3. September 2015

Humanismus? Erste Ergänzung zu Llarians "Pack"-Zettel-Beitrag

Habt Dank, dass Ihr nie fragt / Was es bringt, ob es lohnt / Vielleicht liegt es daran / Dass man von draußen meint / Dass in Euren Fenstern / Das Licht wärmer scheint. (Reinhard Mey, 1972)

Es fällt mir zunehmend schwerer, mich zur Flüchtlingsproblematik zu äußern. Nicht nur, dass die Debatte völlig polarisiert ist. Es gibt nur noch zwei Positionen: "Alle rein" oder "Alle raus". Jeder Zwischenton, jeder Hinweis auf die Komplexität der Situation wird gnadenlos zerrieben. Aber ich möchte hier auch nicht meine Position darlegen, das hat der Kollege Herr in so überzeugender Weise hier getan, dass ich mich vollständig darin wiederfinde. 

Außerdem möchte ich keinesfalls zu den gefühlt 99% Mitbürgern gehören, die ganz genau wissen, was zu tun ist, und das in schlüssigster Weise damit begründen, dass sie es ja schon immer gewusst haben. Um es ganz offen zu sagen: Ich habe keine Ahnung, wie man das Problem am besten in den Griff bekommt. Und von den out-of-the-box-Argumenten hat mich bisher noch keines überzeugt. Ich hänge nicht so sehr an der Deutschtümelei, dass ich sie vermissen würde, auch bin ich kein Karl-May-Fan, der sich wünscht, auf der A9 von Bagdad nach Stambul zu fahren. Kurz gesagt, weder die bevorstehende Bereicherung des Abendlandes noch dessen dräuender Untergang will mir einleuchten. Und von beidem wird mir zu viel dahergefaselt.

Genau genommen will ich mich damit persönlich gar nicht mehr beschäftigen, weil es mich so frustriert. Ich zahle der deutschen Verwaltung jedes Jahr einen fünfstelligen Betrag allein an Einkommenssteuer, und dafür möchte ich doch erwarten können, dass eine bestehende Situation legislativ, juristisch und administrativ bewältigt werden kann. Wenn ein ganzes Mittelmeerland scheinbar problemlos alimentiert werden kann, dann muss es doch auch für dieses Flüchtlingsproblem eine Lösung geben. Wie gesagt, ich habe mich daran gewöhnt, dass mit meinem Steuergeld ziemlich viel Unsinn angestellt wird, und den Gedanken aufgegeben, dass man ja auch auf die Idee kommen könnte, es mir zu lassen, um damit meinen ganz persönlichen Unsinn anzustellen. Wenn's also ein paar Mark fuffzig mehr kostet, sei's drum. 

Wenn mich aber etwas an der Debatte aufregt, ist es ihre unsägliche Verlogenheit, das schier unerträgliche Ausmaß an Hybris und Selbstbetrug, dem ich tagtäglich ausgesetzt bin. Dies möchte ich in zwei Artikeln tun, dabei beginne ich mit der Bereicherungsfraktion.

28. August 2015

Du bist Deutschland. Du bist das Pack. Ein Gedankensplitter zu Pflichten und den Pflichten anderer.



SiggiPop, der ja immer wieder für den einen oder anderen Satz ausgesprochener Blödheit gut ist, hat einen interessanten Satz von sich gegeben, in seiner „Rede“, in der er erklärt hat, welches Pack demnächst eingesperrt werden muss. Er sagte: „Das sind Leute, die haben mit Deutschland nichts zu tun."

Prankenhieb: Erstaufnahmeeinrichtungen

Um den unkontrollierten Strömen auf die völlig überlasteten Flüchtlingsunterkünften Herr zu werden, wird vorgeschlagen, jetzt Erstaufnahmeeinrichtungen zu errichten - für Politiker.

"Wir sind am Ende unserer Kräfte", so eine Sozialpädagogin, die zusammen mit ehrenamtlichen Helfern in einer Flüchtlingsunterkunft tätig ist. "Wir haben hier sowieso schon alle Hände voll zu tun. Und dann vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens ein Landrat oder eine Wahlkreisabgeordnete mit Fotografen und Reportern im Schlepptau hier aufkreuzt".

