26. Januar 2023

James Blish, "Z. K."



„Ich habe den Beweis, daß wir einen Aufschub gewährt bekommen haben,“ erklärte Lord Rogge, an niemanden Bestimmtes gerichtet. „Einen handfesten Beweis.“

Wir hatten in der Bar des Orchideenklubs die Abendnachrichten verfolgt – je nach Temperament entweder entweder angespannt oder resigniert. Jetzt, während die Welt am Abgrund stand, hätte man denken sollen, daß eine solche Ankündigung zumindest auf einiges Interesse treffen würde. Falls Rogge den gleichen Satz vor der Presse geäußert hätte, wäre er in keine halben Stunde apäter über die ganze Welt verbreitet worden.

Was nur wieder zeigt, daß die Welt den alten George nicht genügend kennt. Nach einiger Zeit im Orchideenklub war es uns nicht mehr möglich, ihn für einen der Weltweisen zu halten. Sicher, er ist einer der größten Mathematiker, die die Welt je gesehen hat, aber bei allen anderen Themen kann man darauf wetten, daß er sich restlos blamiert. Die meisten von uns konnten sich schon denken, was für eine Art „Aufschub“ er meinte, und wie sein „Beweis“ aussehen würde – nur eine Menge esoterischer Nonsens.

„Worum geht’s diesmal, George?“ fragte ich. Jemand muß ihn beii solchen Gelegenheiten beiseite nehmen, sonst hört er nicht auf, den Rest von uns zu stören. Diesmal war ich an der Reihe.

„Einen Beweis,“ sagte er, als er neben mir Platz nahm. „Ich habe eine großartige Frau in Soho aufgetrieben – sie kann kaum ein Wort schreiben oder lesen, sie hat keine Ahnung, mit was sie es zu tun hat – aber, Charles, sie hat eine direkte Verbindung zum Überirdischen, so klar und deutlich, wie ich das noch nie gesehen haben. Ich hab‘ den Beweis bei mir.“

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„Und die Götter haben ihr erzählt, daß alles gut wird? George, hörst du eigentlich niemals die Nachrichten? Ist dir nicht klar, daß wir hier gerade die letzten Tage der Welt erleben? Weißt du nicht, daß dein Medium nie mehr ein Kind zur Welt bringen wird, daß die letzte Generation der Menschheit geboren ist und uns der letzte Krieg ins Haus steht?“

„Ärgerlich,“ sagte Rogge, in genau dem Tonfall, den er anschlug, wenn ihm Soda statt Wasser in den Whisky geschüttet worden war. „Du kannst nicht weiter sehen als bis zu deiner Nasenspitze, Charles. Du sitzt hier als winziges Staubkorn in einem endlichen Universum, in einer begrenzten Zeit, und schlotterst aus Furcht, daß es bald keine anderen Staubkörner mehr gibt. Na und? Du warst immer ein Element einer endlichen Menge. Wenn du je darüber nachgedacht hättest, wäre dir klargeworden, daß die Zahl der Elemente dieser Menge immer endlich sein muß. Dir ist ihre höchste Mächtigkeit gleichgültig.“

„… warf Indien vor, die Konferenz vorsätzlich scheitern zu lassen…“ hörte ich aus dem Radio. „Heute hat die neue Regierung in Kaschmir, die vorige Woche in einem Staatstreich die Macht übernommen hat, mit der Regierung in Peiping einen ‚Vertrag zur ewigen Freundschaft und Unterstützung‘ unterzeichnet. Den letzten Berichten zufolge ist noch nicht klar …“

Ich würde es nachher genauer erfahren; das war Teil unserer Abmachung. Ich sagte: „Ich dachte, Mächtigkeit wäre dein Geschäft. Würdest du es nicht gut finden, wenn die Zahl der Elemente der Menge der Menschen eines Tags einen deiner so geschätzten transfiniten Werte erreichen würde? Wenn wir uns in diesem Monat erledigen, stehen die Chancen dafür schlecht.“

