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12. August 2009

Zitat des Tages: "Die Journalistinnen wären von Nordkorea ohnehin freigelassen worden". Christopher Hitchens über die Mission Bill Clintons

As of last week, and as the result of a huge investment of time and energy and prestige and forced politeness, we can now claim to have reduced the North Korean prison population by exactly two, and they were going to be released anyway. In return, we have immensely gratified and flattered the man who kidnapped them and who makes a daily mockery of international law.

(Nach dem Stand von vergangener Woche und als Ergebnis einer gewaltigen Investition von Zeit, Energie, von Prestige und erzwungener Höflichkeit können wir jetzt für uns in Anspruch nehmen, daß wir die Zahl der Insassen nordkoreanischer Gefängnisse um exakt zwei reduziert haben; und sie wären ohnehin freigelassen worden. Als Gegenleistung haben wir den Mann, der sie entführt hat und der täglich das internationale Recht verhöhnt, mit Wohlwollen und Schmeicheleien überhäuft).

Christopher Hitchens am Montag im Slate Magazine über die Nordkorea- Reise des früheren Präsidenten Bill Clinton, als deren Ergebnis zwei amerikanische Journalistinnen freigelassen worden waren.

Kommentar: Wie kommt Hitchens darauf, daß die beiden Gefangenen ohnehin freigelassen worden wären? Nun, er kennt Nordkorea. Er gilt als der einzige westliche Journalist, der sich in allen drei Staaten von George W. Bushs "Achse des Bösen" aufgehalten hat - dem Irak, dem Iran und Nordkorea.

Als Journalist wäre er nicht in das Land gelassen worden. Er reiste kurz vor der Wahl Bushs in seiner Eigenschaft als Universitätslehrer; daß er auch als Publizist arbeitete, übersahen die Nordkoreaner offenbar.

Er war etliche Wochen in dem Land, das er als einen Sklavenstaat beschreibt, dessen Bewohner Staatseigentum sind. Früher, sagt er, erhielten sie für ihre Sklavenarbeit wenigstens Nahrung; heute kaum noch das. Sie leben in ständigem Hunger. Die Ernährung ist derart katastrophal, daß Nordkoreaner im Schnitt - die besser ernährten Soldaten eingeschlossen - 13 bis 15 cm kleiner sind als Südkoreaner.

Auch der westliche Besucher Christopher Hitchens lebte in ständigem Hunger und hatte, als er das Land verließ, erheblich an Gewicht verloren. Die beiden befreiten Gefangenen Laura Ling und Euna Lee aber, schreibt Hitchens, waren, als sie heimkehrten, "in approximately the same physical condition as they had been when they were first unlawfully apprehended"; in ungefähr derselben physischen Verfassung, wie als sie illegal verhaftet worden waren.

Und das, obwohl sie nicht, wie Hitchens selbst, einige Wochen in Nordkorea verbracht hatten, sondern rund fünf Monate. Und das, obwohl sie nicht, wie er, als Regierungsgast dort gewesen waren, sondern als Häftlinge des berüchtigten nordkoreanischen Gefängnis- Systems.

Hitchens' Folgerung erscheint in der Tat plausibel: Die beiden Journalistinnen waren in der Absicht verhaftet und festgehalten worden, aus ihrer von vornherein geplanten Freilassung möglichst viel propagandistisches Kapital zu schlagen. Sie wurden ungewöhnlich gut ernährt, weil man sie als Hungergestalten nicht hätte freilassen können.



Die beiden Journalistinnen waren also aus der Sicht von Hitchens politische Geiseln, die der Politik Kim Jong-ils gute Dienste leisten sollten. Was ja auch prächtig gelungen ist; das Foto von Clinton mit dem Diktator Kim Jong-il ging um die Welt.

Die Aufwertung, die das Regime Nordkoreas damit erfahren hat, ist in ihrem Ausmaß kaum abzuschätzen. Und nicht nur die diplomatische Aufwertung. Auch im Inneren hat Kim Jong-il dem Volk gezeigt, daß er über die Macht verfügt, sogar einen ehemaligen amerikanischen Präsidenten anreisen und dem Lieben Führer Tribut zollen zu lassen.

