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25. September 2008

Marginalie: Was ist eigentlich ein "Bailout"? Über eine kleine Etymbombe

In den deutschen Meldungen ist von einer "Rettungsaktion" die Rede, einem "Rettungsplan" oder einem "Hilfspaket". Das amerikanische Wort, das da übersetzt wird, lautet "bailout".

Das Wort war mir neu gewesen, als ich es im Zusammenhang mit der jetzigen Finanzkrise hörte und las.

Ich kannte das Wort "bail" im juristischen Kontext; das ist die Kaution, die jemand zum Beispiel hinterlegt, um aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden ("to be set free on bail"). Ich wußte auch, daß ein "bail" in einer konkreteren Bedeutung des Worts ein Schöpfgefäß sein kann, ein Eimer, dergleichen. Aber was hat das mit der Hilfe für vom Zusammenbruch bedrohte Banken zu tun?

Auch beim Internet-Lexikon "Leo" herrscht offenbar Ratlosigkeit. Wenn man dort nach "bailout" sucht, wird einem lediglich mit einer "bailout bottle" geholfen, was laut Übersetzung eine "Notsauerstoffflasche" ist. Was hat nun das wieder mit einer Kaution und mit einer Schöpfkelle zu tun? Auch die Diskussionen im "Leo"- Forum liefern wenig Erhellendes.

Wie oft, wenn es um die Bedeutung englischer Wörter geht, hilft World Wide Words von Michael Quinion weiter. Dort erfahren wir, was für vertrackte Wörter "bail" und "bailout" sind.



"Bail" nämlich ist ein Homonym; ein Wort also, das wir in der deutschen Umgangssprache manchmal "Teekessel" nennen. Es hat mehrere Bedeutungen, die jeweils ihre eigene Wortwurzel haben:
  • Zunächst einmal gibt es die Schreibweisen "bail" und "bale". "Bale" ist mit dem deutschen Wort "Ballen" verwandt und bezeichnet just einen solchen - einen Heuballen zum Beispiel. Aber vor allem im britischen Englisch wird die Schreibweise "bale" auch für eine der anderen Bedeutungen verwendet.

  • "Bail" im Sinn von "Schöpfkelle" kommt hingegen vom französischen "baille", was Eimer heißt. Auch der Henkel eines Eimers kann - pars pro toto - so bezeichnet werden.

  • Auch in der Bedeutung von "Kaution" ist das Wort aus dem Alt- Französischen ins Englische gekommen, aber mit einer anderen Wortwurzel - dem lateinischen "bajulare", das bedeutet, eine Last auf sich zu nehmen. Wer für einen anderen bürgt, für ihn eine Kaution stellt, der tut das.

  • Eine weitere Wortwurzel ist das lateinische "baculum" - ein Stock oder Stab. Daraus wurde das altfranzösische "baile" und schließlich das englische "bail" als Bezeichnung für einen Teil des Spielgeräts beim Cricket.



  • Und wie ist es nun mit dem "bailout"? Welcher dieser Bedeutungen verdankt er seiner Existenz? Wie es scheint, zweien, wenn nicht gar dreien. Es ist sozusagen ein Bastard, das Wort "bailout".

    "To bail someone out" heißt, jemanden freikaufen, ihn durch eine Geldzahlung aus einer Notlage befreien. Das läßt - meint jedenfalls Michael Quinion - vermuten, daß dahinter die Wortbedeutung "Kaution" von "bail" steckt.

    Aber "to bail out" bedeutet auch, aus einem Flugzeug mit dem Fallschirm "aussteigen". Quinion meint mit Bezug auf Partridge, daß dahinter die Bedeutung "Schöpfkelle" steckt: Diejenigen, die das Flugzeug mit dem Fallschirm verlassen, gehen so "über Bord", wie man Wasser über Bord schöpft.

    Verwirrenderweise wird das im britischen Englisch aber auch "to bale out" geschrieben - und das könnte mit der Vorstellung zusammenhängen, daß beim Absprung die Passagiere aus dem Flugzeug fallen wie die Heuballen.