„Das können wir sowieso nie, nicht in einem konkreten Sinn,“ sagt Rogge und lehnte sich zurück. „Ganz egal, wie lange die Menschheit lebt, wie sehr sie sich vermehrt – sie wird immer abzählbar bleiben. Jedem Menschen kann eine Ganzzahl zugeordnet werden. Wenn wir ewig leben würden und jeder von uns eine große Menge an Nachkommen hinterläßt, könnten wir zu einer abzählbar unendlichen Menge werden – falls wir eine Ewigkeit dafür zur Verfügung hätten. Wir haben aber keine Ewigkeit. Und außerdem ist die erste transfinite Zahl die Kardinalzahl SÄMTLICHER solcher Mengen. Nein, damit wird es nichts.“

Ich war leicht irritiert, daß er angesichts des drohenden Schreckens immer noch so blasiert daherreden konnte.

“Also ist dieser Aufschub kein Aufschub für uns?“

“Oh, er könnte das schon sein, aber das ist nur die unbedeutendste Folge … Hast du noch eine von diesen Panatelas? … Danke. Nein, ich habe von einem Aufschub für das Universum gesprochen. Es hat jetzt eine neue Gelegenheit bekommen, sich unser würdig zu erweisen.“

“Du sollest wirklich mal die BBC einschalten,“ sagte ich. „Damit du mal einen Eindruck bekommst, wie sich die Menschheit aufführt. Da braucht sich das Universum nicht viel Mühe zu geben.“

„Aber es ist ein ziemlich dürftiges Universum,“ erklärte Rogge hinter seiner Rauchwolke. „Es ist reichlich begrenzt. Es ist mit Sicherheit nicht älter als zehn Milliarden Jahre, und es stirbt bereits. Die Raumzeit-Blase wird womöglich noch bis in alle Ewigkeit expandieren, aber es dauert nicht mehr lange, bis darin nichts mehr stattfindet. Es ist lächerlich endlich.“

„Die Menschheit auch.“

„Zugegeben, Charles, aber die Menschheit es schon alt aussehen lassen. Wir haben Dinge erfunden, die über das Universum, in dem wir leben, absolut hinausgehen.“

„Zahlen, nehme ich mal an.“

“Zahlen,” sagte Rogge ungerührt. „Transfinite Zahlen. Zahlen, die größer als unendlich sind. Und wir leben in einem Universum, in dem ihnen nichts entspricht. Als wenn ein Erwachsener eine Prüfung absolviert, während er noch im Kinderwagen eingesperrt wird.“

Ich warf einen Blick in Richtung des Radios. „Wir hören uns gerade nicht sonderlich erwachsen an.“

„Oh, du bist auch nicht erwachsen, Charles – und das gilt für die meisten Leute. Aber ein paar von uns haben gezeigt, wozu die Menschheit fähig ist. Nimm etwa Cantor: er hat durch Nachdenken einen Weg über das Universum hinaus entdeckt. Er hat einen Zahlenbereich geschaffen, der sich logisch aus den Zahlen ergibt, nach denen das Universum funktioniert – und dann festgestellt, das ihnen im Universum, so wie wir es kennen, nichts entspricht. Was darauf schließen läßt, daß der Schöpfer dieses Universums, wer er auch immer war, weniger von Mathematik verstand als Cantor. Komisch, oder?“

„Dazu kann ich nichts sagen,“ sagte ich. „Aber du bist ein gläubiger Mensch, George. Klingt das nicht leicht blasphemisch?“

„Red‘ keinen Unsinn. Ganz offenkundig war ein Mathematiker daran beteiligt – und es gibt keine schlechten Mathematiker. Wenn ER so gut ist, wie wir aus dem Ergebnis ableiten können, dann kannte ER natürlich die transfiniten Zahlen – der Makel ist mit Absicht eingebaut worden. Und ich glaube, ich habe diese Absicht entdeckt.“

Jetzt kam natürlich die große Offenbarung. Rogge fing an, die Innentaschen seines Sakkos zu durchforsten.. Ich wartete. Schließlich holte er einen schmierigen Fetzen zum Vorschein – ein Stück einer Papiertasche.

