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29. Januar 2009

Gedanken zu Frankreich (29). Wie man in Frankreich auf die Wirtschaftskrise reagiert. Ganz anders als in Deutschland. Heute ist Generalstreik

Heute gibt es in Frankreich etwas, was in fast sechzig Jahren Bundesrepublik Deutschland bei uns nicht stattgefunden hat: einen Generalstreik.

Nicht nur einen Generalstreik; sondern - das muß ja nicht damit einhergehen, obwohl dies die Regel ist - einen politischen Streik.

Aufgerufen habe dazu gemeinsam alle acht großen Gewerkschaften. Aufgerufen haben aber auch Parteien der extremen Linken, darunter die Kommunistische Partei Frankreichs und die mit ihr verbündete PG (Parti de Gauche), die kürzlich unter tätiger Mithilfe von Oskar Lafontaine gegründet wurde.

Das ist für uns Deutsche alles ziemlich fremd. Dieser Schulterschluß zwischen den großen Gewerkschaften und Parteien der extremen Linken. Ein politischer Generalstreik. Und vor allem: Dies als Reaktion auf die ausgebrochene Wirtschaftskrise.

Wo liegen die Unterschiede? Wo kommen sie her? Sie liegen, scheint mir, teils im französischen Gewerkschaftssystem; teils aber auch in dem Verständnis von Staat und Politik, das ganz anders ist als in Deutschland.



Wenn man in Deutschland von "den großen Gewerkschaften" spricht, dann denkt man an Gewerkschaften wie die IG Metall oder Ver.di. Gewerkschaften also, die unter dem Dach des DGB für bestimmte Branchen zuständig sind.

In Frankreich ist das anders. Es gibt keinen Dachverband wie den DGB. Die Gewerkschaften sind intern zwar auch in Sektionen für die einzelnen Branchen gegliedert, aber in der Außendarstellung spielt das kaum keine Rolle. Da treten sie als eine Einheit auf.

Da treten sie als Einheiten auf - und gegeneinander an. Denn die Gewerkschaften konkurrieren um Mitglieder. Und sie tun das nicht auf der Basis dessen, was sie potentiellen Mitgliedern an Leistungen anzubieten haben; sondern sie tun es auf der politischen Ebene.

Die Gewerkschaften sind politisch ausgerichtet; ja einige sind so etwas wie die Gewerkschafts- Organisation einer Partei.

Das gilt vor allem für die CGT, die Conféderation Générale de Travail, die eng mit der Kommunistischen Partei Frankreichs verbunden ist, und für die CFDT (Confédération Française Démocratique du Travail), die dem linken Flügel der Sozialistischen Partei nahesteht.

Diese und andere, kleinere Gewerkschaften verstehen sich nicht, wie die Einzelgewerkschaften des DGB, als überparteiliche Interessenvertretungen der Arbeitnehmer. Natürlich wollen auch die französischen Gewerkschaften die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Aber nicht nur, noch nicht einmal primär, indem sie höhere Löhne oder kürzere Arbeitszeiten aushandeln. Sondern als das tiefere, das eigentliche Interesse ihrer Mitglieder sehen sie eine Änderung der politischen Zustände.



Damit nun hängt zusammen, daß der Adressat von Streiks in Frankreich sehr oft nicht die Arbeitgeber sind, sondern die Regierung. Sie soll zu bestimmten Maßnahmen gezwungen, vor alle soll sie davon abgebracht werden, bestimmte Gesetzesvorhaben zu realisieren. Viele Reformen sind in Frankreich auf diese Weise gescheitert, bevor sie überhaupt auf den parlamentarischen Weg gebracht werden konnten.

Das gelingt umso leichter, als in Frankreich auch Beamte das Streikrecht haben. Streiks der Lehrer oder der Bediensteten staatlicher Verkehrsbetriebe sind an der Tagesordnung.

