30.6.06

Robert Gernhardt ist tot

In den ersten Jahrgängen von "Pardon", Anfang der sechziger Jahre, schrieb ein Autor namens "Lützel Jeman". Genauer: Er schrieb und zeichnete. Noch genauer: Er tat das vor allem in einer "Beilage" von Pardon, der "WimS" - "Welt im Spiegel".

"Pardon" war im September 1962 auf den Markt gekommen. Ich erinnere mich noch an das erste Heft mit dem lustigen Teufelchen, das durch das höfliche Lüften seines Huts seine Hörner entblößte. Damals jobbte ich als Student auf dem Land, und das Heft verschönerte mir den Feierabend.

Es war eine ganz neuartige Zeitschrift. Ein bißchen an "Mad" erinnernd, aber intellektueller, auch politischer. Und herausragend war für mich sehr bald Lützel Jeman, der ab Ende 1964 zusammen mit F.W. Bernstein und F.K. Waechter dieses "WimS" gestaltete.



Alle drei waren sehr lustig, aber Lützel Jeman, der ab 1971 unter seinem bürgerlichen Namen Robert Gernhardt schrieb und strichelte, war bei weitem der witzigste. Er hatte einen ungeheuren Witz - nicht nur im Sinn von Humor, sondern auch im Sinn von Geist.

Von Anfang an hat mir bei ihm etwas besonders gefallen, was das ganze, so vielfältige und vielschichtige Werk von Robert Gernhardt kennzeichnet: Die Doppelbödigkeit, das Spiel mit den Realitätsebenen und den Stilformen.

Zu den festen Bestandteilen von WimS gehörte der "Schnuffi"- Cartoon von Gernhardt.

In einem der ersten - im Januarheft 1965 - ist Schnuffi ein Bergsteiger. Der Berg wird immer steiler, bis Schnuffi schließlich fast senkrecht klimmt. Und in seiner Sprechblase also spricht: "Ich schaff's nicht. Vielleicht ist der Leser so freundlich, das Blatt um 90 Grad nach rechts zu drehen?"

Das war typisch Schnuffi. Im nächsten Heft versuchte er, den Rahmen des Cartoons zu durchbrechen, weil er sich darin eingesperrt fühlte. Im September 1965 saß er mit seiner unvermeidlichen kleinen Gefährtin gestrandet auf einer Insel. Am Horizont erschien ein Schiff, natürlich noch winzig klein, kam näher und näher - und war, am Strand angekommen, immer noch genauso klein, ein Spielzeugschifflein.

Spiel mit Dargestelltem und Darstellung, Spiel mit der Perspektive - das war schon damals Gernhardts Stil, als er noch keine dreißig war.




Ich habe danach alles von ihm gekauft und gelesen, was ich bekommen konnte; zwei Regalböden von Büchern, zum Teil opulenten Wälzern, sind es im Lauf der Jahrzehnte geworden.
Lange war mir aber entgangen, daß Gernhardt vom Geheimtip, der er gewesen war, allmählich zum populären Autor wurde. Vor ein paar Monaten habe ich ihn auf einer Lesung erlebt; es war vermutlich seine letzte Lesereise. Da wurde er von den Kultur-Honoratioren gefeiert und gelobt wie ein lebender Klassiker.

Was er in gewisser Weise auch wirklich geworden ist. Einer, der dieses Spiel mit den Realitätsebenen, mit den Stilen souverän und artistisch beherrschte, aber mit einem immer unterhaltsamen Ergebnis. Ein Volksdichter war er geworden, der einstige Lützel Jeman (mittelhochdeutsch für "kaum jemand").



Freilich will mir scheinen, daß dieses Populäre, dieses leicht Zugängliche am Werk Gernhardts leicht dazu verführt, ihn zu unterschätzen. Seine Prosa ist so ausgefeilt wie die Tucholskys und in seinen besten Stücken wie die von Kafka. Seine Gedichte sind oft Sprachspiele von höchster Durchtriebenheit. In den letzten Jahren auch immer mehr Gedankenlyrik. Philosophisches im Gewand des Humors.



Vor allem aber schätze ich Gernhardt als Maler. Nein, nicht als Karikaturist, wie es in den heutigen Nachrufen zu lesen ist. Natürlich war er das, zumal in den ersten Jahrzehnten. Aber er hat zeitlebens auch "ernsthaft" gemalt, und zwar - aus meiner Sicht - ganz hervorragend.

Seine Bilder sind in einigen kleinen, schönen Bildbänden erschienen; hier sind zwei:



Spiel mit der Perspektive. Spiel mit Konturen und Texturen. Licht und Schatten vor allem. Die Realitäten und Täuschungen, die das in seinem Zusammenwirken hervorbringt. Das war sein Thema, wie schon in den ersten Schnuffi-Cartoons.

Ähnliches habe ich in solcher Perfektion eigentlich nur in den Bildern von Max Liebermann gesehen, der zB in der Bildserie aus seinem Garten diese Ebenen des direkten und des reflektiverten n Lichts, des Schattens und der Textur, der Objekte und Räume meisterhaft variiert hat.

Hier ist eine Seite aus einem dieser Bildbände. Ich habe sie vorhin auf unserer Terrasse fotografiert; absichtlich so, daß dabei Schatten und Lichtreflexe dazugekommen sind - sozusagen weitere Realitäts- und Irrealitätsebenen:

Ernsthaftes Spiel, spielerischer Ernst

Ich habe ein einziges Mal von meinem Vater eine Ohrfeige bekommen. Damals war ich sieben oder acht Jahre, und ich bekam sie dafür, daß ich zu meinem Großvater "Du Esel!" gesagt hatte.

In einer Familie, in der man gesittet miteinander umging, war das eine doppelte Entgleisung: Daß ich mich vergessen und meinen Großvater so genannt hatte. Daß mein Vater sich vergessen und mich dafür geohrfeigt hatte.



Was hatte mein Großvater getan, daß ich ihn einen Esel schimpfte? Er hatte eine Weiche falsch gestellt.

Der Vorfall trug sich in den Tagen "zwischen den Jahren" zu, also zwischen dem Heiligen Abend und Neujahr. Ich hatte eine kleine Spielzeugeisenbahn zu Weihnachten bekommen, und die hatte ich gemeinsam mit dem Opa erprobt. Wobei dieser eine Weiche falsch stellte, und der Zug entgleiste.

Das hat mich so in Rage gebracht wie nichts, was der Opa zuvor oder danach getan hatte. Und dabei war es doch nur ein Spiel gewesen.

Nur ein Spiel? Es war für den Sieben- oder Achtjährigen in diesem Augenblick so wichtig, wie es eben nur ein Spiel ist. So wichtig, daß ich mich nicht beherrschen konnte und damit verursachte, daß auch mein Vater sich unbeherrscht benahm.



An diese Episode erinnere ich mich in diesen Tagen, in denen ganz Deutschland vom Spielen ergriffen ist. Nicht nur sprießen überall nationale Fahnen, nicht nur sammeln sich Millionen zum Public Viewing - vulgo zur Gemeinschafts- übertragung - von Fußballspielen. Sondern auch am Arbeitsplatz, auf Parties, kurz, wo immer man ein paar Worte über dies und jenes zu wechseln pflegt, ist der Fußball das dominierende Thema.

Selbst Menschen, die sich bisher nie erkennbar für Sport begeistert hatten, sind mit von der Partie. Man will sich ja nicht ausschließen, nicht abseits stehen bei diesem kollektiven Ergriffensein.



Heute, bei Maybritt Illner, wurde sehr ernsthaft über Fußball diskutiert. Man hat sich, neben vielen anderen Aspekten, darüber ausgetauscht, wie man sich wohl fühlen würde, wenn unsere Elf am Ende verlieren sollte. Mit nur wenig Ironie, eigentlich mit gar keiner, haben die Gesprächsteilnehmer zu verstehen gegeben, daß sie das schon sehr treffen würde.

Mir geht es auch so. Ich fiebere dem Großen Spiel entgegen. Ich wünsche mir, sehr ernsthaft, daß wir gewinnen. Ich werde traurig, bestürzt, wenn auch nicht verzweifelt sein, wenn das Große Ziel morgen verfehlt werden sollte. Das Ziel, die Weichen für das Endspiel zu stellen.

Was ist da los? Wie kommen erwachsene, gesunde Menschen dazu, auch nur ein Quentchen, und nun gar dieses Übermaß, an Gefühl, Engagement, Hoffnung und Befürchtungen in die Frage zu investieren, ob elf Kicker ein Spiel gewinnen oder verlieren? What's Hekuba to us?

Man könnte auf eine simple, nachgerade triviale Antwort verfallen: Es geht gar nicht um den Fußball. Es geht um den nationalen Erfolg. Der Fußball, das ist die Fortsetzung des Kriegs mit anderen, mit gewiß ungleich erfreulicheren Mitteln.

Die Affekte, so könnte man dann argumentieren, sind so heftig, weil sie einem nicht nur ernsthaften, sondern auch uralten, vielleicht gar biologisch verankerten Ziel dienen: Dem Stolz, dem Ansehen, dem Sieg der eigenen Horde, Gruppe, Nation.

Mag sein. Aber diese Erklärungen stimmt weder mit meinen Beobachtungen überein, noch trifft sie mein eigenes Empfinden.

Es ist ja gerade nichts von nationaler Verbissenheit, nationaler Überheblichkeit zur verspüren. Nicht bei uns Deutschen, nicht bei den Gästen. Niederländer, kaum daß ihre Mannschaft rausgeflogen ist, erklären fröhlich, jetzt seien sie halt für die Deutschen. Deutsche Zuschauer feuern vehement mal die Elfenbeinküste an, mal Ghana, mal Trinidad und Tobago. Die Begeisterung scheint sich mal hier- mal dorthin zu wenden. Nur Begeisterung, das ist sie.



Mir scheint dieses Involviertsein, diese starke affektive Beteiligung einen hochgradig spielerischen Charakter zu haben, etwas sozusagen Uneigentliches und gerade dadurch Unbedingtes zu sein.

Anerzogener Nationalismus ist fordernd, auch belastend. Was hier aber zelebriert wird, das ist ein Nationalismus sozusagen mit Augenzwinkern. Eine affektive Beteiligung in Gestalt eines "als Ob", um Hans Vaihingers Formulierung zu verwenden. Eben Spiel.

Man kann sich dem Spiel ganz hingeben, obwohl oder gerade weil es ja "nur ein Spiel" ist. Weil die Emotion also rein und heftig sein kann. Wie eben die eines Kindes. Es ist ja folgenlos. Es ist keine Verantwortung damit verbunden. Es ist eine Engagement, das nicht mit allen den Häßlichkeiten einhergeht, die so oft ihr Haupt heben, wenn wir uns im wahren, im ernsthaften Leben engagieren.



Es gibt Sentenzen, die man als Teil unsers Bildungsguts kennengelernt hat, die abgedroschen erscheinen, und die doch unversehens ihren treffenden Sinn erweisen, wenn eine Sitution eintritt, die sie sozusagen paradigmatisch illustrieren.

Mir ist das in diesen Tagen mit dem vielzitierten Satz Schillers (aus der "Ästhetischen Erziehung des Menschen") so gegangen: Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

28.6.06

Randbemerkung: Wie man Vorurteile verbreitet

Im Augenblick hat Spiegel-Online eine Meldung, die folgendermaßen beginnt:
US-UMWELTSCHUTZ
Bush bezeichnet Klimawandel als "Problem"

Bisher hat die US-Regierung das Treibhausgas Kohlendioxid nicht einmal als Luftschadstoff anerkannt. Jetzt hat George W. Bush die globale Erwärmung als "ernsthaftes Problem" bezeichnet - ein bedeutender Schritt für den US-Präsidenten.

Möglicherweise hat er es bislang stets im Stillen gesprochen. "Ich habe immer wieder gesagt, dass die globale Erwärmung ein ernstes Problem ist", behauptete US-Präsident George W. Bush jetzt vor Journalisten in Washington.
Das verdient einen kleinen Kommentar, denn es ist ein klassisches Beispiel für die Art, wie Spiegel-Online (und andere deutsche Medien) mit ihrer Berichterstattung Vorurteile transportieren. Hier das Vorurteil, die USA und insbesondere die Regierung Bush vernachlässigten den Umweltschutz.

Schauen wir uns die Meldung genauer an.


Bisher hat die US-Regierung das Treibhausgas Kohlendioxid nicht einmal als Luftschadstoff anerkannt.
Aha, denkt der Leser, da sieht man's: So umweltfeindlich ist diese Regierung, daß sie noch nicht einmal das Offensichtliche anerkennt.