„Ich muß jetzt einiges vorweg erklären,“ sagte er und hielt das Papier außer Reichweite, als ich danach greifen wollte. „Mit transfiniten Zahlen rechnet man anders als mit endlichen. Sie lassen sich nicht addieren, subtrahieren oder teilen. Die einzige Art, wie sie geändert werden können, besteht per Involution – sie zur eigenen Potenz zu erheben.“

„Ich schlafe jetzt schon ein,“ sagte ich.

„Ohne Zweifel, aber du wirst mir trotzdem zuhören, weil dir nichts anderes übrigbleibt.“ Er grinste mich durch den Zigarrenrauch hindurch an, und mir wurde leicht unbehaglich. Hatte der gute Mann vielleicht unser System durchschaut, um ihn abzulenken? „Ich werde versuchen, das zu erklären. Stell dir vor, alle Zahlen, die du kennst, würden auf einmal andere Eigenschaften haben. Null zur nullten Potenz erhoben würde nicht mehr Null, sondern eins ergeben. Und eins, mit sich selbst malgenommen, würde zwei ergeben, zwei zum Quadrat erhoben gäbe drei, drei zur dritten Potenz vier, und so weiter. Jede andere Operation würde nichts verändern: zwei mal drei, zum Beispiel, würden immer noch drei ergeben, und zehn mal 63 63. Wenn die normalen Zahlen sich so verhalten würden, wärst du wahrscheinlich zunächst mal ziemlich verwirrt. Aber du würdest dich mit der Zeit daran gewöhnen.

„Nun – das ist die Weise, wie transfinite Zahlen funktionieren. Die erste ist Aleph-Null, die, wie ich schon sagte, die Zahl der abzählbar unendlichen Mengen ist. Wenn du sie mit sich selbst multiplizierst, erhältst du Aleph-Eins. Aleph-Eins hoch Aleph-Eins ergibt Aleph-Zwei. Kannst du mir folgen?“

„So halbwegs. Darf ich zur Abwechslung mal dein Gehirn zerbrechen? Was zählen diese Zahlen genau?“

Rogge schenkte mir ein nachsichtiges Lächeln. „Zahlen natürlich. Du mußt dir schon ein bißchen mehr Mühe geben, Charles.“

“Du hast gesagt, daß Aleph-Null die Gesamtzahl der …der abzählbar unendlichen Mengen ist, richtig? Gut. Von was ist dann Aleph-Eins die Gesamtzahl?“

„Der Menge der reellen Zahlen. Sie wird mitunter auch als ‚c‘ bezeichnet, oder als ‚Mächtigkeit des Kontinuums.‘ Leider scheint unser Kontinuum keine Verwendung dafür zu haben.“

„Und Aleph-Zwei?“

„Ist die Gesamtzahl der Menge der einwertigen Funktionen.“

“Sehr gut.” Ich hatte seinen Ausführungen mit ziemlicher Schadenfreude zugehört; Rogge wurde nachgesagt, daß er sich sich mitunter peinlich leicht aufs Glatteis führen ließ – wenn man seine Interessen kannte und seine Bücher gelesen hatte. Die Mühe hatte ich mir gemacht. „Mir scheint, du hast dich hier selbst matt gesetzt. Erst erklärst du mir, daß die transfiniten Zahlen für nichts im wirklichen Universum stehen.. Und anschließend erklärst du mir genau, wofür eine nach der anderen steht.“

Einen Augenblick lang guckte mich Rogge verdutzt an, und ich wollte mich schon wieder dem Radio zuwenden. Aber das erwies sich als Mißverständnis. Ich hatte ihn nicht aus dem Konzept gebracht; er hatte nur das Ausmaß meiner Unwissenheit unterschätzt – eine seiner liebenswürdigeren Eigenschaften.

