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10. Februar 2008

Marginalie: McCain schneidet schwach ab. Gar nicht so schlecht für ihn. Obama stark. Aber nicht so stark, wie es scheint

Barack Obama hat gestern in allen Caucuses und Primaries über Hillary Clinton gesiegt; teilweise überwältigend gesiegt. Mike Huckabee kann sich ebenfalls über ein glänzendes Abschneiden freuen: Siege in Kansas und Louisiana, ein - zum jetzigen Zeitpunkt - Kopf- an- Kopf- Rennen im Staat Washington.

Für die Demokraten ist das eine schlechte Nachricht; für die Republikaner eine vielleicht gar nicht so schlechte.



Als Romney das Handtuch warf (streng genommen nicht ausschied, sondern seine Kandidatur nur "suspendierte", so daß er auf der Convention mit den auf ihn verpflichteten Delegierten noch Politik machen kann), sah es so aus, als sei die Kandidatur für McCain so gut wie gelaufen; mit dem Nachteil für ihn, daß das Medieninteresse sich jetzt einseitig den Demokraten zuwenden würde. Jedenfalls habe ich damals so argumentiert.

Allerdings war da ja noch - in der Diskussion zu dem Artikel habe ich Überlegungen dazu nachgetragen - der Kandidat Huckabee. Und der machte gar nicht Miene, Romney zu folgen und sich zurückzuziehen.

Im College habe er "Miracles instead of Maths" als Leistungsfach gewählt, hat er einmal gesagt; Wunder statt Mathe. Ein typischer Huckabee- Satz. Der Mann macht fröhlich weiter und heimst Erfolg nach Erfolg ein.

Warum? Er hat in der Wahlnacht gesagt, die Mitglieder seiner Partei würden doch gern selbst über ihren Kandidaten entscheiden, statt gesagt zu bekommen, der stehe jetzt schon fest. Ein Denkzettel also für McCain, er solle sich noch nicht zu sicher fühlen?

Vielleicht auch eine Demonstration, wie die konservativen Wähler tatsächlich denken. Viele identifizieren sich im Grunde nicht mit McCain, sind aber bereit, ihn zu unterstüzten, weil sie wissen, daß Huckabee (oder zuvor Romney) keine Mehrheit gegen Clinton oder Obama bekommen könnte. Jetzt, wo McCain ohnehin so gut wie als Kandidat feststeht, können sie gewissermaßen ihrem Herzen Luft machen, indem sie Huckabee wählen.

Dieser wurde gefragt, worin er sich denn eigentlich von McCain unterscheide. Er nannte die Abtreibung, Steuersenkungen, die Immigration. Aber er betonte, wieviel die beiden trotzdem gemeinsam hätten. Daß er am Ende McCains Running Mate wird und diesem damit die Stimmen der Konservativen zuführt, die er allein nicht bekommen würde, ist durch die heutigen Ergebnisse wahrscheinlicher geworden.

Das ist die eine gute Nachricht für die Republikaner. Die andere ist, daß das Rennen auch bei ihnen spannend bleibt und damit das Interesse der Medien finden wird.



Und bei den Demokraten? Obama ist weiter im Vormarsch, ohne Frage. Aber seine heutigen Siege könnten deutlicher ausgefallen sein, als es der wahren Stärke der beiden Kandidaten entspricht. Und zwar, weil es sich bis auf Louisiana um Caucuses und nicht um Primaries handelte.

Bei diesen Zusammenkünften, die oft am Nachmittag liegen, ist Obama besonders stark. Erstens, weil er seine Anhänger überproportional bei den Studenten, den Besserverdienenden hat, die sich leichter für einen solchen Termin freimachen können als Arbeiter und kleine Angestellte, eher die Klientel von Hillary Clinton. Zweitens, weil Obama besser mobilisieren kann als Clinton und bei den Caucuses vor allem die stark Engagierten erscheinen.

Wie stark das auch immer die Ergebnisse beeinflußt hat - was die Delegiertenstimmen angeht, wird eine baldige Entscheidung immer unwahrscheinlicher. Es wird zunehmend vermutet, daß es auf dem Parteitag ein Totes Rennen geben könnte, bei dem die ungebundenen Super Delegates den Ausschlag geben würden - Honoratioren, Mandatsträger, die Leute aus dem Apparat, die seit 1982 "geborene" Mitglieder des Parteitags sind.