    Wie auch immer, dieses "aussteigen" wird auch in übertragener Bedeutung verwendet - man steigt aus, wenn einem eine Sache zu heiß wird. Man kommt damit heil aus der Sache heraus.

    Und diese Bedeutung nun dürfte auch beim "bailout" mitschwingen, wie es jetzt in Bezug auf die Finanzkrise verwendet wird. Einerseits wird so etwas wie eine Kaution gestellt. Andererseits sollen die Banken, denen geholfen wird, damit aus einer kritischen Situation befreit werden.



    Arno Schmidt hätte seine Freude an so etwas gehabt. Verschiedene, aber assoziativ verknüpfte Bedeutungen, in einem Wort sozusagen verdichtet.

    Von einer "Etymbombe" hat er manchmal gesprochen, der große Sprachkünstler Arno Schmidt. Hier haben wir es freilich nur mit einem Bömbchen zu tun, ohne die "Unterfütterung", die Arno Schmidt so lieb und teuer war.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    10. Juni 2008

    Erinnerungen an Peter Rühmkorf, der nun auch tot ist

    Ein Foto von Peter Rühmkorf habe ich das erste Mal Ende der fünfziger Jahre gesehen. Das Gesicht sah so seltsam, so irgendwie verrutscht aus, daß ich dachte, das sei gar kein Foto des realen Autors, sondern das, was man heute einen Avatar nennt; eine Art Collage.

    Dazu paßte der eigenartige Name: Leslie Meier. Und der nicht minder seltsame Titel der Kolumne in "Konkret", das damals noch im Großformat erschien, auf grobem Papier gedruckt, mit einer meist wilden Fotomontage im Heartfield- Stil vorn drauf: "Leslie Meiers Lyrik- Schlachthof".

    So hieß das, und es war für mich, den kulturbegierigen Schüler, eine zugleich fremde und begeisternde Lektüre. Ein etwas unordentlicher Leitfaden für meinen Versuch, mich in die "moderne Literatur" einzulesen, wie man das damals nannte; Abteilung Lyrik. So, wie es in "Konkret" für die Musik das "Platten- Ragout" von Hubert Fichte gab. Und in der Abteilung "moderne Prosa" manchmal etwas von Arno Schmidt.

    Das war "Konkret", wie ich es damals wahrnahm. Eine freie, muntere, sehr progressive Zeitschrift, die ich ostentativ aus der Tasche gucken ließ, wenn ich, natürlich im Rollkragen- Pullover, mich als Schüler unter die Studenten mischte, die im dritten Semster Soziologie studierten und mit denen zu diskutieren ich mich deshalb natürlich nicht traute.



    In "Konkret" hatte ich mich völlig geirrt. Wie fast alle seinerzeitigen Leser hatte ich keine Ahnung davon, daß es auch damals schon ein aus der DDR heraus finanziertes und gesteuertes Blatt war; 1955 von der FDJ als "Studenten- Kurier" gegründet und dann von der Abteilung "Jugend und Kultur" der illegalen KPD, die ihren Sitz in Ostberlin hatte, geführt und finanziert.

    Und natürlich ahnte niemand, daß Klaus Rainer Röhl Mitglied der verbotenen KPD war und regelmäßig nach Ostberlin fuhr, um sich Instruktionen abzuholen.

    Daß man sich das moderne, kulturbetonte Image gab, diente allein - Bettina Röhl hat das für ihr Buch "So macht Kommunismus Spaß" penibel recherchiert und akribisch darin aufgeschrieben - der Tarnung. Um die politische Agitprop, um die es eigentlich ging, unter die ahnungslosen Leute zu bringen, war Röhl sogar verpflichtet worden, regelmäßig DDR- kritische Artikel zu bringen. Die "Konkret"- Leute sollten als unabhängige linke Intellektuelle und damit als glaubwürdig erscheinen.

    Und Peter Rühmkorf? Er war von Anfang an dabei gewesen, ganz von Anfang an. Schon beim "Studenten- Kurier", dem Vorläufer von "Konkret"; ja sogar schon bei "Plädoyer", dem Vorläufer des "Studenten- Kurier".

