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21. Juni 2009

Zitate des Tages: "Der Unterschied zwischen Ahmadinedschad und Mussawi ist gar nicht so groß". Das beschämende Verhalten des Präsidenten Obama

Although there is amazing ferment taking place in Iran, the difference between Ahmadinejad and Mousavi in terms of their actual positions may not be as great as has been advertised.

(Wenn es im Iran auch erstaunlich gärt, dürfte der Unterschied zwischen Ahmadinedschad und Mussawi, was ihre tatsächlichen Positionen angeht, nicht so groß sein, wie es an die Wand gemalt wird).

Präsident Barack Obama laut Washington Post am Dienstag vergangener Woche gegenüber CNBC.


To say there's not a bit of difference between the two candidates is beside the point. The Iranian people, obviously, think there's some difference, or tens or hundreds of thousands of them wouldn't be in the streets.

(Zu behaupten, daß es kein bißchen von einem Unterschied zwischen den beiden Kandidaten gebe, geht an der Sache vorbei. Das iranische Volk sieht offenbar schon einen Unterschied, sonst wären Zehn- oder Hunderttausende ja nicht auf der Straße.)

Senator John McCain am Mittwoch laut derselben Quelle als Antwort auf die Aussage Präsident Obamas.


Millions of Iranians take to the streets to defy a theocratic dictatorship that, among its other finer qualities, is a self- declared enemy of America and the tolerance and liberties it represents. The demonstrators are fighting on their own, but they await just a word that America is on their side. And what do they hear from the president of the United States? Silence. Then, worse. Three days in, the president makes clear his policy: continued "dialogue" with their clerical masters.

(Millionen Iraner gehen auf die Straße, um der theokratischen Diktatur die Stirn zu bieten, die neben ihren anderen edleren Eigenschaften der selbsternannte Feind Amerikas und der Toleranz und der Freiheiten ist, für die es steht. Die Demonstranten kämpfen auf sich allein gestellt, aber sie warten auf doch wenigstens ein Wort, daß Amerika auf ihrer Seite steht. Und was hören sie vom Präsidenten der Vereinigten Staaten? Schweigen. Und schlimmer: Nach drei Tagen macht der Präsident seine Politik deutlich - Fortführung des "Dialogs" mit ihren Herren aus dem Klerus.)

Charles Krauthammer am Freitag in seiner Kolumne in der Washington Post


Kommentar: Die angemessene Bezeichnung für das Verhalten Präsident Obamas ist das Wort "beschämend".

Ausgerechnet dieser Mann, der ständig von Moral spricht, versagt in der ersten Situation in seiner Präsidentschaft, die es verlangt hätte, moralisches Rückgrat zu zeigen. Er eiert herum, er will sich nicht festlegen, er zeigt eine erbärmliche Variante von dem, was auch im Englischen "Realpolitik" genannt wird.

Oder genauer: Eine Woche lang hat er sich so verhalten. Über eine Woche hinweg, in der eine klare Stellungnahme der USA der Opposition hätte Mut machen, in der sie die Machthaber vor einem harten Durchgreifen hätte warnen können.

Und jetzt, ausgerechnet jetzt, nachdem Chamenei in seiner Freitagspredigt verkündet hat, daß die Würfel zugunsten einer harten Lösung gefallen sind - jetzt auf einmal kommt Obama aus der Deckung und gibt den Verteidiger der Menschenrechte.

Für mich bestätigt dieses Verhalten das Bild von diesem Mann, das ich im Lauf des Wahlkampfs gewonnen habe: Obama ist ein Opportunist, ein - so habe ich ihn in diesem Artikel genannt - Chamäleon, das sich jeder Umgebung, jeder Situation perfekt anpaßt.

Solange er damit rechnen konnte, daß die Proteste nach ein paar Tagen unter der Kontrolle des Regimes sein würden, tat er nichts, um sie zu ermutigen. Er konnte erwarten, dafür die Zustimmung der Mehrheit der Amerikaner zu haben. Jetzt schlägt das Regime brutal zu, und die Öffentliche Meinung in den USA reagiert darauf.

