25.3.13

Presseschau zu "Unsere Mütter, unsere Väter". Ein Gastbeitrag von Kaa

Zur Zeit kann man den dreiteiligen Fernsehfilm "Mütter und Väter", der die Geschichte von fünf jungen Deutschen im 2. Weltkrieg erzählt, noch im Online-Auftritt des ZDF sehen, täglich von 20 Uhr bis morgens um 6 Uhr. Der Film ist als Zeitzeugnis interessant, als Zeugnis über unsere Zeit. Seit dem 15. März sind in der von mir abonnierten Blogwelt um die 120 Beiträge dazu erschienen, alleine in den Zeitungen 35 Artikel. Die Artikel vor der Ausstrahlung lobten die Authentizität des Films, die deutliche Härte von Gewalt- und Kriegsszenen und schienen mir eine Antwort auf die über 60 Jahre alte Frage: "Warum?" zu versprechen. Sie erklärten die Unwahrscheinlichkeiten der Handlung als notwendig für die filmische Kompression.

Der erste dieser Artikel war die Geschichte deutscher Albträume von Frank Schirrmacher in der "FAZ" mit dem Rat: "Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern". Schirrmacher hielt den Film für eine letzte Möglichkeit innerfamiliären Dialogs über dieses Damals und versprach "Ernsthaftigkeit", "Detailtreue", "Kompromiss­losigkeit". Zwei Stunden später in der "Welt" konzentrierte sich Sven Felix Kellerhoff mit So brutal sah man den Krieg im Fernsehen noch nie auf die Bilder. Die unwahrscheinlichen Beziehungen und Treffen der fünf Hauptpersonen seien "Verdichtungen" geschuldet, die die "künstlerischen Freiheit" gestatte. "Wichtiger ist, dass die Produktionsfirma Teamworx alles getan hat, um realistische Bilder zu gestalten".

Sehr skeptisch habe ich mich dann vor den Fernseher gesetzt. Ich hatte keine Lust auf Unwahrscheinlichkeiten und ich fürchtete mich vor der Detailtreue. Da ich vorher von den künstlerisch notwendigen Verdichtungen wußte, konnte ich über allzu zufällige Begegnungen und zwischenmenschliches Verhalten und Sprache aus unserer Zeit, Gesten und Redeweisen, die damals nicht vorhanden waren, hinweg tatsächlich die unbegreifliche Brutalität von deutscher Besatzung und Krieg im Allgemeinen sehen. Ich habe aus dem Film was mitgenommen, "Krieg ist schrecklich" hat für mich nun Bilder, deutlichere Bilder als Kriegsbilder aus wirklichen Kriegen. Und die Szene, in der der SS-Mann bis drei zählt, damit er genau in dem Moment auf den Auslöser seiner Kamera drücken kann, in dem sein Fahrer das Brett wegstößt, auf dem mehrere Polen mit Stricken um den Hals stehen, hat sich mir unauslöschlich eingeprägt.

Und dennoch. Ein großes Unbehagen. Der Film beantwortete kein "Warum". Genauer wußte ich aber nicht, was dieses "Und dennoch" war. Und schließlich geschah das Erstaunliche, daß mir die Presse mein Unbehagen erklärte.

Tobias Kaufmanns Wir armen Täter aus dem "Kölner Stadtanzeiger" wirft dem Film Selbstmitleid vor, da als Erklärung dafür "wie aus guten Deutschen böse Deutsche wurden" einfach angeführt wird: "Der böse Krieg war's". Und so funktioniere der Film "über deutsche Schuld als Mittel der Entschuldigung". Kaufmann besteht auf der besonderen deutschen Schuld, da ja Briten, Amerikaner und Dänen zur selben Zeit nicht solche Untaten begannen hatten. Die altbekannte Nichterklärung, eine besondere Unmoral, besondere Unmenschlichkeit, der die Deutschen der damaligen Zeit, unsere Vorfahren, anhingen. Da behielt ich lieber mein Unbehagen.