Vor allem aber war Clintons Reise für Pjöngjang ein wichtiger Schritt heraus aus seinem negativen Image, das sich seit den letzten Raketen- und Atombomben- Tests noch verstärkt hatte. Mit seiner "humanitären Geste" (so Außenminsterin Clinton) hat Kim Jong-il kräftig an seinem internationalen Ansehen poliert. Wer denkt bei einem offenbar so humanitär handelnden Staatsmann noch daran, daß unter seinem Regime bis heute ein System von KZs existiert, das nach Umfang und Brutalität dem sowjetischen Gulag in nichts nachsteht?



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

26. Juli 2009

"Sie leben und sterben in Lumpen". Über den Gulag Nordkoreas

"Sie leben von Gerste und Salz. Die Zähne fallen ihnen aus, ihr Zahnfleisch wird schwarz. Ihre Knochen verlieren ihre Festigkeit. Sie werden krumm. Die meisten arbeiten zwölf bis fünfzehn Stunden am Tag. Sie sterben meist im Alter von fünfzig Jahren an Folgekrankheiten der Unterernährung. Es ist ihnen nur eine einzige Kleidung erlaubt. Sie leben und sterben in Lumpen, ohne Seife, Socken, Unterwäsche und ohne Monatsbinden."

Ein Schreckensbild aus Nazi-KZ, aus dem Gulag, aus den Arbeitslagern Mao Tse Tungs? Nein. Das ist Gegenwart. Es ist die Gegenwart der Demokratischen Volksrepublik Korea. Es ist eine Gegenwart, die von der Weltöffentlichkeit auf eine nachgerade skandalöse Weise ignoriert wird.

Ich habe diese Passage aus einem Artikel von Blaine Harden in der Washington Post vom 20. Juli übersetzt. Der Artikel ist sorgfältig recherchiert; die folgenden Angaben habe ich weitgehend ihm entnommen. Aufmerksam geworden bin ich auf das Thema durch die aktuelle Kolumne von Jonah Goldberg in der Los Angeles Times.



Wie das Sowjetsystem in Rußland basiert die koreanische Wirtschaft wesentlich auf der Ausbeutung von Häftlingen, die sich zu Tode arbeiten und ständig durch frische ersetzt werden. Wenn Sie diesen Artikel über den Gulag lesen, den ich 2007 aufgrund von Material aus dem Nouvel Observateur geschrieben habe, dann wissen Sie schon viel über das koreanische System der Konzentrationslager; denn es ist die exakte Kopie des Gulag.

In den fünfziger Jahren (also als Stalin längst tot war) befanden sich ungefähr zwei Millionen Menschen als Arbeitssklaven im Gulag; das war rund ein Prozent der damaligen Bevölkerung der UdSSR. Die Zahl der Arbeitssklaven in den Lagern Nordkoreas wird im Augenblick auf 200.000 geschätzt, ebenfalls rund ein Prozent der Bevölkerung.

Die beiden Grundpfeiler des Systems sind identisch: Die Häftlinge kosten den Staat fast nichts, weil ja gar nicht versucht wird, sie lange am Leben zu erhalten; Ersatz steht jederzeit reichlich zur Verfügung. Und dieser Ersatz wird durch willkürliche Verhaftungen besorgt; so daß neben dem wirtschaftlichen Nutzen der zweite Effekt dieses Systems ist, die Herrschaft der Kommunisten zu sichern.

Jeder Bürger weiß, daß er schon beim geringsten Anlaß in einem KZ verschwinden kann. Auch hohe Funktionäre kann es treffen; der Versuch einer Auflehnung gegen den Lieben Führer Kim Jong Il wäre also selbstmörderisch.

Willkür ist ja die Grundlage jeder kommunistischen Herrschaft; sie allein erzeugt die für deren Aufrechterhaltung erforderliche Angst in der Bevölkerung. In der DDR war das die Willkür des MfS; in Korea ist dieses Prinzip bis in seine scheußlichsten Formen hinein verwirklicht.

Blaine Harden schildert das Schicksal einer ehemaligen Insassin, Kim Young Soon. Sie überlebte das KZ, aber ihre Eltern verhungerten dort, und ihre ältester Sohn starb ebenfalls. Die gesamte Familie war in das KZ geschickt worden.

Das ist der Regelfall; es geht auf ein Wort von Kim Il Sung zurück: "Klassenfeinde, wer immer sie sind, müssen über drei Generationen ausgerottet werden". Also kam nicht nur Kim Young Soon in das Lager, sondern auch ihre Eltern und ihre vier Kinder.

