserfahrung kommt, sofern es nicht in ihren Genen verankert ist. Nur gelegentlich kommt so etwas wie indirektes Wissen hinzu - wie beispielsweise dann, wenn eine Biene durch ihren Schwänzeltanz den anderen Bienen den Ort eines Futterfunds kundtut oder wenn Murmeltiere auf den Warnpfiff eines Wächters hin im Bau verschwinden.

    Das sind Beispiele dafür, daß soziale Kommunikation bei Tieren gelegentlich sozusagen den Augenschein ergänzt, oder - meist - ihn lediglich vorwegnimmt, ihn akündigt. Wir Menschen aber entnehmen fast alles, was wir wissen, nicht dem Augenschein. Wir haben es aus zweiter, dritter, vierter Hand. Wir haben es erzählt bekommen, gelesen, im TV gesehen. Aus Quellen, die ihrerseits auf andere Quellen vertrauen, die ihrerseits ... usw.



    Was wir aus eigener Erfahrung wissen, das beschränkt sich weitgehend auf das, was "episodisches Wissen" genannt wird - das, was wir im Lauf unseres Lebens erlebt und zu einem Bild unserer sozialen, unserer räumlichen Umgebung zusammengesetzt haben.

    Dieser unmittelbare Erfahrungsraum erweitert sich im Lauf unserer persönlichen Biographie, und er hat im Gefolge der zivilisatorischen Entwicklung gewaltig an Umfang zugenommen; jedenfalls für große Teile der Menschheit. Noch für Kant war dieser gesamte unmittelbare Erfahrungsraum auf die Stadt Königsberg beschränkt und auf diejenigen Personen, die dort wohnten oder die dorthin pilgerten, um ihn aufzusuchen. Zum Erfahrungsraum vieler Deutscher gehören heutzutage dagegen nicht nur viele Länder Europas, sondern gar die Karibik und Thailand.

    Und doch hatte Kant eine Kenntnis der Welt in einem Umfang, wie dies die heutigen Deutschen nicht haben. Er hatte sie aus Büchern, aus Gesprächen mit Besuchern. Er hatte sie aus zweiter, dritter Hand. Und doch vertraute er ihr.

    Sein Bild der Welt enthielt vorwiegend Sachverhalte, von deren Richtigkeit er sich nicht hatte persönlich überzeugen können. An deren Wahrheit er also hätte zweifeln können, und an deren Wahrheit zu zweifeln er als Aufklärer und Skeptiker in der Tradition Humes ja auch bereit gewesen war.

    Aber er hatte eben auch gute Gründe, an sehr Vielem nicht zu zweifeln, das er nicht persönlich nachprüfen konnte. An den Ergebnissen der Astronomie beispielsweise, die ihn als jungen Magister sehr interessierten und die er seiner "Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" zugrundegelegt hat. Auch seine Hauptwerke, so gründlich und kritisch sie auch den Voraussetzungend des Erkennens, des moralischen Handelns und des Urteilens nachspürten, basierten natürlich auf dem, was in mehr als zweitausend Jahren zuvor gedacht und entdeckt worden war.



    Vieles, was Menschen über die Welt wußten oder zu wissen vermeinten, hatte vom Beginn der Kultur an diesen Charakter indirekten, vermittelten Wissens. Wissen über Ursprung und Ziel der Geschichte, über Götter und Geister, über Sonne, Mond und Sterne, über die Kraft von Kräutern und den Fluch verrufener Orte.

    Wie kamen Menschen dazu, diesem überlieferten Wissen zu trauen? Sie trauten offensichtlich, weil sie vertrauten. Der cartesianische Zweifel lag ihnen so fern wie nur irgend etwas. Sie hatten das Vertrauen, daß ihre Alten und ihre Schamanen, ihre Weisen und ihre Priester ihnen die Wahrheit sagten.

    So, wie die meisten uns darauf vertrauen, daß Wissenschaftler und Journalisten die Wahrheit schreiben, daß Regierungen uns nicht belügen, - kurz, daß die Institutionen unserer Gesellschaft vertrauenswürdig sind.



    Die meisten von uns, aber eben nicht alle von uns. Die Zahl derjenigen Menschen scheint weltweit zuzunehmen, die an die Stelle des Vertrauens in die Institutionen ein sozusagen systematisches Mißtrauen setzen. Und das ist, so scheint mir, eine der Wurzeln von Verschwörungstheorien, vielleicht die stärkste.
    (Fortsetzung folgt)



    © Zettel. Titelvignette: Die Verschwörung des Peter Amstalden in Luzern im Jahre 1478. Abbildung aus dem "Luzerner Schilling" (1513). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

    25. August 2006

    Plutos Degradierung

    Die Meldung schaffte es gestern sogar bis in die Tagesschau. Genaueres erfuhr man beispielsweise aus der FAZ. Genaueres darüber, was sich am 24. August zutrug: Dem Pluto wurde sein Status als Planet aberkannt. Und zwar von denjenigen, die dafür zuständig sind, der International Astronomical Union, die derzeit in Prag ihre Generalversammlung abhält. Ohne Möglichkeit einer Berufung.



    Wenn jemand degradiert wird, und sei es ein Planet, dann weckt das unser Interesse, erregt vielleicht gar ein wenig unser Mitleid. Was hat der arme, kleine Pluto getan, daß er seit gestern kein Planet mehr sein darf? Ist er geschrumpft, ist er aus der Bahn geraten, hat er sich sonstwie schlecht benommen?

