6. September 2010

Sarrazin und die Folgen. Haben wir in Deutschland noch eine Demokratie?

Noch nie hatte ZR so viele Besucher wie in diesen Tagen; in anderen politischen Blogs dürfte es nicht anders sein. Noch nie waren in Zettels kleinem Zimmer 85 Besucher zugleich anwesend gewesen; so am vergangenen Dienstag, auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Diskussion.

Noch nie auch habe ich innerhalb von zwei Wochen so viele Beiträge zum selben Thema - allerdings zu recht unterschiedlichen Aspekten - geschrieben (siehe Anhang); weitere Artikel werden folgen.

Die Diskussion über die Thesen Thilo Sarrazins bewegt unser Land wie keine politisch-gesellschaftliche Debatte seit der Wiedervereinigung. Und es ist die seltsamste Debatte, die jemals in der Bundesrepublik Deutschland geführt wurde.

Denn diese Debatte findet ganz überwiegend nicht in den Medien statt. Jedenfalls in der ersten Phase - beginnend mit dem Vorabdruck eines Ausschnitts aus Sarrazins Buch als Essay im "Spiegel" 34/2010 vom 23. August (siehe Thilo Sarrazin über Einwanderungspolitik; ZR vom 22. 8. 2010) - wurde dort überwiegend nicht debattiert, sondern agitiert.

Die Medien berichteten über eine Welle der Ablehnung von Sarrazins Thesen; ja der Empörung über sie (siehe Pawlow'sche Reflexe; ZR vom 25. 8. 2010). Sie berichteten darüber, und sie schaukelten selbst auf ihr, auf dieser Welle. Sie - die meisten deutschen Medien, ob Druckmedien oder TV - taten darüber hinaus alles, diese über Thilo Sarrazin hereinbrechende Welle der Entrüstung anwachsen zu lassen.

Der deprimierende, der beklemmende Höhepunkt war die Sendung "Beckmann" in der ARD heute vor einer Woche (siehe meinen Kurzkommentar vom Montag und Calimeros Besprechung vom Dienstag). Produziert vom NDR, das sollte man laut sagen; die Schande hat ja einen Urheber.

Das war kein Beitrag zu einer öffentlichen Debatte; sondern es war der Versuch, diese mittels eines Show-Tribunals in Gestalt einer Scheindiskussion abzuwürgen; einer "Gerichtssitzung", so die Schweizer "Weltwoche". Ein Tiefpunkt des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Eine Sendung, die totalitäre Züge trug.



Die Medien also boten ganz überwiegend nicht Debatte, sondern Empörtheit und Diffamierung; jedenfalls zunächst. Eine Diskussion fand aber doch statt; nur sozusagen nicht horizontal, sondern vertikal: Nicht innerhalb der Medien, die sich überwiegend verhielten, als seien sie von einem Ministerium gleichgeschaltet, sondern zwischen den Medien auf der einen Seite und einem großen Teil der Bevölkerung andererseits.

Wie können Medien und Bevölkerung miteinander diskutieren? Durch Anrufe, durch Mails, durch SMS, die an die Medien geschickt werden. Durch Online-Abstimmungen. Durch Eintragungen in Gästebücher; dergleichen. Eine einseitige "Diskussion" gewiß, mit wenig Antworten, aber immerhin.

Von diesen Reaktionen aus der Bevölkerung wurde das eine oder andere mitgeteilt.

Am Montag informierte der Moderator Beckmann gegen Ende seiner Sendung schmallippig darüber, daß die Mehrheit der Zuschauer, die sich geäußert hatten, Sarrazin zustimmten. Sagte es und zitierte überwiegend solche Stimmen von Zuschauern, die sich gegen Sarrazin äußerten.

Am Mittwoch teilte in der Sendung "Hart, aber fair" eine betrübt dreinblickende Redakteurin mit, daß auch dort eine große Mehrheit der Zuschauer, die sich zu Wort gemeldet hatten, Sarrazin zustimmten.

Nun sind solche Äußerungen freilich nicht repräsentativ. Wer anruft, wer an einer Online-Abstimmung teilnimmt, der ist politisch interessiert; der will seine Meinung zu Protokoll geben. Was denken die anderen Deutschen über Sarrazin, was denkt die, wie man so sagt, "schweigende Mehrheit"?

Sie werden es nicht glauben: Wir wissen es nicht. Zwei Wochen nach dem Erscheinen des "Spiegel"-Artikels, mit dem die Debatte begann, liegt immer noch keine einzige demoskopische Umfrage zur Reaktion auf Sarrazins Thesen vor. Oder sagen wir präziser: Es ist noch keine veröffentlicht. Was möglicherweise gefragt wurde, aber noch unter Verschluß gehalten wird, wissen wir nicht.

Am vergangenen Donnerstag, dem 2. September, sendete die ARD den "Deutschlandtrend". Die vollständigen Daten können Sie sich in dieser PDF-Datei ansehen.

Die Umfrage enthält in dieser schriftlichen Fassung keine einzige Frage zur Sarrazin-Debatte, die, als die Erhebung begann, seit einer Woche das Hauptthema der innenpolitischen Diskussion gewesen war. Bei Infratest dimap, das für den WDR den "Deutschlandtrend" erhebt, gibt es allerdings ein "September extra"; darin die Daten einer Erhebung am 2. September. Also eine Nachbefragung am Tag der Sendung. Ihr Ergebnis wurde in diese eingebaut.

Wurden dort die Befragten danach gefragt, ob Sie Sarrazin zustimmten oder vielmehr seinen Kritikern? Keineswegs. Es gab zwei Fragen. Zum einen wurde gefragt, ob es Sarrazin eher um "die Sache [ging], also die Probleme bei der Integration oder um persönliche Aufmerksamkeit für den besseren Verkauf seines Buches". Die andere Frage bezog sich darauf, ob Sarrazin nach seinen Äußerungen im Vorstand der Bundesbank "noch tragbar" sei.

Vor allem die zweite Frage ist tendenziös formuliert und verstößt damit gegen die Grundregeln der Demoskopie; eine neutrale Formulierung wäre beispielsweise gewesen, ob Sarrazin weiter im Vorstand der Bundesbank bleiben solle, oder ob man dafür sei, daß diese ihn entläßt.

Aber nicht das ist das Skandalöse, sondern daß die simpelste, die offensichtliche Frage nicht gestellt wurde; die Frage, die jedes seriöse demoskopische Institut gestellt hätte: Ob man eher Sarrazin oder eher seinen Kritikern zustimmt. Wie man das nach den handwerklichen Regeln der Profession hätte formulieren können, habe ich in Zettels kleinem Zimmer erläutert.

Warum hat man diese Frage nicht gestellt? In seinem Blog bei der Tagesschau schreibt der für den "Deutschlandtrend" zuständige Redakteur Jörg Schönenborn unter der mehrdeutigen Überschrift "Sarrazin - nicht zu fassen":
Kann man die Zustimmung zu Thilo Sarrazin mit repräsentativen Umfragen messen? (...)

Wonach sollen wir fragen? Wir merken schnell, die inhaltlichen Schwerpunkte verschieben sich ständig. Geht’s um Integration? Geht’s um die Vererbung von Intelligenz? Geht’s um genetische Veranlagung? Auf wenige Zeilen in einem Fragebogen reduziert, so mein Eindruck, lässt sich das kaum neutral formulieren. (...)

Dabei habe ich mich gegen inhaltliche Fragestellungen entschieden. Längst konzentriert sich die Debatte auf einen anderen Punkt: Kann jemand wie Thilo Sarrazin weiterhin Bundesbank-Vorstand bleiben? Die Bundesbank hat heute ja bei Bundespräsident Wulff seine Abberufung beantragt.
Windbeutelei. Natürlich weiß Schönenborn, daß sich die Debatte nach wie vor auf die Thesen Sarrazins "konzentriert". Und natürlich weiß er, daß es bei der Messung von Einstellungen keineswegs darum geht, nach einzelnen Punkten zu fragen.

Das tut Gallup nicht, wenn es allgemein nach der Zustimmung zur Amtsführung von Präsident Obama fragt. Das tun deutsche demoskopische Institute nicht, wenn sie nach der Beurteilung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage fragen, oder nach der Zufriedenheit mit der Bundesregierung. Erfaßt werden soll mit solchen Fragen eben gerade nicht die Beurteilung einzelner Sachverhalte, sondern die generelle momentane Einstellung.

Pauschal nach der Zufriedenheit mit der Bundesregierung fragt übrigens regelmäßig Infratest dimap, beauftragt von niemandem anderen als Jörg Schönenborn; zuständig für den "Deutschlandtrend" der ARD.

Diffamierende Kritik quer durch die Printmedien und die TV-Sender also. Dazu die Weigerung, die wahre öffentliche Meinung - nämlich die in der Bevölkerung - zu Sarrazin zu ermitteln, jedenfalls sie zu publizieren. Und dann ist da ja auch noch die persönliche Seite. Parallel zu der Agitation gegen sein Buch ging man gegen den Autor persönlich vor. Inzwischen hat bekanntlich die Bundesbank beim Bundespräsidenten die Entlassung ihres Vorstandsmitglieds Sarrazin beantragt. Inzwischen hat die Berliner SPD ein Verfahren eingeleitet mit dem Ziel, ihn aus der Partei zu werfen.

Inzwischen wurde die erste Lesung seiner geplanten Lesereise von der Buchhandlung Decius in Hildesheim aus Sicherheitsgründen abgesagt. Gegen eine für den 9. September in Potsdam vorgesehene Lesung gibt es Drohungen. Am vorgesehenen Veranstaltungsort wurde sie abgesagt. Sie soll nun an einem anderen Ort stattfinden.



Nimmt man das alles in den Blick, dann ist es nachvollziehbar, wenn viele Bürger sich fragen, ob wir denn noch in "einer Demokratie" leben.

Die Frage ist berechtigt, und die Antwort ist einfach: Ja, wir leben in einer Demokratie. Und mehr noch: Die Entwicklung der Sarrazin-Diskussion in den vergangenen Tagen läßt erkennen, wie vital diese Demokratie ist. Denn - so wird es zunehmend sichtbar - gegen die Meinung in der Bevölkerung kann das Kartell der Herrscher über die politischen Apparate und der Herren über die meisten Medien sich immer weniger behaupten.

Heute vor einer Woche bei Beckmann wurde Sarrazin vor ein Tribunal gestellt; wie oben beschrieben. Am Mittwoch bei Plasberg war immerhin schon ein Gast - Arnulf Baring - eingeladen worden, der ihm überwiegend zur Seite stand. Am Donnerstag bei Illner waren schon zwei Diskutanten mit von der Partie - Henryk M. Broder und Roger Köppel -, die für eine faire Diskussion mit und über Thilo Sarrazin eintraten. Ebenso bei Anne Will gestern, wo mit Necla Kelek sogar Sarrazins Laudatorin eingeladen worden war.

Das Klima ist längst nicht mehr so "giftig" (Roger Köppel bei Maybrit Illner) wie in der ersten Woche dieser Diskussion. Die Stimmung in der Bevölkerung findet ganz offensichtlich Widerhall in den Medien.

Auch in den gedruckten. Beispiele für differenzierte, die Meinungsfreiheit betonende und oft auch Sarrazin zustimmende Kommentare habe ich vorgestern hier zusammengestellt. Gestern ist in sueddeutsche.de eine Stellungnahme von Klaus von Dohnanyi (SPD; einst Minister im Kabinett Helmut Schmidt und Erster Bürgermeister von Hamburg) hinzugekommen; Titel "Feigheit vor dem Wort". Der letzte Absatz dieses bemerkenswerten Kommentars lautet:
Aus keiner europäischen Linkspartei würde Sarrazin wegen dieses Buches ausgeschlossen. Wenn die SPD ihn ausschließen will, stehe ich bereit, ihn vor der Schiedskommission zu verteidigen. Einen fairen Prozess wird es ja wohl noch geben. Das Wichtigste, sagte Willy Brandt in einer seiner letzten Reden, sei ihm immer die Freiheit gewesen. Er fügte hinzu: "Ohne Wenn und Aber."
Und die Parteien? Die SPD, deren Vorsitzender die Sprache des Autors Sarrazin "gewalttätig" genannt hatte? Die FDP, deren Voritzender Sarrazin unterstellt hatte, er leiste Rassismus und Antisemitismus Vorschub?