Dem soll nun entgegengewirkt werden. "Eine zentrale Aufnahmeeinrichtung würde uns sehr entlasten", erklärt der Geschäftsführer des Caritas-Verbandes in einer mittleren Großstadt, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Auch dem Vorschlag, die Mandatsträger dort nach Parteien zu trennen, kann er etwas abgewinnen: "Es kommt öfter zu hitzigen Diskussionen, einmal wäre beinahe ein Handgemenge entstanden, als ein Linken-MdL eine Seite aus dem CDU-Programm gerissen hat".

Als Standorte für die Einrichtung sind Mainz oder Berlin-Mitte im Gespräch, vorrangig aufgrund der guten Erreichbarkeit für Medienvertreter. Zusätzlich sollen in einem Pilotversuch 100 Flüchtlinge mit einer provisorischen Arbeitserlaubnis ausgestattet werden, um für gemeinsame Fototermine bereitzustehen. "Das schafft Arbeitsplätze und ist zugleich ein wichtiger Schritt zur Integration", betont der Caritas-Mann. "Denn so lernen die Flüchtlinge, die Anliegen der Politiker besser zu verstehen".
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Meister Petz

Mehr zum Thema:

27. August 2015

JA – ABER

Eine Online-Petition begleitet die Amtseinführung des neuen Bischofs der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Dr. Carsten Rentzing: „JA-zur-Amtseinführung-ABER“. Die Unterzeichner möchten deutlich machen, dass sie für eine andere Kirche stehen, als Rentzing sie repräsentiert, der u. a. erst unlängst seine Vorbehalte gegen die Gleichbehandlung von Homosexuellen in der Kirche zum Ausdruck gebracht hatte. Nun halte ich grundsätzlich nicht viel von dieser wohlfeilen Art der Online-Mobilisierung, wo man schnell für dies oder das unterschreibt. Hier wird aber nicht mehr als eine Befindlichkeit artikuliert. Also – was soll’s! Ich wünsche meinem neuen Landesbischof Gottes Segen ohne Wenn und Aber. Und wenn es an seiner Amtsführung etwas zu kritisieren geben sollte, dann kann ich das zu gegebener Zeit auf verschiedenen Wegen immer noch artikulieren.

Eigentlich geht es mir in diesem Beitrag um etwas ganz anderes, um ein anderes JA-ABER. Und das beginnt mit einer Äußerung des scheidenden sächsischen Bischofs, Jochen Bohl. Evangelisch.de berichtet:

"Flüchtlinge haben ein Recht darauf, als Menschen in Not Hilfe und Unterstützung zu erhalten", sagte der stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Jochen Bohl, der "Rheinischen Post" in Düsseldorf. "Wir werden uns durch Brandstifter in unserem Engagement nicht einschüchtern oder entmutigen lassen", fügte der sächsische Landesbischof angesichts der jüngsten Brandanschläge hinzu. Es könne keine Rede davon sein, dass der Wohlstand des Landes durch Flüchtlinge bedroht wäre.

Das ist ein JA ohne ABER. Ein Bekenntnis zur Hilfe für Menschen in Not, ein Bekenntnis zum Einsatz und zur Unterstützung für die, die als Flüchtlinge zu uns kommen – gegen Kritik und Krawall.
Ich stehe dazu und finde das selbstverständlich.
Am kommenden Sonntag ist das bekannte Gleichnis vom Barmherzigen Samariter Predigttext in den Evangelischen Kirchen, und ich weiß eigentlich gar nicht, was ich angesichts der Ereignisse in Heidenau, Freital, Nauen usw. als Pfarrer anderes tun sollte, als diese Geschichte mehrmals hintereinander laut vorzulesen.
Wo Menschen in existenzielle Not geraten sind, unter die Räuber gefallen sind, da ist es Christen- und Menschenpflicht zu helfen, zu verbinden, Raum und Geld zur Verfügung zu stellen. Und ebenso ist es Christen- und Menschenpflicht, denen entgegenzutreten und zu widersprechen, die diese selbstverständliche Hilfe in Not ablehnen, behindern, bekämpfen und verunglimpfen.