„Aber Charles,“ sagte er, „natürlich stehen die transfiniten Zahlen für Zahlen. Der entscheidende Punkt ist, daß sie für NICHTS ANDERES stehen. Wir können eine endliche Ganzzahl wie sieben auf das Universum anwenden – wir können etwa sieben Äpfel nehmen. Aber im ganzen Universum gibt es nicht Aleph-Eins Äpfel; das Universum enthält nicht Aleph-Eins Atome; es gibt keine Entfernung von Aleph-Eins Lichtjahren; und das Universum wird nicht Aleph-Eins Jahre lang bestehen … Die Zahl Aleph-Eins bezieht sich nur auf Zahlenkategorien – und die existieren allein in den Köpfen der Menschen. Wir wissen nicht einmal, ob es da draußen so etwas wie Unendlichkeit gibt. Zumindest wußten wir es bis jetzt nicht. Jetzt, in diesem Augenblick, gibt es nicht einmal die Unendlichkeit.“

Merkwürdigerweise fing ich an, mich tatsächlich ein wenig eingezwängt zu fühlen, ein bißchen gekränkt, daß das Universum so eine mickrige Angelegenheit war. Ich blickte mich um. Cyril Weaver saß gleich neben dem Radio, und ihm liefen Tränen über das Backen und tropften auf seine Orden. John Boyd ging auf und ab und schlug mit der geballten Faust wiederholt in die linke Handfläche. Sir Leslie Crawford saß zurückgezogen in seiner Ecke am Kaminfeuer, beschäftigt mit einem seiner Privatbesäufnisse, die stets damit endeten, daß er stundenlang irgendeinen Fleck anstarrte – eine Teppichfranse oder den Platz, an dem ein Kellner gestanden hatte. Er war Staatsekretär im Verkehrsministerium zuständig für Luftfahrt, aber in diesem Zustand war er durch nichts mehr zu erreichen.

Offenkundig war in den Nachrichten nichts gemeldet worden, das unseren Befürchtungen den Stachel genommen hatte. Von allen hier (Lord Rogge ausgenommen natürlich) war ich der Einzige, der die Nachrichten nicht verfolgt hatte, und der sie deshalb morgen noch mit Hoffnung auf Besserung einschalten würde.

„Es fehlt nicht viel, daß du mich überredest, George,“ sagte ich. „Aber ich warne dich. All das ändert nicht an meine Haltung zu Medien und zum Spiritismus. Du kannst dir die Mühe sparen.“

„Lieber Freund, ich verlange nicht, daß du irgendetwas glaubst außer dem, was ich dir vorlege. Wie ich schon erwähnt habe, ist diese Putzfrau ist völlig ungebildet. Sie verfügt über eine große Gabe, aber sie weiß nicht das Geringste damit anzufangen. Sie veranstaltet Seancen für Leute ab, die ebenso unwissend sind wie sie selber, und sie übermittelt ihrer Klientel Botschaften, die angeblich von ihren verstorbenen Verwandten stammen. Das Übliche.“

„Nicht besonders eindrucksvoll.“

„Wart‘ ab,“ sagte Rogge. „Du weißt, daß ich mich für derlei interessiere, und ich bin über die Gesellschaft für Psychische Phänomene auf sie gestoßen. Einige ihrer Kunden hatten sich wohl beschwert; sie konnten die Botschaften aus dem Geisterreich nicht verstehen. „Zu Lebzeiten hat Onkel Bill nie nich‘ so geredet.“ Mich hätte das gar nicht interessiert, aber dann habe ich einer dieser ’Botschaften‘ in die Hände bekommen. Und danach mußte ich ihr einfach einen Besuch abstatten.

„Sie war äußerst mißtrauisch – wie solche Leute es eben sind, wenn jemand vernünftiges Englisch spricht und anfängt, Fragen zu stellen. Ich lasse mal die Einzelheiten beiseite, aber am Schluß gab sie zu, daß sie ihre Kunden betrügt.“

„Bemerkenswert.”