Bisher hatte es als ausgemacht gegolten, daß bei ihnen Clinton mehr Sympathien genießt als Obama.

Aber in diesem schon jetzt denkwürdigen Wahljahr ist so vieles, was als ausgemacht galt - die Favoritenstellung von Giuliani und Clinton, die Aussichtslosigkeit der Kampagnen von McCain und Huckabee - über den Haufen geworfen worden, daß noch nicht einmal das mehr sicher ist.

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6. Februar 2008

Zitat des Tages: Huckabees Glauben

I believe in miracles (Ich glaube an Wunder).

Mike Huckabee heute Nacht in CNN zu seinen Aussichten, republikanischer Kandidat für die Präsidentschaft zu werden.

Ansonsten scheint sich gegenwärtig (kurz nach vier Uhr MEZ) noch keine große Überraschung abzuzeichnen: McCain schneidet sehr gut ab, aber ein Erdrutsch wird es wohl nicht werden. Bei den Demokraten gewinnt Clinton an der Ostküste und Obama im Süden. In der Mitte scheint mal sie, mal er die Nase vorn zu haben. Die Mountain States und Californien sind noch offen.

Und was ich noch zu sagen hätte ...

... das brauche ich nicht zu sagen, denn ich habe gerade in B.L.O.G. einen schönen Artikel von Rayson gelesen, der es mindestens so gut sagt, wie ich es hätte sagen können.

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6. Januar 2008

Randbemerkung: Die Ausbreitung von Meinungen und die Schlager von Zarah Leander

Kaum etwas ist wichtiger für den politischen Erfolg in einer Demokratie, als seine Ideen zu verbreiten. Menschen dazu zu bringen, sie zu übernehmen und sie ihrerseits zu verbreiten.

Erstaunlicherweise ist über die Gesetze, nach denen das funktioniert, relativ wenig bekannt. Nach einer geläufigen Meinung, schreibt Julie J. Rehmeyer in der aktuellen Ausgabe von Science News Online, " ... a key reason some ideas are so successful ... is that a few highly influential people espouse them". Ideen hätten dann Erfolg, wenn einige sehr einflußreiche Menschen sie vertreten.

Aber stimmt das? Man kann empirisch an diese Frage herangehen, mit den Methoden der Sozialpsychologie. Man kann aber auch Modellrechnungen anstellen. Das haben Duncan J. Watts und Peter Sheridan Dodds in einer Simulations- Studie getan, die in der Dezember- Nummer des Journal of Consumer Research erschienen ist. Eine PDF-Datei mit dem vollständigen Text des Artikels kann hier heruntergeladen werden.



Speziell wollten die beiden Autoren eine seit Jahrzehnten als gültig betrachtete Theorie von Paul Lazarsfeld und Mitarbeitern testen, wonach für die Verbreitung von Ideen die sogenannten Influentials entscheidend sind, im Deutschen oft "Multiplikatoren" genannt. Menschen, die Ideen aufnehmen und die, weil sie besonders viel Einfluß auf ihre Mitmenschen haben, entscheidend für deren Verbreitung sind - zum Beispiel Journalisten, Lehrer, Professoren, Vorgesetzte, Imams.

Wie sehen solche Simulationsstudien aus? Man konstruiert eine kleine mathematische Welt aus "Knoten" (nodes), zwischen denen bestimmte Abhängigkeiten angenommen und quantifiziert werden. Also zum Beispiel: Wenn A der Nachbar von B ist und A eine bestimmte Meinung hat, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit, daß auch B diese Meinung übernehmen wird, um einen bestimmten Faktor x. Man nennt das positive externalities, positive Außen- Einwirkungen.

Aus solchen Knoten mit ihren wechselseitigen Abhängigkeiten kann man nun ganze Netzwerke bauen. Am Anfang einer Simulation stehen alle Knoten auf null, d.h. die durch sie simulierten Individuen sind neutral hinsichtlich einer Entscheidung zwischen, sagen wir, X und Y. Dann wird der "Funke gezündet": Einem der simulierten Individuen wird, sagen wir, die Meinung X gegeben. Wie wird sie sich verbreiten? Welche Rolle spielt es, wie stark bestimmte Meinungsführer sind (=wie sehr der ihrem Knoten zugeordnete Wert den in benachbarten Knoten beeinflußt)?