    Nein, er hat sich nicht verändert oder danebenbenommen. Es ist auch nichts Nachteiliges über ihn erst jetzt bekanntgeworden, das seine Degradierung nach sich gezogen hätte. Sondern es ist etwas viel Fundamentaleres passiert, etwas, das verwunderlich klingen mag: Nach Jahrtausenden hat man am 24. August 2006 erstmals genau definiert, was eigentlich ein Planet ist. Und siehe, dabei stellte sich heraus, daß - alas, poor Pluto - dieser kein Planet ist. Jedenfalls, nachdem man sich, in diesen Tagen in Prag, ein wenig gestritten und dann eine Einigung über die Definition erzielt hatte.



    Planeten sind, man weiß das, Wandersterne. Planetes, das ist griechisch ein Wanderer; von planasthai, wandern. Meist nennen wir sie Wandelsterne; aber nicht, weil sie sich wandeln würden, sondern weil "wandeln" eine alte Form von "wandern" ist - nimm dein Bett und wandle, wir erinnern uns an das Neue Testament.

    Daß sie wandern, anders als die Myriaden Fixsterne, hat ihnen das besondere Interesse der alten Astronomen eingetragen. Sie wandern, so dachte man es sich, weil sie sich um die Erde drehen. Und da auch Sonne und Mond - so sah man es an, weil man es so sah - sich um die Erde drehen, so waren waren auch Mond und Sonne Planeten.

    Sehen konnte man, mit "unbewaffnetem" Auge, neben Sonne und Mond die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Damit hatte man die "sieben Planeten", die noch heute die Grundlage der Astrologie bilden.



    Die Astrologie blieb, wie sie war; die Astronomie freilich machte seit der Erfindung des Fernrohrs gigantische Fortschritte, dann wieder mit der Erfindung der Radioastronomie und seit ein paar Jahrzehnten ein drittes Mal, seit wir Sonden zu den Planeten schicken können und Hubble im Raum stationiert haben.

    Und so wandelte sich, was man über die Wandelsterne dachte.

    Zuerst setzte sich die Erkenntnis durch, daß die Erde selbst ein Planet ist, statt das Zentrum des planetaren Systems, und daß folglich Sonne und Mond (der einzige von allen, der weiter um die Erde kreisen durfte, und doch kein Planet mehr war) aus dem Kreis der Planeten ausschieden.

    Da waren's also nur noch fünf. Fünf der klassischen Planeten. Plus die Erde, die nun hinzugekommen war.

    Also sechs Planeten. Aber nur vorübergehend, zwischen der Renaissance und der Aufklärung so ungefähr. Denn wie zerronnen, so gewonnen: 1781 entdeckte Herschel den Uranus, den er anfangs für einen Kometen hielt. Und Uranus führte (durch Bahnunregelmäßigkeiten) 1846 auf die Spur von Neptun, bei dem wiederum Bahnabweichungen die Vermutung hervorbrachten, es müsse noch einen weiteren Planeten ganz weit außen geben - der dann auch gefunden und nach dem Höllenhund Pluto benannt wurde.



    Ein Planet noch jenseits des Neptun - jedenfalls meistens. Denn zu seinen Seltsamkeiten gehört es, daß er manchmal die Bahn des Neptun kreuzt, der Sonne also näherkommt als dieser.

    Und auch sonst ist er ein seltsamer Himmelskörper, der Pluto, der noch nie von einer Raumsonde besucht wurde. (Seit Anfang dieses Jahres ist eine unterwegs; sie soll ihn 2015 erreichen). Er ist winzig; kleiner als unser Mond, mit nur einem Fünftel von dessen Masse. Aber begleitet von einem eigenen Mond, passenderweise Charon genannt (wir sind in der Unterwelt!), der im Durchmesser mehr als halb so groß ist wie der Pluto selbst. Also haben wir es eigentlich mehr mit einem System aus zwei Körpern zu tun, die um einen gemeinsamen Schwerpunkt kreisen.

    Ja, und warum ist er nun kein Planet mehr, der Pluto? Nicht wegen dieser seiner eigenen Besonderheiten. Sondern weil immer deutlicher wurde, daß er nur einer unter vielen ist, wenn auch ein primus inter pares. Schon sein Charon hätte Anspruch auf den Planetenstatus. Und dann wurde vor knapp drei Jahren jener 2003 UB313 entdeckt, vorläufig auch Xena genannt (die Fremde). Größer als Pluto! Rund wie er! Also, wenn Pluto ein Planet ist, dann auch Xena.

    Nun gut, warum nicht, dann ist halt eben ein weiterer Planet gefunden? Ja schon. Aber alles spricht dafür, daß er nur einer von Vielen ist, die man nach und nach entdecken wird. In einem Gürtel von Weltraumkörpern am Rand unsers Sonnensystems, dem Kuiper-Gürtel.



    Wo also hätte das hinführen sollen? Planeten über Planeten hätten gerechterweise im Lauf der kommenden Jahrzehnte anerkannt werden müssen. Nicht zuletzt auch noch im Nachheinein Ceres, schon 1801 entdeckt, auch nicht so sehr viel kleiner als Pluto, dem der Planetenstatus immer verweigert worden war. Auch ihm hätte man späte Gerechtigkeit nicht verweigern können.

