30. Juli 2015

Hitzewellenlektüre: Heinrich Nowak, "Die Sonnenseuche"

Obwohl der turnusgemäß zu den Großen Ferien ausgebrochene Sommer sich mittlerweile etwas verkühlt hat - kein Wunder bei der feuchten Witterung und Mittagstemperaturen von 15° C - und "Rekordwerte" von mehr als 40 Grad wie am 5. Juli vorerst Schnee von gestern sind (zu diesem "Temperaturrekord" sh. diesen Beitrag auf dem Blog des Europäischen Zentrums für Klima und Energie [EIKE]) - oder vielleicht gerade als Kontrastprogramm dazu - bietet sich der Blick in einen literarischen Text an, der den Sommer in Höchstpotenz nicht nur als Hintergrund des Geschehens, als lähmende, glühende Kulisse einer stauberstickten Metropole wie beispielsweise das mörderische Kammerdramaspiel von Alfred Hitchocks "Rope" von 1948, Albert Camus' "L'Entranger" oder das phantasmagorische Kalkutta in Dan Simmons erstem Roman "Song of Kali" (1985) hat, sondern dessen einziger Fokus auf der Präsentation der blendenden, erblindenden Hitze liegt. Und der vor genau* 100 Jahren erschien.

19. Juli 2015

Und sie rufen nicht mal morgens an und sagen Danke dafür. Ein Gedankensplitter zu Anspruch und Dankbarkeit.


In einem heute fast vergessenen Film fällt das obige Zitat: Und sie rufen nicht mal morgens an und sagen Danke. Gemeint in diesem Kontext ist die Regierung der vereinigten Staaten, die eine Menge Geld – Steuergeld – für einen fragwürdigen Zweck ausgibt. Eine solche Regierung hat die Bundesrepublik ebenso. Und Narrhallamarsch, es ist eine Menge Geld. 

17. Juli 2015

Die Dicke singt nicht

"It ain't over till the fat lady sings" wird gerne einmal zitiert, wenn eine Sache sich lange hinzieht und jemand die Hoffnung äußert, nun wäre es aber gleich vorbei. Mit der dicken Dame ist wahrscheinlich die stimmgewaltige Walküre gemeint, deren Einsatz bei Wagner den Weltuntergang ankündigt. Mit dem Weltuntergang ist die Oper dann auch zuverlässig aus. Und egal wie gut der Zuschauer die Oper anfangs vielleicht fand - irgendwann hat er doch genug und wartet ungeduldig auf die dicke Dame.

Das gilt um so mehr bei Vorführungen, die man schon von Anfang an nicht wirklich gut fand. Z. B. die Griechenlandkrise.
Immer noch ein Krisengipfel, immer noch eine letzte Frist, eine allerletzte Nachverhandlung, immer wieder Bedingungen, immer wieder Zahlungen - und dann wieder ein Krisengipfel mit Sitzungsende spät in der Nacht.
Begleitend dann eine Kakophonie von Meinungsäußerungen, von Politikern, "Experten" und Kommentatoren. Man kann gar nicht so unwichtig sein, daß man mit einer schrägen Position nicht eine Tickermeldung spendiert bekommen würde.

Nein, keine schöne Show. Und der Wunsch wächst, daß endlich der Auftritt der Dicken kommen würde. Egal ob dann der Weltuntergang kommt, oder der Grexit, oder der Banken-Crash, oder der Zusammenbruch der Demokratie, oder die völlige Entwertung des Geldes, oder, oder, oder ...
An Katastrophenszenarien wäre kein Mangel. Wenn nur endlich die Schlußarie käme.

Aber die Dicke singt nicht.