Wie es sich tatsächlich verhält, kann man im heutigen (sehr regierungskritischen) Bericht des Boston Globe zu diesem Thema lesen:
It is true that the 1970 Clean Air Act does not mention carbon dioxide as an air pollutant, but that's because few scientists at the time were focusing on the impact that heat-trapping emissions could have on the planet.
Nicht die US-Regierung ist es also, die Kohlendioxid nicht in der Liste der Luftschadstoffe führt, sondern das steht so in einem vom Kongreß verabschiedeten Gesetz, und zwar aus dem Jahr 1970. Präsident Bush war damals 24 Jahre und absolvierte seinen Militärdienst als Pilot der Nationalgarde.



Weiter geht es in der Meldung:
Jetzt hat George W. Bush die globale Erwärmung als "ernsthaftes Problem" bezeichnet - ein bedeutender Schritt für den US-Präsidenten.

Möglicherweise hat er es bislang stets im Stillen gesprochen. "Ich habe immer wieder gesagt, dass die globale Erwärmung ein ernstes Problem ist", behauptete US-Präsident George W. Bush jetzt vor Journalisten in Washington.
Bush "behauptete" etwas - das suggeriert dem Leser, daß es wohl nicht stimmt. Zur weiteren Verstärkung dieses Eindrucks setzt der Autor der Meldung den ironischen Satz "Möglicherweise hat er es bislang stets im Stillen gesprochen" davor.

Aha, soll der Leser denken: Der Mann lügt mal wieder. Er tut jetzt so, als habe er sich immer schon um die globale Erwärmung gesorgt. Aber hat er doch gar nicht!

Es wird nicht direkt gesagt, daß Bush die Unwahrheit gesagt habe. Es wird aber insinuiert. Das Vorurteil des Lesers gegen den Präsidenten soll bestätigt werden.



Auch hier kann man den tatsächlichen Sachverhalt dem verlinkten Artikel des "Boston Globe" entnehmen. Daraus geht hervor, daß Bush schon in seiner ersten Präsidentschaftswahl-Kampagne im Jahr 2000 angekündigt hatte, er werde den Ausstoß von CO2 einer Regulation unterwerfen. Das hat er - und der "Globe" wirft ihm das vor -, dann nicht getan, sondern sich für freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie eingesetzt.

Aber daß er "im Stillen gesprochen" habe, ist schlicht die Unwahrheit. Übrigens nicht nur im Wahlkampf, sondern auch als Präsident hat Bush - genau, wie er jetzt gesagt hat - immer wieder das Problem der globalen Erwärmung angesprochen.



Nur paßt das halt nicht in das Vorurteil gegen den Präsidenten, das ja nur die Konkretisierung eines allgemeineren Vorurteils gegen die USA ist. Wo der Kapitalismus herrscht, da zählen allein die Profitinteressen. Wo allein die Profitinteressen zählen, da wird das Gemeinwohl vernachlässigt. Wo das Gemeinwohl vernachlässigt wird, da interessiert man sich auch nicht für Klimaschutz.

Und da George W. Bush sozusagen der personifizierte Kapitalismus ist, muß er logischerweise den Umweltschutz vernachlässigen. Das wußten sie, die Vorurteilsbeladenen, auch schon, bevor sie die Meldung in Spiegel-Online gelesen hatten.

Aber diejenigen, die sie gelesen haben, fühlen sich in ihren Vorurteilen wieder ein wenig mehr bestärkt.



Tatsächlich waren es diese kapitalistischen USA, die in den siebziger Jahren mit dem Umweltschutz begannen - mit Gesetzen wie dem Clean Water Act, dem Clean Air Act, dem Endangered Species Act und dem National Environmental Policy Act. Wer sich dafür interessiert, kann Näheres unter diesen Namen in der Wikipedia finden.

Alle diese Gesetze wurden zwischen dem Ende der sechziger und dem Ende der siebziger Jahre verabschiedet - zu einer Zeit, als in Deutschland noch kaum jemand von Umweltschutz sprach. Der ersten Bundesumweltminister wurde, unter Kanzler Kohl, am 7. Mai 1987 ernannt.

27.6.06

Zettels Meckerecke
Die coolen Gladiatoren

Eine Mannschaft, sagt eine alte Fußballweisheit, spielt immer nur so gut, wie der Gegner es zuläßt.

Mir scheint, diese WM zeigt: Viele Mannschaften spielen auch nur so gut, wie der Gegner es erfordert.



Die Art, wie die Qualifikationen zur WM nach Konföderationen, also in gewissem Maß nach Proporz, entschieden werden, bringt es zwangsläufig mit sich, daß Mannschaften aufeinandertreffen, die "auf dem Papier" eine so unterschiedliche Stärke haben wie, sagen wir, Real Madrid und der DSC Wanne-Eickel.

Solche Spiele sind logischerweise selten spannend. Das erwartet sich der Zuschauer von ihnen auch nicht. Was er sich wünscht, das ist schöner Fußball.

Vom Underdog möchte er sehen, daß dieser alles aus sich herausholt, daß ihm vielleicht dadurch doch das eine oder andere Tor gelingt. Und vom haushoch Überlegenen wünscht er sich, daß er seine Kunst zeigt. Daß er "unbeschwert aufspielen" kann, weil er ja nach Menschenermessen nicht verlieren wird.

Kurz gesagt, man will, wenn die Pflicht nicht auf dem Favoristen lastet, ihn seine Kür spielen sehen.



So erfreulich diese WM bisher gewesen ist - in dieser Hinsicht war sie eine einzige Enttäuschung.

Schweden gegen Trinidad und Tobago null zu null. Niederlande gegen Serbien und Montenegro eins zu null. Brasilien gegen Kroatien eins zu null. Spanien gegen Saudi-Arabien eins zu null.

Und jetzt eben ein müdes Gekicke der Brasilianer gegen Ghana, auch wenn sie, mit Glück, standesgemäß gewonnen haben.



Wie kommt's, daß viele dieser Vorführungen der Stars mehr an eine Provinzbühne erinnern als ans Burgtheater?

Vielleicht liegt es an der Motivation der Protagonisten. Leute, die schon deshalb kaum "für ihr Land" spielen können, weil sie dieses kaum noch kennen. "Legionäre" werden sie seltsamerweise genannt; "Gladiatoren" wäre der richtigere Ausdruck. Leute, die zu ihrer Herkunftsnation ungefähr eine so enge emotionale Beziehung haben dürften wie ein Thraker, der zur römischen Kaiserzeit im Circus Maximus gegen einen Nubier kämpfte.

Das hat sein Gutes: Die Unterschiede schleifen sich ab. "Fußballzwerge" können, dank der Gladiatoren, auf internationaler Ebene mithalten.

Aber es hat halt auch seine Nachteile: Der individuelle Stil, die nationale Besonderheit, gehen allmählich verloren. Wir sehen heute nur noch wenig von den "ballverliebten", den "zaubernden" Brasilianern, den schnell nach vorn spielenden Holländern. Sondern wir sehen den coolen Zweckfußball, so wie er überall auf der Welt gespielt wird. Globalisiert.

Und eben auch "abgeklärt", was die erforderliche Torausbeute angeht. Der Gladiator rennt nicht voll begeisterter Kampfeslust gegen den Mitkämpfer an, wie vermutlich die Teutonen gegen die Römer in der Varusschlacht. Sondern er sucht seinen Vorteil, und begnügt sich auch mit ihm. So haben sie bisher gespielt, die Favoriten.



Bis auf die deutsche Nationalmannschaft. Die hat sich sogar gegen Costa Rica angestrengt, als stünde sie schon im Endspiel. Die spielt einen individuellen Stil.

Warum? Natürlich zum einen, weil sie einen Trainer mit einem ungewöhnlich klaren Konzept hat und der Charakterstärke, es durchzusetzen.

Zum anderen aber auch, weil so wenige internationale Gladiatoren in dieser Mannschaft stehen. Sie ist sozusagen provinziell, diese deutsche Elf. Und genau das könnte am Ende ihre Stärke sein.

My life with bears

Bruno is dead! Probably, there are few people outside of Germany and Austria who are aware of his demise. But in these two countries, and in particular in Germany, it has provoked a fierce debate and much emotion.

As you will guess from the title of this article, the deceased Bruno was a bear. A bear who had, for some weeks, strolled around along the German-Austrian Border, which is not quite as well guarded as the border between the USA and Mexico, offering plenty of opportunities for a clever bear to shift back and forth.

And clever he was, Bruno, despite his youth. He was probably an offspring of brown bears who had been "resettled" by the efforts of the Austrian Section of the WWF, in an attempt to make the Alps once again a home for bears, who had largely vanished from there during the 19th century. Bruno (meaning "brown" in Italian; Italy was his original homeland) lived on a lavish diet of sheep, chickens and goats, with honey from beehives as his usual dessert.

All efforts to catch him had failed. Even Finnish hunters specialized in bear catching had been recruited, complete with their equally specialized hounds. With no success at all. So it was "fire!", and the bear's fate was sealed. His mortal coil will be exhibited in a Bavarian museum.



I fully share my fellow countrymen's mourning. Like many Germans, I have lived with bears since my early childhood.

My first, indeed my only, non-human companion as a young child was a bear. I had inherited it (no, I should say "him", for I regarded him as a full-fledged person, more human than many people) - I had inherited him from a deceased uncle, and when I got the Große Bär (his name was simply Der Große Bär, the big bear), he was already a war veteran. Indeed a war invalid who had received a grenade splinter in his breast, in the First World War. I could, at an age of three or four, feel the splinter when I touched him. And I still can, because he is still alive and well, sitting on a cupboard, looking down on this crazy world.

He was my only non-human companion, because it was the time after the Second World War. My parents' family had been "bombed out" by an Allied air raid that had destroyed the house, leaving nothing of what they had possessed, and they had been lucky to find shelter in a small school building in the countryside, where we all lived in one single room.



It was there that I learned to read at the age of four, because I had nothing better to do. Unfortunately, there was not much to read for a child in our humble household, so I read the daily newspaper. But then, my parents somehow acquired a children's book: "Winnie the Pooh", translated into German as "Puh, der Bär" (Pooh, the bear). There were a lot of illustrations that showed Pooh's adventures, and he indeed looked very much like my Großer Bär. In a way, the two merged into a single personality in my infantile mind.

In one episode, Pooh tried to find the North Pole. It turned out to be exactly this - a pole, with a notice attached to it. In the German translation, only the "Nordpol" was mentioned, which word refers to the geographic pole, but not to a stick. So I kept wondering why the North Pole looked like a stick.



About twenty years later, I met the girl that is now my wife, and one of my first little presents to her was, of course, a bear. I sent it to her in a parcel. She lived in Berlin, several hundred miles away from my place. So the little bear had to travel through Communist Germany, and the Communists used to sift through parcels to find out if they contained something interesting.

Hence, the little bear arrived in a rather battered state. My girl friend wrote back: "Apparantly, he went on the rampage during his journey".

Now he sits on his cupboard, flanked by Großer Bär. The Communists are gone, and I guess he no longer feels like rioting. And of course we have not told him about Bruno's sad fate.

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26.6.06

Randbemerkung: Nichtfremdenfeindschaft

Wenn man Fußball im TV sieht, dann sollte man Partei ergreifen. Der Spaß ist höchstens halb so groß, wenn man das Spiel aus der Position des Neutralen betrachtet. Das ist, als würde man einem Gottesdienst ohne jedes heilige Gefühl beiwohnen. Oder ein Theaterstück ohne ästhetisches Interesse sehen.

Wenn man einen Kampf miterlebt, dann muß man, wenn man ihn genießen will, mitfiebern, also Partei sein.

Manchmal ist es in dieser WM einfach, sich für eine Partei zu entscheiden. Offensichtlich dann, wenn unsere deutschen Jungs spielen. Oder wenn der eine oder der andere Spielausgang für sie günstig wäre. Mexiko zB war mein Favorit gegenüber Argentinien, weil die Mexikaner natürlich der leichtere Gegner für Deutschland gewesen wären.



Aber Holland gegen Portugal? Ich weiß gar nicht auf Anhieb, ohne nachzusehen, wann der Sieger auf Deutschland treffen könnte, vorausgesetzt, wir gewinnen gegen Argentinien. Und es wäre auch egal, denn die beiden Mannschaften scheinen mir etwa gleich stark zu sein.

Dennoch habe ich keinen Augenblick gezögert, mich für meinen Favoriten zu entscheiden: Portugal natürlich.

