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12. März 2009

Zitat des Tages: Jörg Tauss erklärt sich. Herakles im stinkenden Schweinestall. Nebst einer persönlichen Erinnerung an einen Pornografie- Jäger

Ja, ich habe Mist gebaut. Ich habe mich - eventuell unter Verstoß gegen gesetzliche Vorschriften - in einen stinkenden Schweinestall begeben, um ihn auszumisten. Mir ist klar, wenn ich da wieder herauskomme, bleibt an mir mehr als nur Geruch hängen.

Der des Besitzes von Kinderpornografie beschuldigte Abgeordnete Jörg Tauss laut der FAZ zur Erklärung seines Verhaltens. Den vollständigen Wortlaut seiner längeren Erklärung findet man hier.

Kommentar: Seit ich vor knapp einer Woche den ersten Artikel zum Fall des Abgeordneten Tauss schrieb, sind Einzelheiten herausgekommen, die Tauss in keinem guten Licht erscheinen lassen. Er hatte intensiven Handy- Kontakt mit einem einschlägigen Lieferanten. Er wurde von diesem offenbar beliefert. Das belastende Material war auch nicht - wie ich es aus der ersten Meldung geschlossen hatte - in seinem Büro gefunden worden, sondern in seiner Berliner Wohnung.

Für die Staatsanwaltschaft sind das Indizien dafür, daß er sich Kinder- Pornografie zu den Zwecken beschafft hat, zu denen das deren Konsumenten tun. Tauss aber erzählt die Geschichte, der das Zitat entnommen ist, und die so weitergeht:
Nach eigener Darstellung hat Tauss vor zwei Jahren versucht, sich der Szene "zu nähern", um Missbrauch nachzuweisen und Kontakte zu knüpfen für seine politische Arbeit. "Man kommt heute der kinderpornografischen Szene nur nahe, wenn man selbst szenetypisches Material anbietet", sagte Tauss. Er habe die These belegen wollen, dass Kinderpornografie wieder häufiger über Handys, Telefonhotlines und die Post verbreitet werde. (...) Das im Zuge der etwa einjährigen Recherche erhaltene Material habe er dann in einen Koffer gepackt und in seiner Berliner Dienstwohnung "weggeräumt", sagte Tauss.
Was soll man davon halten? Es klingt wie eine Schutzbehauptung, und eine ziemlich dünne dazu. Wenn Tauss sich über die Szene informieren wollte, warum suchte er dann nicht den Kontakt zur Polizei, zum wissenschaftlichen Dienst des Bundestags, zu Journalisten, die in diesem Bereich recherchieren? Warum informierte er nicht wenigstens Mitarbeiter von seinen angeblichen Recherchen? Wo hat er deren Ergebnis dokumentiert und verwertet?

Warum in aller Welt machte sich der Abgeordnete Tauss persönlich auf in den "Schweinestall", auf den Spuren des Herakles, der den Stall des Augias ausmisten mußte?

Ist also Jörg Tauss ein ganz "normaler" Pädophiler, der nur zufällig auch als Abgeordneter mit dem Thema Kinder- Pornografie befaßt ist? Oder der sich dieses Thema vielleicht just deshalb ausgesucht, um seine Neigung zu tarnen? Vielleicht. Aber es könnte etwas komplexer sein.



In den siebziger Jahren wurde in vielen Ländern die Pornografie freigegeben; in Deutschland im Jahr 1975. Schon in den Jahren zuvor waren die Maßstäbe für das, was veröffentlichbar ist, immer lockerer geworden. Es gab eine regelrechte Flut von Zeitschriften wie die "St. Pauli Nachrichten", die vorübergehend Millionen- Auflagen erreichten und in denen die Bilder immer freizügiger wurden, bis die Ordnungsämter einzuschreiten begannen.

Damals lernte ich in einer Kneipe im Ruhrgebiet einen anderen Gast kennen, der mir im Lauf eines kleinen Thekengesprächts erzählte, daß er Beamter des Ordnungsamts sei. Aktuell beauftragt damit, Zeitschriften des Genres "St. Pauli Nachrichten" an den Kiosken zu sichten und gegebenfalls einzuziehen, falls sie Darstellungen enthielten, die die Grenzen des damals Erlaubten überschritten.

