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4. Mai 2009

Zitat des Tages: "Die Linke hat auf der ganzen Linie gesiegt". Nebst Anmerkungen zu linker Arroganz und zum neuen Kleinbürgertum

Die Linke hat gesiegt, auf der ganzen Linie. Sie ist zum juste milieu geworden. Wenn man nach einer Definition sucht, was links sein bedeutet, lässt sich auf ein beeindruckendes Theoriegebäude zurückgreifen. Links ist eine Weltanschauung, auch eine Welterklärung, wie alles zusammenhängt - aber zunächst ist es vor allem ein Gefühl. Wer links ist, lebt in dem schönen Bewußtsein, im Recht zu sein, ja einfach immer recht zu haben. Linke müssen sich in Deutschland für ihre Ansichten nicht wirklich rechtfertigen.

Jan Fleischhauer, Redakteur des gedruckten "Spiegel", im Vorwort zu seinem am 11. Mai erscheinenden Buch "Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde"; der aktuelle "Spiegel" bringt (19/2009, S. 152) einen Auszug.

Kommentar: Als ich während des US-Wahlkampfs im vergangenen Jahr in einem Artikel zu der Art, wie man sich auf der Linken herablassend zu Sarah Palin äußerte, auf das Phänomen linker Arroganz aufmerksam machte, hat das bei linken Bloggerkollegen zu heftigen Reaktionen geführt.

Denn seltsam - Linke halten sich zwar für die einzigen Guten, für die Einzigen mit politischem Durchblick. Aber wenn man sie darauf aufmerksam macht, daß das doch recht arrogant ist; daß doch möglicherweise auch Konservative und Neoliberale nicht ganz böse und auch nicht ganz dumm sein könnten - dann stößt man auf Unverständnis.

Nirgends zeigt sich die linke Arroganz deutlicher als in der ehrlichen Empörtheit über den Vorwurf, man sei arrogant, nur weil man auf Andersdenkende herabblickt. Man blickt doch nur deshalb auf sie herab, weil man nun einmal gut ist und Durchblick hat; während die anderen eben dumm und/oder bösartig sind. Das ist doch, nicht wahr, nicht arrogant; sondern es liegt daran, wie die Dinge nun einmal sind.

Denken die meisten Linken; die Allermeisten, nach meiner Erfahrung.



Das Phänomen, das Jan Fleischhauer - er beschreibt das in dem zitierten Text - im Elternhaus kennenlernte, habe ich im universitären Berufsleben erfahren: Es gibt zu nahezu allem auf dieser weiten Welt eine vorgestanzte linke Meinung, die man zu teilen hat, wenn man als ein netter, normaler, vernünftiger Mensch gelten will.

Vom Weltklima über die Globalisierung bis hin zur Meinung über Josef Ackermann (gierig), Andrea Ypsilanti (wollte das Richtige, wurde aber hintergangen) und Papst Benedikt (ist halt doch reaktionär) gibt es kein Thema, zu dem nicht eine sozusagen offiziöse stillschweigende Sprachregelung existiert.

Auf Parties oder am Tresen, seltener auch bei Gesprächen am Arbeitsplatz, versichert man sich gegenseitig die Richtigkeit dieser Meinungen. Das schafft eine Atmosphäre wohligen Einverständnisses. Sich abweichend zu äußern, wäre peinlich - so, als würde jemand, sagen wir, im Karnevalskostüm an einem Trauergottesdienst teilnehmen; oder im Tschador ein Nudistencamp aufsuchen.



Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Ja, genau. Es ist das, was man früher Spießertum nannte, noch früher Philistertum - diese kleinbürgerliche Neigung, Konflikten aus dem Weg zu gehen, sich unanstößig und angepaßt zu verhalten, sich der jeweils herrschenden Meinung unterzuordnen. Konformismus, wenn man es hochtrabend benennen möchte.

Der klassische Kleinbürger - der in Filzpantoffeln, in der Strickjacke, mit diffus rechten Ansichten, also Ekel Alfred - ist schon lange Vergangenheit. Der heutige Kleinbürger ist so, wie Fleischhauer (man kann übrigens auch einen Blog von ihm lesen) die Linken beschreibt:
Man schwärmt für Obama, fürchtet sich vor dem Klimawandel und dem Überwachungsstaat, achtet auf biologisch einwandfreie Ernährung und liest die Meinungsspalte der "Süddeutschen", das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und, mit einer gewissen zur Schau gestellten Verachtung, den Politikteil des SPIEGEL. Die Kinder gehen auf ausgesuchte Schulen, auch wenn man grundsätzlich für die Gemeinschaftsschule ist, das Wochenende verbringt man gerne bei Freunden auf dem Land, die dort seit Jahren eine Naturstein- Kate renovieren, natürlich denkmalschutzgerecht, und beim Italiener erfolgt die Bestellung grundsätzlich in der Landessprache des Wirts, egal wie gut oder schlecht man Italienisch spricht.
Hübsch gezeichnet hat ihn da Jan Fleischhauer, den heutigen Kleinbürger. Und statt Filzpantoffeln und Strickjacke trägt er Jeans und den Kaschmirpullover, locker um die Schultern gelegt.