Und auf diese Öffentliche Meinung reagiert er nun seinerseits, der Präsident Obama. Jetzt, nachdem es vermutlch zu spät ist, wo eine Ermunterung der Opposition dieser kaum noch helfen kann - allenfalls um den Preis eines blutigen Aufstands -, stellt sich dieser Präsident auf einmal auf ihre Seite.

Nein, er denkt so wenig an die Demokraten im Iran wie im Lauf der vergangenen Woche. Er denkt aber an seine Popularität bei den Amerikanern.



Noch ein Satz aus der Kolumne von Charles Krauthammer: "This from a president who fancies himself the restorer of America's moral standing in the world". - "Dies von einem Präsidenten, der sich einbildet, derjenige zu sein, der Amerikas moralisches Ansehen in der Welt wieder herstellt".



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13. April 2009

Zettels OsterfragerEi (5): Ist der Atheismus an den Verbrechern der Kommunisten und der Nazis schuld? Braucht Moral die Religion?

Der Bischof von Augsburg und Militärbischof der Bundeswehr, Dr. Walter Mixa, hat eine wahre Philippika gegen den Atheismus verfaßt und sie in seine diesjährige Osterpredigt eingebaut. Hier ist ein Auszug aus dem Bericht darüber auf seiner WebSite:
"Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet. Eine Gesellschaft ohne Gott ist die Hölle auf Erden", sagte Mixa bei seiner Predigt am Sonntag in der Augsburger Marienkathedrale. (...) "Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen", sagte der Augsburger Bischof.
Starker Tobak. So stark, daß es mir als Agnostiker schwerfällt, so etwas ernst zu nehmen.

Denn man muß ja nicht unbedingt, wie Karlheinz Deschner das mit grimmiger Gründlichkeit getan hat (seine "Kriminalgeschichte des Christentums" ist inzwischen bei Band 9 angekommen), den Blick auf die Geschichte richten, um das Offensichtliche zu belegen: Daß Massenmorde, begangen im Namen der Religion, ein ubiquitäres Phänomen sind; Massenmorde von Atheisten hingegen ein relativ neues und auch geographisch begrenztes. Man kann auch in der Gegenwart bleiben und sich den Iran und das Afghanistan der Taliban ansehen; beide ja nicht unbedingt atheistische Regimes.

Die Hypothese, daß die Verbrechen der Kommunisten und der Nazis deren Atheismus geschuldet seien, ist schon deshalb indiskutabel, weil die Nazis ja keineswegs atheistisch waren. "Gottgläubig" stand in der Nazizeit im Paß derer, die aus der Kirche ausgetreten waren; "Deutsche Christen" nannten sich die protestantischen Nazis.

Und daß die Verbrechen des Kommunismus dem Atheismus und nicht der marxistisch- leninistischen Ideologie geschuldet seien, ist eine Behauptung, die man einem Dorfgeistlichen durchgehen lassen kann, aber nicht einem Bischof und promovierten Theologen. Die Sowjets waren Atheisten und Massenmörder, weil sie Marxisten- Leninisten waren; sie wurden nicht aus Atheismus zu Marxisten- Leninisten.



So, wie es dieser grobschlächtig denkende Bischof an den Mann zu bringen versucht hat, ist das also kein Thema für eine OsterfragerEi. Aber man muß ja nicht mit Mixas Keule aus dem Hinterwald auf dieses Thema einprügeln. Man kann es auch so formulieren, daß es ein interessantes, ein die Diskussion herausforderndes Thema ist: Welcher Zusammenhang besteht eigentlich zwischen Religion und moralischem Verhalten?

Religionen umfassen in der Regel Vorschriften. Nicht durchweg enthalten sie die Forderung, etwas zu glauben. In den meisten Religionen geht es eher darum, etwas zu tun oder zu unterlassen - zu bestimmten Zeiten zu beten, bestimmte Speisen zu vermeiden, den Göttern zu opfern; dergleichen. Einige Religionen, wie der Buddhismus und der Konfuzianismus, mögen mehr Wert auf die Anleitung zur Lebensführung legen als auf das Einhalten von Vorschriften; aber überwiegend sind Religionen doch präskriptiv.

