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14. März 2008

Ketzereien zum Irak (29): Der Krieg kehrt in die USA zurück. Als künftiges Wahlkampfthema

Es scheint, als werde der Irak-Krieg in dem bevorstehenden US-Wahlkampf doch eine zentrale Rolle spielen.

Bisher ist das nicht der Fall, denn im jetzigen Vorwahlkampf bestand zwischen den meisten republikanischen Bewerbern und auf der anderen Seite vor allem auch zwischen Clinton und Obama weitgehend Einigkeit. Sowohl Clinton als auch Obama wollen so schnell wie möglich raus aus dem Irak; sie unterscheiden sich nur in den Details und darin, wie weit sie sich jetzt festlegen.

Aber zu McCain besteht ein Unterschied, wie er größer kaum sein könnte. Und dieser Gegensatz wird im Wahlkampf schon deswegen eine Rolle spielen, weil in dessen heißer Phase - also zwischen dem Sommer und dem 4. November - wichtige Entscheidungen für das US-Engagement im Irak anstehen.



Richard Cohen hat vergangenen Dienstag in der Washington Post auf die Parallele zur Bedeutung des Vietnam- Kriegs für den Wahlkampf 1972 aufmerksam gemacht.

Gestern nun erschien in der Los Angeles Times ein Editorial zu den Hintergründen des Rücktritts von Admiral Fallon.

Einen wesentlichen Grund sehen die Autoren in der Animosität zwischen Fallon und General Petraeus.

Teils sei sie Ausdruck der natürlichen Rivalität zwischen einem Feldkommandeur, der die Situation auf seinem Schlachtfeld im Auge hat, und einem Oberbefehlshaber, der das Gesamtbild berücksichtigen muß.

Dazu gebe es, schreibt die LAT, auch eine starke persönliche Abneigung zwischen den beiden Männern; unter anderem werfe Petraeus Fallon vor, sich in seine Kompetenzen einzumischen ("micromanagement", das Hineinregieren eines Vorgesetzten in den Verantwortungs- Bereich eines Untergebenen).

Entscheidend sei aber ein strategisches Dilemma der USA: Einerseits sei der Erfolg des surge nur zu sichern, wenn vorläufig weiter ungefähr 130.000 Mann im Irak bleiben. Deshalb sei Petraeus für "eine strategische Pause" beim Truppenabzug. Andererseits seien die US-Streitkräfte aber bereits so stark belastet, daß eigentlich nur noch 80.000 bis 90.000 Mann im Irak stationiert bleiben könnten.

General Petraeus wird sich im Juli wieder einer Befragung durch den Kongreß stellen. Er denke zwar militärisch, aber seine Position passe gut zur Strategie der Republikaner, dem Wähler Erfolge im Irak vor Augen zu führen, schreibt die LAT. Deshalb stütze Bush die Position von Petraeus.

Wenn am Ende der Erfolg im Irak Bestand hat, dann werde Petraeus der Held sein und Fallon nur eine Fußnote. Falls nicht, dann werde man freilich noch auf Fallon zurückkommen.



So weit die gestrige LAT: Dazu paßt die Meldung von vorgestern, daß nach einer Umfrage des Pew Research Center inzwischen fast die Hälfte (48 Prozent) der Amerikaner meinen, daß der Krieg im Irak gut vorangehe ("the military effort is going well"). Vor einem Jahr hatten das nur 30 Prozent geglaubt.

John McCain kann für sich beanspruchen, der (zumindest geistige) Vater dieses Erfolgs zu sein, denn er trat schon für eine Aufstockung der Truppen im Irak ein, als Präsident Bush noch ganz auf der Linie Rumsfelds war, es mit einem Minimum an Truppen zu versuchen. Den Erfolg der von ihm befürworteten Strategie dürfte McCain im Wahlkampf voll ausspielen.

Und Clinton oder Obama (Clinton und/oder Obama sollte man vielleicht inzwischen sagen) werden natürlich zurückschlagen und den Erfolg des surge zu bestreiten versuchen. Wie das argumentativ aussehen könnte, das hat gestern in der Internet- Zeitung Huffington Post deren Chefin Arianna Huffington skizziert.

Unter der Überschrift "If Democrats remain silent on Iraq now, they will pay a stiff price in November" (Wenn die Demokraten jetzt zum Irak schweigen, werden sie im November einen gesalzenen Preis zahlen) schreibt sie:
Although Election Day is still eight months away, this is a crucial moment in the 2008 campaign. While Clinton and Obama trade blows, the Republicans are slowly winning the war over the war. And Democrats are doing very little to stop them. (...)

So McCain and the White House PR machine are able to promote the myth of success in Iraq without much pushback from the media. Or from Democrats. (...) The fact remains: the surge is not working. Indeed, it is an abject failure on many fronts.

Obwohl es bis zum Wahltag noch acht Monate sind, ist der Wahlkampf 2008 jetzt in einer kritischen Phase. Während Clinton und Obama aufeinander eindreschen, gewinnen die Republikaner allmählich den Krieg um den Krieg. Und die Demokraten tun sehr wenig, sie zu stoppen (...).