Was war der Anlaß? Kim Young Soon erfuhr ihn von einem Funktionär nach ihrer Freilassung. Sie war verhaftet worden, weil sie mit der ersten Frau von Kim Jong Il befreundet gewesen war. Man fürchtete, sie könnte etwas über das Privatleben des Lieben Führers ausplaudern. Für dieses "Verbrechen" verlor sie fast ihre ganze Familie. Ihr Mann versuchte bei ihrer Verhaftung, nach China zu fliehen und wurde erschossen. Ihr jüngster Sohn wurde nach der Entlassung aus dem KZ ebenfalls erschossen.



Solche einzelnen Berichte ehemaliger Häftlinge muß man sicherlich immer kritisch sehen. Über das KZ-System der Demokratischen Volksrepublik Korea liegt aber inzwischen so viel Material vor, daß die Fakten als gesichert gelten können.

Menschenrechtsorganisationen und vor allem die Vereinigung (süd-)Koreanischer Rechtsanwälte (Korean Bar Association) befragen systematisch Zeugen, neben Überlebenden vor allem auch ehemalige Funktionäre und Wärter, die sich in den Westen abgesetzt haben. Hinzu kommen die Ergebnisse amerikanischer Luftaufklärung. Sogar auf Google Earth sind die Lager zu sehen.

Anfangs waren es vierzehn Lager gewesen. Inzwischen hat man das auf fünf große KZ reduziert. Das größte, Lager 22 nahe der chinesischen Grenze, beherbergt 50.000 Arbeitssklaven auf einer Fläche von ungefähr 50 mal 40 Kilometern.

Viele Häftlinge gelangen in ein solches Lager, nachdem sie zuvor gefoltert wurden. Einer der Überlebenden, Jung Gwang Il, beschreibt diese Folter als noch schlimmer als das Lager selbst.

Er war Funktionär im Außenhandel gewesen und beschuldigt worden, ein Spion zu sein. Die Bowibu (die nordkoreanische Stasi) folterte ihn systematisch; ihm wurden die Zähne ausgeschlagen und er erlitt mehrere Schädelbrüche. Er hatte mehr als 80 kg gewogen; am Ende der Tortur, als er in ein Lager eingeliefert wurde, wog er noch 40 kg. Er überlebte, weil es ihm gelang, eine Schreibtisch- Funktion zugeteilt zu bekommen.

Begeht ein Insasse Selbstmord, dann werden seine Angehörigen zu hohen Strafen verurteilt. Den Wärtern ist ausdrücklich erlaubt, Häftlinge nach Belieben zu schlagen, zu vergewaltigen und zu ermorden. Bringt eine Frau im Lager ein Kind zur Welt, dann wird es getötet. Den Wärtern wird - so die Aussage eines ehemaligen Wärters - eingeschärft, daß jede Regung des Mitleids gegenüber Gefangenen zu ihrer eigenen Verhaftung führen würde.

Hinrichtungen sind an der Tagesordnung. Sie finden öffentlich statt. Die Häftlinge müssen sich in unmittelbarer Nähe des Hinrichtungsorts aufstellen und zusehen. Den Delinquenten werden Kiesel in den Mund gestopft, und es wird ihnen eine Kapuze übergezogen. Drei Wärter geben dann je drei Schüsse auf das Opfer ab.



Genug der Einzelheiten. Es erscheint mir richtig, sie zu erwähnen, denn man muß sich solche Zustände im Detail vorstellen, wenn man sie richtig beurteilen will.

Und wie beurteilt sie die Weltöffentlichkeit? Gar nicht. Nordkorea bestreitet die Existenz der Lager. Es sei unmöglich, das Thema in Gesprächen auch nur zu erwähnen, sagt ein altgedienter amerikanischer Diplomat. Die Nordkoreaner würden sofort "an die Decke gehen" (go nuts).

Selbst die südkoreanische Regierung hat das Thema lange Zeit peinlich vermieden, um die Beziehungen zu Nordkorea nicht weiter zu verschlechtern. Erst seit letztem Jahr hat sich diese Politik unter Ministerpräsident Lee Myung-bak zu ändern begonnen.

Unter Präsident Clinton haben die USA das Thema der KZ ebenfalls vermieden; man wollte sich mit den Nordkoreanern so gut wie möglich stellen, um sie dazu zu bewegen, auf eine Atomrüstung zu verzichten.