“Überaus,” sagte Rogge mit leicht spöttischem Unterton. „Wie es scheint, sind die Stimmen, die sie in der Trance hört, nicht die der Verwandten ihrer Nachbarn. Sie ist sich nicht einmal sicher, ob es Geisterstimmen sind, oder ob sie überhaupt von Menschen stammen. Sie schreibt nur automatisch auf, was sie hört, und wenn sie wieder bei Bewußtsein ist, versucht sie es so umzudeuten, daß es sich wie eine Botschaft anhört, die sich an ihre jeweilige Kundschaft richtet.“

Wahrscheinlich hatte ich leicht ungehalten dreingeschaut, denn Rogge hob eine Hand, um nicht unterbrochen zu werden. „Nachdem ich sie hinreichend beruhigt hatte, habe ich sie um eine Vorführung gebeten. Nach so vielen Jahren kenne ich mich mit derlei ziemlich gut aus, das kannst du mir glauben. Ihre Trance war echt, und die Schrift erfolgte automatisch. Ich habe mehrere Tests durchgeführt, um hier sicherzugehen. Das das hier hat sie aufgeschrieben.“

Ohne eine Kunstpause einzulegen, schob er mir den Papierschnipsel herüber. Die Blockbuchstaben waren krakelig, groß, und schlecht ausgeführt; der Text war offensichtlich mit weichem Bleistift geschrieben worden und er war stellenweise verschmiert, wo eine Handkante darüber geführt worden war. Der Text lautete:

ZETT KAH – WIR ZIEHEN ÄXTEN SOHN DES FINNE TEN KOMMT IN UHUMMS HIN ZU O MEGA IM LAUF ENTEN KRON ON VOR AUF GRUND KRIESE INDER EWO LOTION DER KINDER. ÖFEN PSÄUDOS FÄHRE ZU PO SIEH TIEFER KRÜMUNK UND BEGINNEN TRANSFORMATION ZUM KOS MOST MACKER SKOPISCH ER ZAHLT.

Ich gab Rogge das Papier zurück und stellte überrascht fest, daß ich Enttäuschung verspürte. Hatte ich wirklich irgendeine Art von himmlischem Gnadenerlaß erwartet, der auf diese absurde Weise mitgeteilt wurde? Andererseits war es wohl nicht überraschend, daß in unserer Lage jeder in Versuchung war, nach diesem Strohhalm zu greifen.

„Hin zu Omega,“ sagte ich, „aber vergeßt eure Laufenten nicht. Wie hat sie’s nur geschafft, ‚Lotion‘ richtig zu schreiben?“

„Sie verwendet welche,“ sagte Rogge. „Und da liegt der Schlüssel zu dem Ganzen. „Offensichtlich hat sie kaum ein Wort von dem verstanden, was sie … na, was sie da gehört hat. Also hat sie versucht, das in Begriffe zu übersetzen, die ihr vertraut sind und deshalb Öfen und Finnen eingefügt. Wenn du die Botschaft phonetisch liest, siehst du leicht, wo diese Einschübe stattgefunden haben, und so rückübersetzt ist das vielleicht die wichtigste Botschaft, die je jemand auf der Erde empfangen hat.

„Wenn mir jemand erzählen würde, daß das von Onkel Bill kommt, dann müßte ich nicht erst raten, ob mich da jemand betrügt. Komm schon und übersetz mal.“

„Zum einen ist das offenbar eine Art Memorandum. Z.K. – Zur Kenntnisnahme. Der Rest bedeutet: ‚Wir ziehen Extension des finiten Kontinuums hin zu Omega im laufenden Chronon vor aufgrund Krise in der Evolution der Kinder. Öffnen Pseudosphäre zu positiver Krümmung und beginnen Transformation zum Kosmos makroskopischer Zahl.“

„Hört sich zumindest eindrucksvoller an,“ sagte ich. „Aber noch genauso sinnfrei.“

„Keinesfalls. Sieh mal, Charles: Omega steht als Zahl für Unendlichkeit. Das finite Kontinuum ist unser Universum. Bei einem Chronon kann es sich nur um eine Zeiteinheit handeln – möglicherweise die grundlegende pythagoräische Zeiteinheit. Die Pseudosphäre ist die Form, die unser Universum in der vierdimensionalen Raumzeit annimmt. Und es zu positiver Krümmung zu öffnen, würde in Endeffekt den Übergang aus der Endlichkeit zur Unendlichkeit bedeuten.“

Ich verschaffte mir etwas Zeit mit dem Wiederanzünden meiner Zigarre und bemühte mich, all diese Begriffe auf die Botschaft anzuwenden. Leider funktionierte das.

