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13. Juni 2009

Die Reichen werden immer reicher. Wirklich? Eine Analyse aus den USA

Daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, daß also die "Schere" sich immer weiter öffnet, dürfte für die meisten Deutschen zum Allgemeinwissen gehören. Man liest es doch ständig, man erfährt es aus dem TV. Also muß es doch wohl stimmen.

Ob es stimmt, habe ich im Oktober letzten Jahres am Beispiel der damals akuellen Meldung analysiert, die "Schere zwischen Arm und Reich" hätte sich "in Deutschland seit der Jahrtausendwende im internationalen Vergleich deutlich stärker geöffnet".

Das Ergebnis war ernüchternd. Jetzt ist über eine Analyse zum selben Thema aus den USA zu berichten.

Darauf aufmerksam geworden bin ich durch einen Artikel von Andrew Foy und Brenton Stransky im American Thinker vom vergangenen Dienstag. Sein Anlaß ist der Haushaltsentwurf von Präsident Obama, der freilich nicht den Titel "Haushaltsentwurf" trägt, sondern "A New Era of Responsibility. Renewing America's Promise" (Eine neue Ära der Verantwortlichkeit. Das amerikanische Versprechen erneuern). Darunter tut er's nicht, dieser Präsident der großen Worte; auch wenn es nur um schnöde Budget- Zahlen geht.

Zu den Zahlen, die in diesem Haushaltswerk stehen, gehören auch solche über die Einkommensverteilung und deren Entwicklung. Dazu gibt es im Haushaltsentwurf des Präsidenten diese schöne Grafik:


Zu sehen ist die Entwicklung des Anteils, den das eine Prozent der Einkommensbezieher mit dem höchsten Einkommen an der Summe aller Einkommen in den USA hat. Die Grafik geht ursprünglich auf Thomas Piketty and Emmanuel Saez zurück, die sie 2001 publizierten; danach wurde sie fortgeschrieben.

Man beachte den grünen Pfeil. Er soll es offenbar auch begriffsstutzigen Betrachtern ermöglichen, zu sehen, wohin die Reise geht: nach oben nämlich. Noch 1980 gingen nur 10 Prozent der Summe aller Einkommen an das oberste eine Prozent; jetzt nähert man sich schon den 25 Prozent.

Lassen sich solche eindrucksvolle Zahlen widerlegen? Nein, widerlegen lassen sie sich nicht. Aber näher betrachten kann man sie, um herauszufinden, was sie denn bedeuten.

Das hat ein Autor getan, den Foy und Stransky ausführlich zitieren: Alan Reynolds in einer Publikation des Cato- Instituts, eines konservativen Think Tank ("Has U.S. income inequality really increased?"; Policy Analysis No. 586; 8. Januar 2007). Auf sie stütze ich mich im folgenden.



Wie gelangt man eigentlich zu Zahlen wie denjenigen, die einer solchen Grafik zugrundeliegen? In den USA werden dazu meist die Daten der Finanzämter herangezogen. Das Einkommen, das in die Statistik eingeht, ist also dasjenige, das in den Einkommensteuer- Erklärungen angegeben wird.

Auf den ersten Blick erscheint das fair. Reynolds weist aber darauf hin, daß dieser Meßwert von einer Reihe von potentiell verzerrenden Faktoren abhängt. Stellt man sie in Rechnung, dann wir aus der steil ansteigenden Kurve, die in der Grafik zu sehen ist, eine nahezu flache Kurve.

Reynolds nennt sieben Faktoren, darunter diese:
  • Gewerbetreibende können den Ertrag ihres Unternehmens als Einkommen oder als Gewinn des Unternehmens versteuern. Wird die Einkommensteuer herabgesetzt, dann gibt es eine Verschiebung zugunsten des Einkommens. In dem Zeitraum, den die Grafik umfaßt, wurde in den USA die Einkommensteuer mehrfach massiv gesenkt.

    Noch in den siebziger Jahren lag in den USA der Spitzen- Steuersatz (für Einkommen oberhalb 100.000 Dollar) bei 70 Prozent. Auf Unternehmens- Gewinne waren aber nur maximal 46 Prozent Steuern zu zahlen. Ab Anfang der achtziger Jahre wurde der Spitzensteuersatz für Einkommen mehrfach reduziert; und damit wuchs der Anreiz, den Ertrag eines Unternehmens als Einkommen statt als Gewinn zu versteuern.