ABER, und auf dieses ABER kommt es mir an: Wir haben kein Recht und keine Pflicht, uns und die anderen zu belügen über die Größe der Probleme, der Aufgaben und der Kosten, die da auf uns zu kommen.
Es könne keine Rede davon sein, dass der Wohlstand des Landes durch Flüchtlinge bedroht wäre. – So ein Satz ärgert mich. Hilfe für Hunderttausende, mittelfristig mehrere Millionen Flüchtlinge kann keiner aus der Portokasse bezahlen. Darum MUSS nachgerade endlich davon die Rede sein, was die Flüchtlingskatastrophe uns kostet.
Und damit meine ich nicht nur die finanziellen Kosten für die öffentlichen Haushalte und das Wohlstandsniveau eines Landes, sondern viel mehr auch die Kosten für die Demokratie und für den öffentlichen Frieden. Es muss davon gesprochen werden, was es bedeutet, wenn von den Millionen, die zu uns kommen, Hunderttausende kein Verständnis für demokratische, rechtsstaatliche und freiheitliche Verhältnisse und Lebensformen mitbringen, oder was es heißt, wenn sie die Konflikte, denen sie in ihren Herkunftsländern entflohen sind, mit zu uns bringen. Die Ereignisse in Suhl sollten da wach und hellhörig machen. Und nicht zuletzt muss auch im Blick sein, dass mit den Flüchtlingen auch islamistische Kämpfer und Terroristen kommen bzw. bewusst eingeschleust werden.
Nach Jahrzehnten ist es nur teilweise gelungen, Immigranten aus bestimmten Herkunftsländern und -regionen in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Wie schwierig wird das erst mit den Millionen werden, die jetzt kommen?
Mit den hilfsbedürftigen Menschen kommen Kosten und Probleme, riesige Kosten und Probleme, von den wir heute nicht wissen, ob wir ihnen gewachsen sein werden. Das ist das große ABER.
Wer dieses ABER nicht sagt, der macht sich mitverantwortlich dafür, dass sich die „besorgten Bürger“ belogen und betrogen vorkommen.

Wenn wir das menschlich geforderte JA zur Hilfe für Menschen in existenzieller Not sagen, dann erfordert das für unsere Gesellschaft eine gewaltige Kraftanstrengung. Dass alles so bleiben könnte, wie es ist, ist eine Illusion, und mit dieser Illusion die Beunruhigten ruhig stellen zu wollen, wird nicht funktionieren. Das würde ich meinem Noch-Bischof und all den Willkommens-Enthusiasten dieser Tage gerne sagen.
Und den „besorgten Bürgern“ würde ich gerne sagen: „Vielleicht habt ihr mit allen euren Befürchtungen recht; und trotzdem habt ihr als Menschen die verdammte Pflicht, eure Mitmenschen in Not menschlich zu behandeln!“

21. August 2015

Eine kleine Anmerkung zur Moral und warum einem nicht jeder leid tun muss.



Eine Geschichte, die es vielleicht nicht in die Top-Schlagzeilen dieser Tage geschafft hat, aber immerhin dennoch in den meisten Zeitungen zu finden war, ist der vor gut einem Monat ausgeführte Hack der Ashley-Madison Webseite. Oder vielmehr weniger der Hack als die Veröffentlichung der Nutzerdaten.

19. August 2015

Begegnung in Kazimierz

Bei einer Polenreise ist der Besuch in Krakau auf jeden Fall ein Höhepunkt. Historisch eines der glänzendsten Kulturzentren Europas und von Kriegen unzerstört. Die Altstadt, die Museen, der riesige Marktplatz, der Dom mit dem Veit-Stoß-Altar, die Königsburg - eine Fülle von touristischen Leckerbissen.