    Also, eine klare Definition mußte her. Und die haben wir seit dem 24. August 2006. Ein Planet ist ein Himmelskörper, der
  • um die Sonne kreist,
  • soviel Masse hat, daß er aufgrund der Eigengravitation (siehe hier) eine annähernd runde Form hat (genauer: ein hydrostatisches Gleichgewicht erreicht),
  • und der - da zitiere ich die englische Formulierung "has cleared the neighbourhood around its orbit".
  • Mit diesem dritten Kriterium ist gemeint, daß die Massenanziehung des betreffenden Himmelskörpers ausreicht, um alle kleineren Körper (also vor allem Asteroiden) in seiner Umgebung, die auf ähnlichen Bahnen laufen, auf sich stürzen zu lassen, im Lauf der Jahrmilliarden. Nicht primus inter pares, sondern Monarch. Oder, sagen wir, ein absoluter Duodezfürst.

    Und an diesem dritten Kriterium ist er gescheitert, der Pluto.

    Aber wirklich schlimm ist das eigentlich doch wieder nicht. Denn so, wie im Fußball die Zweite Liga strenggenommen doch immer noch eine Bundesliga ist, so ist Pluto in eine Zweite Planetenliga abgestiegen: Die der dwarf planets, der Zwergplaneten.

    Diese Bezeichnung allerdings ist erst ein mal vorläufig. "Plutoiden" hatte man auch erwogen; das wäre für den Pluto natürlich schöner gewesen.

    24. August 2006

    Randbemerkung: Die NPD und der Islamismus

    Anläßlich der versuchten Kofferbomben-Attentate ist eine islamistische Organisation namens Hisb ut-Tahir in die Schlagzeilen geraten. Die Familie eines der mutmaßlichen Täter soll im Libanon Verbindung zu dieser Organisation haben. Daß die Attentäter selbst mit der Hisb ut-Tahir Kontakt haben, ist zwar bisher nicht bestätigt worden. Aber man interessiert sich nun jedenfalls für die Hisb ut-Tahir.

    Dabei ist etwas Interessantes ausgegraben worden: Die NPD scheint der Hisb ut-Tahir durchaus nicht so unfreundlich gesonnen zu sein, wie man das angesichts der Fremdenfeindlichkeit der Rechtsextremen vermuten könnte.

    Die "Tagesschau" der ARD hat dazu recherchiert, und Spiegel-Online hat es berichtet: Der NPD-Chef Voigt habe 2002 an einer Veranstaltung der Hisb ut-Tahir teilgenommen, und die Jugendorganisation der NPD "Junge Nationaldemokraten" habe Anfang 2003 in Duisburg eine Veranstaltung durchgeführt, auf der ein gewisser Shaker Assem als Redner aufgetreten sei.



    Wer ist dieser Shaker Assem? "Shaker Assem, 38 Jahre, verheiratet, ein Sohn, derzeit wohnhaft in Duisburg. Geboren in Kairo; Vater Ägypter, Mutter Österreicherin. (...) Bis zum jüngst ausgesprochenen Verbot Repräsentatives Mitglied von "Hizb ut-Tahrir", einer islamistischen Partei, die weltweit, vor allem in Zentralasien, über bis zu 80.000, in Deutschland aber nur ca. 200 Mitglieder verfügen soll."

    Diese Angaben entnehme ich - nein, nicht einer islamistischen Quelle, sondern der "Deutschen Stimme", herausgegeben vom NPD-Parteivorstand, Chefredakteur Holger Apfel, Stellvertretender Bundsvorsitzender der NPD. Sie stehen im Begleittext zu einem langen Interview, das Apfel mit Shaker Assem Anfang 2003 geführt hat. Überschrift des Interviews: "Palästina von den Zionisten befreien". Und dieses Interview ist nun wirklich lesenswert. Es ist lesenswert wegen der Punkte, in denen sich die beiden augenscheinlich einig waren.

    Der eine liegt auf der Hand: Es ist ihre gemeinsame Haltung gegenüber den "US-Machthaber(n)" und dem "israelischen Staatsterrorismus" (beides Formulierungen von Holger Apfel). Interessanter ist aber die folgende Passage aus dem Interview, die sich mit der moslemischen Einwanderung nach Deutschland befaßt:
    Deutsche Stimme: (...) Nun streben alle Parteien im Bundestag mit ihrer Integrationspolitik quasi die Zwangsgermanisierung der Zuwanderer an. Wie stehen Sie zu dieser Politik, die dazu führt, daß sowohl Deutsche als auch Ausländer ihre nationale Identität verlieren, indem sie ihrer Heimat, Kultur und Tradition systematisch entfremdet werden ? und wie stehen Sie zu der bekanntlich von der NPD propagierten Forderung »Ausländerrückführung statt Integration«?

    Assem: (...) Ich kenne sehr viele Muslime in diesem Land und nur sehr wenige von ihnen fühlen sich wirklich wohl hier. Sobald sich die wirtschaftliche Situation in ihren Heimatländern durch die Gründung des islamischen Staates gebessert hat, werden die meisten von ihnen meiner Meinung nach wieder zurückkehren. (...) Anstatt in Deutschland wegen ihres Kopftuches angepöbelt und vom Arbeitsmarkt weitgehend ausgeschlossen zu werden, haben sie in ihren Ursprungsländern dann die Möglichkeit, ihren Glauben in allen Bereichen auszuleben. (...)



    Da haben wir's: Der extremistische Islamist Assem und der extremistische deutsche Nationalist Apfel sind sich nicht nur in ihrer Gegnerschaft zu den USA und zu Israel einig, sondern auch, was die moslemische Einwanderung nach Deutschland angeht.

