3.11.12

Zettels Meckerecke: "Deutschlands Dicke auf Staatsdiät setzen". Im Kampf gegen unsere Freiheit wird eine neue Front eröffnet

"Die Deutschen werden immer dicker. Manche fordern daher, der Staat solle die Bürger vor ungesundem Essen schützen, etwa durch Steuern oder Erziehung". So steht es im Vorspann zu einem Artikel von Claudia Wüstenhagen, der zunächst in "Zeit Wissen" erschien und der seit gestern auf "Zeit-Online" zu lesen ist. In der Themenübersicht auf der Startseite wird der Artikel unter der Überschrift "Deutschlands Dicke auf Staatsdiät setzen" angekündigt.

"Der Staat solle die Bürger vor ungesundem Essen schützen". Ja, ist denn ungesundes Essen etwas, das den Bürger bedroht wie Straßenräuber oder wie der Terrorismus? Ist es etwas, dem der Bürger hilflos ausgesetzt ist? So, wie er einem Stromausfall ausgesetzt ist, dem Verkauf verseuchter Lebensmittel oder einer Feuersbrunst?

Wir bezahlen die Institutionen des Staats - die Polizei, die Bundeswehr, die Feuerwehr und die Lebens­mittel­aufsicht beispielsweise - dafür, daß sie uns vor Gefahren schützen, derer der Bürger, auf sich gestellt, in der Regel nicht Herr werden könnte.

Ungesundes Essen gehört erkennbar nicht dazu. Wer sich gesund ernähren will, der kann das - was immer er für gesunde Ernährung hält - nach seinem Gusto tun. Er kann auf Fleisch verzichten und sich vegan ernähren; er kann den Wein zum Essen durch Mineralwasser ersetzen, Zucker meiden und seinen Dinkel selbst schroten. Vielleicht bleibt er gesund und wird alt; vielleicht auch nicht.

Wer das nicht mag, der entscheidet sich vielleicht dafür, deftige Nahrung zu genießen, sein tägliches Bier zu trinken und nach einem guten Essen eine Zigarre zu rauchen. Vielleicht bleibt er gesund und wird alt, vielleicht auch nicht.

Möglicherweise sind seine Aussichten auf Gesundheit und ein langes Leben schlechter als die des sein tägliches Müsli verzehrenden Veganers. Aber das ist, nicht wahr, ja seine Sache; diejenige des Bürgers, der dieses Risiko in Kauf nimmt, weil er gern gut lebt.



Sollte man meinen. Aber die Selbstverständlichkeit, daß jeder für seinen Lebenswandel selbst verantwortlich ist, solange er damit keinem anderen schadet, und daß dies den Staat exakt nichts angeht - diese Trivialität scheint aus dem allgemeinen Bewußtsein zu verschwinden.

Das, worüber doch jeder Bürger selbst zu entscheiden hat - was er essen möchte -, wird so geschildert, als sei es eine böse Gefahr, die auf ihn lauert. Claudia Wüstenhagen:
Einige Experten sehen Pommes, Cola und Co. inzwischen in einer Reihe mit Tabak und Alkohol, sie fordern ein entschlossenes Eingreifen des Staates. Er solle seine Bürger vor ungesundem Essen schützen und gesunde Entscheidungen erleichtern: etwa Steuern auf Fettiges oder Süßes erheben, Verkauf und Werbung regulieren, eine flächendeckende Gesundheitserziehung einführen.
Erzogen werden sollen wohlgemerkt nicht unmündige Kinder, sondern mündige Bürger. Und zum Erzieher soll sich "der Staat" aufschwingen - also Bürokraten und ihre Helfer.