Und Kazimierz, das alte jüdische Viertel. Vor dem Krieg die größte jüdische Gemeinde in Europa mit einer großen kulturellen Tradition.
Dann kamen die Massenmörder. Von 3 Millionen Juden in Polen überlebten nur einige hunderttausend die Nazi-Herrschaft. Die aber ebenfalls nicht bleiben konnten. Beim Thema Antisemitismus waren sich die meisten Polen recht einig mit den deutschen Besatzern. Kurz nach dem Ende der KZ-Morde gab es schon wieder Pogrome, spätestens nach der antisemitischen Kampagne der kommunisten Führung 1968 war das Land "judenrein".

16. August 2015

Serien in Zettels Raum: Umweltschutz reloaded. Die Sache mit dem Dosenpfand.


Können Sie sich noch an das Dosenpfand erinnern, lieber Leser ? Natürlich können Sie das, schliesslich werden Sie Tag für Tag damit konfrontiert (zumindest wenn Sie ihren Wohnsitz noch in Deutschland haben).

13. August 2015

Das Universum stirbt


Eigentlich handelt es sich bei der Meldung, die uns aus den Kreisen der Wissenschaft über das Universum erreicht, um eine Nachricht, die alleroptimalst geeignet scheint, das Sommerloch mit leichtem Wellenschlag zu beleben, eine roßbreitenähnliche mediale Kalmenzone, in der sonst nur das Ungeheuer von Loch Ness, die Kleinen Grünen Männchen (als es sie, Jahrzehnte ist das her, noch gab), Claudia Roth oder ähnliche Phänomene für folgenlose Kurzweil sorgten, deren Irrlichtern ohne Bedeutung für das wirkliche Leben in der sublunaren Sphäre am Grunde des Luftozeans ist. Somit handelt es sich auch um das natürliche Biotop der Astronomie, jedenfalls den Teil der Sternenguckerei, von dem die Großen Medien glauben, daß es für das breite Publikum von interesse sein könnte. Vom amerikanischen Regisseur Cecil B. DeMille, dem Vater des Breitwandspektakels, stammt der Ratschlag, daß ein guter Film mit einem Erdbeben anzufangen und sich dann langsam zu steigern habe: "Start with an earthquake and work to a climax." Großformatiger als mit dem gesamten Universum kann man wirklich nicht beginnen, und sein Untergang stellt die denkbar dramatischste Wendung dar.

Und so lauteten denn auch die Aufmacher in diversen Medienportalen wie folgt:
"The Universe Is Dying" (IFL Science, 10. August 2015)

9. August 2015

Zitat des Tages: Der Realitätssinn der Grünen

"Für uns Grüne ist das leider ein harter Realitätstest. Es hat uns schon öfter erwischt, dass wir mit großem Enthusiasmus hehre Ziele verfolgt haben und dann hat die Wirklichkeit sich nicht danach gerichtet."

Boris Palmer, grüner OB in Tübingen, zum Thema Abschiebungen.

Kommentar:

Jedem, der sich auch nur ein bisschen in der Philosophie auskennt, springt beim Lesen dieses Satzes sofort eine eindeutige Assoziation ins Auge. Diese Denkfigur Palmers hat nämlich einen sehr berühmten Vorläufer, witzigerweise sogar einen Landsmann Palmers, der zwar ziemlich genau 200 Jahre früher, aber keine 20 Kilometer entfernt von ihm das Licht der Welt erblickt hat - Hegel.

7. August 2015

Kein ganz schlechter Eckpunkt

Die SPD hat eine Idee, wie man das Asylverfahren entlasten könnte. Wie die "Rheinische Post" mitteilt, sollen Einwanderer aus dem "Westbalkan" Arbeitsvisa erhalten, wenn sie einen Arbeitsvertrag haben, "der ein Einkommen oberhalb des Mindestlohns (1460 Euro brutto im Monat) sichert und nach Tarif oder branchenüblich bezahlt werden". So steht es in einem "Eckpunkte-Papier", das die Ministerpräsidenten und der Bundesvorsitzende am 3.8. beschlossen haben. (Rheinische Post, 6.8.2015)

6. August 2015

Das nackte Gute

Wenn mich gestern jemand gefragt hätte, was ich an diesem Tag vor fünf Jahren erlebt habe, hätte ich passen müssen. Da aber die Wikipedia-Startseite eine Rubrik "Jubiläen" hat, habe ich mich zumindest daran erinnert, was ich exakt 69 Tage später erlebt habe, und es war eine schöne Erinnerung.