Warum? Ich liebe Portugal oder die Portugiesen nicht besonders. Ich bin noch nie in Portugal gewesen. Holland dagegen - da habe ich mal ein Jahr gearbeitet, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ich auf Dauer ein Gastarbeiter in Holland geworden; wer weiß, irgendwann vielleicht ein eingebürgerter Holländer.

Ich habe nichts gegen dieses Land. Ganz im Gegenteil: Ich mag seine Liberalität, die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen. Ich habe dafür sogar das holländische Essen in Kauf genommen und den krächzenden Umlaut-Singsang der holländischen Sprache.



Warum also war ich so eindeutig auf der Seite der Portugiesen? Obwohl die Holländer mir viel näher stehen als die Portugiesen?

Nun, just deswegen.



Im Sport scheint es ein einfaches Gesetz zu geben: Je näher dir jemand ist, umso heftiger ist die Rivalität.

Davon leben das "Lokalderby". Dortmund gegen Schalke, Bremen gegen Hamburg, Nürnberg gegen München: das sind die heißen Spiele, die die Gemüter erregen, bei denen die Fans sich in die Haare kriegen. Aber Berlin gegen Freiburg? Bochum gegen St. Pauli? Da ist man gut Freund, geht vor oder nach dem Spiel gemeinsam ein paar Bierchen trinken, Fiege oder Astra.



Warum diese nicht Fremden-, sondern sozusagen Nichtfremdenfeindschaft?

Nun, zum Teil hat das sicher den trivialen Grund, daß man einander kennt, einander besucht. Daß die Fans der beiden Seiten eben häufiger und zahlreicher aufeinanderprallen, wenn man benachbart wohnt, als wenn man durch tausend Kilometer getrennt ist.

Aber ich glaube nicht, daß das die ganze Erklärung ist. Ich neige zu einer soziobiologischen Deutung des Phänomens:

Der Fremde, einerseits, ist bedrohlich, weil man nicht weiß, was er im Schilde führt, weil er eine unbekannte Gefahr darstellt. Aus dieser atavistischen Reaktion speist sich die Vorsicht gegenüber den ganz Anderen, oft die Feindschaft ihnen gegenüber.

Der Nahe, andererseits, ist in einer ganz anderen Hinsicht bedrohlich: Er ist der unmittelbare Rivale. Mit ihm konkurriert man sozusagen täglich um Ressourcen - um Wohnung, Nahrung, die Gunst des anderen Geschlechts.

Mit dem Nachbarn darf man es einerseits nicht verderben, aber andererseits muß man vor ihm immer auf der Hut sein. Er ist unser Nächster, und deswegen lieben wir ihn nicht. Oder vielmehr: In die Liebe mischt sich immer auch etwas anderes - die Konkurrenz, die Rivalität.



Und wenn er, der Nahe, der Konkurrent, eins auf den Deckel kriegt, dann ist das halt besonders schön. Denn dann rückt man selbst automatisch eins nach oben.

So ist es mir heute Abend gegangen: Als die Holländer raus waren, ging mir durch den Kopf: Jetzt wäre es auch nicht mehr so schlimm, wenn Klinsis Truppe im Viertelfinale scheitern würde.

Zumindest können uns die Kaasköppe dann nicht auslachen.

25.6.06

What is "Glück"?

We Germans are, these days, in a collective state of ... well, of what we call "Glück". Many commentators have recalled the days of the German reunification, when Berlin's Mayor at that time, Walter Momper, called us "das glücklichste Volk der Welt", the happiest people in the world. Happy days are here again, it seems.

What does Glück mean to us Germans? Here are a few reflections.



One of the most widely used German-English internet dictionaries, LEO, offers these English translations of "Glück":
auspiciousness
bliss
felicity
fortune
happiness
luck
luckiness
serendipidity

Clearly, these terms, at least some of them, mean very different things, at least to Non-Germans:

  • First, there is the emotional state that we call Glück. Happiness. Bliss, which is often better translated as "Glückseligkeit". That's what we Germans express freely during these days and weeks - indeed, more freely than many expected from us - when we dance in the streets, sing and laugh, celebrating our Soccer Heroes' victories.

    "Glück" in this meaning of the word is the opposite of depression. It is a positive state of mind, somewhere between joy and ecstacy. It is also a transient state of mind. You can't be happy all the time. "Das Glück vergeht", is a German saying, or "das Glück verweht" - bliss vanishes, it dies away, it passes by.

    But there is also a more permanent, more stable form of Glück. "Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit" is an often-quoted citation from Goethe's West-östlichem Divan - the utmost happiness of us human creatures is nothing but personality.

    Here we have Glück not as a transient state, but as a lifelong condition. It is Glück in this sense that is the subject matter of a newly established field of empirical research, "Glücksforschung", that has recently even been bestowed with a professional journal of its own, the Journal of Happiness Research. What are the factors that determine whether people experience this more or less permanent state of happiness, of being content with one's life condition? This is the central focus of this new research area.



  • But Glück can also mean something quite different. "Wenn wir Glück haben, dürfen wir eventuell mal reisen" was a standard phrase in Communist Eastern Germany, the DDR: If we are lucky, maybe one day we will be allowed to travel. "Glück haben" means here being lucky, being fortunate enough to obtain something.

    In English there is good luck, bad luck. "Glück" in German always means good luck. For bad luck we have a special word: Unglück. Which may, however, also mean misery. "Im Unglück leben", for example, is to live in misery.

    Glück in this sense of the word ist closely related to chance. East German citizens under the Communist Regime were at the mercy of their rulers, who could deny or grant them permission to travel aboard. "Like flies to wanton boys are we to gods" - that was the basic feeling of most East Germans. It was "Glückssache", a matter of chance, whether or not they were allowed to travel, could purchase something they wanted, or were admitted to a university.



  • Is it a coincidence that the German language has the same word for happiness and for chance? Or does this ambiguity of the word Glück signal something about our national character?

    Maybe it does. When, as a pupil, I first read the canon of Human Rights in the US Declaration of Independece, I stumbled over "the pursuit of happiness". Happiness was, for me, something that .. . well, that "happens" to you. Not something that one can actively pursue, let alone the pursuit of which can be guaranteed by a Constitution.

    True, there is the German saying "Jeder ist seines Glückes Schmied" - everyone is the architect of his own happiness. But "happiness" may not be quite the correct translation. What the saying means is rather that we are the architects of our fortune. Fortune, in the sense of wealth, is something that you can get by pursuing it.

    But happiness, no. Not for most Germans.
    Randbemerkung: Es gibt noch Richter in Berlin!

    Die Deutsche Presse-Agentur hat im Augenblick eine Meldung, die man zB in der Mitteldeutschen Zeitung lesen kann.

    Danach hat die Berliner Justiz einen gefährlichen Sexualverbrecher auf freien Fuß gesetzt. Der Täter hatte im März dieses Jahres eine siebenjährige Haftstrafe ordnungsgemäß abgesessen; insgesamt war er 22 seiner 56 Lebensjahre hinter Gittern gewesen. Zu seiner letzten Strafe war er wegen des sexuellen Mißbrauchs von 13 Jungen verurteilt worden. Es war aber keine anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet worden.

    Inzwischen - seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2004 - kann eine Sicherungsverwahrung auch noch nachträglich, also später als die Verurteilung selbst, verhängt werden. Aber nur, wenn sich während der Haftzeit neue Erkenntnisse über den Täter ergeben, die dem verurteilenden Gericht noch nicht bekannt gewesen waren, und die eine Sicherungsverwahrung begründen.

    Im jetzigen Fall hat die Staatsanwaltschaft das bejaht, weil inzwischen aus dem Verhalten des Täters hervorgehe, daß er gar keine Therapie gewollt habe. Wegen seiner damals "vorgegaukelten" Therapiewilligkeit sei damals keine Sicherungsverwahrung angeordnet worden.



    Das Berliner Landgericht hat jetzt also angeordnet, den Täter auf freien Fuß zu setzen.

    Zwar sei, so führte die Vorsitzende Richterin Gabriele Eschenhagen aus, der Täter ein "nach wie vor sehr gefährlichen Mann", ein klassischer Fall für die Sicherungsverwahrung. Aber das hätte auch schon das damals verurteilende Gericht erkennen müssen. Schon seit 1978 habe der Täter mit seiner Therapiewilligkeit gespielt.

    Wenn das aber schon damals bekanntgewesen sei, dann gäbe es eben keine neuen Erkenntnisse, die die Anordnung einer Sicherungsverwahrung rechtfertigen würden.

    Also wurde der Täter auf freien Fuß gesetzt.



    Kommentar: Das dürfte ein gefundenes Fressen für das "gesunde Volksempfinden" sein. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Entscheidung des Gerichts in der Boulevardpresse mit "Empörung" und "Unverständnis" kommentiert werden würde.

    Dabei hat, soweit das zu erkennen ist, das Berliner Landgericht streng nach Recht und Gesetz entschieden.

    Es gibt noch Richter in Berlin!

    24.6.06

    Propheten


    Zu dem, was ich schon als Schüler an der Bibel mochte, gehörten die Pro- pheten. Könige gab es in der Bibel - ja natürlich, wie in jedem Land dieser Zeit. Teils durch Geburt, teils durch brutales Emporkommen zu diesem Rang aufgestiegen. Leute mit Macht, die sich diese ihre Stellung verdient hatten, sie jedenfalls auszuüben verstanden.

    Dagegen diese Propheten! Das war etwas Besonderes. Ich habe sie mir damals so vorgestellt wie den Krökel aus Wilhelm Buschs "Tobias Knopp": Zottelgestalten, hohlwangig, mit blitzenden Augen und aufgeregter Stimme. Den Zeigefinger erhoben, die Menge um sich scharend. Im Rausch, wenn auch vielleicht nicht immer im heiligen.



    Und, so schildert es uns die Bibel, mit großer Macht ausgestattet. Mit einer Macht, die sie nicht ererbt hatten, die sich sich auch nicht mit dem Schwert erkämpft hatten, sondern die ihnen zugefallen oder, richtiger gesagt, zugeworfen worden war. Von Gott nämlich, der sie erwählt hatte.

    Ihr Mittel, diese Macht zugleich zu nutzen und zu mehren, war das Predigen. Sie predigten fast immer Unheil - nicht als eigentliche "Prophezeiung", sondern eher als eine Drohung. Als das, was geschehen werde, wenn - und nur wenn - die Menschen, dh das jüdische Volk es an Frömmigkeit, an Gottesfurcht, an Gehorsam fehlen lassen würde.



    Diese Rolle und Funktion des jüdischen Propheten hat, soweit ich sehe, in anderen Kulturen des Altertums ebensowenig eine Parallele gehabt wie später im christlichen Abendland.Gewiß, es gab in der Antike die Pythia und die Auguren - aber das waren Institutionen, staatstragend und schon deshalb nicht auf Unheilverkündigung spezialisiert. Gewiß, es gab im Abendland den Nostradamus, es gab Bußprediger, es gab den Savonarola und die Wiedertäufer - aber das waren Randfiguren. Niemand hat ihre Warnungen in ein heiliges Buch hineingeschrieben. Ihre Namen sind verweht und vergessen, in die esoterische Subkultur abgesunken.



    Gibt es ihn also gar nicht mehr, den düsteren Warner, den Moralisten, den Kritiker mit dem erhobenen Zeigefinger? Doch. Nur kleidet er sich nicht mehr ins Gewand des Propheten. Er trägt das lockere Outfit des Intellektuellen.

    Es begann in der Epoche der Aufklärung.

    Die Philosophen davor waren arme Schweine gewesen - oft verfolgt, wie Giordano Bruno, Galilei, Descartes. Oder die ergebenen Diener ihrer Herrinnen, wie Leibniz. Oder Kleriker, wie der Bischof Berkeley und der Priester Malebranche.

    Kant war ungewöhnlich frei, dank der preußischen Gedankenfreiheit. Aber auch er hat Schriften mit einer Unterthänigkeit seinem König dediziert, die uns heute unfaßbar erscheint.

    Die Franzosen freilich waren uns schon damals voraus. Voltaire, Diderot, Rousseau, Condillac - das waren allesamt Frechdächse erster Güte. Literaten, Gesellschaftslöwen, oft auch erfolgreiche Geschäftsleute.

    Sie waren die Vorbilder der Intellektuellen, wie sie dann im 19. und im 20. Jahrhundert die Bühne betraten und auf ihr agierten. Jemanden einen "neuen Voltaire" zu nennen - Zola ist so genannt worden, Sartre, selbst Karlheinz Deschner -, gilt als hohes Lob für den Écrivain, den Homme de Lettres, den Intellektuellen.



    Was ja schön ist. Was mich, einen Intellektuellen of sorts ja auch, sehr freut. Nur waren und sind diese Intellektuellen auch die Nachfahren der Propheten.

