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6. Juni 2009

Zitat des Tages: "Ausgerechnet im liberalen Holland ...". Ja, ist denn Geert Wilders kein Liberaler?

Das Ergebnis ist ernüchternd: Ausgerechnet im liberalen Holland landet der islamkritische Populist Geert Wilders bei der Abstimmung zum Europa- Parlament auf Platz zwei.

Die "Welt" über den Wahlerfolg von Geert Wilders.

Kommentar: "Ausgerechnet im liberalen Holland"? Als wenn Geert Wilders kein Liberaler wäre. Nicht ausgerechnet, sondern logischerweise hat er im liberalen Holland einen Wahlsieg errungen.

Lieber Leser, Sie glauben nicht, daß Geert Wilders ein Liberaler ist? Ich habe es auch nicht geglaubt, weil ja überall das behauptet wird, was in dem Zitat steht. Bis ich recherchiert habe. Das Ergebnis habe ich vor gut einem Jahr in diesem Artikel aufgeschrieben.

Und falls Sie es mir nicht glauben, dann mögen Sie es vielleicht bei Henryk M. Broder nachlesen.



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23. Januar 2009

Zitat des Tages: "Tod der Freiheit der Meinungsäußerung in den Niederlanden!" Die Wende im Fall Geert Wilders

On Wednesday, freedom of speech in Europe took a new and devastating turn

(Am Mittwoch hat die Freiheit der Meinungsäußerung in Europa eine neue und verheerende Wende genommen)

Beginn eines Artikels von Brooke M. Goldstein und Aaron Meyer, der gestern im Middle East Forum erschien. Titel: "Death to Free Speech in the Netherlands"; also "Tod der Freiheit der Meinungsäußerung in den Niederlanden!"

Kommentar: Starker Tobak. Schreiben da irgendwelche Spinner? Keineswegs. Brooke M. Goldstein ist Rechtsanwältin und Journalistin; eine Menschenrechtlerin, die sich vor allem für die Rechte von Kindern engagiert. Zusammen mit ihrem Koautor Aaron Meyer leitet sie das Legal Project beim Middle East Forum, das Kritiker des Terrorismus und des extremistischen Islamismus rechtlich berät.

Wenn also hier nicht blinder Alarmismus am Werk ist - wieso ist dann das Ereignis, das den Alarmruf in diesem Artikel auslöst, in unseren Medien bisher kaum beachtet worden?

Kurzmeldungen gab es vorgestern und gestern zum Beispiel in der "Welt", in der "taz" und in "Focus- Online". Ausführlicher brachten die "Frankfurter Rundschau" und der "Tagesspiegel" (übernommen auch von "Zeit- Online") die dpa-Meldung; aber kaum mehr als diese.

Sonst aber nichts; kein eigener Bericht, kein Kommentar. "Spiegel- Online" schweigt (jedenfalls bis zu dem Augenblick, wo ich dies schreibe) völlig; seltsamerweise gibt es allerdings einen Bericht in seiner englischsprachigen Ausgabe.

Insgesamt ein mehr als dürftiges Echo angesichts der Brisanz des Falls.

Denn es geht in der Tat um das Recht der freien Meinungsäußerung. Es geht vor allem auch darum, ob man seine negative Meinung über, sagen wir, die USA, den Staat Israel, den Kapitalismus, den Kommunismus, das Christentum oder den Buddhismus frei äußern darf; nicht aber eine negative Meinung über den Islam. Ob man einen agitatorischen Film über den amerikanischen Präsidenten veröffentlichen darf, wie das Michael Moore getan hat, aber nicht einen kritischen Film über den Islam.

Ein Thema also, das in Deutschland zum Glück bisher nicht die Brisanz hat wie in Holland. Aber interessieren sollte es uns schon, finden Sie nicht?



Sie entsinnen sich an den "Fall Geert Wilders"? Ich habe ihn damals, im März/April 2008, in mehreren Beiträgen kommentiert.

Sie können dort lesen, wie über Geert Wilders' islamkritischen Film "Fitna" (man kann ihn hier ansehen) zunächst berichtet wurde, daß "Muslime besonnen reagiert" hätten; wie dann der Medienanbieter liveleak.com den Film von seinem Server genommen hat, nachdem es massive Drohungen gegen seine Mitarbeiter gegeben hatte; wie führende deutsche Medien auf die Drohungen gegen Wilders ganz anders reagierten als seinerzeit auf den Fall Rushdie.

Und Sie konnten damals auch lesen, daß Geert Wilders keineswegs ein "Rechtspopulist" ist, sondern ein radikaler Liberaler, dessen Partei, die liberalkonservative PVV, beispielsweise für Steuersenkungen, Dezentralisierung, Abschaffung des Mindestlohns, Senkung von Subventionen und die Anerkennung der christlich- jüdischen Tradition als Leitkultur der Niederlande eintritt.