Die cheminots, die Eisenbahner der staatlichen SNCF, gehören zu den streikfreudigsten Franzosen überhaupt. Erstens gefährden sie mit einem Streik nicht ihre (faktisch unkündbaren) Arbeitsplätze. Zweitens kann man kaum besser Druck auf eine Regierung ausüben, als indem man den Bahnverkehr im ganzen Land lahmlegt.

Das wird auch heute wieder der Fall sein, wie ein Überblick des Nouvel Observateur über die in den einzelnen Sektoren geplanten Streiks zeigt. Lediglich ein Teil des Schnellzugverkehrs wird normal laufen.

Ebenso werden die Lehrer und Ärzte streiken, sofern sie gewerkschaftlich organisiert sind, die Bankangestellten, die Dockarbeiter, die Post und die Energiewirtschaft, die France Télécom, die Richter und das Personal der Flughäfen. Und so weiter und so fort. Sogar die Piloten von Hubschraubern werden in der Übersicht als eine Gruppe erwähnt, die heute in den Streik tritt.



Und wozu das alles? Was soll der ganze Aufwand? In dem Streikaufruf heißt es:
La crise economique amplifiée par la crise financière internationale touche durement une grande partie des salariés dans leurs emplois et leurs revenus. Alors qu’ils n’en sont en rien responsables, les salariés, demandeurs d’emploi et retraités, sont les premières victimes de cette crise. (...)

Face à cette situation et considérant qu’il est de leur responsabilité d’agir en commun, en particulier lors de la journée du 29 janvier, pour obtenir des mesures favorables aux salariés, les organisations syndicales CFDT, CFTC, CFE-CGC, CGT, FO, FSU, Solidaires, UNSA ont décidé d’interpeller les entreprises, le patronat et l’Etat. Surmonter la crise implique des mesures urgentes en faveur de l’emploi, des rémunérations et des politiques publiques intégrées dans une politique de relance économique.

Die Wirtschaftskrise, verstärkt durch die internationale Finanzkrise, trifft einen großen Teil der Lohnabhängigen hart in ihrer Beschäftigung und ihrem Einkommen. Obwohl sie dafür in keiner Weise verantwortlich sind, sind die Lohnabhängigen, die Arbeitsuchenden und die Rentner die ersten Opfer dieser Krise. (...)

Angesichts dieser Situation und in Anbetracht dessen, daß es in ihrer Verantwortung liegt, gemeinsam zu handeln, haben die gewerkschaftlichen Organisationen CFDT, CFTC, CFE-CGC, CGT, FO, FSU, Solidaires und UNSA beschlossen, die Firmen, die Unternehmer- Verbände und den Staat in die Pflicht zu nehmen. Die Überwindung der Krise verlangt dringende Maßnahmen zugunsten der Beschäftigung, der Löhne und der Politik der öffentlichen Hand, eingebettet in eine Politik der Ankurbelung der Wirtschaft.
Im einzelnen werden dann zahlreiche Maßnahmen gefordert - zum Beispiel die Rücknahme eines geplanten Personalabbaus im öffentlichen Dienst; eine Anhebung der Löhne vor allem im Niedriglohn- Bereich; mehr sozialer Wohnungsbau; Ausbau der Infrastruktur und des öffentlichen Dienstes; direkte Kontrolle des Bankwesens; Hilfen für Unternehmen nur, wenn diese soziale Verbesserungen zusagen usw.

Nicht wahr, Sie wundern sich, daß das aus französischer Sicht alles Sache der Gewerkschaften ist?

Dahinter steckt eben ein anderes Verständnis von Politik als in Deutschland.

Die Franzosen - 69 Prozent unterstützen den Streik oder sympathisieren damit - haben ein aus deutscher Sicht eigenartig ambivalentes Verhältnis zum Staat.

Einerseits sind sie staatsgläubig wie kaum ein anderes Volk in Europa. Der Staat soll möglichst alles regeln und in Ordnung bringen. Das ist ein Etatismus, der auf die Zeit des Absolutismus zurückgeht, als Frankreich ein straffer Zentralstaat war. Dieser wurde von der Revolution keineswegs überwunden; erst recht nicht von Bonaparte, der ihn im Gegenteil perfektionierte.

