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9. Juli 2008

Deutschland im Öko-Würgegriff (10): Halo Saibold, die verkannte Prophetin. Quod licet Jovi non licet bovi

Erinnern Sie sich noch an Halo Saibold?

Ja, Halo. Ich muß zugeben, daß mir dieser schöne Vorname nicht mehr präsent war; auch nicht der Nachname; auch nicht das Jahr, in dem Halo Saibold bundesweit zu einer wenn auch kurzzeitigen Berühmtheit gelangte.

Ich erinnerte mich nur noch, daß da eine Grüne gewesen war, tourismuspolitische Sprecherin ihrer Partei oder Fraktion oder so etwas Ähnliches, die sich innerhalb und außerhalb ihrer Partei lächerlich gemacht hatte; die in ihrer Partei sogar in größte Schwierigkeiten gekommen war. Und zwar mit dem Vorschlag, die Deutschen sollten nur noch alle fünf Jahre eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug machen. Wegen der Umweltbelastung durch's Fliegen.

Das, dachte ich, ist doch ein schönes Thema für meine Serie zum Öko- Würgegriff: Wie man noch vor einigen Jahren mit einer derartigen Anregung eine politische Bruchlandung hinlegen konnte; selbst bei den Grünen. Und wie heute diejenige, die das forderte, in eine Reihe mit dem Propheten der Ökodiktatur Wolfgang Harich zu stellen ist; wenn auch vielleicht nicht mit ganz demselben intellektuellen Rang.



Also, nach dem Namen dieser Politikerin suchte ich gestern, und nach Einzelheiten über die damalige Affäre. Und siehe - ein Journalist der taz hatte mir die Arbeit schon abgenommen, Philipp Gessler, der in einem langen Artikel, der auch die Lebensumstände von Halo Saibald erzählt, daran erinnert, wie das damals gewesen ist.

Es war im Jahr 1998; im Wahljahr also. Im Jahr jener Wahl zum Bundestag, bei der die Grünen so stark zu werden hofften, daß sie eine rotgrüne Koalition mit der SPD würden bilden können.

Ausgerechnet im Vorfeld dieser Wahlen erschien am 22. März die "Bild- Zeitung" mit der Schlagzeile: "Grüne: Urlaubs-Flüge müssen teurer werden!" Zitiert wurde Halo Saibold mit dem Vorschlag, weniger oft, aber dafür dann länger per Flieger zu verreisen. Und dann stand da der Satz, der in den Tagen danach den Grünen so viel Ärger machen sollte: "Es reicht vollkommen aus, wenn die Deutschen nicht jedes Jahr, sondern nur alle fünf Jahre eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug machen."

Es erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Flugs distanzierten sich die Granden der Grünen von Halo Saibold. "Bundestagsabgeordnete bekommen auch deshalb 18.000 Mark, damit sie mal die Klappe halten" wurde Joschka Fischer zitiert. In einem "Spiegel"- Gespräch sagte er: "Die Kollegin Halo Saibold - und sie trägt schwer daran - ist der individuellen Überzeugung, es wäre sinnvoll, Flugreisen seltener zu unternehmen". Jürgen Trittin sprach von einem "großen Schwachsinn": "Ich mach' schon kein Wochenende. Da will ich wenigstens zweimal im Jahr in Urlaub."

Und Kerstin Müller, damals Fraktionssprecherin der Grünen, sagte, wie es ist: "Furchtbar. Ein solcher ökodiktatorischer Ton ist sehr kontraproduktiv."



Ein ökodiktatorischer Ton. Wie wahr. Nur war er ein leises Säuseln gegen das, was inzwischen an ökodiktatorischen Tönen von allen Seiten auf uns eindringt.

Getern stand auf der Startseite der "taz" unter "Entscheidung des Tages" eine Umfrage mit folgendem Text:
Schon ein Flug nach Mallorca belastet das Klima so stark wie ein Jahr Autofahren - von Flügen in die Karibik ganz zu schweigen. Darf man angesichts des Klimawandel noch in der Ferne Urlaub machen?
  • Ja. Man kann es auch übertreiben. Der Tourismus hilft den armen Ländern.

  • Na ja. Es muss ja nicht die Karibik sein. Aber einmal im Jahr Mallorca ist okay.