    Als die ganze Verlogenheit von "Konkret" zum Vorschein kam (nicht erst durch das Buch Bettina Röhls; aber sie hat das mit Abstand am sorgfältigsten dokumentiert), habe ich mich natürlich gefragt, ob auch Peter Rühmkorf, den ich im Lauf der Jahrzehnte immer mehr schätzen gelernt hatte, zu denjenigen gehörte, die dieses Lügenspiel veranstalteten.

    Er hat das immer bestritten. Eigentlich auf den ersten Blick wenig glaubwürdig; denn er war nicht nur Gründungs- Redakteur des "Studenten- Kurier", sondern auch seit gemeinsamem Studium mit Klaus Rainer Röhl eng befreundet. Keiner außer Röhl selbst hatte "Konkret" so lange begleitet. Und ausgerechnet er sollte nichts von den Machenschaften der Kommunisten gewußt haben, von denen er umgeben war?

    Ich glaube, daß er das wirklich nicht gewußt hat. Und ich stütze diesen Glauben auf zwei Gesichtspunkte.

    Erstens konnte es für ein konspiratives Unternehmen wie "Konkret" nur von Vorteil sein, wenn ein prominenter Redakteur ein völlig unverdächtiges Aushängeschild abgab; so überzeugend unverdächtig, weil er eben wirklich nicht eingeweiht war.

    Und zweitens war Peter Rühmkorf dafür der ideale Mann. Ein Linker ja, aber nie ein linker Politiker. Ein Mann, dem nichts ferner lag als das Intrigieren, als der Machtkampf, als dieses ganze politische Theater. Er beobachtete das mit einer Mischung aus Unglauben und Ironie; man kann es in seinen Tagebüchern nachlesen. Aber mitgemacht hat er nie, der mich immer ein wenig an Don Quijote erinnert hat.



    Und mehr noch an Dostojewskis Fürst Myschkin, den "Idiot", dessen Aufrichtigkeit ja nicht einfach naiv ist, sondern für die er sich bewußt entschieden hat, in einer Welt, die er durchaus durchschaut.

    Ein naiver Realist, ein Naiver mit Durchblick - das war Peter Rühmkorf. Und damit der ideale Autor für zwei Literatur- Gattungen, die man oft zusammen antrifft: Die Lyrik und das Tagebuch/ den Essay. Ein Poeta Doctus mit dem Hang zugleich zur Subjektivität und zur Präzision des Denkens, den man bei diesem Typus oft findet.

    Und von daher ein Geistesverwandter von Arno Schmidt. Das einzige Mal, daß ich Peter Rühmkorf bei einem öffentlichen Auftritt erlebt habe, war 1986 in Hamburg bei einer Podiums- Diskussion über Arno Schmidt, veranstaltet von der "Patriotischen Gesellschaft".

    Ich hatte Erhellendes eigentlich vor allem von den ausgewiesenen Schmidt- Experten Hans Wollschläger und Lars Clausen erwartet; aber die mit Abstand besten Diskussionsbeiträge kamen von Peter Rühmkorf. Er hatte Schmidt schon in den fünfziger Jahren als "Konkret"- Redakteur kennengelernt; und wie der inzwischen zugängliche Briefwechsel zeigt, bestand zwischen den beiden ein Verhältnis großer gegenseitiger Wertschätzung.

    Am 27. 12. 1957 schrieb Arno Schmidt an Peter Rühmkorf:
    Mit immer neuer Lust lese ich Leslie Meiers 'Schlachthof'!: das ist eine Arbeit, gleichzeitig so spritzig & solide, daß der Verfasser sich damit das größte Verdienst um unsere ganze Lyrik erwirbt; wenn es überhaupt noch gelingt, dem karfunkelnden Gelalle Einhalt zu tun, dann auf diese Weise.
    Dem "karfunkelnden Gelalle" waren sie beide abhold; beide auf ihre eigene Art Meister der deutschen Sprache.



