15. Oktober 2009

Neues aus der Forschung (6): Hypnose - Scharlatanerie oder ernsthafter Forschungsgegenstand? Teil 2: Wissenschaftliches

Daß Phänomene, die zunächst ein fragwürdiges Dasein am Rande der Wissenschaft fristen, irgendwann in deren Fokus geraten und damit reputierlich werden, ist nichts Ungewöhnliches.

Die Chemie ging aus der Alchemie mit ihrem esoterischen Gehabe hervor. Viele physikalische Erscheinungen wurden, bevor sie wissenschaftlich untersucht wurden, als Wunderlichkeiten, ja als Jahrmarkts- Attraktionen vorgeführt.

Noch der große Georg Christian Lichtenberg (1742-1799), Professor für Physik in Göttingen, ergötzte sich und seine Hörer damit, es in seinen Vorlesungen kräftig knallen und die Funken sprühen zu lassen. Seine Demonstrationen mit der "Elektrisiermaschine" waren nicht unähnlich denen des Schaustellers Martin Berschitz, der damit zur selben Zeit das höfische Publikum in Erstaunen versetzte.

Damals, im 18. Jahrhundert, entwickelte sich aus derlei spektakulären Demonstrationen die wissenschaftliche Lehre von der Elektrizität. Wenn die Hypnose, wie im ersten Teil beschrieben, lange Zeit näher bei Alchemie und Bühnen- Gaukelei verortet war als in der wissenschaftlichen Forschung, dann muß das also nicht bedeuten, daß sie kein Phänomen wäre, das eine ernsthafte wissenschaftliche Befassung verdient.

Bis vor kurzem war diese wissenschaftliche Hypnose- Forschung allerdings auf die Beobachtung des Verhaltens der Versuchspersonen angewiesen. Schon der rigoros wissenschaftlich arbeitende Clark L. Hull, einer der großen Behavioristen, hatte sich 1933 an einer wissenschaftliche Analyse der Hypnose versucht. Seinen objektiven Ansatz haben andere fortgeführt, wie z.B. der kürzliche verstorbene Theodore X. Barber.

Sehr viel ist dabei aber nicht herausgekommen. Den Durchbruch brachten erst die methodischen Fortschritte der Hirnforschung in den vergangenen Jahrzehnten. Im Folgenden stütze ich mich hauptsächlich auf den schon im ersten Teil erwähnten Aufsatz von Susan Gaidos in Science News (Bd. 176, Nr.8, 10. Oktober 2009, S. 26).



In einer früheren Folge dieser Serie habe ich einen Überblick über die Methoden der modernen Hirnforschung gegeben. Von ihnen hat sich für die Hypnose- Forschung vor allem die Kernspin- Tomographie (fMRI) als wichtig erwiesen. Sie erlaubt es, zu messen und in Falschfarben- Bildern darzustellen, welche Regionen des Gehirns in einem gegebenen Zeitraum besonders aktiv sind.

Schauen Sie sich bitte einmal diese Abbbildung an (aus urheberrechtlichen Gründen kann ich sie leider nicht hier hineinkopieren). Sie sehen einen Blick von oben auf die Großhirnrinde; so dargestellt, daß der vordere Teil des Gehirns in der Abbildung unten ist.

Die farbigen Areale zeigen erhöhte Aktivität in einem Experiment, in dem die Versuchspersonen die einfache Aufgabe hatten, eine Taste mit entweder der linken oder der rechten Hand zu drücken, wenn ein Signal dies verlangte. Gemessen wurde die Hirnaktivität u.a. in der Zeit unmittelbar nach dem Signal, wenn die Versuchspersonen dabei waren, die verlangte Reaktion vorzubereiten; diese Daten zeigt die Abbildung.

Es gab drei Gruppen von Versuchspersonen (in den Klammern die Farbe, die für die Darstellung der jeweiligen Ergebnisse in der verlinkten Abbildung verwendet wurde): Hypnotisierte (gelb), nicht Hypnotisierte (rot) und Personen, die man instruiert hatte, zu simulieren, daß ihre Hand gelähmt sei (grün).

Alle drei Gruppen zeigen unmittelbar nach dem Signal, eine Taste zu drücken, Aktivität im motorischen Kortex (die Flecken rechts und links ungefähr in der Mitte). Aber nur bei den Hypnotisierten (die mit der "gelähmten" Hand nicht reagierten) fand sich zusätzlich eine erhöhte Aktivität im Bereich des Scheitel- und Frontalhirns; vor allem in einem bestimmten, tiefliegenden Areal des Scheitellappens, dem Präcuneus.

Dies sind Daten, die im Juni dieses Jahres von einem Team des Zentrums für Neurowissenschaften der Universität Genf publiziert wurden; eine detaillierte Zusammenfassung der im einzelnen komplexen Resultate findet man in Science Blogs.

Was haben diese Befunde zu bedeuten? Offenbar bereiten auf das Signal hin, die Taste zu drücken, auch die Hypnotisierten eine Reaktion vor. Aber sie führen sie mit der "gelähmten" Hand nicht aus. Wieso nicht, das läßt die Aktivität im Präcuneus vermuten: Dies ist ein Areal, in dem der eigene Körper repräsentiert ist und das dann aktiv wird, wenn man sich in Vorstellungen mit seinem Körper beschäftigt.

Die hypnotische Suggestion, der Arm sei gelähmt, scheint also diese interne Repräsentation des eigenen Körpers zu beeinflussen. Die Reaktion auf das Signal hin wird zwar vorbereitet; aber durch diese Aktivierung einer geänderten Repräsentation des eigenen Körpers gelangt sie nicht zur Ausführung. Es sieht so aus, als würde die motorische Steuerung durch die Hypnose neu konfiguriert, schreiben die Autoren.



Vorstellungen spielen eine wichtige Rolle bei der Steuerung unseres Verhaltens. Der Slalomfahrer geht "im Geist" die Strecke durch, bevor er startet. Der Turmspringer steht oben auf seinem Turm und stellt sich, bevor er zum Sprung ansetzt, dessen Ablauf noch einmal vor.

Diese natürliche Funktion, daß Vorstellungen unser Verhalten steuern, wird in der Hypnose, so scheint es, verstärkt. Vermutlich hängt das mit dem zusammen, was ich im ersten Teil geschildert habe: Dem Zustand extremer Konzentration, der "Trance", der beim Hypnotisierten erzeugt wird. Richtet sich seine Konzentration auf den Hypnotiseur ("Rapport" nannte man das früher), dann kann dieser durch sprachliche Anweisungen Vorstellungen erzeugen, die sich dann auf das Verhalten auswirken; etwa, indem sie die interne Repräsentation des eigenen Körpers verändern.

Nichts Geheimnisvolles also. Vieles ist noch ungeklärt - vor allem, auf welchem genauen Weg die Vorstellungen die Motorik beeinflussen -, aber die Erforschung hypnotischer Phänomene hat jetzt eine solide wissenschaftliche Grundlage.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Galileo Galilei, gemalt im Jahr 1605 von Domenico Robusti. Ausschnitt.

Die SPD bei 20 Prozent. Von der Volkspartei zur Karrieristenpartei. Der Niedergang der SPD begann am 29. Mai 1991

In den fünfundvierzig Jahren von 1946 bis 1991 hatte die SPD vier Vorsitzende: Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Willy Brandt und Hans- Jochen Vogel.

In den achtzehn Jahren von 1991 bis 2009 hatte die SPD zehn Vorsitzende: Björn Engholm, Johannes Rau, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder, Franz Münterfering, Matthias Platzeck, Kurt Beck, Frank-Walter Steinmeier und nochmals Franz Müntefering.

Keiner dieser zehn Vorsitzenden seit 1991 brachte seine Amtszeit ordentlich zu Ende:
  • Engholm trat nach zwei Jahren wegen einer Affäre (der sogenannten Schubladenaffäre) zurück.

  • Johannes Rau verwaltete das Amt daraufhin für zwei Monate kommissarisch.

  • Rudolf Scharping wurde auf dem Mannheimer Parteitag 1995 von Oskar Lafontaine gestürzt.

  • Dieser trat als Vorsitzender 1999 zurück, nachdem er sich endgültig mit Gerhard Schröder überworfen hatte.

  • Schröder brachte es als Lafontaines Nachfolger immerhin auf fünf Jahre, bevor er 2004 in einer tiefen Krise seiner Regierung das Amt völlig unerwartet an Franz Müntefering abgab.

  • Müntefering wurde nach eineinhalb Jahren durch eine Intrige von Andrea Nahles gestürzt, die bereits am Sturz von Scharping mitgewirkt hatte ("Lirum, larum, Löffelstiel").

  • Auf Müntefering folgte Matthias Platzeck, der ganze fünf Monate durchhielt, bevor er im April 2006 "aus gesundheitlichen Gründen" das Handtuch warf.

  • Sein Nachfolger Kurt Beck schaffte immerhin zweieinhalb Jahre. Im September 2008 wurde er durch Franz Müntefering und Frank- Walter Steinmeier gestürzt.

  • Gut einen Monat lang amtierte daraufhin Frank- Walter Steinmeier als kommissarischer Vorsitzender.

  • Ihm folgte am 18. Oktober 2008 Franz Müntefering. Er hat bereits angekündigt, den Parteivorsitz abzugeben.
  • Seinen Nachfolger Sigmar Gabriel hatte ohne Münteferings Mitwirkung ein kleiner Klüngel bereits unmittelbar nach den Wahlen ausgekungelt; siehe unten.



    Bei einem Unternehmen, das seinen Vorstandsvorsitzenden im Schnitt alle eineinhalb Jahre wechselt - und noch dazu unter solchen Umständen - würde man sich wundern, daß es überhaupt noch existiert. Bei der SPD kann man sich darüber wundern, daß ihr (laut aktuellen Umfragedaten) immer noch zwanzig Prozent der Wähler vertrauen. Diese Partei hat sich in knapp zwei Jahrzehnten selbst an den Rand des Ruins gebracht.

    Nein, so ist es nicht ganz richtig. Nicht die Partei hat sich selbst in den jetzigen Zustand gebracht; sondern geschafft hat das die "schmucke Riege". So nannte in den achtziger Jahren die SPD- Politikerin Anke Fuchs einmal jene Gruppe von SPD-Politikern, die als "Generation der Enkel" ganz nach oben strebte. Alle damals um die vierzig bis fünfzig; alle auf dem Sprung an die Macht - mindestens an die Spitze der SPD; wenn möglich, ins Kanzleramt.

    Eine Generation, die ihre politisch prägenden Erfahrungen in der Zeit der APO, der Studentenunruhen, der K-Gruppen gemacht hatte; in jener Zeit, die man heute gern die Epoche der "Achtundsechziger" nennt. Etliche von ihnen hatten es in den achtziger Jahren und Anfang der neunziger Jahre bereits zum Ministerpräsidenten gebracht - Oskar Lafontaine im Saarland, Gerhard Schröder in Niedersachsen, Rudolf Scharping in Rheinland- Pfalz, Björn Engholm in Schleswig- Holstein. Aber sie wollten mehr; sie wollten die Macht in Bonn.

    Und sie haben es an die Macht zumindest in der SPD geschafft, alle. Einer nach dem anderen. Sie haben um diese Macht gekämpft, gerangelt, intrigiert. Und sie haben dabei einen Politikstil gepflegt, der sich seit der Zeit der "Achtundsechziger" in dieser Generation etabliert hatte. Er ist es, der die SPD ruiniert hat; erst langsam, dann mit dem Tempo, das sie heute auf zwanzig Prozent hat sacken lassen.



    Das Schlüsseldatum für das Ende der alten SPD und den Beginn einer SPD der rücksichtslosen Karrieristen ist der 29. Mai 1991. An diesem Tag wurde Björn Engholm zum Nachfolger von Hans- Jochen Vogel gewählt, der den Vorsitz von Willy Brandt übernommen hatte und der aus Altersgründen nicht mehr antrat.