    Berücksichtig man diesen Faktor, dann reduziert sich der in der Grafik dargestellte Anstieg bereits auf die Hälfte.

  • Der Anteil des obersten einen Prozents an der Summe aller Einkommen hängt logischerweise auch davon ab, wie groß denn diese Summe ist. Wird sie verkleinert, dann wächst der Anteil, selbst wenn die Einkommen des obersten Prozents in absoluten Beträgen konstant bleiben.

    Diese Summe - sozusagen der Nenner in dem Bruch, der den Anteil ausdrückt - hat sich aber in dem Zeitraum seit 1980 erheblich verändert. Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen konnten einen immer größeren Teil ihrer Einkünfte von der Steuer absetzen, wenn sie diesen zum Beispiel in die Altersversorgung investierten. Ihr zu versteuerndes Einkommen sank also relativ zu demjenigen der Besserverdienenden. Anders herum gesagt: Der Anteil der Besserverdienenden an der Summe aller Einkommen stieg scheinbar an.

  • Ein dritter Faktor ist der Anstieg der Transferleistungen. Im Jahr 1970 machten Löhne und Gehälter 65,8 Prozent der Summe aller Einkommen aus und Transferleistungen nur 8,5 Prozent. Im Jahr 2005 war der Anteil der Löhne und Gehälter auf 55,3 Prozent gesunken und derjenige der Transferleistungen auf 14,5 Prozent angestiegen. Da Transferleistungen - also Sozialhilfe usw. - nicht versteuert werden, gehen sie nicht in die Summe der Einkommen ein. Wiederum ist der Effekt derjenige, daß der Anteil der Besserverdienenden an der Summe aller Einkommen künstlich aufgebläht wird.
  • Dieser und der erstgenannten Faktor - die Verschieben von Unternehmens- Gewinnen hin zu privaten Einkommen - lassen sich quantifizieren. Berücksichtigt man sie beide, dann ist die Kurve schon nahezu flach. Der Anteil des obersten einen Prozents an der Summe aller Einkommen betrug dann 1988 rund 8,9 Prozent und im Jahr 2003 rund 8,8 Prozent.

    Reynolds diskutiert noch weitere Faktoren, die sich aber schlecht quantifizieren lassen, wie zum Beispiel die größere Steuerehrlichkeit, die als Folge von Steuersenkungen eintritt. Sein Fazit ist eindeutig:
    In sum, studies of changes in income distribution based on tax return data provide distorted and misleading comparisons of U.S. income shares because of dramatic changes in tax laws in recent decades.

    Aside from changes in taxpayer reporting due to changes in the tax laws, there is no clear evidence of a significant and sustained increase in the inequality of U.S. incomes, wages, consumption, or wealth since the late 1980s.

    Zusammengefaßt: Untersuchungen zu Änderungen in der Einkommensvereilung, die sich auf Steuerdaten stützen, liefern verzerrte und irreführende Vergleiche der Anteile am Einkommen in den USA, weil es in den vergangenen Jahren drastische Änderungen in den Steuergesetzen gab.

    Außer den Änderungen in den Angaben zum Einkommen, die aus diesen Änderungen in den Steuergesetzen resultieren, gibt es keine eindeutigen Belege für einen signifikanten und anhaltenden Anstieg in der Ungleichheit der Einkommen, der Löhne, des Konsums oder des Wohlstands in den USA seit den achtziger Jahren.
    Um das einzusehen, muß man sich freilich mit den Details befassen. Wie viel einfacher ist es dagegen, einfach die Rohdaten zu nehmen und sie mit einem eindrucksvollen Pfeil zu versehen.

    Es gibt wenige Bereiche, in denen mit Daten soviel Mißbrauch getrieben wird, wie auf diesem Gebiet der tatsächlichen oder angeblichen sozialen Ungerechtigkeit. Ich habe das einmal in einer Serie zur Armut untersucht, aus der für das jetzige Thema vor allem der fünfte Teil einschlägig ist.