Anders Präsident Bush. Er rechnete Nordkorea bekanntlich zur "Achse des Bösen" und empfing demonstrativ Überlebende der KZ. Fünf Jahre verweigerten die USA jedes Gespräch mit Nordkorea. Das änderte sich erst, als die Nordkoreaner 2006 ihre erste Atombombe zündeten.

Für die Regierung Obama sind die KZ in Nordkorea, so formuliert es Blaine Harden, "a non-issue". Ein Nicht-Thema also.



Nachtrag: Einen umfassenden Bericht über den koreanischen Gulag auf dem Stand von 2003 hat das Committee for Human Rights in North Korea vorgelegt. - Mit Dank an Kallias, der in "Zettels kleinem Zimmer" auf diesen Bericht aufmerksam gemacht hat.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Gemälde im Museum für den Siegreichen Vaterländischen Krieg in Pjöngjang; in der Mitte Kim Il Sung (Ausschnitt). Vom Autor Kok Leng Yeo unter Creative Commons Attribution 2.0 License freigegeben.

22. September 2008

Marginalie: Die amerikanische Einwanderung in die Sowjetunion. Ein vergessenes Kapitel in der Geschichte des Kommunismus

Ja, das hat es einmal gegeben: Ein Strom von Menschen, die die USA verließen, weil sie sich in der UdSSR ein besseres Leben erwarteten.

Nicht in der Zeit, als der spätere Kennedy- Attentäter Lee Harvey Oswald sein Glück im Vaterland aller Werktätigen suchte, Anfang der sechziger Jahre. Da kam allenfalls ein Einzelgänger wie Oswald auf einen solchen Gedanken.

Aber dreißig Jahre zuvor sah das anders aus.

Die USA steckten in der Großen Depression. Und die UdSSR, aus der überwiegend die Propaganda des Regimes und die geschönten Berichte von - im Wortsinn - Fellow Travelers nach außen drangen, erschien vielen wirklich als ein Paradies. Also wanderten Amerikaner zu Zehntausenden in die Sowjetunion aus.

Über diese bizarre Episode berichtet ein in diesem Sommer zunächst im UK erschienenes Buch des britischen Journalisten Tim Tzouliadis. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch die jetzige Besprechung von Ronald Radosh im aktuellen National Review anläßlich des Erscheinens der US- Ausgabe.

Weitere Rezensionen von "The Forsaken: An American Tragedy in Stalin’s Russia" (Die im Stich Gelassenen. Eine amerikanische Tragödie in Stalins Rußland) findet man zum Beispiel im Independent, im Telegraph und - besonders lesenswert - im Spectator; die Autorin dieser Rezension, Anne Applebaum, hat selbst ein Standardwerk über den Gulag geschrieben.



Im Jahr 1931, mitten in der Großen Depression, erschienen in US-Zeitungen Anzeigen der sowjetischen Arbeits- Agentur Amtorg, in der amerikanischen Arbeitern Jobs in der Sowjetunion angeboten wurden. Gesucht wurden vor allem Stahlarbeiter und Autobauer, aber auch Lehrer und Ärzte. Geboten wurden hochbezahlte, sichere Stellungen, freie Überfahrt, bezahlter Urlaub und freie medizinische Versorgung. Paradiesische Bedingungen also nicht nur für Menschen, die damals in den USA keine Arbeit fanden.

Etwas mehr als zehntausend Stellen wurden angeboten; mehr als hunderttausend Bewerbungen gingen ein. Unter denen, die in die UdSSR gingen, war der spätere prominente Gewerkschaftsführer Walter Reuther. Bei manchen spielte ein politischer Hintergrund eine Rolle; aber viele wollten nur einen der angeblichen guten Jobs.

Die Ernüchterung kam bald. Statt des versprochenen Paradieses fanden die Ankömmlinge erbärmliche Bedingungen vor - Hungerlöhne, schlechte Unterkünfte, eine miserable Versorgung selbst mit den einfachsten Gütern.

Sofort nach der Ankunft hatten sie ihre Pässe abgeben müssen. Wer wieder zurück in die USA wollte, erhielt die Auskunft, er sei mit der Aufnahme der Arbeit Sowjetbürger geworden und unterliege ausschließlich sowjetischem Recht.

Soweit war das aus heutiger Sicht alles nicht überraschend. Wirklich erstaunlich - und der Grund dafür, daß ich diesen Artikel schreibe - war die Reaktion der amerikanischen Behörden.