Das ist auch die Moral; sie schreibt uns vor, was wir tun sollen und was wir nicht tun dürfen. Insofern gibt es einen offensichtlichen Zusammenhang; jedenfalls auf dieser äußerlichen Ebene.

Aber wie sieht es auf den anderen, wie sieht es auf der inhaltlichen, wie auf der motivationalen Ebene aus? Handeln Menschen nur dann, oder jedenfalls überwiegend dann, moralisch, wenn sie dies aus einer religiösen Überzeugung heraus tun? Liefert nur die Religion eine feste Basis dafür, verbindliche moralische Regeln aufzustellen? Oder läßt sich Moral auch allein aus der Vernunft heraus begründen; etwa aus dem Kategorischen Imperativ?

Wie steht es mit den evolutionären Wurzeln moralischen Verhaltens? Stimmt es überhaupt, daß Menschen ihrer biologischen Natur nach dazu neigen, sich schlecht und böse zu verhalten, und daß sie erst durch den Zwang der Moral, oder eben sogar erst durch denjenigen der Religion, auf den Weg des Guten gelenkt werden?

Ja, gewiß, das sind große Fragen; Fragen noch dazu, mit denen wir in der Schule beim "Besinnungsaufsatz" gequält und überfordert wurden. Aber es sind ja doch auch ernsthafte, vielleicht sogar wissenschaftliche Fragen. Fragen, die wir nicht beiseite schieben sollten; schon, um nicht Schlichtdenkern wie dem Bischof Mixa das Feld zu überlassen.



Wie immer bei der OsterfragerEi bitte ich um Antworten. Wie immer gibt es dazu einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Wer seine Meinung beisteuern möchte, sich dort aber nicht anmelden mag, der kann mir gern auch eine Mail schicken; ich füge sie dann in den Thread ein. Die Adresse sehen Sie, wenn sie rechts oben auf das kleine Bild von Zettels Haus klicken und dann unter Contact auf Email.

Titelvignette: Lucas Cranach d. Ä., Die Zehn Gebote (Ausschnitt). Copyrightfrei.

4. Mai 2008

Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder. Eine moralisch-hedonistische Generation wendet sich gegen eine skeptische Generation

In den bisherigen Folgen dieser Serie habe ich die Perspektive eines Erzählers eingenommen; desjenigen, der diese Zeit der Achtundsechziger erlebt hat und der nun darauf zurückblickt. Jetzt will ich mich damit befassen, warum das eigentlich so war.

Warum was eigentlich wie war?

Erstens, warum es um die Wende zu den siebziger Jahren eine weltweite Welle von Unruhen gab, deren Träger junge Menschen waren (sagen wir, zwischen 15 und 25 Jahren).

Zweitens, warum diese Jugendbewegung in Deutschland gerade diejenigen Formen annahm, die ich in den früheren Folgen skizziert habe - vom fröhlichen Aufbruch über das Abgleiten in Lächerlichkeit und Autoritätswahn bis hin zu der Entmischung in den Siebzigern, die aus den ehemaligen Genossen wohlbestallte linksliberale Akademiker hat werden lassen, verbohrte Kommunisten, grüne Erretter der Welt, zynische Mörder und Terroristen.



Daß es manchmal dem Verständnis für geschichtliche Bewegungen auf die Beine hilft, wenn man in Generationen denkt, habe ich das erste Mal verstanden, als ich eine Bemerkung von Arno Schmidt über die Romantiker gelesen habe: Das sei eine von Revolutionen, Krieg und ständigen Unruhen geschüttelte Generation gewesen, die sich ihre Welt der Märchen, des Mittelalters, der reinen Poesie als Gegenentwurf zu der üblen Realität geschaffen hatte, in der sie hatte aufwachsen müssen. (Aktuell und mit vielen Einzelheiten kann man das in Rüdiger Safranskis schönem Buch über die Romantik lesen).