  • Ostsee oder Alpen tun es auch. Bequemer kann man das Klima nicht schonen.
  • Wie die Abstimmung ausgegangen ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen, denn inzwischen ist sie durch eine andere ersetzt worden.

    Anlaß für die Abstimmung dürfte jedenfalls eine Meldung gewesen sein, die gestern durch die Medien ging. Dort, beispielsweise im "Tagesspiegel", las man von einer "Studie, die das Öko-Institut im Auftrag des Umweltverbands WWF erarbeitet hat".

    Eine Studie - Sie ahnen es - darüber, wie viel Schaden wir Deutsche mit unseren Reisen der Umwelt zufügen. Das nicht unbedingt sehr überraschende Fazit: "Der WWF empfiehlt deshalb jedem Touristen, sich über die Folgen seiner Reisepläne bewusst zu werden. Je näher das Reiseziel, desto besser fürs Klima. Wenn auf Flugzeug oder Auto verzichtet werden kann, umso besser".



    "WWF", was heißt das doch gleich? Richtig, World Wildlife Fund. Genauer, so hieß diese Organisation früher; inzwischen World Wide Fund for Nature, weltweiter Fonds für die Natur. Eine Organisation also, die sich um die Artenvielfalt kümmert. Braucht man da nicht auch den Ferntourismus, der Geld in die Länder Afrikas, Asiens, Ozeaniens bringt? Dazu der "Tagesspiegel":
    WWF-Sprecher Ralph Kampwirth sagt dazu: "Für uns ist das kein Widerspruch. Wir geben aber zu, dass auch wir keine endgültigen Antworten haben." Kampwirth weist zudem darauf hin, dass die "Reisen in WWF- Projektregionen ein kleines Marktsegment" seien. Diese Reisen könnten auch nicht "massenhaft" verkauft werden.
    Mit anderen Worten: Die Zielgruppe, der das Fernreisen vermiest werden soll, sind die TUI-Touristen, die All- Inclusive- Urlauber, die es in die Dominikanische Republik zieht oder an die Playa del Inglès auf Gran Canaria. Sie, die Massen - in der DDR nannte man sie "unsere Menschen" - sollen dazu erzogen werden, "sich über die Folgen [ihrer] Reisepläne bewußt zu werden". Nicht die Öko- Touristen, die schon mal in die Zentralafrikanische Republik jetten, um sich dort am Regenwald- Schutzgebiet Dzanga- Shanga zu erfreuen.

    Quod licet Jovi non licet bovi. Das war schon vor zehn Jahren so, als Halo Saibold touristische Askese predigte. In der Legislaturperiode, an deren Ende sie ihren Alle- fünf- Jahre- Vorschlag machte, hatte sie - so berichtet es damals genüßlich der "Spiegel" in Heft 14/1998 vom 30.3. 1998 - unter anderem, streng dienstlich natürlich, Flugreisen auf die Malediven, nach Japan, Brasilien und Lanzarote unternommen. Sogar nach London und Prag hatte sie den Flieger genommen.



    Links zu den früheren Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    29. Juni 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: Wie weist man nach, daß Atomkraftwerke ein CO2-Problem erzeugen?

    Atomkraftwerke sind große Wolkenerzeugungsmaschinen. Sie produzieren viel Wärme, die ungenutzt in die Luft abgelassen wird. Anders geht es auch nicht. Für die Fernwärmenutzung müssten die Atomkraftwerke in der Stadt gebaut sein. Aber das will kein Mensch. Darum heizen die Leute zu Hause mit Gas und Öl. Das eingerechnet wären kleine Blockheizkraftwerke, bei denen Strom und Wärme genutzt werden, für den gleichen CO2-Ausstoß verantwortlich wie ein Atomkraftwerk samt notwendiger Wärmeerzeugung. Also: Auch Atomkraftwerke erzeugen ein CO2-Problem.

    Bärbel Höhn, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der "Grünen" im Bundestag, in der "Süddeutschen Zeitung".

    Kommentar: Ich habe es geahnt: Die "Klimabilanz" von irgend etwas zu bestimmen, ist ungefähr so, als wolle man die Zahl der Engel berechnen, die auf einer Nadelspitze Platz finden.