Das wirkt bis in die Gegenwart hinein; und in dieser etatistischen Haltung sind sich die Linken mit den Rechten einig. "Liberal" gilt in Frankreich weithin als ein Schimpfwort; keine Partei nennt sich liberal.

Andererseits haben die Franzosen aber ein tiefes Mißtrauen gegenüber diesem Staat, von dem sie so viel erwarten. Man muß ihm gewissermaßen ständig Beine machen, ihn bedrängen, ihn unter Druck setzen.

So auch in der jetzigen Krise. Die Maßnahmen, die in dem Aufruf gefordert werden, mögen vernünftig sein oder auch nicht (aus meiner Sicht sind es die meisten nicht) - aber man sollte doch meinen, daß das die Fachleute im Wirtschaftsministerium, daß es die Ökonomen und die in diesem Bereich spezialisierten Politiker besser beurteilen können als ein Gewerkschafts- Sekretär.

Aber so denken die meisten Franzosen nicht. Sie glauben nicht daran, daß "die Politiker" überhaupt etwas für den "Kleinen Mann" tun wollen. Es sei denn, man tritt sie in jenen Körperteil, auf dem sie in ihren fauteuils sitzen.



Natürlich wird das nichts bewirken. Allenfalls bremsen können die Gewerkschaften das Handeln der Regierung Sarkozy, die ja eher für ihren Aktionismus als für Nichtstun bekannt ist.

Aber so ein Tag wie heute - der ist doch wunderschön. Man zieht gemeinsam durch die Straßen, man fühlt sich gemeinsam stark, man hat mal was anderes. Das mögen die Franzosen. Die Große Revolution, zum xten Mal symbolisch nachgespielt. Die Älteren werden sich nostalgisch an den Mai 1968 erinnern.

Und hier noch ein Plakat, das den Grundgedanken dieses Streiks sehr schön visualisiert. Ich habe es auf dem für die Organisation des Streiks eingerichteten Blog "Grève Générale du 29 janvier 2009" gefunden; es ist zum Herunterladen freigegeben:




Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

20. Februar 2008

Jetzt streiken sie wieder. Muß das eigentlich sein?

In Deutschland gibt es eine Gewerkschaft, hervorgegangen aus der ÖTV und anderen Gewerkschaften, die den Namen "Vereinte Dienstleistungs- Gewerkschaft" trägt. Sie hat die Abkürzung ver.di gewählt, gesprochen "ferdi".

Nein, vielmehr müßte diese Abkürzung so ausgesprochen werden. Aber seltsamerweise wird sie, jedenfalls von den Nachrichten- Sprechern, "werdi" ausgesprochen. So, als laute der abgekürzte Name "Wereinte Dienstleistungs- Gewerkschaft".

Offenbar ist man in dieser Gewerkschaft - oder bei den Nachrichten- Sprechern - derart gebildet, daß die Abkürzung unweigerlich den Namen eines Komponisten hervorruft, den man, falls man des Italienischen mächtig ist, so ähnlich wie "werdi" aussprechen kann.



Aber ich schweife ab, bevor ich überhaupt zu meinem Thema gekommen bin. Oder vielleicht doch nicht. Denn das Thema ist strike.

Auch so ein Fremdwort, das wir allerdings, in seiner ins Deutsche übernommenen Version, nicht "s-traik" aussprechen, sondern "schtraik". Auch schreiben wir es nicht mehr strike, sondern Streik. Aus dem Fremdwort ist also ein Lehnwort geworden.

"To strike" heißt schlagen, hauen, zuschlagen; dergleichen. Aber nicht wegen dieser gängigen Bedeutung des Worts nannte man im Englischen im 19. Jahrhundert eine Arbeitsniederlegung strike, sondern aufgrund einer Spezialbedeutung des Worts: Es bedeutet auch - man kann das sehr schön bei dem britisch- australischen Historiker Tony Taylor nachlesen - das Einholen, das Reffen der Segel auf einem Schiff. Also die Segel "streichen", wie wir mit einem etymologisch verwandten Wort im Deutschen sagen.