    Anders als der scheue Arno Schmidt war Peter Rühmkorf freilich ein geselliger Mann; einer, den es durchaus juckte, gelegentlich sich der Politik nicht nur als ironischer Kommentator, sondern auch als teilnehmender Beobachter zu nähern.

    Das brachte es mit sich, daß er in jungen Jahren einen internationalen studentischen Kongreß besuchte, zu dem sich auch ein unbekannter Palästinenser namens Jassir Arafat eingefunden hatte. Man schlief gemeinsam in einem Doppelbett, und Arafat erklärte Rühmkorf, wie er die Juden ins Meer treiben werde.

    Dabei rückte er, während er immer mehr in nationale Begeisterung geriet, dem Bettgenossen, seine Worte sozusagen pantomimisch unterstreichend, immer mehr auf die Pelle, bis er ihn fast aus dem Bett geworfen hätte. Rühmkorf konnte sich, so schrieb er (eine Kurzfassung der Anekdote finde man hier) nur noch durch einen beherzten Griff an Arafats Kehle davor retten, Opfer dieses Aktes der Befreiung Palästinas zu werden.

    So etwas mochte er, der Peter Rühmkorf: Ernstes und Skurriles ineinander verschränkt; die Absurdität des Lebens mit ihrer ganzen Ironie.

    Wieder ist einer von denen tot, die mich geprägt haben, die geistigen Nachfahren Lichtenbergs; wie Arno Schmidt, wie Robert Gernhardt, wie Walter Kempowski, der erst vor einem halben Jahr starb.



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    6. November 2007

    Zeithorizonte

    Im Bayerischen Rundfunk, der das nach meinem Dafürhalten mit Abstand beste Programm aller Dritten anbietet, läuft eine Serie namens anno, wochentags von 14 bis 15 Uhr. Renate Herzberger stellt darin Reportagen und dergleichen aus den Archiven des BR vor. Am Anfang gibt es immer einen Sketch mit Karl Valentin. Allein das lohnt das Einschalten.

    Die Valentin-Kurzfilme, die ich bisher in dieser Serie gesehen habe, stammen aus den dreißiger Jahren. Die Reportagen kommen im Augenblick meist aus den sechziger Jahren. Beim Ansehen ist mir etwas aufgefallen, was Zeithorizonte angeht.



    Zwischen Valentins "Im Senderaum" von 1937 und, sagen wir, der Reportage über das verborgene München von 1958 lagen nur zwei Jahrzehnte. Diese Reportage liegt jetzt schon ein halbes Jahrhundert zurück.

    Trotzdem war der Valentin-Film für mich entfernteste Vergangenheit, während mir alles in der Reportage ganz vertraut vorkam; allenfalls mit der Reaktion: Ach, so lange ist das schon her?

    Das liegt natürlich daran, daß ich 1937 noch nicht geboren war, das Jahr 1958 aber bewußt erlebt habe.

    Es gibt in der Art, wie die Vergangenheit für uns repräsentiert ist, eine Zäsur zwischen dem, was mit eigener Erfahrung unterfüttert - angereichert, durch Bilder konkretisiert - ist und allem dem anderen, was davor liegt.

    Diese Zäsur könnte schärfer nicht sein. Das Jahr 1937 ist mir in dieser Hinsicht so fremd wie die Iden des März des Jahres 44 v.Chr.



    In dieser Hinsicht. Nur in dieser Hinsicht Denn es gibt noch drei andere Zeithorizonte, die die Vergangenheit gliedern.

    Den einen gab es schon immer, obwohl sein Umfang im Lauf der Jahrhunderte etwas variierte. Die Spanne dessen, über das man Berichte von Zeitzeugen kennt, markiert diesen zweiten Zeithorizont. Die Grenze liegt also bei dem, was die Großeltern, vielleicht die Urgroßeltern dem Kind im schon aufnahmefähigen Alter über ihre Jugend erzählten. Oral History nennt man das heute, wenn sich die Wissenschaft dafür interessiert.