16. Juli 2015

Gedanken zum Kulturpessimismus. Ein Gastbeitrag von nachdenken_schmerzt_nicht


Wenn man sich fragt, was Kulturpessimismus ist, und ob er angebracht sei, sollte man ihn auf keinen Fall mit einem allgemeinen „Zukunftspessimismus“ verwechseln. Diese Forderung nach einer Unterscheidung mag zunächst verwunderlich erscheinen, weil doch beide Formen der negativen Erwartungshaltung auf das Gleiche hinauslaufen: Eine düstere Zukunft.

Der Unterschied liegt allerdings in der jeweiligen Begründung, warum man eine düstere Zukunft zu erwarten hat, und in welchem Rahmen sich diese auswirkt.

Der Zukunftspessimist erwartet allgemein nur das Schlechteste vom Menschen: Der Mensch ist ein hoffnungsloser Egoist, zerstört seine Umwelt, beutet seine Mitmenschen aus, ist nur auf seinen Vorteil bedacht und nimmt das Leid anderer bei vollem Bewusstsein für einen eigenen Vorteil billigend in Kauf. Der Untergang des Menschen ist daher nur eine Frage der Zeit. Es ist das zeitgeistige, grüne Bild des „Virus Mensch“, welches unseren Planeten befallen hat, bis es schlussendlich seinen Wirt und damit auch sich selbst zerstört. Der Zukunftspessimist denkt global.

Der Kulturpessimist erwartet im Gegensatz dazu, dass sich lediglich die Bedingungen seines direkten gesellschaftlichen Umfelds nachteilig verändern, da die Generationen, die dieses prägen, sich nachteilig entwickeln.

13. Juli 2015

Miszelle: Ein Götterliebling

Es ist natürlich tragisch, keine Frage, wenn ein Mensch in einem Alter, in dem es niemand erwartet, noch bevor er "seine besten Jahre" erreicht hat, "plötzlich und unerwartet" stirbt, so wie man es heute in dieser Meldung auf "Spiegel Online" nachlesen kann:

Noch vor wenigen Tagen saß Philipp Mißfelder im CNN-Studio in London. Der Außenpolitiker der Unionsfraktion gab der Starreporterin des US-Senders, Christiane Amanpour, ein Interview. Es ging um die Lage in Griechenland, um die Politik der Kanzlerin. Mißfelder sprach Englisch, er wirkte ruhig und gelassen. Er machte seine Sache gut.


In der Nacht von Sonntag auf Montag ist der 35-Jährige völlig überraschend gestorben. Eine Lungenembolie ist eine tückische Krankheit, die jeden treffen kann, in jedem Alter. Wer Glück hat, kann noch durch eine Infusion gerettet werden. Mißfelder hatte es nicht, obwohl er noch ins Krankenhaus gebracht wurde.

12. Juli 2015

Eine Bemerkung zu einer googlefreien Filterblase


­Vor ein paar Tagen ist ein Interview mit Frauke Petry in der Zeit erschienen. Von einer Menge inhaltlicher Fragezeichen abgesehen, fand dieser Autor eine Antwort als besonders hervorstechend, so hervorstechend, dass sich eine kurze Reflektion darüber anbietet. So antwortete sie auf eine Frage nach Mehrheitsfähigkeiten:
Wir haben mehr Stimmenpotenzial. Unser Ziel muss die eigene Mehrheit sein. 

(Zitat muss aus rechtlichen Gründen eingekürzt sein, um den ganzen Absatz nachzulesen, bitte hier klicken)

9. Juli 2015

„Wer bist du denn?“ Nora Gomringer

So fragt die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises den Lektor und sich in ihrem Beitrag „Recherche“. Darin geht es um die Schuldfrage am Sturz eines dreizehnjährigen schwulen Jungen aus dem Fenster. Für die Polizei ein Unfall, für die recherchierende Dichterin ein Verbrechen. Sie will nicht nur das fünfstöckige Mehrfamilienhaus entlarven, sondern unsere ganze Gesellschaft.