    Sie sind sich einig in ihrem Kampf dagegen, daß die islamischen Zuwanderer sich integrieren. Die NPD, weil sie diese ja "zurückführen" will. Assem begrüßt es ebenfalls, daß moslemische Einwanderer wieder in moslemische Länder zurückkehren.



    Eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen rechten und islamistischen Extremisten.

    Den Begriff "Zwangsgermanisierung" wiederum benutzt NPD-Apfel gemeinsam mit der extremen Linken; siehe beispielsweise diesen Aufsatz von Ulla Jelpke in der "Jungen Welt".

    "Les extrèmes se touchent", sagt man in Frankreich - die Extreme berühren sich. Nicht nur, wenn es um die Stellung zur Politik Israels geht.

    22. August 2006

    Staatsmacht

    Angenommen, deutsche Demoskopen würden in einer Erhebung fragen: "Sollte der Staat mehr für unsere Sicherheit tun?", und sie würden diese Frage in zwei Kontexten stellen:

    Version A: "Es gab kürzlich einen Störfall in einem schwedischen KKW. Das könnte auch bei uns passieren. Sollte der Staat mehr für unsere Sicherheit tun?"

    Version B: "Kürzlich wurden Terroranschläge auf deutsche Eisenbahnzüge versucht. Weitere derartige Anschläge könnten geplant sein. Sollte der Staat mehr für unsere Sicherheit tun?"

    Es ist zu erwarten, daß die Antworten auf diese beiden Versionen der Frage unterschiedlich ausfallen würden. Das ist nicht verwunderlich, denn der Kontext hat, wie die Sozialforschung weiß, einen starken Einfluß auf das Antwortverhalten.

    Interessanter ist die Frage, was eine Aufschlüsselung der Befragten nach politischer Einstellung ergeben würde. Die Vorhersage ist nicht sehr gewagt, daß Befragte, die den Grünen, der PDS oder dem linken Flügel der SPD nahestehen, auf die Frage in Version A häufiger mit "ja" antworten würden als Befragte, die der CDU oder der CSU zuneigen. Und bei Version B dürfte es genau umgekehrt sein.

    Es würde also - das jedenfalls ist meine Vermutung zu diesem kleinen Gedankenexperiment, die ich den folgenden Überlegungen hypothetisch zugrundelegen möchte - das geben, was die Statistik eine Kreuz-Interaktion nennen: In der einen Bedingung (Version A) liegt Gruppe X höher als Gruppe Y. In der anderen Bedingung (Version B) kehrt sich das um.



    Ein solches unterschiedliches Antwortverhalten wäre unter mindestens zwei Aspekten interessant:
  • Dem der Sicherheit: Für wie gefährlich man Atomkraftwerke hält und als wie gefährlich man andererseits die Bedrohung durch den Terrorismus wahrnimmt, das ist unter anderem abhängig von der politischen Einstellung. Diesem Aspekt, der zu den Eigenarten der Gefahrenwahrnehmung gehört, will ich jetzt nicht nachgehen.

  • Zweitens drückt sich in einer solchen Kreuz-Interaktion aber auch ein unterschiedliches Vertrauen in den Staat aus, was die beiden Arten der Gefährdung angeht. Und verweist damit auf einen eigenartigen Sachverhalt: Das Vertrauen von Linken einerseits und von Konservativen andererseits in den Staat verhält sich sehr unterschiedlich, je nachdem, welcher Bereich staatlicher Tätigkeit berührt ist.
  • Es verhält sich auf eine sehr seltsame, manchmal nachgerade absurde Weise unterschiedlich.



    "LESS BREAD! MORE TAXES!" sind die Parolen eines Volksauflaufs, mit dessen Schilderung Lewis Carroll seine wunderbare Satire "Sylvie and Bruno" beginnen läßt. Mit dem Verquersten also, das man sich denken kann: Daß das Volk weniger Brot fordert, und mehr Steuern. Denn der Ruf nach weniger Steuern gehört ja, ebenso wie der nach mehr Brot, zu zu dem, was das Volk zu allen Zeiten forderte, wenn es sich erhob. Ein Volk, das mehr Steuern fordert - das war, als Lewis Carroll dieses Buch schrieb, so ungefähr das Absurdeste, was er beschreiben konnte.

    Und heute? Heute ist es keine linke Partei, die sich als "Steuersenkungspartei" zu profilieren trachtet, sondern die FDP. Hingegen hat die große linke Volkspartei gerade den Beschluß zu einer Erhöhung derjeniger Steuer durchgesetzt, die das Volk am unmittelbarsten trifft, der Mehrwertsteuer. Und auch ihre noch linkere Konkurrenzpartei tritt für Steuererhöhungen ein, wenn diese auch freilich die "Reichen" treffen sollen. Daß sie Steuersenkungen fordert, ist mir auch von ihr nicht bekannt.



    Daß linke Parteien heute ein ganz anderes Verhältnis zu Steuern haben als die Revolutionäre vergangener Jahrhunderte, liegt natürlich daran, daß sie ein ganz anderes Verhältnis zum Staat haben. Statt auf sein "Absterben" hinzuarbeiten, haben linke Parteien überall dort, wo sie die Möglichkeit dazu hatten, die Macht des Staats zu erweitern getrachtet.

    Und zwar keineswegs nur die linkstotalitären Parteien. Auch die französischen Sozialisten beispielsweise haben, als sie 1981 an die Macht kamen, alsbald mit einem großen Programm zur Verstaatlichung begonnen. Das betreffende Gesetz, das am 13. Februar 1982 in Kraft trat, erweiterte die wirtschaftliche Macht des französischen Staats drastisch. Zahlreiche Banken und große Konzerne wie Thomson und Rhône-Poulenc wurden enteignet. Bereits 1983 wurde jeder vierte französiche Beschäftigte vom Staat bezahlt.