Auch die Politik beginnt nach zwei Wochen unverkennbar, auf die Stimmung in der Bevölkerung zu reagieren (aus der FDP allerdings ist davon noch nichts zu vernehmen; ausgerechnet aus der Partei der Freiheit nicht). Gestern in "Welt-Online":
Bayerns Innenminister Herrmann sagte ..., manche Thesen Sarrazins seien zwar unsäglich. Wo Probleme seien, müssten sie aber klar angesprochen werden. "Und die größten Probleme haben wir zweifellos bei einem Teil der Muslime aus der Türkei." (...)

Auch der Bürgermeister des Berliner Stadtbezirks Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), forderte im "Tagesspiegel" eine breite Debatte über Bildung und Integration. (...)

Merkel sagte der "Bild am Sonntag": (...) Die statistisch erhöhte Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher dürfe nicht tabuisiert werden. (...)

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte die Schaffung eines jährlichen Integrationsberichts. (...) Auf dieser Basis könnten dann politische Handlungspläne für einzelne Felder abgeleitet werden, wie etwa zur Verringerung der Zahl der Schulabbrecher oder zur Kriminalitätsbekämpfung.
Und Sarrazins Lesereise? Nachdem die erste Lesung abgesagt war und die zweite verlegt werden mußte, scheint es nun doch munter loszugehen. Dazu heute dpa, beispielsweise in der "Kölnischen Rundschau" unter der Überschrift "Der Ansturm ist unglaublich" zu lesen:
Im Münchner Literaturhaus steht das Telefon nicht mehr still. Die Diskussionsrunde mit Thilo Sarrazin am 29. September ist längst ausverkauft. "Der Ansturm ist unglaublich", sagt Sprecherin Marion Bösker. Viele wollten noch Karten, andere fürchteten, der Termin könnte abgesagt werden. "Das Publikum will keine Zensur. Die wollen über das reden, was sie bewegt." (...)

Ob München, Menden oder Sindelfingen, ob kleiner Buchladen oder große Online-Buchhandlung: Sarrazins Werk "Deutschland schafft sich ab" findet reißenden Absatz, die Veranstalter von Lesungen und Podiumsdiskussionen mit dem Bundesbanker werden regelrecht überrannt.



Nein, diese Sarrazin-Diskussion zeigt nicht, daß wir "keine Demokratie mehr haben". Sie zeigt, wie sich immer mehr abzeichnet, das Gegenteil. Wir haben eine sehr lebendige Demokratie.

Mit ihrer Arroganz und Selbstgerechtigkeit, mit dem Versuch, eine Meinungsdominanz der politischen Korrektheit auch hier durchzupauken, kommen die Mächtigen der Politik und großer Teile der Medien nicht durch. Sie müssen zurückrudern, weil die Bevölkerung es in ihrer Mehrheit so will. Diese Wochen seit dem 23. August könnten sich am Ende als eine Sternstunde der deutschen Demokratie erweisen.




Eine Liste der Artikel über die Sarrazin-Debatte, die bis zum 31. August in ZR erschienen waren, finden Sie hier. Inzwischen sind diese Artikel hinzugekommen:
  • Thilo Sarrazin gestern bei Beckmann, seziert mit Stoppuhr und Notizblock. Ein Gastbeitrag von Calimero; ZR vom 31. 8. 2010

  • Zitat des Tages: "Verhöhnung der berechtigten Unruhe in der Bevölkerung". Arnulf Baring gestern bei Plasberg; ZR vom 2. 9. 2010

  • Marginalie: Leseempfehlungen zu Sarrazin (erweiterte und aktualisierte Fassung); ZR vom 4. 9. 2010
  • Links zu allen Folgen der Serie "Sarrazin auf dem Prüfstand der Wissenschaft" finden Sie hier.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Die Frankfurter Paulskirche im Jahr 1848, als dort die erste deutsche Nationalversammlung tagte. Aquarell von Jean Nicolas Ventadour; Historisches Museum Frankfurt. In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist. Mit Dank an tekstballonetje und an Uwe Herzog.

    5. September 2010

    Marginalie: Zirkus und Sozialismus. Über das Gerechtigkeitsempfinden eines Sozialdemokraten und die Methoden von Tierschützern

    Ich liebe den Zirkus. Mag sein, daß das eine frühkindliche Prägung ist. Im Einerlei der Nachkriegszeit in einem abgelegenen Dorf war mein erstes Erlebnis einer bunten, einer ganz anderen Welt, daß ein Zirkus "gastierte".

    Er bestand aus einer Familie, die den Umstehenden (Sitze gab es natürlich nicht, geschweige denn ein Zelt) allerlei Akrobatisches vorführte; sowie zwei Zirkuspferden, die auch die Zugtiere des ganzen Ein-Wagen-Unternehmens waren. Wir hatten "Freikarten", weil meine Großmutter von dem Wenigen, was wir hatten, einer bettelnden Zirkus-Tochter etwas Zucker und Mehl gegeben hatte.

    Dieser Zirkus, so lächerlich ärmlich er aus heutiger Sicht erscheinen mag, war faszinierend für den vierjährigen Knirps. Ich habe in den Wochen danach nur Pferde gemalt, wild geschmückt in allen Farben, die meine Farbstifte hergaben.

    Nun gut, seitdem jedenfalls bin ich ein begeisterter Zirkusbesucher. Und lese beispielsweise CIRCUSWORLD samt dem dortigen Forum. Dort nun postete gestern ein Peter dies:
    04.09.2010, 11:55

    Die Stadt Bielefeld ist zu faul Freikarten an Minderbemittelte zu verteilen. Nun haben die empörten Vereine der Stadt dies übernommen.

    Mit circensischen Grüßen

    Peter
    Dem Post ist ein Link beigefügt, der zum Internet-Auftritt des Bielefelder Lokalblatts "Neue Westfälsiche" führt. Und tatsächlich, da steht es:
    Premiere im negativen Sinn für den Zirkus Krone in Bielefeld. Zum ersten Mal habe eine Stadt Freikarten abgelehnt, die der Zirkus an jedem Gastspielort für finanziell Bedürftige bereitstellt, sagt Krone-Sprecher Frank Keller. 1.100 Karten für Sozialbetreute, Heimkinder und Arme hatte Krone dem Oberbürgermeister angeboten.

    Das Päckchen mit den Karten hat Pit Clausen umgehend zurücksenden lassen – nebst Ehrenkarten für ihn selbst. Man sehe keine Möglichkeit einer "wirklich gerechten Verteilung" steht im Begleitschreiben der Stadt an den Zirkus.
    Wer ist dieser Pit Clausen?
    Pit Clausen (eigentlich Peter Clausen; * 12. Mai 1962 in Düsseldorf) ist ein deutscher Politiker (SPD). Am 30. August 2009 wurde er zum Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld gewählt, seine Amtszeit begann am 21. Oktober. (...) Pit Clausen tritt vor allem für Klimaschutz auf kommunaler Ebene, Ausbau der Betreuung von Kleinkindern, Ganztagsschulen und "gemeinsames Lernen" über das 4. Schuljahr hinaus ein.
    Also ein richtig guter Mensch, dem augenscheinlich vor allem soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt.

    Kein Wunder, daß er die 1.100 der Stadt vom Zirkus Krone zur Verfügung gestellten Freikarten zurückschicken lassen mußte, weil er "keine Möglichkeit einer 'wirklich gerechten Verteilung'" sah.

    Der Oberbürgermeister Pit Clausen samt der Stadtverwaltung, der er vorsteht, wollen lieber keinem einzigen armen Kind ihrer Stadt die Freude eines kostenlosen Zirkusbesuchs machen, als daß sie am Ende keine "wirklich gerechte Verteilung" hinbekommen.

    Wenn man nicht gerecht verteilen kann, dann bekommt eben niemand etwas. Die Gerechtigkeit besteht darin, daß es keinem besser gehen darf als irgendeinem anderen. Folglich allen gleich schlecht.

    Kann man sich eine bessere Illustration des Sozialismus vorstellen?



    À propos Zirkus Krone. Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Fanatiker und Zeloten, die von sich behaupten, sie seien Tierschützer, nehmen sich immer mehr den Zirkus zum Objekt ihres Eiferertums. Der Zirkus Krone ist davon besonders betroffen.

    Vor einem Jahr konnte man in der "Berliner Morgenpost" unter der Überschrift "Senatorin bereitet Zirkusverbot für Berlin vor" dies lesen:
    Wilde Tiere wie Elefanten und Löwen sollen künftig in Berlin nicht mehr in Zirkusarenen zu sehen sein. (...) Berlins Landestierschutzbeauftragter Klaus Lüdcke will allen Zirkussen mit Wildtieren Auftritte in der Stadt untersagen und hat sich dazu der Unterstützung von Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) versichert.
    Ebenfalls im September 2009 schrieb der Münchener Merkur in seinem Internetauftritt:
    Die Tierrechts-Organisation "Peta" will heute Unterlagen präsentieren, die nach eigener Aussage "systemimmanente Tierquälerei" bei Krone belegen. "Peta" kündigte an, Strafanzeige gegen den Traditionsbetrieb zu erstatten. Der Zirkus wehrt sich – und stellte seinerseits Strafanzeige gegen "Peta" – unter anderem wegen übler Nachrede.
    Auch dieses Jahr wird der Zirkus Krone wieder ins Visier genommen. Eine Tierrechtsinitiative Köln kündigt an:
    100 Jahre Zirkus Krone - 100 Jahre Tierquälerei !!!!!
    DA FEIERN WIR DOCH MIT!!!!

    Großdemo in Köln am 16.09 2010 zum Premierenabend!!! (...)

    Kommt bitte zahlreich,damit wir Zirkus Krone einen gebührenden Empfang bereiten können in Köln !! Zeigen wir dem Zirkus Krone,was wir von ihm und seiner Tierhaltung halten!!
    Zelotentum bemißt sich an der Zahl der Ausrufezeichen. Aber nicht nur daran. Auch diese Meldung findet man im selben Blog "BiteBack":
    Pressemitteilung

    Circus CARL BUSCH: Plakate entsorgt wegen Tierquälerei. Hiermit informieren wir darüber, dass in der Stadt Schorndorf eine Aktion gegen Circus CARL BUSCH stattgefunden hat.

    Wie Bite Back anonym mitgeteilt wurde, haben TierbefreierInnen in den vergangenen Tagen über 200 Werbeplakate zerstört, die das Gastieren des Zirkusses zwischen dem 26. und dem 30. August 2010 angekündigt haben.
    Da kann einem um den Zirkus schon ein wenig bange werden. Es gibt in Deutschland offenbar ein Potential an sicher gut gemeinter, aber intellektuell schlichter Empörtheit, das sich nun auch den Zirkus zum Ziel nimmt.



    Besteht zwischen dieser Anti-Zirkus-Bewegung und der Entscheidung des Oberbürgermeisters Pit Clausen ein Zusammenhang? Ich habe keine Ahnung. Ich will es nicht hoffen und gewiß nicht unterstellen.

    Allerdings: Wenn die Stadt Bielefeld schon aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit armen Kindern den kostenlosen Besuch des Zirkus Krone verweigern wollte - seine Ehrenkarte immerhin hätte Clausen eigentlich nicht zurückschicken müssen. Denn da gab es doch kein Problem einer gerechten Verteilung.

    Vielleicht schickt der Zirkus Krone ja dem OB die Ehrenkarte noch einmal. Und vielleicht geht dieser dann ostentativ in den Zirkus Krone, um sichtbar zu machen, daß er mit diesem Aktivisten-Zirkus gegen den Zirkus nichts zu tun haben will.



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    Sarrazin auf dem Prüfstand der Wissenschaft (3): Teilen alle Juden ein bestimmtes Gen? - Teil 1: Grundlagen der Populationsgenetik

    Alle Menschen sind miteinander verwandt. Alle jetzt lebenden Menschen und alle Menschen, die jemals gelebt haben, stammen ab von einem Paar von Hominiden (von Adam und Eva, wenn wir sie so nennen wollen), das in Ostafrika lebte.