3. Juli 2015

Sieben griechische Wahrheiten

Die Krise eskaliert wieder einmal, die üblichen Verdächtigen in Politik und Medien geben ihren Senf dazu und alle haben schon immer gewußt, wie man es hätte besser machen können.
Und es werden - wie seit Jahren - diverse Falschaussagen wiederholt.

Deswegen einige Klarstellungen:

1.) Die Milliardenkredite sind den Griechen zugute gekommen, nicht den Banken.

2.) Die griechische Regierung will etwas von der EU, nicht umgekehrt.

3.) Die Sparmaßnahmen seit 2010 haben nicht zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung geführt.

4.) Die Sparmaßnahmen seit 2010 sind nicht schuld an sozialen Problemen in Griechenland.

5.) Die EU respektiert die demokratischen Entscheidungen in Griechenland.

6.) Die Syriza-Regierung ist verantwortlich für die griechische Überschuldung.

7.) Eine Rückkehr zur Drachme würde Griechenland nichts bringen.

Im Detail:

21. Juni 2015

Marginalie: Die junge Union macht sich Gedanken ums Kinderkriegen


Eigentlich müsste diese Marginalie unter die Kategorie "Dummes, kurz kommentiert" fallen, aber da der Vorsitzende der jungen Union nur die Idee seiner ganzen Organisation weitergibt, passt das nur am Rande. Die Kategorie dumm würde es allerdings durchaus treffen.
Was also fordert die junge Union ? Sie fordert eine Kopfprämie von 1000 Euro für jedes neu geborene Kind. Und zahlen sollen das diejenigen, die halt keine Kinder haben. Tolle Idee. Vor allem da der Mechanismus in Deutschland ja bekanntlich seit Jahren so gut funktioniert, dass knapp 2000 Euro Kindergeld per annum ja dazu geführt haben, dass das Land -wow- schon knapp 1,4 Kinder pro Frau an Nachwuchs generiert.

19. Juni 2015

Bevor Europa zerbricht


Zum typischen Sprachgebrauch eines Europapolitikers dieser Tage gehört es unbedingt zu betonen, dass Griechenland in der Euro Zone bleiben muss, damit Europa nicht zerbricht. Es ist die gängige wie unterschwellige These, dass ein Ausscheiden von Griechenland aus der Eurozone gleichzeitig die Gefahr birgt, dass die europäische Einigung, ja die europäische Freundschraft generell, mit dem Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion bedroht ist, oder anders gesagt, dass die Freundschaft inzwischen vor allem durch eine gemeinsame Währung geprägt sein soll. 

17. Juni 2015

Deutscher Übersetzer tot: Jameson!

Der letzte noch lebende Mensch, der Harry Rowohlt nicht leiden konnte, hat sich in Person von Fritz J. Raddatz vor ein paar Monaten umgebracht. Damit ist sichergestellt, dass genügend nichtssagende Lobeshymnen (bevorzugt mit missglückten "Bären"-Wortspielen) über ihn im Umlauf sind.

So bleibt mir nur, ihm die Überschrift zu verehren, die er sich selbst (im großartigen Dialog mit Ralf Sotschek namens In-Schlucken-zwei-Spechte) für den Fall seines eventuellen Ablebens zugeschrieben hat.

Sláinte, Haeraidh!
 

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Meister Petz

© Meister Petz. Titelvignette: Harry Rowohlt auf der Frankfurter Buchmesse 2003. Foto von Hans Weingartz, vom User Frau Olga unter CC-BY-SA-2.0-DE lizenziert. Für Kommentare bitte hier klicken.

13. Juni 2015

Martin Buber starb am 13. Juni vor 50 Jahren

Er blieb, so scheint es mir, immer ein Sucher und hatte den chassidischen Glauben seines Großvaters im galizischen Lemberg durch das Studium der Aufklärung verloren. Ältere erinnern sich vielleicht noch an Radiovorträge, in denen das Wort vom heutigen Schweigen Gottes vorkam. Damals liefen auch alle in Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen“. Und fand der jüdische Sucher etwas?