    In kaum einem demokratischen Land durchdringt der Staat so sehr alle Lebensbereiche wie im sozialdemokratischen Musterland Schweden. Und in einem denkwürdigen Interview hat der damalige SPD-Vorsitzende Müntefering Ende 2002 die etatistische Haltung der deutschen Sozialdemokratie auf die vielzitierte Formel gebracht "Weniger für den privaten Konsum - und dem Staat Geld geben".



    Was unterscheidet diesen linken Etatismus von dem vieler Konservativer? Man könnte es in einem Bild zusammenfassen: Die Konservativen vertrauen dem Vater Staat, die Linken wollen eine Mutter Staat. Viele Konservative wollen den starken Staat, wie er von der Polizei und den Gerichten symbolisiert wird. Viele Linke wollen den starken Staat, wie er vielleicht am besten durch eine der seltsamsten Kreationen der rotgrünen Regierung repräsentiert wird: Ein veritables Bundesinstitut für Risikobewertung.

    Freilich: Wie in der modernen Familie sind die Rollen von Mutter und Vater nicht mehr klar getrennt. Dieselben Linken, die sich noch vor zwei Jahrzehnten vehement gegen eine Volkszählung gewandt hatten, haben, an die Macht gekommen, 2003 ein "Gesetz zur Förderung der Steuerehrlichkeit" verabschiedet, das das Bankgeheimnis in weitem Umfang aushebelt. Der mütterliche, seine Bürger schützende, ihnen helfende Staat entwickelt sich auch im Verständnis der Linken immer mehr zu einem Staat, der sie gängelt und ihnen die Ohren langzieht, ganz à la strenger Hausvater.



    Wenn sich viele Linke und viele Konservative zunehmend einig werden, was die Hochschätzung des Staats angeht - liegt das dann vielleicht im Wesen der Sache selbst? Ist dieser zunehmende Etatismus vielleicht ein "Sachzwang", sich ergebend aus der Komplexität der modernen Gesellschaft?

    Überhaupt nicht. Gerade komplexe Systeme eignen sich nicht für eine hierarchische Organisation. Gerade sie verlangen das freie Spiel der Kräfte. Es ist just die zunehmende Komplexität moderner Gesellschaften, die den linken ebenso wie den rechten Etatismus so obsolet macht.

    Wir brauchen weder den Vater Staat noch die Mutter Staat. Wir brauchen überhaupt keine Staatsmacht. Was wir brauchen, das ist der Dienstleister Staat - den Anbieter solcher Dienste, die aus unterschiedlichen Gründen für die Konkurrenz des Marktes ungeeignet sind. Polizei, Justiz, Militär beispielsweise. Zentrale Planungsaufgaben, was die Infrastruktur angeht. Die Setzung und Durchsetzung der Rahmenbedingungen für die freie Entfaltung der Wirtschaft, der Kultur, der Wissenschaften.

    Viel mehr eigentlich nicht.

    18. August 2006

    Randbemerkung: Eine Bundesrichterin urteilt

    Nachrichtenagenturen arbeiten international. Die meisten Auslandsmeldungen in den deutschen Medien sind infolgedessen aus dem Englischen übersetzt. Dabei kommt es oft zu Ungenauigkeiten. Aber auch wenn richtig übersetzt wird, kann eine Meldung in ihrer deutschen Version einen falschen Eindruck vermitteln, weil in ihr Begriffe vorkommen, mit denen der deutsche Durchschnittsleser nichts anfangen kann. Oder mit denen er und sie, mangels Hintergrundwissen, vielleicht etwas Irriges anfängt.

    Das dürfte bei heutigen Agenturmeldungen der Fall sein, die sich mit einem aktuellen US-amerikanischen Urteil befassen. In der Fassung von dpa, wie man sie zum Beispiel in der Frankfurter Rundschau lesen kann, heißt es:
    (das) ... Abhörprogramm des Inlandsgeheimdienstes NSA ist von einem Gericht in Detroit für verfassungswidrig erklärt worden. Die zuständige Bundesrichterin forderte die Beendigung der Lauschangriffe, die die US-Regierung mit der Terror-Bekämpfung begründet hatte.
    Eine Bundesrichterin erklärt eine Handlung der Regierung für verfassungswidrig. Bundesrichter kennen wir in Deutschland in Gestalt der Richter in Karlsruhe. Diejenigen, die die Befugnis haben, etwas für verfassungswidrig zu erklären, sind die Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts. So ähnlich werden sich nicht wenige Leser das vorstellen, was jetzt in den USA entschieden worden ist.

    Und sich vielleicht nur leise darüber wundern, daß das in Detroit geschah. Nun ja, auch das Verfassungsgericht der Bundesrepublik ist ja in der Provinz beheimatet.



    Wäre es nicht schön, wenn die Agenturen in solch einem Fall ein paar erläuternde Zeilen der Meldung hinzufügen würden? Ein paar Informationen, die den Leser von diesen Sachverhalten unterrichten:

  • Die Bundesrichter (Federal Judges) in den USA haben nur den Namen mit den deutschen Bundesrichtern gemeinsam. Diesen Titel tragen alle Richter, die gemäß dem Artikel 3 der amerikanischen Verfassung die judicial Power of the United States ausüben.