    Bisher dachten wir Naiven, einer der Vorteile der Kernenergie liege darin, daß AKWs keine fossilen Brennmittel benötigen, also auch kein in diesen gebundenes CO2 emittieren.

    Wie beweist uns nun Frau Höhn - studierte Mathematikerin -, daß AKWs dennoch "ein CO2-Problem erzeugen"?

    Sie stoßen zwar kein CO2 aus. Aber - das folgende schreibe ich ohne Gewähr, weil ich nicht ganz sicher bin, daß ich den Gedankengang von Frau Höhn richtig verstanden habe - wenn die Leute Atomstrom beziehen, dann beziehen sie keinen Strom aus "kleine(n) Blockheizkraftwerke(n), bei denen Strom und Wärme genutzt werden".

    Wenn sie das aber nicht tun, dann werden von diesen Kraftwerken weniger gebaut. Und wenn von denen weniger gebaut werden, dann heizen auch weniger Leute mit der Fernwärme, die sie liefern.

    Sondern sie heizen dann mit Gas oder Öl. Und dabei wird CO2 emittiert. Für das also die bösen AKWs verantwortlich sind.

    q.e.d.



    Ich habe da allerdings noch eine Frage: Warum können die Leute, die Atomstrom beziehen, nicht elektrisch heizen, mit eben diesem Atomstrom? Ohne CO2 in die Luft zu pusten?

    Wäre das nicht für die "Klimabilanz" noch besser, als wenn sie aus diesen Heiz- Kraftwerken Fernwärme beziehen, die doch CO2 emittieren, wenngleich vielleicht weniger als die häusliche Ölheizung?

    Warum geht das nicht?

    Hm, hm. Ich fürchte, weil dann die Rechnung unserer Mathematikerin irgendwie nicht funktionieren würde.

    Vorausgesetzt, wie gesagt, ich habe verstanden, was Frau Höhn uns sagen will.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    27. Mai 2008

    Deutschland im Öko-Würgegriff (8): Über Fußabdrücke und die Metaphysik der "Klimabilanz"

    Religionen liefern oft eine Richtschnur, einen Maßstab, an dem der Gläubige alles messen kann, was er tut oder läßt.

    Ist es gottgefällig? fragt der Christ. Bringt es mich dem Nirwana näher? fragt der Buddhist. Ist es günstig für die CO2-Bilanz? fragt der Umweltgläubige.

    Oder auch: Ist es CO2-freundlich? So jedenfalls steht es im Titel eines Artikels von Marlies Uken, der seit gestern in "Zeit Online" zu lesen ist. Genau lautet dessen Überschrift: "CO2-freundlich shoppen".

    CO2-freundlich, das ist natürlich nicht gemeint. So wenig, wie es das Bestreben des Christen ist, ein teufelgefälliges Leben zu führen, oder das des Buddhisten, so zu leben, daß ihm eine Inkarnation auf einer tieferen, vom Nirwana weiter entfernten Stufe droht.

    Aber nun gut, "CO2-freundlich", das klingt freundlicher als das eigentlich gemeinte "CO2-feindlich".

    Denn darum geht es. Dem CO2 in der Atmosphäre soll dadurch zuleibe gerückt werden, daß wir alles, wofür wir unser Geld ausgeben, danach bewerten, wieviel C02 denn bei seiner Erzeugung verbraucht wurde.

    Wir sollen dann zum Produkt mit der jeweils günstigsten "Klimabilanz" greifen.

    Damit wir diese kennen, wird - so die Idee - jedem Produkt ein "Fußabdruck" mitgegeben, der angibt, wieviel CO2 denn bei seiner Herstellung erzeugt wurde.

    Ein Viertelliter Orangensaft, aus Konzentrat gewonnen, erweist sich beispielsweise als günstiger als dieselbe Menge - so heißt das offenbar - "Direktsaft"; also Saft, dem man nicht erst Wasser entzogen und dann wieder hinzugefügt hat. So steht es jedenfalls in dem Artikel, gleich zu Beginn.

    Kunststück, denke ich mir als Laie: Wenn der komplette "Direktsaft" vom Erzeuger irgendwo näher am Äquator zu mir geflogen wird, dann verbraucht das mehr Treibstoff, als wenn ein kompaktes Konzentrat die Reise macht, das erst hier in Deutschland wieder in Orangensaft verwandelt wird.