Das Streichen der Segel - das war das Ereignis, das dem strike seinen Namen gegeben hatte. Es trug sich in London zu, im Jahr 1768, und war ein Kulminationspunkt der sozialen Auseinandersetzungen, die es in den Jahrzehnten zuvor gegeben hatte. Eine ihrer Ursachen war der Niedergang der irischen Landwirtschaft gewesen, als deren Folge arbeitslos gewordene Landarbeiter Jobs als Seeleute gesucht hatten.

In Irland hatte sich vor allem eine radikale Organisation hervorgetan, die den Spitznamen "Whiteboys" trug, weil ihre Mitglieder, in weiße Gewänder gehüllt, wie sie später der Ku-Klux-Klan in den USA schätzte, nächtlings Gutsbesitzer zu meucheln pflegten.

Aus diesen Aufrührern wurden, als sie aus Irland in die englischen Hafenstädte strömten, nicht minder aufrührerische Seeleute. Und diese veranstalteten 1768 in London den ersten strike, indem sie die Segel von Schiffen refften, die dadurch am Auslaufen gehindert wurden. Der unmittelbare Anlaß war die Inhaftierung eines radikalen Journalisten und Abgeordneten, John Wilkes, gewesen, dessen Freilassung die "Streikenden" forderten.



Das Wort "Streiken" hat von damals bis heutzutage einen bemerkenswerten Bedeutungs- Wandel erfahren. Heute verwenden wir diesen Begriff, substantivisch und als Verb, nicht nur in Bezug auf Arbeitskämpfe. Auch der Motor eines Autos kann "streiken", der Kugelschreiber kann es, wenn er keinen Strich mehr hervorquellen läßt. Es gibt den "Hungerstreik", den "Käuferstreik"; ja man hat schon von einem "Gebärstreik" gehört.

Aber die Kernbedeutung des Begriffs ist doch auch heute noch die Verweigerung einer Arbeitsleistung, wie bei den Matrosen in London anno 1768. Einen bizarren Streik haben wir gerade in Gestalt des Streiks der in der GDL organisierten Lokomotivführer - nein, nicht hinter uns, sondern nur erlebt. Die nächste Runde; ein weiteres Kapitel dieser Never Ending Story könnte bevorstehen.

Und allmählich zeichnet sich ein neuer Streik ab, der uns viel Ärger machen könnte: Der im Öffentlichen Dienst; der Streik eben jener ver.di. Zur Einstimmung der Mitmachenden sowie des Publikums finden, so hat es sich eingebürgert, derzeit sogenannte Warnstreiks statt.

Wie es weitergehen wird, das kennt man ungefähr so gut, wie Kinder das Märchen kennen, das der Vater ihnen zum siebenundzwanzigsten Mal vorliest:

Es wird Märsche von Menschen geben, die Trillerpfeifen betätigen, die sich an offenen Feuern erwärmen, die Parolen rufen, in denen sich gern "Hohn" auf "Lohn" reimt. Man wird "Streikposten" sehen, die Plakate vor der Brust und auf dem Rücken hängen haben. Kurz, es wird sich etwas abspielen, das wie eine rührende Retro- Veranstaltung wirkt. Irgendwie an die Alemannische Fassenacht erinnernd, oder an die Echternacher Springprozession.



Ist es wirklich erforderlich, im 21. Jahrhundert Lohnverhandlungen von solchen folkloristischen Spektakeln begleiten zu lassen?

Von Sonderwünschen spezifischer Gruppen (wie der Lokomotivführer der GDL) abgesehen, die versuchen, ihren Platz im Lohngefüge zu verschieben, bewegt sich dieses Lohngefüge doch, ähnlich wie ein Geleitzug, mit ungefähr gleicher Geschwindigkeit. Die Größenordnung der Lohnsteigerungen, die, gegeben die wirtschaftliche Lage, "drin" sind, steht im Vorhinein fest. Experten sagen sie für dieses Jahr mit etwas über drei Prozent vorher.