Seither habe ich es immer einmal wieder nützlich gefunden, mir solche kollektiven Erfahrungen einer Generation vor Augen zu führen und mich zu fragen, was sie für die Ereignisse einer Epoche bedeutet haben könnten; kürzlich zum Beispiel in Bezug auf die Frage, warum jüngere Amerikaner Barack Obama und ältere Hillary Clinton bevorzugen.

Wie war das bei den Achtundsechzigern? Nehmen wir das Jahr 1970 als Bezugsjahr. Nehmen wir an, daß diese Unruhigen damals im Schnitt zwanzig Jahre waren. Dann waren das die Geburtsjahrgänge um 1950 herum, plus minus vielleicht fünf Jahre.

Eine Generation mit der prägenden Erfahrung - nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Weltgegenden - eines unaufhörlichen Friedens. Mit der Erfahrung, daß alles immer besser wurde.

Im freien Teil Europas entstand die friedliche, ökonomisch ungemein erfolgreiche "Nachkriegsordnung", die sich auf Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gründete. In den USA erholte man sich, wie auch in Europa, von den Lasten des Zweiten Weltkriegs; nach 1953 auch denen des Korea-Kriegs, der dessen letzter Ausläufer gewesen war.

Wer das Pech hatte, in einem der von den Kommunisten eroberten Länder oder Landesteile zu leben, hatte daran nur wenig Anteil. Aber immerhin, wenn man auch nicht frei war, so herrschte doch nicht mehr der nackte Terror, wie unter Stalin. Wenn man auch den Wohlstand, der sich in den kapitalistischen Ländern entwickelte, nur mit neidischem Staunen sehen konnte, so ging es doch auch unter den Kommunisten zumindest nicht ökonomisch bergab.

Und selbst im armen China, das durch den Bürgerkrieg ausgepowert war, setzte nach der Flucht der legalen Regierung Tschiang Kai Tscheks, nach der Machtübernahme Maos so etwas wie eine Zeit des Wiederaufbaus ein. Das Niveau war im Machtbereich des Kommunismus nicht mit dem in der freien Welt zu vergleichen; aber die Richtung war dieselbe: Es wurde besser, mit der Aussicht auf sich immer weiter verbessernde Lebensverhältnisse.



So wuchsen wir Achtundsechziger auf. In einer Zeit des ständigen Fortschritts, der in allen Lebensbereichen mit Händen zu greifen war.

Ich habe das sehr intensiv erlebt. In den ersten Nachkriegsjahren lebte die ganze Familie in einem einzigen Raum, notdürftig durch Bretterwände unterteilt. Meine Eltern gingen "Ähren lesen", nachdem die Felder abgeerntet waren, und wir Kinder sammelten im Herbst Bucheckern, weil die nahrhaft waren. Aber schon 1950 hatten wir wieder ein Auto, natürlich einen VW, dann eine Wohnung, dann ein ganzes Haus. Meine Großmutter kam eines Tages begeistert nach Hause: Sie hatte beim Bäcker den ersten "Blätterteig" seit dem Krieg gesehen. Das war für sie das Zeichen, daß es jetzt wieder voran ging.

So ging das immer weiter für diese Generation. Als man erwachsen geworden war, hatte man eine Kindheit und Jugend hinter sich, die nur eine Richtung gekannt hatte: Alles war immer besser, immer reicher, immer bequemer geworden. Der Frieden war eine selbstverständliche Konstante, die Freiheit war eine Konstante. Der Wohlstand war es gerade nicht. Er war ständig gewachsen, und dieses Wachstum war freilich eine Konstante gewesen; die erste Ableitung sozusagen war stabil geblieben.