    Dazu gehört der Supreme Court, aber auch, sagt die Verfassung, alle inferior Courts as the Congress may from time to time ordain and establish; also alle untergeordneten Instanzen, wie sie der Kongreß einrichtet.

    Genaueres legt die Verfassung nicht fest, außer daß die Richter an allen diesen Gerichten shall hold their Offices during good Behavior (also auf Lebenszeit, sofern sie sich nichts zuschulden kommen lassen), und daß sie shall (...) receive for their Services a Compensation which shall not be diminished during their Continuance in Office. Kein Richter sollte, so die weisen Verfassungsväter, fürchten müssen, daß man ihm bei mißliebigen Urteilen, wenn er schon nicht entlassen werden konnte, etwa eine Gehaltskürzung androhen würde.

  • Zu den Obliegenheiten der Bundesgerichte (Federal Courts), an denen diese Bundesrichter amtieren, gehört überwiegend die Entscheidung ganz normaler Rechtsfälle, nämlich:
    * cases in which the United States is a party;
    * cases involving violations of the U.S. Constitution or federal laws (under federal-question jurisdiction);
    * cases between citizens of different states if the amount in controversy exceeds $75,000 (under diversity jurisdiction); and
    * bankruptcy, copyright, patent, and maritime law cases.
    Also - und das ist charakteristisch für das Rechtssystem der USA - : Zu den vielen Streitfällen, in denen die Federal Courts tätig werden, gehören auch Verletzungen der Verfassung. Jeder Bürger soll sich, und zwar bereits bei der untersten Instanz, auf die Verfassung berufen können, wenn er sich in seinen Rechten beschränkt sieht.

  • Im jetzigen Fall handelt es sich also um ein erstinstanzliches Urteil, gefällt von einer Einzelrichterin. Diese Richterin, Anna Diggs Taylor, ist eines der 20 Mitglieder des Bundes-Bezirksgerichts für den östlichen Teil des Bundesstaats Michigan. Eine von vielen Federal Judges, die überall in den USA tätig werden, wenn ein Rechtsstreit ansteht, der in die die Jurisdiktion des Bundes fällt.
  • Gewiß ist das jetzige Urteil ärgerlich für die Bush-Administration; aber es ist zumindest vorerst folgenlos. Der Justizminister hat bereits angekündigt, daß er Berufung einlegen wird. Eine Anhörung wird am 7. September stattfinden. Mindestens bis dahin ist der Vollzug des Urteils ausgesetzt.



    So detailliert hätten das die Agenturen ja nicht melden müssen. Aber es wäre doch hilfreich gewesen, wenn die oben zitierte Meldung, sagen wir, so fortgesetzt worden wäre:
    ... Die zuständige Bundesrichterin des Distrikts östliches Michigan forderte die Beendigung der Lauschangriffe, die die US-Regierung mit der Terror-Bekämpfung begründet hatte. Bundesgerichte (Federal Courts) sind in den USA für alle Streitfälle zuständig, die Bundesgesetze betreffen. Es handelt sich um ein erstinstanzliches, nicht rechtskräftiges Urteil, gegen das das US-Justizministerium Berufung angekündigt hat.

    17. August 2006

    Eine deutsche Diskussion

    Günter Grass ist ein deutscher Schriftsteller. Vielleicht kann man sagen, ein deutscher Dichter. Er ist ein deutscher Träger des Nobelpreises für Literatur, nach Theodor Mommsen, Rudolf Christian Eucken, Paul Heyse, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse (damals, 1946, Schweizer Staatsbürger), Nelly Sachs (damals, 1966, schwedische Staatsbürgerin) und Heinrich Böll.

    Eine illustre Liste. Daß sie die bedeutendsten Schriftsteller deutscher Zunge des 20. Jahrhunderts umfaßt, wird man nicht sagen können. Kafka, Musil, Döblin, Benn, Brecht, Max Frisch, Paul Celan, Wolfgang Koeppen, Arno Schmidt, Adolf Muschg, W.G. Sebald und Martin Walser beispielsweise haben diesen Preis nicht bekommen.

    Wie auch immer - Grass ist durch den Nobelpreis als bedeutender Schriftsteller sozusagen zertifiziert.

    Dieser bedeutende deutsche Schriftsteller hat sich - so haben wir nun erfahren - im Alter von 15 Jahren freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, die aber, so sagt er es im Interview mit der FAZ, damals niemanden mehr genommen habe. Doch war er dadurch, so kann man vermuten, auf die Liste potentieller Freiwilliger geraten; und als 17jähriger wurde er, so sagt er, zur Waffen-SS einberufen, in der er als Angehöriger der zehnten SS-Panzerdivision "Frundsberg" diente.



    Also? Zehn Prozent aller deutscher Soldaten gehörten, so war es gestern zu erfahren, bei Kriegsende der Waffen-SS an. Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Grass sich als Soldat irgend etwas hat zuschuldenkommen lassen. Er hatte das Schicksal eines Deutschen seiner Generation, das ist alles.

    Nun hat aber dieses "Geständnis" (so die NZZ vom 14. August) einen Wirbel ausgelöst, der auf dem besten Weg ist, zum Hurrikan zu werden. Es wurde ja schon allen Ernstes gefordert, Grass nunmehr den Nobelpreis abzuerkennen, und die Ehrenbürgerschaft von Danzig. Das hat Walesa allerdings heute abend dementiert.



    Mich interessiert nicht im Geringsten, wie Grass' Verhalten zu bewerten ist - weder seine jugendliche Begeisterung, die ihn in die Waffen-SS gebracht hat; noch seine persönliche Entscheidung, über diesen Aspekt seiner Biographie lange zu schweigen und ihn jetzt mitzuteilen.