Da die Gewerkschaften zeigen müssen, daß sie für ihre Mitglieder kämpfen, werden die tatsächlichen Lohnsteigerungen ein Stück höher ausfallen. Natürlich ist das von Branche zu Branche verschieden, je nach deren momentaner Leistungskraft. Aber bei drei, vielleicht vier Prozent werden die Lohnsteigerungen 2008 liegen. In sehr gut verdienenden Branchen vielleicht bis zu fünf Prozent.



Warum also das ganze Theater? Warum die "Warnstreiks", die Klassenkampf- Rhetorik, die Streiks, die es vielleicht wirklich gibt, ohne daß sie am Ergebnis Wesentliches ändern werden? Streiks des Öffentlichen Dienstes, die dem Arbeitgeber überhaupt nicht schaden werden, sondern nur uns, den Bürgern, die wir auf Dienstleistungen des Staats, der Kommunen, ihrer Betriebe angewiesen sind?

Warum können sich Unternehmens- Verbände und Gewerkschaften nicht zusammensetzen, ihre jeweiligen Experten hinzuziehen und dann so verhandeln wie, sagen wir, ein Fabrikant und ein potentieller Abnehmer seines Produkts miteinander verhandeln?

Natürlich wird da gepokert. Natürlich versucht der Fabrikant einen möglichst hohen und sein möglicher Kunde einen möglichst niedrigen Preis zu erzielen. Aber dazu wird doch kein öffentliches Tamtam veranstaltet. Welcher Preis herauskommt, darüber entscheidet letztlich, wieviel es dem Fabrikanten wert ist, seine Ware an diesen Kunden zu verkaufen, und wieviel es dem Kunden wert ist, diese Ware von diesem Hersteller zu erwerben.

Um nicht mißverstanden zu werden: Selbstverständlich muß es ein Streikrecht geben. Zu streiken ist die Ultima Ratio für Arbeitnehmer, so wie es für Arbeitgeber die Ultima Ratio ist, als Folge zu hoher Lohnabschlüsse Stellen abzubauen.

Das eine wie das andere sollte, wenn man sich auf beiden Seiten vernünftig verhält, vermieden werden können. Und gar keinen Grund gibt es für das Kasperl- Theater der "Warnstreiks", bevor man überhaupt zu Ende verhandelt hat.

Es ist aus Sicht der Arbeitgeber unvernünftig, den Arbeitnehmern so wenig entgegenzukommen, daß diese zur Ultima Ratio des Streiks greifen. Es ist aus Sicht der Arbeitnehmer ebenso unvernünftig, mittels Streiks so hohe Abschlüsse erzwingen zu wollen, daß Entlassungen die Folge sind.

Wenn man sich verhält wie erwachsene Menschen und nicht wie Matrosen aus dem 18. Jahrhundert, wie Revoluzzer aus dem 19. Jahrhundert oder wie System- Veränderer aus dem 20. Jahrhundert - wenn man also auch bei den Gewerkschaften in der Gegenwart angekommen ist und mit dem Partner hart, aber rational verhandelt, dann müßte dieses Spektakel der Streiks eigentlich ein seltener Ausnahmefall werden.



Nur gibt es freilich für Streiks ein sehr starkes Argument, aus Sicht der Gewerkschaften: Der Streik ist die Gelegenheit für sie, sichtbar zu werden. Mit ihm erweisen sie ihre Existenzberechtigung. Er liefert ihnen Medienpräsenz, führt ihnen neue Mitglieder zu. Er ist ihre große Stunde. Die Stunde, die sie - wie die zuvor fast unbekannte GDL - ins öffentliche Bewußtsein rückt.

Ich fürchte, sie werden sich das nicht nehmen lassen. So wenig, wie man den Gestüten ihre Hengstparade nehmen kann, den Fliegern ihre Flugshow oder den Soldaten die Tattoos und den Großen Zapfenstreich. So wenig, wie den Alemannen ihre Fassenacht.