Man kann mit solchen Modellen viel herumspielen; sie sind sehr flexibel. Was sich bei den Simulationen von Watts und Dodds zeigte, war überraschend: Die Influentials, die Meinungsführer sind in vielen Fällen gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es, daß es viele Individuen gibt, die alle eine große Bereitschaft haben, sich beeinflussen zu lassen, und die sich gegenseitig beeinflussen. Dann schaukeln sich "Kaskaden" hoch, die im Anfangszustand des Modells gar nicht vorherzusagen waren.

In bestimmten Fällen können allerdings die Meinungsführer einmal wichtig sein. Aber sie sind mehr wie Zündfunken. Wie sich ein Flächenbrand ausbreitet, meinen die Autoren, hängt nicht davon ab, wie stark die Zündkraft des Ereignisses ist, das ihn startet. Sondern kritisch ist, wie nah die Bäume zusammenstehen, wie brennbar sie sind, wie der Wind weht usw.



Als ich das Manuskript gelesen habe, ist mir Zarah Leander in den Sinn gekommen. Ein CD-Album mit allen ihren Liedern lag bei uns dieses Jahr auf dem Gabentisch.

Wenn man diese Schlager, Songs, Chansons hört, dann fällt es sehr schwer, zu sagen, welcher "gut" ist und welcher weniger. Die meisten haben eingängige Melodien. Sie werden mit Zarahs unnachahmlicher Stimme und Intonation mal geraunt und mal geschmettert. Alle gehen sie ins Ohr.

Warum wurde der eine ein Weltschlager und ist der andere vergessen? Was macht überhaupt solche Musik- Produktionen zu Erfolgen oder zu Flops? Man kann natürlich viele Faktoren aufzählen - die Bekanntheit des Interpreten, bestimmte Moden, das Marketing usw. Aber von erfahrenen Produzenten hört man immer wieder, daß sich der Erfolg eines Schlagers nicht programmieren läßt.

Im Sinn der Modelle von Watts und Dodds könnte man sagen: Es hängt erheblich von der zufälligen Konfiguration ab, welche Kaskaden entstehen und sich ausbreiten. Wichtiger als die Meinungsführer sind dabei diejenigen, deren Meinung "geführt" werden soll.

Sie reagieren immer wieder unpredictably, nicht vorhersagbar.



Und damit sind wir doch noch bei der aktuellen Politik angekommen: Was könnte solche nicht zu prognostizierende Kaskaden, Flächenbrände, Buschfeuer besser illustrieren als die Art, wie sich die Anhängerschaften von Mike Huckabee und Barack Obama in Iowa in den vergangenen Wochen entwickelt haben?

Und nun scheint sich die Kaskade, sich weiter hochschaukelnd, nach New Hampshire auszubreiten. Bis vor wenigen Tagen eine sichere Wette für Clinton. Heute ist die zweite Umfrage nach Obamas Sieg in Iowa publiziert worden. Diese Umfrage der American Research Group (ARG) gibt Obama einen Vorsprung von 12 Prozentpunkten vor Clinton, nachdem schon eine Umfrage des Rasmussen- Instituts sie mit einem Abstand von 10 Punkten vorn gesehen hat.

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4. Januar 2008

Randbemerkung: Warum Huckabee und Obama gewannen. Das Paradox von Iowa

Das Paradoxe im Ergebnis von Iowa liegt darin, daß die beiden Gewinnner ihre Siege sehr spezifischen Faktoren im Bundesstaat Iowa verdanken, daß sie damit aber zugleich die Weichen für einen Sieg auch auf nationaler Ebene gestellt haben könnten.

Huckabee wurde ganz wesentlich von Evangelikalen gewählt.

Sie - die sich selbst gern als wiedergeborene Christen bezeichnen - sind in Iowa ungewöhnlich zahlreich. Nur bei ihnen erreichte Huckabee den ersten Platz. Bei den anderen - sie gaben Romney die meisten Stimmen - lag er bei weniger als zwanzig Prozent.

Obama profitierte entscheidend vom Iowa- typischen System des Caucus bei den Demokraten.

Erstens, weil er seit langem vor allem nicht parteigebundene Wähler (Independents) anspricht. In Iowa dürfen diese am Caucus teilnehmen.