    Wie diese sind sie eigentlich machtlos. Nicht in die Macht hineingeboren, nicht mit dem Willen oder der Fähigkeit, zur Macht aufzusteigen. Sie begnügen sich mit der Macht des Wortes.

    Das heißt, sie beziehen ihre Macht, ihr Ansehen, auch ihr Einkommen, daraus, daß sie in der Rolle des Warners kritisieren, mahnen, aufrütteln, - kurz, uns die Ohren langziehen.



    Dazu müssen sie Pessimisten sein, das Schlimmste nicht nur befürchtend, sondern vorhersagend. Als gewißlich eintretend, wenn wir nicht umkehren. Wenn wir nicht ganz lieb werden und auf sie hören, die Propheten.

    Sie haben es uns gesagt. Sie sind nicht schuld, wenn wir nicht hören wollen. Wenn wir gar glauben, es sei alles eigentlich doch ganz gut, so wie es ist.

    Nein, das sehen sie ganz anders! Was wäre das für ein Prophet, der uns verkündet, wir seien auf dem rechten Weg, es ginge uns gut, die Zukunft sehe rosig aus? Er wäre ein Witzfigur, ungefähr wie ein Vegetarier als Metzger oder ein farbenblinder Maler. Einer, der nicht begriffen hat, was seines Amtes ist.

    Nein, der Intellektuelle tut seine Pflicht, indem er uns einen gehörigen Schrecken einjagt. Er zeichnet unsere Lage als hoffnungslos, wenn nicht ernst. Er kritisiert, und er kritisiert das Kritisieren, die Kritik der kritischen Kritik.

    Die Politik ist ihm ein Ekel, die Geschäftswelt ein Sumpf. Die Welt, so sieht er sie, ist schlecht. Die Gesellschaft verrottet. Die Natur dabei, zugrundegerichtet zu werden. Schlimm ist es, ganz schlimm.



    Die Themen wechseln, denen sich die Unglückspropheten hingeben, das ist wahr.

    In den Jahrzehnten vor und nach dem Ersten Weltkrieg war es die "Vermassung", die "Zivilistation" als Niedergang der Kultur, das "Dickicht der Städte", der "Asphalt".

    Später dominierten die "Amerikanisierung", der "Konsumterror", die uns angeblich antrainierten "falschen Bedürfnisse".

    Zurück zur Kultur, das war die Parole der fünfziger und sechziger Jahre gewesen. Zurück zur Natur, das war die Rousseau'sche Parole der siebziger Jahre.

    Aber die Natur ist nun auch fragwürdig geworden. Seit ein paar Jahrzehnten ist die Umwelt, die geschändete, ins Blickfeld der Unglückspropheten gerückt. Der Mensch in seiner Schlechtigkeit richtet sie zugrunde, nimmt künftigen Generationen gar ihre "Lebensgrundlage".

    Dauer-Hits sind weiterhin die Verflachung, das Seichte, die Medien usw., wie sie schon zu Oswald Spenglers Zeiten die "Kulturkritik" bestimmt haben. Kurz, es ist zum Verzweifeln.



    Ja, haben sie denn nicht Recht, diese Untergangspropheten? Natürlich haben sie Recht. So, wie diejenigen Recht haben, die sich über die Kultur in den Städten freuen, die Asphalt besser finden als Kopfsteinpflaster, die eine globale Erwärmung nicht als katastrophal sehen, die sich am Flachen und Seichten vergnügen.

    Wir, die wir nichts mit dem düsteren Blick der Propheten anfangen können, wollen den Propheten diesen ja gar nicht verwehren. Wenn sie sich im Unglück wohlfühlen, wenn ihnen das Schlechteste gerade gut genug ist - warum nicht? Sie sehen einen Aspekt der Wirklichkeit, so wie wir Optimisten, wir Proamerikaner, wir Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigen, wir Technologiefreaks eben andere Aspekte der Realität für die wichtigeren halten.

    Sie sollen klagen, jammern, warnen dürfen, die Unglückspropheten. Nur a bisserl mehr Bescheidenheit, die würde ich mir von ihnen wünschen.

    Sie sollten uns Optimisten zugestehen, daß man die Welt vielleicht auch positiv sehen, das Leben schön finden und sogar am Kapitalismus seine Freude haben kann.



    Sie können ja sagen, die Welt ist so schlecht, daß in ihr sogar Optimisten frei herumlaufen dürfen.

    22.6.06

    In welchem Zeitalter leben wir?

    Wir leben im Känozoikum, früher Neozoikum genannt. Genauer: Im Quartär. Noch genauer: Im Holozän.

    Der Mensch, so sagt es der Titel kleinen Büchleins von Max Frisch - meines Lieblingsbuchs von Frisch -, erscheint im Holozän. Dieses Zeitalter hat jetzt so ungefähr zehntausend Jahre hinter sich gebracht.



    Wir leben im Holozän. Noch genauer: In einer Epoche, die seltsamerweise keinen "Zeitalter"-Namen zu haben scheint; man könnte sie die "Staatenzeit" nennen. Sie begann damit, daß im Industal, im Zweistromland, in Ägypten, in China die ersten städteartigen Siedlungen entstanden, dann Stadtstaaten, dann Reiche. Viertausend, fünftausend Jahre ist das jetzt her.



    Wir leben in dieser Staatenzeit, und noch genauer gesagt leben wir in der "Neuzeit".

    Natürlich lebten alle Menschen immer in der Neuzeit. Jede Zeit ist neu. Die Bezeichnung "Neuzeit" ist nicht viel gescheiter als dieses gesamte Geschichtsschema, das den Geschichts-Schulbüchern zugrundeliegt.

    Jedenfalls denen, die in meiner Gymnasialzeit verwendet wurden. Da gliederte sich "die Geschichte" in Vorgeschichte (ohne schriftliche Zeugnisse), Frühgeschichte (mit wenigen schriftlichen Zeugnissen) und die eigentliche Geschichte - Altertum, Mittelalter, Neuzeit. Dreimal wurde auf dem Gymnasium dieses Schema durchlaufen - in der Unter- , der Mittel- und der Oberstufe. Ein Stück mit drei Akten, dreimal aufgeführt, sozusagen.



    Wenn wir die Zwiebel weiter abschälen, dann gelangen wir in die einzelnen Zeitalter innerhalb der "Neuzeit". Die Renaissance, den Humanismus, das Zeitalter der Reformation, das Zeitalter des Absolutismus, der Aufklärung, das napoléonische Zeitalter und das der Freiheitskriege, das Zeitalter der Industrialisierung und das des Kolonialismus, dann des Imperialismus, und so weiter, und so fort.

    Und so fort? Nein. Denn je mehr wir uns der Gegenwart nähern, umso unbestimmter werden die Zeitalter. Das gegenwärtige zumal scheint im Nebel zu verschwimmen.



    Wenn man in in den fünfziger und sechziger Jahren jemanden fragte, in welchem Zeitalter wir lebten, dann lautete die vermutlich häufigste Anwort: Im Atomzeitalter.

    Dahinter steckte die Idee, daß Zeitalter sich durch die jeweils dominierende Technik kennzeichnen lassen. Also Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit usw. Bis hinein ins Zeitalter der Dampfmaschine, der Eisenbahn zumal, und das Elektrizitätszeitalter. Gefolgt eben vom Atomzeitalter, von dem man sich die Lösung aller Energieprobleme versprach.



    Das sagt heute kaum noch jemand. Die Atomkraft hat die Zeit hinter sich, in der sich viele Hoffnungen an sie hefteten. Ja, inzwischen wird sie von vielen gar als Bedrohug angesehen, so wie die "Lokomobile", die bewegliche Dampfmaschine, deren erschreckendes Auftreten in Ostpreußen Herrmann Sudermann Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben hat.

    In den siebziger und achtziger Jahren hätten vermutlich viele, zumal unter den Gebildeten, auf die Frage nach dem gegenwärtigen Zeitalter geantwortet: Wir leben im Spätkapitalismus.

    Denn inzwischen war an die Stelle des überkommenen Schemas von Altertum, Mittelalter, Neuzeit ein anderes, marxistisches Schema getreten: Antike Sklavengesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus; dieser letzere unterteilt in Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus. Der Spätkapitalismus als die "höchste Stufe" und damit, der Dialektiker weiß es, die End- und Untergangsphase des Kapitalismus.



    Es ist offensichtlich, daß das alter Wein in neuen Schläuchen war: Das Schema, wie es im Gymnasium seit Jahrhunderten gelehrt worden war, blieb erhalten, nur wurden neue Wörter eingeführt.

    Auch das an Zeitaltern, was sich sozusagen darum herumrankte, war altbekannt: Vor der antiken Sklavengesellschaft sah Marx (und vor allem Engels, der ja in dieser Produktionsgemeinschaft für das Ressort "Historischer Materialismus" zuständig war) die "Urgesellschaft" - die glückliche Zeit, wie sie in der Paradies-Erzählung der Bibel ebenso vorkommt wie in Rousseaus Geschichtsmythologie. Und am Ende der Geschichte stand bei Marx/Engels das Goldene Zeitalter, die Wiederkunft des Messias, das Paradies auf Erden; kurz: der Kommunismus.



    Auch das ging vorbei. Marxisten muß man heute wieder so mit der Lupe suchen wie vor der Achtundsechziger Kulturrevolution.

    Was also ist die sozusagen brandaktuelle, die allerneueste, die top-moderne Antwort auf die Frage, in welchem Zeitalter wir leben?

    Hm, hm. Es scheint keine zu geben. Das Zeitalter der Globalisierung? Das Ende der Geschichte? Der Zusammenprall der Kulturen?

    Oder vielleicht das Computerzeitalter? Das asiatische Zeitalter? Das Zeitalter der Freizeitgesellschaft, der Dienstleistungsgesellschaft? Der Emanzipation der Frau? Das Zeitalter der erneuerbaren Energien? Oder doch eher das Zeitalter der Klimakatastrophe?

    Vielleicht auch das biologische Zeitalter? Das Zeitalter des Islamismus? Das Zeitalter der multikulturellen Gesellschaft?



    Wir wissen es nicht, offenkundig. Wir können, so scheint es, das Wesen unseres Zeitalters so wenig erkennen, wie Fabrice, der durch die Schlacht von Waterloo taperte, deren Wesen erkennen konnte, ja überhaupt den Umstand, daß er mitten in einer Schlacht war. Zum Erkennen braucht man Distanz.



    Aber gerade der Zustand des Unwissens verleitet natürlich zum Spekulieren. Irgendwie hat jeder von uns doch eine Vorstellung davon, in welchem Zeitalter wir leben.

    Welches man sieht, das hängt vermutlich auch davon ab, wie optimistisch oder pessimistisch man ist.

    Ich bin optimistisch. Also glaube ich, daß wir im Zeitalter der Durchsetzung der Aufklärung leben. Ich glaube, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem der Totalitarismus zu Ende geht und in dem sich der demokratische Rechtsstaat weltweit durchsetzt.



    Vielleicht ist das irrig. Aber ich finde, es ist eine erfreuliche Deutung unserer Zeit - und eine, die bestimmt mehr Körnchen Wahrheit enthält als der marxistische, und generell der linke, Traum vom Sozialismus.

    21.6.06

    Adieu, Infotalk-Forum!

    Man kennt das: Da stirbt jemand, die Sippe trifft sich anläßlich des Trauerfalls, geht wieder auseinander - und bald danach stirbt schon wieder jemand, und schon wieder treffen sich Leute, die sich zuvor ein Dutzend Jahre nicht gesehen hatten. Es ist wie verhext. Die Nornen treiben ihr Spiel.

    So scheint's mit den Foren zu gehen. Nach Schrippes Forum geht nun auch, wie es scheint, Infotalk zu Ende. Schon wieder ist ein Adieu zu schreiben.



    Auch dem Infotalk-Forum bin ich lange verbunden gewesen, zeitweise enger als dem Schrippe-Forum.

    Weil ich sozusagen seine Geburt miterlebt hatte; oder vielmehr seine Wiedergeburt nach der Schließung des ersten Infotalk-Forums. Weil ich jahrelang sehr viel dort geschrieben und mich auch sonst gekümmert habe. Folglich viele Leute dort kennengelernt habe, mich mit ihnen gestritten habe und wieder versöhnt. Vor allem das Letztere, weil erwachsene Menschen ja zwischen einem Streit in der Sache, auch einem daraus entstehenden vorübergehenden Ärger, und dem Haß auf einen Menschen zu unterscheiden wissen.



    Regina hat sich mit dem Forum bewundernswert viel Mühe gegeben.