    Wir Menschen bilden alle sozusagen eine einzige Großfamilie oder Sippe. Wie in jeder Großfamilie gibt es engere und weniger enge Verwandtschaftsverhältnisse. Geschwister sind enger verwandt als Vettern zweiten Grades; diese wieder enger als die Bewohner eines Dorfs, deren Vorfahren immer wieder untereinander geheiratet haben und die dadurch ein Geflecht von Verwandtschaftsbeziehungen bilden; und so fort.

    Was bedeutet "enger verwandt"? Es bedeutet, daß es eine größere genetische Übereinstimmung gibt; daß das Genom (die Gesamtheit der Gene) mehr Gemeinsamkeiten aufweist. Am größten ist diese genetische Übereinstimmung bei eineiigen Zwillingen.

    Die moderne Genetik verfügt über die technischen Möglichkeiten, den Grad genetischer Übereinstimmung schnell und mit geringem Aufwand zu bestimmen. Näheres können Sie zum Beispiel hier lesen (auf Englisch; der entsprechende Artikel in der deutschen Wikipedia hat leider einen Informationswert nahe null). Das erlaubt die Untersuchung von großen Populationen im Hinblick auf ihre genetische Ähnlichkeit.

    Was untersucht man, und wie geht man dabei vor? Warum macht man das überhaupt? Und gibt es eine genetische Ähnlichkeit zwischen Juden, die Thilo Sarrazins Aussage rechtfertigt: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden."?

    Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns wieder - wie im Fall von Sarrazins Aussagen zur Erblichkeit der Intelligenz - zunächst ein paar Grundlagen klarmachen, bevor ich im zweiten Teil die Frage beantworte, ob Sarrazin Recht hat.

    Lesen Sie bitte trotzdem weiter; sie werden sehen, daß man auch hier das Wesentliche ohne Fachchinesisch und ohne Vorkenntnisse leicht verstehen kann. Wenn Sie etwas tiefer in die Materie eindringen wollen, empfehle ich diesen gut lesbaren Text von E. G. Berger und T. Hennet, zwei Genetikern an der Universität Zürich.



    Chromosomen, DNA, Gene, Allele. Das menschliche Erbmaterial (Genom) besteht aus Strukturen auf verschiedenen Ebenen. Man kann sich diese Strukturebenen mit Hilfe des folgenden Vergleichs klarmachen:
  • In einer Bibliothek stehen 46 Bücher. Das entspricht den 46 menschlichen Chromosomen, die sich im Zellkern befinden und die zusammen das menschliche Genom ausmachen. Auf jedem Chromosom gibt es lange Abfolgen (Sequenzen) von DNA, einem komplexen Kettenmolekül. Sie können sich das wie einen Zwirnfaden vorstellen, der eng zusammengeknäult ist. Diese Kettenmoleküle sind dünn, aber sehr lang (die DNA eines Chromosoms ist ungefähr 1 - 10 Zentimeter lang; die Länge der DNA des gesamten menschlichen Genoms wird auf ungefähr 1,80 Meter geschätzt; und das untergebracht in einem Zellkern mit einem Durchmesser in der Größenordnung von 0,01 mm!).

    Hier sehen Sie schematisch ein Chromosom mit der in ihm wie in einem Knäuel aufgewickelten DNA (Die Zahlen beziehen sich auf Details, auf die ich jetzt nicht eingehe):


  • Die DNA gliedert sich in einzelne Abschnitte, die Gene. Deren Zahl ist für die einzelnen Chromosomen verschieden; sie liegt beim Menschen zwischen 400 und 3340 pro Chromosom. In unserer Analogie könnte man sagen: Jedes der Bücher hat eine andere Zahl von Seiten. (Es gibt auch Abschnitte der DNA, die keine Gene sind; siehe unten).

    Wieviele menschliche Gene gibt es insgesamt; wieviele Seiten umfaßt also, in der Analogie, die gesamte Bibliothek? So genau weiß man das noch nicht; jedenfalls ist die Zahl niedriger als der Wert von rund 100.000, der früher einmal vermutet wurde. Eine gegenwärtig oft zitierte Schätzung nennt etwas über 20.000; es könnten aber auch 30.000 oder 35.000 sein.

  • Auf jeder dieser "Buchseiten" befinden sich natürlich Buchstaben. Die "Buchstaben" des genetischen Alphabets sind nur vier an der Zahl: Die Basen Adenin, Guanin, Thymin und Cytosin. Die DNA in einem Chromosom enthält zwischen 48 Millionen und 250 Millionen dieser Basen; so groß ist also die Zahl der "Buchstaben" pro "Buch". Die gesamte "Bibliothek" umfaßt mehr als sechs Milliarden "Buchstaben".

  • Was meint man nun mit der "Entschlüsselung des menschlichen Genoms"? Man meint damit, daß für jedes Chromosom die Abfolge der Gene analysiert wird (Sequenzierung). In unserer Analogie bedeutet das, daß man wissen wollte - und es inzwischen weitgehend weiß - , welche Seiten jedes der 46 Bücher hat.

  • Man weiß damit aber noch nicht - und das ist ein wichtiger Punkt, wenn wir die Aussage Sarrazins auf den Prüfstand stellen - was genau auf jeder Seite steht. Das nämlich ist von Mensch zu Mensch verschieden. Mit anderen Worten: Jedes Gen existiert in unterschiedlichen Varianten, den Allelen. Es gibt beispielsweise ein Gen für die Augenfarbe. Je nachdem, als welches (dominierende) Allel es im Erbgut eines Menschen vorliegt, ist dessen Augenfarbe braun, blau oder vielleicht ein sanftes Grün.
  • Wenn Sie - beispielsweise im Zusammenhang mit der Aufklärung eines Verbrechens - von "DNA-Analyse" lesen, dann ist damit die Bestimmung dieser Besonderheit, dieser Einmaligkeit in der DNA eines Individuums gemeint. Allerdings werden zu diesem Zweck nicht die Gene herangezogen, sondern die "nichtkodierten" Teile der DNA, von denen angenommen wird, daß sie keine Erbinformation tragen. Ihre Funktion ist noch nicht klar.



    Populationsgenetik. Wir Menschen haben also (von Sonderfällen wie dem Down-Syndrom abgesehen) alle dieselben Chromosomen und Gene, aber in Form unterschiedlicher Allele. (Sie merken hier schon - um das vorwegzunehmen -, daß die Formulierung von Sarrazin so nicht richtig sein kann).

    Sie verstehen jetzt genauer, was gemeint ist, wenn man davon spricht, daß zwei Menschen einander "genetisch ähnlich sind": Sie haben in einem mehr oder weniger großen Umfang dieselben Allele. Ihr inviduelles Genom ist ähnlich zusammengesetzt. Eineiige Zwillinge haben bei allen Genen dieselben Allele; allerdings können diese aufgrund epigenetischer Unterschiede verschieden wirksam sein.

    Man kann also mittels einer DNA-Analyse das Vorliegen einer (im engeren Sinn) Verwandtschaft und auch den Grad der Verwandtschaft feststellen. Mitte der neunziger Jahre ging zum Beispiel durch die Presse, daß man eine - vermutliche - DNA-Probe des Findelkinds Kaspar Hauser aus dem 19. Jahrhundert untersucht und dabei herausgefunden hatte, daß dieser entgegen einer hartnäckigen Verschwörungstheorie kein entführter Sohn des Erzherzogs von Baden war.

    Die Populationsgenetik nun befaßt sich mit den Allelen in einer Population, ihrer Verteilung und deren Änderungen. Eine Population ist dabei eine mehr oder weniger große Gruppe von Individuen, die sich kreuzen können; beim Menschen würde man sagen: Die miteinander gemeinsam Kinder zeugen können.

    Man kann menschliche Populationen auf jeder Ebene betrachten - die Chinesen sind ebenso eine Population wie, sagen wir, die Einwohner von Amrum oder die Mitglieder irgendeiner Landkommune. Oder auch - darauf komme ich im zweiten Teil - die Juden.

    Wissenschaftlich besonders interessant ist die Populationsgenetik unter anderem deswegen, weil sie es erlaubt, die Wanderungsbewegungen unserer Vorfahren zu rekonstruieren, seit sie sich aus Afrika heraus ("out of Africa") aufmachten, die Welt zu besiedeln; vor vielleicht 60.000 Jahren.

    Denn je unähnlicher die Allele von zwei Populationen sind, um so früher müssen diese sich schon getrennt haben; sozusagen verschiedene genetische Wege gegangen sein (das Genographic Project untersucht das in großem Stil).

    Stellen Sie sich eine Schar von Wandersleuten vor, die gemeinsam "im Frühtau zu Berge" losziehen und sich im Lauf des Tages in immer kleinere Grüppchen auflösen, von denen jedes seine eigenen Wege geht. Wenn man am Abend nachsieht, wo jeder angekommen ist, wird man finden, daß zwei Wanderer im Schnitt umso weiter voneinander entfernt zu Abend essen und ihr müdes Haupt betten, je früher am Tag sich ihre Wege getrennt haben.

    Allerdings werden bei einer solchen genetischen Analyse von Wanderungsbewegungen nicht einfach Allele verglichen, sondern man konzentriert sich auf bestimmte "genetische Marker", die zum einen vom Vater an den Sohn weitergegeben werden (über das Y-Chromosom, das nur Männer haben), zum anderen nur von der Mutter an ihre Kinder (die mitochondriale DNA; mtDNA).

    Die Rekonstruktion der Wanderungsbewegungen stimmt erstaunlich gut mit den Ergebnissen der vergleichenden Linguistik überein: Je früher sich, abzulesen an den genetischen Markern, zwei Populationen getrennt haben, umso verschiedener sind in der Regel auch ihre Sprachen.

    Wie gesagt: Auch die Juden sind eine Population, die man in dieser Weise untersuchen kann. Was sich dabei ergeben hat und ob es Sarrazin Recht gibt, ist das Thema des zweiten Teils.



    Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette von der Autorin Nina unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Abbildung vom Autor Markus Manske unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 später, freigegeben. Mit Dank an Nepumuk.

    4. September 2010

    Zitat des Tages: "Der amerikanische Geist wird gebrochen". Wie Barack Obama zum "Mr. Unpopulär" wurde. Nebst einer Bemerkung über Liberale

    A sense of disappointment, bordering on betrayal, has been growing across the country (...). The fear most often expressed is that Obama is taking the country somewhere they don't want to go. "We bought what he said. He offered a lot of hope," says Fred Ferlic, an Obama voter and orthopedic surgeon in South Bend who has since soured on his choice.

    Ferlic talks about the messy compromises in health care reform, his sense of an inhospitable business climate and the growth of government spending under Obama. "He's trying to Europeanize us, and the Europeans are going the other way," continues Ferlic, a former Democratic campaign donor who plans to vote Republican this year. "The entire American spirit is being broken."


    (Ein Gefühl der Enttäuschung, nah an dem eines Verrats, wächst überall im Land (...). Am häufigsten wird die Befürchtung geäußert, daß Obama das Land in eine Richtung führt, in die es nicht geführt werden will. "Wir haben ihm abgekauft, was er sagte. Er machte uns große Hoffnungen", meint Fred Ferlic, ein Obama-Wähler und orthopädischer Chirurg in South Bend [einer Stadt in Indiana; Zettel], der inzwischen sauer über seine Wahlentscheidung ist.

    Ferlic spricht von den schmutzigen Kompromissen bei der Gesundheitsreform, seinem Eindruck von einem wirtschaftsfeindlichen Klima und den zunehmenden Staatsausgaben unter Obama. "Er versucht uns zu europäisieren, und die Europäer bewegen sich in die entgegengesetzte Richtung" fährt Ferlic fort. Er hat früher für den Wahlkampf der Demokraten gespendet und will diesmal die Republikaner wählen. "Der amerikanische Geist wird gebrochen".)
    Aus einem am Donnerstag publizierten Artikel in dem amerikanischen Nachrichtenmagazin Time mit der Überschrift "How Barack Obama became Mr. Unpopular", wie Barack Obama Mr. Unpopulär wurde.


    Kommentar: Obama hat den Amerikanern im Wahlkampf eine Mogelpackung verkauft. Er war und ist ein Linker; das zeigt sein Abstimmungsverhalten als Senator ebenso wie seine Biographie. Er hat es aber fertiggebracht, sich im Wahlkampf als ein Mann der Mitte zu präsentieren; als einer, der die Amerikaner zueinander führt.