Ich habe morgens vor dem Fernseher gesessen und mit Tränen der Rührung und Freude die Ausfahrt der 33 chilenischen Bergleute aus dem Schacht in San José verfolgt, die zuvor drei Monate dort gefangen waren. Komplett, auch nach der zehnten Ausfahrt habe ich mir zu keinem Zeitpunkt gedacht, "jetzt habe ich es gesehen, jetzt kann ich wegschalten".

Warum hat mich das so fasziniert? Ich erkläre es mir damit, dass diese Bilder in ihrer unmittelbaren Wucht etwas transportieren, das ich mangels eines besseren Begriffes "das nackte Gute" nennen möchte. Religiöse Menschen könnten es auch als Gotteserfahrung bezeichnen.

5. August 2015

Vom Bundesanwalt und der Unerträglichkeit.

 „Es entbindet Journalisten nicht von der Einhaltung der Gesetze“.
 
                                               --- Harald Range, 2015

Einen schönen Satz hat Herr Range da getan. Der Journalist ist nicht von der Einhaltung der Gesetze entbunden. So trivial wie richtig. Und dennoch ein Satz der ganz hervorragend in das Rechtsverständnis lupenreiner Demokratien unserer Tage passt, wie man sie am Bosporus oder in Vorderasien finden kann. 

4. August 2015

Meckerecke: Die PRD

Das sogenannte System Merkel wird ja vorrangig dadurch charakterisiert, dass die Kanzlerin sich "vom Volk entfernt", "unserem Ansehen Schaden zufügt" (hauptsächlich in einer bestimmten Mittelmeerrepublik) usw., vor allem aber, dass sie bevorzugt gar nichts tut oder erst dann, wenn die Sache schon gelaufen ist. 

Für Angela Merkel mag letzteres in gewisser Hinsicht sogar zutreffen. Und ich habe den Verdacht, dass das der Grund dafür ist, warum sie der Großteil des medial-politischen Berlins nicht leiden kann. Weil sie nicht über jedes Stöckchen springt, das ihr hingehalten wird. Und wenn sie es in der Vergangenheit getan hat, hat sie in der Regel daraus gelernt. Jedenfalls hat man seit dem Atomausstieg keine energiepolitische Äußerung mehr von ihr gehört - da lässt sie lieber den Kollegen Gabriel mit schöner Regelmäßigkeit ins offene Messer rennen, genauer gesagt in den offenen Hirschfänger aus München.

Ähnliches gilt noch für Schäuble, der einfach sein Ding durchzieht, ob es irgendwem passt oder nicht.

Ansonsten gleicht das politische Berlin, das in einer nie da gewesen Symbiose mit dem journalistischen Berlin lebt, einem aufgescheuchten Hühnerhaufen, das vor nichts mehr Angst zu haben scheint als vor dem Shitstorm, den irgendein Redaktionspraktikant lostritt und von seinen genauso unbedeutenden Followern geteilt wird.

30. Juli 2015

Hitzewellenlektüre: Heinrich Nowak, "Die Sonnenseuche"

Obwohl der turnusgemäß zu den Großen Ferien ausgebrochene Sommer sich mittlerweile etwas verkühlt hat - kein Wunder bei der feuchten Witterung und Mittagstemperaturen von 15° C - und "Rekordwerte" von mehr als 40 Grad wie am 5. Juli vorerst Schnee von gestern sind (zu diesem "Temperaturrekord" sh. diesen Beitrag auf dem Blog des Europäischen Zentrums für Klima und Energie [EIKE]) - oder vielleicht gerade als Kontrastprogramm dazu - bietet sich der Blick in einen literarischen Text an, der den Sommer in Höchstpotenz nicht nur als Hintergrund des Geschehens, als lähmende, glühende Kulisse einer stauberstickten Metropole wie beispielsweise das mörderische Kammerdramaspiel von Alfred Hitchocks "Rope" von 1948, Albert Camus' "L'Entranger" oder das phantasmagorische Kalkutta in Dan Simmons erstem Roman "Song of Kali" (1985) hat, sondern dessen einziger Fokus auf der Präsentation der blendenden, erblindenden Hitze liegt. Und der vor genau* 100 Jahren erschien.