    Dies ist deshalb das Schlüsseldatum, weil Björn Engholm in seiner Person den Umbruch verkörperte.

    Die SPD hatte seit der Zeit des Kaiserreichts bei ihren Vorsitzenden vor allem auf eines geachtet: Daß sie anständige, zuverlässige Männer waren, denen die Partei wichtiger war als ihre eigene Karriere; "gediegene" Persönlichkeiten, um es mit einem hier passenden altmodischen Wort zu sagen. Das galt für Schumacher, Ollenhauer, Brandt und Vogel ebenso wie für ihre Vorgänger vor dem Zweiten Weltkrieg; für Männer wie Friedrich Ebert, Hermann Müller und Otto Wels.

    Als Engholm 1991 gewählt wurde, schien auch er in diese Reihe zu passen. Er hatte wenige Jahre zuvor die Barschel- Affäre überstanden, in der er als der Ehrliche erschienen war, ein Opfer finsterer Intrigen. Der "Spiegel" (Heft 22/1991 vom 27.05.1991, S. 30ff) beschrieb Engholm damals als
    ... proper, beliebt, relaxed, nicht verbiestert, ideologisch keinem Flügel verhaftet (...) Was er von sich gab - nach bitteren Monaten des Zanks -, kam vielen Genossen wie eine Verheißung vor. Den "Kitt" wolle er bilden, der seiner Partei fehle. Er sei einer, "der über die Ränder hinausgucken kann", der "menschlich eine Persönlichkeit ist, mit der man sich identifizieren kann". Wer kann das schon von sich sagen? Bei Björn Engholm meldete niemand Zweifel an.
    Die Zweifel allerdings kamen schon zwei Jahre später, als sich herausstellte, daß Engholm während der Barschel- Affäre keineswegs so unschuldig- unwissend gewesen war, wie er es dargestellt hatte. Er trat von allen Ämtern zurück.



    Engholm war der Älteste in der "schmucken Riege"; aber er war halt doch auch einer aus dieser Generation, die einen ganz anderen Politikstil pflegte als ihre älteren Genossen. Er ist gewissermaßen das (nicht) missing link.

    Ich habe in den siebziger Jahren erlebt, wie sich dieser Generationswechsel vollzog; damals zunächst auf der Ebene der Ortsvereine. Die alten Genossen hatten sich natürlich auch gestritten, waren aber im Kern solidarisch gewesen und stellten die Partei vor ihre eigenen Interessen. In den Sitzungen ging es offen zu; von Ausnahmen abgesehen sagte jeder ehrlich seine Meinung.

    Nun traten diese jungen Leute auf, meist erst kurz zuvor in die Partei eingetreten, und entwickelten einen ganz anderen Politikstil; einen, den sie den kommunistischen Gruppen und Grüppchen abgeguckt hatten, die sie von den Unis her oder aus anderen politischen Zusammenhängen kannten.

    Es wurde nicht mehr offen gesprochen. Man versteckte seine eigentlichen Ziele hinter scheinbar harmlosen Anträgen zur Geschäftsordnung. Es wurden heimliche Pläne gemacht, wie man die Älteren nach und nach "abschießen" wollte. Es gab Vorabsprachen vor Abstimmungen, Debatten wurden oft nur noch zum Schein geführt.

    In den siebziger Jahren zog ein machiavellistischer, ein kommunistischer Geist in die SPD ein, der ihr traditionell ganz fremd gewesen war. Viele alte Genossen verließen damals die Partei oder stellten mindestens ihre aktive Mitarbeit ein. Auch die Sozialstruktur der aktiven Mitglieder veränderte sich. Immer weniger Arbeiter fühlten sich in dieser Atmosphäre noch wohl.

    Die damaligen Jusos sind es, die Jahrzehnte später - ihrer weltverbesserischen Illusionen längst beraubt, aber im alten Politikstil - die SPD zugrunde gerichtet haben.

    Demokratische Prinzipien gelten ihnen wenig. Lafontaine putschte gegen Scharping. Schröder knallte seiner Partei die "Agenda 2010" auf den Tisch wie ein Politruk, der seine Befehle ausgibt. Und die nächste Generation - die der "Urenkel" - setzt das fort. Andrea Nahles ließ Müntefering eiskalt auflaufen, als sie ihn in der zentralen Frage des Generalsekretärs in die Minderheit manövrierte.

    Und jetzt - der "Spiegel" (Heft 41/2009 vom 5. 10. 2009, Seite 20ff) beschrieb es ebenso detailliert wie genüßlich - hat die "Viererbande" aus Nahles, Gabriel, Wowereit und Scholz bereits am Abend des Montags nach der Wahl personell alles klargemacht, ohne irgendein Gremium einzuschalten. Demokratischen Zentralismus nennen das die Kommunisten.



    Gewiß, es gibt viele Gründe für den Niedergang der SPD. Auch andere sozialdemokratische Parteien in Europa haben es derzeit schwer. Die Kommunisten machen in Deutschland den Sozialdemokraten zusätzlich zu schaffen. Und gewiß - ja, gern zugegeben - : Machiavellismus gibt es überall in der Politik. In jeder Partei wird gelegentlich mit harten Bandagen gekämpft.

    In dieser heutigen SPD ist aber das Kämpfen nicht nur mit harten Bandagen, sondern mit Tritten und mit Schlägen unter die Gürtellinie zum bestimmenden Stil geworden. In keiner Partei geht es heute so unsolidarisch zu wie in dieser Partei, die seit fast eineinhalb Jahrhunderten die Solidarität propagiert.

    Schon dürfen wir uns auf neue Gladiatorenkämpfe freuen. In der Viererbande, die jetzt in der SPD das Ruder übernommen hat, ist man sich gegenseitig spinnefeind. Gabriel und Scholz pflegen, wie man in dem zitierten "Spiegel"- Artikel nachlesen kann, eine tiefempfundene Feindschaft. Gabriel und Nahles mögen einander so wenig, daß sie bisher kaum miteinander kommuniziert haben.

    Man mag das mit grimmiger Freude beobachten. Man mag sich als Liberaler, als Konservativer darüber freuen, wie dieser Partei, die so ein jämmerliches Bild bietet, die Wähler davonlaufen. Ich kann mich darüber nicht freuen. Denn eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn es eine Opposition gibt, die jederzeit regierungsfähig ist. Die SPD in ihrem heutigen Zustand, gar im Bündnis mit den Kommunisten oder mit ihnen zu einer SED 2.0 wiedervereinigt, ist das nicht.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Banner des SPD Ortsverein Uetersen, Gründungsjahr 1874. Vom Autor Huhu Uet unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 order später, in die Public Domain gestellt.

    14. Oktober 2009

    Zitat des Tages: "Das System radikalisiert sich". Ein Bericht aus dem Iran

    Although Iran's opposition movement has witnessed an unprecedented surge in public support, the election and its aftermath mark a radicalization of the system not seen since the early days of the Islamic revolution.

    (Zwar hat die iranische Oppositionsbewegung einen beispiellosen Aufschwung in ihrer Unterstützung durch die Bevölkerung erfahren, aber die Wahlen und die Folgezeit markieren eine Radikalisierung des Systems, wie es sie seit den Anfängen der Islamischen Revolution nicht mehr gegeben hat.)

    Jerry Guo in Foreign Affairs (September/Oktober 2009) über die aktuelle Situation im Iran. Überschrift des Artikels: "Letter From Tehran: Iran's New Hard- Liners. Who Is in Control of the Islamic Republic?" (Brief aus Teheran: Die neuen Hardliner des Iran. Wer beherrscht die Islamische Republik?)


    Kommentar: Wenn in einem Land Spektakuläres geschieht, wie im Iran nach den Wahlen, dann zieht dies das Interesse der Weltöffentlichkeit auf sich. Kehrt wieder "Normalität" ein - wie anomal sie auch sein mag, gemessen an den Kriterien für ein akzeptables Staatswesen -, dann schwindet dieses Interesse sehr schnell. Am Iran interessiert im Augenblick hauptsächlich seine Atomrüstung; die innenpolitische Lage ist längst aus den Schlagzeilen verschwunden.

    Aus der Sicht von Jerry Guo ist diese Lage nicht durch einen Machtkampf zwischen "Gemäßigten" und "Hardlinern" gekennzeichnet, wie das im Westen oft gesehen wird. Vielmehr sei die Macht nach den Wahlen und der Niederschlagung der Demonstrationen fest in der Hand verschiedener Gruppen von Hardlinern.

    Gemäßigte wie Ali Laridschani, die während der ersten Amtszeit Ahmadinedschads einen gewissen Einfluß gehabt hätten, seien weitgehend kaltgestellt. An ihre Stelle sei eine zweite Generation von Revolutionären getreten, Männer aus dem Sicherheitsapparat, die im Iran als die "Neue Rechte" bezeichnet werden; unter ihnen der besonders gefürchtete Sohn des Ayatollah Khamenei, Moschtaba Khamenei. Diese seien eine Koalition mit ultrakonservativen Klerikern und und radikal- islamistischen Organisationen wie der "Allianz für den Aufbau eines Islamischen Iran" eingegangen.

    Eine Schlüsselrolle in diese Koalition spielt - ich berichte weiter, was Guo schreibt - die Revolutionsgarde, genauer die "Garde der Islamistischen Revolutionswächter"; nach ihrer englischen Bezeichnung (Islamic Revolutionary Guards Corps) IRGC genannt. Im IRGC hatte es vor den Wahlen Sympathien für den Reformkurs Mussawis gegeben; nach den Wahlen und den anschließenden Unruhen wurden diese unsicheren Kantonisten hinausgesäubert. Jetzt ist das IRGC wieder stramm auf der Linie der Hardliner.

    Im Fokus dieser rechtsextremen Allianz steht nicht mehr die Religion. Vor allem geht es um die Verteilung der Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Dieses Geschäft betreibt das IRGC nach Mafia-Art: Mit erzwungener billiger oder kostenloser Arbeit und einem repressiven Sicherheitsapparat werden hohe Profite erwirtschaftet; auch der Schwarze Markt wird weitgehend vom IRGC beherrscht.

    Zugleich hat das IRGC im neuen Kabinett Ahmadinedschad die Schlüsselressorts besetzt - das Verteidigungs- das Innenministerium und das Ministerium für den Geheimdienst; dazu das Erdöl-Ministerium. Damit kontrolliert es den Repressionsapparat und den Schlüsselbereich der iranischen Wirtschaft.

    Guo ist angesichts dieser Entwicklung pessimistisch, was die Innenpolitik und auch was die Nuklearpolitik des Iran angeht. Die Mafia der IRGC, meint Guo, hätte überhaupt kein Interesse daran, daß der Iran aus seinem Status als internationaler Paria herauskommt. Denn diese jetzige Lage nährt den Schwarzen Markt. Eine Öffnung zum Westen würde die Machtbasis der Hardliner gefährden.



    Über die Zuverlässigkeit der Analyse von Jerry Guo kann ich nichts sagen. Er ist kein Journalist oder Politologe, sondern ein Banker, der längere Zeit im Iran tätig war. Obwohl sein Artikel "Brief aus Teheran" überschrieben ist, scheint er im Augenblick nicht mehr im Iran zu sein.