Buber (1878-1965) berichtet über seine Suche nach der Wahrheit: „In jüngeren Jahren war mir das ‚Religiöse‘ die Ausnahme. (…) Das ‚Religiöse‘ hob einen heraus. Drüben war nun die gewohnte Existenz mit ihren Geschäften, hier aber waltete Entrückung, Erleuchtung, Verzückung, zeitlos, folgelos.“ Das Ereignis eines schicksalshaften Besuchs eines jungen verzweifelten Menschen habe ihn bekehrt. Er habe dessen Fragen zwar beantwortet, aber es unterlassen, „die Fragen zu erraten, die er nicht stellte“ und von denen er später durch einen Freund erfuhr. „Seither habe ich jenes ‚Religiöse‘, das nichts als Ausnahme ist, Herausnahme, Ekstasis, aufgegeben oder es hat mich aufgegeben. Ich besitze nichts mehr als den Alltag. (…) Ich kenne keine Fülle mehr als die Fülle jeder sterblichen Stunde an Anspruch und Verantwortung. (…) Wenn das Religion ist, so ist sie einfach alles, das schlichte gelebte Alles in seiner Möglichkeit der Zwiesprache.“ ( Zwiesprache, Traktat vom dialogischen Leben, Heidelberg 1978, 31-33)

30. Mai 2015

Kinderverwahranstalt, Indoktrinationsinsel oder doch ein Ort zum Lernen ? Ein Gedankensplitter zur real existierenden Bildungsgerechtigkeit.


Der grosse Bildungskampf der siebziger Jahre ist inzwischen schon vielen nicht mehr vertraut, aber vor nicht ganz 40 Jahren tobte in Deutschland ein Grundsatzkampf um das zukünftige Schulsystem. In der sechziger Jahren konzeptionell aus der Taufe gehoben, versuchten diverse Politiker die Idee Gesamtschule in den siebziger Jahren als die einzige weiterführende Mittelschule durchzusetzen. 
Man kann sich die Größe dieses Kulturkampfes vorstellen, wenn man bedenkt, dass damals 3,6 Millionen Unterschriften zusammengebracht wurden (in einer Zeit vor dem Internet), um den Beschluss der damaligen NRW Regierung umzuwerfen, die Gesamtschulen als einzige Mittelschule einzuführen. Der Versuch ist gescheitert und seitdem dümpelt die Gesamtschule neben den anderen Schulformen her, in einigen Bundesländern dominanter, in anderen weniger dominant.

29. Mai 2015

Die Sonne scheint

Fußball-Fangesänge müssen nicht literarisch anspruchsvoll sein. Und wenn in Darmstadt die Fans ihr Lieblingslied anstimmen kann auch die große Begeisterung nicht verdecken, daß die meisten nur den Refrain wirklich können.
Aber egal wie das Wetter auch sein mag - derzeit scheint die Sonne über dem Sensationsaufsteiger. Ein echtes Fußballmärchen, wie die "Lilien" von der vierten in die erste Bundesliga aufgerückt sind.

Ebenfalls unabhängig vom realen Wetter läßt der Sonnenschein für manche Fußball-Funktionäre etwas weiter südlich zu wünschen übrig. Anstatt feudal im Baur au Lac zu residieren und den FIFA-Paten erneut zu inthronisieren, müssen sie wegen Korruptionsvorwürfen in eidgenössischen Gefängniszellen trauern.

Ein spannender Kontrast.

28. Mai 2015

"Die Caine war sein Schicksal" - Herman Wouk zum 100.

