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16. April 2009

Der Präsident, Michelle, die Töchter, der Hund Bo - und die Presse. Die Geschichte hinter der Geschichte. Nebst einer Erinnerung an den Hund Checkers

Hunde haben in der amerikanischen Politik eine lange Tradition. Der bisher berühmteste war Checkers, der Hund von Richard Nixon.

Wir schrieben das Jahr 1952. Der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten Richard Nixon war in Bedrängnis, weil ihm vorgeworfen wurde, Geld angenommen zu haben. Er hielt zu seiner Verteidigung eine zu Tränen rührende Rede, in der er schilderte, in wie bescheidenen Verhältnissen er lebte (in einem kleinen Appartment für 80 Dollar Miete; er und seine Frau würden auf ein Haus sparen); und dann kam die Sache mit Checkers:
One other thing I probably should tell you because if we don't they'll probably be saying this about me too, we did get something — a gift — after the election. A man down in Texas heard Pat on the radio mention the fact that our two youngsters would like to have a dog. And, believe it or not, the day before we left on this campaign trip we got a message from Union Station in Baltimore saying they had a package for us.

We went down to get it. You know what it was? It was a little cocker spaniel dog in a crate that he'd sent all the way from Texas. Black and white spotted. And our little girl — Tricia, the 6-year-old — named it Checkers. And you know, the kids, like all kids, love the dog and I just want to say this right now, that regardless of what they say about it, we're gonna keep it.

Etwas anderes, was ich Ihnen wohl erzählen sollte, denn wenn nicht, dann wird auch da mir nach der Wahl vorgeworfen werden, daß wir etwas angenommen haben - ein Geschenk: Ein Mann unten in Texas hörte im Radio, wie Pat [Nixons Frau] sagte, daß unsere beiden Kleinen gern einen Hund hätten. Und Sie werden es nicht glauben - an dem Tag, bevor wir zu dieser Wahlkampf- Reise aufbrachen, erhielten wir eine Nachricht vom Bahnhof Baltimore der Union Pacific, daß ein Paket für uns angekommen sei.

Wir gingen hinunter, um es abzuholen. Und was glauben Sie, was es war? Es war ein kleiner Cockerspaniel in einem Körbchen, den er weit her aus Texas geschickt hatte. Schwarzweiß gefleckt. Und unser kleines Mädchen - Tricia, die Sechsjährige - nannte ihn Checkers. Und wissen Sie, die Kinder lieben den Hund, wie alle Kinder, und ich möchte das jetzt nur klarstellen: Was auch immer darüber geredet wird, wir werden ihn behalten.
Versteht sich, daß nach dieser Rede die schluchzende Nation dem Kandidaten Nixon verzieh und ihn bald darauf zum Vizepräsidenten wählte.



Jetzt also Bo. Obama nutzt ihn so geschickt zur Image- Pflege, wie das Nixon mit Checkers getan hat. Und wie man so etwas pressemäßig macht, das hat am Dienstag das Internet- Magazin Slate enthüllt.

Daß Obama seinen Töchtern einen Hund schenken würde, war ja schon ein Wahlkampf- Gag gewesen. Aber niemand wußte, wann das geschehen würde. Und vor allem kannte niemand die Rasse und den Namen.

Diese Informationen nun wurden von den Obamas - genauer: Vom Büro der First Lady - exklusiv der Washington Post zur Verfügung gestellt; und zwar unter einem sogenannten News Embargo: Die Veröffentlichung sollte erst Anfang dieser Woche erfolgen.

Aber irgendwo im Weißen Haus oder bei der Post war eine undichte Stelle. Jedenfalls wurde die schöne Exklusiv- Story dadurch kaputtgemacht, daß schon am Samstag eine WebSite namens FirstDogCharlie nicht nur die Nachricht brachte, sondern gleich auch noch ein Bild des - sehen Sie selbst - unwiderstehlich niedlichen Welpen. (Kommentar der Leserin Sapphyre: Er ist schwarzweiß, wie unser Präsident).

Warum bekam die Washington Post diese Story exklusiv geschenkt? Nun, geschenkt vielleicht nicht ganz. Wie Slate anmerkt, gibt es verschiedene Gründe, einem Medium eine Exklusiv- Nachricht zur Verfügung zu stellen:
To encourage favorable coverage or to pacify a reporter who feels slighted. Because the White House wants its side of the story told in a friendly tone, a news outlet that has been sympathetic to the president in the past might get an exclusive.

Um auf eine positive Berichterstattung hinzuwirken oder um einen Reporter zu besänftigen, der sich übergangen fühlt. Ein Medium, das in der Vergangenheit freundlich zu dem Präsidenten gewesen war, kann vielleicht eine Exklusiv- Meldung bekommen, weil das Weiße Haus wünscht, daß seine Seite einer Story in freundlicher Weise dargestellt wird.
Solche exclusives sind förmliche Vereinbarungen zwischen dem Weißen Haus und dem betreffenden Presse- Organ. Das unterscheidet sie von den leaks, den beabsichtigten oder unbeabsichtigten "undichten Stellen", durch die Nachrichten außerhalb des offiziellen Wegs an die Medien gelangen oder geschleust werden.

Das Porträt von Bo, das Sie als Titelvignette sehen, stammt übrigens vom Fotografen des Weißen Hauses Pete Souza, der auch das offizielle Foto des Präsidenten angefertigt hat.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Das offizielle Foto von Bo. Autor: Pete Souza. Freigegeben unter Title 17, Chapter 1, Section 105 of the US Code.