19. Juli 2015

Und sie rufen nicht mal morgens an und sagen Danke dafür. Ein Gedankensplitter zu Anspruch und Dankbarkeit.


In einem heute fast vergessenen Film fällt das obige Zitat: Und sie rufen nicht mal morgens an und sagen Danke. Gemeint in diesem Kontext ist die Regierung der vereinigten Staaten, die eine Menge Geld – Steuergeld – für einen fragwürdigen Zweck ausgibt. Eine solche Regierung hat die Bundesrepublik ebenso. Und Narrhallamarsch, es ist eine Menge Geld. 

17. Juli 2015

Die Dicke singt nicht

"It ain't over till the fat lady sings" wird gerne einmal zitiert, wenn eine Sache sich lange hinzieht und jemand die Hoffnung äußert, nun wäre es aber gleich vorbei. Mit der dicken Dame ist wahrscheinlich die stimmgewaltige Walküre gemeint, deren Einsatz bei Wagner den Weltuntergang ankündigt. Mit dem Weltuntergang ist die Oper dann auch zuverlässig aus. Und egal wie gut der Zuschauer die Oper anfangs vielleicht fand - irgendwann hat er doch genug und wartet ungeduldig auf die dicke Dame.

Das gilt um so mehr bei Vorführungen, die man schon von Anfang an nicht wirklich gut fand. Z. B. die Griechenlandkrise.
Immer noch ein Krisengipfel, immer noch eine letzte Frist, eine allerletzte Nachverhandlung, immer wieder Bedingungen, immer wieder Zahlungen - und dann wieder ein Krisengipfel mit Sitzungsende spät in der Nacht.
Begleitend dann eine Kakophonie von Meinungsäußerungen, von Politikern, "Experten" und Kommentatoren. Man kann gar nicht so unwichtig sein, daß man mit einer schrägen Position nicht eine Tickermeldung spendiert bekommen würde.

Nein, keine schöne Show. Und der Wunsch wächst, daß endlich der Auftritt der Dicken kommen würde. Egal ob dann der Weltuntergang kommt, oder der Grexit, oder der Banken-Crash, oder der Zusammenbruch der Demokratie, oder die völlige Entwertung des Geldes, oder, oder, oder ...
An Katastrophenszenarien wäre kein Mangel. Wenn nur endlich die Schlußarie käme.

Aber die Dicke singt nicht.

16. Juli 2015

Gedanken zum Kulturpessimismus. Ein Gastbeitrag von nachdenken_schmerzt_nicht


Wenn man sich fragt, was Kulturpessimismus ist, und ob er angebracht sei, sollte man ihn auf keinen Fall mit einem allgemeinen „Zukunftspessimismus“ verwechseln. Diese Forderung nach einer Unterscheidung mag zunächst verwunderlich erscheinen, weil doch beide Formen der negativen Erwartungshaltung auf das Gleiche hinauslaufen: Eine düstere Zukunft.

Der Unterschied liegt allerdings in der jeweiligen Begründung, warum man eine düstere Zukunft zu erwarten hat, und in welchem Rahmen sich diese auswirkt.

Der Zukunftspessimist erwartet allgemein nur das Schlechteste vom Menschen: Der Mensch ist ein hoffnungsloser Egoist, zerstört seine Umwelt, beutet seine Mitmenschen aus, ist nur auf seinen Vorteil bedacht und nimmt das Leid anderer bei vollem Bewusstsein für einen eigenen Vorteil billigend in Kauf. Der Untergang des Menschen ist daher nur eine Frage der Zeit. Es ist das zeitgeistige, grüne Bild des „Virus Mensch“, welches unseren Planeten befallen hat, bis es schlussendlich seinen Wirt und damit auch sich selbst zerstört. Der Zukunftspessimist denkt global.