Wenn man die Literatur, zumindest die erzählende, die sich direkt mit der Erfahrung des Krieges auseinandersetzt, überfliegt, fällt auf, daß viele dieser Romane das übrige Werk ihres Autors überschatten, wenn sie nicht sogar das einzige Buch des Verfassers geblieben sind. Für Werke, die aus dem Abstand von einer oder zwei Generationen als umfangreiche tour d'horizon entstanden sind und den Gesamtverlauf des Konflikts, mit dem sie befasst sind, abschildern, gilt das nicht: Tolstois "Krieg und Frieden" oder auch Fontanes "Vor dem Sturm", die beide den zentralen Bruch der napoleonischen Kriege ins Auge fassen, sind nicht als Solitär im Œuvre ihrer Verfasser verblieben. Die Ausnahme bildet hier Margaret Mitchells "Gone with the Wind" von 1936, der nach dem Muster Tolstois den amerikanischen Bürgerkrieg als die Erfahrung zu schildern versucht, aus dem das Geschichtsbewußtsein des modernen Amerika hervorgegangen ist. (Daß das Ergebnis in diesem Fall zudem eine abstandslose Verklärung der Antebellum-Epoche der amerikanischen Südstaaten war und das Panorama mit dem breiten Weichzeichnerpinsel des sentimentalen Bestsellermodus ausgeführt wurde, hat dem Buch nicht eben gutgetan.) 





22. Mai 2015

Verkehr 2025 (Nachtrag)

Manchmal läuft technischer Fortschritt nicht nur schneller, sondern vor allem völlig anders als man vorher dachte.

Wenn sich das so wie beschrieben bestätigt, dann wäre autonomes Fahren schon dieses Jahr (!) serienreif möglich.
Vorerst mit einem eingeschränkten Funktionsumfang, aber schon in wenigen Jahren soll dann weitgehend autonomes Fahren möglich sein. "Weitgehend", weil immer noch für den Notfall ein einsatzbereiter und fahrtüchtiger Mensch gebraucht wird:
Im Durchschnitt trifft die Software einmal alle 400.000 Kilometer auf eine unbekannte Situation und übergibt dann dem Fahrer die Kontrolle.

Damit wären dann noch nicht alle der in meiner Artikelserie beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen möglich, aber das wäre dann wohl nur noch eine Frage der weiteren Entwicklung. Die trotzdem deutlich schneller kommen wird als bisher absehbar.

Bemerkenswert finde ich den komplett anderen Ansatz gegenüber Google und anderen "konventionellen" Forschungsansätzen. Das ist wirklich innovativ.

R.A.

© R.A.. Für Kommentare bitte hier klicken.

11. Mai 2015

Meckerecke: Der beleidigte Böhrnsen

Man wählt und wählt, doch was man kriegt, das weiß man nicht.

9. Mai 2015

Das deutsche Ideal

"Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehn. Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen."

So lautet ein - tatsächlich belegtes - Zitat von Kurt Tucholsky. Die alte Aphorismenschleuder Tucholsky ist ein Phänomen in der deutschen Geisteswelt, weil er ständig zitiert (oft mit Sätzen, die er nie gesagt hat), aber kaum gelesen wird. Macht nix - es genügt zu wissen, dass Tucholsky ein großer Satiriker (aufgeregtes Schnipsen in der ersten Reihe: "Darf alles!") war und deshalb für die Königsdisziplin, ja die einzige überhaupt mögliche Disziplin deutschen Humors steht. 

8. Mai 2015

Zitat des Tages: Das kurze Gedächtnis des Jakob Augstein

Weselsky und seine Lokführer machen von ihrem Streikrecht Gebrauch. Bislang hat kein Arbeitsgericht sie aufgehalten. Wann wurde zuletzt jemand, der von seinem Recht Gebrauch macht, zum Gegenstand so einhelliger Verachtung wie dieser Mann? (Jakob Augstein, SPON vom 08.05.) 

­Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten: Vor ungefähr dreieinhalb Monaten, an gleicher Stelle.

Da schimpfte Augstein nicht nur über die Pegida-Anhänger, sondern vor allem über jene in Politik und Medien, die sie nicht zum Gegenstand einhelliger Verachtung gemacht haben.