Ich hatte es gerade geschafft, den Stumpen wieder in Brand zu setzen, als meine Hände unkontrolliert zu zittern anfingen.

„Grundgütiger,“ sagte ich. „George, irgendein Wesen, das einen Spiralnebel als Gehirn benutzt, hat deine Bücher gelesen.“

Er sagte nichts und sah mich nur an. Schließlich stellte ich ihm die alberne Frage, die mir auf der Zunge brannte.

„George,“ sagte ich, „George – sind WIR die Kinder?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte Rogge. „Auf dem Weg hierhin war ich davon überzeugt. Aber unser Gespräch hat mich wieder zweifeln lassen. Welche Mächte auch immer hinter dieser Botschaft stecken – sie betrachten offenkundig ‚irgendeine‘ Spezies in unserem Universum als ihre Kinder – die in ihrer Welt großwerden und erzogen werden sollen – eine Welt, in der transfinite zahlen nur infinitesimale Kleinigkeiten darstellen. Diese Mächte überführen sie als ersten Schritt dazu in ein unendliches Universum.

„Die Menschheit hat Kenntnis von der Existenz transfiniter Zahlen erlangt. Das scheint mir ein entscheidender Schritt in einer solchen Erziehung zu sein. Und wir befinden uns gerade definitiv in einer Krise in unserer Entwicklung. Wir sollten gemeint sein. Aber, Charles – es gibt im Universum noch eine Menge anderer Planeten. Vielleicht sind wir die Kinder, von denen sie sprechen. Oder sie wissen gar nicht, daß es uns überhaupt gibt!“

Er stand mit besorgter Miene auf. „Die Götter,“ sagte er leise, „sind irgendwo dort draußen, in einem Bereich jenseits der Unendlichkeit, und sie machen sich daran, unser Pseudosphären-Ei zu öffnen und uns in ein Universum zu katapultieren, das unvorstellbar größer ist. Aber passiert das zu unseren Gunsten – oder für jemand anderes? Und wie stellen wir fest, wenn es soweit ist? Und nach welchem Zeitmaß geschieht das? Morgen in unserem Sinn? Oder Morgen für sie, wenn es für uns schon Milliarden von Jahre zu spät ist?

„Oder das Ganze ist reine Einbildung,“ sagte ich.

„Möglicherweise,“ sagte er. Ich nehme an, daß ihm klar war, daß ich das nur der Form halber gesagt hatte, aber er ließ sich nichts anmerken. „Nun, Charles, du bist hiermit aus der Pflicht entlassen. Ich will dich nicht weiter aufhalten. Ich mußte das hier jemandem erzählen, und das habe ich getan.“

Er verließ den Raum, das Kinn an die Brust gedrückt und mit Zigarrenasche auf dem Jackett.

Ich dachte über die Sache nach. Sie war natürlich nichts als reiner Unfug. Die „Botschaft,“ die diese Frau hingekritzelt hatte, war Nonsens; das, was Lord Rogge als die mathematischen Begriffe gedeutet hatte, mit denen er am meisten vertraut war, hätte jemand mit einem anderen Fachgebiet entsprechend anders ausgelegt. Wie bitte sollte eine Putzfrau etwas von Relativitätstheorie und transfiniten Zahlen wissen können? Natürlich hätte sie das durch Gedankenübertragung aus dem Hirn eines Experten lesen können – vielleicht sogar in Rogges eigenem Hirn – aber diese Erklärung ersetzte nur ein Wunder durch ein anderes. Wenn ich an Gedankenlesen glauben sollte, dann konnte ich auch gleich die Möglichkeit einräumen, eine Aktennotiz aus dem Olymp vor mir zu haben.

Das Dritte Programm sendete wieder Musik, aber in der Bar war jetzt ein anderes Geräusch zu vernehmen. Es war nicht sehr laut, aber stetig und durchdringend. Man konnte es im Boden spüren, sogar durch die dicken Teppiche hindurch, und es lag wie ein Zittern in der Luft. Sir Leslies Blick hob sich von der Vase, die er angestarrt hatte, und richtete sich langsam, ganz langsam, auf die dunkle Eichenholzdecke. Die Lichter begannen zu flackern.