    Die Amerikaner verstanden seinen Slogan "Yes we can" als einen Appell an die amerikanische Tugenden, sich anzustrengen und gemeinsam Neues anzupacken. Als ein Etikett für den Pioniergeist und die Innovationsfähigkeit, denen die USA ihren Aufstieg und ihren heutigen Reichtum verdanken.

    Obama meinte aber offenkundig etwas ganz Anderes. Er meinte mit "Yes we can", daß er selbst - erst einmal ins Amt gewählt - es können würde.

    Daß er es hinbekommen würde, die amerikanische Gesellschaft auf einen sozialdemokratischen Weg zu bringen; mit der braven Unterstützung seiner Landsleute, die ihm ihr Vertrauen geschenkt hatten. Ich habe das im vergangenen März im einzelnen ausgeführt (Aktuelle Umfrageergebnisse über die Stimmung der Amerikaner und die Beurteilung Obamas; ZR vom 11. 3. 2010).

    Nun ist es in einer Demokratie allerdings so, daß solche Irreführungen meist nicht lange halten. Zumal nicht in den USA, wo alle zwei Jahre auf nationaler Ebene gewählt wird. Bei Gallup haben - auch das kann man im Time Magazine lesen - die Republikaner derzeit einen Vorsprung von zehn Prozentpunkten vor den Demokraten; einen so hohen Abstand hat das Institut seit seiner Gründung noch nicht gemessen.



    Wie konnten sich die Amerikaner von Obama hereinlegen lassen? Weil er sie in einen kollektiven Rausch zu versetzen versuchte; weil er als Populist aufgetreten ist. Ich habe das damals in diesem Artikel satirisch und in diesem Artikel mit dem Versuch einer ernsthafteren Analyse kommentiert.

    In dem zweiten Artikel finden sie auch einen hellsichtigen Kommentar von Dennis Prager vom Januar 2008 zitiert, der Obama genau so einschätzte, wie er sich jetzt erwiesen hat.

    Aber die Amerikaner wollten solche Warnungen damals, im Jahr 2008, nicht hören; jedenfalls in ihrer Mehrheit nicht. Sie wollten sich berauschen lassen. Sie stellten sich einen neuen Kennedy vor. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt hatte Obama den höchsten Beliebtheitswert seit Kennedy zu diesem Zeitpunkt des Beginns einer Präsidentschaft.

    Und in Deutschland war es ja nicht anders. Meine damalige Kritik an Obama ist von vielen - auch Liberalen - vehement zurückgewiesen worden; und ein Blogger, der sich als liberal bezeichnet, hat sich sogar zu folgendem Kommentar zu meinen Artikeln und denen von anderen Liberalen verstiegen:
    Wenn ausgerechnet krypto-libertäre Middle-of-the-road-surrender-monkeys, mit denen man sonst das ganze Jahr über kein offenes Scheißhaus stürmen kann, sich jetzt auf einmal in einer Anti-Obama-Phalanx einträchtig zusammenfinden, um als Mitte-rechts-Staazis vor dem Etatismus eines Mitte-links-Staazis zu warnen sich anheischig zu machen, dann ist das nicht mehr gaga, sondern schon gagissima! Man darf gespannt sein, welcher häßliche rassistische Aussatz zum Vorschein kommt, wenn die bürgerlichen Charaktermasken beim neoliberal-kulturkonservativen Veitstanz mal verrutschen.
    Nun ja, da übte jemand noch das Schreiben. Es wäre jedenfalls interessant, zu erfahren, was Liberale, die damals die Kritiker Obamas so - wenn auch in einer weniger hyperventilierenden Sprache - charakterisiert haben, heute zu diesem Präsidenten meinen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Gorgasal.

    Marginalie: Leseempfehlungen zu Sarrazin (erweiterte und aktualisierte Fassung)

    Aus dem Geschwurbel und von Kenntnissen freien Gerede über einen Autor, dessen Buch man erkennbar nicht gelesen, jedenfalls nicht verstanden hat; aus allem diesem "krude" und "dumpf" und "wirr", das allenfalls zur Selbstkennzeichnung der betreffenden Politiker und Journalisten taugen mag, ragen einige Texte heraus. Dokumente der Vernunft in einer Diskussion, die ansonsten von dem beherrscht wird, was man neudeutsch Bauchgefühl nennt.

    Erstens und auch zuvorderst möchte ich auf einen Artikel hinweisen, der zwar schon einige Tage zurückliegt, der aber mit seiner kühlen Analyse unbedingt Ihre Aufmerksamkeit verdient: Raysons fünf Thesen zu Sarrazin in B.L.O.G. Besonders gut hat mir die dritte These gefallen:
    Wer auch immer die einzig wahre Ursache gefunden zu haben meint, seien es die genetische Ausstattung, die religiöse Ausrichtung, die Einkommens- und Vermögensverteilung, der Besitz oder Nichtbesitz an Produktionsmitteln oder sonstwas, hat in Wirklichkeit nichts gefunden.
    So ist es; eine Kritik an Sarrazin ist es nicht.



    Sodann will ich Sie auf drei Artikel in der FAZ aufmerksam machen; in der Zeitung, die (siehe meine kürzliche Kennzeichnung) immer noch ein Lichtblick in der deutschen Presselandschaft ist.

    Dort beschrieb in der Ausgabe vom Freitag Berthold Kohler kurz und knackig das Dilemma der SPD, die einerseits gern die Stimmen von eingebürgerten Türken ergattern möchte, die andererseits aber mit diesem Anbiedern Gefahr läuft, angestammte Wähler zu verlieren.

    Die Aufgeregtheit in der SPD ist - dies mein Kommentar dazu - in der Tat künstlich und taktischer Art; nur noch übertroffen von der schrillen Quakerei der Renate Künast, die gern im selben Stimmen-Pool baden möchte, um Regierende von Berlin zu werden. Wahltaktik im Gewand einer bigotten Besorgnis.

    Von Kohler erscheint in der Wochenendausgabe der FAZ (zuvor schon im Internet zu lesen) ein weiterer Text zum Thema, in dem er ähnlich argumentiert wie ich am Donnerstag in diesem Artikel. Kohler:
    Weil Sarrazin, von einer Woge der Unterstützung aus dem breiten Volk getragen, seinen hohen Richtern nicht den Gefallen tun und sich selbst als Problem aus der Welt schaffen wollte, haben jetzt auch diese eines mehr. Als Märtyrer der Meinungsfreiheit und Kronzeuge der Anklage breiter Bevölkerungsschichten wird Sarrazin sie noch lange verfolgen. (...)

    Wenn die "Volksparteien" die von Sarrazin aufgegriffenen Sorgen und Ängste nicht schnell ernstnehmen, werden die sich andere Fürsprecher suchen, deren Mäuler sich nicht mit einem Antrag beim Bundespräsidenten stopfen lassen.
    Am Freitag stand in der FAZ des weiteren ein Kommentar des Mitherausgebers Günter Nonnenmacher.

    Er enthält zwar viel Vorwitziges über Sarrazin ("... dass Sarrazin sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse beruft, die er nur halb, teilweise auch gar nicht verstanden hat und aus denen er unhaltbare Schlussfolgerungen zieht". Das traut sich der studierte Philosoph und Historiker Nonnenmacher zu beurteilen?). Aber im Kern hat Nonnenmacher doch Vernünftiges zu sagen, in Gestalt nämlich einer Zustimmung zu Sarrazins, wie Nonnenmacher es treffend formuliert, "Zustandsbeschreibung von Sozialstaatsmissbrauch und Integrationsverweigerung".

    Immerhin. Man wird ja bescheiden.

    Ein Stück mehr Freude hat mir die Lektüre von drei weiteren Artikeln gemacht; und hier ist meine Leseempfehlung auch dringlicher.



    Im "Hamburger Abendblatt" hat schon am Mittwoch Armgard Seegers (Redakteurin im Ressort Kultur; sie war übrigens einmal als Hamburger Kultursenatorin im Gespräch) die Kampagne gegen Sarrazin in den Kontext unserer deutschen Verbotskultur gestellt:
    Die Empörung war deshalb so groß, weil Sarrazin es gewagt hatte, unliebsame Äußerungen gegen muslimische Ausländer zu machen. So etwas darf man nicht in Deutschland. Denn das, was man sagen und nicht sagen darf, ist fest in der Hand der Diskurswächter, darüber gibt es bei uns inoffizielle Regeln.

    Als Frau beispielsweise darf man etwas gegen Männer sagen. Ganze Shows, Partys und Abendunterhaltungen leben davon. Umgekehrt geht das nicht. Es gibt andere Bevölkerungsgruppen, die man nur im Zusammenhang mit Beiwörtern wie ausgegrenzt, bildungsfern oder chancenlos anwenden darf: Hartz-IV-Empfänger etwa, Homosexuelle oder Ausländer, die stets Migranten heißen sollen. Es herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, was, wann und wie gesagt werden darf.
    Ein allgemeiner Konsens freilich - möchte ich hinzufügen -, der nicht derjenige einer Mehrheit der Bevölkerung ist, sondern der von einer kleinen, freilich mächtigen Minderheit formuliert, gepflegt und - siehe Sarrazins Entlassung - mit allen zur Verfügung stehenden Sanktionen ohne Skrupel durchgesetzt wird.

    Von einer Minderheit, von der die meisten sich als "linksliberal" sehen dürften; deren zum Totalitarismus neigendes Denken aber dem Liberalismus ungefähr so ähnlich ist, wie Albert Einstein einem Sumō-Ringer ähnelte.

    Zu dieser Meinungsdominanz gehört es auch, daß mit zweierlei Maß gemessen wird, was Urteile über "Bevölkerungsgruppen" angeht. Seegers:
    Ungerüffelt sagen darf man hingegen etwas über "die Amerikaner", "die Israelis" und "die Banker". "Die Franzosen" darf man beschimpfen, wenn sie Roma (früher Zigeuner) rauswerfen. Und "die Industrie" und "die Energiewirtschaft" sind von vornherein ganz schlecht. "Die Bahn" ist auf dem besten Weg dorthin. Ansonsten, und das ist vielleicht der größte Fehler, den Thilo Sarrazin gemacht hat, darf man niemals pauschalisieren. Kollektive Zuschreibungen sind Tabu.
    Aber lesen Sie diesen hellsichtigen, liberalen und auch gut geschriebenen Artikel selbst. Es lohnt sich.



    Dasselbe gilt für den Artikel von Cora Stephan in "Die Achse des Guten". Sie nimmt die Wissenschaftsfeindlichkeit aufs Korn, die ja in der Tat ein wesentlicher Aspekt dieser gespenstischen Sarrazin-Diskussion ist:
    Nun, wer in den letzten Tagen ferngesehen hat, ... hat ein Land erlebt, in dem der Ökonom Thilo Sarrazin von der Politikerin Renate Künast als "menschlich schäbig" und "gefühlskalt" beschimpft wurde, weil er sich auf Zahlen und Statistiken bezieht. In dem eine deutschtürkische Landesministerin aus Niedersachsen, die der Presse "kultursensible Sprache" gegenüber türkischen Migranten verordnen wollte, stolz verkündet, „"sie brauche keine Statistiken und Analysen", da sie die "Migranten ja kenne".

    Ob bei Beckmann, ob bei Plasberg: es triumphierten die Menschlichkeit und das Leben über das statistische Teufelszeug, das "Menschen auf Zahlen" reduziere.
    Cora Stephans Text ist zunächst im "Politischen Feuilleton" von Deutschlandradio Kultur publiziert worden; Sie können ihn sich dort auch anhören. Außerdem finden Sie ihn im Blog von Cora Stephan, den ich sehr empfehlen kann.

    Wie ich übrigens auch das "Politische Feuilleton" wärmstens empfehlen möchte; werktags immer um 7.20 Uhr am Morgen (siehe dazu "Konservative und Nazis haben so viel gemeinsam wie das Flötenkonzert von Sanssouci mit dem Horst-Wessel-Lied"; ZR vom 30. 6. 2009). Ein Hort der Meinungsfreiheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Eine bunt blühende Oase in der trostlosen Wüstenei politischer Korrektheit.



    Und dann möchte ich Ihnen noch ein Schmankerl aus der Netzwelt nein, nicht ans Herz legen, sondern Ihrem kritischen Verstand anempfehlen: Den Artikel "Er hat Gen gesagt!" im Blog von Califax "The Outside of the Asylum". Califax weist auf das Seltsame, ja Komische einer Diskussion hin, in der kaum jemand das kennt, worüber er diskutiert:
    Aber keiner weiß, was der da geschrieben hat! Niemand weiß, worum es eigentlich geht! Und das ist zum Schreien komisch.