Nun ist es nicht das Thema, dass Augstein die einen unterstützt und die anderen ablehnt (zur Hälfte stimme ich ja mit ihm überein). Sondern dass er das Streikrecht als Argument anführt, warum die Lokführer nicht kritisiert werden sollen:
Vor Jahren haben die meisten Lokführer ihren Beamtenstatus verloren. Nun sollen sie - de facto - ihres Streikrechts beraubt werden. Das ist die höchste Vollendung der Privatisierung. Es geht dabei nicht nur um die Lokführer. Der Wirtschaftsflügel der CDU möchte die Gelegenheit nutzen, das Streikrecht grundsätzlich einzuschränken. Im Bereich der "Daseinsvorsorge" sollen strengere Regeln gelten. Das kann man weit fassen: Verkehr in der Luft und auf dem Land, Erziehung, was noch? Heute trifft es die Lokomotivführer. Morgen Lehrer und Erzieher. Und übermorgen?
­Abgesehen davon, dass diese Untergangsrhetorik durchaus an Pegida unter umgekehrten Vorzeichen erinnert und einige Ungereimtheiten enthält (als ob Lokführer als Beamte überhaupt ein Streikrecht gehabt hätten oder es mit einer einheitlichen Tarifgemeinschaft keine Mitbestimmung mehr gäbe): Es gibt noch eine andere Parallele.

5. Mai 2015

Quo vadis, Blogosphäre?

Über das Wochenende war es etwas ruhiger im kleinen Zimmer. Denn diverse Autoren und Forumsteilnehmer waren in Bamberg beim "Liberalen 1. Mai" der Blogger-Kollegen vom Antibürokratie-Team.

Ein schönes Treffen, ein schönes Programm:
Freitag abend die Gründung des Hayek-Clubs Bamberg mit Einführung von Günter Ederer und einem Vortrag von Sascha Tamm zur liberalen Sozialpolitik.
Samstags eine Stadtführung mit Schwerpunkt "Hexenverfolgung" - dieses Thema werde ich bei Gelegenheit hier vertiefen. Nachmittags dann zwei sehr gute Vorträge von Christian Hofmann ("Lügenpresse? Wahrheitsblogger?") und Igor Ryvkin ("Liberalismus und Libertarismus in Rußland"). Und noch einer zur Währungspolitik, bei dem ich mal "nil nisi bene" anwende.
Abends eine Podiumsdiskussion mit Frank Schäffler, dem bayrischen FDP-Vize Körber und dem Politikwissenschaftler Saalfeld aus Bamberg zum aktuellen Stand der Schuldenkrise.
Und am Sonntag dann einen leckeren Brunch mit einer Diskussion zwischen dem Öko-Autor Michael Miersch und einem Ex-Bio-Landwirt.

Wichtiger als das offizielle Programm waren aber die persönlichen Gespräche mit Kollegen aus der deutschen Blogger-Szene.

30. April 2015

Literarisches Neuland

Deutschland hat so seine Schwierigkeiten mit Innovationen. Jedenfalls das aktuelle Deutschland, früher galt die Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Entwicklungen als eine Hauptstärke unseres Landes.
Ein Beispiel, an dem sich die Überforderung der Verantwortlichen (oder sich verantwortlich Fühlenden) immer wieder zeigt, ist der Umgang mit "E-Books". Sind das jetzt "richtige" Bücher?

Sind sie, meinen die Verbraucherschutzorganisationen (die sich völlig unabhängig von Sachkenntnis immer gerne verantwortlich fühlen). Und fordern von den Verlagen, daß man "E-Books" genauso weiterverkaufen können sollte wie gedruckte Bücher.
Vor Gericht sind sie damit wieder einmal gescheitert. Die deutsche Justiz scheint also technisch schon etwas weiter zu sein als die Streitparteien. Denn ein "Weiterverkauf" ist bei einer Datei eigentlich kaum möglich. Die wird kopiert, und ist dann beim "Verkäufer" immer noch vorhanden. Selbst wenn er sie - eine eher unrealistische Annahme - nach dem "Verkauf" ordentlich löscht: In seinen Datensicherungen ist sie natürlich immer noch vorhanden.