Kinder der Götter - - -

Wir würden es bald wissen. Die Bomber kamen.

***

Anmerkungen:

„Peiping“: Beijing, die „nördliche Hauptstadt“ (北京) trug zu der Zeit, als sie während der Ming-Dynastie Hauptstadt des chinesischen Reichs wurde, den Namen „Frieden des Nordens.“ Die Beiyang-Regierung, die im Januar 1918 an die Macht kam, änderte den Namen in Jingdu, „Regierungsstadt“ (京都); nach der „Großen Nordischen Expedition unter Tschiang Kai-Schek, die der Herrschaft der vielen lokalen Warlords ein Ende setzte, wurde der der alte Name Beiping wieder eingesetzt. Nach dem Sieg der Kommunisten wurde der Name auf den heutigen Stand geändert. In den USA als Verbündetem der nationalchinesischen Regierung in Taiwan, blieb man bis Anfang der sechziger Jahre bei „Beiping.“

„Es fehlt nicht viel, daß du mich überredest…“ – "Almost thou persuadest me": Charles zitiert im Original hier aus der Apostelgeschichte, 26:28: „Agrippa aber sprach zu Paulus: Es fehlt nicht viel, daß du mich überredest, ein Christ zu werden...“ (Revidierte Fassung der Luther-Übersetzung von 1912)

Die Botschaft lautet im Original:

FYI WER XTENDIN THE FIE NIGHT CONBTIN YOU UMRELLAS OR THIS CROWN ON TO OMEGA AHED OF SHEDYULE DO TO CHRIST IS IN HEAVEN ROOSHIAN OF CHILDREN OPEN SUDO SPEAR TO POSITIV CURVACHER AND BEGIN TRANSFORMATION TO COZ MOST OF MACRO SCOPICK NUMBER


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James Blishs Erzählung „F Y I“ erschien im zweiten Band der von Frederik Pohl herausgegebenen Anthologienreihe „Star Science Fiction Stories,“ die im Dezember 1953 als Taschenbuchoriginal im Verlag Ballantine Books erschien. Zwischen Februar 1953 und Dezember 1959 erschienen in dieser Serie insgesamt sechs Anthologien; mit einem weiteren Band, „Star Short Novels“ im Oktober 1954, der drei längeren Kurzromanen gewidmet war, die das begrenzte Taschenbuchformat jener Jahre mit ihren Beschränkung auf 200 bis 250 Seiten gesprengt hätten. Es waren nicht die ersten Anthologien im SF-Genre, die ausdrücklich noch nie veröffentlichte Texte brachten anstatt Nachdrucke aus den Genremagazinen (die erste war 1949 „The Girl with the Hungry Eyes,“ herausgegeben von Donald A. Wollheim, die zweite 1952 „The Petrified Planet,“ herausgegeben von Fletcher Pratt – aber sie stellten die erste Serie dieser Publikationsform dar. Ab Mitte der 1960er waren solche Anthologienreihen im Zug der literarischen Aufwertung des Genres dann so etwas wie die „gute Stube“ für Kurztexte, weil die Herausgeber erheblich höhere Honorare zahlen konnten als die Magazine, und die Bücher nicht in Monatsfrist durch den Nachfolger ersetzt wurden: zu dem namhaftesten Reihen zählen „Orbit“ (Hg. Damon Knight, 1966 bis 1978, 20 Bände), „Universe“ (Hg. Terry Carr, 1971–1982, 12 Bände) und “New Dimensions” (Hg. Robert Silverberg, 1970-1980, 10 Bände). Versuche, das Format in den späten 1980er und 1990er Jahren wiederzubeleben, sind nach drei bis vier Bänden ausnahmslos am mangelnden Käuferinteresse gescheitert.