    Weil niemand das Buch in der kurzen Zeit, und schon gar nicht vor seiner Veröffentlichung, lesen und verstehen konnte. Und jetzt ist es zu spät. Man hat sich positioniert. Jetzt kann keiner mehr zugeben, daß da vielleicht etwas ganz anderes drinsteht, als man blind vor Borniertheit und Ideologie drauflosgeraten hat. Weder seine Freunde noch seine Feinde sind jetzt noch in der Lage, sein Buch zu lesen und dann über den Inhalt zu reden. Entweder zum Thema informieren oder drüber reden. Da haben wir die zentrale Anforderung an den deutschen Politikexperten in Reinstform.

    Selten wurde deutsche Politik so treffend und so absurd karikiert wie in diesem Skandal. Und selten war das Theater so haarsträubend komisch.
    So ist es. Freilich kann ich mich an dieser Komik nur begrenzt erfreuen. Es ist die Komik, die auch in einem Tollhaus anzutreffen ist.



    Und wie ist eigentlich die Reaktion im Ausland? Weitaus gelassener als in den meisten deutschen Medien.

    So hieß es am Mittwoch im britisch-amerikanischen Nachrichtenmagazin The Economist über Sarrazin:
    In a way, the stir he has created is a tribute to Germany’s political culture. The mainstream parties are not blind to the problems he identifies but strive to be politically correct about them. The few openly xenophobic parties are marginalised. Mr Sarrazin has given voice to fears and resentments that have no political outlets.

    In gewisser Weise ist die Aufruhr, die er bewirkt hat, der politischen Kultur Deutschlands geschuldet. Die etablierten Parteien sind nicht blind für die Probleme, die er beim Namen nennt; aber sie unternehmen Anstrengungen, in Bezug auf sie politisch korrekt zu sein. Die wenigen offen fremdenfeindlichen Parteien sind ausgegrenzt. Sarrazin hat den Befürchtungen und der Unmut eine Stimme verliehen, die sich politisch nicht artikulieren können.
    In der New York Times schrieb deren Berliner Korrespondent Michael Slackman am Freitag:
    But the banker, Thilo Sarrazin, an executive with the central bank and a former Berlin finance minister, has not emerged as the marginalized hate-monger that the initial condemnation suggested. (...) Mr. Sarrazin has set off a painful public discussion here that highlights one of the nation’s most vexing challenges: how to overcome what is widely seen as a failed immigration policy that over decades has done little to support and integrate the nearly 20 percent of the population with an immigrant background.

    Aber der Banker, Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der Bundesbank und früherer Finanzsenator in Berlin, hat sich nicht als der ausgegrenzte Haßprediger erwiesen, als der er in den anfänglichen Verdammungsurteilen hingestellt wurde. (...) Sarrazin hat hier eine schmerzliche öffentliche Diskussion ausgelöst, die eine der irritierendsten Herausforderungen an die Nation ins Scheinwerferlicht rückt: Wie man mit dem fertig wird, was weithin als eine gescheiterte Einwanderungspolitik gesehen wird, die über Jahrzehnte wenig dafür getan hat, die fast 20 Prozent der Bevölkerung mit einem Migrationshintergrund zu fördern und zu integrieren.
    Ebenfalls am Freitag formulierte es Frédéric Lemaître in der führenden französischen Tageszeitung Le Monde so:
    Alors que le SPD a entamé une procédure d'exclusion de cet adhérent encombrant, la direction admet que la démarche n'est pas facile car une partie de la base soutient l'économiste.

    Du coup, la plupart des commentateurs sont partagés entre condamner les propos de M. Sarrazin, qui schématise à l'excès les termes du débat (en opposant "eux" les immigrés et/ou les musulmans et "nous" les Allemands) ou, au contraire, s'appuyer sur ces propos pour crever l'abcès et essayer d'améliorer l'intégration des immigrés qui, si elle est loin d'être idyllique, semble, malgré tout, moins conflictuelle que dans d'autres pays européens.

    Zwar hat die SPD gegen dieses störende Mitglied ein Ausschlußverfahren eingeleitet, aber deren Führung räumt ein, daß dieses Vorgehen nicht leicht ist, denn ein Teil der Basis steht zu dem Volkswirtschaftler.

    Also sind die meisten Kommentatoren gespalten, ob sie die Thesen Sarrazins verurteilen sollen, der die Elemente der Debatte bis zum Extrem vereinfacht (indem er "die", die Einwanderer und/oder die Moslems, "uns", den Deutschen, gegenüberstellt); oder ob sie sich im Gegenteil auf seine Worte stützen sollen, um das Geschwür zu schneiden und die Integration der Einwanderer zu verbessern, die - fern davon, idyllisch zu sein - doch trotz allem weniger konfliktgeladen ist als in anderen Ländern Europas.
    Dazu könnte man anmerken, daß das Thema Integration in Deutschland vielleicht deswegen weniger konfliktgeladen als anderswo erscheint, weil man die Konflikte bisher unter den Teppich gekehrt hat.

    Weil man den Geist in der Flasche gehalten hat, den Pfropfen fest verschlossen. Jetzt ist, so scheint es nach fast zwei Wochen Diskussion, der Geist entwichen; und zurück in die Flasche wird man ihn möglicherweise nicht mehr bekommen.




    Dieser Artikel erschien zunächst gestern in einer kürzeren Fassung. Ich habe ihn jetzt aktualisiert und erweitert; und zwar vor allem aufgrund der Hinweise von Diskus, Reader und ganz besonders Kallias, denen ich herzlich danke.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Calimero.

    3. September 2010

    Kurioses, kurz kommentiert: Frank Plasberg über Klimamodelle

    In seiner Sendung "Hart aber fair" am vergangenen Mittwoch, die ich hier kommentiert habe, sagte Frank Plasberg dies:
    Danke, daß Sie das geklärt haben, daß das eine Modellrechnung ist und nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.
    Natürlich habe ich in der Überschrift ein wenig geschummelt. Plasberg meinte die Modellrechnungen Thilo Sarrazins zur demographischen Entwicklung in Deutschland.

    Aber auch Klimamodelle sind ja Modellrechnungen; sie sind, wie die Wikipedia es formuliert, "Klimaszenarien und nicht ... Klimavorhersagen". Ganz genau so wie die Modellrechnungen von Sarrazin.

    Nur hört man über Klimamodelle selten, daß sie "nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben". Kurios, nicht wahr? Und nachdenkenswert.



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    2. September 2010

    Sarrazin auf dem Prüfstand der Wissenschaft (2): Ist Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent vererbbar? - Teil 2: Die Ergebnisse der Verhaltensgenetik

    Im ersten Teil ging es um Grundlagen der Forschung zur Intelligenz: Was ist Intelligenz? Wie kann man sie messen? Falls Sie diesen Artikel noch nicht gelesen haben, wäre es hilfreich, das jetzt zu tun, weil ich nun auf ihm aufbaue. Das Thema ist jetzt, wie es nach dem aktuellen Stand der Forschung mit der Erblichkeit der Intelligenz bestellt ist.

    Wie kann man herausfinden, ob und ggf. in welchem Umfang Intelligenz erblich ist? Um das zu verstehen, müssen wir uns kurz mit dem Begriff der Varianz befassen.


    Aufklärung von Varianz. Als ich im ersten Teil die Definition des IQ erläutert habe, gab es einen Link zur "Gauss'schen Glockenkurve", wie man sie umgangssprachlich gern nennt, also der Normalverteilung. Ein wesentliches Merkmal einer Normalverteilung ist ihre Varianz. Sie können sich das als ein Maß dafür vorstellen, wie schlank oder wie flach die Kurve ist. Hier sehen Sie einige Normalverteilungen mit unterschiedlicher Varianz:


    Das Maß für die jeweilige Varianz σ2 ist rechts oben angegeben. Die rote Kurve zeigt eine geringe, die blaue eine große Varianz.

    Wo kommt unterschiedlich große Varianz her? Nehmen wir als Beispiel die Körpergröße der Europäer und stellen wir uns vor, wir hätten sie für jeden lebenden erwachsenen Europäer zur Verfügung und würden sie als Verteilung darstellen.

    Dann ergäbe sich vermutlich eine flache Verteilung, also eine Verteilung mit einer großen Varianz; sagen wir, wie in der blauen Kurve.

    Warum diese große Varianz? Jemand könnte zum Beispiel vermuten, weil in dieser Gesamtheit sowohl Nordeuropäer als auch Südeuropäer sind; weil sie Frauen und Männer umfaßt, Junge und Alte.

    Um diese Vermutung zu prüfen, trennt er die Daten und zeichnet einzelne Verteilungen, beispielsweise jeweils für Nord- und für Südeuropäer. Wenn seine Vermutung stimmt, dann sollte in diesen beiden neuen Verteilungen die Varianz geringer sein als für die Gesamtheit der Daten; vielleicht so, wie es die grüne Kurve zeigt.

    Er hat die Varianz durch die Aufteilung reduziert; er hat einen Teil der ursprünglichen Varianz, wie man sagt, "aufgeklärt". Man kann auch sagen: Die Herkunft aus Nord- oder Südeuropa ist verantwortlich für einen Teil der ursprünglichen Varianz, "it accounts for it" sagt man im Englischen. Wenn statistische Signifikanz erreicht wird, dann kann man den Schluß ziehen: Nord- und Südeuropäer unterscheiden sich in ihrer Körpergröße.

    Ebenso kann man es mit den anderen vermuteten Faktoren machen. Sind auch sie "Varianzquellen"? Dann sollte die Kurve noch schlanker werden, wenn man nicht nur nach Herkunft, sondern auch nach Geschlecht aufteilt; vielleicht auch noch nach Alter, denn die jüngeren Jahrgänge sind im Schnitt größer gewachsen als die Älteren.

    Wenn man dann beispielsweise nur noch die Verteilung für männliche Nordeuropäer im Alter von 20 bis 30 Jahren betrachtet, dann wäre die Verteilung vielleicht so schlank wie die rote Kurve. Wir hätten dann einen großen Teil der Varianz aufgeklärt.

    Je nachdem, wie stark die Varianz reduziert wird, wenn wir den einen oder den anderen Faktor berücksichtigen, können wir sagen, daß dieser Faktor soundsoviel Prozent der Varianz aufklärt. Je mehr Prozent er aufklärt, umso "stärker" wirkt dieser Faktor.

    Wir haben damit - und damit zurück zum Thema! - das gemacht, was die Intelligenzforschung macht, wenn sie die Erblichkeit der Intelligenz untersucht. Ein Ergebnis könnte zum Beispiel sein, daß die Gene für ungefähr fünfzig bis achtzig Prozent der Varianz der Intelligenz verantwortlich sind; diese gemessen als IQ.

    Sie verstehen jetzt, was mit einer solchen Aussage gemeint ist. Und Sie verstehen, worauf sich Thilo Sarrazin bezog, als er etwas unscharf sagte, daß "fünfzig bis achtzig Prozent der Intelligenz vererbbar" seien.

    Aber stimmt das überhaupt? Und wie kann man das entscheiden? Die moderne Forschung - die Verhaltensgenetik (behavioral genetics) - hat in den vergangenen Jahrzehnten auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht.



    Die Zwillingsmethode. Um zu wissen, ob die Herkunft aus Nord- oder Südeuropa einen Teil der Varianz in der Körpergröße der Europäer aufklärt, brauchten wir nur unsere Gesamtheit in diese beiden Teilmengen aufzuteilen.

    Könnten wir nicht bei der Frage der Erblichkeit der Intelligenz ebenso verfahren? Wir messen die Intelligenz von Kindern und bilden zwei Gruppen; eine mit Eltern, deren gemessene Intelligenz hoch ist, und eine Gruppe mit Eltern von niedriger Intelligenz. Wenn sich dann die Varianz reduziert, wie in unserem Beispiel der Körpergröße, wüßten wir dann nicht, daß Intelligenz erblich ist?