Die zuständige Staatsanwaltschaft hatte es damals abgelehnt, gegen Wilders wegen seines Films ein Ermittlungsverfahren einzuleiten; aber dagegen war von zahlreichen Organisationen Einspruch eingelegt worden.

Vor allem hatte es auch Druck von außen gegeben. Einen Tag, nachdem die holländischen Staatsanwälte die Einleitung eines Verfahrens abgelehnt hatten, wurde ausgerechnet das Königreich Jordanien aktiv, dessen Justiz ein Verfahren gegen Wilders eröffnete und ihn aufforderte, "innerhalb von 15 Tagen" vor einem jordanischen Gericht zu erscheinen; andernfalls werde er per Haftbefehl gesucht.

In der Meldung, der ich das entnommen habe, wird auch der Hintergrund dieser etwas bizarren Initiative der jordanischen Justiz deutlich: Unmittelbar zuvor hatte nämlich die Organization of the Islamic Conference (OIC) heftig gegen den Film protestiert. Die Entscheidung der holländischen Staatsanwälte ignoriere die "dünne Linie, die Meinungsfreiheit von Anstachlung zum Haß trennt" ("The Dutch Public Prosecutor seems to ignore the fine line of 'responsibility' separating the freedom of expression from incitement to hatred.")

Das oberste Gericht der Niederlande hat das offenbar nicht nur gelesen, sondern es sich auch zu Herzen genommen. Wie der NRC Handelsblad in seiner internationalen Ausgabe berichtet, heißt es in der Begründung der Entscheidung, daß gegen Wilders ein Verfahren eröffnet werden müsse, denn "... in a democratic legal system a clear line about hate speech in the public debate needs to be drawn" - in einer demokratischen Gesellschaft müsse eine klare Linie in Bezug auf Äußerungen des Hasses in der öffentlichen Debatte gezogen werden.



Noch eine Anmerkung zur Übersetzung: Der Titel des Aufsatzes von Goldstein und Meyer lautet: "Death to Free Speech in the Netherlands", nicht "Death of ...". "Death to" heißt "Tod der Freiheit!" im Sinn von "Tod den Tyrannen!", also eine Aufforderung; nicht die Feststellung eines Todes.

Im Deutschen läßt sich dieser Unterschied beim Femininum Singular nicht gut wiedergeben (beim Maskulinum wäre es z.B. "Tod des Rechts" gegenüber "Tod dem Recht"); ich habe deshalb in der Übersetzung den Titel des Aufsatzes mit einem Ausrufezeichen versehen.



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31. März 2008

Was Sie schon immer über Geert Wilders wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten

Zwar nur unter der Verantwortung des Kultur- Ressorts, aber immerhin: In "Spiegel Online" darf Henryk M. Broder schreiben, daß Geert Wilders kein Rechtspopulist ist.

Geert Wilders gar kein Rechtspopulist? Aber alle sagen es doch!

Ja, (fast) alle sagen und schreiben es.

Nicht nur in "Spiegel Online" (Ressort Politik) steht es so. Nicht nur Zeitungen wie die FR und die SZ schreiben es - Blätter, aus deren Sicht ja vielleicht jeder Liberalkonservative schon ein Rechtspopulist ist. Sondern auch in Zeitungen, die selbst doch als liberal oder liberalkonservativ gelten, wird Wilders ein Rechtspopulist genannt; in der FAZ zum Beispiel, in der "Welt".



Wer ist dieser Geert Wilders? Werfen wir einen Blick in die Wikipedia.

Geert Wilders gehört dem holländischen Parlament (Twede Kamer) seit 1998 an. Acht Jahre lang, bis 2006, war er Abgeordneter der VVD. Diese Partei für Freiheit und Fortschritt ist ungefähr so rechtspopulistisch, wie die FDP eine linkspopulistische Partei ist.

Die VVD ist eine alte Partei der liberalen Mitte; eine marktliberale Partei, die 1948 als Nachfolgepartei von liberalen Parteien der Vorkriegszeit gegründet wurde und in der auch freiheitlich denkende Sozialdemokraten nach dem Krieg ihre politische Heimat fanden. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehört Frits Bolkestein, der unter anderem Präsident der Liberalen Internationalen sowie europäischer Kommissar gewesen ist. Gegenwärtig lehrt er als Professor in Utrecht und Delft.

Der Parlamentarische Assistent von Boikestein war Wilders (nach Studium und Berufstätigkeit als Versicherungs- Kaufmann) seit 1990. Acht Jahre später, bei den Wahlen 1998, schaffte er selbst den Sprung ins Parlament.

Im September 2004 verließ er die VVD und gründete eine eigene Gruppe, aus der dann eine neue Partei hervorging, die Partij voor de Vrijheid, die Freiheitspartei PVV. Der Grund waren unterschiedliche Auffassungen über den EU-Beitritt der Türkei. Die VVD befürwortete ihn, Wilders lehnte ihn ab. Später trat er auch für die Ablehnung der EU- Verfassung in dem Referendum ein, das diese in der Tat zu Fall brachte.