    Foreign Affairs ist eine der angesehendsten internationalen Zeitschriften für Außenpolitik; man kann also davon ausgehen, daß Guos Artikel vor der Publikation von Fachleuten auf seine Fundiertheit geprüft wurde. Ich halte ihn auch deshalb für stichhaltig, weil er im Kern mit der seinerzeitigen Analyse von George Friedman in Stratfor übereinstimmt; siehe Barack der Redner redet wieder. Aber woran ist die iranische Revolution gescheitert? Die Antwort von George Friedman; ZR vom 24.6.2009.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    13. Oktober 2009

    Neues aus der Forschung (6): Hypnose - Scharlatanerie oder ernsthafter Forschungsgegenstand? Teil 1: Fragwürdiges

    Die Hypnose steht in keinem guten Ruf. Ein Phänomen zwischen Therapie und Bühnen- Klamauk. Ein Phänomen, von dem gar nicht sicher ist, daß es überhaupt existiert - besteht der ganze Zauber nicht vielleicht nur darin, daß jemand die Rolle des "Hypnotisierten" übernimmt und sie spielt, so gut er denn kann? Für diese skeptische Position gibt es ausgezeichnete Argumente; im Skeptic's Dictionary sind sie konzis zusammengefaßt.

    Und noch dazu ist die Hypnose ein Phänomen mit einer anrüchigen Vergangenheit, die zurückreicht bis ins 18. Jahrhundert, als der Theologe und Mediziner Franz Anton Mesmer mit seinen fragwürdigen Vorführungen des "animalischen Magnetismus" die Damen und Messieurs des Rokoko beeindruckte. Schon damals kamen mehrere wissenschaftliche Kommissionen zu dem Schluß, daß es für die Existenz des von Mesmer behaupteten animalischen Magnetismus keine Belege gebe. Der britische Medizin- Historiker I.M.L. Donaldson hat das mit Liebe zum Detail recherchiert.

    Auch daß Sigmund Freud es zuerst mit Hypnose versuchte, bevor er das Verfahren der Psychanalyse entwickelte, macht die Sache für viele wohl kaum seriöser. Er hatte das Hypnotisieren während seines Studienauftenthalts in Frankreich gelernt; unter anderem bei Jean-Marie Charcot an dem berühmten Hospital Salpêtrière.

    Hier sehen Sie Charcot auf einem zeitgenössischen Gemälde in Aktion. Ob die in die Arme eines Assistenten gesunkene Frau hypnotisiert war oder einen hysterischen Anfall hatte, ist allerdings nicht ganz klar:


    Reichlich schwankender Boden also. Viele Psychologen und Neurowissenschaftler haben es deshalb lange vermieden, sich mit der Hypnose zu befassen. Zumal anfängliche Versuche, Besonderheiten im EEG zu finden, während jemand hypnotisiert ist, ohne Ergebnis blieben. Das EEG unter Hypnose schien dem Wach-EEG zu gleichen wie ein Ei dem anderen.

    Also alles doch nur Schwindel, nur ein Rollenspiel, bei dem der "Hypnotisierte" mitmacht? Wohl doch nicht, wie die aktuelle Forschung zeigt.



    Betrachten wir, bevor wir uns der Hirnforschung zuwenden, etwas Geläufigeres. Nehmen wir den Fußball; nehmen wir dort den Torwart. Man hat entsprechenede Äußerungen von den Torleuten Kahn und Lehmann gehört; jüngst hat es René Adler nach dem Spiel am vergangenen Samstag gegen Rußland gesagt: Ein Spitzentorwart befindet sich während des Spiels in einem Zustand trance- artiger Konzentration. "Spiegel- Online! über René Adler:
    Es war die ihm eigene absolute Konzentration, die seine ohnehin gezügelten Emotionen in diesem Augenblick völlig ausschaltete. "Ich habe gar nicht realisiert, dass Schluss war", schilderte Adler im Kabinentrakt des Luschniki- Stadions die Schlussszene. "Ich habe gedacht, der Schiedsrichter hat Freistoß gepfiffen. Ich war wirklich noch sehr angespannt in diesem Moment und so auf dieses Spiel fokussiert, dass ich den Ball nicht aus den Augen lassen wollte." Bis der Schweizer Schiedsrichter Massimo Busacca das Match abpfiff. "Es hat ein paar Sekunden gedauert, bis mir klar war, dass das Spiel vorbei ist. Ich musste das erst sacken lassen. Dann kamen nach und nach auch die Emotionen."
    Ein solcher Zustand extremer Konzentration, der die Aufmerksamkeit auf eine einzige Aufgabe fokussiert, stellt sich in vielen Situationen ein. Beim Dirigenten, für den während des Dirigierens das Orchester und das Musikstück seine kognitive Welt sind; beim Soldaten, der sich so auf den Kampf konzentriert, daß er selbst eine schwere Verwundung nicht bemerkt. Auch der Computerspieler kennt das, der nicht bemerkt, was um ihn herum im Raum vorgeht, während er seine Punkte zu erjagen trachtet.

    Die Möglichkeit, daß wir uns derart konzentrieren können, ist biologisch sinnvoll. Sie ermöglicht es uns, alle Ressourcen für eine Aufgabe von besonderer Wichtigkeit bereitzustellen. Daß wir dafür das monitoring, die Überwachung unserer Umwelt auf neue Ereignisse hin, vorübergehend vernachlässigen, kann in Kauf genommen werden.

    Für solche Zustände höchster Konzentration hat sich die Bezeichnung "Trance" eingebürgert; eine unglückliche Bezeichnung, weil sie für etwas ganz Natürliches und Normales ein Wort verwendet, das mit allerlei fragwürdigen Konnotationen belastet ist. Die Technik des Hypnotisierens besteht darin, einen solchen Zustand der Trance herbeizuführen, in dem der Hypnotisierte seine Aufmerksamkeit ganz auf den Hypnotiseur konzentriert, so daß er für dessen Suggestionen offen ist.

    Wenn dies also ein biologisch zwar nicht häufiger, aber normaler Zustand ist, dann darf man erwarten, daß ihm identifizierbare Gehirnmechanismen zugrundeliegen. Anders als die ältere Forschung, die mit der damaligen groben Methode der Analyse von EEG-Frequenzen nichts hatte finden können, haben die heutigen Methoden der Darstellung von Gehirnvorgängen mit bildgebenden Verfahren höchst Interessantes zutage gefördert.

    In Science News (Bd. 176, Nr.8, 10. Oktober 2009, S. 26) hat jetzt Susan Gaidos diese neuen Ergebnisse zusammengefaßt. Über sie berichte ich im zweiten Teil.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Galileo Galilei, gemalt im Jahr 1605 von Domenico Robusti. Ausschnitt. Illustration: Der Hypnoseforscher Jean-Marie Charcot bei einer Demonstration vor seinen Studenten. Gemälde von André Brouillet (1887). Ausschnitt. Copyright erloschen.

    12. Oktober 2009

    Zitat des Tages: "Die Gespräche mit der CDU wurden abgesagt". Eine Absage an Matthias Platzeck

    Brandenburgs SPD wird Koalitionsverhandlungen mit der Linken aufnehmen. Das kündigte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) an. Die Sondierungskommission habe nach der letzten Runde mit der Linkspartei einstimmig beschlossen, dem Landesvorstand am Abend die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der Linken zu empfehlen. Die Sondierungsgespräche mit der CDU wurden abgesagt.

    Aus einer heutigen Meldung von "Welt- Online".


    Statt eines Kommentars diesmal ein zweites Zitat. Ich habe es einem Artikel des Chefredakteurs von "Cicero", Wolfram Weimer, entnommen, dessen Thema die Ehrung von Herta Müller mit dem Literatur- Nobelpreis ist:
    Plötzlich wird uns klar, dass die historische Weichzeichnung der europäischen Linken oft ein schamloses Spiel ist, um die inhumane Brandspur der sozialistischen Geschichte zu verwischen. Hat vor diesem Nobelpreis noch irgendjemand von den Mauertoten und den Gefolterten von Bautzen gesprochen, vom großen Diebstahl an einer ganzen Generation, von den Tränen vieler Nationen? Über die Folterkeller der Gulag- Gesellschaften legte sich ein Mantel des Schweigens. (...)

    In Deutschland sollte die Linkspartei – immerhin die direkte Nachfolgerin der SED – regierungsfähig gemacht werden (...) Wir schienen offensichtlich unfähig zu trauern mit den Opfern, wir legten uns ein steinernes, kaltes Herz zu. Doch nun ist etwas anders geworden.
    Nein, lieber Wolfram Weimer, es nichts anders geworden, leider. Und ausgerechnet Matthias Platzeck, einst in der DDR ein Bürgerrechtler, führt es uns vor Augen.

    Ich hatte bisher eine gute Meinung von Matthias Platzeck. Ich habe mich geirrt. Flink wie nur einer ist er auf den Bandwagon gehüpft, der bei der SPD in Richtung Volksfront mit Volldampf unterwegs ist.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Inger.

    Jamaika im Saarland. Ein dritter Umbruch im deutschen Parteiensystem?

    Daß die Grünen des Saarlands sich für Jamaika entschieden haben, ist keine sehr große Überraschung. Die Schreckens- Vorstellung, unter dem dann heimlichen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine dienen zu müssen, war stärker als alle Sympathien für eine linke Regierung.

    Überrascht hat mich allerdings schon, wie deutlich das Votum ausfiel: 117 von 150 Delegierten, nicht weniger als 78 Prozent, votierten für die Aufnahme von Verhandlungen mit der CDU und der FDP. Die Angst vor Oskar dem Schrecklichen war offenbar deutlich größer als die Hoffnung darauf, zusammen mit den Sozialdemokraten und den Kommunisten "grüne Inhalte" verwirklichen zu können.

    Ein schöner Erfolg für den Vorsitzenden Hubert Ulrich, der wohl von Anfang an auf diese Entscheidung zusteuerte. Mit dem Ergebnis, daß es eine in der deutschen Parlaments- Geschichte vermutlich einmalige Relation von Ministern zu Abgeordneten geben wird: Drei Abgeordnete haben die Grünen im Landtag; zwei Minister werden sie vermutlich stellen. Ein schönes Beispiel also auch dafür, wie Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen.

    Aber nicht darin sieht Ulrich das Bemerkenswerte an diesem Beschluß der saarländischen Grünen. Er spricht von einem "Modernisierungsprojekt", er spricht gar von einer "Koordinatenverschiebung im politischen System".

    Nein, das Koordinatensystem wird sich nicht "verschieben"; das tun Koordinatensysteme selten. Wohl aber könnten sich innerhalb des deutschen politischen Koordinatensystems in den kommenden Jahren beträchtliche Verschiebungen ergeben, vielleicht ein Umbruch. Freilich nicht durch die Entscheidung der saarländischen Grünen.



    Es wäre nicht der erste Umbruch im deutschen Parteiensystem.

    In den ersten Jahren der Bundesrepublik gab es ein Vielparteiensystem, wie es für das Verhältniswahlrecht typisch ist. Im ersten deutschen Bundestag waren neben der Union, der SPD und der FDP auch die KPD, die konservative Deutsche Partei (DP), das Zentrum, die Bayernpartei und die Wirtschaftliche Wiederaufbau- Partei (WAV) vertreten, deren Rolle später der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) übernahm.

    Wie man hier sehen kann, gingen 1949 fast alle Direktmandate aus Altbayern an die Bayernpartei. Die DP eroberte einen erklecklichen Teil Niedersachsens. Die FDP hatte rund ein Dutzend Direktmandate, vor allem in Nordhessen. Ein bunter politischer Atlas, wie es ihn seither in Deutschland nicht wieder gegeben hat.

    Aus diesem Vielparteiensystem wurde in der Folgezeit ein Dreiparteiensystem, mit den übermächtigen Volksparteien Union und SPD und einer schwachen FDP, die meist unter zehn Prozent lag, manchmal nur knapp über fünf Prozent. Das war der erste Umbruch in unserem Parteiensystem.

    Der zweite, kleinere Umbruch, ging einher mit dem Auftauchen der Grünen Anfang der achtziger Jahre. Nun gab es zwei große und zwei kleine Parteien und damit zwei "Lager" aus je zwei Parteien. Die Großen waren immer noch Volksparteien und die Kleinen Klientelparteien (der "Besserverdienenden", der Ökos).