Ja, hätte eine solche Generation denn nicht allen Grund gehabt, zufrieden zu sein, ihren Eltern dankbar für das, was sie geleistet hatten, dem Kapitalismus dankbar für den Wohlstand, den er ermöglicht hatte, dem demokratischen Rechtsstaat für die Freiheit, die er garantierte? Auf den ersten Blick scheint es, daß die Kindheits- und Jugenderfahrungen dieser Generation eine Aufruhr gerade nicht rechtfertigten, daß also das generationsbezogene Erklärungsmodell sich als untauglich erweist.

Warum waren die Achtundsechziger so undankbar, das von ihren Eltern und Großeltern Geleistete nicht anzuerkennen? Warum waren sie so realitätsblind, von einem sozialistischen Wolkenkuckucksheim zu träumen, statt sich an der realen Freiheit und dem realen Wohlstand zu erfreuen, in denen sie leben durften?



Karl Marx erklärte revolutionäre Situationen daraus, daß sich ein Widerspruch zwischen Produktivkräften und den Verhältnissen in der Gesellschaft entwickelt hätte: "Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein", schreibt er in der "Kritik der politischen Ökonomie".

Wie vieles, was sich Marx ausdachte, war das an der Französischen Revolution orientiert, wo in der Tat die Herrschaft des Adels zu einer Fessel für die Industrialisierung geworden war; wo die Befreiung des Bürgertums in der Tat große Produktivkräfte freigesetzt hatte.

Für die Situation um 1970 herum ist dieses Erklärungsmodell offensichtlich ganz und gar ungeeignet.

Denn erstens waren die revolutionären Tendenzen nicht gegen eine herrschende Klasse gerichtet, sondern ihre Träger waren die Kinder der Wohlhabenden, während die Arbeiter ihnen (mit wenigen Ausnahmen, wie kurzzeitig in Frankreich) ablehnend gegenüberstanden.

Zweitens war damals der Kapitalismus nicht nur keine Fessel der Produktivkräfte, sondern gerade im damaligen Kapitalismus entwickelten diese sich bestens; das Kommunikations- und Computerzeitalter stand ja vor der Tür.

Und drittens waren die revolutionären Tendenzen, die es damals zweifellos gab, nicht auf eine Befreiung der Produktivkräfte von Fesseln gerichtet, sondern ganz im Gegenteil auf deren Fesselung. Die "Grenzen des Wachstums" war der Titel des vermutlich einflußreichsten Buchs der siebziger Jahre, des "Berichts des Club of Rome". Wenn man damals von "Nullwachstum" sprach, dann meinte man nicht eine Stagnation des BSP, sondern einen erstrebenswerten Zustand, in dem die Wirtschaft allenfalls noch "qualitativ" wachsen sollte.

Kurz - es ging 1968 nicht, wie 1789, um mehr Brot und weniger Steuern, sondern man wollte mehr Steuern, damit der Staat dieses Geld umverteilen konnte, und man wollte die Menschen davon überzeugen, daß Brot nicht alles ist. Vom "Konsumterror" wollte man sie befreien, die Mitmenschen.

Diese (versuchte, freilich steckengebliebene und letztlich gescheiterte) Revolution war in der Tat eine "Kulturrevolution", keine Revoiution mit materiellen Zielen. Sie war die Revolution nicht einer Klasse, sondern einer Generation. Ihr Ziel war es nicht, das Los der Menschen zu verbessern, sondern diese selbst zu besseren Menschen zu machen.



Und doch paßt Marx' Revolutionstheorie in gewisser Weise auf diese revolutionäre Stimmung der Achtundsechziger. Zwar hatten sich Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte nicht auseinanderentwickelt. Aber in anderer Hinsicht gab es doch so etwas wie eine Ungleichzeitigkeit, und es gab auch eine Fesselung aufgrund dieser Ungleichzeitigkeit.

Was sich auseinanderentwickelt hatte, das waren die Lebensverhältnisse und die herrschende Moral. Diese Moral - die Moral der Väter, der Großväter - entsprach nicht mehr den Verhältnissen, in denen die Nachkriegsgeneration aufgewachsen war. Sie wurde deshalb von dieser als eine Fessel empfunden.