    Leider nein. Denn Kinder intelligenter Eltern wachsen in der Regel auch in einer günstigeren Umgebung auf als Kinder weniger intelligenter Eltern. Man sagt, der genetische Faktor und der Umweltfaktor sind "miteinander korreliert". Wenn wir einen Unterschied zwischen unseren beiden Gruppen finden - so, wie in dem Beispiel zwischen Nord- und Südeuropäern -, dann mag das an den Genen liegen oder an der Umwelt, oder an beidem. Wir können es nicht sagen.

    Also muß man die beiden Faktoren irgendwie trennen. Am besten ist es, wenn man einen davon konstant halten kann, um zu sehen, wie sich dann der andere auswirkt. Im Prinzip kann man das auf zwei einander ergänzende Weisen tun:
  • Adoptivkinder sind ihren Adoptiveltern genetisch nicht ähnlicher als beliebigen anderen Personen. Wenn ihre Intelligenz dennoch davon abhängt, in welchem Elternhaus sie aufwachsen, dann zeigt das einen Einfluß der Umwelt.

  • Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge (die im wesentlichen genetisch identisch sind) wachsen ebenso in verschiedenen Umwelten auf wie beliebige andere Kinder. Wenn sie einander in ihrer Intelligenz dennoch ähnlicher sind als diese, dann zeigt das einen Einfluß der Vererbung.
  • Das ist eine stringente Logik. Allerdings sind bei ihrer Umsetzung in der Forschung zahlreiche Schwierigkeiten zu überwinden. Man muß da sehr sorgsam vorgehen und alle Einwände berücksichtigen.

    Könnte es beispielsweise nicht sein, daß getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge doch gewisse gemeinsame Erfahrungen gemacht haben, bevor man sie trennte; vielleicht gar schon im Mutterleib? Ein triftiger Einwand, dem man aber begegnen kann, wenn man getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge mit getrennt aufgewachsenen zweieiigen Zwillingen vergleicht, die im Schnitt nur 50 Prozent ihres Erbguts gemeinsam haben.

    In beiden Fällen kann es gemeinsame Erfahrungen vor der Trennung geben. Sind die eineiigen Zwillinge in ihrer Intelligenz einander dennoch ähnlicher - wird also mehr Varianz durch ihre Verwandtschaft aufgeklärt als bei zweieiigen Zwillingen -, dann spricht das für Erblichkeit der Intelligenz.

    Derartige Untersuchungen sind in den vergangenen Jahrzehnten in großem Umfang und in verschiedenen Ländern durchgeführt worden. Die Ergebnisse stehen in bemerkenswert gutem Einklang miteinander: Erbanlagen sind für mindestens knapp fünfzig Prozent der Varianz der Intelligenz verantwortlich, wahrscheinlich für noch mehr.

    Man spricht in dieser Forschung von Erblichkeit (heritability), wobei eine Erblichkeit von 1,0 vorliegen würde, wenn die genetischen Anlagen 100 Prozent der Varianz aufklären würden; einer Erblichkeit von 0,0 würde der Fall entsprechen, daß die Anlagen überhaupt nicht zur Intelligenz beitragen.

    Die internationale Wikipedia (und bei solchen Themen ist sie stets der deutschen vorzuziehen) faßt den Stand der Forschung so zusammen:
    Estimates in the academic research of the heritability of IQ have varied from below 0.5 to a high of 0.9. A 1996 statement by the American Psychological Association gave about .45 for children and about .75 during and after adolescence. A 2004 meta-analysis of reports in Current Directions in Psychological Science gave an overall estimate of around .85 for 18-year-olds and older.

    In der wissenschaftlichen Forschung variieren die Schätzungen der Erblichkeit des IQ von unter 0,5 bis 0,9. Eine Erklärung der amerikanischen Psychologengesellschaft (American Psychological Association) aus dem Jahr 1996 nannte ungefähr 0,45 für Kinder und ungefähr 0,75 für Erwachsene während und nach der Adoleszenz. Eine Metaanalyse [zusammenfassende nachträgliche Analyse; Zettel] von Artikeln, die 2004 in Current Directions in Psychological Science erschien, gab einen allgemeinen Schätzwert von um 0,85 für Personen ab 18 Jahren an.



    Wie man sieht, stimmen diese Zahlen sehr gut mit dem überein, was Thilo Sarrazin geschrieben und gesagt hat. Er hat sich lediglich etwas laienhaft ausgedrückt, wenn er statt von Varianzanteilen davon sprach, daß die Intelligenz "zu 50 bis 80 Prozent vererbbar" sei.

    Es bleiben noch zwei Fragen zu besprechen: Wie kommt es, daß die Erblichkeit bei Erwachsenen höher ist als bei Kindern; ein Ergebnis, das auf den ersten Blick jeder Intuition widerspricht? Und: Stimmt es, daß, wie Sarrazin in seiner Argumentation voraussetzt, Kinder aus der Unterschicht im Schnitt weniger intelligent sind als der Durchschnitt?


    Die Wechselwirkung von Intelligenz und Umwelt. Der Varianzanteil, der durch Vererbung aufgeklärt wird, wächst im Lauf der Kindheit und erreicht erst im Erwachsenenalter sein Maximum. Das erscheint nachgerade paradox. Sollte es nicht genau umgekehrt sein? Sollte nicht am Anfang, wenn der Mensch sozusagen noch ein von der Umwelt wenig beschriebenes Blatt ist, der genetische Einfluß groß sein, und sollte er sich nicht verringern, je mehr Erfahrungen wir machen, je mehr also die Umwelt auf uns einwirkt?

    Und doch ist es genau umgekehrt - ein stabiles, immer wieder gefundenes Ergebnis. Wie kommt das? Einer der bedeutendsten gegenwärtigen Intelligenzforscher, James R. Flynn von der University of Otago, hat dafür zusammen mit seinem Koautor William T. Dickens im Jahr 2001 ein Modell vorgelegt, das er später weiterentwickelt hat und das inzwischen weithin akzeptiert wird.

    Eine Zusammenfassung der Arbeit können Sie kostenlos hier lesen. Den ganzen Artikel zu kaufen würde ich nur empfehlen, wenn Sie einigermaßen sattelfest in Mathematik sind; denn der Kern des Aufsatzes ist ein mathematisches Modell. Überhaupt ist die Intelligenzforschung ja hochgradig mathematisiert.

    Ein mathematisches Modell wovon? Von der komplexen Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt. Dickens und Flynn argumentieren, daß der Einzelne sich, je mehr er heranwächst, seine Umwelt immer mehr selbst aussucht. (Jedenfalls gilt das in einer freien Gesellschaft wie den USA). Wer intelligent ist, der sucht sich eine stimulierende, seine Intelligenz fördernde Umwelt aus. Wer weniger intelligent ist, der wählt eine entsprechend schlichtere Umwelt.

    Dazu gehört vor allem auch die soziale Umwelt. Man sucht sich seine Freunde und Bekannten so aus, daß sie in ihrer Intelligenz zu einem passen. So entsteht bei Intelligenten eine positive Rückkopplung: Wer da hat, dem wird gegeben, schreiben die Autoren. Der Intelligente sorgt dafür, daß er noch intelligenter wird, indem er sich die passenden sozialen Kontakte, den passenden Lesestoff, überhaupt die passenden Erfahrungen verschafft.

    Das bedeutet, daß die hohe Erblichkeit von Intelligenz, ausgedrückt in dem Varianzanteil von bis zu mehr als 80 Prozent, nicht allein ein biologisches Phänomen ist. Es handelt sich um eine Wechselwirkung von Anlage und Umwelt. Der reine Effekt der Anlage dürfte eher bei dem Varianzanteil liegen, der bei Kindern durch ihre Erbanlagen aufgeklärt wird, also bei knapp unter 50 Prozent.

    Das hat Sarrazin bei dem, was er sagt und offenbar auch geschrieben hat, nicht berücksichtigt. Es ist freilich auch schon recht speziell; er hätte gut daran getan, solche Aussagen von einem Fachmann gegenlesen zu lassen.

    An seinen Folgerungen ändert das aber nichts. Denn auch dann, wenn der hohe Varianzanteil, der durch die Erbanlagen aufgeklärt wird, durch deren Wechselwirkung mit der Umwelt zustandekommt, ist das eben doch nur möglich, weil es zunächst einmal genetische Unterschiede gibt. Und die fast 50 Prozent durch Erbanlagen aufgeklärte Varianz bei Kindern sind ja auch schon ein sehr hoher Wert.

    Und wie ist es mit der geringeren Intelligenz in der Unterschicht? Hier gibt es gar keinen Zweifel: Angehörige der Unterschicht haben - im Durchschnitt, immer nur im Durchschnitt, wir leben hier in einer Welt der Statistik - eine niedrigere Intelligenz als Angehörige der Mittel- und der Oberschicht. Neuere Überblicksartikel dazu können Sie zum Beispiel hier und hier finden.

    In dem "Zeit"-Interview von vor einer Woche sagte Sarrazin:
    Die Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich. Die weniger Intelligenten vermehren sich schneller als der Durchschnitt. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Intelligenz der Grundgesamtheit sinkt.
    Der Mann hat Recht, auch hier.



    Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette von der Autorin Nina unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Abbildung vom Autor Mark Sweep unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später, freigegeben. >

    Zitat des Tages: "Verhöhnung der berechtigten Unruhe in der Bevölkerung". Arnulf Baring gestern bei Plasberg

    Ich glaube, was uns allen Sorgen machen muß, ist sozusagen die Abkopplung der Bevölkerung von den demokratischen Parteien. Und wenn die Parteien nicht stärker auf die Bevölkerung hören und mit der Bevölkerung reden und die Dinge, die sie tun, auch durchsetzen, wird die Demokratie in einer ernsten Gefahr sein, in der Tat. Aber alle politischen Parteien, nicht nur die einen oder die anderen. Und das Thema als ein rechtsradikales auszugeben, ist eine Verhöhnung der berechtigten Unruhe in der Bevölkerung.

    Arnulf Baring, emeritierter Professor für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen, gestern Abend in der Sendung "Hart aber fair" zur Diskussion über die Thesen von Thilo Sarrazin.


    Kommentar: Ich teile die Besorgnis Barings.

    Bis vor kurzem habe ich mir keine Sorgen um die Stabilität unserer Demokratie gemacht; auch nicht in den unruhigen siebziger Jahren. Denn damals hatten die selbsternannten Revolutionäre mit ihren verstiegenen Ideen keinen Widerhall in der Bevölkerung.

    Diese war in ihrer großen Mehrheit einverstanden mit unserem Staat, mit unserer Gesellschaft und mit den Führungen der politischen Parteien. Es gab nicht das, was man ein Legitimationsproblem nennt; es gab vielmehr in den Grundfragen einen Konsens zwischen der Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit, den politischen Parteien und übrigens auch den großen Medien. Eine so beschaffene Gesellschaft ist so gut wie immun gegen jede Revoluzzerei.

    Dieser Konsens droht gegenwärtig zu zerbrechen. Droht. Noch ist er nicht zerbrochen, und es wird hoffentlich nicht dazu kommen. Die Situationen, in denen die Regierenden, mit medialer Unterstützung, anders urteilen und anders entscheiden, als dies die Mehrheit der Bevölkerung augenscheinlich will, häufen sich aber; sie haben sich in der letzten Zeit nachgerade beängstigend gehäuft.

    Es entsteht zunehmend der Eindruck, die Willensbildung finde nicht von unten nach oben statt; vielmehr versuche eine Meinungselite aus Politikern und Medienschaffenden, der Bevölkerung ihre Minderheitsmeinung aufzudrängen. Sie ihr aufzudrängen, wenn nicht zu oktroyieren; statt sie ihr zur Erörterung anzubieten.

    Die Sendung "Beckmann" über und mit Thilo Sarrazin am vergangenen Montag hat diese Lage der Nation gewissermaßen szenisch illustriert; siehe Thilo Sarrazin gestern bei Beckmann, seziert mit Stoppuhr und Notizblock. Ein Gastbeitrag von Calimero; ZR vom 31. 8. 2010.

    Getarnt als Diskussion, fand ein Tribunal statt. Eine konzertierte Aktion aller anderen Diskutanten (verstärkt durch den Moderator) gegen die Thesen des Gastes Thilo Sarrazin. Wenn der Showprozeß die Perversion eines fairen Gerichtsverfahrens ist, dann war diese Sendung, die durchaus Anklänge an den Deutschen Fernsehfunk der DDR erkennen ließ, eine Showdiskussion.