1933 hatten die USA die Sowjetmacht anerkannt und eine Botschaft in Moskau eingerichtet. Von deren Personal wurden die amerikanischen Arbeiter, wie ein Diplomat es ausdrückte, als "menschliches Treibgut" (flotsam and jetsam) behandelt. Sie erhielten keine Hilfe, und Stalin war entschlossen, sie in der UdSSR festzuhalten, denn sie kannten ja nun die Wahrheit über die dortigen Zustände und hätten bei einer Heimkehr in die USA darüber berichten können.

Der erste US-Botschafter bei Stalin, William Bullitt, war anfangs ein Sympathisant der Sowjetmacht gewesen, erkannte aber bald deren wahres Wesen und schrieb in seinem letzten Telegramm an Roosevelt, bevor er demissionierte, daß Stalin zum Massenmord an allen potentiellen Oppositionellen entschlossen sei.

Bullitts Nachfolger war Stalins Traumkandidat, der sowjetfreundliche Joseph Davies. Ein Mann, der sich weigerte, vom NKWD verfolgten Amerikanern zu helfen; erst recht den Arbeitern, die ja "Sowjetbürger" geworden waren.

Davies nannte die sowjetische Führung "extrem fähig" und rechtfertigte Stalins Schauprozesse. Und er war nicht der einzige. Bis hinein in Roosevelts Regierung gab es die willigen Unterstützer Stalins; zu ihnen gehörte zum Beispiel Vizepräsident Henry A. Wallace. Henry Morgenthau, Roosevelts Finanzminister, äußerte, die Methoden Stalins seien "of no interest to the American government", uninteressant für die amerikanische Regierung.

Zahlreiche der in die UdSSR gekommenen Amerikaner kamen in ein Lager des Gulag. "None of this first generation of American prisoners — neither Herman, nor Dolgun, nor Sgovio nor any of the hundreds of others — ever had any aid or assistance whatsoever from the American embassy in Moscow or from the American press corps, let alone from the government itself", schreibt Anne Applebaum - keiner von ihnen hätte jemals Hilfe erhalten, weder von der Botschaft, noch von Presseleuten, noch gar von der US-Regierung.



Das alles war Anfang und Mitte der dreißiger Jahre, also vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Daß man Stalin später als Kriegsalliierten nolens volens manches nachsah, mag verständlich sein. Aber die Wahrheit ist, daß viele amerikanische Linke schon lange zuvor in "Uncle Joe" regelrecht vernarrt gewesen waren. (Seine "wunderbaren Augen" lobte der Botschafter Davies, vor der Entsendung nach Moskau ein prominenter US-Linker).

Und die Amerikaner waren keineswegs die einzigen. Anne Applebaum schreibt:
This attitude was not unique to Americans at that time, of course. (...) I’ve never heard of British or Dutch diplomats helping their citizens to get out of the gulag either. A few oddball ‘right-wing’ journalists and émigrés paid attention, but that was about it. It was an ‘internal affair’, not a matter for international statesmen.

Diese Haltung war damals natürlich nicht auf die USA beschränkt. (...) Ich habe niemals davon gehört, daß auch holländische oder britische Diplomaten ihren Bürgern geholfen hätten, dem Gulag zu entkommen. Ein paar verschrobene "rechte" Journalisten und Emigranten richteten die Aufmerksamkeit darauf, aber das war es dann auch schon. Es war eine "innere Angelegenheit", keine Angelegenheit internationaler Staatsmänner.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

14. November 2007

Verbrechen der Sowjetkommunisten: Ein paar Fakten, die Sie wahrscheinlich nicht kannten

Hand aufs Herz: Denken Sie, daß Sie über die Verbrechen Stalins einigermaßen Bescheid wissen? Dann wissen Sie schon nicht Bescheid. Denn es ist ein verbreiteter Irrtum, daß die Verbrechen des Sowjet- Kommunismus die Verbrechen Stalins waren.

Gewiß war Stalin einer der Hauptverbrecher innerhalb dieses Systems. Aber weder hat er mit diesen Verbrechen begonnen - das waren Lenin und Trotzki -, noch endeten sie mit seinem Tod. Die Konzentrationslager für politische Häftlinge wurden erst 1986/87 durch Gorbatschow abgeschafft.