Der Kulturpessimist erwartet im Gegensatz dazu, dass sich lediglich die Bedingungen seines direkten gesellschaftlichen Umfelds nachteilig verändern, da die Generationen, die dieses prägen, sich nachteilig entwickeln.

13. Juli 2015

Miszelle: Ein Götterliebling

Es ist natürlich tragisch, keine Frage, wenn ein Mensch in einem Alter, in dem es niemand erwartet, noch bevor er "seine besten Jahre" erreicht hat, "plötzlich und unerwartet" stirbt, so wie man es heute in dieser Meldung auf "Spiegel Online" nachlesen kann:

Noch vor wenigen Tagen saß Philipp Mißfelder im CNN-Studio in London. Der Außenpolitiker der Unionsfraktion gab der Starreporterin des US-Senders, Christiane Amanpour, ein Interview. Es ging um die Lage in Griechenland, um die Politik der Kanzlerin. Mißfelder sprach Englisch, er wirkte ruhig und gelassen. Er machte seine Sache gut.


In der Nacht von Sonntag auf Montag ist der 35-Jährige völlig überraschend gestorben. Eine Lungenembolie ist eine tückische Krankheit, die jeden treffen kann, in jedem Alter. Wer Glück hat, kann noch durch eine Infusion gerettet werden. Mißfelder hatte es nicht, obwohl er noch ins Krankenhaus gebracht wurde.

12. Juli 2015

Eine Bemerkung zu einer googlefreien Filterblase


­Vor ein paar Tagen ist ein Interview mit Frauke Petry in der Zeit erschienen. Von einer Menge inhaltlicher Fragezeichen abgesehen, fand dieser Autor eine Antwort als besonders hervorstechend, so hervorstechend, dass sich eine kurze Reflektion darüber anbietet. So antwortete sie auf eine Frage nach Mehrheitsfähigkeiten:
Wir haben mehr Stimmenpotenzial. Unser Ziel muss die eigene Mehrheit sein. 

(Zitat muss aus rechtlichen Gründen eingekürzt sein, um den ganzen Absatz nachzulesen, bitte hier klicken)

9. Juli 2015

„Wer bist du denn?“ Nora Gomringer

So fragt die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises den Lektor und sich in ihrem Beitrag „Recherche“. Darin geht es um die Schuldfrage am Sturz eines dreizehnjährigen schwulen Jungen aus dem Fenster. Für die Polizei ein Unfall, für die recherchierende Dichterin ein Verbrechen. Sie will nicht nur das fünfstöckige Mehrfamilienhaus entlarven, sondern unsere ganze Gesellschaft.

3. Juli 2015

Sieben griechische Wahrheiten

Die Krise eskaliert wieder einmal, die üblichen Verdächtigen in Politik und Medien geben ihren Senf dazu und alle haben schon immer gewußt, wie man es hätte besser machen können.
Und es werden - wie seit Jahren - diverse Falschaussagen wiederholt.

Deswegen einige Klarstellungen:

1.) Die Milliardenkredite sind den Griechen zugute gekommen, nicht den Banken.

2.) Die griechische Regierung will etwas von der EU, nicht umgekehrt.

3.) Die Sparmaßnahmen seit 2010 haben nicht zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung geführt.

4.) Die Sparmaßnahmen seit 2010 sind nicht schuld an sozialen Problemen in Griechenland.

5.) Die EU respektiert die demokratischen Entscheidungen in Griechenland.

6.) Die Syriza-Regierung ist verantwortlich für die griechische Überschuldung.

7.) Eine Rückkehr zur Drachme würde Griechenland nichts bringen.