11. März 2008

Marginalie: Wie John McCain Präsident werden könnte

Ja, natürlich, Geschichtliche Vergleiche hinken immer. Historische Parallelen sind stets problematisch. Geschichte wiederholt sich nicht. Die Zeiten ändern sich doch.

Dies zugestanden, ist es dennoch oft interessant und manchmal auch erhellend, historische Vergleiche zu ziehen. Vieles ist eben doch "schon einmal dagewesen"; wenn auch anders drapiert, sozusagen in die jeweilige Mode der Zeit gekleidet. Zumal, wenn man die Geschichte desselben Landes, derselben politischen Kultur betrachtet.

Das tut heute in der heutigen Washington Post Richard Cohen. Den Titel seiner Kolumne - "How the Democrats Could Lose", wie die Demokraten verlieren könnten - habe ich für diese Marginalie ins - aus meiner Sicht - Positive gewendet.



Die Parallele, die Cohen zieht, ist die zwischen dem Wahljahr 2008 und dem Wahljahr 1972.

Heute ist der Irak-Krieg in einer kritischen Phase; damals war es der Vietnam-Krieg. Die Positionen der beiden großen Parteien waren damals ähnlich wie heute: Die Republikaner wollten den Krieg bis zu einem ehrenhaften Ende durchstehen. Die Demokraten wollten ihn so schnell wie möglich beenden und die Jungs nach Hause holen.

Für die Republikaner trat damals der amtierende Präsident Nixon an, für die Demokraten der Friedens- Aktivist George McGovern. Nixon gewann haushoch; er holte 49 Staaten. Nur Massachusetts und der District of Columbia gingen an McGovern.

Auf die Parallele zwischen George McGovern und Barack Obama habe ich in einem früheren Artikel aufmerksam gemacht: Beide Hoffnungsträger der Linken; beide vor allem im akademischen Milieu verankert; beide mit Neigungen zum Weltverbesserertum; beide Friedenskandidaten in Kriegszeiten. Obama freilich heute mit ungleich besseren Chancen als damals McGovern, weil er Charisma hat und auch für Wählerschichten außerhalb des links- akademischen Milieus attraktiv ist.

Nixon holte damals seinen überwältigenden Sieg gegen McGovern trotz der Kriegsmüdigkeit eines immer größeren Teils der Amerikaner. Und zwar, weil er - schreibt Cohen - einen "Plan" hatte oder vielmehr so tat, als hätte er ihn:
John McCain lacks Nixon's raw talent for hypocrisy, so I don't think he'll go that far. But he will make his stand on the surge, and it will be, for him, the functional equivalent of Nixon's secret plan. His plan, McCain will say, is to win.

McCain hat nicht Nixons Naturtalent zum Heucheln; deshalb glaube ich nicht, daß er so weit gehen wird. Aber er wird sich auf den surge berufen [den erfolgreichen Feldzug gegen die El Kaida im vergangenen Jahr], und dieser wird für ihn das Gegenstück zu Nixons geheimem Plan sein. Sein Plan, wird McCain sagen, sei es, zu gewinnen.
Eine weitere Parallele sieht Richard Cohen auf der Seite der Demokraten. Diese hatten einander damals in den Vorwahlen heftig bekriegt, wie jetzt Clinton und Obama:
The result was a national convention that was boisterous, unruly and ugly to look at. That convention might, however, look like a tea party compared with what could happen in Denver this August.

Das Ergebnis war ein Nominierungs- Parteitag, der, chaotisch und regellos, ein abstoßendes Bild bot. Dieser Parteitag könnte jedoch im Vergleich zu dem, was vielleicht im August in Denver bevorsteht, wie ein Teekränzchen erscheinen.
Nixon hatte damals den Nationalstolz der Amerikaner angesprochen und den Demokraten Defätismus vorgeworfen. So könnte es, meint Cohen, auch diesmal wieder laufen:
You can see it all happening again: a Republican charging that the Democrats are defeatist, soft on national security and not to be trusted with the White House. And you can see the Democratic Party heading toward Denver for yet another crackup. (...) A year ago, it looked like the party could not lose. This year, it seems determined to try.

Es bahnt sich alles wie damals an: Ein Republikaner, der den Vorwurf erhebt, die Demokraten seien defätistisch und weich in Sachen nationale Sicherheit; sie seien Leute, denen man das Weiße Haus nicht anvertrauen kann. Und die Demokraten bewegen sich erkennbar darauf zu, in Denver erneut in sich zusammenzukrachen. (...) Vor einem Jahr sahen sie wie die Partei aus, die nicht verlieren kann. In diesem Jahr scheinen sie entschlossen, das zu versuchen.


Richard Cohen schildert das aus einer Perspektive, die Sympathie für die Demokraten erkennen läßt. Er schreibt sozusagen aus der Pose des Warners heraus. Aus meiner Sicht gibt seine Analyse Anlaß zur Hoffnung. Noch liegt zwar John McCain in den meisten Umfragen hinter Clinton oder Obama. Aber es gibt auch schon Umfragen, die ihn vorn sehen.

Und wenn sich der Wahlkampf so entwickelt, wie Richard Cohen es prognostiziert - eine Selbstzerfleischung der Demokraten, während McCain in Ruhe (freilich auch um den Preis einer geringeren Medienpräsenz) den eigentlichen Wahlkampf vorbereiten kann -, dann wird im nächsten Jahr vielleicht wirklich John McCain und nicht Hillary Clinton oder Barack Obama als der 44. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt.

Das würde mich freuen.

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