    Und hinweisen möchte ich noch auf den Artikel in der FAZ, in dem Peter Sloterdijk heute dieses Thema von einer historischen Warte aus beleuchtet.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Thomas Pauli. Titelvignette: Eigenes Foto. Grafik von der US-Regierung zur Reproduktion freigegeben.

    9. Januar 2009

    Marginalie: Wie wirken sich Steuersenkungen auf das Konsumverhalten aus? Nicht so, wie die SPD behauptet. Seit gestern ist das nachgewiesen

    Die SPD ist bekanntlich gegen Steuersenkungen als Mittel zum Ankurbeln der Konjunktur. Sie begründet das u.a. mit einem Argument, das seit Wochen geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird. Hier ist eine Passage aus einer ddp-Meldung vom 29. Dezember 2008, die darüber berichtet, wie Matthias Platzeck dieses Argument verwendete:
    Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hat Forderungen der CSU nach schnellen Steuersenkungen zur Konjunktur- Belebung zurückgewiesen. Der Teil der Bevölkerung, der zusätzliches Geld ausgeben würde, zahle keine Steuern, würde also leer ausgehen, sagte Platzeck unter Hinweis auf ALG-II- Empfänger, Geringverdiener und den Großteil der Rentner in einem am Montag vorab veröffentlichten Interview der Zeitschrift "Super Illu". Zudem sei bei dem Teil der Bevölkerung, der tatsächlich entlastet würde, die Neigung groß, das zusätzliche Geld zu sparen.
    Woher wissen Platzeck, Müntefering und Genossen eigentlich, daß das so ist?

    Sie wissen es gar nicht. Denn es ist nicht so. Das Gegenteil ist der Fall.

    Gestern wurde der Deutschlandtrend Januar 2009 publiziert; eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD und der FR. Wenn Sie dort auf Bild 3 klicken, dann finden Sie die Antworten auf die folgende Frage:
    In der Politik wird dieser Tage über Maßnahmen beraten, mit denen die Konjunktur gestützt und die Krise der Wirtschaft abgemildert werden soll. Wenn Sie durch das Konjunkturpaket der Bundesregierung im nächsten Monat mehr Geld hätten, was würden Sie mit dem Geld machen? Würden Sie es vor allem
  • erstmal sparen
  • ausgeben für Anschaffungen
  • ausgeben für Lebensunterhalt
  • fürs Alter zurücklegen
  • Die Antworten werden in der Grafik nach Einkommensklassen aufgeschlüsselt; eine untere (Netto- Haushaltseinkommen unter 1500 Euro), eine mittlere (1500 bis unter 3000 Euro) und eine obere (über 3000 Euro).

    Ergebnis:

    Sparen wollten in der unteren Einkommensgruppe 33 Prozent, in der mittleren 38 Prozent und in der oberen 34 Prozent.

    Das Geld für das Alter zurücklegen wollten in der unteren Einkommensgruppe 19 Prozent, in der mittleren 16 Prozent und in der oberen 9 Prozent.

    Das Geld für Anschaffungen ausgeben wollten in der unteren Einkommensgruppe 15 Prozent, in der mittleren 21 Prozent und in der oberen 36 Prozent.

    Das Geld für den Lebensunterhalt ausgeben wollten in der unteren Einkommensgruppe 27 Prozent, in der mittleren 20 Prozent und in der oberen 16 Prozent.

    Das Geld nicht ausgeben (sparen, fürs Alter zurücklegen) wollten also in der unteren Einkommensgruppe 51 Prozent, in der mittleren 54 Prozent und in der oberen 43 Prozent.

    Das Geld ausgeben (für Anschaffungen oder Lebensunterhalt) wollten in der unteren Einkommensgruppe 42 Prozent, in der mittleren 41 Prozent und in der oberen 52 Prozent.


    (Die Prozentwerte addieren sich nicht zu 100, weil offenbar nicht alle Befragten sich für eine der Alternativen entschieden).



    Klarer kann eine politische Behauptung nicht widerlegt werden. Man darf gespannt sein, ob die SPD dieses "Argument" jetzt zurückzieht oder es weiter verwendet.



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    23. Oktober 2008

    Die soziale Kluft in Deutschland wird immer größer - stimmt's? Über Schlagworte und die Wirklichkeit

    Nicht wahr, das haben Sie doch gerade erst gehört und gelesen: "Wachsende soziale Kluft in Deutschland - Reiche werden reicher, Arme bleiben arm". Oder auch: "Tiefe Kluft zwischen Arm und Reich"?