    Sie hat ihre Texte, glaube ich, immer als "Veröffentlichungen" verstanden - nicht als so dahingesagt, als eine hingeworfene Notiz, wie so viele Postings in den Foren. Sondern das war immer überlegt und präzise formuliert; auch so fehlerfrei in der Diktion und Rechtschreibung, als hätte jeder Beitrag die Abteilung "Copy Editing" eines Verlags durchlaufen. Das Forum hatte Stil und Format.

    Wir haben uns oft politisch gestritten. Das wurde immer heftiger und irgendwann so heftig, daß Regina mir die Forums-Paßwörter entzog. (Es waren zwei, weil ich die polemischeren Beiträge als Zettel und die ruhigeren als Zenon schrieb).



    Ich habe diesen Hinauswurf als äußerst ungerechtfertigt empfunden und das auch kürzlich noch einmal so geschrieben. Freilich mag er Aspekte gehabt haben, die über die virtuelle Welt des Web und seiner Foren hinausreichen. Das Infotalk-Forum war - leider, aus meiner Sicht - sozusagen mit einem Bein ins RL geraten.

    Also, das war das abrupte Ende meiner Beziehung zum Infotalk-Forum. Daß es weiterbesteht und gedeiht, hätte ich ihm aber doch gewünscht. Es hatte Niveau; ein ungewöhnlich hohes für ein politisches Forum. Es war bunt nicht nur durch die Stammposterfarben. Es eröffnete durchaus Platz für ein Meinungsspektrum.

    Der Platz wurde freilich nicht immer genutzt, gegen Ende wohl auch weniger. Ein Unisono-Forum ist es aber nie gewesen; und Reginas Moderation war mustergültig - fast immer. Leider dort gerade nicht, wo es mich getroffen hat. ;-) Nun ja, das ist jetzt Schnee von gestern und schon fast vergessen.

    Die Erinnerung an Schrippes Forum habe ich mit einem Dankeschön an Schrippe beschlossen. Ein kräftiges Dankeschön, ein kein bißchen leiseres als das an Schrippe, auch an Regina!

    20.6.06

    Allgemeine Gleichbehandlung

    Gegen Ende der rotgrünen Regierung gab es das Vorhaben eines "Antidiskriminierungsgesetzes". Es sollte eine EU-Direktive nicht nur "umsetzen", sondern noch eins draufsetzen. Nein, nicht eins - es sollte draufsetzen, was sich nur draufsetzen ließ.

    Diese "Direktive" (in diesem Fall bin ich für den Anglizismus; "Richtlinie" trifft nicht den verbindlichen Charakter dieser Anordnungen) ist in Brüssel, wie seinerzeit der "Spiegel" berichtete, von einigen grünen und linken AktivistInnen erarbeitet und durch die Gremien geschleust worden. Kaum irgendwo auf der Welt haben hartnäckige Minderheiten eine so große Chance, ihre Vorstellungen durchzusetzen, wie in Brüssel mit seinem Kompetenzwirrwarr und seinen ganz und gar unzureichenden Kontrollmechanismen.

    Auf diesen bereits hinkenden und humpelnden Gaul "EU-Direktive" also wollten die Rotgrünen noch kräftig draufsatteln. Damals unter heftiger Kritik aus der CDU. Einen "Jobkiller" und ein "bürokratisches Monstrum"nannte Angela Merkel seinerzeit das Gesetzesvorhaben, dessen Realisierung nur am Untergang von Rotgrün scheiterte.



    Nun also hat man den alten Wein in neue Schläuche umgefüllt. Aus dem "Antidiskriminierungsgesetz" wurde das "Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" - weg mit den häßlichen Wörtern "anti" und "Diskriminierung".

    Wer kann denn in einer Demokratie was gegen Allgemeine Gleichbehandlung haben?

    Nun, wir alle sollten etwas dagegen haben. Einen Aufstand der Anständigen sollte es auslösen, dieses jobkillende bürokratische Monstrum.



    Vestigia terrent. Nehmen wir das Beispiel der Universitäten.

    Früher war es dort so: Wenn eine Professur zu besetzen war, trat eine Berufungskommission zusammen, die in strenger Vertraulichkeit und voller Freiheit ihre Arbeit tat, die Ergebnisse der einzelnen Sitzungen knapp protokollierte und dann der Fakultät einen Listenvorschlag vorlegte.

    Das waren die Zeiten, in denen es noch keine "Allgemeine Gleichbehandlung" gab.

    Wenn heute ein Professor zu berufen ist, dann ist zunächst einmal natürlich nicht ein Professor zu berufen, sondern ein(e) ProfessorIn. Unter strenger Beachtung der ... tja, der Allgemeinen Gleichbehandlung. Das bedeutet, je nach den in dem betreffenden Bundesland geltenden Gesetzen, Durchführungsbestimmungen, Verordnungen, Rundschreiben, Satzungen usw., die Einhaltung genauester Regularien - wieviele Frauen aus dem Kreis der BewerberInnen zu einem Vorstellungsauftritt ("Vorsingen") einzuladen sind, wann wie die Gleichstellungsbeauftragte einzuschalten ist usw. usw. Alles das ist genauestens zu protokollieren. Und jede Verstoß kann zum Scheitern des Berufungsverfahrens führen.

    An einer deutschen Universität trug es sich vor ein paar Jahren zu, daß ein solches Verfahren vor dem Scheitern stand, weil genau eine Bewerberin zu wenig zum Vorsingen eingeladen worden war. Man hat dann eine schon aus dem engeren Kreis aussortierte Bewerberin wieder in diesen aufgenommen und ihr mitgeteilt, sie dürfe nun doch vorsingen, weil sonst die Frauenquote nicht erreicht werde. Diese Frau hatte Charakter genug, eine solche Zumutung entrüstet von sich zu weisen.



    Jeder, der Universitäten von innen kennt, hat solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht. In dem sehr schönen Buch "Der Campus" hat Dietrich Schwanitz dergleichen Erlebnisse verarbeitet.

    Und nun also soll diese "Allgemeine Gleichbehandlung" in doppelter Hinsicht ausgedehnt werden - nicht nur Frauen sollen die Begünstigten sein, sondern auch nach ethnischer Herkunft, Rasse, Alter, Behinderung, sexueller Identität, Weltanschauung und Religion soll gleichbehandelt werden. Und zweitens soll das nicht nur im Öffentlichen Dienst, den Universitäten usw. gelten, sondern allüberall. Der alte Gesetzentwurf sah sogar vor, daß Mieter bei der Vergabe von Wohnungen zur Gleichbehandlung verpflichtet sein sollten; ob das im jetzigen Entwurf noch so ist, weiß ich nicht.



    Unsere Gesellschaft soll also mit einem Netz von Einschränkungen überzogen werden, die es uns unmöglich machen werden, personelle Entscheidungen noch nach eigenem Ermessen zu treffen. Selbst Zeitungsredaktionen soll es - so steht es im "Spiegel" dieser Woche - verwehrt werden, ihre Redakteure (pardon, RedakteurInnen) nach eigenem Gusto einzustellen. Ein Bewerber, der Mitglied der PDS ist, dürfte also nicht allein deshalb von der "Welt" abgelehnt werden, weil er politisch nicht ins Blatt paßt. Die "Junge Welt" wäre verpflichtet, einen CSU-Mann als Ressortleiter einzustellen, falls dieser einem Gericht "glaubhaft" machen kann, daß er fachlich qualifizierter ist als die anderen Bewerber.



    Was werden die absehbaren Folgen sein? Nun, auch da kann man sich an dem orientieren, was es - sozusagen in a nutshell - im Universitätsbereich eingetreten ist, seit dort Gleichstellung herrscht und deren Einhaltung von Gleichstellungsbeauftragten überwacht werden: Man fügt sich.

    Wie Verwaltungsbeamte schon immer, fragen sich erfahrerene Kommissionsmitglieder heute nicht mehr, wie sie mit ihrer Arbeit das beste Resultat erreichen können, sondern wie sie sich am besten "absichern" können. Nur ja keine Verordnung übersehen, nur ja keine Quote nicht einhalten, nur ja vermeiden, daß ein Vorschlag von einem übergeordneten Gremium "zurückgegeben" wird, weil Vorschriften nicht eingehalten wurden. Wenn bürokratische Regelungen gelten, dann benehmen sich halt die Betroffenen wie Bürokraten.

    Dieses Gesetz wird, dessen bin ich sicher, mehr zur Lähmung der deutschen Gesellschaft und der deutschen Wirtschaft, mehr zur Entwicklung in Richtung Sozialismus beitragen als alles, was die PDS bisher bewirkt hat. An die Stelle eines Wettbewerbs, der nach Qualifikation entschieden wird, wird in erheblichem Maß die Verteilung von Jobs und Wohnungen, von Kontrakten und Aufträgen nach dem Prinzip des Proporzes treten.



    Wo bleibt der Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit?

    Ist es die allgemeine Befassung mit dem Fußball, die es ermöglichen wird, daß dieses monströse Gesetz ohne größeren Widerstand Realität wird?

    Ach nein, das glaube ich nicht. Gegen mehr Bürokratie hat man sich in Deutschland noch nie gewehrt. Der freie, selbstverantwortliche Bürger ist der Mehrheit der Deutschen immer verdächtig gewesen. Daß alle gleich sind, und daß der Staat dafür Sorge trägt, das auch durchzusetzen - das ist ein alter deutscher Traum, weit über den Kommunismus hinaus.

    Grattez l'Allemand, et vous trouverez le bureaucrate.

    18.6.06

    Randbemerkung: Was wir für gerecht und ungerecht halten.

    Laut Spiegel Online
    ergab eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Techniker Krankenkasse, dass 69 Prozent der Bundesbürger den geplanten Gesundheitsfonds für "eher ungerechter" als das heutige System halten. Nur 18 Prozent halten den Fonds für gerechter.


    Erstaunlich. 69 Prozent dagegen, 18 Prozent dafür. 87 Prozent also haben eine Meinung zum geplanten Gesundheitsfonds.

    Wie kommen sie zu ihrer Meinung? Ich habe keine, weil ich überhaupt nicht durchschaue, wie dieser Fonds denn funktionieren würde, welche Konsequenzen er für das Gesundheitswesen, für die Versichtern und auch für mich selbst hätte.

    Sind die 87 von 100 Menschen, die man befragt hat, so viel besser informiert als ich, daß sie bereits ein Urteil über diesen Plan haben?



    In aller Bescheidenheit bezweifle ich das. Ich vermute, daß auch sie keine Experten für Gesundheitswesen sind. Warum also antworten nicht, sagen wir, 90 Prozent der Befragten auf das Ansinnen, sich zu solch einem Plan, der noch nicht mal im einzelnen bekannt ist, zustimmend oder ablehnend zu äußern, mit "Tut mir leid, ich habe noch keine Meinung?"

    Ich vermute hauptsächlich diese beiden Gründe:

  • Es gibt den "guten Befragten", ebenso wie den "guten Zeugen". Die Psychologie der Zeugenaussage hat zutage gefördert, daß viele Zeugen, obwohl sie sich eigentlich unsicher sind, eine sichere Erinnerung vorspiegeln. Weil das ihrer Zeugenrolle entspricht, so, wie sie sie sich vorstellen. Ebenso widerspräche es offenbar dem Rollenverständnis eines Menschen, den aus heiterem Himmel das Los trifft, von einem Meinungsforschungsinstitut angerufen zu werden, sich als Ignorant zu präsentieren. Also äußert er das, was ihm gerade einfällt, als Meinung.

  • Bereits Stichwörter erzeugen Meinungen. Wenn man jemanden fragt, ob er in irgendeinem Bereich für "mehr Unternehmerfreiheit" ist, dann brauchen die meisten von uns den betreffenden Bereich überhaupt nicht zu kennen. Das Stichwort genügt. Der Sozialist wird mit Überzeugung nein sagen, und der Liberale mit Überzeugung ja. Wenn gefragt wird, ob man eine x-beliebige Entscheidung von Präsident Bush gut oder schlecht findet, dann werden viele Deutsche "schlecht" antworten. Sie haben zwar möglicherweise keine Ahnung von der betreffenden Entscheidung, aber sie sind eh überzeugt, daß Bush falsche Entscheidungen trifft.



  • Das gilt für uns alle. Uns allen geht es so, daß wir ständig über Dinge urteilen, ohne eine hinreichende Entscheidungsbasis zu haben.

    Das war vermutlich schon so, als unsere Vorfahren in der Savanne entscheiden mußten, ob sie einer Gazelle nachjagen oder sie laufen lassen sollten. Entscheidungen sind nun mal meist "decisions under uncertainty". Sonst wären sie ja keine.