Titelvignette: Streik von Textilarbeitern in Chicago 1915. In der Public Domain, da die Rechte im Besitz der Library of Congress sind. Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

26. Dezember 2007

Zitat des Tages: "Der Arbeitsfrieden wird gefährdet"

If train engineers can negotiate their own terms, other small but influential sectors of the economy will probably take the same path. (...) This ... could lead to a sharp increase in the number of strikes, weakening an economy that has always been able to attract investors with the promise of stability at the workplace.

("Wenn die Lokomotivführer ihre eigenen Bedingungen aushandeln können, werden andere kleine, aber einflußreiche Sektoren der Wirtschaft wahrscheinlich denselben Weg gehen. (...) Das ... könnte zu einem steilen Anstieg in der Zahl der Streiks führen und eine Wirtschaft schwächen, die bisher Investoren stets mit dem Versprechen anlocken konnte, daß an den Arbeitsplätzen Stabilität herrscht.")

Judy Dempsey in der heutigen International Herald Tribune. Titel des Artikels: "Germany's postwar labor peace in jeopardy as train engineers strike" ("Streik der Lokomotivführer gefährdet den Nachkriegs- Arbeitsfrieden in Deutschland").

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22. November 2007

Wofür, wogegen wird eigentlich in Frankreich gestreikt?

Ein Generalstreik ist das noch nicht in Frankreich, auch wenn im französischen Indymedia dazu aufgerufen wird. Aber ein ziemlich generalisierter Streik ist es schon. Es rollte eine breite Streikwelle, die von den Bahnbediensteten bis zu den Lehrern, von der Presse bis zu den Kliniken, von den Post- bis zu den Bank- Bediensteten, ja bis zu den Richtern reicht.

Nein, von "den" Angehörigen dieser Berufe kann man eigentlich nicht sprechen. Es sind mehr oder weniger große Gruppierungen aus diesen Berufen, die mal hier, mal dort, mal überall in Frankreich die Arbeit niederlegen. Organisiert in den zahlreichen Gewerkschaften, die in Frankreich traditionell politisch ausgerichtet sind; zum Teil - wie die kommunistische CGT - geradezu einer politischen Partei angegliedert.

Damit sind wir bereits bei einem der Schlüssel zum Verständnis dieser Streikwelle: Ganz anders als beim Streik der GDL in Deutschland haben diese Streiks eine starke politische Komponente. So verschieden im einzelnen die Forderungen der Streikenden sind - gemeinsam ist ihnen, daß sie sich gegen geplante, in unterschiedlichen Stadien des Gesetzgebungs- Verfahrens befindliche Reformen der Regierung Fillon, also des Präsidenten Sarkozy richten. In Frankreich ist de politische Streik erlaubt.



Sarkozy ist entschlossen, Frankreich umzukrempeln. Auch wenn er sich nicht auf sie beruft - er hat sich das vorgenommen, was in England Margaret Thatcher Anfang der achtziger Jahre bewerkstelligte: Die Wirtschaft deregulieren, das Land modernisieren, die Macht der Gewerkschaften brechen oder mindestens zügeln, die heute in Frankreich der Modernisierung genauso im Wege stehen wie damals in England.

Sarkozy ist - mit einer (bisher noch) schier unerschöpflichen Tatkraft gesegnet - fest entschlossen, "alle Reformen zugleich" zu realisieren. Und mit seiner sehr komfortablen Mehrheit in der Nationalversammlung und mit der Unterstützung einer großen Mehrheit der Franzosen hat er gute Chancen, es zu schaffen.

Ja, mit der Unterstützung einer großen Mehrheit. Das mag überraschen; denn die Streikenden und ihre demonstrierenden Sympathisanten sind in den Schlagzeilen, und man sieht sie rund um die Uhr auf den Bildschirmen. Die Schweigende Mehrheit - die gerade in Frankreich traditionell sehr schweigsam ist - denkt aber ganz anders als diese so sichtbar agierenden Protagonisten.