    Das war und ist seine Sache. Es geht mich nichts an; es geht niemanden außer ihm (und allenfalls seine engsten Freunde) etwas an.

    Ich kann das Verhalten von Grass weder besonders löblich noch besonders vorwerfbar finden. Ich habe ihn nie für einen auffällig moralischen Menschen gehalten und nie für einen ungewöhnlichen Heuchler. Was jetzt zutage getreten ist, entspricht meinem Bild von ihm: Einer, der mit dem Wort umgehen kann. Ansonsten ein Durchschnittsmensch, wie die meisten von uns. Ungewöhnlich allenfalls durch seine Doppelbegabung als schreibender und bildender Künstler.



    Die gegenwärtige Aufregung läßt mich also kalt. Genauer: Sie läßt mich kalt, was Grass und sein Handeln angeht. Sie interessiert mich aber schon, was die deutsche Gesellschaft und ihre Reaktion angeht.

    Was motiviert diese öffentliche Aufgeregtheit? Wie kommt es, daß eine Episode im Leben eines Mannes, der ja nicht wegen seiner Biographie, sondern wegen seiner litarischen Texte bekannt ist, zu einer so lebhaften, so affektgeladenen Diskussion führt?

    Was veranlaßt quer durch das Kulturleben Diese und Jene, uns mitzuteilen, was sie von Grass' Biographie halten, von seinem Umgang mit dieser Biographie?

    Und wie kommen eigentlich nahezu alle, die sich "zu Wort melden", dazu, sich eine klare Meinung pro oder contra zu bilden?

    Mit welchem Recht, auf welche Weise? Wie Mitglieder einer Jury, die zwischen "schuldig" und "nicht schuldig" zu entscheiden hat, so teilen sich die Literaturkritiker, die Historiker, die Literaten, die Journalisten usw., die ihre Meinung zu Papier oder zu Gehör bringen, in eine Fraktion, die Grass sein Schweigen ankreidet, und in eine Gegenfraktion, die dafür Verständnis äußert.

    Ist das nicht seltsam? Jedenfalls finde ich es erklärungsbedürftig.



    Erklärungsversuch eins: Die schärfsten Kritiker der Elche.

    Grass versteht sich als écrivain engagé. Wieweit das auf Eindrücke aus seiner Pariser Zeit zurückgeht, weiß ich nicht; vielleicht erfährt man etwas darüber in seiner Autobiographie. Jedenfalls gehört er zu denjenigen Schriftstellern, die sich nicht darauf beschränken wollen, gute Literatur zu produzieren, sondern die sich - warum auch immer - berufen, berechtigt und auch befähigt fühlten, ihre moralische Position und ihre politische Meinung öffentlich mitzuteilen.

    Nun erweist er sich selbst als moralisch anfechtbar. Und nun trifft ihn die Häme, die klammheimliche Freude von vielen, denen seine Moralisiererei immer auf die Nerven gegangen ist. Es ist eine ähnliche Reaktion wie die auf die Entlarvung Michel Friedmans, auch er ein unermüdlicher Moralist, als Liebhaber von Nutten und Rauschgift. (Es ist, denke ich, eine psychologisch ähnliche Reaktion; ansonsten liegen die beiden "Fälle" natürlich ganz verschieden).



    Erklärungsversuch zwei: Die Fallhöhe.

    Grass hat sich zunehmend in eine Rolle hinein entwickelt, die vor ihm in Deutschland eigentlich nur Gerhart Hauptmann innegehabt hatte (falls man nicht gleich bis zu Wieland und Goethe zurückgehen will): Die des Dichterfürsten, des Primus inter Pares. Er ist der Poeta Doctus. Er ist derjenige, der sich Fontane so nah fühlt, daß er ihm mit dem seltsam überkonstruierten Roman "Ein weites Feld" sozusagen auf den Leib zu rücken versuchte. Derjenige, der den Nobelpreis entgegennahm wie ein mittelalterlicher Fürst die Salbung durch den Papst, nachdem er von den Kurfürsten schon längst zum Kaiser bestimmt worden war.

    Und dieser über allen Schwebende fällt nun auf die Schnauze. Das ist tragisch, und es ist komisch. Jedenfalls regt es unsere Phantasie an. Und erklärt insofern, denke ich, dieses große öffentliche Interesse.



    Aber ich fürchte, mit diesen beiden einander ergänzenden psychologischen Erklärungen kommen wir nicht aus. Die Diskussion hat ja einen unüberhörbar politischen Unterton.

    Also, Erklärungsversuch drei: Diese Diskussion ist so etwas wie eine Ausfüllung des Schemas: Ihr Älteren seid alle Faschisten gewesen.

    Das war das Schema, das zu den Verbrechen der RAF geführt hatte (und das, fürchte ich, erhebliche Teile der Generation der um 1945 Geborenen zu mehr oder weniger klammheimlichen Sympathisanten dieser Verbrecher gemacht hat, wenn auch nur anfangs).

    Es ist das Schema, das die absurden Vorwürfe gegen Martin Walser, er sei ein Antisemit, hervorgebracht hat. Es ist das Schema, aufgrund dessen der große Journalist Werner Höfer zum Paria gestempelt wurde; unter kräftiger Mithilfe ausgerechnet des Senders, der ihm so viel zu verdanken gehabt hatte. Es ist ein Schema, von dem ich eigentlich gehofft hatte, daß es mit dem Generationswechsel allmählich verblaßt.

