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25. Juli 2007

Zum Tod von Ulrich Mühe

Auf Ulrich Mühe bin ich erst durch "Das Leben der Anderen" aufmerksam geworden.

Ein herausragender Schauspieler in diesem herausragenden Film, so schien mir. Mit minimalen Mitteln spielend.

Dieser Gerd Wiesler ist in den Eingangssequenzen eigenlich ein Scheusal. Der kalte Technokrat der Erniedrigung, des Folterns von Menschen. Man muß jemanden solange verhören, bis er nicht mehr kann, sagt er. Denn je mehr man Druck ausübt, umso mehr wird sich der Unschuldige vom Schuldigen unterscheiden. Der Schuldige wird irgendwann zusammenbrechen. Der Unschuldige wird sich immer entschlossener wehren. So ungefähr, nicht wörtlich, aus meiner Erinnerung zitiert. Die Logik des Folterers, des Unmenschen.

Aber selbst in diesem ersten Teil des Films bleibt ein Rest Sympathie für diesen Mann, der sich sozusagen völlig in seinem Beruf verliert. Mühe gibt dieser Figur, die ein anderer als einen schneidigen Apparatschik gespielt hätte, eine Melancholie, eine eisige Einsamkeit, die den Zuschauer daran hindert, sie nur als Stasi- Schergen zu sehen.

Die Einsamkeit wird im Lauf des Films immer deutlicher, aber Mühe macht auch immer mehr Sensibilität sichtbar. Dieser Wiesler lebt selbst ja gar nicht; aber er beobachtet das Leben der Anderen, ja er nimmt es in sich auf. Er wechselt die Front, weil er aus seiner seelischen Erstarrung raus möchte, hinein in dieses Leben der Lebendigen.

Am Ende dann, in den Schlußsequenzen, sieht man den abgewickelten Stasi- Offizier, wie er Prospekte verteilt. Seine Körpersprache ist völlig anders als zuvor - der Schritt schleppend, die Schultern eingefallen. Wie Mühe das hinbekommt, ist ganz große Kunst. Und die stille Freude, als er das ihm gewidmete Buch entdeckt.

Ein großer Schauspieler, offensichtlich. Aus meiner Sicht der leiseste, der mit der stillsten Intensität spielende der großen deutschen Schauspieler der letzten Jahrzehnte.



Über keinen Film habe ich hier so viel geschrieben wie über "Das Leben der Anderen". Über die Frage, ob das eigentlich ein politischer Film ist. Darüber, wie anders man einen Film beim zweiten Ansehen wahrnimmt als beim ersten Mal. Anläßlich der Oskar- Nominierung über eine amerikanischen Kritik dieses Films, ein Musterbeispiels für die Tradition der amerikanischen Filmkritik. Und bei der Verleihung des Oscar noch einmal mit dem Versuch, die Qualitäten dieses Films in ein paar Sätzen zusammenzufassen.

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26. Februar 2007

Oscar für "Das Leben der Anderen"

Das freut mich aber: Ein Film, der mich in diesem Blog dreimal beschäftigt hat - nachdem ich ihn das erste Mal gesehen hatte, nachdem ich ihn das zweite Mal gesehen hatte, und das dritte Mal, als ich eine ausgezeichnete Kritik in der "New York Times gelesen hatte - also, der hat den Oscar für den besten fremdsprachlichen Film bekommen.

Ist das nicht schön? Dafür, das in Realzeit zu erleben, bin ich bis halb fünf aufgeblieben. ;-)



Sie haben's verdient, den Oscar zu bekommen. Florian Henckel von Donnersmarck. Der unglaublich gute Ulrich Mühe. Alle, die diesen sorgfältigen, glaubhaften, kunstvollen, ehrlichen und spannenden Film gemacht haben.

Glückwunsch!

15. Dezember 2006

Rückblick: Das Leben der Anderen. Oder: Einmal ist keinmal

Für diesen Rückblick auf den Blog zu dem Film "Das Leben der Anderen" gibt es zwei Anlässe, einen objektiven und einen subjektiven.

Der objektive ist, daß der Film gestern für den Golden Globe nominiert wurde.

Deutscher Filmpreis, Europäischer Filmpreis, jetzt diese Nominierung - der Film erklimmt sozusagen Stufe um Stufe. Oder: Die Wellen breiten sich aus wie bei einem ins Wasser geworfenen Stein. Oder: Der Newcomer wird weitergereicht Oder: Sein Ruhm strahlt von Deutschland nach Europa, von Europa in die globalisierte Welt.



Warum fällt mir zu diesem Film ein Bild nach dem anderen ein? Ich glaube, weil es ein in seinen Bildern, in seinen Details eindringlicher Film ist. Womit ich beim subjektiven Motiv für diesen Rückblick bin.

Dadurch, daß der Film in Warschau prämiert worden war, wurde er in unserem örtlichen Filmkunsttheater noch einmal ins Programm genommen; und vorgestern haben meine Frau und ich ihn zum zweiten Mal gesehen.