Was "die Franzosen" in ihrer Mehrheit denken, erfährt man nicht aus Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen, sondern erst aus repräsentativen Befragungen. Eine gestern veröffentlichte Umfrage zum immer noch anhaltenden Streik der Eisenbahner erbrachte folgendes Ergebnis:

69 Prozent der Befragten wollen, daß die Regierung den Streikenden nicht nachgibt. Nur 30 Prozent sind für Nachgeben. Sogar die Arbeiter und Angestelltenin der Privatindustrie sind zu 68 Prozent der Meinung, dieser Streik sei "nicht gerechtfertigt".

Freilich nur diese Lohnabhängigen, die in der freien Wirtschaft arbeiten, sind gegen diesen Streik. Von den Angehörigen des Öffentlichen Dienstes halten ihn dagegen 57 Prozent für gerechtfertigt.



Womit wir beim Kern des Konflikts sind: Er ist weniger eine Auseinandersetzung zwischen Arbeiternehmern und Arbeitgebern, als ein Kampf um die Privilegien der Staatsbediensteten in Frankreich.

Um sie, um diese Angehörigen der services publics und ihre Privilegien nämlich geht es bei dem momentanen Eisenbahnerstreik. Man kann sich in Deutschland vom Ausmaß dieser Privilegien kaum eine Vorstellung machen. Deshalb hier einige Beispiele:
  • Mitarbeiter der (staatlichen) Elektrizitäts- und Gaswerke gehen mit 60, teilweise mit 55 Jahren in Rente. Sie erhalten die volle Rente nach 37,5 Beitragsjahren, wobei sich die Rente nicht nach ihrem Durchschnittsverdienst bemißt, sondern nach ihrem letzten Verdienst. Das gilt auch für die anderen, die im Genuß eines solchen "régime spécial" sind, wie z.B. Eisenbahner und Angestellte der Pariser Oper:

  • Eisenbahner gehen mit 55 oder 50 Jahren in Rente und erhalten die volle Rente nach 25 Beitragsjahren.

  • Angestellte der Pariser Oper erhalten ab dem Alter von 40 Jahren (Tänzer), 55 Jahren (Sänger) oder 60 Jahren (Musiker) die volle Rente.
  • Diese Privilegien will Sarkozy abbauen; vor allem soll die volle Rente erst nach 40 Beitragsjahren erreicht werden.

    Eine Selbstverständlichkeit aus deutscher Sicht. Für Frankreich eine Revolution. So, wie es eine Revolution ist, daß Sarkozy den Universitäten Freiheiten geben will, die in Deutschland zum Teil selbstverständlich sind. (Andere werden auch in Deutschland erst jetzt realisiert).

    In gewisser Weise sind also die momentanen Streiks in Frankreich und in Deutschland gegenläufig: Während die französischen Eisenbahner gegen den Abbau ihrer Privilegien streiken, dient der Streik der in der GDL organisierten deutschen Eisenbahner dazu, sich ein solches Privileg - den besonderen Tarifvertrag - erst einmal zu verschaffen.

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    13. November 2007

    Randbemerkung: GDL - eine seltsame Gewerkschaft, ein seltsamer Arbeitskampf

    So etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich kann mich an viele Arbeitskämpfe erinnern, die hart ausgefochten wurden - den Steinkühler-Streik der Metaller von 1973, den Kluncker-Streik im Öffentlichen Dienst von 1974 beispielsweise. Aber das waren Streiks, die - so hart sie waren, so fragwürdig die Ergebnisse vor allem des Kluncker- Streiks - doch rational ausgetragen wurden.

    Bei diesem Streik der Lokführer kann ich das nicht erkennen. Er bietet ein Bild der Hilflosigkeit, des Trotzes, der Inkompetenz von Funktionären, von denen man immer mehr den Eindruck hat, daß sie selbst nicht wissen, was sie eigentlich wollen. Die großen Streiks der Vergangenheit hatten manchmal ein Ende mit Schrecken; aber was die GDL veranstaltet, entwickelt sich immer mehr zum Schrecken ohne Ende.



