22.3.13

Der dunkle Kult

Morgen, am 23.März gibt es wieder eine sogenannte Earth Hour. Seit 2007 ruft der WWF einmal im Jahr dazu auf, gemeinschaftlich das Licht auszuschalten. Das hat zwar keinerlei Auswirkung auf den Stromverbrauch der Menschheit, aber es geht ja um die Symbolwirkung. 
Nur, worin besteht diese? Und ist es nicht eigentlich bloß eine kultische Handlung, die lustigerweise nur dann wahrgenommen wird, wenn sie sehr gut ausgeleuchtet ist?
Ich erinnere mich noch verschwommen daran, wie ernst man damals den ersten weltweiten Verdunklungsaufruf des WWF bei den deutschen Energieversorgern nahm. Ich arbeite selbst in dieser Branche und fühlte mich ein wenig an die Sorge vor dem Millenium-Bug erinnert. Keiner wusste was passieren würde, aber man wollte auf alles vorbereitet sein. So wurden die Mannschaften verstärkt und Reserven vorgehalten. Ein plötzlicher, großflächiger Ausfall der Verbraucherseite hätte nämlich durchaus das Netz zum Kollaps bringen können.
Als technischer Einschub: Man kann sich das Stromnetz wirklich wie ein straff gespanntes Fischernetz vorstellen. Die Verbraucher ziehen es herunter, die Erzeuger drücken es hoch. Wenn eine Seite nun abrupt ihre Kraftwirkung an einer Stelle einstellt, beult die andere Seite das Netz dort aus. Eventuelle technische Gegenreaktionen auf allzu große Laständerungen können dann zu Schwingungen und kaskadenartigen Ausfällen führen. Bis eine Seite das Netz zerreißt.
Die Gefahr war also real. Aber es passierte exakt - nichts. Und so blieb das auch in bisher jedem Jahr. Lediglich die mediale Aufmerksamkeit garantiert, dass die Earth Hour überhaupt wahrgenommen wird.
Wir haben es hier also nicht mit etwas Substanziellem zu tun, sondern mit einer kultischen Handlung. Einer öffentlich zelebrierten Opfergabe. Sehet her, wir üben Verzicht!

Nun ist es allerdings so, dass die große Mehrheit dieses spezielle Opfer gar nicht bringen möchte. Warum auch? Das Licht im Haus schaltet man sowieso jeden Abend aus, also fehlt das Besondere - der Eventcharakter. Wenn man  aber tatsächlich während seiner Wachzeit auf Strom verzichten würde, was macht man dann in dieser einen Stunde?
Man könnte bei Kerzenschein dinieren. Aber das Mahl sollte dann vorher schon warm sein, nicht wahr? Und verzichtet man dabei wirklich auf die begleitende Musik? Nicht jeder wird ein Klavier in seinem Haus stehen haben. Was ist mit dem Kühlschrank? Gilt es, dass dort sowieso das Licht aus ist, wenn dessen Tür geschlossen bleibt?

Man könnte sich natürlich auch vor das Haus stellen. Triumphierend die Vorbeigehenden darauf aufmerksam machen, dass man dort gerade das Licht ausgeschaltet hat. Die Passanten werden einen dann im Licht der Straßenbeleuchtung stehend ansehen und wohl nicht besonders stark beeindruckt sein. Es wirkt halt nicht, wenn nicht alle mitmachen. Aber wenn wirklich alle mitmachen würden, könnte man sich im Dunklen gegenseitig nicht mehr sehen.

Und so beschränkt sich die Opfergeste des Energieverzichts vor allem auf die, die sich dadurch versprechen können in besonders gutem Licht dazustehen; Bürgermeister, Firmenvertreter, organisiertes Gutmenschentum. Natürlich werden die Büros der Grünen Partei und sämtlicher Naturschutzorganisationen verdunkelt sein. Es wird Rathäuser und Kirchen geben, die für eine Stunde nicht von außen angestrahlt werden, wie auch abgedunkelte Konzernzentralen und abgeschaltete prominente Lichtreklamen. 
Und wenn die Ausknipser ihr Vorhaben vernünftig vorbereitet haben, wird auch zumindest die Lokalpresse darüber berichten. Bei den Schalterverantwortlichen der großen städtischen Wahrzeichen wird vielleicht sogar das Fernsehen vor Ort sein. Und mit ein bisschen Glück kann dann der Bürgermeister zusammen mit einer hübschen Reporterin im Schnee stehen und seine Sorge vor einer globalen Erwärmung zum Ausdruck bringen. Im Lichte der Kamera-Scheinwerfer natürlich.

Und sie können das ganz gratismutig tun, denn sie erwecken ja nur den Anschein eines energetischen Fastenopfers. Natürlich wird die städtische Feuerwehrleitzentrale in Betrieb sein, natürlich werden die Ampeln und die Straßenbeleuchtung nicht deaktiviert werden. Das Radio und das Fernsehen werden genauso funktionieren wie die Handynetze und die Computer der Medienleute.
Also eigentlich wird alles wie immer sein. Nur an einigen, verstreut gelegenen Stellen ein klein wenig dunkler als sonst. Diejenigen, die das Scheinwerferlicht suchen, verzichten öffentlichkeitswirksam für kurze Zeit an solchen Stellen, an denen es ihnen selbst nicht weh tut.

Ein Opfer das keines ist, ein Kult der nicht wirklich flächig zündet; - Protagonisten die daran teilnehmen, weil die Medien darüber berichten und Medien, die darüber berichten, weil die Berichterstattung über Symbolhandlungen eben eine ihrer Kernaufgaben ist.
Ach ja, und natürlich benötigen die Kinder der staatlich zertifizierten Klimaschulen diese Medieninformationen, damit sie auch ja genügend Stoff für das Thema ihres nächsten Klassenaufsatzes haben. Sie sollen ja auch sehen, dass sie mit ihrem rituell zelebrierten "Stoßlüften" nicht alleine sind bei der Weltrettung.

Das Ganze erinnert in seiner absurden Komik an einen ausgewiesenen Gourmet, der mit einer Handvoll Berichterstattern im Schlepptau ein Restaurant besucht und einen einzelnen Zwieback bestellt. Nur um den gebrachten Teller sogleich mit ernster Miene von sich zu schieben und zu erklären dieses Gebäck jetzt nicht essen zu wollen. Um ein Zeichen zu setzen. Dafür, dass man gutes Essen nicht wirklich braucht.

Zwei Gäste nicken kauend. Der Kellner unterdrückt ein Gähnen und lächelt. Er kennt das schon.
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Calimero


© Calimero. Titelvignette als Material der NASA in Public Domain. Für Kommentare bitte hier klicken.