    Das bezieht sich doch sicher auf die Untersuchung der OECD, die in diesen Tagen Schlagzeilen macht?

    Nein. Beides sind Titel von zurückliegenden Meldungen der Tagesschau. Die erste stammt vom 7. November 2007, die zweite vom 19. Mai 2008. Solche Meldungen wiederholen sich so regelmäßig, wie man uns darüber informiert, daß das Weltklima wärmer wird und daß Paris Hilton einen neuen Lover hat.

    Wenn es immer wieder gemeldet wird, dann muß es doch wohl stimmen, daß Deutschland das "Land der Armen" ist, wie die "Frankfurter Rundschau" am Dienstag titelte?

    Sehen wir uns eine andere Version dieser Meldung an, die am gleichen Tag die "Welt" unter der Überschrift "Soziale Kluft öffnete sich in Deutschland rasant" brachte:
    Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in Deutschland seit der Jahrtausendwende im internationalen Vergleich deutlich stärker geöffnet. Die Einkommensunterschiede und der Anteil armer Menschen an der Bevölkerung nahmen in der Bundesrepublik schneller zu als in den meisten anderen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dies geht aus der OECD-Studie "Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?" hervor.
    Die Hauptergebnisse dieser Untersuchung werden ebenso wie die wichtigsten Ergebnisse zu Deutschland zum Herunterladen angeboten. Auf das, was in diesen beiden PDF- Dateien steht, stütze ich mich im folgenden; sowie auf die hier von der OECD populär zusammengefaßten Ergebnisse.



    Was die allgemeinen Daten angeht, so zeigt sich in der Tat für die meisten Länder in Europa eine Zunahme der Ungleichheit in den Einkommen.

    Diese wird mit dem Gini- Koeffizienten gemessen, der operationalisiert, wie weit die Verteilung der Einkommen von einer Gleichverteilung abweicht. Ein Gini- Koeffizient null bedeutet, daß alle Dasselbe verdienen. Ein Koeffizient eins wäre erreicht, wenn eine einzige Person alles verdiente und alle anderen nichts.

    Ausgedrückt im Gini- Koeffizienten ist die Ungleichheit der Einkommen in den meisten Ländern Europas also gestiegen; allerdings nicht sehr. Der Gini- Koeffizient lag 2005 um sieben bis acht Prozent höher als in der Mitte der achtziger Jahre - er sei "mäßig, aber signifikant" gestiegen, heißt es in dem Bericht. Von - siehe unten - ungefähr 0,29 auf ungefähr 0,31.

    Das lag nur zum Teil daran, daß die Einkommen der Besserverdienenden stärker stiegen als die der unteren Einkommensgruppen. Ein entscheidender Faktor war die Zunahme der Arbeitslosigkeit zwischen der Mitte der achtziger Jahre und 2005. Dies traf vor allem die schlecht Qualifizierten, die dadurch als Gruppe hinter der allgemeinen Entwicklung der Einkommen zurückblieben.

    Weiterhin erhöhte sich die Zahl der Single- Haushalte, deren Einkommen im Schnitt unter dem von Familienhaushalten liegt. (Die Einkommen werden pro Haushalt und nicht pro Person berechnet).

    Und wie sieht es nun in Deutschland aus? Hier sehen Sie die Entwicklung des Gini- Koeffizienten für die gesamte OECD und für Deutschland von der Mitte der achtziger Jahre bis 2005:

    Man sieht: Die Werte für Deutschland liegen durchweg unterhalb des Durchschnitts der OECD. Mit anderen Worten, in Deutschland herrscht eine größere Gleichheit der Einkommen als im OECD- Raum als Bezugswert.

    Zweitens: Bis ungefähr 2000 sind die Koeffizienten sowohl für die gesamte OECD als auch für Deutschland leicht gestiegen, ohne daß sich aber an diesem Abstand etwas geändert hätte. Deutschland lag sogar 2000 etwas weiter unter dem Durchschnitt als Mitte der achtziger Jahre.

    Tatsächlich verringert hat sich aber der Abstand zwischen 2000 und 2005 - also während der Regierungszeit von Rotgrün.