Also können McCain und der Apparat des Weißen Hauses den Mythos vom Erfolg im Irak verbreiten, ohne daß von den Medien viel Widerstand käme. Oder von den Demokraten. (...) Tatsache bleibt aber, daß der surge nicht wirkt. In der Tat gibt es an vielen Fronten erbärmliche Mißerfolge.
Arianna Huffington, die eine stramme Demokratin ist, weist damit dem Wahlkampf der Demokraten den Weg, den sie wohl einschlagen werden: Die Erfolge im Irak einfach bestreiten. Auf die immer noch vorkommenden Anschläge hinweisen. Die Regierung des Irak für unfähig erklären, die Probleme zu lösen.

Hillary Clinton hat das vorgemacht, als sie im Anschluß an die Befragung von General Petraeus vor dem Kongreß im vergangenen Herbst dessen Zahlen schlicht - und mit einer gewissen Unverfrorenheit, denn sie kannte die Fakten offensichtlich nicht - für unglaubhaft erklärte.

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21. Oktober 2007

Ketzereien zum Irak (21): General Petraeus, Senatorin Clinton und die Zahl der zivilen Opfer

Zu den vielleicht überraschendsten Mitteilungen, die General Petraeus bei seiner Zeugenaussage vor dem US-Kongreß machte, gehörte die Feststellung, daß die Zahl der zivilen Opfer im Irak stark gesunken sei. Am 11. September sagte er dort laut Washington Post:
Civilian deaths of all categories, less natural causes, have also declined considerably, by over 45 percent Iraq-wide, since the height of the sectarian violence in December.

Die Zahl der Todesfälle aller Arten bei Zivilisten, natürliche Ursachen abgezogen, ist ebenfalls erheblich zurückgegangen, im gesamten Irak um mehr als 45 Prozent seit dem Höhepunkt der konfessionellen Gewalt im Dezember.
Das widersprach offenbar so sehr dem, was die US- Demokraten landauf, landab verkünden, daß noch in der Befragung des Zeugen Petraeus die Senatorin Hillary Clinton das genaue Gegenteil behauptete:
The reports that you provide to us really require the willing suspension of disbelief. ... If you look at all the evidence that's been presented, overall civilian deaths have risen.

Die Berichte, die Sie uns liefern, verlangen wirklich, mutwillig das zu glauben, was nicht zu glauben ist. ... Wenn man alle bekannten Fakten in Rechnung stellt, dann hat die Zahl der getöteten Zivilisten zugenommen.


Es gehört zu den vorbildlichen Traditionen des US- Journalismus, daß man dort eine gewissermaßen unbändige Neigung hat, Fakten herauszufinden. Die Washington Post hat dazu eine eigene Rubrik namens Fact Checker. Dort hatte sich Michael Dobbs bereits einmal damit befaßt, welche der beiden Behauptungen über die Todesrate im Irak stimmt; und er hat jetzt noch einmal nachrecherchiert.

Mit folgendem Ergebnis:

Hillary Clinton hat so Unrecht, wie man überhaupt nur Unrecht haben kann. Es gibt schlicht keinen Beleg für ihre Behauptung.

General Petraeus hat im Prinzip Recht, nur hätte er - meint Michael Dobbs - seine Aussage vorsichtiger formulieren sollen.

Das "mehr als 45 Prozent" stimmt nämlich nur dann, wenn man - siehe diese Grafik - Daten aus zwei Quellen kombiniert: Die von den US-Streitkräften selbst ermittelten Todesfälle plus die zusätzlichen Todesfälle, die von den irakischen Behörden mitgeteilt wurden. Die letzteren zeigen den Rückgang erheblich ausgeprägter und sind vermutlich weniger zuverlässig. Darauf hätte - meint Michael Dobbs - der General aufmerksam machen sollen. (Und weil er das nicht getan hatte, bekam auch er einen "Pinocchio" verpaßt).

Andererseits - auch das erwähnt Michael Dobbs - haben unabhängige Einrichtungen, darunter der sicher nicht Bush- freundliche Iraq Body Count, sogar einen noch stärkeren Rückgang ermittelt als die US-Streitkräfte.



Ich habe von Beginn des Irak-Kriegs an die Informationspolitik des US-Militärs ziemlich aufmerksam verfolgt und hatte immer den Eindruck, daß man sich um eine ungeschminkte Darstellung der Tatsachen bemühte. Das hat sich auch an diesem Beispiel wieder bestätigt.

Daß andererseits die Senatorin Clinton leichtfertig in einer solch zentralen Frage Dinge behauptet, die schlicht unwahr sind, scheint mir doch gewisse Zweifel an ihrer Eignung für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten zu wecken. Beziehungsweise - was mich betrifft - die vorhandenen Zweifel zu bestätigen.

Links zu den bisherigen Folgen der Serie "Ketzereien zum Irak" findet man hier. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.