    Mit dem Erstarken der Kommunisten und als Folge der vergangenen Großen Koalition hat sich das geändert; wir haben jetzt - so scheint es - einen dritten Umbruch. Er führt zurück zu einem Vielparteiensystem. Die Volksparteien sind Vergangenheit.

    Wer sich in Zukunft wieviel von dem jetzt neu zu teilenden Kuchen abschneidet, ist völlig offen; zumal es in der Logik der jetzigen Entwicklung läge, daß eine konservative Partei rechts von der Union auftritt. Eine entsprechende Parteigründung hätte exzellente Chancen. Nur müßte es eine Neugründung sein, in der untadelige Demokraten wie, sagen wir, Meinhard Miegel und Friedrich Merz tonagebend sind und die jede Nähe zum Rechtsextremismus so eindeutig ausschließt, wie das zB für die konservativen Parteien in Frankreich selbstverständlich ist.

    Wie bei geologischen Verschiebungen merkt man seismographisch, daß sich etwas anbahnt. Schwerer ist es, vorherzusagen, worauf es hinauslaufen wird.



    Offensichtlich ist der Niedergang der SPD und parallel dazu der Aufstieg der Kommunisten.

    In keinem der Länder, die sich vom Kommunismus befreit haben, sind die Kommunisten noch so stark wie im östlichen Teil Deutschlands. Vermutlich liegt das paradoxerweise gerade daran, daß es Niemandem von denen, die unter dem Kommunismus hatten leben müssen, heute auch nur entfernt so gut geht wie den Ostdeutschen.

    Sie wurden damit weit weniger mit dem konfrontiert, was der Kommunismus angerichtet hatte. Sie mußten und müssen sich nicht selbst aus der Misere herausarbeiten; das haben weitgehend die Westdeutschen mit ihren mehr als großzügigen Transferleistungen getan. Dies hat bei vielen Ostdeutschen zu einer Empfänger- Mentalität geführt. Die PDS, im Augenblick als "Die Linke" firmierend, wird gewählt, weil sie verspricht, diese Interessen zu bedienen.

    Sie wird auch gewählt, weil sie eine zunehmend verklärte DDR repräsentiert. Man kann sie verklären, weil von ihren Hinterlassenschaften - den heruntergekommenen Städten, den nicht konkurrenzfähigen Fabriken, dem erbärmlichen Straßensystem, der in vielen Bereichen fast inexistenten Infrastruktur - ja nichts mehr zu sehen ist. Dank der Hunderte von Milliarden Euro, die aus dem Westen in den Wiederaufbau Ost geflossen sind.



    Wie einst die "Grünen" ist diese Linkspartei "Fleisch vom Fleisch der SPD", um an das Wort von Peter Glotz zu erinnern. Insofern ist deren Rückgang unvermeidlich. Aber diese aktuelle Entwicklung offenbart auch eine tiefere Krise.

    Die Stärke der Sozialdemokratie basierte seit 1919, als sich die Kommunisten abspalteten, darauf, daß sie Dasselbe versprach wie die Kommunisten - eine gerechte Gesellschaft -, aber ohne die Androhung einer Revolution und ohne Preisgabe der Freiheit.

    Die Spannbreite der Sozialdemokratie lag damit zwischen einem Linkssozialismus, der dieses Versprechen durch "Überwindung" des Kapitalismus einlösen wollte, und einer pragmatischen Strömung, die längst ihren Frieden mit dem Kapitalismus gemacht hatte und der es allein darum ging, innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems, innerhalb des freiheitlichen Rechtsstaats eine gewisse Umverteilung zugunsten der unteren Einkommenklassen, auch ein gewisses Maß an staatlicher Lenkung zu erreichen.

    Erfolgreich war die Sozialdemokratie immer dann, wenn diese pragmatische Strömung dominierte; aber nicht so stark, daß sie die Linkssozialisten aus der Partei vertrieben hätte. Driftete die Sozialdemokratie in Richtung Linkssozialismus ab, wie zum Beispiel Anfang der achtziger Jahre in Frankreich, dann mußte sie wirtschaftlich scheitern. Pochten die Pragmatiker brutal auf ihre Dominanz, dann vertrieben sie die Linkssozialisten aus der Partei.

    Das hat Gerhard Schröder 2003 mit seiner "Agenda 2010" getan. Fast alles an dieser Kehrtwende war richtig, ja bitter notwendig, wenn Deutschland nicht vor die Hunde gehen sollte. Aber die selbstherrliche, nachgerade unverschämte Art, in der dieser Basta- Kanzler seiner Partei die Umwertung aller Werte oktroyierte, mußte diese an den Rand der Selbstzerstörung bringen.

    Wohin dieser von Schröder eingeleitete Prozeß der Selbstzerstörung führt, ist noch ungewiß. Im Augenblick deutet alles darauf hin, daß die SPD-Linke, die den Parteiapparat allmählich erobert hat, demnächst auch sichtbar das Ruder übernehmen wird.

    Nachdem sie viele der Linkssozialisten an die Partei "Die Linke" verloren hat, wird die SPD dann viele der verbliebenen Pragmatiker ebenfalls verlieren. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch Peer Steinbrück den Weg von Wolfgang Clement geht, und andere mit ihm.

    Die SPD wird sich dann mit den Kommunisten um die linken Wähler streiten. Eine so geschrumpfte SPD könnte sich auch mit den Kommunisten zur Sozialistischen Einheitspartei wiedervereinigen, zur SED 2.0.



    Für die FDP eröffnet sich damit eine Chance, die sie in ihrer Geschichte noch nie hatte: Die Chance, zu den bisherigen großen Parteien aufzuschließen; siehe Zitat des Tages: "Gesellschaftliche Mitte" vs. "linke Bürgerlichkeit". Die Chance der FDP; ZR vom 11.10.2009.

    Die FDP kann viele der pragmatischen sozialdemokratischen Wähler für sich gewinnen; so, wie das den Liberal Democrats in England gelungen ist und wie es François Bayrou in Frankreich mit seinem MoDem versucht.

    Sie kann sodann, wie schon bisher, Unionswähler an sich binden, die in der heutigen CDU die liberale Strömung vermissen. Und sie könnte sich sogar wieder den nationalliberalen Flügel wachsen lassen, den sie in der Zeit der sozialliberalen Koalition amputiert hat.

    Und die Grünen? Sie waren eine Generationspartei; als solche steht dieser Partei das natürliche biographische Schicksal bevor, mit der Generation der Achtundsechziger ins Grab zu sinken.

    Da wird auch kein Jamaika helfen. Was es bei den Grünen an freiheitlichen Tendenzen gab und vielleicht in Spuren noch gibt, wird von der FDP und - wer weiß - der Piratenpartei aufgesogen werden.

    Eine Zukunft haben die Grünen allein als die Partei des Öffentlichen Dienstes; als die Partei derer, die in so gesicherten Verhältnissen leben, daß ihnen der tropische Regenwald wichtiger sein kann als die Arbeitslosigkeit in Deutschland. Dort werden sie freilich mit der Schrumpf-SPD und den Kommunisten, vielleicht demnächst der SED 2.0, um die Stimmen kämpfen müssen. Und auch noch mit der FDP; nicht jeder im Öffentlichen Dienst ist ja der Freiheit abhold.



    Wir sehen also, betroffen, den Vorhang und auch alle Fragen offen.

    Große Volksparteien gibt es eben à la longue nur unter einem Mehrheitswahlrecht. Wir steuern jetzt auf die Normalität zu, wie sie nun einmal der Preis für das Verhältniswahlrecht ist.

    Welche Parteistrukturen, welche Koalitionen sich daraus ergeben, ist noch nicht absehbar. Am wahrscheinlichsten ist, daß sich ein linkes Lager und ein, wie man so sagt, "bürgerliches" Lager stabilisieren werden. Wie stark darin jeweils die Parteien sind, wo die Grenzen zwischen ihnen verlaufen werden, läßt sich nicht sagen. Die Grünen könnten zur neuen Pendlerpartei zwischen den beiden Lagern werden.

    Zweierlei allerdings erscheint mir sehr wahrscheinlich: Große Volksparteien wird es nicht mehr geben. Und die FDP hat eine ausgezeichnete Chance, eine der an ihre Stelle tretenden mittelgroßen Parteien zu werden - "auf gleicher Augenhöhe" mit den anderen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Aconcagua unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später, freigeben.

    11. Oktober 2009

    Zitat des Tages: "Gesellschaftliche Mitte" vs. "linke Bürgerlichkeit". Die Chance der FDP

    Es gibt eine demokratische Mehrheit für Reformen und gegen das "Aussitzen". Wir haben es mit einer gesellschaftlichen Mitte zu tun, die bereit ist, Deutschland wirtschaftlich vorwärtszubringen, wenn man sie nur lässt. So etwas kommt selten genug vor. Dazu bedarf es einer Politik, die das Wirtschaften erleichtert, ernsthaft die demografischen Herausforderungen annimmt, Arbeitslosigkeit mindert und verhindert, dass die Staatsabhängigkeit bei immer mehr Menschen zum Lebensstil wird.

    Vor allem wird es dann zu einem neuen Freiheitsverständnis kommen, das Liberalität mit Reife verbindet – etwas, worin sich die nun selbstbewusstere "gesellschaftliche Mitte" vom sorglosen Hedonismus der "linken Bürgerlichkeit" der Schröder-Ära deutlich abhebt. Eine solche geordnete Freiheit hat einen ernsthaften Versuch verdient. Bleibt zu hoffen, dass die Politik diese Botschaft auch versteht.


    Der Leiter des Liberalen Instituts der Friedrich- Naumann- Stiftung, Detmar Döring, in einem Gastkommentar gestern in "Welt- Online".


    Kommentar: Döring weist in seinem lesenswerten Artikel darauf hin, daß die FDP bei den letzten Wahlen in keiner Gruppe so stark zugelegt hat wie bei den Wählern mit mittlerem Bildungsabschluß und bei Arbeitern.

    Eine bemerkenswerte Entwicklung. Es scheint der FDP zu gelingen, von einer Partei des liberalen Bürgertums (der "Besserverdienenden", wie man es ihr als Etikett verpaßt hat) zu einer Partei der Leistungsträger zu werden; also Wähler zu gewinnen, die früher (z.B als Facharbeiter) die SPD oder (z.B. als Selbständige) die CDU gewählt haben.

    Wenn die FDP diese Transformation schafft, dann kann sie eine stabile Wählerbasis gewinnen, die ihr mittelfristig Stimmenanteile in der Größenordnung des Anteils der SPD einbringen könnte.

    18 Prozent? Ja, warum denn nicht? Und warum nur 18?



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    10. Oktober 2009

    Nobelpreis für Präsident Obama: Welches werden die Folgen sein?

    Nach der Bekanntgabe der Preisverleihung an Barack Obama stand zunächst im Vordergrund, ob er diesen Preis denn wohl verdient habe; das war auch meine erste Reaktion. Wichtiger ist aber die Frage, welche Folgen die Wahl des Osloer Komitees hat.

    Im Nouvel Observateur sieht Vincent Jauvert positive Folgen. Zwar habe Obamas Politik bisher keine Früchte getragen; dafür bedürfe es eines langen Atems. Die Amerikaner würden deshalb zunehmend ungeduldig werden:
    Ils sont de plus en plus nombreux à juger que leur président est faible et n'obtient rien par sa diplomatie de la main tendue - ni en Iran ni ailleurs, à part la Russie peut-être. C'est pour cela que le Prix Nobel vient à point nommé - pour aider Barack Obama, le soutenir dans sa rénovation radicale de la politique étrangère de la première puissance.

    Espérons que ce ne soit pas déjà trop tard. Que les forces rétrogrades n'ont pas déjà retrouvé suffisamment de forces à Washington pour mettre définitivement en échec le jeune président.