    Andererseits verbraucht ja dieses Eindicken und wieder Auffüllen auch Energie. Da heißt es also messen und rechnen, damit wir die richtige Klimabilanz bekommen. So, wie der Christ, der ein gottgefälliges Leben führen will, sich immer fragen sollte, ob eine gut gemeinte Handlung sich nicht am Ende als sündhaft erweist.



    Dies zu entscheiden mag für den Frommen nicht immer einfach sein; aber es ist ein Klacks gegen die Herkulesarbeit, die Klimabilanz eines Produkts zu ermitteln. Bevor ich den Artikel von Marlies Uken weiterlas, habe ich mir das für den Orangensaft überlegt.

    Gut, wenn er während des Transports dank Dehydrierens leichter ist, verbraucht dieser Transport weniger Treibstoff, erzeugt also weniger CO2. Das De- und Rehydrieren andererseits verbraucht Energie, und es wird dabei CO2 emittiert. Also rechnen wir das eine gegen das andere auf, und fertig ist die Laube.

    Ist sie? Ja, was ist denn mit der Klimabilanz bei der Herstellung der Maschinen, die das De- und Rehydrieren leisten? Was mit dem Transport der Maschinenteile, aus denen sie zusammengeschraubt wurden, einem Transport vielleicht rund um die Welt? Und die Arbeiter, die diese Maschinen bedienen, haben die etwa keine Klimabilanz?

    Wer weiß, vielleicht sind sie ja gar Liebhaber von Rindfleisch, und jedes Kilo Soja, das das geschlachtete Rind einst gefressen hat, verschlechtert die Klimabilanz des O-Safts aus Konzentrat.

    Denn das müssen wir doch sehen: In der Umwelt hängt alles mit allem zusammen. Mein Orangensaft ist belastet durch das CO2, das vom tropischen Regenwald nicht aufgenommen wird, weil er gerodet wurde, um Soja anzupflanzen, das das Rind frißt, das das Steak liefert, das der Arbeiter ißt, der die Maschine bedient, die dem Konzentrat das Wasser zuführt, das ihn wieder zu dem Orangensaft macht, den ich kaufe.

    Tut mir leid, lieber Leser. Einfacher ist es leider nicht. Sondern in Wahrheit noch viel komplizierter. Denn auch das Roden des Regenwaldes erzeugt ja wieder CO2; die eingesetzten Maschinen erzeugen es, die Arbeiter atmen es aus. Und diese Maschinen, die den tropischen Regenwald roden, die müssen ja auch gebaut und in den Wald transportiert worden sein, was schließlich wiederum CO2 erzeugt. Und die Menschen, die diese Arbeiten verrichten, müssen zum Arbeitsplatz fahren, und dabei wird wiederum CO2 emittiert.



    Sie ahnen, auf welchen Weg wir uns mit solchen Überlegungen gemacht haben. In einer kausal geschlossenen Welt, in dem "Umwelt" genannten Teil dieser unserer Welt, sind die Ereignisse derart miteinander verkettet, daß wir schon ein komplettes Weltmodell brauchen, um seriös zu errechnen, wieviel CO2 denn nun tatsächlich erzeugt wurde, damit ich mein Glas Orangensaft aus Konzentrat trinken kann.

    Es ist ein wahrhaft heroisches Unterfangen, auf das sich die einschlägigen Firmen da eingelassen haben. Beispielsweise die britische Supermarkt- Kette Tesco, die unserer Autorin Marlies Uken als Beispiel dient. Sie hatte angekündigt, für alle ihre 70.000 Produkte die "Klimabilanz" errechnen zu lassen und auf den Packungen anzugeben. Für 20 Produkte sei das bisher gelungen, erfahren wir am Ende des Artikels.

    Ich bezweifle das. Ich bin sicher, daß es nur deshalb scheinbar "gelungen" ist, weil denjenigen, die diese Klimabilanz ausrechnen sollten, irgendwann der metaphysische Wahnwitz ihres Vorhabens aufgegangen ist und sie in einem dezisionistischen Verzweiflungsakt einfach Schluß gemacht haben mit dem Weiterverfolgen der Ereignisketten.

    Als sie nämlich merkten, daß sie beim Zurückverfolgen unweigerlich beim Urknall ankommen würden.



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