Wie 1789 erzeugte das dieses Lebensgefühl: Werft die Fesseln ab! Erstreitet euch eure Freiheit! Nur war es nicht eine Klasse, die dieses Lebensgefühl hatte, sondern eine Generation; nur war die erstrebte Freiheit nicht die, seine Träume von dem Weg aus der Armut in den Wohlstand zu verwirklichen, sondern es war die Freiheit, "sich selbst zu verwirklichen".



Die herrschende Moral ist nicht, wie Marx meinte, die Moral der Herrschenden (die halten sich oft gerade nicht an die herrschende Moral). Sondern es ist die Moral der Generation der Väter, der Großväter. Von ihnen lernt die junge Generation, was gut ist und was böse, was man darf und was nicht, was anständig ist und was unanständig.

In relativ stabilen Zeiten funktioniert diese Weitergabe der Moral ohne Probleme; auch wenn ein wenig Aufmüpfigkeit zum Erwachsenwerden gehört. Aber wenn die Zeiten, in denen die ältere Generation lebte und sich behaupten mußte, sich radikal von denen unterscheiden, in denen die jüngere aufwächst, dann erscheint diese überkommene Moral als nicht mehr legitimiert.

Das war um 1970 herum weltweit der Fall; und hier liegt die Wurzel dieser weltweiten Jugendrevolte.

Die Generationen der Väter und der Großväter hatten fast vierzig Jahre lang - von 1914 bis zum Anfang der fünfziger Jahre - in Zeiten des Kriegs, der Wirren, der Armut, der Unterdrückung zurechtkommen müssen. Das konnte man nur mit "Sekundärtugenden", die damals eben alles andere als sekundär gewesen sind - Fleiß, Disziplin, Gehorsam, vor allem auch Anpassung.

Diese Tugenden waren es auch, die den schnellen Aufstieg nach 1950 ermöglichten. Ein solches "Goldenes Zeitalter" findet man oft nach dem Ende von Kriegswirren, weil dann alle diese Tugenden in den Dienst friedlicher Zwecke gestellt werden können.

Es war, mit Freud gesprochen, eine Zeit, in der das Realitätsprinzip eisern geherrscht hatte; in der dem Lustprinzip, angesichts einer harten Realität, nur wenig Spielraum gelassen werden konnte. Eine "skeptische Generation" hat der Soziologe Helmut Schelsky diese Generation der Väter und Mütter der Achtundsechziger genannt - desillusioniert, realitätsnah, ohne Flausen im Kopf.

Der Frieden, der wachsende Wohlstand, die Freiheit in der Epoche, in der die Achtundsechziger aufwuchsen, ermöglichten aber just solche Flausen. Sie ermöglichten ein lustvolleres Leben, ein weniger von Mühsal geprägtes Leben als das der Eltern und Großeltern. Und sie ermöglichte zugleich den Luxus einer sozusagen höheren, einer altruistischeren, einer gewissermaßen edleren Moral als die der Sekundärtugenden.

Für die Eltern und Großeltern hatte die moralische Anforderung gelautet, die eigene Familie durch schwere Zeiten zu bringen, dafür fleißig, diszipliniert und genügsam zu sein. Die Achtundsechziger konnten sich eine Moral leisten, die das Glück der Menschen in Vietnam und überhaupt weltweit, die ein "entfremdetes Leben" für alle, die "Freiheit von Ausbeutung" zum Inhalt hatte.