    Diejenigen werden immer zahlreicher, die urteilen, daß ihr Präsident schwach ist und mit seiner Politik der ausgestreckten Hand nichts erreicht - im Iran so wenig wie anderswo, vielleicht mit Ausnahme Rußlands. Deshalb kommt der Nobelpreis genau im richtigen Augenblick - um Obama zu helfen, um ihn bei seiner radikalen Erneuerung der Außenpolitik der größten Weltmacht zu unterstützen.

    Hoffen wir, daß es dafür nicht zu spät ist. Daß die rückwärts gewandten Kräfte in Washington nicht schon genug Kraft gefunden haben, um den jungen Präsidenten endgültig scheitern zu lassen.
    Diese Analyse des von mir sehr geschätzten Vincent Jauvert scheint mir wenig plausibel zu sein.

    Zum einen mögen diejenigen, die Jauvert als "rückwärts gewandte Kräfte" bezeichnet, Obama zwar innenpolitisch das Leben schwer machen. In der Außenpolitik haben die Republikaner ihm aber bisher kaum einen Stein in den Weg gelegt.

    Daß im Nahen Osten nichts von dem von Obama heraufbeschworenen Frieden in Sicht ist, daß immer noch niemand weiß, welche Strategie das Weiße Haus nun eigentlich in Afghanistan verfolgt - das liegt nicht an den Republikanern. Es liegt an Obamas Neigung, unerfüllbare Hoffnungen zu wecken, und es liegt an seiner Entscheidungsschwäche.

    Zum anderen ist es höchst fraglich, ob die Zuerkennung des Nobelpreises Obama überhaupt innenpolitisch stärkt. Sehen wir uns zwei frühere vergleichbare Fälle an:

    Am 10. Dezember 1971 nahm Willy Brandt den Friedensnobelpreis entgegen. Er befand sich damals in einer innenpolitisch prekären Situation: Seine Ostpolitik stieß auf zunehmende Kritik; seine Mehrheit im Bundestag schwand durch Übertritte von Abgeordneten der Koalition zur CDU dahin.

    Die Verleihung des Nobelpreises hat diesen Prozeß nicht gestoppt oder auch nur verlangsamt. Bereits im Frühjahr 1972, ein Vierteljahr nach der Verleihung des Nobelpreises, hatte die sozialliberale Koalition ihre Mehrheit im Bundestag verloren. Im April beantragte die Union daraufhin ein konstruktives Mißtrauensvotum, das nur deshalb scheiterte, weil mindestens zwei Abgeordnete der Union (Julius Steiner und Leo Wagner) vom MfS bestochen worden waren und gegen das Mißtrauensvotum stimmten.

    Brandts Regierung war damit aber nur vorübergehend gerettet; eine Mehrheit hatte sie ja immer noch nicht. Fünf Monate später warf Brandt das Handtuch und stellte die Vertrauensfrage mit der Absicht, Neuwahlen herbeizuführen. Diese gewann er. Allenfalls darin könnte man eine Spätwirkung des Nobelpreises sehen.

    Noch weniger half der Friedens- Nobelpreis Michael Gorbatschow innenpolitisch. Er nahm ihn im Dezember 1990 entgegen. Acht Monate später fand der Putschversuch statt, der ihn um die Macht brachte; auch wenn er von Jelzins Gnaden noch bis zum Dezember weiterregieren durfte.

    Gewiß, das sind zwei Beispiele, die man nicht verallgemeinern darf. Sie zeigen aber jedenfalls, daß die Verleihung des Friedens- Nobelpreises an einen amtierenden Staatsmann diesen keineswegs automatisch innenpolitisch stärkt.

    Das ist auch einleuchtend: Eine solche Ehrung aus Oslo wird leicht als eine Einmischung wahrgenommen; allenfalls polarisiert sie. So war es bei Willy Brandt 1971; so dürfte es bei Gorbatschow 1990 gewesen sein. Und es sieht ganz so aus, als spalte auch jetzt die Verleihung an Obama die amerikanische Nation. Wie die Washington Post schreibt:
    Instead of the universal tribute that often accompanies a Nobel Prize, Obama's award resulted in a deluge of response that included all the divisiveness of the presidential campaign. The reactions Friday to Obama's winning the prize tended to cast him as either a savior or a fraud, with little conversation in between. There was bewilderment and cynicism, hope and pride.

    Statt der allgemeinen Anerkennung, die oft mit einem Nobelpreis einhergeht, brachte die Ehrung Obamas eine Sintflut von Reaktionen hervor, welche die ganze Gespaltenheit des Präsidentschafts- Wahlkampfs umspannte. Die Reaktionen am Freitag auf die Zuerkennung des Nobelpreises an Obama tendierten dazu, ihn entweder als den Erlöser oder als einen Schwindler darzustellen; dazwischen gab es kaum eine Kommunikation. Es gab Bestürztheit und Zynismus, Hoffnung und Stolz.



    Und in der Außenpolitik? Natürlich gratulieren alle dem Präsidenten, wie es sich gehört. Aber daß er aus der Ehrung Kapital schlagen könnte, ist jedenfalls im Augenblick nicht zu erkennen.

    Im Gegenteil: Das Widersprüchliche seine Politik wird noch deutlicher zutage treten. Der Träger des Friedens- Nobelpreises ist zugleich der Oberbefehlshaber der gewaltigsten Militärmaschine der Welt. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken. Jüngst hat er erklärt, gegenüber dem Iran lägen "alle Optionen auf dem Tisch", was nach diplomatischem Sprachgebrauch bedeutet, daß er auch einen Militärschlag nicht mehr ausschließt.

    Willy Brandt konnte überzeugend als Friedenskanzler auftreten; gegen wen hätte er mit Krieg drohen sollen? Michael Gorbatschow konnte, als er Ende 1990 diesen Preis erhielt, nichts anderes als friedfertig sein; angesichts der sich auflösenden Sowjetmacht. Aber Obama hat gar keine Wahl, als die militärische Macht der USA bei Bedarf einzusetzen; bei Strafe des Verlusts des Status als Weltmacht.

    Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorherzusehen, wie die Gegner der USA diesen Nobelpreis propagandistisch nutzen werden: Bei jeder militärischen Operation der USA, schon bei jeder Drohung mit militärischem Eingreifen wird man hohnlachend fragen: Und dieser Mann hat den Friedens- Nobelpreis bekommen? Wofür eigentlich?



    Die Titelvignette zeigt das offizielle Foto von Präsident Obama. Es wurde wenige Stunden vor seinem Amtsantritt von Peter Souza aufgenommen und ist unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported License freigegeben. Für Kommentare bitte hier klicken.

    9. Oktober 2009

    Marginalie: Friedensnobelpreis für Barack Obama. Nebst einer Erinnerung an Bo

    Der Friedensnobelpreis ist manchmal schon sehr seltsam vergeben worden. Der Nordvietnamese Le Duc Tho hat ihn bekommen für "Friedensverhandlungen", deren einziges Ziel es gewesen war, die Amerikaner zum Abzug aus Südvietnam zu bringen; zwecks dessen Eroberung durch die Armee des Generals Giap. Jassir Arafat hat ihn ebenfalls bekommen, wofür auch immer.

    Aber was sich das Komitee mit der Vergabe an Barack Obama geleistet hat, das ist doch noch eine Nummer größer. Zum ersten Mal ist jemand mit diesem Preis nicht für das geehrt worden, was er getan hat, sondern für das, was zu tun er angekündigt hat.

    Da hätte es mir noch eher eingeleuchtet, wenn der Preis an Obamas Hund Bo gegangen wäre; für dessen Foto siehe Der Präsident, Michelle, die Töchter, der Hund Bo - und die Presse; ZR vom 16. 4. 2009.

    Denn Bo ist auch naiv und meint es bestimmt auch gut. Und wie alle Hunde freut er sich, wenn man ihn lieb hat, und tut alles dafür. Aber anders als der Präsident kann er mit diesen Eigenschaften keinen Schaden anrichten.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    Kurioses, kurz kommentiert: Die Partei "Die Linke" und die Revolution

    Der starke antikapitalistische Flügel in Nordrhein-Westfalen glaubt offenbar, die Revolution ausrufen zu müssen.

    Dagmar Enkelmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion von "Die Linke" im Bundestag, laut "Spiegel- Online" über den Landesverband NRW ihrer Partei.

    Kommentar: Und der starke antikapitalistische Flügel der Bundespartei "Die Linke", zu dem vermutlich auch Frau Enkelmann gehört, glaubt offenbar, daß die Zeit für das Ausrufen der Revolution noch nicht reif ist.

    Da muß noch viel vorbereitet werden. Zum Beispiel durch den Zusammenschluß der Kommunisten Europas in einer gemeinsamen Partei, deren Vorsitzender Lothar Bisky ist. Zum Beispiel durch die Pflege brüderlicher Kontakte mit dem kommunistischen Cuba. Siehe "Die Linke" und die Kommunisten. Ein paar weniger bekannte Details; ZR vom 18. 2. 2008.

    Sie fragen, was daran kurios ist? Nun, kurios ist es, daß es einer kommunistischen Partei in Deutschland gelungen ist, den Eindruck zu verbreiten, sie wolle nicht mehr die sozialistische Revolution.

    Die DKP hat das zwar in der alten Bundesrepublik auch versucht; aber kaum jemand hat es ihr abgenommen. Die Tarnung war allzu offensichtlich. Heute funktioniert sie.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    Zitat des Tages: "Kunst ist etwas Künstliches". Anmerkungen zur Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller. Nebst Lesetipps

    Thomas David: Wie wichtig war es für Sie, mit diesem Buch Zeugnis abzulegen?

    Herta Müller: Gar nicht.

    Thomas David: Darf man aus zweiter Hand über die in "Atemschaukel" beschriebenen Erfahrungen schreiben?

    Herta Müller: Im Grunde reden wir hier über das Gelingen von Kunst. Insofern geht es nicht um dürfen oder nicht dürfen. Es gibt ja auch Leute, die etwas erlebt haben, und ihre künstlerische Arbeit ist dennoch nicht gelungen. Kunst ist etwas Künstliches. Sie ist nicht die Realität, und die Realität ist nicht Kunst. Ich kann kein anderes Kriterium ansetzen.


    Aus einem Interview, das für die FAZ Thomas David mit Herta Müller führte.


    Kommentar: Herta Müller sagt etwas Selbstverständliches. Aber daß sie es sagt, daß sie ausdrücklich darauf hinweist, ist bemerkenswert.

    Nein, Kunst hat nicht die Aufgabe "Zeugnis abzulegen". Das sollen die Zeugen tun; deren Zeugnis sollen die Historiker aufzeichnen, einordnen und bewerten. Die Aufgabe der Kunst ist das nicht.

    Und ja, selbstverständlich: Kunst ist etwas Künstliches. Der Rang eines Romans, wie der jedes Kunstwerks, liegt nicht im Sujet, sondern darin, wie es künstlerisch verarbeitet wurde. Kunst, hat Gottfried Benn geschrieben, sei das Gegenteil von "gut gemeint".

    Eine Binsenweisheit, sollte man meinen, die Benn da in eine spitze Sentenz gefaßt hat. Aber wenn man sich die Reaktionen auf die Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller, wenn man sich die Reaktionen auf ihr Werk überhaupt ansieht, dann hat man den Eindruck, daß es vielen von denen, die sich dazu äußern, doch mehr um das Sujet geht.

    Herta Müller hat als ihr zentrales Thema das Leiden unter der kommunistischen Diktatur; das, was diese Diktatur mit Menschen anrichtet. Wie sie ihr Leben zerstört, sie psychisch deformiert.

    Ein wichtiges Thema; ein Thema, das bei den jetzigen Erinnerungen an das Jahr 1989 viel zu wenig zur Sprache gekommen ist. Deshalb freut es mich, daß Herta Müller für dieses Werk den Nobelpreis zuerkannt bekommen hat.