In der "Jüdischen Allgemeinen" vermisst Jennifer Nathalie Pyka in Opferneid als Dreiteiler Hinweise auf den Holocaust, es sei ein Film, der die "lästige Frage nach sechs Millionen toten Juden locker ausblende". Das ist in Deutschland jedem, der diesen Film sah gegenwärtig, darum ging es nicht. Wir müssen nicht mit dem Schrecken leben, daß unsere Großeltern, Tanten, Onkel ermordet wurden, wir müssen wissen: "Warum?" unsere Großeltern, Großonkel, Großtanten in dieser Zeit Juden ermordeten oder es nicht verhinderten. Das mag für einen Nachkommen der Ermordeten eine widersinnige Frage sein, in unserem Land ist sie immer gegenwärtig.

Auch Andrej Reisin kritisiert in Das ZDF und die deutschen Opfer auf PUBLICATIVE.ORG, daß die einzigen Antisemiten im Film polnische Partisanen waren. Ja, in diese Richtung ging mein Unbehagen, deutlich wurde an den Partisanen gezeigt, wie ungebrochener, archaisch gelebter Antisemitismus aussieht. Bei deutschen Nebenfiguren wurden schon auch tiefsitzender Antisemitismus angedeutet, nie aber so deutlich gezeigt. Und keiner der fünf Helden war ein Antisemit. Den Film hatten nicht die damaligen Täter gemacht, sondern ihre Enkel. So wie ich eine Großnichte und Nichte bin. Und ja, ich begreife es nicht, ich sehe die Fotos an, und man sieht ihnen nichts an. Was haben sie getan. Wie konnten sie es tun. Wurden sie nicht ebenso erzogen, wie ihre Brüder und Schwestern, die nicht in der SS waren. Sie sind tot, niemand konnte sie mehr fragen.

Mit Jörg Laus “Unsere Väter, unsere Mütter” – und die Unfähigkeit zu trauern in seinen Blog bei der "Zeit", wurde mir deutlich, daß der Film es nicht geschafft hat, "sich in die Faszination des Nationalsozialismus hineinzudenken". Der Film zeigt nichts vom "deutschen Kriegsglück(s) und der Führerbegeisterung", zeigt nichts davon, daß die Deutschen "mit der völkischen Lebensanschauung einverstanden waren, in der für Juden, Behinderte und Volksschädlinge kein Platz war". Alle Bösen im Film sind "Monster", die bösen Hauptpersonen sowieso, aber auch die Berliner Proletin, die in der Wohnung einer jüdischen Familie lebt, oder die Oberkrankenschwester, die überzeugt gegen Volksschädlinge ist.

Einen ähnlichen Ansatz zeigt Matthias Kamanns Artikel In der Erinnerung sind die Nazis immer die anderen aus der "Welt". Der Film stelle dar, "dass man als junger Mensch blauäugig war und bitter desillusioniert wurde; dass man im Nationalsozialismus keine Zivilcourage zeigte und die Ausgrenzung der Juden verdrängte", aber er verschweige, "dass man Hitler gut gefunden hat".

Und wieder mit der "FAZ", diesmal von Wolfgang Michal in Wunschtraumata der Kinder, finde ich eine Erklärung für mein Unbehagen. "Das Doku-Drama repräsentiert also nicht die Traumata der Eltern, sondern die Wunschtraumata ihrer Kinder". Der Film sei "eben auch ein hilfloser Versuch von sekundär Traumatisierten, die sich keine eigenen Meinungen und Gefühle zutrauen, weil sie glauben, Rücksicht auf die verletzten Seelen ihrer Eltern nehmen zu müssen". Im Film sterben am Ende zwei der fünf Hauptpersonen, Greta, die aus nicht nur edlen Motiven einen Geliebten bei der Gestapo hat und Friedhelm, der am Ende ohne zu zögern polnische Zivilisten ermordet. "Solche Eltern hätte man nicht gewollt. Also haben sie (im Film) nicht überlebt".

Wenn ich den Film, bis auf die Kriegsszenen, nicht als Film über damals, sondern als Film über die Bewältigung der Nachfahren heute sehe, stelle ich nicht die Frage "Warum?" an ihn, die er nicht beantwortet, sondern ich bin offen für das, was er wirklich erzählt: Wie wir unsere Geschichte verarbeiten. Mit Wolfgang Michal ist es ein Film von Nach-Achtundsechzigern, für die gilt: "wir alle sind infiziert von den Überlebensstrategien unserer Mütter und Väter: nicht auffallen, nicht zimperlich sein, nicht klagen. Diese Verhaltensweisen funktionierten im Krieg wie im späteren Berufsleben."

In diesem Sinne ist der Film ein Zeitzeugnis.

Kaa

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