Bei den Wahlen 2006 erhielt die PVV sechs Sitze und ist im Augenblick eine der Oppositionsparteien (die drittstärkste). Hier sind die Programmpunkte der PVV:
  • Steuersenkungen
  • Dezentralisierung
  • Abschaffung des Mindestlohns
  • Senkung von Subventionen
  • Einschränkung des Kindergelds
  • Anerkennung der christlich-jüdischen Tradition als Leitkultur der Niederlande
  • Stopp der Einwanderung aus nichtwestlichen Ländern
  • Skeptische Haltung gegenüber der EU
  • Ablehnung einer Aufnahme der Türkei in die EU
  • Ablehnung der doppelten Staatsbürgerschaft



  • Das also ist die Partei, deren Gründer und Vorsitzender Geert Wilders ist.

    Ein Rechtspopulist?

    "Ein 'Rechtspopulist' ist er nicht. Erstens ist er ein radikaler Liberaler, zweitens ist das, was er gerade macht, extrem unpopulär", schreibt Henryk M. Broder.

    So ist es. So ist es offensichtlich. Der Sachverhalt ist so offensichtlich, daß man sich wirklich fragt, was in diejenigen gefahren ist, die diesen Politiker einen Rechtspopulisten nennen.

    Ob er ein guter Politiker ist, ob er glaubhaft ist - ich habe keine Ahnung. Mag sein, daß er eitel ist und seine Person in den Mittelpunkt zu stellen versucht; das kann ich nicht beurteilen. Das soll es ja geben unter Politikern.

    Nur hat er offenbar mit denen, die man "Rechtspopulisten" zu nennen pflegt - mit Leuten wie dem Franzosen Le Pen zum Beispiel und seiner "Nationalen Front", gar mit der deutschen NPD, der deutschen DVU - politisch nichts gemeinsam.

    Seine Partei ist nicht autoritär, sondern radikal freiheitlich. Sie macht sich nicht für den "kleinen Mann" stark, sondern will mehr Markt und weniger Sozialstaat. Sie tritt für kulturelle Freiheit ein und ist weder nationalistisch noch antiamerikanisch. Sie macht weder die Kriminalität noch den Kampf gegen "die politische Klasse" zu ihrem Thema. Kurz, sie vertritt auf nahezu allen Feldern der Politik das Gegenteil von dem, was rechtspopulistische Parteien vertreten.

    Nur ist Wilders offenbar der Meinung, daß die Freiheit durch radikale Islamisten bedroht ist. Das ist der einzige Punkt, wo er sich mit den Rechtspopulisten trifft. Oder, sagen wir, wo es einen Berührungspunkt gibt. Denn Leute wie Le Pen sehen durch den Islamismus ja nicht die Freiheit bedroht, sondern das, was sie als ihr "Volk" betrachten.

    Ob man nicht eher die radikalen, intoleranten Islamisten als "Rechtspopulisten" bezeichnen sollte, statt Geert Wilders und seine Partei?

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    29. März 2008

    Zitat des Tages: Rushdie 1988, Wilders 2008. Nebst etlichen Fragen

    ... it is perhaps in the nature of modern art to be offensive ... in this century if we are not willing to risk giving offense, we have no claim to the title of artists.

    (... es liegt wohl im Wesen der modernen Kunst, anstößig zu sein ... wenn wir in diesem Jahrhundert nicht zu dem Risiko bereit sind, Anstoß zu erregen, haben wir keinen Anspruch darauf, Künstler genannt zu werden).

    Das schrieb, hier zitiert, John Updike im Wall Street Journal vom 10. August 1989.

    Der Anlaß waren Angriffe und Drohungen von islamistischer Seite gegen Salman Rushdie, weil dieser aus islamischer Sicht Anstößiges publiziert hatte. Seine Freiheit, das tun zu dürfen, wurde vehement verteidigt - von Medien, von Künstlern und Schriftstellern, von Regierungen.

    Warum geschieht dasselbe jetzt nicht in Bezug auf den Film von Geert Wilders? Warum tritt selbst die linksliberale Presse, die doch damals so für Rushdie Partei ergriffen hat, jetzt nicht für die Freiheit von Wilders ein, sondern beschimpft ihn wüst (wie beispielsweise Autoren der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Rundschau")?

    Liegt es daran, daß es im einen Fall um ein Buch ging, im anderen jetzt um einen Film? Liegt es an der unterschiedlichen künstlerischen Qualität (die freilich für die Frage der Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung irrelevant ist)? Liegt es an der Person des Betroffenen?

    Oder liegt es daran, daß in den knapp zwanzig Jahren seit der Rushdie- Affäre eine andere Einstellung zur Freiheit in Europa Raum gegriffen hat? Daß der Versuch, im Namen des Islam Zensur auszuüben, der damals auf einhellige Empörung stieß, inzwischen auf Verständnis rechnen kann?

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