    Aber deshalb hat sie ihn - so steht jedenfalls zu hoffen - nicht zuerkannt bekommen. So, wie das Merkmal der Kunst die Künstlichkeit ist, kann auch die Wertung von Kunstwerken allein danach erfolgen, wie groß die Kunst ist. Bei Romanen und Erzählungen also zuvorderst die Kunst der Sprache; sodann (vielleicht) auch Merkmale wie die Bewältigung des Stoffs, die Beherrschung von Erzählperspektiven, die Feinheiten der Psychologie.

    An welchem Stoff sich das realisiert, ist nicht nur zweitrangig - es ist vollkommen gleichgültig. Die Themen, die ein Schriftsteller sich aussucht, bestimmen sich nach seinen Lebenserfahrungen und seinen Interessen. Der Rang dessen, was er schreibt, bestimmt sich nach seiner künstlerischen Potenz. Über das Leben auf einer Mondstation der Zukunft kann jeder armselige Science- Fiction- Autor seine Seiten füllen; Arno Schmidt hat zu diesem Thema eines seiner Meisterwerke geschrieben: "Kaff auch Mare Crisium".



    Wo kann man sich im Internet einen Eindruck vom Werk von Herta Müller verschaffen? Gut, die Lektüre des Artikels in der Wikipedia kann nicht schaden; aber mehr als ein paar bescheidene Daten und Fakten kann man dort nicht erwarten.

    Einen ausgezeichneten, freilich subjektiven Überblick über Müllers Werk bietet die FAZ in Form von Links zu den hauseigenen Rezensionen der fünf letzten Bücher von Herta Müller. Herausragend das, was Michael Lentz über Müllers aktuellen Roman Atemschaukel schreibt.

    Nicht alle diese fünf letzten Bücher von Herta Müller sind Romane, die sich mit Ihrem düsteren zentralen Thema befassen. Lesen Sie einmal die Rezensionen von Im Haarknoten wohnt eine Dame und von Die blassen Herren mit den Mokkatassen. Sie werden überrascht sein.

    Wer sich nicht die Zeit nehmen kann oder will, diese ausführlichen Rezensionen zu lesen, dem empfehle ich die Rezensionsnotizen im "Perltaucher"; sozusagen ein Reader's Digest der wichtigsten Rezensionen.

    Und dann ist da noch die "Zeit". Sie hat für ihre Online- Ausgabe als Reaktion auf die Verleihung des Nobelpreises zwei Rezensionen von "Atemschaukel" ausgegraben, die beide in der Ausgabe vom 20. August erschienen waren.

    Gleich zwei Rezensionen? Ja. Die "Zeit" macht das gern, wenn es in der Redaktion sehr unterschiedliche Meinungen zu einem Thema gibt. Zu "Atemschaukel" schrieb Iris Radisch eine nachgerade vernichtende Kritik ("kraftlos und schal, ja in manchen Passagen von peinigender Parfümiertheit"). Die Gegenmeinung vertrat kein Geringerer als der "Zeit"- Herausgeber Michael Naumann ("ein atemberaubendes Meisterwerk"). Die Rezension von Radisch ist ungleich besser als die von Naumann; ich neige aber dazu, in der Wertung eher Naumann Recht zu geben.

    Naumann hat es sich auch nicht nehmen lassen, zur Verleihung des Nobelpreises flugs eine "Würdigung" zu Papier zu bringen; nein, vielmehr einen Vortrag zu recyclen, den er im September gehalten hatte, als Herta Müller den Heinrich- Heine- Preis erhielt.

    Naumanns Artikel ist lang. Er zeigt, daß Naumann seinen Heine kennt, seinen Hegel und sogar Karl Kraus. Sie können sich seine Lektüre schenken.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    7. Oktober 2009

    Zitat des Tages: "Der Nobelpreis vernachlässigt konsequent die bedeutendsten Autoren". Nebst einem kleinen literarischen Quiz

    Eines der großen Rätsel des Nobelpreises ist, dass er konsequent die bedeutendsten Autoren vernachlässigt, dies seinem Ruf als bedeutendste Auszeichnung der literarischen Welt aber nicht schadet. Im Gegenteil, die Willkür, mit der er waltet, scheint ihn noch mächtiger zu machen. (...) Und dass aus dem westlichen Kulturkreis vornehmlich Autorinnen und Autoren gekürt werden, die nicht zur ersten Riege gehören, scheint eine ganz perfide Form von Kulturchauvinismus zu sein: Der Westen kürt denn mal nur Autoren aus seiner Hemisphäre, vor denen sich auch der Rest der Welt nicht verstecken muss.

    Thomas Brussig heute in der "Süddeutschen Zeitung" unter der Überschrift "Die Verschwörer von Stockholm".


    Kommentar: Zunächst einmal das, was mir wirklich am Herzen liegt:

    Vermutlich werden auch Sie morgen, wenn es wieder einmal soweit ist, hören und lesen, der Autor XYZ habe den diesjährigen Nobelpreis für Literatur gewonnen.

    Gewonnen? Ja, ist die Vergabe des Nobelpreises denn eine Lotterie? Oder so etwas wie der Große Preis von Monaco, oder der von Japan, für die Piloten der Formel 1?

    Literarische Preise werden an jemanden verliehen, sie gehen an einen Autor, er wird mit dem Preis geehrt. Er erhält ihn zuerkannt, er ist der Preisträger. Aber er "gewinnt" den Preis doch nicht. Im Englischen verwendet man allerdings für ein solches Ereignis das Verb "to win". Vermutlich ist das der Ursprung dieses Stücks Verhunzung der deutschen Sprache.

    Dies gesagt - natürlich hat Brussig Recht. Warum ist es so, wie er sagt? Man kann da viel vermuten. Brussig meint sarkastisch, dahinter stecke eine "RTL- Disney- Connection", die den Plan verfolge, uns langweilige Bücher vorzusetzen, mit dem Ziel, uns alle in TV-Glotzer zu verwandeln.

    Auch keine schlechte Idee. Ich vermute allerdings eher, daß die Schwedische Akademie mit der Aufgabe, die Qualität literarischer Texte in zahlreichen Sprachen zu beurteilen, schlicht überfordert ist.

    In der Regel beschränkt man sich bei der Sichtung auf das, was in einer von zwei, drei Weltsprachen geschrieben oder in mindestens eine von ihnen übersetzt ist; jede Übersetzung vernichtet aber einen erheblichen Teil des Werts eines Kunstwerks.

    Zweitens ist Literatur nun einmal Nationalliteratur. Nationalliteratur im Sinn einer Kulturnation; zur französischen gehören also auch wallonische und frankokanadische Autoren, zur deutschen auch Österreicher und Deutschschweizer. Nur auf dieser Ebene haben Juroren den Überblick, den sie benötigen, um einen "Besten" zu küren. Nur auf dieser Ebene kann man beurteilen, was originell und kühn und was konventionell und abgeschmackt ist.

    Die Stockholmer Juroren, die das nicht beurteilen können, halten sich offensichtlich an andere Kriterien: Man kann sich den Nobelpreis gewissermaßen durch anhaltende Prominenz erdienen, wie Günter Grass. Man kann ihn auch erhalten, weil man bestimmte Eigenschaften besitzt, wie Elfriede Jelinek (Frau, politisch engagiert, Sprachkünstlerin); oder man bekommt ihn, weil man in einer Region beheimatet ist, die nun einmal dran ist.

    Oder man kann ihn zuerkannt erhalten, weil die Juroren ein wenig Spaß machen wollten. Anders kann man sich kaum erklären, daß der Nobelpreis für Literatur des Jahres 1997 an Dario Fo ging.



    Und nun ein kleines Quiz. Welche von den folgenden deutschsprachigen Autoren haben den Nobelpreis für Literatur zuerkannt bekommen und welche nicht? :

    Gottfried Benn, Thomas Bernhard, Heinrich Böll, Bert Brecht, Paul Celan, Alfred Döblin, Max Frisch, Hermann Hesse, Paul Heyse, Franz Kafka, Wolfgang Koeppen, Heinrich Mann, Adolf Muschg, Robert Musil, Arno Schmidt, Carl Spitteler, Martin Walser.

    Die Auflösung finden Sie in Zum 80. Geburtstag von Martin Walser (1): Walser und Walser; ZR vom 13.3.2007.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    6. Oktober 2009

    Der "Fall" Thilo Sarrazin: Einige Fakten und Materialien. Über die Freiheit des Wortes und die Liberalität unserer Gesellschaft

    Ich habe das Gespräch mit Thilo Sarrazin in der aktuellen Ausgabe (Heft 86; 3/2009) von Lettre International nicht gelesen. Ich vermute, daß es mir damit so geht, wie den meisten, die sich gleichwohl dazu geäußert haben.

    Im Internet sind nur Auszüge aus dem Gespräch zu finden: Auf der WebSite von Lettre International sowie in einigen Blogs. Das Heft zu kaufen ist mir bisher nicht gelungen. Die Nachfrage ist naheliegenderweise höher, als es bei dieser Zeitschrift sonst der Fall ist.

    Also will ich mich zu dem Gespräch selbst nicht äußern; sondern nur zur öffentlichen Reaktion darauf.

    Diese ist, soweit ich sie verfolgt habe, durch zwei Merkmale gekennzeichnet:
  • Erstens durch eine große Einförmigkeit; nämlich einen Gestus des Empörtseins, verbunden mit der persönlichen Herabsetzung von Sarrazin. Ich möchte deshalb einige Stimmen zitieren, die diese Einförmigkeit durchbrechen.

  • Zweitens beschränken sich fast alle Kommentatoren auf einige wenige Sätze von Sarrazin, ohne Berücksichtigung des Zusammenhangs. Ich möchte deshalb den Zusammenhang verdeutlichen.
  • Repräsentativ für diese überwiegende öffentliche Reaktion ist der Kommentar von Ulrich Schäfer in der gestrigen "Süddeutschen Zeitung":
    Eigentlich darf sich über Thilo Sarrazin und sein unsägliches Interview, in dem er die in Berlin lebenden Ausländer beschimpft und beleidigt hat, niemand wundern. (...) Jeder hätte wissen können: Wer Sarrazin in den Bundesbank- Vorstand schickt, könnte genauso gut auch Hape Kerkeling zum Bundesverfassungsrichter ernennen.
    Das steht nicht in einem Boulevardblatt, sondern in einer als seriös geltenden Tageszeitung. Ulrich Schäfer ist auch nicht irgendein Journalist, sondern der Chef des Ressorts Wirtschaft jener Zeitung.



    In welchem Kontext hat Sarrazin das geäußert, was Autoren wie Schäfer zu derart herabwürdigenden Kommentaren motiviert?

    Es handelt sich um einen Beitrag zu einem Sonderheft der Zeitschrift Lettre International, das dem Thema "Berlin" gewidmet ist ("Berlin auf der Couch"). Das Editorial zu diesem Heft finden Sie hier und das Inhaltsverzeichnis des Heftes hier.

    Einer von Dutzenden Beiträgen zu diesem Heft ist das Gespräch mit Sarrazin; keineswegs zum Thema "Ausländer", sondern eben zum Thema Berlin. Titel: "Thilo Sarrazin im Gespräch: Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten".

    Wie, sagen wir, wuchtig, wie fakten- und gedankenreich Sarrazin argumentiert, davon gibt der längere Auszug bei Lettre International einen Begriff; eine von mir kommentierte Passage daraus finden Sie in "Zettels kleinem Zimmer".

    Es geht um die Chancen Berlins, auch die verpaßten; es geht um die Probleme der Stadt. Und in diesem Kontext formuliert Sarrazin das, was ihm nun so vorgehalten wird, als hätte er eine verbale Todsünde begangen.