    In seinem Radio-Essay über den Mammut-Roman "Hundert Jahre" von Heinrich Oppermann hat Arno Schmidt darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Zeithorizont in der Größenordnung von hundert Jahren liegt.

    Man erinnert sich an das, was die Großeltern über die Vergangenheit erzählten, als man Kind war. Sagen wir, jemand ist jetzt fünfzig Jahre alt. Der Zeithorizont seiner eigenen bewußten Erinnerung an Gesellschaft, an Politik mag dann gut vierzig Jahre betragen, zurück ins Alter von zehn Jahren. Als er zehn Jahre war, war der Großvater vielleicht siebzig und erzählte von der Zeit, als er selbst zehn Jahre gewesen war; weitere sechzig Jahre zurück. Macht eine Spanne von rund hundert Jahren.

    Natürlich ist das nur eine grobe Größenordnung. Aber es sind eben für die meisten von uns keine fünfzig und auch keine hundertfünfzig Jahre, die dieser zweite Zeithorizont zurückliegt.

    Für mich liegt er bei der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert.

    Meine Großeltern haben von der Pferdebahn erzählt, von den rauschenden Festen, als 1900 das neue Jahrhundert begangen wurde. Mein Großvater hat erzählt, wie er als kaufmännischer Lehrling fünfmal am Tag "dem Briefträger entgegenlaufen" mußte, damit die Post ein paar Minuten früher im Kontor eintraf. Bilder zeigen ihn mit einem hochgezwirbelten Wilhelm- II -Schnurrbart; "Es ist erreicht" nannte man diesen Schnurrbart, weil es nicht so leicht war, die Spitzen zum Hochstehen zu bringen. Erzählte jedenfalls mein Großvater.



    Bis vor rund einem Jahrhundert waren dies die beiden hauptsächlichen Zeithorizonte. Jetzt ist ein dritter hinzugekommen: Die Spanne dessen, was im Film, später als archivierte TV-Sendung, dokumentiert ist.

    Wie es auf dem römischen Forum zuging, in den Pfalzen Karls des Großen oder am Hof von Versailles - davon können wir uns nur ein vages Bild machen, anhand von Gemälden und Berichten. Aber den Kaiser Wilhelm II, den Präsidenten Teddy Roosevelt, den Präsidenten Hindenburg können wir im Film erleben, wie sie reden, wie sie sich bewegen. Wie das Berlin der Zwanziger aussah, wie man in den dreißiger Jahre die Ernte einfuhr - das ist alles in Filmen dokumentiert.

    Es ist damit auf eine ganz andere Art wirkliche Vergangenheit als alles, was davor liegt. Die Zäsur, die dieser dritte Zeithorizont markiert, ist vielleicht nicht ganz so scharf wie die des Selbsterlebten und der Oral History, aber sie ist doch auch sehr deutlich. Für mich jedenfalls, der ich sehr in Bildern denke. Bei anderen mag das anders sein.


    Und schließlich ein vierter Zeithorizont, der für viele Menschen wohl keine Rolle spielt, für manche, wie mich, aber eine sehr erhebliche: der Horizont des schriftlich Überlieferten.

    Platon und Aristoteles sind mir vertraute Autoren. Ich kann versuchen, ihre Überlegungen, ihre Argumente nachzuvollziehen; ich kann mich an der Schönheit der Sprache Platons erfreuen. Aber die Vorsokratiker? Keine ihrer Schriften ist in toto erhalten. Wir kennen sie nur aus Zitaten, aus Fragmenten, die aus anderen, oft sehr viel späteren Werken zusammengestellt wurden.

    Was sie gedacht haben, das können wir im Grunde nicht lesen, sondern allenfalls rekonstruieren. Und erst recht gilt das für die Zeiten, aus denen nur Inschriften, auf Tontafeln gekerbte Rechnungen, anonyme Texte erhalten sind.



    Und wie sieht es mit der Zukunft aus? Gibt es da auch solche Zeithorizonte? Ja, wenn auch weniger klar abgegrenzt. Für Ernst Bloch ist die Art, wie dieses "Noch nicht" für uns psychisch präsent ist, das Lebensthema gewesen.