    Aber man muß doch nicht mutwillig herbeiführen, daß Menschen über das urteilen, wovon sie nichts verstehen.

    Die Demoskopen tun das. Oder vielmehr: Sie scheinen es zu tun. Denn die Wissenschaftler unter ihnen interessieren in der Regel weniger Meinungen (opinions) als Einstellungen (attitudes). Jemand weiß zu einem Thema nichts oder wenig. Insofern mag seine Meinung (seine konkrete Auffassung zu diesem speziellen Thema) beliebig erscheinen. Aber sie drückt halt seine allgemeine Haltung, seine Neigungen und Abneigungen, seine - wie man früher sagte, heute ist der Begriff in den Sozialwissenschaften zu Recht aus der Mode - Vorurteile aus.



    Nur kommt diese wissenschaftliche Sichtweise nicht in die Medien.

    Berichtet wird, daß soundsoviel Prozent der Befragten gegen diese und jene Entscheidung Bushs seien, statt daß man schreibt, dieser Prozentsatz sei USA-feindlich (oder vielleicht auch nur Bush-feindlich) eingestellt.

    Warum so viele gegen einen "Gesundheitsfonds" sind, wäre zu ermitteln - vielleicht hat für Viele das Wort "Fonds" eine negative Konnotation, weil sie es mit der Börse assoziieren. Wer weiß.

    Darf man vergleichen?

    Historische Ereignisse sind immer singulär. Nichts wiederholt sich.

    Historische Ereignisse zeigen immer wieder dieselben Muster. Alles wiederholt sich.

    Beides stimmt. Beides sind Binsenweisheiten - die Singularität jedes Ereignisses ebenso wie die "Ewige Wiederkehr des Gleichen", wie Nietzsche sie konstatiert hat.



    Nichts in der Welt ist genau wie etwas anderes. Ein Ei gleicht einem anderen nicht "wie ein Ei dem anderen".

    Nichts in der Welt ist andererseits völlig unvergleichbar. Immer gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem einen und dem anderem. Ja, die größten Gegensätze basieren nachgerade auf Gemeinsamkeiten. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Richtig und Falsch - das eine existiert durch das andere, weil ihr Gegensatz eben ein Gegensatz in Bezug auf das ist, was sie gemeinsam haben.



    Obwohl das offensichtlich so ist, gibt es in Bezug auf die Geschichte - zumal die Neuere Geschichte, zumal die Gegenwart - immer wieder heftige Auseinandersetzungen darüber, ob man etwas mit etwas anderem "vergleichen könne", ja "vergleichen dürfe".

    Kann man Auschwitz mit dem Gulag "vergleichen"? Kann man Ahmadinedschad mit Hitler "vergleichen" oder gar Bush mit Hitler? Kann man - um ein etwas weniger affektiv geladenes Beispiel zu nehmen - die heutige Globalisierung mit der Romanisierung nahezu der gesamten bekannten Welt in der Spätantike vergleichen?

    Ja, selbstverständlich kann man. Wie sollte man etwas nicht miteinander vergleichen können?



    Im Extremfall liefert der Vergleich vielleicht das Ergebnis "keine relevante Gemeinsamkeit". Meist wird er aber lohnend sein. Und zwar aus einem trivialen und einem vielleicht nicht ganz so trivialen Grund.

    Der triviale Grund ist, daß der Vergleich die Kenntnis und das Verstehen befördert. Nicht zufällig waren (ich weiß nicht, ob es heute noch so ist) zu meiner Schulzeit Vergleiche als Thema eines "Besinnungsaufsatzes" so beliebt. "Was ist der Unterschied zwischen Mut und Tollkühnheit?"; "Vergleichen Sie Kleists Stil mit dem Goethes"; "Der Begriff der Freiheit bei Kant und Hegel - ein Vergleich"; dergleichen.

    Wenn man solch ein Thema bearbeitet, dann muß man Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden, somit die betreffenden Untersuchungsgegenstände auf ihre Merkmale hin analysieren.

    Die Suche nach Gemeinsamkeiten macht das sichtbar, was sonst vielleicht als Selbstverständliches im Hintergrund bleibt. Die Suche nach Verschiedenheiten richtet den Blick auf Charakteristisches.

    Genus proximum et differentia specifica - die übergeordnete Gemeinsamkeit und die individuelle Verschiedenheit benennen, das ist eines der definitorischen Verfahren der klassischen Logik.



    Der weniger triviale Grund ist, daß Vergleiche zu Extrapolationen einladen. Das entspricht zwar nicht den Regeln deduktiven Denkens, aber durchaus der Alltags-Induktion, die sich fast immer bewährt.

    Wenn A und B die Eigenschaften x und y gemeinsam haben - , dann werden sie doch auch die zukünftige Entwicklung z gemeinsam haben. So denken wir. Und mit einer für den Alltagsgebrauch hinreichenden statistischen Wahrscheinlichkeit stimmt es ja auch.

    Die Wetterlage heute ähnelt der an diesem und jenem Datum. Also wird sich das Wetter wahrscheinlich auch so weiterentwickeln wie damals. Das war noch vor einem halben Jahrhundert, vor der Einführung mathematischer Wettermodelle, die Basis der Wettervorhersage.

    Die heutige Globalisierung hat viele Ähnlichkeiten mit der Romanisierung in der Spätantike. Also wird unsere Kultur ebenso untergehen wie die römische. So könnte man schließen - und so hat Oswald Spengler geschlossen, der die Globalisierung vor fast einem Jahrhundert vorhergesagt hat.

    Nur ist das ein höchst wackliger Schluß. Denn wir wissen ja nicht, ob just diejenigen Merkmale, in denen A und B übereinstimmen, auch diejenigen sind, die die weitere Entwicklung bestimmen. Vielleicht sind es ja gerade diejenigen, in denen sie sich unterscheiden.

    Mit anderen Worten: Der unscharfe ("fuzzy") Algorithmus, der sich im Alltag oft bewährt, kann in die Irre führen, wenn wir ihn auf Historisches anwenden.



    Noch problematischer ist es, aufgrund von Vergleichen auf Eigenschaften zu schließen; also nicht zu extra-, sondern zu interpolieren. Herr X und Herr Y sind beide reich, haben eine Glatze und erzählen gern schmutzige Witze. Herr X betrügt seine Frau. Also wird wahrscheinlich auch Herr Y seine Frau betrügen.

    Das ist ein karikierendes Beispiel. Aber just diese Art des assoziativen Schließens wurde angesprochen, als zB die damalige Justizministerin Däubler-Gmelin sagte, Bush sei in den Krieg gezogen, um innenpolitischen Problemen aus dem Weg zu gehen - wie Hitler.

    Ob beide das aus diesem Grund getan haben, darüber kann man streiten. Aber ein solcher Vergleich verfolgt ja einen ganz anderen Zweck, als auf eine solche mögliche punktuelle Gemeinsamkeit aufmerksam zu machen - nämlich den, nahezulegen, daß auch unabhängig von dieser möglichen konkreten Gemeinsamkeit diese beiden Politiker Gemeinsamkeiten aufweisen würden. Eben nach der Schlußfigur: "Herr X betrügt seine Frau..."

    Frau Däubler-Gmelin sprach ja nicht als Zeithistorikerin.

    16.6.06

    Zettels Meckerecke
    Der Mann am Pult

    Fußballübertragungen brauchen, wie jede TV-Sendung, einen Regisseur. Genauer: Einen Bildregisseur. Einen eigentlichen Regisseur (den Director, den Metteur en Scene) braucht die Übertragung nicht, denn die Regisseure agieren ja auf dem Spielfeld, die Bälle verteilend, die Mitspieler dirigierend; und auf dem Trainerbänkchen, Anweisungen erteilend.

    Aber welches der zahlreichen Bilder, die von den Kameraleuten angeboten werden, jeweils den Bildschirm erreicht, das entscheidet der Bildregisseur an seinem Regiepult. Er hat alle angebotenen Kameraeinstellungen auf einer Videowand vor sich und bestimmt durch, sagen wir, Knopfdruck, Mausklick oder das Tippen auf eine Touchscreen darüber, was "auf Sender geht".

    Er ist, mit anderen Worten, derjenige, der für uns das leisten soll, was unsere selektive Aufmerksamkeit tut, wenn wir ein Spiel als Zuschauer auf dem Platz verfolgen: Den Wechsel zwischen dem Beachten des ganzen Felds, eines einzelnen Ausschnitts, einer bestimmten Aktion wie einem Steilpaß (siehe Warum ist Fußball so schön?).

    Das sollte er simulieren, der Mann am Pult, indem er uns mal die Totale zeigt, mal eine Teiltotale, mal einen Zweikampf oder gar das lädierte Knie eines Spielers in Großaufnahme.



    Das sollte er, der Mann am Pult, aber er tut es nicht. Genauer gesagt: Er begnügt sich nicht damit.

    Es scheint, daß er seine Aufgabe nicht nur darin sieht, uns das Spiel darzubieten, sondern daß er uns mit allerlei Schnickschnack zu unterhalten trachtet. Also wird der plaudernde Beckenbauer, ein grimassierender und seine Flasche massierender Trainer, ein als Paradiesvogel aufgeputzter Zuschauer, ein Pulk feiernder Fans gezeigt.

    Mit einer gewissen Berechtigung geschieht das dann, wenn das Spiel unterbrochen ist - die betreffenden Herrschaften werden dann sozusagen in der Funktion des Pausenclowns eingesetzt. The show must go on. Die kleine Erholungspause, die dem Zuschauer auf dem Platz durch solche Spielunterbrechungen gewährt wird, darf es im Medium Fernsehen nicht geben, dessen Prinzip die im Wortsinn ununterbrochene Unterhaltung ist (siehe Daily Soap).



    Aber er begnügt sich ja nicht mit dem Pausenfüllen, der Mann am Pult. Irgendwann, man weiß nicht warum, überkommt es ihn, einen solchen Firlefanz in die Übertragung hineinzuschneiden. Während das Spiel läuft. Nicht selten, während es sogar auf Hochtouren läuft.

    Heute gab es wieder ein krasses Beispiel gegen Ende der Übertragung des Spiels Mexico-Angola. Plötzlich hatte der Herr am Pult die Eingebung, eine Fahne bildschirmfüllend zu zeigen; ich glaube, es war die mexikanische. Und während die wehte und wehte, verriet uns immerhin der Kommentar, daß Dramatisches im Gang war: Ein plazierter Schuß aufs Tor, eine Glanzparade von Ricardo.



    Und sowas ist keine Ausnahme. Was zum Teufel denken sich diese Bildregisseure dabei? Sind das Ästheten, die sich mit dem schlichten Übertragen des Spiels künstlerisch unterfordert fühlen? Halten sie das Spiel für so langweilig, daß sie es durch optische Aufrüstung aufzupeppen versuchen?

    Ich weiß es nicht. Vielleicht weiß es ein Leser und verrät es uns.

    Randbemerkung: Nationalhymnen


    Als aktuelle Ergänzung zu diesem Beitrag:

    Der MDR meldet:
    Die Lehrergewerkschaft ist gegen die deutsche Nationalhymne. GEW-Vorsitzender Thöne sagte, das Deutschlandlied transportiere die Stimmung des Nationalsozialismus und der deutschen Leitkultur. Er sprach von einem furchtbaren Loblied auf die deutsche Nation.
    Und im FAZ.Net ist zu lesen:
    Der Literaturwissenschaftler und Fußballenthusiast Walter Jens hat indes eine neue Nationalhymne mit einem Text von Bertolt Brecht vorgeschlagen. Anläßlich der Fußball-WM sagte Jens am Donnerstag: "Wenn ich an unserem Land etwas auszusetzen habe, dann ist es diese unsägliche Nationalhymne mit dem teilweise unverständlichen Text. (...)"



    "Furchtbares Loblied", "Unsägliche Nationalhymne" - ja, kennt denn Thöne, kennt denn Jens nicht die Nationalhymnen der anderen?

    Die britische Hymne wünscht der Königin Siege, Glück, Ruhm und eine lange Regentschaft ("Send her victorious, happy and glorious, long to reign over us") und schließt mit dem Wunsch, die rebellischen Schotten zu zermalmen ("like a torrent rush, rebellious Scots to crush").

    Die französische Marseillaise beschimpft die "brüllenden, grausamen" Soldaten des Gegners ("Entendez-vous dans les campagnes mugir ces féroces soldats?") und fordert, daß ihr "unreines Blut unsere Ackerfurchen tränken" möge ("Qu'un sang impur abreuve nos sillons".)