    Im Blog der Berliner Rechtsanwalts- Kanzlei Hoenig (Juristen interessieren sich für den Vorwurf der Volksverhetzung) findet man diese Sätze in ihrem Kontext:
    Man muss aufhören, von ‚den’ Migranten zu reden. Wir müssen uns einmal die unterschiedlichen Migrantengruppen anschauen. Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Russen weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf. (...)

    Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher ‚türkische’ Probleme; absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber. Auch in der dritten Generation haben sehr viele keine vernünftigen Deutschkenntnisse, viele gar keinen Schulabschluss, und nur ein kleiner Teil schafft es bis zum Abitur.(...)

    In den USA müssen Einwanderer arbeiten, weil sie kein Geld bekommen, und werden deshalb viel besser integriert. Man hat Studien zu arabischen Ausländergruppen aus demselben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist nach zwanzig Jahren in Schweden immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert. Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang des Broterwerbs sorgen dafür. (...)

    Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.
    Das sind nur wenige Auszüge; ich empfehle Ihnen, den ganzen Text im Blog der Kanzlei zu lesen.

    Sie können sich dann ein Urteil darüber bilden, ob - wie es der SZ-Redakteur Schäfer behauptet - Sarrazin "die in Berlin lebenden Ausländer beschimpft und beleidigt hat".



    Aus dem dumpfen Chor jener, die Sarrazin verurteilen, ohne sich offensichtlich mit seinem Text befaßt zu haben, fallen einige Stimmen heraus, die anzuhören sich lohnt.

    Anhören im Wortsinn sollten Sie sich das, was Hans-Olaf Henkel gestern im Interview mit dem Deutschlandfunk ("Informationen am Mittag" vom 5.10.2009; 10.22 Uhr) angemerkt hat. Auszug:
    Ich finde es also wirklich wahnsinnig, wie die deutschen Öffentlichkeit mit Herrn Sarrazin zur Zeit umgeht. Nicht das, was er gesagt hat, ist ein Skandal. Sondern ein Skandal ist, wie die Deutschen, die meisten deutschen Medien und viele politische Vorbilder, mit ihm umgehen.
    Ähnlich, wenn auch milder, urteilte Fatina Keilani gestern im "Tagesspiegel":
    Aber wer sich aufregt, der sollte erst einmal das ganze Interview lesen. Es ist fünf Seiten lang und lässt das Bild eines realistischen, nachdenklichen Mannes erkennen, der die Lage treffend analysiert und dem bestimmte Phänomene Sorge bereiten. Er vergleicht unser System mit anderen auf der Welt, und das geht nicht immer gut für uns aus. Bei uns ist es für die Leistungsunwilligen zu gemütlich, meint Sarrazin. Man müsse ihnen mehr abverlangen, das sei auch gut für die Integration. Vielleicht ist Thilo Sarrazin kein besonders typischer Sozialdemokrat. Aber was er sagt, ist hilfreich, und es ist die Auseinandersetzung wert. Schade, dass das nicht gewürdigt wird.
    Sodann ist auf den Kommentar von Bettina Röhl gestern in "Welt- Online" hinzuweisen. Auszug:
    Was Sarrazin gesagt hat, muss jemand sagen dürfen, ohne, dass er persönlich vernichtet wird. Sarrazin hat ein Recht, mit dem was er gesagt hat, auf das Gegenargument. Und die Gesellschaft und die Bürger dieses Land haben ein Recht auf Diskussion. Die Reaktionen, die Sarrazin erzeugt hat, beweisen, dass das Thema Integration von einem gefährlichen Ungeist totgebügelt wird, obwohl es das wahrscheinlich virulenteste Thema der Gegenwart ist.
    Der Kommentar ist in einem scharfen Ton abgefaßt und für meinen Geschmack in vielen Passagen zu polemisch; aber als Gegengewicht zu dem, was in den Medien zu diesem Thema dominiert, möchte ich seine Lektüre doch empfehlen.

    Und schließlich noch ein Kommentar, der die Reaktion von Medien und Politikern in einen breiteren Kontext stellt. Volker Zastrow, der Politikchef der F.A.S., hat ihn am Samstag in FAZ.Net publiziert. Er schreibt:
    Unserer Gesellschaft scheint inzwischen etwas vorzuschweben wie ein moderierter Diskurs, in dem jeder Inhalt sich der Etikette zu beugen hat. Wobei Etikette längst in Wahrheit nicht wirklich meint, wie etwas gesagt wird, sondern was. Das erkennt man daran, dass denen, die dagegen verstoßen, sofort mit dem Berufsverbot gedroht wird, dem Strafrecht gar, dass ihnen nicht widersprochen wird, sondern dass sie nicht mehr sprechen sollen. Es soll Redefreiheit nur im Rahmen dessen geben, was man hören möchte. Der Zusammenhang zwischen Redefreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie: den meisten scheint er gar nicht mehr bekannt. Aber auch der zwischen offenem Wort, offenem Denken, Einsicht oder gar Umkehr.
    Leider ist das wahr. Auch hier empfehle ich, den ganzen Text zu lesen. Er macht deutlich, daß es beim Umgang mit "Fällen" wie dem von Thilo Sarrazin um nichts Geringeres geht als um die Freiheit des Worts; also um die Liberalität unserer Gesellschaft.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Ungelt, Gorgasal und Calimero. Die Titelvignette zeigt zwar nicht Thilo Sarrazin, von dem ich in der Public Domain kein Porträt gefunden habe, aber doch Einen aus der Hugenotten- Sippe der Sarrazin: Jean Antoine Sarrazin. Der Kupferstich stammt aus dem Jahr 1598; er wurde von Arsène Lapin fotografiert und in die Public Domain gestellt.

    5. Oktober 2009

    Zitat des Tages: Wie ein Verlag sich dem Islamismus in vorauseilendem Gehorsam unterwirft. Nebst einer Erinnerung an die Freiheit in der Adenauer-Zeit

    Aus Angst vor Bedrohungen durch Islamisten hat der Düsseldorfer Droste Verlag einen Roman kurz vor Drucklegung wieder aus dem Programm genommen. Im September hätte "Wem Ehre gebührt" erscheinen sollen, ein Krimi der Autorin Gabriele Brinkmann (Pseudonym: W. W. Domsky) über einen Ehrenmord. (...) "Spätestens nach den Mohammed-Karikaturen weiß man, dass man Sätze oder Zeichnungen, die den Islam diffamieren, nicht veröffentlichen kann, ohne ein Sicherheitsrisiko einzugehen", sagt Droste.

    Aus einer Vorabmeldung zum "Spiegel" dieser Woche (41/2009).


    Kommentar: Ich fürchte, diese Meldung wird es nicht in die Schlagzeilen schaffen. Was vor zwanzig Jahren noch weltweit für eine Welle der Empörung sorgte, als Islamisten Salman Rushdie wegen eines Buchs bedrohten, ist nachgerade zur Normalität geworden. Für das Recht des Droste- Verlags, ein Buch von Gabriele Brinkmann zu publizieren, wird vermutlich niemand auf die Straße gehen.

    Nun kann man argumentieren, dieser Verlag sei ja gar nicht bedroht worden; er hätte vielmehr nach Abwägung der Gesichtspunkte in eigener Verantwortung eine Entscheidung getroffen. Aber das genau ist ja das Problem.

    Das Schlimme an der Methode des Terrorisierens ist, daß der mit Terror Drohende seine Ziele in der Regel erreicht, ohne seine Drohung realisieren zu müssen. Es genügt, Angst zu erzeugen.

    Bücher, die terroristische Akte auslösen könnten, werden, wie in diesem Fall gar nicht erst mehr produziert. Der nächste Schritt wird sein, daß Autoren gar nicht erst mehr den Verlagen Texte anbieten, die eine so begründete Ablehnung auslösen könnten. Die de-facto- Zensur ist dann perfekt.



    Der Versuch, Bücher zu zensieren, die aus religiöser Sicht Anstößiges enthalten, ist keineswegs auf den Islam beschränkt; wenngleich es im Augenblick ganz überwiegend Islamisten sind, die das versuchen.

    Auch in der Adenauer- Zeit gab es den Versuch, religiös anstößige Texte zu zensieren. Einer der bekanntesten Fälle betraf den Autor Arno Schmidt und seinen (übrigens wunderbaren) Text "Seelandschaft mit Pocahontas"; das war im Jahr 1956.

    Aber zum einen ging damals niemand den Weg der Drohungen mit Gewalt, sondern die klagenden Katholiken wählten selbstverständlich den Rechtsweg. Und zum anderen wurde Schmidt von den Vorwürfen der Pornographie und der Gotteslästerung freigesprochen; für einige Details siehe Wir Achtundsechziger (1): Wie alles anfing; ZR vom 4. Juni 2007.

    Was die Freiheit der Literatur angeht, kann man sich also inzwischen die Adenauer- Zeit zurückwünschen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    3. Oktober 2009

    Bis er Präsident wurde, hatte Barack Obama nur Erfolge. Seither reiht sich Mißerfolg an Mißerfolg. Vielleicht deshalb

    Wie konnte das einem Präsidenten der USA passieren? Wie konnte Barack Obama das Gewicht seines Amts für eine so unsichere Sache in die Waagschale werfen wie die Olympia- Kandidatur von Chicago? Wie konnte er darüber hinaus auch noch sein ganz persönliches Prestige mit dieser Sache verbinden, indem er sich selbst nach Kopenhagen aufmachte; die First Lady nicht nur mit dabei, sondern in vorderster Front (nämlich mit einer Rede noch vor derjenigen des Präsidenten) für Chicago kämpfend, so als ginge es um das Schicksal der USA?

    Denkbar, daß es da Hintergründe gibt, wie sie in "Zettels kleinem Zimmer" gestern angedeutet wurden: Daß in Chicago Leute und Gruppen existieren mögen, denen Barack Obama einen Gefallen schuldete.

    Aber vielleicht müssen wir zur Erklärung des auf den ersten Blick so seltsamen Verhaltens des Präsidenten gar nicht derartige Mutmaßungen anstellen. Vielleicht ist das, was zum Debakel von Kopenhagen führte, nur die konsequente Fortsetzung des Verhaltens, das Barack Obama auf seinem ganzen bisherigen Lebensweg gezeigt hat.

    Obamas Biographie ist eine Kette von Erfolgen. Es waren nicht die hart erkämpften Erfolge dessen, der sich aus einfachen Verhältnissen unter Aufbietung aller Kräfte ganz an die Spitze hocharbeitet. Barack Obama war, bis er Präsident wurde, ein Glückskind, dem die Erfolge förmlich zuflogen.

    Sie flogen ihm zu dank seiner Intelligenz, dank seines Charmes, dank des Wohlwollens, das ihm als Schwarzem zuteil wurde; vor allem aber dank einer ganz ungewöhnlichen Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen.

    Ich habe das zum ersten Mal vor fünf Jahren erlebt, als ich die Übertragung der Keynote Address, der Programmatischen Rede, gesehen habe, für die der damalige Kandidat der Demokraten John Kerry den noch weithin unbekannten Barack Obama - damals Senator im Parlament des Bundesstaats Illinois - ausgewählt hatte.

    Welch ein Redner! war meine Reaktion. Und auch damals schon war Obamas Selbstbezogenheit auffällig: Obwohl er ja den Auftrag hatte, John Kerry und die Demokratische Partei zu preisen, widmete er weite Passagen der Rede seiner eigenen Biographie. Aber er machte das so geschickt und die Rede war so gut, daß Obama von Stund an eine nationale Größe war.

    Als er dann seinen Wahlkampf für die Präsidentschaft begann, war sofort wieder offensichtlich, wie sehr er mit diesem Charisma seine Mitbewerber überragte. In einem Artikel, in dem ich im Januar 2008 vier der damaligen Kandidaten im Vorwahlkampf porträtiert habe, stand über Obama:
    So ist er, der Barack Obama. Fast unwiderstehlich. Ich wüßte keinen deutschen oder französischen Politiker, der so lieb und zugleich so stark wirkt. Um noch eine Etage höher zu greifen als nur zu Kennedy: So ungefähr dürfte Alexander der Große auf seine Mazedonier, dürfte Totila auf seine Ostgoten gewirkt haben. Der geborene Anführer.
    Das war damals meine Wahrnehmung Obamas; und ich denke auch heute noch, daß sie nicht falsch war. Nur kamen im Lauf der Zeit manche andere, weniger erfreuliche Züge seiner Persönlichkeit zum Vorschein.