    Es gibt die Spanne dessen, was wir noch selbst zu erleben hoffen können - je nach Alter, je nach Gesundheitszustand also viele oder wenige Jahrzehnte, gegen Ende nur noch Jahre. Dafür interessieren wir uns auf eine spezifische Weise, selbstredend.

    Es gibt sodann die Spanne dessen, was die eigenen jetzt lebenden Nachkommen wahrscheinlich erleben werden. Das reicht um vielleicht ein halbes Jahrhundert über den eigenen Zukunftshorizont hinaus; plus minus ein paar Jahrzehnte.

    Und dann gibt es noch die Spanne dessen, womit sich die Zukunftsforschung, womit sich die Science Fiction befaßt.

    Das verliert sich dann freilich, in den Jahrhunderten, den Jahrtausenden. In noch viel größeren zeitlichen Größenordnungen, wenn jemand sich Gedanken darüber macht, daß irgendwann die Ressourcen der Erde erschöpft sein werden, daß die Sonne einmal die Hauptreihe der Sterne verlassen und erst zum Roten Riesen und dann zum Weißen Zwerg werden wird.

    Aber gemach. Bis dahin sind es noch ungefähr fünf Milliarden Jahre.

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    8. Mai 2007

    Marcel Reich-Ranicki über Arno Schmidt: Anmerkungen zu einer Bemerkung

    "Für viele Intellektuelle - vor allem Schriftsteller - gilt Arno Schmidt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Warum können Sie so wenig mit seiner Literatur anfangen?" fragt Axel Fröschner Marcel Reich- Ranicki in der FAS vom vergangenen Wochenende. Und MRR antwortet, nachdem er auf einen Aufsatz hingewiesen hat, in dem er sich schon früh und eingehend mit Arno Schmidt befaßt hatte:
    Wahr ist, daß ich kein Enthusiast Arno Schmidts bin und es mit Sicherheit nicht mehr werde. Daß ich aber kaum etwas mit seinem Werk anfangen könne, dürfte doch wohl übertrieben sein. An zwei Erzählungen von Arno Schmidt erinnere ich mich oft und gern: "Die Umsiedler" und "Seelandschaft mit Pocahontas".
    Hm, das wäre ungefähr so, als würde ein Philosoph sagen: An zwei Werke von Kant erinnere ich mich oft und gern - die "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" und die "Träume eines Geistersehers".

    Denn als Arno Schmidt diese beiden Erzählungen schrieb, war er noch in seiner sozusagen "vorkritischen" Phase. Er schrieb zwar schon damals - wie von Anfang an - eine sehr konzentrierte, anspielungsreiche, den Leser fordernde Prosa. Aber seinen eigenen - einen sehr eigenen - Stil fand er doch erst einige Jahre später; in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre.

    Das "Steinerne Herz" und dann vor allem "Kaff, auch Mare Crisium" waren Texte, die vom Leser ein ständiges, sagen wir, Mitarbeiten verlangten. Viel mehr dann noch die Typoskripte. Da erst wurde Schmidt zu dem Autor, der einen singulären Beitrag zur deutschen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts geleistet hat.



    Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es mir anfangs mit "Zettels Traum" gegangen ist. Die erste Seite habe ich nicht "gelesen", sondern es war eher eine Mischung aus Entziffern, Assoziieren, Rätsellösen und auch Ratlosigkeit. Warum sind Nebel "schelmenzünftig"? Warum machen Kühe nicht "muh" sondern "ana moo moo"? Was sollten diese Reihen von XXXen?

    Manches konnte ich verstehen; vieles erraten. Aber viel blieb auch offen. Es ging mir ein wenig so wie mit Flauberts "Salambô", als ich diesen Roman auf Französisch las. Anfangs schlug ich jede mir fremde Vokabel in diesem in einer fremden Welt spielenden Text nach; dann merkte ich, daß man ihn auch dann genießen kann, wenn man nicht jedes Wort versteht.