    Zum ersten Mal habe ich den Streik der GDL Anfang Juli kommentiert - vor mehr als vier Monaten. Es gab damals die ersten Streiks, es gab dann eine Schlichtung, die offenbar ausgegangen ist wie das Hornberger Schießen.

    Seither schleppt sich diese Streikerei dahin. Die beiden Vorsitzenden dieser seltsamen Gewerschaft GDL stellen Maximalforderungen und sind offenbar nicht willens, auch nur zu verhandeln, es sei denn, die Bahn hißt die weiße Flagge.

    Ja, eine seltsame Gewerkschaft ist das. Schon deshalb, weil sie nicht im Deutschen Gewerkschaftsbund ist, sondern - im Deutschen Beamtenbund! Also einer Organisation, der meiste Mitglieder (es sind dort auch Nichtbeamte organisiert) gar nicht streiken dürfen.

    Und das ist er denn auch, ihr Vorsitzender Manfred Schell, ein Beamter. Lokomotiv- Betriebsinspektor der Besoldungsgruppe A 9z.

    Ein seltsamer Gewerkschaftsführer. Selbst ohne Streikrecht, dafür aber mit Pensionsanspruch. Und mit dem "besonderen Treueverhältnis" gegenüber dem Staat, zu dem der Beamte verpflichtet ist. Sein Verhalten läßt das nicht unbedingt erkennen, nicht wahr?

    Und noch dazu ist dieser Manfred Schell als Gewerkschafts- Funktionär eine lame duck, gegen die Präsident Bush geradezu eine Flugente ist: In einem Vierteljahr geht er als Beamter in den Ruhestand; in einem halben Jahr endet seine Amtszeit als Vorsitzender der GDL.

    Sein Nachfolger wird sehr wahrscheinlich Claus Weselsky sein; schon jetzt der starke Mann dieser Gewerkschaft. Die "Financial Times Deutschland" hat ihn den "Einheizer aus Sachsen" genannt. Ein Mann, der in der DDR keine Erfahrungen als Gewerkschafter sammeln konnte, weil es dort keine Gewerkschaft, sondern nur eine staatliche Behörde gab, die sich so nannte. Der dann schon 1990 an der Gründung der GDL in der DDR beteiligt war.



    Wenn man sich ansieht, was die Wikipedia über die GDL zu berichten weiß, dann fällt auf, daß sie - seit sie 2002 aus der Tarifgemeinschaft der Deutschen Bahn ausschied, also auf eigene Faust zu verhandeln versuchte - nicht ein einziges Mal erfolgreich verhandelt hat:
    Im Februar 2003 legte die GDL erstmals einen Vorschlag für einen Spartentarifvertrag für das Zugpersonal vor. Verhandlungen zwischen März und Mai 2003 zwischen DB AG und der Gewerkschaft scheiterten; am 6. März 2003 kam es zu einem Warnstreik. Ein Schlichtungsverfahren bleibt ohne Ergebnis. (...) Im Februar 2005 scheitern Verhandlungen über einen Flächentarifvertrag (...) Im August 2005 werden Verhandlungen zwischen DB und GDL über Langzeitarbeitskonten und einen Sozialsicherungstarifvertrag aufgenommen. Die Verhandlungen scheiterten (...). Im Anschluss legte die GDL einen Qualifizierungstarifvertrag vor, über den seither keine Verhandlungen mehr erfolgten.
    Eine so erfolglose Gewerkschaft dürfte es in der Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung noch nie gegeben haben.

    Warum gelingt dieser Gewerkschaft nichts? Vielleicht gibt es Gründe, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Was wir aber sehen, wir, die Öffentlichkeit, das ist eine Gewerkschaft, geführt von einem Beamten an der Pensionsgrenze und Vorsitzenden auf Abruf und einem designierten Vorsitzenden, der als DDR-Bürger nicht streiken durfte und der als Mitglied der GDL keine Streikerfahrung hat.

    Mir scheint, das könnte diesen Eindruck des Unprofessionellen, der trotzigen Hilflosigkeit, dieses Herumgestreikes ohne klare Linie, ohne eine vernünftige Verhandlungsstrategie erklären.

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