Im Detail:

21. Juni 2015

Marginalie: Die junge Union macht sich Gedanken ums Kinderkriegen


Eigentlich müsste diese Marginalie unter die Kategorie "Dummes, kurz kommentiert" fallen, aber da der Vorsitzende der jungen Union nur die Idee seiner ganzen Organisation weitergibt, passt das nur am Rande. Die Kategorie dumm würde es allerdings durchaus treffen.
Was also fordert die junge Union ? Sie fordert eine Kopfprämie von 1000 Euro für jedes neu geborene Kind. Und zahlen sollen das diejenigen, die halt keine Kinder haben. Tolle Idee. Vor allem da der Mechanismus in Deutschland ja bekanntlich seit Jahren so gut funktioniert, dass knapp 2000 Euro Kindergeld per annum ja dazu geführt haben, dass das Land -wow- schon knapp 1,4 Kinder pro Frau an Nachwuchs generiert.

19. Juni 2015

Bevor Europa zerbricht


Zum typischen Sprachgebrauch eines Europapolitikers dieser Tage gehört es unbedingt zu betonen, dass Griechenland in der Euro Zone bleiben muss, damit Europa nicht zerbricht. Es ist die gängige wie unterschwellige These, dass ein Ausscheiden von Griechenland aus der Eurozone gleichzeitig die Gefahr birgt, dass die europäische Einigung, ja die europäische Freundschraft generell, mit dem Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion bedroht ist, oder anders gesagt, dass die Freundschaft inzwischen vor allem durch eine gemeinsame Währung geprägt sein soll. 

17. Juni 2015

Deutscher Übersetzer tot: Jameson!

Der letzte noch lebende Mensch, der Harry Rowohlt nicht leiden konnte, hat sich in Person von Fritz J. Raddatz vor ein paar Monaten umgebracht. Damit ist sichergestellt, dass genügend nichtssagende Lobeshymnen (bevorzugt mit missglückten "Bären"-Wortspielen) über ihn im Umlauf sind.

So bleibt mir nur, ihm die Überschrift zu verehren, die er sich selbst (im großartigen Dialog mit Ralf Sotschek namens In-Schlucken-zwei-Spechte) für den Fall seines eventuellen Ablebens zugeschrieben hat.

Sláinte, Haeraidh!
 

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Meister Petz

© Meister Petz. Titelvignette: Harry Rowohlt auf der Frankfurter Buchmesse 2003. Foto von Hans Weingartz, vom User Frau Olga unter CC-BY-SA-2.0-DE lizenziert. Für Kommentare bitte hier klicken.

13. Juni 2015

Martin Buber starb am 13. Juni vor 50 Jahren

Er blieb, so scheint es mir, immer ein Sucher und hatte den chassidischen Glauben seines Großvaters im galizischen Lemberg durch das Studium der Aufklärung verloren. Ältere erinnern sich vielleicht noch an Radiovorträge, in denen das Wort vom heutigen Schweigen Gottes vorkam. Damals liefen auch alle in Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen“. Und fand der jüdische Sucher etwas?

Buber (1878-1965) berichtet über seine Suche nach der Wahrheit: „In jüngeren Jahren war mir das ‚Religiöse‘ die Ausnahme. (…) Das ‚Religiöse‘ hob einen heraus. Drüben war nun die gewohnte Existenz mit ihren Geschäften, hier aber waltete Entrückung, Erleuchtung, Verzückung, zeitlos, folgelos.“ Das Ereignis eines schicksalshaften Besuchs eines jungen verzweifelten Menschen habe ihn bekehrt. Er habe dessen Fragen zwar beantwortet, aber es unterlassen, „die Fragen zu erraten, die er nicht stellte“ und von denen er später durch einen Freund erfuhr. „Seither habe ich jenes ‚Religiöse‘, das nichts als Ausnahme ist, Herausnahme, Ekstasis, aufgegeben oder es hat mich aufgegeben. Ich besitze nichts mehr als den Alltag. (…) Ich kenne keine Fülle mehr als die Fülle jeder sterblichen Stunde an Anspruch und Verantwortung. (…) Wenn das Religion ist, so ist sie einfach alles, das schlichte gelebte Alles in seiner Möglichkeit der Zwiesprache.“ ( Zwiesprache, Traktat vom dialogischen Leben, Heidelberg 1978, 31-33)