    Das ist kein Wunder, denn in dieser Zeit stieg die Arbeitslosigkeit und stagnierte die Wirtschaft. Als Rotgrün abgewählt wurde, war Deutschland von der Konjunktur- Lokomotive der EU zum Schlußlicht bei vielen ökonomischen Indizes geworden. Wenn der allgemeine Wohlstand sinkt, dann trifft das immer besonders die Geringerverdienenden. Die schlechte Wirtschaftspolitik unter Rotgrün traf, wie auch anders, vor allem die sozial Schwachen.

    Der Bericht der OECD beschreibt diesen Zusammenhang in klaren Worten:
    Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD Land. Der Anstieg zwischen 2000 und 2005 übertraf jenen in den gesamten vorherigen 15 Jahren (1985 – 2000). Die steigende Ungleichheit ist arbeitsmarktinduziert. Einerseits nahm die Spreizung der Löhne und Gehälter seit 1995 drastisch zu – notabene nach einer langen Periode der Stabilität. Andererseits erhöhte sich die Anzahl der Haushalte ohne jedes Erwerbseinkommen auf 19% – den höchsten Wert innerhalb der OECD. Ebenso ist der Anstieg der Ungleichheit auf Änderungen in der Haushaltsstruktur zurückzuführen, wie etwa die Zunahme von Single-Haushalten und Alleinerziehenden.
    Und wie hat sich der Gini- Koeffizient entwickelt, seit Rotgrün abgewählt wurde? Dazu heißt es:
    Die vergleichenden Ergebnisse der OECD Studie beziehen sich auf den Zeitraum 1985 – 2005. Neuere nationale Ergebnisse, die auf derselben Datenquelle beruhen (SOEP), zeigen auf, dass sich der Trend zu einer ungleicheren Einkommensverteilung 2006 fortgesetzt hat, 2007 allerdings zu einem vorläufigen Ende gekommen ist.
    Mit der zu erwartenden Verzögerung wirkt sich also der Aufschwung, der mit dem Ende von Rotgrün (und zuvor schon durch die Agenda 2010) eingeleitet wurde, so aus, wie es zu erwarten gewesen war: Arbeitslose kehrten in eine Beschäftigung zurück, und damit stieg ihr Einkommen.



    Bleibt das Thema Armut. Der Anteil der Armen liegt nach der Berechnung der OECD in Deutschland in der Tat hoch - bei 11 Prozent.

    Wie es mit der Aussagekraft dieses Werts steht, erhellt daraus, daß er, nach derselben Methode berechnet, in Ungarn mit 7,1 Prozent weit niedriger als in Deutschland liegt! (Gapminder Graphs anklicken).

    Wie kann es sein, daß es im armen Ungarn prozentual weniger Arme gibt als im reichen Deutschland? Das liegt an der Definition von Armut. Arm ist in der Defintion der OECD jede Familie, deren Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens (Median aller Einkommen) beträgt. Verdienen viele Menschen relativ wenig, dann liegt dieser Durchschnitt niedrig, und es gibt folglich wenige Arme. Geht es allen ungefähr gleich schlecht, dann gibt es nach der Definition der OECD so gut wie keine Armen.

    Ausführlich diskutiert habe ich den Widersinn dieses Index für Armut im Mai dieses Jahres anläßlich des Armutsberichts der Bundesregierung und zuvor schon einmal innerhalb einer kleinen Serie über Armut; dort vor allem in der vierten und der fünften Folge.



    Das sind die Fakten; die wichtigsten jedenfalls. Und die Schlagzeilen dazu lauten "Deutschland - Land der Armen", ""Soziale Kluft öffnete sich in Deutschland rasant".

    Wie nicht anders zu erwarten, hat "Spiegel- Online" wieder einmal den Vogel abgeschossen. Die Fakten, die ich genannt habe, werden dort so interpretiert:
    Die Kluft zwischen Arm und Reich reißt in Deutschland immer weiter auf. Einer neuen OECD-Studie zufolge haben sich Einkommensunterschiede und Armutsquote drastisch verschlimmert - schneller als in den meisten anderen Industrieländern der Welt.
    Berichterstattung? Agitprop.