    Und die US-Hymne äußert Freude darüber, daß "das Blut" der Feinde "die Vergiftung durch ihre widerlichen Fußspuren ausgewaschen" habe ("Their blood has wash'd out their foul footstep's pollution") und schließt mit der Erwartunge eines Triumphs: "And the Star-Spangled Banner in triumph shall wave o'er the land of the free and the home of the brave."



    Ein britischer Gewerkschafter oder ein französischer oder amerikanischer Kollege des Professors Jens würde sich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn er die eigene Nationalhyme wegen eines solchen martialischen Textes als "furchtbares Loblied" oder als "unsäglich" bezeichnen würde.

    Das Deutschlandlied ist dagegegen geradezu musterhaft zurückhaltend, friedlich, wenig nationalistisch. Zumal die Dritte Strophe, die inzwischen die offizielle Nationalhymne ist.



    Die Deutschen werden, was ihr Verhältnis zur eigenen Nation angeht, anscheinend zunehmend normal. Aber ihre selbsternannten Lehrer haben wohl noch einen längeren Weg vor sich.

    Auch die linken. Ein reaktionäres - dh rückwärtsgewandtes, einen historischen Wandel ignorierendes oder bekämpfendes - Denken findet man ja nicht nur auf der Rechten. Auch auf der Linken gibt es Leute, die noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind.

    15.6.06

    Auf dem Weg in die klassenlose Gesellschaft

    Kürzlich kam ich mit einem Taxifahrer darüber ins Gespräch, wer seine hauptsächlichen Kunden seien. Seine überraschende Einschätzung: Alle Schichten, aber vor allem Unterschicht.

    Ich mochte das gar nicht glauben, aber er erklärte es mir: Viele aus dieser Schicht hätten kein eigenes Auto, oft nicht mehr den Führerschein. Und sie seien oft betrunken, also auf das Taxi angewiesen, auch wenn sie Auto und Führerschein besäßen.

    Der Mann wirkte glaubwürdig. Setzen wir einmal voraus, daß seine Beobachtung zutrifft.



    Zur Zeit meiner Eltern und Großeltern war es ein unglaublicher Luxus, "sich eine Taxe zu nehmen". Ein Privileg der Oberschicht und der oberen Mittelschicht. So, wie es deren Privileg war, in die "Sommerfrische" zu reisen, Essen zu gehen, ein eigenes Auto zu besitzen, in einer geräumigen Wohnung zu leben, in der zB. die Kinder ein eigenes Zimmer hatten. Oder auch nur täglich Fleisch zu essen, den Kindern Spielzeug zu kaufen, ins Theater und in die Oper zu gehen.

    Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es, was die Lebensumstände angeht, sehr große Unterschiede zwischen Menschen mit unterschiedlichem Einkommen und Besitz.

    Ob man sie als "Klassenunterschiede" bezeichnet, ist eine Frage der bevorzugten Terminologie, also ohne Bedeutung.

    Es waren sicherlich längst nicht mehr Unterschiede zwischen den "besitzenden Klassen" und den "arbeitenden Klassen", wie im England des 19. Jahrhunderts. Es gab auch keine scharfen, unüberwindbaren Klassengrenzen mehr. Ein Schuhmacher hatte 1919 zum Reichspräsidenten aufsteigen können; spätestens mit der Nazi-Zeit hatte sich eine immer größere vertikale soziale Mobilität entwickelt, die seit der Nachkriegszeit viele "Self-Made-Men", wie man damals gern sagte, hervorbrachte.

    Aber die Besitz- und Einkommensunterschiede waren - in Geldsummen ausgedrückt - immer noch groß; so wie sie es auch heute noch sind. Und sie schlugen sich in riesigen Unterschieden darin nieder, wie man lebte. Welche "Lebensqualität" man hatte; ein Wort, das in den Siebziger Jahren populär wurde.

    Davon ist heute wenig geblieben. Immer mehr haben die Reichen das Problem, sich in den Lebensumständen, im Lebensgenuß noch von dem Rest zu unterscheiden.



    Nehmen wir das Essen. "Hummer, Lachs und frischer Bärenschinken", - das war eine Berliner Redensart, als Ausdruck für unfaßbaren Luxus, für teuerstes Essen. Bärenschinken ist heute auch den Reichsten so gut wie verwehrt. Lachs aber bekommen sie zum Preis von guter Wurst, und Hummer ist bei Aldi zu haben, wenn auch tiefgefroren. Bei Aldi konnte man in der letzten Saison Austern kaufen. Es gibt dort vorzüglichen italienischen Schinken, neuerdings sehr guten französischen Käse.

    Gewiß, es gibt jeweils noch Besseres. Aber die Unterschiede sind minimal. Ich bezweifle, daß viele Weintrinker den Unterschied zwischen einem der etwas teureren Aldi-Weine und einem Wein zum Preis von 40 Euro schmecken würden. Meine Frau hat kürzlich aus Italien eine Flasche sauteuren Olivenöls mitgebracht, das Beste vom Besten. Es schmeckt kaum anders als ein Öl zu vielleicht zehn Euro, wie man es beim Discounter bekommt. Beim Käse gibt es eh keine Oberklasse, die über das im Warenhaus Erhältliche hinausgehen würde - ein Roquefort ist halt ein Roquefort. Ich habe ihn in Roquefort selbst gekauft, beim Hersteller. Er schmeckte nicht anders als der, der bei Rewe im Regal liegt.

    Erst recht gilt das für die Qualität dessen, was zubereitet auf den Tisch kommt. Jeder Bezieher eines Durchschnittseinkommens kann, wenn er es gelernt hat, auf dem Niveau kochen, auf dem in deutschen Millionärshaushalten gegessen wird. Es ist eine Frage des Stils und des Könnens, nicht des Preises.



    Oder nehmen wir den Urlaub. Die Sommerfrische, die Auslandsreise gehörten bis zur Jahrhundertmitte zu dem, was sich nur die Betuchten leisten konnten. Die meisten anderen machten gar keinen "Urlaub", sondern erholten sich zu Hause, im Schrebergarten oder - sehr häufig - bei Bekannten, die dann später ihrerseits "zu Besuch" kamen; oft wochenlang.

    In den fünfziger Jahren begann zuerst der Individualtourismus auch der mittleren und unteren Mittelschicht. "Mit der Nuckelpinne nach Bella Italia" lautet der Titel einer hübschen Erzählung von Robert Gernhardt, die das mit sanfter Ironie beschreibt. Dann begann der Pauschaltourismus. Erst die Busreisen, dann die pauschalen Eisenbahnreisen (zeitweise mit eigenen Zügen der TUI, die "Urlaubsexpress" oder so ähnlich hießen), schließlich der Charterflug-Tourismus.

    Zugleich wurden die Urlaubshotels immer luxuriöser. Was noch in den sechziger Jahren größter Luxus reicher Hotelgäste gewesen war - die eigene Dusche und Toilette, das TV im Zimmer - wurde zum Standard für den Malocher aus Wanne-Eickel und den Vertreter aus Berlin.



    So konnte man alle Lebensbereiche durchgehen, immer mit demselben Befund: Wir - das heißt die große Mehrheit der Deutschen - leben heute in Verhältnissen, die noch vor einem halben Jahrhundert den Reichsten vorbehalten waren.

    Und die? Sie verdienen und/oder besitzen viel Geld, das ist wahr; sonst wären es ja nicht die Reichen. Aber was haben sie davon? Was können sie sich leisten, was sich der Durchschnittsdeutsche nicht leisten kann?

    Es ist schwierig. Sie können sich die Lebensmittel im teuren Feinkostgeschäft kaufen, sie können ins Zweisternerestaurant gehen. Aber genußvoller werden sie damit in der Regel nicht essen als der Facharbeiter, der sich für gutes Kochen interessiert. Sie können sich ein Auto kaufen, das zehnmal so viel kostet wie das des Facharbeiters - aber viel schneller können sie damit auch nicht fahren; und der Fahrkomfort ist auch nur geringfügig besser. Sie können sich eine HiFi-Anlage für 10 000 Euro kaufen; aber der Hörgenuß wird nur unwesentlich größer sein als der des Normalos, der seinem PC satte Töne entlockt.



    Bleibt also gar nichts mehr, was das Reichsein so attraktiv machen würde, wie es das seit den Anfängen der Zivilisation gewesen sein dürfte? Doch. Es bleibt die Exklusivität.

    Auf dem Weg in die klassenlose Gesellschaft können sich die Reichen immer weniger durch mehr Lebensgenuß vom Pöbel unterscheiden. Sie können sich umgekehrt nur noch dadurch mehr Lebensgenuß verschaffen, daß sie sich vom Pöbel unterscheiden. Mit anderen Worten: Privilegiertsein ist kein Mittel mehr, es ist das Ziel.

    In den Hotels, in die nur die Schönen und Reichen Einlaß finden, ist der Komfort nur unwesentlich größer als in den normalen Viersterne-Hotels (und vieles von diesem zusätzlichen Komfort ist von geringem Gebrauchswert). Es ist aber komfortabel, in Exklusivität zu wohnen; von bestens geschultem Personal umgeben zu sein.

    Der Swimming-Pool - mal ein klassisches Privileg der Reichen, wie schon der Anglizismus andeutet -, gehört heute schon zu vielen Mittelklasse-Hotels. Aber die Reichen sind unter sich, wenn sie darin rumpaddeln. Im privaten Projektionsraum kann man auch keine anderen Filme sehen als im Kino, aber man sieht sie eben in Exklusivität.

    Man sah sie. Heute stellt sich auch der Malocher seinen Beamer in den Partykeller und hat sein Privatkino.



    Sie haben es schwer, ihre Exklusivität zu erhalten, die Reichen. Es ist ein ständiges Rennen zwischen Hase und Igel, auf unserem Weg in die klassenlose Gesellschaft.
    Randbemerkung: "Beginning of the end"

    Aktuell zu lesen auf der Website der BBC:
    Al-Qaeda 'coming to end in Iraq'

    The killing of Abu Musab al-Zarqawi marks the "beginning of the end" of al-Qaeda in Iraq, the country's national security adviser has said. Mowaffaq al-Rubaie said the seizure of documents after the raid that killed Zarqawi provided key information about the militant group and its leaders. "Now we have the upper hand," he told a news conference in Baghdad.


    Aktuell zu lesen bei Spiegel-Online
    "Als das Blut spritzte, lachte ich wie ein Verrückter"

    Weil er sich mit einem zynischen Lied über die Tötung von Zivilisten im Irak lustig gemacht hat, ermittelt die US-Armee gegen einen ihrer Soldaten. Auf einem Videomitschnitt singt der Marine: "Als die Kugeln flogen, spritzte das Blut zwischen ihren Augen, und da lachte ich wie ein Verrückter."


    Wenn man sich aus Spiegel-Online und anderen, in der Haltung zu den USA ähnlich einseitig berichtenden Medien informiert, dann muß man den Eindruck haben, im Irak herrschte Chaos, die USA-Truppen verübten eine Grausamkeit nach der anderen und die El Kaida sei auf der Siegesstraße.

    Daß es tatsächlich mit dem Terrorismus schon seit Monaten abwärts geht, wird in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen. Und der demokratische Aufbau im Irak findet sozusagen unter Ausschluß der deutschen Öffentlichkeit statt. Irak im Chaos, der "Widerstand" im Aufwind, die "Besatzer" vor der Niederlage - das ist das geradezu absurd falsche Bild, das viele Deutsche haben dürften.



    Als letzten Sonntag im "Internationalen Frühschoppen" der durchaus nicht regierungsfreundliche irakische Journalist Hasan Hussain auf die Aufbauerfolge im Irak hinwies, sagte die Moderatorin Monika Piel sinngemäß: "Interessant, das zu erfahren. Davon hört man in Deutschland ja nicht so oft etwas."

    Welch ein Understatement!
    Randbemerkung: Klinsmanns Geheimplan

    Dies ist im Augenblick in Spiegel-Online zu lesen:

    Der dramatische Sieg gegen Polen hat selbst Dauernörgler berauscht. Dabei ist die Erklärung für den Triumph ganz simpel: Kopf und Herz haben gespielt. Klinsmanns Geheimplan ist von A bis Z aufgegangen.

    Er ist aufgegangen, weil in der Nachspielzeit ein Ball nicht über das Tor geflogen oder gegen die Latte geprallt ist, sondern das Tor getroffen hat. Ein paar Winkelsekunden Unterschied beim Abschießen des Balls - und auch schon die beiden Lattenabpraller wären im Tor gewesen. Ein paar Winkelgrade Unterschied, und Neuvilles Schuß wäre in den Dortmunder Himmel gegangen.