Und kein Aufschrei. Die Vorstellung, daß es Bürokraten zusteht, Bürger zu erziehen, erscheint offenbar vielen dieser Bürger im heutigen Deutschland ganz normal. Fehlt eigentlich nur noch, daß sich wieder die DDR-Formulierung "unsere Menschen" durchsetzt, mit der die Nomenklatura einst treffend ihr Besitzverhältnis zum Ausdruck brachte; vielleicht dazu noch das Nazi-Wort von der "Volksgesundheit", die zu fördern der nationalsozialistische Staat als seine hehre Aufgabe ansah. Flink wie die Windhunde, hart wie Kruppstahl.

Sie finden, daß ich jetzt aber übertreibe? Sie fragen: Ja, aber schadet denn derjenige, der sich ungesund ernährt, damit nicht auch anderen? Liegt er nicht dadurch beispielsweise der Gemeinschaft der Versicherten auf der Tasche? Muß da also nicht auch der demokratische Staat regulierend eingreifen?

Nun, teuer für die Gemeinschaft der Versicherten ist vor allem derjenige, der sich gesund ernährt und dadurch besonders alt wird. Im Jahr 2008 lagen die durchschnittlichen Krankheits­kosten pro Jahr in der Altersgruppe von 45 bis 65 Jahren für Männer bei 2.960 Euro. In der Gruppe zwischen 65 und 85 Jahren stiegen sie auf 6.580 Euro und bei den über 85jährigen auf 11.920 Euro. Bei den Frauen betrugen die entsprechenden Werte 3.060 Euro, 6.470 Euro und 15.870 Euro.

Die Last für die Gemeinschaft der Versicherten wächst also mit steigender Lebenserwartung, und zwar dramatisch. Nicht nur der ungesund Lebende fällt der Gemeinschaft der Versicherten in besonderem Maß zur Last, sondern mindestens ebenso derjenige, der durch gesunde Ernährung eine hohe Lebenserwartung erreicht.



Sollten wir folglich gar nicht bestrebt sein, gesünder zu leben? Gewiß sollten wir das anstreben. Ebenso, wie wir bestrebt sein sollten, glücklicher, zufriedener und genuß­reicher zu leben. Wie das der Einzelne abwägt, wie er die Balance gestaltet - das ist allein seine eigene Sache. Auch bei seinen Kindern, für die ja er selbst in der Regel das Sorgerecht hat, und nicht der Staat.

Aber fehlt es denn nicht an Aufklärung? Ist es denn nicht so, daß viele Menschen gar nicht wissen, wie man sich gesund ernährt, und es deshalb nicht tun, obwohl sie es eigentlich wollten? Wird ihnen denn nicht von einer perfiden Lebensmittelindustrie verstecktes Fett und versteckter Zucker untergejubelt? Muß der Staat denn da nicht wenigstens aufklären, wenn er schon nicht aktiv eingreifen sollte?

Meine Gegenfrage lautet: Ja, warum denn der Staat? Es gibt Vieles, worüber die meisten Menschen gern aufgeklärt werden wollen. Darüber beispielsweise, welche Autos gut und preiswert sind und welche weniger; wo man günstig Urlaub machen kann; wie man sich schick und begehrenswert macht. Und natürlich auch, wie man sich gesund ernährt.

In einer freien Gesellschaft, in unserer Informations­gesell­schaft zumal, ist es überhaupt kein Problem, an diese Informationen zu kommen. Man findet sie im Internet; es gibt für das alles spezielle Zeitschriften; es gibt Berater­sendungen aller Art im TV, und es gibt Organisationen, deren Ziel es ist, uns mit solchen Informationen zu versorgen.

Sie finanzieren sich durch das, was der Konsument für solche Informationen, was er für Aufklärung und Beratung zu zahlen bereit ist. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, daß sich der Staat hier einmischt und dafür unsere Steuern ausgibt.

Sie ausgibt für etwas - Testen, Vergleichen, Bewerten - , das andere im übrigen besser können als Bürokraten. Und das sie als Angebot an freie Bürger bereitstellen, statt es als Maßnahmen zu deren Erziehung zu verordnen.
Zettel



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