In den ersten drei Bänden von “Star Science Fiction Stories" erschienen einige Texte, die des unter den SF-Erzählungen der 1950er Jahre zu Klassikerstatus gebracht haben – jedenfalls in der Zeit, als der „klassische Bestand“ des Genres den meisten Lesern durch beständige Nachdrucke und Neuauflagen noch geläufig waren: Arthur C. Clarkes „The Nine Billion Names of God“ (Nr. 1) – es gab eine Zeit, da konnte man jedem ernsthaften SF-Leser den Satz „..alles tut der Mensch irgendwann zum letzten Mal“ zitieren und erhielt prompt zur Antwort: „Über ihren Köpfen erloschen lautlos die Sterne“ – Alfred Besters „Disappearing Act“ (Nr. 2), Philip K. Dicks „Foster, You’re Dead“ (Nr. 3, 1954) oder Fritz Leibers „Space-Time for Springers“ (Nr. 5, 1958) etwa.

Das „habent sua fata libelli“ gilt nicht nur für Bücher, sondern auch für ihre Verfasser – ganz allgemein, vor allem aber für die Urheber von Genretexten, von denen es nur einige ins kollektive kulturelle Gedächtnis schaffen. Für jeden Conan Doyle und Rex Stout finden sich Aberhunderte S. S. Van Dines. Und daß selbst zu ihrer Zeit hochangesehene Autoren von der Furie des Verschwindens ereilt werden, ist nichts Neues. Selbst bei Kennern und eifrigen Lesern geraten Werk und Schöpfer wenige Jahrzehnte nach ihrem Tod weitgehend aus dem Blick; wenn überhaupt, sind sie nur noch als bloße Namen präsent. Das gilt auch für James Blish (1921-1975), der zur Zeit seiner Tätigkeit als Autor in den 50er und 60er Jahren als einer der intellektuell anspruchsvollsten Genreautoren galt, dessen Texte weit über das übliche Maß mit Reflektionen, Kenntnis aller möglichen Wissenschaften und einer nachgerade metafiktionalen Bewußtheit über die eingesetzten Erzählmittel angereichert waren. In der Praxis führte das nicht selten dazu, daß Blishs längere Texte ziemlich zähfließend, kalt-abstrakt und wenig einladend daherkamen. Andererseits war es auch diese distanzierte Intellektualität, die aus Blish den ersten ernstzunehmenden Kritiker des Genres machte – neben Damon Knight. In seinen zahlreichen Kritiken, die unter dem Pseudonym William Atheling erschienen (Blish hatte sich dieses Pseudonym von Ezra Pound ausgeborgt, der unter diesem nom de plume ein halbes Jahrhundert zuvor Musikkritiken geschrieben hatte) versuchte Blish, den Erzählungen und Romanen auf ihre Weise, ihrer Anlage nach, gerecht zu werden, bestand aber darauf, daß dort – eben unter Berücksichtigung ihrer Ziele und Themen, ebenso hohe Maßstäbe angelegt werden sollten wie an Texte des „Mainstreams.“

Blishs Hauptwerk, die vier Romane des Zyklus „Cities in Flight,“ sind seit geraumer Zeit vom Radar der meisten Genreleser verschwunden – es mag durchaus an dem oben erwähnten Abstraktionsgrad liegen, daß diese Saga um die Stadt New York, die infolge der Erfindung eines Antigravitationsantriebs mitsamt ihrem Felsuntergrund von Mutter Erde losgelöst wird und unter einer riesigen Schutzkuppel auf galaktische Trampfahrt geht, keine Sogwirkung auf die Leserschaft ausgeübt hat. Wenn er als kreativer Kopf im Gedächtnis geblieben ist, dann als Schöpfer des Konzepts der „Pantropie“ – der Anpassung von Menschen an neue Umgebungen auf fernen Welten zum zweck des Überlebens. Und als Präger des Begriffs „Gasriese“ – „gas giant“ – für Planeten vom Typ Jupiter oder Saturn – einen Begriff, den er im Rahmen einer Artikelserie über die aktuellen Erkenntnisse der Astronomie über die Welten unseres Sonnensystems als erster gebraucht hat („The Poison Giants,“ Thrilling Wonder Stories, April 1952).



U.E.

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