Ich habe ihn bei diesem zweiten Mal mit anderen Augen gesehen. Einen guten Film muß man eigentlich (mindestens) zweimal sehen. Wie man ein Buch, das man ernst nimmt, zweimal lesen, eine bedeutende Theateraufführung zweimal sehen sollte. Einmal ist keinmal.

Denn man sieht beim zweiten Mal ja nicht denselben Film, nicht dieselbe Inszenierung. Man liest ja nicht dasselbe Buch. Das erste Mal ist man wie einer, der fremdes Gelände erkundet. Das zweite Mal nimmt man vertrautes Terrain genauer in Augenschein.

Also achtet man auf ganz Anderes. Das zweite Mal wiederholt nicht das erste Mal, sondern es gibt ihm erst das Detail, die Eindringlichkeit.



Beim ersten Sehen, beim ersten Lesen ist die Ebene der Betrachtung weit oben angesiedelt in der Hierarchie kognitiver Repräsentationen. Es geht um die Handlung, den Zusammenhang des Geschehens, die allgemeine Atmosphäre. So, wie man beim ersten Blick auf ein Bild erst einmal guckt, was überhaupt dargestellt ist - also das Thema beachtet, das Genre, die Anmutungsqualitäten.

Beim zweiten Kennenlernen wird aber erst richtig "kennen gelernt". Man bemerkt jetzt die Details. Man kann erst jetzt auf sie achten, weil man ja den Rahmen kennt, in den sie gehören. Beim ersten Mal guckt man sozusagen durchs Teleskop, beim zweiten Mal wenn auch nicht gleich ins Mikroskop, so doch mit dem, sagen wir, "unbewaffneten" Blick des sich Nähernden auf die Einzelheiten.

Ohne einen Rahmen, ohne ein Bezugssystem ergeben Details keinen Sinn. Den "hermeneutischen Zirkel" hat man das hochtrabend genannt, in der irrigen Annahme, die Kenntnis des Ganzen würde schon die Kenntnis der Details voraussetzen. Was ja gar nicht der Fall ist. Sondern man startet mit der Vogelperspektive und arbeitet sich sozusagen zur Froschperspektive vor. Oder hinab, wenn man so will.



So ist es mir mit diesem Film ergangen.

Beim ersten Sehen hat mich die Handlung gefesselt, das Spiel des großen Ulrich Mühe und des nicht minder großen Thomas Thieme, der einen Preis für den besten Nebendarsteller verdient gehabt hätte, auf nationaler und internationaler Ebene. Für mich war er der überragende Schauspieler in diesem Film, in dem auch andere - Ulrich Tukur, Sebastian Koch - glänzend gespielt haben.

Beim zweiten Sehen ist mir aber auch Anderes aufgefallen.

Beispielsweise die Farben der DDR. Dieser Staat hatte ja seine eigene, triste Ästhetik. Nicht einfach nur grau; sondern alle diese gedeckten Grüns, Bleus und Rosas; als Hintergrund für das grelle Rot und Gelb der Agitation. Bonbonfarben, ja, aber matte, ungesättigte. So, als hätte dieser Staat schon mit seinen Farben die ganze Gehemmtheit, die ganze Erbärmlichkeit, die miese Kleinbürgerlichkeit des Systems zum Ausdruck bringen wollen.

Beispielsweise die intellektuelle Ernsthaftigkeit Ulrich Mühes - Gerd Wieslers also - von Anfang an. Beim ersten Sehen des Films habe ich ihn am Anfang des Films nur als einen brutalen MfS-Offizier wahrgenommen. Aber das war er ja gar nicht. Auch nicht anfangs. Er war um die Sache bemüht, nur um sie. Wie entlarvt man den Schuldigen? Dafür gibt es eben gewisse Techniken; die brachte er seinen Schülern bei.

Dieser Wiesler hat sich ja - und das habe ich erst beim zweiten Anschauen verstanden - im Lauf des ganzen Films überhaupt nicht geändert. Er war am Anfang der emotional vertrocknete, anständige Intellektuelle, der er auch am Ende noch war. Er war im Grunde der Kommunist par excellence. Der Kommunist im real existierenden wie auch im heute noch propagierten Sozialismus.

Er hat im Lauf der Handlung nur neue Erfahrungen gemacht. Erfahrungen, die ihn nicht verändert haben, die aber sein Handeln beeinflußt haben.

Redlich, konsequent, intelligent, emotionsarm, wie er schon in den ersten Szenen des Films gewesen war, hat er aus diesen Erfahrungen seine Konsequenzen gezogen. Ohne sich ändern zu müssen; ohne sich auch ändern zu können.



Denn - so interpretiere ich den Film - die psychischen Deformationen, die jemandem vom Kommunismus zugefügt wurden, kann man nicht reparieren. Man kann sie nur, wenn man ehrlich ist, akzeptieren.