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1. September 2007

Zettels Meckerecke: Rauchverbot. Oder: Wie man aus freien Bürgern Untertanen macht

Als ich gestern in einer Diskussion meine Meinung zu den in Kraft getretenen Rauch- Verboten sagte, meinte eine Gesprächspartnerin: Dazu solltest du einen Blog- Beitrag schreiben.

Nun, das habe ich in den letzten Monaten ausgiebig getan. Nämlich unter den Aspekten der seltsamen politischen Fronten, die sich zu dieser Frage gebildet haben; der in Europa grassierenden Regulationswut; der Angst vor "Kleinstaaterei", deretwegen nach bundeseinheitlichen Regelungen gerufen wurde; der fragwürdigen Begründungen für Rauchverbote; speziell des Arguments des Passivrauchens; schließlich der Frage, wieweit der Staat die Freiheit seiner Bürger einschränken darf.

Ganz schön viel für jemanden, der selbst nicht raucht, in dessen Familie niemand raucht, der dafür ist, daß immer weniger Menschen rauchen, nicht wahr?

Dennoch möchte ich dem noch einen weiteren Aspekt hinzufügen; einen, der sich erst jetzt ergeben hat; der sich erst jetzt zeigen konnte:

Den ganzen Tag über wurde über die gestern in Kraft getretenen Einschränkungen unserer Freiheit ausgiebig berichtet. In keinem der Berichte habe ich Argumente gegen diese Einschränkungen zitiert gefunden. Ich habe auch keinen einzigen Kommentar gehört oder gelesen, der sich gegen diese Rauchverbote ausgesprochen hätte.

Wenn man etwas gegen diese Maßnahmen lesen möchte, dann muß man schon obskure WebSites aufsuchen wie zum Beispiel die des Netzwerks Rauchen.



Ich finde dieses Schweigen, diese Unsichtbarkeit von Kritikern bedenklich, höchst bedenklich. Das zeigt ein Maß an Konformismus, wie es dies in einem demokratischen Rechtsstaat nicht geben sollte.

Vor allem die Betroffenen, die durch diese Regelungen massiv in ihrer Freiheit Eingeschränkten scheinen das - glaubt man den Medien - geradezu servil hinzunehmen; nicht wie freie Bürger, sondern wie Untertanen. Aus einem Bericht des "Handelsblatts":
"Kein Problem", sagt ein Pensionär auf der Fahrt von Köln nach Würzburg. "Die vier Stunden, die ich unterwegs bin, muss ich eben in Sackbahnhöfen wie Frankfurt unterbrechen." (...)

Am Stuttgarter Hauptbahnhof zieht Michael Tatge vor der Abfahrt ein letztes Mal kräftig an seiner Zigarette. "Während der Fahrt muss man sich halt beherrschen." Eine andere Möglichkeit sieht er nicht: "Ich habe keine Alternative."

Auch Jörg Lohmann will weiter die Bahn nutzen. Sein Mittel: Sich vor einer Reise einen kleinen Nikotinvorrat "anrauchen".

Und Jonas Müller-Wielsch hat auf seiner zweistündigen Fahrt aus Freiburg den neunminütigen Zwischenstopp in Karlsruhe intensiv genutzt. "Die Umsteigezeit reicht für eine schnelle Kippe", sagt der 23-Jährige.
Wie die Schulbuben müssen sie sich aus der Affäre ziehen, diese Untertanen. Und wenn man sich auf das verläßt, was in den Medien steht, dann ist keiner empört, dann packt keinen der Zorn ob der Unverschämtheit des Staats, derart massiv in seine Freiheit einzugreifen. Massiv und in dieser Massivität völlig unnötig.



Denn kein Nichtraucher wäre ja in seiner Gesundheit gefährdet, wenn jeder Zug einen Raucher- Wagen führen würde, von dem kein Rauch in die übrigen Wagen zieht. Es könnte zum Beispiel ein Salon- Wagen sein, in den man nur zum Rauchen geht; für den Zutritt könnte ein Raucher- Zuschlag erhoben werden, der die Kosten für diesen Service deckt.

Ebenso würde keinem Nichtraucher ein Arg geschehen, wenn es in Behörden, in Universitäten oder, sagen wir, im Reichstag gemütlich ausgestattete Rauchsalons gäbe, in die sich die Raucher zurückziehen können, wenn ihnen nach einer Zigarette, einer Pfeife, einem Zigarillo ist.

Nur - den Rauchern das Rauchen bequem und angenehm zu machen, das würde natürlich unseren Welt- und Gesundheits- Verbesserern gegen ihre Moral gehen. Denen es ja keineswegs nur um den Schutz von Nichtrauchern geht, sondern auch um die Erziehung von Rauchern zu Nichtrauchern. Also um pädagogische Bemühungen an erwachsenen Menschen, wie man sie aus der DDR kennt.

Wie die Leipziger Volkszeitung schreibt: "Das ab Samstag (1. September) geltende neue bundesweite Rauchverbot in öffentlichen Bundeseinrichtungen, Zügen und Bahnhöfen ist laut Experten auch eine Chance für Raucher zum Aufhören."

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