24. April 2015

Wahl im UK: Die Last der Vergangenheit

Großbritannien ist das Land der Traditionen - und die politischen machen einen nicht geringen Teil davon aus. Wo sonst sitzt der Sprecher einer Parlamentskammer nicht auf einem nach neuesten Ergonomierichtlinien konstruierten Bürostuhl, sondern auf einer ca. 650 Jahre alten Matratze? Auch die beiden großen Parteien, die Tories und die Labour Party können auf eine lange Tradition zurückblicken. Vor dem Hintergrund der anstehenden Wahl zum House of Commons zeigt sich aber, dass sie sich beide im Umbruch befinden. 

Der Wahlkampf für die general election im Vereinigten Königreich am 7. Mai geht in die heiße Endphase. Nach den aktuellen Umfragen steht ein Kopf-an-Kopf-Rennen an. 

Wieso es überhaupt so knapp wird, mag man sich fragen - sitzt doch die aktuelle Koalitionsregierung alles andere als fest im Sattel. Cameron schlingert in der Europa-Frage, und vor allem Juniorpartner Nick Clegg von den LibDems trug bis vor kurzem regelmäßig die rote Laterne als unbeliebtester Politiker und verliert möglicherweise sogar sein Mandat in Sheffield, das er 2010 mit über 15.000 Stimmen Vorsprung gewonnen hat. 

Schauen wir uns also die aktuelle politische Situation im UK etwas genauer an. Ich glaube nämlich, dass sie sowohl in den Gemeinsamkeiten als auch in den Unterschieden ein interessanter Spiegel zu Deutschland ist.

23. April 2015

Es kommt, wie es kommen muss. Ein kurzes Streiflicht zur AfD.


Schon der Rücktritt von Dagmar Metzger war ein ziemlich klares Signal in welche Richtung die AfD in Zukunft nicht segeln will. Luckes klare Positionierung, dass er eben kein Liberaler sei, tat da ein übriges. Jetzt ist mit Hans-Olaf Henkel wohl der letzte von Bord gegangen, dem man noch ein liberales Profil abgenommen hätte, somit hat sich die AfD von ihren liberalen Einschlägen erst einmal deutlich getrennt.

22. April 2015

Meckerecke: Nach zweihundert Metern nationalsozialistisch abbiegen

Hitler und sein Chauffeur überfahren ein Schwein. Der Chauffeur geht zum Bauern, kommt nach drei Stunden zurück. Mit Geschenken überladen. ,Was hast du gesagt', fragt der Führer. Fahrer: ,Heil Hitler, das Schwein ist tot!'

An diesen Klassiker unter den politischen Witzen musste ich heute denken, nachdem ich über eine Entscheidung des Amtsgerichts in Bremen gelesen habe. Es hat einen Betreiber einer Facebook-Seite zu 1.500 Euro Geldstrafe wegen übler Nachrede verurteilt, weil er einen Politiker der "Bürger in Wut" als "rechtes Schwein" bezeichnet hat. 

21. April 2015

Russisches Roulette im Mittelmeer

Und wieder einmal kommt einer der Schiffsuntergänge im Mittelmeer groß in den Medien. Nicht zum ersten Mal, wohl auch nicht zum letzten Mal - es scheint ziemlicher Zufall zu sein, wenn eines dieser Unglücke plötzlich in den Schlagzeilen erscheint. Und dann beginnt wieder einmal die übliche Diskussion. Wahrscheinlich auch diesmal wieder ohne wesentliche Folgen.

Denn Europa hat es sich recht bequem in der Realitätsverweigerung eingerichtet.