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    8. Oktober 2008

    Zitat des Tages: "Die Linke" - im Osten die Partei der Besserverdienenden

    Bei der Untersuchung der individuellen Positionierung in der gesamtgesellschaftlichen Einkommensverteilung wird deutlich, dass in Ostdeutschland der Anteil der Linken unter allen Parteianhängern im vierthöchsten Einkommensquintil – also bei der gehobenen Mittelschicht – mit 31 Prozent am stärksten ausgeprägt ist.

    Martin Kroh und Thomas Siedler im Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW), Nr. 41/2008, S. 627 - 634 (Zitat auf S. 630).

    Kommentar: Der Artikel berichtet über die Ergebnisse einer Untersuchung des DIW mit Erhebung von Daten des Sozioökonomischen Panel (SOEP). Dabei werden als Anhänger einer Partei nicht alle diejenigen untersucht, die beabsichtigen oder erwägen, sie zu wählen, sondern nur diejenigen, die ihr "längere Zeit zuneigen". Also der feste Kern der Sympathisanten.

    Bei den so definierten Anhängern der Partei "Die Linke" fanden die Untersucher viele Ergebnisse, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man die gegenwärtige politische Lage in Deutschland verstehen will; ich empfehle sehr die Lektür des ganzen Berichts.

    Der Befund, den ich mit dem Zitat herausgreife, erscheint mir allerdings besonders nachdenkenswert.

    In der Bevölkerungsstatistik ist es üblich, die Haushalts- Einkommen in fünf Klassen einzuteilen, die als Quintile definiert sind. Im untersten Quintil befinden sich die zwanzig Prozent Haushalte mit dem geringesten Einkommen, im zweiten Quintil die zwanzig Prozent mit dem nächsthöheren Einkommen usf.

    Das unterste Quintil umfaßt in der üblichen Terminologie die Unterschicht; das nächste die untere Mittelschicht, gefolgt von der Mittelschicht. Im vierten Quintil befindet sich die gehobene Mittelschicht und im fünften die Oberschicht.

    Die Partei "Die Linke" also hat in Ostdeutschland in der gehobenen Mittelschicht ihre meisten Anhänger; in der zweithöchsten aller Einkommensgruppen. Im einzelnen sehen die Daten so aus (Tabelle 1, S. 631):
  • Unterschicht: 24,4

  • Untere Mittelschicht: 21,7

  • Mittelschicht: 21,2

  • Gehobene Mittelschicht: 30,7

  • Oberschicht: 19,5
  • Die Prozentzahlen sind Anteile an der Gesamtheit der jeweiligen Einkommensgruppe. 30,7 aller Befragten, die in der zweithöchsten Einkommensgruppe sind, erklärten sich also im Osten als Anhänger der Partei "Die Linke".

    Für den Westen gilt diese Einkommensverteilung bei den Anhängern der Kommunisten nicht. Dort ist allerdings die Zahl derer, die sich als längerfristige Anhänger von "Die Linke" bezeichnen, generell ungleich kleiner (2,0 Prozent insgesamt). Davon befinden sich aber anteilmäßig mehr in den beiden unteren Schichten (2,4 und 3,3 Prozent) als in den drei oberen (1,9; 1,9; 1,1 Prozent).

    Die Kommunisten sind im Osten also nach wie vor die Interessenvertreter derer, die einmal die Nomenklatura hießen.

    Zwar haben sie ihre Anhänger in allen Schichten (von daher begründet sich der Titel des Aufsatzes "Die Anhänger der 'Linken': Rückhalt quer durch alle Einkommensschichten"). Aber es gibt eben doch immer noch eine deutlich größere Anhängerschaft bei den Besserverdienenden, die das auch schon in der DDR gewesen sind; damals richtiger als Bessergestellte oder Privilegierte zu bezeichnen.

    Diese Schicht hat offenbar die Wende bestens überstanden.



    Nach einer in dem Artikel zitierten aktuellen Umfrage von dimap Infratest ist "Die Linke" übrigens inzwischen die nach Wählern stärkste Partei in den Neuen Ländern ("Die Linke": 31 Prozent; CDU: 29 Prozent; SPD: 22 Prozent).

    Dies sind Daten vom September; erhoben, noch bevor die Finanzkrise ihren jetzigen Höhepunkt erreichte. Auf die Daten vom Oktober darf man gespannt sein.



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