Und dann öffnete dieser Mann seine Aktentasche und zeigte mir und den anderen am Tresen, welche tollen Funde er gemacht hatte. Nicht ohne uns auf besonders "scharfe" Bilder aufmerksam zu machen. Offensichtlich seiner Tätigkeit voll und ganz hingegeben; höchst angetan von dem Material, das er da erjagt hatte. Nicht nur die Erfüllung seiner amtlichen Pflichten genießend, sondern auch deren Gegenstand.



Ich habe diese Geschichte nicht vergessen, weil mir damals etwas bewußt geworden ist, was für Kenner der Psychoanalyse sozusagen Grundwissen ist: Dieselbe Handlung, derselbe psychische Vorgang kann zugleich den Anforderungen des Überich genügen und der Erfüllung libidinöser Wünsche dienen.

Freud hat das an zahlreichen Beispielen zu demonstrieren versucht, am detailliersten beim Traum, der seiner Ansicht nach die verdeckte Erfüllung verdrängter Wünsche ist. Die unmittelbare (halluzinatorische) Erfüllung solcher Wünsche läßt die Zensur (obwohl im Traum herabgesetzt) nicht zu. Aber in verdeckter Form - durch Symbolbildung zum Beispiel, durch Verdichtung und Verschiebung - gelingt es dem Es, sich gewissermaßen an der Zensur vorbeizumogeln. Sie zu überlisten, weil sie nicht merkt, was da gespielt wird.



Ob nun diese Traumtheorie Sigmund Freuds stimmt oder nicht (wahrscheinlich stimmt sie nicht) - so ungefähr mag es auch bei dem Abgeordneten Tauss gewesen sein. Er hat sich aus seiner Perspektive - sozusagen der seines Überich - möglicherweise wirklich nichts vorzuwerfen. Ein Kämpfer gegen die Kinder- Pornografie.

Der aber doch auch, sagen wir, mit Lust bei der Arbeit gewesen ist. Wie jener damalige Beamte des Ordnungsamts. Und der das natürlich - so könnte es sein - im Grunde auch sehr gut wußte.

Natürlich ist das nur eine Möglichkeit. Es kann auch sein, daß den Abgeordneten Tauss wirklich nur die besten Absichten motivierten. Es kann auch sein, daß er ein Pädophiler ist, der ein Doppelleben führte. Aber es könnte eben auch komplexer sein.



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6. März 2009

Marginalie: Der Abgeordnete Tauss unter "Erklärungsdruck". Nebst zwei Disclaimern und einer Erinnerung an die Unschuldsvermutung

Wenn ein Abgeordneter sich mit der Frage eines Verbots der NPD beschäftigt, dann wird sich in dessen Büro vermutlich Material der NPD finden. Gut möglich, daß davon manches verfassungsfeindlich ist. Man wird dem Abgeordneten im allgemeinen nicht unterstellen, daß er selbst deshalb verfassungsfeindliche Ziele verfolgt.

Der Abgeordnete Jörg Tauss hat sich mit der Frage der Sperrung des Zugangs zu Kinder- Pornografie im Internet beschäftigt.

Wenn er das seriös getan hat, dann wird sich in seinem Büro selbstverständlich "einschlägiges Material" finden. Hoffentlich. Er wäre ja pflichtvergessen, wenn er über etwas urteilen wollte, das er gar nicht kennt.

Gestern wurde gemeldet - beispielsweise von "Spiegel- Online", das die Story zeitweilig an herausgehobener Stelle hatte - :
Der Karlsruher SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss steht nach dem Fund von Kinderporno- Bildmaterial in seinen Räumen unter Erklärungsdruck. Nach Durchsuchungen in Büros und Privatwohnungen des Politikers sagte ein Sprecher der Karlsruher Staatsanwaltschaft am Donnerstag: "Wir sind in Berlin fündig geworden." Es sei "einschlägiges Material" beschlagnahmt.
In Berlin, also im Büro des Abgeordneten; dort, wo es hingehört. Offenbar also nicht in Karlsruhe, in der Privatwohnung des Abgeordneten Tauss. Jedenfalls wird das nicht gemeldet.