Zweitens, weil es in Iowa bei den Demokraten das komplizierte Caucus- Verfahren gibt, das ich kürzlich beschrieben habe: Nach einer halben Stunde Diskussionen scheiden diejenigen Kandidaten aus, für die sich weniger als (meist) 15 Prozent der Anwesenden entschieden haben. Um deren Stimmen werben dann die Anhänger der anderen Kandidaten. Es ist also wichtig für den Sieg eines der großen Kandidaten, für möglichst viele Anhänger der kleineren Kandidaten als zweite Wahl in Frage zu kommen. Das tut Clinton nicht, wie Umfragen seit langem zeigen. Sie polarisiert. Wer sich nicht für sie entschieden hat, der ist in der Regel ihr Gegner.



Obwohl also Bedingungen, die in den meisten anderen Bundesstaaten so nicht existieren, wesentlich für den Erfolg der beiden Sieger verantwortlich sein dürften, hat diese Wahl doch immense nationale Bedeutung. Und zwar deswegen, weil beide Sieger bis gestern als nicht wirklich aussichtsreich galten. Obama, weil er unerfahren und ein Schwarzer ist; Huckabee, weil er unerfahren und ein Evangelikaler ist.

Sie haben beide jetzt überzeugend bewiesen, daß sie siegen können. Beide haben das auch in ihren gestrigen Reden hervorgehoben, deren Tenor so gut wie identisch war: Man hat mir einen solchen Sieg nicht zugetraut, aber siehe - hier ist er.

Und Hillary Clinton? Sie hat in ihrer Rede - ein Kommentator bei CNN hat das unverblümt gesagt - das genau Falsche getan.

Als sie sprach, stand noch nicht fest, daß sie es noch nicht einmal auf den zweiten Platz geschafft hatte. Daß sie nicht gesiegt hatte, war aber klar. Auf diesen Rückschlag ist sie mit keinem Wort eingegangen. Sie wirkte auf mich wie letztes Jahr Ségolène Royal, die nach dem verlorenen ersten Wahlgang mit strahlendem Lächeln vor die Journalisten trat und so tat, als sei sie die Siegerin.

So auch Clinton. Damit machte sie einen krassen Fehler. Denn in diesem Wahlkampf ist Authentizität ein Schlüsselbegriff, die Glaubwürdigkeit der Kandidaten. Wer seine Niederlage einfach übergeht, der ist nicht glaubwürdig.

Dann hat sie noch einen zweiten Fehler auf den ersten draufgesetzt, indem sie - offenbar in dem Versuch, das Positive in dem Ergebnis zu finden - immer wieder von der Demokratischen Partei sprach und diese in den höchsten Tönen lobte. Sehr ungeschickt, wenn man auch nicht gebundene Wähler ansprechen will.



Noch etwas zu meinem persönlichen Eindruck von den Reden Huckabees und Obamas:

Huckabee, den ich zum ersten Mal bei einem längeren Auftritt gesehen habe, wirkte auf mich unerwartet sympathisch. Der einzige, der Selbstironie zeigte, der sich menschlich und entspannt gab. Der einzige, den man vermutlich schwer im Computer hätte generieren können. Ein Mann, von dem man einen Gebrauchtwagen kaufen würden, den man gern zum Freund hätte.

Obama war, wie immer, rhetorisch glänzend. Auch in seiner Mimik, die mit entschlossenem Blick und manchmal vorgerecktem Kinn Entschlossenheit signalisierte. Inhaltlich war seine Rede aber vollständig leer. Sie bestand in Variationen der Aussage, daß der Change angesagt sei, und in Lobpreisungen Amerikas.



Wenn sie nicht einen Präsidenten im Amt bestätigen oder einen seiner Getreuen zum Nachfolger wählen, dann neigen die Amerikaner dazu, sich einen Helden auszusuchen, der den Aufbruch zu neuen Ufern verspricht. So wurden Roosevelt, Kennedy, Carter, Reagan Präsident.

Sowohl Huckebee als auch Obama haben diesen messianischen Touch. Bei Obama verbunden mit jugendlichem Ungestüm, bei Huckabee eher innerhalb der Rolle des Weisen. Der eine ein zweiter Kennedy, der andere ein neuer Ronald Reagan.

Oder ein neuer Eisenhower, dessen Slogan "I like Ike" Huckabees Wahlkämpfer zu "I like Mike" abgewandelt haben. An Eisenhower allerdings erinnern sich nur noch die ganz Alten. Und die sind, wie die entrance polls zeigen, bei den Republikanern ohnehin für Huckabee.



Nachtrag: Wer sich die Reden von Obama und Clinton ansehen will, findet Links zu den YouTube- Videos in dem Kommentar von Marian Wirth in B.L.O.G., der überhaupt sehr lesenswert ist.

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