Als Gorbatschow damals daran ging, das Verbrecherische des kommunistischen Systems zu beseitigen, gab er zugleich diesem System selbst den Todesstoß. Denn dieses System war von Anfang an auf Verbrechen gegründet und ohne Staatsverbrechen überhaupt nicht lebensfähig.



Die Fakten, die ich jetzt aufliste und von denen ich vermute, daß sie den meisten Lesern ebenso neu sind, wie sie mir waren, entnehme ich der aktuellen Ausgabe des Nouvel Observateur. Sie enthält u.a. ein Interview mit Anne Applebaum, die 2005 ein Standard- Werk über den Gulag publiziert hat, Zeugenaussagen von Überlebenden und Auszüge aus zwei noch unveröffentlichen Werken von Solschenizyn.
  • Lange bevor es die KZs der Nazis gab, wurden in der Sowjetunion die ersten Konzentrationslager eingerichtet. Und zwar unter dem Namen. "Kontslager", zu dem Lenin und Trotzki das deutsche "Konzentrationslager" abgewandelt hatten. Ende 1919 gab es bereits 21 Konzentrationslager in der Sowjetunion, ein Jahr später schon 107. Die Tscheka erhielt den Auftrag, "wichtige Mitglieder der Bourgeoisie, Industrielle, Händler, konterrevolutionäre Priester und sowjetfeindliche Offiziere" festzunehmen und in diese Lager zu verbringen.

  • Unter Lenin wurden die Insassen dieser Lager isoliert, gequält oder ermordet. Stalin entdeckte die Möglichkeit, sie in großem Stil als Arbeitssklaven für den Aufbau des Sozialismus einzusetzen. Auf diese Idee hatte ihn ein gewisser Nephtali Frenkel gebracht, zunächst selbst Insasse eines Konzentrationslagers. Er entwickelte einen Plan zur Ausbeutung der Insassen von Konzentrationslagern, der Stalin faszinierte: Sie sollten Zwangsarbeit im Akkord leisten und zu Höchstleistungen angespornt werden, indem ihre tägliche Brotration von der jeweiligen Arbeitsleistung abhängig gemacht wurde. Als Organisation zur Verwaltung dieses neuen Systems gründete Stalin 1930 die "Zentrale Leitung der Lager", abgekürzt GULAG. Mit der Arbeit der Hälftlinge sollte der 1929 verkündeten Fünfjahresplan realisiert werden.

  • Das GULAG- System war die entscheidende Grundlage für die Industrialisierung der Sowjetunion. Die Lager wurden vor allem in den unwirtlichen Gebieten errichtet, in denen sich die für die Industrialisierung benötigten Rohstoffe (Kohle, Gas, Holz, Gold) überwiegend befanden. Dorthin ging kaum jemand freiwillig. Der GULAG löste dieses Problem.

  • Die meisten Häftlinge schufteten nicht etwa zur Zeit der Stalin'schen Verfolgungen oder im Zweiten Weltkrieg in diesen Lagern, sondern in den fünfziger Jahren. Nach neuen Unterlagen aus den Archiven des NKWD waren es damals 460 "Komplexe", von denen jeder Dutzende bis Hunderte Lager umfaßte. Die genaue Zahl der Lager läßt sich nicht mehr ermitteln; es waren aber mit Sicherheit mehrere tausend.

  • Zwischen 1930 und 1953 wurden, ebenfalls nach den Unterlagen des NKWD, 18 Millionen Menschen in diesen Lagern inhaftiert. Die höchste Zahl der gleichzeitig Inhaftierten wurde mit 2,5 Millionen im Jahr 1951 erreicht.

  • Anfangs - unter Lenin - waren die Insassen, wie erwähnt, überwiegend "Bourgeois", Industrielle, Offiziere und Priester gewesen. Unter Stalin änderte sich das. Jeder beliebige Sowjetbürger konnte unter irgendeiner Beschuldigung inhaftiert werden, damit die jeweils für ein Gebiet festgelegte Zahl von abzuliefernden Häftlingen erreicht wurde. Die meisten Insassen waren nicht politisch aktiv gewesen; es waren Bauern und Arbeiter, auf die der berüchtigte Paragraph 58 ("antisowjetische Agitation") angewandt wurde. Während des Kriegs kamen Angehörige von Nationalitäten (vor allem Ukrainer und Balten) hinzu, die man des Antisowjetismus verdächtigte. Nach Kriegsende wurden zurückgekehrte Kriegsgefangene in die Lager eingeliefert, denen allein aufgrund des Umstands, daß sie sich den Deutschen ergeben hatten, "Spionage" vorgeworfen wurde.