"Erklärungsdruck"? Unter diesem steht nicht nicht ein Abgeordneter, der zu einem Thema, mit dem er sich im Rahmen seines Mandats befaßt, Material in seinem Büro hat.

Unter "Erklärungsdruck" steht allerdings eine Staatsanwaltschaft, die sich offenbar vorstellt, daß ein Abgeordneter dieses Material ausgerechnet deshalb in ausgerechnet seinem Büro verwahrt, um daran perverse Gelüste zu befriedigen. In seinem Büro, nicht etwa in seiner Wohnung.



Was liegt sonst noch an Verdachtsmomenten gegen Jörg Tauss vor? Noch einmal "Spiegel- Online" (Hervorhebungen von mir):
Bei einem Mann, der wegen der Verbreitung von Kinderpornografie beschuldigt wird, fand man zwei Handynummern, die Tauss zugeordnet werden konnten, außerdem seine Berliner Wohnadresse. Insgesamt sollen 23 Kontakte vermerkt sein, unter anderem per SMS und MMS, wobei auch eine Video- Sequenz mit kinderpornografischem Inhalt von Tauss' Handy an den Bremerhavener verschickt worden sein soll. In mindestens einem Fall soll Tauss auch eine DVD von dem Norddeutschen erhalten haben.
Das ist alles. Jedenfalls alles, was bisher an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Mich erinnert dieser Vorgang, so wie er bisher verlaufen ist, sehr an die Affäre Kießling vor genau 25 Jahren. Damals wurde aufgrund von "Hinweisen" ungefähr derselben Qualität wie jetzt bei Jörg Tauss der Bundeswehr- General Günter Kießling des Umgangs mit Homosexuellen aus einem fragwürdigen Milieu verdächtigt.

Es erwies sich alles als haltlos. Aber auch wenn er am Ende mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet werden mußte - im Mittelpunkt einer "Affäre" gestanden zu haben, diesen Ruf ist Kießling nicht wieder losgeworden.



Jörg Tauss ist nicht nur ein Medienexperte der SPD, sondern er hat sich auch kritisch in Bezug auf die Pläne für eine Internet- Zensur geäußert, deren Ziel es sein soll, den Zugang zu Kinder- Pornographie zu erschweren.

Gibt es da wohl einen Zusammenhang? Die drei Möglichkeiten sind:

Erstens: Es ist schierer Zufall, daß Tauss drei Wochen, nachdem er Bedenken gegen die Sperrung solcher Sites geäußert hatte, selbst in den Verdacht des Besitzes von Kinder- Pornografie geraten ist.

Zweite Möglichkeit: Tauss war so unglaublich dumm, als jemand, der selbst einschlägige Gelüste hat, gegen diese geplante Regelung aufzutreten und sich damit verdächtig zu machen. Im allgemeinen ist bekanntlich das Gegenteil der Fall: Diejenigen, die Verbotenes treiben, rufen zwecks Tarnung am Lautesten nach Verboten.

Drittens: Eine Möglichkeit, die man beim gegenwärtigen Stand auch nicht ausschließen kann: Da hat jemand ein wenig gesucht, ob sich gegen den Kritiker Tauss nicht etwas finden läßt.



Disclaimer 1: Ich verurteile Kinder- Pornografie aufs Schärfste und bin der Meinung, daß sie hart bestraft werden sollte.

Disclaimer 2: Ich habe keine Ahnung, ob an den Vorwürfen gegen Jörg Tauss etwas dran ist oder nicht. Aber auch für ihn gilt die Unschuldsvermutung.




Aktuelle Ergänzung: Laut einer Meldung vom heutigen 6. März um 15.25 Uhr wurde das belastende Material nicht im Büro von Tauss gefunden, sondern in seiner Berliner Wohnung.



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