    In dieser Sendung wurde der Schar der Zuschauenden deutlich gemacht - es jedenfalls versucht -, daß es zu den von Sarrazin angeschnittenen Themen keineswegs mehrere, gleichermaßen zu respektierende und kritisch zu diskutierende Meinungen gibt, sondern nur eine einzige, die richtige: Nämlich diejenige, die von der Mehrheit der Politiker und von denjenigen vertreten wird, die einen großen Teil der veröffentlichten Meinung bestimmen.

    Die Erwartung war offenbar, daß die Zuschauer das gehorsamst akzeptieren würden. Wenn so viele kluge Leute das sagen!



    Das Phänomen der versuchten Meinungsbildung von oben nach unten war in dieser Sendung besonders sinnfällig; so, wie der Fall Sarrazin überhaupt illustrativ für die innenpolitische Lage in unserem Land ist. Aber das Problem sitzt tiefer, und es ist älter.

    Da war vor einigen Jahren der Umgang mit der geplanten Europäischen Verfassung.

    Der Entwurf der von Valéry Giscard d'Estaing geleiteten Kommission war 2005 von den Franzosen und den Niederländern in Referenden abgelehnt worden. Was taten die Europäische Kommission und das Europa-Parlament? Man arbeitete nicht etwa einen besseren Entwurf aus, der Chancen gehabt hätte, von den Völkern Europas gebilligt zu werden. Sondern man verwandelte den Verfassungsentwurf in ein Vertragswerk mit weitgehend demselben Inhalt, das man in Lissabon souverän verabschiedete; nur ohne den Souverän (siehe Kompetenz-Kompetenz. Was an Gefahren im Vertrag von Lissabon lauert; ZR vom 2. 7. 2008).

    Dann war da in diesem Frühsommer die Wahl des Bundespräsidenten.

    Der im Volk beliebte Horst Köhler war zurückgetreten; aber von so gut wie allen Politikern wurde dieser Rücktritt nicht als das wahrgenommen, jedenfalls nicht so kommentiert, was Köhler augenscheinlich beabsichtigt hatte: Als Anstoß zu einer Debatte über den Umgang mit dem Amt des Bundespräsidenten; siehe Es war richtig, daß Horst Köhler zurückgetreten ist; ZR vom 31. 5. 2010.

    Keine Debatte. Stattdessen wurde, ohne daß dies auch nur in den Parteien, geschweige denn in der Öffentlichkeit diskutiert worden wäre, der Kandidat Wulff mittels einer selbstherrlichen Entscheidung der Kanzlerin auf den Schild gehoben.

    Dieser Kandidat wurde durchgedrückt, wenn auch mit Ach und Krach. Er wurde durchgesetzt gegen den Kandidaten Gauck, für den es in der Bevölkerung eine große Mehrheit gegeben hatte. Das geschah mittels allerlei Absicherungen wie beispielsweise dem Bemühen bei der Union, unsichere Wahlleute gar nicht erst in die Bundesversammlung gelangen zu lassen; siehe "Mit der Würde der Demokratie nicht vereinbar". Dagmar Schipanski und Kurt Biedenkopf zur Wahl des Bundespräsidenten; ZR vom 19. 6. 2010



    Jetzt also Sarrazin. So unfair niedergemacht wurde er gestern bei Plasberg nicht, wie am Montag bei Beckmann. Er konnte seine Meinung darlegen, ohne ständig unterbrochen zu werden. Man hatte mit Arnulf Baring jemanden eingeladen, der ihm weitgehend zur Seite stand.

    Mag sein, daß das am unterschiedlichen Konzept der beiden Sendungen liegt. Aber vielleicht beginnt man ja auch in den Rundfunkanstalten darüber nachzudenken, ob man unserer Demokratie wirklich einen Gefallen tut, wenn durch Sendungen wie derjenigen von Beckmann die Kluft zwischen der Meinungselite und der großen Mehrheit der Bevölkerung, die in dieser Frage offenkundig besteht, noch weiter vertieft wird.

    Denn ihr Ziel hat diese Sendung nach allem, was ich dazu gehört und gelesen habe, ja keineswegs erreicht. Gegen soviel geballte Unfairness bildet der Zuschauer Reaktanz; die Zahl derer, die Sarrazin zustimmen, dürfte nach der Sendung größer gewesen sein als zuvor.

    Die Regierenden, die Medienschaffenden täten gut daran, auf den Rat des Politologen Baring zu hören. Denn diejenige Lösung gibt es ja nur in der Welt der Satire, die Bertolt Brecht 1953 in den Buckower Elegien vorgeschlagen hat; in dem berühmten Gedicht "Die Lösung": "Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?"



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    1. September 2010

    Sarrazin auf dem Prüfstand der Wissenschaft (2): Ist Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent vererbbar? - Teil 1: Definition und Messung von Intelligenz

    In dem Streitgespräch mit den "Zeit"-Redakteuren Bernd Ulrich und Özlem Topcu sagte Thilo Sarrazin: "Wissenschaftlich belegt ist, dass Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent vererbbar ist". Stimmt das? Ist es wissenschaftlich belegt? Um den Stand der Forschung zu dieser Frage zu verstehen, sollte man sich einige Grundlagen klarmachen.

    Was ist eigentlich Intelligenz? Ein bekanntes Zitat aus einem Aufsatz des amerikanischen Psychologen Edwin G. Boring aus dem Jahr 1923 lautet: "Intelligence is what the tests test"; Intelligenz ist das, was die Tests testen (meist ungenau zitiert als "Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest mißt" o.ä.).

    Das ist wahr, und es ist kein Witz, auch wenn es danach klingt. Denn damit wird schlicht gesagt, daß ein wissenschaftlicher Begriff "operational definiert" wird, wie man sagt - also durch die Meßoperation, mit der er verknüpft ist. Zeit beispielsweise ist das, was Uhren messen; auch sie können wir operational nur so definieren, durch die zugehörige Meßoperation.

    Nun wäre das freilich eine seltsame Uhr, die einen umso höheren Wert anzeigt, je heller es in ihrer Umgebung ist; aber morgens und mittags denselben Wert. Wenn jemand uns mit einer derartigen Uhr beglücken wollte, dann würden wir sie nicht haben wollen; denn sie mißt erkennbar nicht das, was wir uns unter dem Begriff der Zeit vorstellen.

    Eine gute Operationalisierung muß mit unserem intuitiven Verständnis von dem übereinstimmen, was operationalisiert werden soll. So ist es auch mit Intelligenztests. Sie operationalisieren das, was wir alltagspsychologisch mit Intelligenz meinen.

    Sie operationalisieren es und machen es dadurch exakt meßbar.

    Wenn wir einen Menschen gut kennen, dann können wir ein sicheres Urteil darüber fällen, ob er sehr intelligent ist, weniger intelligent oder vielleicht strohdumm. Wir können das aber nur im Groben sagen. Der Vorteil des Tests liegt darin, daß man es präzise bestimmen kann. Wir können dann nicht nur sagen: "X ist ziemlich intelligent", sondern: "X hat einen IQ von 112".

    Eine solche Übereinstimmung zwischen unserem intuitiven Verständnis von dem, was ein Begriff meint, und seiner Operationalisierung bezeichnet man als die Validität eines Tests; valide ist ein Test, der "paßt", der "triftig" ist, wie man gesagt hat.

    Die Validität wird allerdings nicht nur an unserer Intuition gemessen, sondern auch objektiv an sogenannten "Außenkriterien". Man vergleicht zum Beispiel, wie gut verschiedene Personengruppen in einem Intelligenztest abschneiden. Würde jemand einen Test vorschlagen, bei dem eine größere Stichprobe von Professoren und Spitzenmanagern schlecht und eine Stichprobe von Hilfsarbeitern und Müllkutschern gut abschneidet, dann würde man ihm diesen Test nicht abnehmen. Er wäre offensichtlich nicht valide.

    Untersuchungen zu den gängigen Intelligenztests zeigen, daß sie recht valide sind. Die Korrelation (der statistische Zusammenhang) zwischen der gemessenen Intelligenz und dem Berufserfolg ist zum Beispiel höher als die Korrelation des Berufserfolgs mit irgend einem anderen persönlichen Merkmal.

    Das genügt eigentlich, um das Konzept der Intelligenz zu verstehen. Falls Sie Lust an Definitionen haben, können Sie hier die Dutzende von Definition nachlesen, die man sich für Intelligenz ausgedacht hat. Zu unserem Wissen tragen solche definitorischen Klimmzüge wenig bei.



    Wie mißt man Intelligenz? Wie kam man überhaupt auf die Idee, Intelligenz durch Tests zu messen? Es waren praktische Anforderungen; und zwar die des Schulsystems in Frankreich und die der Wehrpflicht in den USA, beides zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

    Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Frankreich die Schulpflicht eingeführt. Damit stellte sich u.a. die Frage, welche Kinder in eine normale Schule eingeschult werden konnten und welche eine Sonderschule besuchen sollten. Der Psychologe Alfred Binet wurde von der Regierung beauftragt, dafür ein Meßinstrument zu schaffen.

    Zusammen mit seinem Mitarbeiter Théodore Simon entwickelte Binet aufgrund ausgiebiger Beobachtungen an Kindern eine Reihe von 30 Standard-Aufgaben; von den einfachsten wie der Aufgabe, auf den Körperteil zu zeigen, den man dem Kind nannte, über einfache Gedächtnisaufgaben bis zu schwierigen Aufgaben wie derjenigen, eine Reihe von sieben Ziffern zu wiederholen oder Unterschiede zwischen Begriffen zu erkennen. Der Test war 1905 einsatzbereit; 1908 wurde er in einer verbesserten Form vorgelegt.

    Sie sehen an Binets Werk den Grundgedanken der Konstruktion eines Intelligenztests: Man überlegt, was bei einem Menschen - hier einem Kind - das ausmacht, was wir Intelligenz nennen, und konstruiert entsprechende Aufgaben; sogenannte "Skalen", weil die Leistung in Skalenwerten ausgedrückt wird. Aus der Gesamtheit der Werte auf den einzelnen Skalen ergibt sich die Gesamtintelligenz.

    Das ist heute noch so wie zur Zeit Binets vor mehr als hundert Jahren. Eine gerade Linie führt von Binet zu unseren heutigen Intelligenztests. Sie können diese Geschichte hier nachlesen.

    Binets Test wurde von dem Psychologen Terman in die USA übernommen und modifiziert (Stanford-Binet-Test); 1917 wurde für die Armee eine Form entwickelt, bei der die Probanden in Gruppen getestet werden konnten statt einzeln (der Army Alpha-Test).

    Terman übernahm bei seiner Weiterentwicklung von Binets Test eine Idee des deutschen Psychologen William Stern. Dieser hatte das Konzept des Intelligenzquotienten vorgeschlagen: Man ordnet der Punktzahl, die ein Kind erreicht hat, ein bestimmtes Intelligenzalter zu und teilt es durch das Lebensalter. Um nicht mit Kommazahlen hantieren zu müssen, wurde dieser Quotient mit 100 multipliziert.

    Hat ein Kind genau die Punktzahl des Durchschnitts seiner Altersgruppe, dann hat es demnach einen IQ von 100. Erzielt ein zehnjähriges Kind eine Leistung, die dem Durchschnitt der Elfjährigen entspricht, dann hat es einen IQ von 11 : 10 x 100, also 110; und so fort.

    Das funktioniert natürlich nur bei Kindern. Später hat der Psychologe David Wechsler eine andere, formalere Definition vorgeschlagen, die sich an der Normalverteilung (der "Gauss'schen Glockenkurve") orientiert. Ein IQ-Wert ist dabei dadurch definiert, wieviel Prozent der Bevölkerung einen höheren bzw. einen niedrigeren Punktwert im Test erzielen.

    Ein IQ von 100 entspricht einer Leistung, die von genau 50 Prozent der Bevölkerung erreicht wird. Wer mit seiner Leistung eine Standardabweichung oberhalb des Mittelwerts liegt, der hat einen IQ von 115; wer eine Standardabweichung darunter liegt, einen IQ von 85. Entsprechend werden IQs von 130 und von 70 bei Leistungen erreicht, die zwei Standardabweichungen ober- oder unterhalb des Mittelwerts liegen.