    Hätten die Kräfte des Zufalls das anders bestimmt und auch Neuville nicht treffen lassen, dann gäbe es jetzt statt des "Plan aufgegangen!" allüberall die besorgte Frage, ob Deutschland denn überhaupt die Vorrunde übersteht. Hätte dann nämlich Ecuador gegen Deutschland gewonnen ... usw. usw.

    Statt vom Erfolg ihrer Mannschaft berauscht zu sein, wäre die Nation dann in selbstzweiflerische Grübelei verfallen.



    So ist das halt mit dem Fußball, und so ist es mit kollektiven Stimmungen.

    Der Fußball ist wie wenige andere Sportarten von Zufallselementen mitgeprägt; siehe hier. Reinhold Beckmann hat es vor ein paar Tagen ähnlich gesagt: Fußball sei ein "Fehlersport".

    Und kollektive Stimmungen fragen nicht nach Ursachen. Was zählt ist der Erfolg. Der Zufall hat ihn Klose und Ballack verweigert. Er hat ihn Neuville geschenkt.

    Und nun ist Klinsmanns "Geheimplan" aufgegangen.

    14.6.06

    Randbemerkung: Sektiererische Abgründe

    Tagesschau, 13.6., um 20 Uhr. Christiane Meier berichtet aus dem ARD-Studio Washington über die Begegnung Bushs mit dem irakischen Premier Maliki:
    "Maliki (...) gelobte, er wolle eine breite nationale Front bilden, die Iraks sektiererische Abgründe überwinden soll."
    Nationale Front? Sektiererische Abgründe? - Was Maliki wirklich sagte, kann man zB in der "Financial Times" lesen:
    "Mr Maliki told Mr Bush he was committed to a pluralistic government that could bridge Iraq's sectarian divide."
    Auf deutsch:
    Maliki sagte Bush, er sei einer pluralistischen Regierung verpflichtet, die Iraks konfessionelle Spaltung überbrücken könne.


    Absichtliche Entstellung oder mangelnde Englischkenntnisse? Vielleicht beides.

    13.6.06

    Schwarzrotgold allerorten

    Die beiden einfachsten und folglich ältesten Arten, sich als Mitglieder einer Gruppe zu identifizieren, sind die Farbe und der Gesang. Daraus ergeben sich die Kriegsbemalung und der Schlachtgesang.

    Mit fortschreitender Zivilisation trennt sich das in martialische und friedlichere Derivate: Die Uniform, die Soldatenlieder und das Zum-Angriff-Blasen der Clairons auf der einen Seite, die Nationalhymne, die Nationalflagge auf der anderen Seite.



    Viele Staaten haben "ihre" Farben, die viel mehr sind als die Farben der Nationalflagge. Sie müssen noch nicht einmal in dieser vorkommen, wie das Orange der Holländer. Und sie reichen in ihrer Verbreitung weit über diese hinaus. Amerikanische Parteitage, ob der Demokraten oder der Republikaner, werden von den Farben Rot und Blau dominiert. Die Maskottchen der beiden Parteien sind halb rot, halb blau. Es gibt "rote" und "blaue" Staaten, je nach Dominanz der einen oder der anderen Partei.



    Es gehört zu den Komplexitäten der deutschen Geschichte, daß wir unsere Nationalfarben sozusagen doppelt haben: Schwarzweißrot und Schwarzrotgold.

    Schwarzweißrot, das waren die Farben des Norddeutschen Bundes, des Kaiserreichs und die Farben der Nazis, auch schon bevor sie die Macht okkupierten. Freilich dominierte in der Hakenkreuzfahne das Rot, nicht mehr das Schwarz und Weiß Preußens. Sie war eine der roten Fahnen, die im 20. Jahrhundert die Welt überschwemmten und deren Rot das Revolutionäre signalisierte und das Symbol darauf (mal Hakenkreuz, mal Hammer und Sichel) die Art von Revolution, der man anhing.

    Schwarzrotgold - da sind dagegen die Farben des demokratischen Deutschland. Die Farben der Burschenschaften, des Hambacher Fests, der 1848er Revolution, der Weimarer Republik, der Bundesrepublik (freilich auch der DDR, aber dort durch Hammer und Sichel sozialisiert).

    Seltsamerweise werden diese Farben Schwarz, Rot und Gold, die der Tradition des friedlichen, demokratischen Deutschland entstammen und unter denen niemals ein Krieg begonnen wurde, von manchen Kritikern dennoch mit Nationalismus in Verbindung gebracht. Man tut sich schwer mit der Nationalflagge. Was in Frankreich, den USA oder Italien selbstverständlich ist - daß an Feiertagen, vor allem am Nationalfeiertag, auch Private ihr Haus mit der Nationalflagge schmücken, ist in Deutschland noch immer die Ausnahme; und wer es tut, gerät leicht in den Ruch des Nationalismus.



    Wenn man sich die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland anschaut, dann fällt ein Wechsel zwischen Perioden auf, in denen diese Farben häufig zu sehen waren, und Perioden, in denen sie im Hintergrund blieben.

    Diese Wellen korrelieren aber nicht etwa mit Zeiten eines größeren oder geringeren Nationalismus - der ist in der Bundesrepublik immer ungefähr gleich gering gewesen. Wohl aber kann man sie mit der allgemeinen Stimmung in Zusammenhang bringen.

    Ich erinnere mich an drei Zeiten, in denen man die schwarzrotgoldene Fahne sehr häufig sah oder sieht: Die Adenauer-Zeit, die Zeit der sozialliberalen Koalition und die Gegenwart.

    Auffällig ist vor allem der gegenwärtige Boom von Schwarzrotgold. Gewiß, die Weltmeisterschaft ist der Anlaß, aber eben nur ein Anlaß.

    Es ist fast, als sei ein gewisses Befreitsein spürbar - endlich ein lockerer, selbstverständlicher Patriotismus, wie er sich in jeder intakten Nation findet. Nicht nur deutsche Fahnen werden reichlich geschwungen, sondern die Nationalfarben tauchen, so wie das anderswo üblich ist, an mancherlei Stellen auf - auf Hüten, T-Shirts, Autos.



    Und so war es auch in der Periode der sozialliberalen Koalition. Damals wurde ein Wahlkampf mit dem Slogan "Modell Deutschland" geführt, und zwar von der SPD. Auf den Plakaten wehte hinter diesem Spruch die schwarzrotgoldene Fahne; und auch von den anderen Parteien wurde Schwarzrotgold verwendet. Bis auf die NPD, die auch damals schon schwarzweißrot plakatierte, und natürlich die Kommunisten. Die Grünen gab es damals noch nicht.

    Anhänger der CDU und der SPD identifizierten sich damals gern mit kleinen Ansteckern und mit Stickern auf ihren Autos. Die beider Parteien stellten die Nationalflagge dar - nur war die der SPD wehend und die der CDU ruhend, eckig.



    Gemeinsam war der Adenauer-Zeit und der Zeit der sozialliberalen Koalition die Aufbruchstimmung. Der Wille, Deutschland neu zu gestalten, die Überzeugung, daß es aufwärts gehen werde.

    Ob die jetzige dritte Welle von Schwarzrotgold also wieder eine solche Stimmung signalisiert? Das Ende der bleiernen Zeit unter Rotgrün, ein wieder nach vorn blickendes Deutschland?

    Die Stimmung der Wirtschaft, die Stimmung der Konsumenten haben sich jedenfalls seit dem Regierungsantritt Merkels drastisch verbessert. Wenn jetzt auch noch die WM ein Erfolg wird - warum soll dann nicht dieses Jahrzehnt eines werden wie die Fünfziger und die Siebziger?

    In beiden war Deutschland bekanntlich Fußball-Weltmeister geworden.

    12.6.06

    Tugend

    Begriffe haben ihre guten und ihre schlechten Zeiten.

    Manche blühen auf, gedeihen eine Zeitlang und verwelken dann schnell; wie zB die "Empfindsamkeit" des 19. Jahrhunderts (durch Sternes "Sentimental Journey" popularisiert und in Flauberts "Éducation Sentimentale" klassisch geworden) oder das "modern" der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, dem gegen Ende jenes Jahrhunderts mit "postmodern" sozusagen ein Abschiedsgruß nachgerufen wurde.

    Andere sind langlebig, sozusagen gefeit gegen das Nagen des Zahns der Zeit. Begriffe wie Liebe, Schuld, Glauben, oder auch Lüge, Verbrechen, Feigheit.



    Und dann gibt es diejenigen Begriffe, die über die Jahrtausende eine gute Zeit hatten, denen es in unseren Tagen aber schlecht geht, ja hundsmiserabel.

    Begriffe wie Ehre, Heldentum, Vaterland. Demut, Bescheidenheit, Redlichkeit. Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Uneigennützigkeit. Sanftmut, Reinheit, Keuschheit. Oder Stolz, Hoffart, Edelmut.



    Eine offensichtlicher Grund dafür, daß diese Begriffe heutzutage so in Mißkredit geraten sind wie Kuno und Rosamunde als Vornamen, liegt in dem teils feudalen, teils bürgerlichen Kontext, dem sie entstammen.

    Ehre, Stolz, Hoffart - das zählte an den Höfen der Provence, vielleicht noch in der Entourage der Queen Victoria, des Zaren Nikolaj oder des zweiten Wilhelm. Aber diese Eigenschaften haben sich in den fortgeschrittenen Ländern des 21. Jahrhunderts, so scheint es, ebenso verflüchtigt wie die Gesellschaft, in der sie bedeutsam gewesen waren.

    Nur rückständige Anatolier sprechen heute in Deutschland noch von Ehre. Es ist abzusehen, daß die heute Heranwachsenden den Begriff der Ehre hauptsächlich mit Mord assoziieren werden.

    Ähnlich steht es mit den Begriffen, deren zeitweilige Hervorgehobenheit wir der bürgerlichen Revolution zu verdanken haben - Redlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Uneigennützigkeit. Die Tugenden des Bürgers, der sich abrackert. Des Kleinbürgers, des Untertanen. "Sekundärtugenden" hat sie einer geschimpft, der von ihnen freilich frei war und ist.



    Dieses flapsige Wort von den Sekundärtugenden, und vor allem seine freundliche Rezeption und große Verbreitung deuten darauf hin, daß nicht nur bestimmte Tugenden in Verruf geraten sind, sondern der Begriff der Tugend als solcher.

    Jemanden tugendhaft nennen kann man heute nur noch mit einem Lächeln. Die weiter als gültig, oder zumindest als akzeptabel, geltenden Tugenden werden nicht so genannt, sondern "Werte". Wir führen in Deutschland eine "Wertediskussion". Eine "Tugenddiskussion" zu konstatieren oder gar zu fordern, würde nur ein mitleidiges Lächeln auslösen.



    Werte werden, vor allem von der Linken, vor allem dann, wenn sie an der Macht ist, durchgesetzt. Jedenfalls versucht man das. Das war und ist die Essenz der "political correctness". Was man sagen soll und was nicht, das wurde und wird zu reglementieren versucht. Auch, sofern das in einer pluralistischen Gesellschaft, sofern es im demokratischen Rechtsstaat überhaupt möglich ist, was man zu bestimmten Fragen denken soll.

    Gedanken und Äußerungen sind sozusagen die Zielobjekte dessen, was man manchmal - sehr übertrieben - einen "Tugendterror" genannt hat. Aber Tugenden eben gerade nicht.



    David Riesman, ein Soziologe aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, hat von der "außengeleiteten" Gesellschaft gesprochen, in der sich jeder am Verhalten der anderen orientiert, in der es aber nicht mehr erstrebenswert oder auch nur wünschenswert ist, dem eigenen "inneren Kompaß" zu folgen.

    Mir scheint, daß Riesman etwas Wesentliches erkannt hat. Tugendhaftigkeit - das war das, was die Feudal- und was die bürgerliche Gesellschaft ihren Mitgliedern zu vermitteln trachtete. Etwas, das, einmal erworben, sozusagen ein Leben lang hält. Wesenseigenschaften.

    Wesenseigenschaften, unverrückbare, entsprechen nicht unserer Gesellschaft des sich exponentiell beschleunigenden Wandels. Menschen, die in der heutigen, sich ständig erneuernden Gesellschaft zurechtkommen wollen, brauchen keinen inneren Kompaß, sondern viel eher so etwas wie einen Radar, der ihnen ständig meldet, was um sie herum gerade "gefragt" ist.

    Nicht nur Geräte, auch Überzeugungen, Maximen und eben Tugenden unterliegen in dieser dynamischen Gesellschaft einem moralischen Verschleiß.



    Nein, das ist keine Kulturkritik.