  • Die Zahl der Todesopfer ist nicht mehr genau zu ermitteln. Während des "großen Terrors" 1937/38 wurden ungefähr 800 000 Menschen hingerichtet; ein Teil davon (ungefähr 350 000) im GULAG. Die Hinrichtungen erfolgten so, daß die Delinquenten in größeren Gruppen in einen Wald geführt und dort mit Maschinengewehren erschossen wurden. Die meisten Opfer kamen aber durch Krankheiten, Verhungern, Erschöpfung und aufgrund von Mißhandlungen ums Leben. In den Lagern lag die Todesrate aus diesen Ursachen bei bis zu 60 Prozent. Viele Insassen starben an Skorbut und Tuberkulose. Da der Nachschub mühelos zu organisieren war, hatten die Lagerkommandant kein Interesse daran, ihre Häftlinge am Leben zu erhalten. Die offizielle Zahl der Todesopfer in den Akten des NKWD ist 1,6 Millionen. Anne Applebaum hält diese Zahl für viel zu niedrig, weil sie die (sehr zahlreichen) auf den Transporten ums Leben Gekommenen nicht enthält und weil Lagerkommandanten die Zahl der Todesopfer in der Regel unvollständig angaben.

  • In den fünfziger Jahren wurde GULAG als Organisation aufgelöst, aber die Konzentrationslager bestanden weiter. 1970 gab es immer noch 10 000 politische Gefangene in solchen Lagern. Sie wurden erst von Gorbatschow aufgelöst.

  • Einer der Zeugen, die im Nouvel Observateur zu Wort kommen, Gueorgui Khomizuri, wurde noch 1983 unter der Beschuldigung, verbotene Bücher zu besitzen, zu sechs Jahren Lager verurteilt und in ein Lager in Mordovien verbracht. Als er wegen der unmenschlichen Haftbedingungen in den Streik trat, wurde er eine Woche lang in eine Zelle mit einer Wandlänge von 1,30 m gesperrt. Er mußte den ganzen Tag über stehen und konnte sich nicht einmal an die Wand lehnen, weil die Wände mit spitzen Stacheln versehen waren. Nachts erhielt er eine Pritsche ohne Bettzeug, auf der er zusammengekrümmt liegen konnte. Er zittere so vor Kälte, daß er selten schlafen konnte. Er wurde 1987 aufgrund von Gorbatschows Amnestie für politische Gefangene freigelassen.

  • Die Erinnerungen der anderen Zeugen datieren weiter zurück. Einer, Juri Fidelgolts, war 1948 wegen "antisowjetischer Agitation" verurteilt worden. Er mußte in einem Lager in Bratsk, nah dem Baikalsee, beim Bau eines Elektrizitätswerks arbeiten. Da er schwach war, erhielt er eine seiner Arbeitsleistung "entsprechende" Nahrungsration - 300 g Brot am Tag. Später kam er in ein Lager bei Kolyma, das einer Metallfabrik angeschlossen war. Die Bedingungen dort waren so mörderisch, daß von 10 Häftlingen 8 starben.

  • Und so fort - ein 11-Stunden-Arbeitstag in einer Mine; bei 400 Gramm Brot am Tag. Arbeiten auch bei minus 40 Grad; Schlafen in der Arbeitskleidung auf Pritschen ohne Decken. Die Herrschaft der Kapos, meist gewöhnliche Kriminelle. Im Krieg das Angebot der Freilassung, wenn man sich zur Roten Armee zum Einsatz in der vordersten Frontlinie meldet. Ein Streikversuch im Lager Norilsk (Abbau von Kobalt, Nickel, Kupfer und Kohle) wurde dadurch unterbunden, daß mit Maschinengewehren in die Gruppe der Streikenden hineingeschossen wurde; es starben Hunderte.
  • Ja, gewiß, das ist Jahrzehnte her. Sollte man es also nicht besser vergessen?

    Gueorgui Khomizuri erhielt für vier Jahre Konzentrationslager eine Entschädigung von 1000 Rubel. Er hat mehrfach an Putin geschrieben mit der Aufforderung, der Staat möge sich bei ihm für das angetane Unrecht entschuldigen. Er erhielt nicht einmal eine Antwort.

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