    "Eine Standardabweichung oberhalb des Mittelwerts" bedeutet, daß jemand, der den zugehörigen IQ von 115 hat, intelligenter ist als 84 Prozent der Bevölkerung und somit weniger intelligent als 16 Prozent. Entsprechend ist jemand mit einem IQ von 85 - also eine Standardabweichung unterhalb des Mittelwerts - intelligenter als 16 Prozent und weniger intelligent als 84 Prozent. Wegen der Form der Normalverteilung, die zu den Extremwerten hin sehr flach wird, sind IQs von 130 und mehr oder von 70 und weniger bereits sehr selten; nur jeweils 2,5 Prozent der Bevölkerung liegen mit ihrem IQ über 130 oder unter 70.

    Wechslers Test wurde in den fünfziger Jahren ins Deutsche übersetzt und an einer deutschen Stichprobe geeicht; alles Wissenswerte über diesen "Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene" (HAWIE) finden Sie hier. Wenn Sie sich die Liste der Skalen (also der einzelnen Aufgaben) ansehen, dann können Sie erkennen, wie vielgestaltig das ist, was mit diesem Test gemessen wird: Vom Kopfrechnen und Kurzzeitgedächtnis über das allgemeine Verständnis von Lebenssituationen im sogenannten Verbalteil bis zum Legen von Puzzles und dem Ergänzen von Bildern im Handlungsteil.



    Erblichkeit der Intelligenz: Daß es, operationalisiert durch den IQ, zwischen Menschen große Unterschiede in ihrer Intelligenz gibt, ist unbestritten. Aber wo kommen sie her? Das berührt eine jahrhundertealte Kontroverse, die im Englischen unter der Überschrift "nature vs. nurture" geführt wird - Natur gegenüber Nahrung, wörtlich übersetzt. Im Deutschland spricht man meist vom Anlage-Umwelt-Problem.

    Dieses Problem besteht nicht nur für die Intelligenz, sondern für alle Persönlichkeitsmerkmale; es reicht bis in die Philosophie hinein, wo seit der Antike die Frage diskutiert wird, inwieweit unser Wissen angeboren ist und inwieweit wir es durch Erfahrung erwerben.

    Und es reicht in die Politik, ja in die Ideologie hinein. Traditionell tendiert man auf der Linken dazu, den Einfluß der Umwelt hoch zu veranschlagen, während Konservative eher dazu neigen, dem Faktor der Vererbung ein großes Gewicht zu geben. Daß Vererbung bei der Intelligenz überhaupt eine Rolle spielt, wird von nicht wenigen Linken stracks geleugnet.

    Aber nun ist dies ja so wenig eine ideologische Frage, wie ob die Schildkröte ein Säugetier ist oder wie weit der Mond von der Erde entfernt ist. Es ist eine rein empirische Frage. Keine politische Haltung, keine "Weltanschauung" und keine Ideologie bringt uns der Antwort auch nur einen Millimeter näher; sondern allein gute Forschung.

    Aber wie kann man denn empirisch ermitteln, in welchem Ausmaß Intelligenz durch die Gene und in welchem Ausmaß sie durch die Umwelt bestimmt wird? Das ist eine Frage, bei deren Beantwortung die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht hat. Damit befasse ich mich im zweiten Teil.



    Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette von der Autorin Nina unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz freigegeben. Bearbeitet.

    Gorgasal und Obama (6): Obama wird 2012 wiedergewählt werden

    Das sagt zumindest das Prognosemodell The Keys to the White House von Allan Lichtman und Vladimir Keilis-Borok vorher. Das Modell ist nicht neu; es hat schon eine gewisse Erfolgsgeschichte hinter sich. Es wurde anhand der Wahlen von 1860 bis 1980 kalibriert (1860 war die erste Wahl mit einer vierjährigen Historie von Demokraten und Republikanern im Rennen). Wenig überraschend ist also, dass es in dieser Zeit jede Wahl korrekt vorhergesagt hat - jedes Prognosemodell ist im Kalibrierungszeitraum gut. Überzeugender ist, dass es auch die Wahlen von 1984 bis 2008 korrekt vorhersagte - und das meistens weit früher als Umfrage- oder andere statistische Modelle.

    Das Modell basiert auf 13 qualitativen Wahr/Falsch-Aussagen über den Zustand der USA und die Partei des amtierenden Präsidenten. Sind mindestens sechs der 13 Aussagen wahr, so erhält dem Modell zufolge die Partei des amtierenden Präsidenten die Mehrheit der abgegebenen Stimmen (die popular vote) - anderenfalls die des Herausforderers. Die 13 Aussagen ("Keys") sind die folgenden - in Klammern jeweils die Einschätzung Lichtmans für die Präsidentschaftswahl 2012 gemäß einem Artikel in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Foresight:

    1. Mandat der Partei: Nach den midterm elections hat die Partei des amtierenden Präsidenten mehr Sitze im Repräsentantenhaus als nach den vorherigen midterm elections. (Falsch)
    2. Herausforderung: Es gibt keinen ernsthaften Herausforderer für die Nominierung der Partei des amtierenden Präsidenten. (Wahr)
    3. Amtsinhaber: Der amtierende Präsident ist wieder der Kandidat seiner Partei. (Wahr)
    4. Dritte Partei: Es gibt keinen signifikanten Kandidaten außer den Demokraten und den Republikanern. (Wahr)
    5. Kurzfristige Wirtschaft: Während des Wahlkampfes herrscht keine Rezession. (Wahr)
    6. Langfristige Wirtschaft: Das reale Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum während der letzten Amtszeit war mindestens so groß wie dasjenige während der vorherigen zwei Amtszeiten. (Falsch)
    7. Politik: Der Amtsinhaber setzt grundlegende Änderungen in der politischen Linie durch. (Wahr)
    8. Unruhen: Es gibt keine andauernden Unruhen während der aktuellen Amtszeit. (Wahr)
    9. Skandal: Der Amtsinhaber ist nicht in einen größeren Skandal verwickelt. (Wahr)
    10. Außenpolitischer oder militärischer Misserfolg: Der Amtsinhaber erleidet keinen größeren außenpolitischen oder militärischen Misserfolg. (Wahr)
    11. Außenpolitischer oder militärischer Erfolg: Der Amtsinhaber erreicht einen größeren außenpolitischen oder militärischen Erfolg. (Falsch)
    12. Charisma des Amtsinhabers: Der Amtsinhaber ist charismatisch oder ein Nationalheld. (Falsch)
    13. Charisma des Herausforderers: Der Herausforderer ist nicht charismatisch oder ein Nationalheld. (Wahr)

    Aktuell sieht Lichtman also vier der Keys als falsch: 1, 6, 11 und 12. Hier fließt natürlich ein gutes Maß an Subjektivität ein, etwa dahingehend, dass die Wirtschaft 2012 wieder floriert (Aussage 5) oder dass Obama das Charisma aus seinem ersten Wahlkampf nicht mehr aufrecht erhalten oder wiederbeleben kann (Aussage 12). Das Modell zeigt momentan klar auf einen Sieg Obamas und hat noch Platz für weitere falsch-Aussagen, etwa hinsichtlich Skandalen, größeren außenpolitischen Rückschlägen oder einem charismatischen Herausforderer.

    Natürlich ist das Modell sehr einfach und bezieht keine Umfragedaten ein, die Zettel so gerne zitiert. Allerdings sind umgekehrt gerade für Prognosen einfache Modelle überraschend häufig deutlich besser als komplexe Methoden. Insofern würde ich die Keys nicht ohne weiteres von der Hand weisen.

    Falls also Obama 2012 wiedergewählt wird, dann denken Sie daran: in Zettels Raum haben Sie es zuerst gelesen.


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    Marginalie: Eine Reportage vom Feinsten aus dem Inneren des Berliner Machtapparats. Lob der F.A.S. und der Autorin Christiane Hoffmann

    Aus meiner Sicht gibt es kein höheres Lob für eine journalistische Arbeit, als zu konstatieren, daß man so etwas auch in der New York Times oder in der Washington Post lesen könnte.

    Das gibt es auch in Deutschland? Ja, das gibt es auch in Deutschland. Nicht häufig, zugegeben.

    Es gab das früher einmal in der Wochenzeitschrift "Die Zeit", bevor diese sich, beginnend mit dem Chefredakteur in den neunziger Jahren, Robert Leicht, auf den Weg zum Zentralorgan der Dauerbetroffenen und Weltverbesserer machte.

    Es gab das auch gelegentlich in der "Welt", bevor diese - jedenfalls in ihrem Internet-Auftritt - den Kampf um die Gefilde südlich der Gürtellinie mit "Spiegel-Online" aufgenommen hat; siehe Die Notrutsche, die Insel, der tote Dackel; ZR vom 10. 8. 2010.

    Und es gab und gibt es in der FAZ, der mittlerweile einzigen verbliebenen deutschen Tageszeitung von internationalem Niveau. Mit ihrem Schwesterblatt, der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (F.A.S.).



    In der F.A.S. erschien am vergangenen Wochenende der Artikel, den ich loben möchte, "Kristina Schröder und Ursula von der Leyen - Machtkampf der Ministerinnen". Es geht um das "Chipkarten-Modell", das vorsieht, daß Empfänger von Hartz-IV-Leistungen als zusätzliche Zuwendung für die Bildung ihrer Kinder nicht Bargeld bekommen, sondern eben diese Chipkarte, mit der sie kostenlosen Zugang zu bestimmten Bildungsangeboten haben.

    Die Autorin, Christiane Hoffmann, schildert, wie es bei einem solchen "Projekt" in Berlin zugeht, wie die Abläufe im Bundeskabinett sind.

    Wie das Ganze mit einem Urteil des Verfassungsgerichts begann, das die bessere Berücksichtigung der Bildungsausgaben für Kinder in Hartz-IV-Familien verlangt. Wie Ursula von der Leyen sofort das politische Potential dieses Urteils erkannte und sich daran machte, daraus "ihr" Projekt zu entwickeln.

    Was gar nicht so einfach war, weil man ja denken könnte, daß dafür die Familienministerin Kristina Schröder, damals noch Köhler, mindestens ebenso zuständig ist wie die Arbeitsministerin. Aber von der Leyen warf ihren Apparat an, veranstaltete Hearings, schmiedete Allianzen (zum Beispiel mit ihrer Kollegin Annette Schavan vom Bildungsministerium), setzte sich in Szene. Und stellte die junge Kollegin Schröder, damals noch Kristina Köhler, kalt.

    Geschildert wird, wie die Jungministerin Köhler/Schröder - sie war damals kaum im Amt - auch gleich um etliche gute Beamte sowie um Kompetenzen erleichtert wurde, die sich von der Leyen aus ihrem alten Ministerium besorgte. Wie die erst einmal ausmanövrierte junge Kollegin dann zum Kampf erwachte und begann, Krallen zu zeigen.

    Kurzum, ein Blick ins Innere des Berliner Machtapparats. Im Detail recherchiert, glänzend geschrieben. Mit kritischer Distanz, aber ohne die Häme und die Mätzchen, die fast jeden politischen Artikel des "Spiegel" verderben. Ohne parteipolitische Tendenz, ohne Herabwürdigung und ohne erhobenen Zeigefinger. Aufschreiben, was ist, wie es Journalisten gelernt haben (sollten).

    Schlicht guter Journalismus. Und wer ist die gute Journalistin, die so etwas schreibt? Christiane Hoffmann ist eine neugierige und mutige Journalistin. Zehn Jahre berichtete die studierte Slawistin aus Moskau; aus Rußland in der Zeit des großen Umbruchs. Dann ging sie von 1999 bis 2004 nach Teheran und schrieb als einzige deutsche Journalistin aus dem Iran. Was sie dort erlebte und wie sie dort lebte, können Sie hier nachlesen.

    Jetzt also ist sie in der politischen Redaktion der F.A.S. Und hat aus ihrer internationalen Erfahrung offenbar mitgenommen, wie man gute Hintergrundberichte verfertigt: Indem man nämlich schlicht auf eine interessante Weise aufschreibt, was man herausgefunden hat.

    Übrigens: Christiane Hoffmann wählt für das Verhältnis zwischen den Ministerinnen von der Leyen und Schröder das Gleichnis von der älteren und der jüngeren Schwester. Ich hatte eher an Brunhild und Kriemhild gedacht.



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