    Allmählich ahnte ich, daß Flaubert auch von seinen französisch- sprachigen Lesern gar nicht erwartete, daß sie alle diese Begriffe aus der Antike, aus der Kultur der Karthager kannten. Ähnlich hat es Arno Schmidt in "Kosmas, oder vom Berge des Nordens" gemacht.

    Auch die Fremdheit, die Un- oder Halbverständlichkeit von Begriffen, ja von ganzen Aussagen, kann von einem gewieften Autor beim Leser planmäßig hervorgerufen und insofern in gewisser Weise als Stilmittel eingesetzt werden. Wenn wir als Kinder Märchen gelesen haben, dann war diese Unverständlichkeit allgegenwärtig und machte den Text erst recht reizvoll.



    Das Spiel mit der Nichtverständlichkeit kann also ein Stilmittel sein. Nur muß der Autor es dosiert und überlegt spielen.

    Er kann es einmal - wie Flaubert im "Salambô", wie Schmidt im "Kosmas" - einsetzen, um eine fremde Welt noch fremder erscheinen zu lassen. Er kann es aber auch - und das hat Schmidt von der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre an zunehmend getan - als ein Mittel verwenden, um das Lesevergnügen generell zu steigern.

    Hat man sich erst einmal eingelesen, hat man, wie Schmidt gern sagte, sein "Gehirn in die richtigen Falten gelegt", dann erlebt man bei der Lektüre dieser Texte des "reifen" und des "späten" Schmidt ein ständiges intellektuelles Vergnügen weit über das hinaus, was die Lektüre jedes gelungenen Romans bietet.

    Man bewegt sich ja geistig nicht nur im Geschilderten, im Denotativen. Sondern die Sprache wird selbst ständig zum Gegenstand der Aufmerksamkeit; denn man versucht Anspielungen und Mehrdeutigkeiten zu verstehen, freut sich an Sprachwitzen und Kalauern, muß gar mehrere, auch optisch getrennte, Textstränge miteinander verbinden, aufeinander beziehen. Manchmal ähnelt das Lesen eher dem Betrachten einer Grafik oder dem Durchmustern einer Landkarte.

    Mal erschließt sich eine Textstelle sofort, mal erfordert das einige Konzentration, mal bleibt etwas offen und unverstanden. Es ist eine ständige Wellenbewegung, ein Schaukeln sozusagen auf einem unruhigen Meer, dessen "déroulement infini" Baudelaire in einem seiner schönsten Gedichte mit dem menschlichen Geist verglichen hat.



    Warum hat sich dieses exquisite intellektuelle Vergnügen einem so eminent intelligenten und gebildeten Mann wie Marcel Reich-Ranicki nicht erschlossen? Ich werde mich hüten, das zu beantworten. Aber ein wenig spekulieren mag ich schon.

    Mag sein, daß zum Vergnügen an der Sprache, am ja nachgerade graphischen Stil von Schmidt eine gewisse intellektuelle Konstitution gehört - der Spaß am Rätseln, am Spielen, am Hin- und Herwenden, am Neuverknüpfen von Gedanken und am Herauskramen dessen, was man weiß, aus den Untiefen des Gedächtnisses.

    Eine, sagen wir, ein wenig Lichtenberg'sche Geistesverfassung. Ich könnte mir denken, daß dem auch in seinem Humor immer ernsthaften MRR dieses Spielerische, ja Kindliche nicht liegt.

    Mag aber auch einfach sein, daß Reich-Ranicki, dieser, sagen wir, unersättliche, nimmermüde Leser, nie die Muße hatte, sich in Schmidt einzulesen.

    Denn das muß man: Sich - neudeutsch gesprochen - "auf Schmidt einlassen".

    Wer das tut und sich damit Zugang zu diesem einzigartigen Lesevergnügen schafft, der fühlt sich dann leicht ein wenig als Eingeweihter. Es gibt in der Tat so etwas wie eine "Schmidt- Gemeinde", eine manchmal schon recht hermetische.

    Aber nette Leute sind's. Jedenfalls, soweit ich sie kennengelernt habe.