Es war eine infantile Moral, eine zugleich hedonistische und überstrenge Moral; eine Moral, die alles forderte und alles beanspruchte. Aus ihr leitete sich das ab, was an der Oberfläche die Zeit der Achtundsechziger so widerspruchsvoll machte - der Traum vom einfachen Leben ebenso wie das Engagement für die "Befreiungskämpfe in der Dritten Welt", die versponnen Lehren der Kathedersozialisten ebenso wie die blutige Praxis der RAF.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

3. Januar 2007

Schäuble, Kant und das Trolley-Problem

Der Bundesinnenminister bleibt hartnäckig: Er wird, so hat er in einem Interview mit der SZ angekündigt, versuchen, trotz der Entscheidung des BVerfG doch noch eine gesetzliche Regelung der Situation herbeizuführen, daß ein von Terroristen gekapertes Flugzeug auf dem Weg dazu ist, ein schweres Unglück herbeizuführen, und daß nur dessen Abschuß das verhindern kann. (Er hat dabei wohl nicht nur den Angriff auf ein Bürozentrum im Auge, sondern den auf ein Atomkraftwerk).

Die juristische Brücke, oder vielleicht Krücke, die Schäuble benutzen möchte, ist der "Quasi-Verteidigungsfall", der für eine solche Situation gelten soll.

Die Brücke muß gezimmert, die Krücke unter die Achsel geklemmt werden, weil das Bundesverfassungsgericht den direkten Weg versperrt, weil es den geraden Gang untersagt hatte. Artikel 1 des Grundgesetzes, so sagt das BVerfG ganz kantianisch, verbiete es, Menschen zu opfern, um andere Menschen zu retten. Punktum.

Kantianisch ist das konsequent, ja zwingend gedacht, gewiß: "Der Mensch aber ist keine Sache, mithin nicht etwas, das bloß als Mittel gebraucht werden kann, sondern muß bei allen seinen Handlungen jederzeit als Zweck an sich selbst betrachtet werden", so hat es Kant rigoros in der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" formuliert; und ich habe das hier schon einmal zitiert, zustimmend.



Aber mit Kants Moral ist das so eine Sache. Sie ist makellos. Indes manchmal nur, solange man sie nicht in der schmutzigen Welt anwendet.

Im Grunde formuliert sie ja nur, getreu Kants ganzem Ansatz, notwendige Voraussetzungen moralischen Handelns, so wie seine Erkenntnistheorie die Bedingungen der Möglichkeit des Erkennens analysiert.

Aber wenn man von den Voraussetzungen zu den Konsequenzen fortschreitet, dann kann sie sehr Bedenkliches hervorbringen, die Kant'sche Moral. Auch wenn man wisse, daß morgen die Welt untergeht, müsse ein zum Tode Verurteilter heute noch hingerichtet werden, so ähnlich hat er es geschrieben. Makellos gedacht, konsequent gedacht, denn der Vollzug der Gerechtigkeit ergibt sich aus der Gerechtigkeit des Urteils, nicht aus den Folgen und Umständen der Realisierung.

Und das BVerfG, das mit seiner Interpretation des Paragraphen 1 GG getreulich Kant folgt, ist ähnlich konsequent. Denn es impliziert ja mit seiner Entscheidung:

Auch wenn Terroristen ein Sportflugzeug mit, sagen wir, fünf Passagieren gekapert haben, dies mit einer mitgebrachten Bombe beladen haben und nun eindeutig auf ein AKW zufliegen, dessen GAU Hunderttausenden das Leben kosten kann - auch dann ist die Regierung gesetzlich verpflichtet, die Hunderttausende zu opfern. Sie darf den Befehl nicht erteilen, die fünf zu opfern, denn sie würde damit deren Menschenwürde verletzen, sie als Mittel zum Zweck einsetzen.



Und was ist mit der Menschenwürde der Hunderttausend, die ums Leben kommen? Nun, in zynischer Interpretation der Position des BVerfG könnte man sagen: Sie verlieren ja nur ihr Leben, aber nicht ihre Menschenwürde. Jedenfalls die Regierung hat sie nicht als Mittel zum Zweck eingesetzt.



Absurd? Ja. Oder sagen wir: Ein Paradox, ein Dilemma. Denn das, worum es hier in einer aktuellen politischen Diskussion geht, ist ein Problem, das in der Philosophie seit langem diskutiert wird, das sogenannte Trolley-Problem.