    Mit seiner Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen, ist Obama Stufe um Stufe emporgestiegen, bis ganz zur Spitze. Auf jeder Station seines Lebenswegs - in seiner Schulzeit in Djakarta und Honolulu, in seiner College- Zeit in Los Angeles und in New York, als Sozialarbeiter in Chicago und als Doktorand in Harvard, als Senator in Illinois und dann in Washington, schließlich als Kandidat für die Präsidentschaft - hat Obama die Erfahrung gemacht, daß er seine Ziele erreichen kann, indem er Menschen für sich einnimmt.

    Auf Widerstand ist er bemerkenswert selten gestoßen; er scheint sich kaum persönliche Feinde gemacht zu haben. Was er anpackte, das gelang ihm. Ein Glückskind eben. "Yes, I can" - das muß die Summa seiner Erfahrungen gewesen sein.

    Bis er Präsident wurde. Bis er nicht mehr die Aufgaben aussuchen konnte, für die er sich interessierte; bis er nicht mehr die Ziele wählen konnte, die ihm erfolgversprechend erschienen.

    Barack Obama hat jetzt einen Job, für den die Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen, zwar gewiß nicht hinderlich ist; für den sie aber doch nicht das Haupt- Qualifikationsmerkmal ausmacht. Die Menschen, mit denen er es jetzt zu tun hat - ein widerspenstiger Kongreß, Pressure Groups aller Art; im Ausland Staatsmänner und Diplomaten - sind selbst viel zu ausgefuchst, als daß sie sich von Obamas Rhetorik würden beeindrucken lassen. Und als Schwarzer genießt er bei ihnen ebenfalls keinen Bonus.

    Auch für Sportfunktionäre gilt das. Obama hat es in Kopenhagen erkennen müssen. So, wie er es wieder und wieder erkennen mußte, seit er sein Amt angetreten hat.

    Seine Gesundheitsreform wird zerpflückt; die Zustimmung zu seiner Politik geht bei den Wählern kontinuerlich zurück. Weder Putin noch die Herrscher Nordkoreas und des Iran, weder die Parteien des Palästina- Konflikts noch die Taliban zeigen sich im Geringsten beeindruckt von Obama, dem Menschenfischer. Eher hat man den Eindruck, daß sie ihn immer weniger ernst nehmen. Man läßt ihn stehen, mit seiner ausgestreckten Hand und seinem entwaffnenden Lächeln, und leistet sich politische Schachzüge, für die man zur Zeit von Präsident Bush nicht die Traute gehabt hätte.

    Aber es scheint, daß Barack Obama die Lage noch nicht begriffen hat. Statt endlich Realpolitik zu machen, schwelgt er weiter in grandiosen Visionen.

    Er meinte, durch große Reden das Palästina- Problem lösen zu konnen. Das Ergebnis ist bisher null. Er glaubte offenbar ernsthaft, mit seinem Charisma und Michelles Charme alle Kungeleien im IOC überspielen zu können. Das Ergebnis ist bekannt.



    Und er glaubt offenbar ernsthaft an eine Welt ohne Atomwaffen. Bei allen seinen sonstigen Mißerfolgen hat er tatsächlich den Weltsicherheitsrat dazu gebracht, auch für eine Welt ohne Atomwaffen zu sein. Welch ein Erfolg!

    Es kostet ihn nichts, den Weltsicherheitsrat, dafür zu sein; so wie alle für das schöne Wetter sind. Diesen Gefallen haben sie dem Messias im Weißen Haus alle gern getan, für eine Welt ohne Atomwaffen zu sein. Sie hätten bestimmt auch für eine Welt gestimmt, in der niemand hungert und friert und in der alle Krankheiten abgeschafft sind.

    Freilich wäre diese schöne Show dem Barack Obama fast in letzter Minute noch verhagelt worden. Dazu gibt es eine fast unglaubliche Geschichte, die Charles Krauthammer in seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post erzählt, gestützt auf Berichte von Le Monde, dem Wall Street Journal und der New York Times.

    Danach hatte Obama, als er im Sicherheitsrat zu reden anhub, bereits Kenntnis von der bis dahin verschwiegenen Uran- Anreicherungsanlage des Iran in Qom. Die ebenfalls informierten Briten und Franzosen drängten ihn, in seiner Rede darauf einzugehen, um der Welt vor diesem internationalen Forum den Ernst der Lage vor Augen zu führen.

    Obama aber weigerte sich. Mehr noch: Er bedrängte den französischen Präsidenten Sarkozy so lange, bis dieser sich bereitfand, auch aus seiner eigenen Rede die Passage zu diesem Thema zu streichen. Erst am nächsten Tag - auf dem G-20-Gipfel in Pittsburgh - durfte die Sache publik gemacht werden.

    Obama hätte, so verlautete dazu aus dem Weißen Haus, seine Rede nicht durch eine "Ablenkung" auf den Iran "verwässern" lassen wollen.

    Da haben wir ihn, den Obama - das Geheimnis seiner früheren Erfolge und seiner heutigen ständigen Mißerfolge als Präsident: Er ist ein Mann der großen Geste. Er will kommunizieren, andere beeindrucken und beeinflussen. Wenn die reale Welt nicht so ist: Um so schlimmer für die Realität.



    Charles Krauthammer beendet seine Kolumne mit dem, was Bismarck gesagt haben soll: "There is a providence that protects idiots, drunkards, children, and the United States of America" - es gebe ein Vorsehung, die Schwachsinnige, Betrunkene, Kinder - und die Vereinigten Staaten von Amerika schütze. Und er fügte sarkastisch hinzu: "Bismarck never saw Obama at the UN" - Bismarck hätte nie Obama bei den Vereinten Nationen erlebt.

    Ich habe das Zitat nicht verifizieren können. Die einzige Quelle, die ich gefunden habe, ist Michael McCollum. Der allerdings ist Romancier. Spezialität: Science Fiction.



    Die Titelvignette zeigt das offizielle Foto von Präsident Obama. Es wurde wenige Stunden vor seinem Amtsantritt von Peter Souza aufgenommen und ist unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported License freigegeben. Für Kommentare bitte hier klicken.

    2. Oktober 2009

    Zitate des Tages: "Autsch". Obamas Rhetorik und die olympische Realität

    Chicago is a city where the practical and the inspirational exist in harmony; where visionaries who made no small plans rebuilt after a great fire and taught the world to reach new heights. It's a bustling metropolis with the warmth of a small town; where the world already comes together every day to live and work and reach for a dream -- a dream that no matter who we are, where we come from; no matter what we look like or what hand life has dealt us; with hard work, and discipline, and dedication, we can make it if we try.

    That's not just the American Dream. That is the Olympic spirit. It's the essence of the Olympic spirit. That's why we see so much of ourselves in these Games. That's why we want them in Chicago. That's why we want them in America.


    (Chicago ist eine Stadt, wo das Praktische und das Inspirative in Harmonie existieren; wo Visionäre, die keine geringen Pläne machten, nach einem großen Feuer den Wiederaufbau vornahmen und die Welt lehrten, neue Höhen zu erreichen. Es ist eine geschäftige Monopole mit der Wärme einer Kleinstadt; wo die Welt sich schon jetzt jeden Tag trifft, um zu leben, zu arbeiten und nach einem Traum zu greifen - einem Traum, den wir wahrmachen können, wer immer wir sind, wo wir herkommen; wie immer wir aussehen oder welche Karten das Leben uns zugeteilt hat; mit harter Arbeit und Diszplin und Hingabe können wir es schaffen, wenn wir es versuchen.

    Das ist nicht nur der Amerikanische Traum. Das ist der Olympische Geist. Es ist das Wesen des Olympischen Geists. Deshalb erkennen wir so viel von uns selbst in diesen Spielen. Deshalb wollen wir sie in Chicago. Deshalb wollen wir sie in Amerika.)

    Aus der Bewerbungsrede von Präsident Obama für Chicago als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2016.


    Ouch.We’re not even the Second City.

    (Autsch! Unsere Stadt ist noch nicht einmal Zweite).

    Beginn des Kommentars von Blair Kamin in der Chicago Tribune zum Ausscheiden von Chicago.


    Kommentar: Selten ist die hohle Rhetorik Obamas so sinnfällig mit der Wirklichkeit zusammengestoßen. Selten so sinnfällig; aber freilich schon oft mit erheblicheren Folgen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    1. Oktober 2009

    Marginalie: Die DDR ist nicht untergegangen


    Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen am 27. September 2009. Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf die Grafik klicken.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Abbildung: © Bundeswahlleiter, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2008, Wahlkreiskarte für die Wahl zum 17. Deutschen Bundestag. Geoinformationen © Bundesamt für Kartographie und Geodäsie. Gemäß dem deutschen Urheberrecht gemeinfrei, weil es Teil der Statute, Verordnung oder ein gesetzlicher Erlass (Amtliches Werk) ist, das durch eine deutsche Reichs-, Bundes- oder Landesbehörde bzw. durch ein deutsches Reichs-, Bundes- oder Landesgericht veröffentlicht wurde (§ 5 Abs.1 UrhG).

    Zitat des Tages: Sigmar Gabriel, die starke Figur

    Und wenn man sich dafür entschieden hat, Fraktions- und Parteiführung in zwei Hände zu legen, dann ist Sigmar Gabriel sicher eine starke Figur.

    Kurt Beck im Interview mit Thomas Holl von FAZ.Net über den offenbar designierten neuen SPD-Vorsitezenden Sigmar Gabriel.


    Kommentar: So weit hat sie es gebracht, die SPD. Die Partei, die auf eine eindrucksvolle Riege von Vorsitzenden zurückblicken kann, von August Bebel über Kurt Schumacher bis zu Willy Brandt, will als ihren nächsten Vorsitzenden nun also eine "starke Figur".

    Wodurch hat er bisher seine Stärke bewiesen, der Sigmar Gabriel? Dadurch, daß er als Ministerpräsident Niedersachsens nach einer einzigen Amtszeit abgewählt wurde? Dadurch, daß er als Umweltminister viel Tamtam gemacht und zum Schluß sein Amt mißbraucht hat, um das Atomthema in den Wahlkampf einzufüttern?

    Bisher hat die SPD bei der Kür ihrer Vorsitzenden immerhin auf eines geachtet: Daß sie erfolgreich waren. Der Wahlerfolg brachte Willy Brandt und Johannes Rau ebenso in das Amt wie später Björn Engholm, Matthias Platzeck und Kurt Beck.

    Nun ist auch das schon keine Einstellungsvoraussetzung mehr dafür, daß einer der Nachfolger August Bebels und Willy Brandts werden darf. Jeder ist gut genug, der ins Kalkül der Linken paßt.

    Und dieses Kalkül lautet: Eins links, eins rechts, und der Erzengel Gabriel als Weltkind in der Mitten.

    Steinmeier darf seine letzten Tage in der Führungsriege der SPD damit verbringen, sich mit dem Fraktionsvorsitz abzumühen. Der Erzengel, nach allen Seiten offen, darf die Partei repräsentieren. Und die Strippen zieht Andrea Nahles, demnächst vermutlich in Personalunion stellvertretende Vorsitzende und Generalsekretärin der SPD.

    Sie hat Franz Müntefering zum Rücktritt gezwungen, als er das erste Mal Vorsitzender war. Sie hat Kurt Beck zu ihrem Hampelmann gemacht. Sie wird auch mit der starken Figur fertig werden.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.