    Vielleicht tut es das ja. Vielleicht ist dieses Theater um nichts, dieses beaucoup de bruit pour une omelette, so etwas wie das Satyrspiel nach der Tragödie. Die Travestie der schlimmen und notwendigen Auseinandersetzungen, die es in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik mit denjenigen gegeben hat, die tatsächlich biographisch verstrickt gewesen sind in das verbrecherische Nazi-System.



    Das könnte nun mit dieser letzten, unfreiwillig komischen Variante "Grass war mit 17 Jahren in der Waffen-SS und hat es nicht gesagt" zu Ende gehen. Mit der Anwendung des Schemas auf einen harmlosen Fall - so offensichtlich harmlos, daß daran vielleicht evident wird, wie wenig brauchbar das Schema heute noch ist, mehr als sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

    Eine gleich intensive, gleich hartnäckige Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Kommunisten in der DDR steht uns allerdings noch bevor.

    Hoffentlich.

    15. August 2006

    Bilder aus Cuba

    Gestern Nacht habe ich im cubanischen Fernsehen (in Europa als Cubavision zu empfangen) die Abendnachrichten von 20 Uhr gesehen.

    Vorausgegangen war ein Bericht über das Leben Castros, der offensichtlich für den Fall seines Ablebens vorbereitet worden war; untermalt mit getragener Klaviermusik.

    In den Hauptnachrichten dann sah man Castro auf dem Krankenbett. Er lag und versuchte auch nicht, sich aufzurichten. Er sprach fast nicht oder konnte nicht sprechen. Es war das Bild eines Schwerkranken. Einmal schien er etwas zu schreiben.

    Die Kamera richtete sich kaum auf ihn; wenn, dann zeigte sie immer wieder seine gefalteten Hände in Großaufnahme.


    Es agierte sein Besuch: Bruder Raúl, der aber auch kaum etwas sagte, und Hugo Chávez.

    Auf diesen richtete sich die Kamera die meiste Zeit; er führte das Wort, erzählte, lachte, präsentierte Geschenke, darunter ein sehr eigenartiges Porträt von Castro. Es war ein Bericht über einen vitalen Chávez; mit einem nicht mehr zur Aktion fähigen Fidel Castro als sozusagen Teil der Staffage der Bühne, auf der Chávez agierte.

    Castro wurde so aufgenommen, als läge er schon auf dem Totenbett. Ich habe versucht, einige charakteristische Szenen zu fotografieren; leider ist die Bildqualität schlecht.






    14. August 2006

    Randbemerkung: Hormonstau

    Mal wieder die TAZ, mal wieder das, was sie unter Satire versteht. In der Ausgabe vom 12. August lesen wir:
    Bombe aus Beirut platzt am Bodensee
    Martin Walser wird neuer Hisbollah-Chef. Der Schriftsteller plant einen Karrieresprung von Überlingen in den Libanon

    BEIRUT/BERLIN taz Es war nur eine dürre Meldung, die der Nachrichtensprecher des Hisbollah-Senders al-Manar gestern um zwölf Uhr mittags verlas, aber sie schlug ein wie eine Bombe in Beirut und der übrigen Welt: "Und hier eine Nachricht von unserem geliebten Führer Scheich Sajjed Hassan Nasrallah: (...) soll der deutsche Schriftsteller Martin Walser meine Nachfolge antreten und neuer Führer unserer geliebten Hisbollah werden.'"
    Und so weiter. Nachdem der Autor, ein gewisser Michael Ringel (irgendwer hat ihn gar für wert befunden, in der deutschen Wikipedia einen längeren Artikel gewidmet zu bekommen), nachdem also Ringel die LeserIn mit diesem Fake geködert hat, geht es los mit dem, was die TAZ unter Satire versteht: Geschimpfe, Beleidigungen, dünne Witzchen unter der Generalabsolution, Satire dürfe ja alles. Die meisten Bierzeitungen von Abiturienten sind freilich witziger und intelligenter.

    Hier also dient die "Satire" dazu, Walser als "mittelmäßigen Romancier und Halbdenker" zu bezeichnen, Gerüchte über das zu streuen, was man angeblich im Rowohlt-Verlag über ihn denkt (aber nein, ist doch alles nur Satire, nicht wahr?) und dergleichen mehr unterzubringen, was der linke Spießer immer schon über Martin Walser gedacht hat. "Das Buch läuft nicht, die Hormone stauen sich" - hoho, wer schlägt sich nicht wiehernd auf die Schenkel bei solcher Meisterleistung der Satire?



    Dürftig also, miese Häme, nicht besser als die "Satire" gegen den polnischen Staatspräsidenten, mit der sich der oben verlinkte Blog befaßt hatte. Eigentlich keinen Kommentar wert.

    Doch, das ist schon einen Kommentar wert. Denn diese TAZ, die es richtig findet, so etwas zu publizieren, hat ja immer noch einen gewissen Ruf. Manche vergleichen sie gar mit der "Libération" oder dem "Independent".

    Ach nein. "Linke Bildzeitung" - zumindest was das Niveau angeht, trifft das viel besser. Freilich hätte ein "Bild"-Ressortleiter solch eine "Satire" an den Autor zurückgereicht; vielleicht mit der Frage, wo denn darin - oder auch was denn daran - der Witz sei.

    Der zuständige Ressortleiter bei der TAZ hatte da weniger hohe Ansprüche. Wer ist das eigentlich? Der Wikipedia-Artikel gibt Auskunft: Michael Ringel, der Autor des Artikels.