In der Standard-Version, wie sie von Phillipa Foot formuliert wurde, nähert sich ein Schienenfahrzeug einer Weiche. Die Weiche ist so gestellt, daß das Fahrzeug auf fünf Menschen treffen und sie töten wird, die von einem Verbrecher an die Schienen gebunden sind.

Nun stellen Sie sich vor: Sie sind der Weichensteller und könnten die Weiche so stellen, daß der Zug auf ein anderes Gleis fährt. Dort liegt allerdings auch ein Mensch, aber nur ein einziger, der an die Schienen gefesselt ist. Stellen Sie die Weiche um?

Die meisten Menschen sagen spontan "ja".



Nun kann man das moralische Dilemma verschärfen, wie es Judith Jarvis Thomson gemacht hat: Das Fahrzeug nähert sich den Festgebundenen. Diesmal gibt es keine Weiche, aber eine Brücke, auf der ein sehr dicker Mann steht. Man könnte ihn auf die Schiene stoßen, dann würde das Fahrzeug gestoppt, und die fünf wären gerettet.

Soll man es tun? Jetzt sagen die meisten Befragten: Nein! Das ist, meint Judith Jarvis Thomson, der Unterschied zwischen "töten" und "sterben lassen".

Wenn man die Weiche umstellt, dann benutzt man keinen Menschen als Mittel zum Zweck. Wenn man den Mann auf die Geleise stößt, dann tut man es aber.



Wie das bei den Philosophen so ist - sie denken sich in einer solchen Debatte immer raffiniertere Beispiele aus. Was beispielsweise, wenn der dicke Mann auf einem Geleisstück festgebunden ist, auf das man das Schienenfahrzeug durch Umlegen der Weiche leiten könnte? Der dicke Mann stoppt es. Würde es weiterfahren, dann würde es aber auch bei dieser Weichenstellung über eine Schleife schließlich zu den Fünfen gelangen und sie töten.

Es ist eigentlich Dasselbe wie in der ursprünglichen Version von Foote - nur benutzt man jetzt, wenn man die Weiche umlegt, den dicken Mann als Mittel zum Zweck. So, wie wenn man ihn auf die Geleise stößt. Also, streng kantianisch dürfte man jetzt nichts mehr tun.



Was folgt daraus für die Gesetzgebung?

In einer zum Pragmatismus neigenden Gesellschaft wird man sagen: Wer eine solche entsetzliche Verantwortung hat, der wird das einzig Richtige tun - die Entscheidung treffen, die die meisten Menschenleben rettet. Und die Gerichte werden dann schon so vernünftig sein, ihn dafür nicht auch noch zu bestrafen. Auch wenn es dafür nicht eigens ein Gesetz gibt. Sondern man wird einen übergesetzlichen Notstand konstruieren oder dergleichen, und der Betreffende wird einen Orden bekommen statt eine Strafe.

Aber kantianisch denken, das heißt eben auch, die Gesetze bedingungslos ernstnehmen. Da ist kein Platz für pragmatisches Abwägen. Es ist ja noch nicht so lange her, daß in Deutschland ein Polizist dafür verurteilt wurde, daß er, um das Leben eines Kindes zu retten, einem Verbrecher mit Schmerzen gedroht hat. Auch wenn die Strafe mild ausfiel. Auch der hätte einen Orden und eine Beförderung verdient gehabt, nach pragmatischer Moral. Aber nicht nach kantianischer.



Also: Lebten wir in einer Rechtskultur wie der angelsächsischen, dann bräuchten wir nicht Schäubles Vorstoß.

Aber der Gedanke, daß ein Innen- oder Verteidigungsminister oder ein Kanzler, die in einer solchen furchtbaren Situation Menschenleben zu retten versuchen, dafür dann auch noch vor Gericht gestellt und verurteilt werden; mit ihnen vielleicht auch noch die Jagdpiloten, die es auf sich nehmen, das Flugzeug abzuschießen - das ist ein (mir) so unerträglicher Gedanke, daß ich für eine gesetzliche Regelung bin.

Notfalls über Brücken mit Krücken.