17.3.13

Das Pseudonym - Der Mensch

In den letzten Jahrzehnten bin ich bei vielen Beisetzungen gewesen. Sie werden häufiger, das ist normal im Leben. Aber die von Zettel war bestimmt die ungewöhnlichste, die ich je erlebt habe.
Nicht von Stil und Ablauf her, das war alles - wie zu erwarten - ganz traditionell. So wie es sich in unseren Regionen so "gehört". Nur mit einem Trauerredner anstelle eines Pfarrers, aber auch das war zu erwarten.

Nur ist es eine eigentümliche Erfahrung, 300 km zur Beerdigung eines Menschen zu fahren, den man im konventionellen Sinne überhaupt nicht gekannt hat. Dessen Gesicht man nie gesehen hat, selbst dessen Namen man noch einige Tage vorher nicht wußte.
Ich gebe zu, ich habe außer meiner Familie niemanden erzählt, wo ich da überhaupt hinfahre. Es wäre mir wohl schwer gefallen, Kollegen, Freunden oder Nachbarn begreiflich zu machen, daß ich einem Pseudonym das letzte Geleit geben will.
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Aber es geht natürlich um den Menschen hinter dem Pseudonym. Name und Gesicht sind nicht unwichtig - aber für das Wesen und den Charakter eines Menschen sind sie letztlich nur Dekoration. Man kann jemanden gut kennen lernen alleine über den schriftlichen Austausch. Über Briefe oder Emails, über Diskussionen und seine Blogbeiträge.

Unsere Vorfahren haben das noch gewußt. In einer Welt ohne Photographie, Telephon und schnelle Reisemöglichkeiten war es nicht ungewöhnlich, sich nur über Briefwechsel zu kennen. Und daraus kann sich eine echte Beziehung entwickeln. Aber davon ist in der modernen Zeit nur der komödienhafte Aspekt in Erinnerung geblieben - nämlich eine Liebesbeziehung rein in Briefform zwischen Cyrano de Bergerac und seiner Roxane.

Bis dann die Internetforen aufkamen und Diskussionen mit Unbekannten wieder normal wurden. Nicht wegen technischen Begrenzungen - die Verwendung eines Pseudonyms in solchen Formen ist eine übliche Stilform geworden, eine stichhaltige Begründung dafür gibt es selten. Aber ein Internet-Pseudonym entwickelt im Laufe der Jahre eine eigenständige Persönlichkeit, ist insbesondere nicht davon abhängig, welchen Stand oder Status der Mensch dahinter im normalen Leben hat. Es war nicht relevant, daß Zettel außerhalb des Internets Professor war und damit rechnen konnte, daß andere ihm Kompetenz zuschreiben. Seine Kompetenz als Zettel beruhte auf der Qualität und vor allem der Glaubwürdigkeit dessen, was er unter seinem Pseudonym geschrieben hat.


Das für mich Erstaunliche bei der Trauerfeier war, daß auch dort in erster Linie "Zettel" im Mittelpunkt stand. Natürlich wurde auch sein realer Namen genannt und der Trauerredner erwähnte einige biographische Details. Aber nur wenige, wie sie auch hier im Forum schon bekannt waren: Seine Herkunft aus Hessen, seine akademische Tätigkeit in Nordrhein-Westfalen, seine Vorliebe für Frankreich.
Ansonsten stand das Pseudonym Zettel und sein Blog im Mittelpunkt. Ausführlich zitierte der Redner aus seinen Beiträgen und aus dem Forum. Sicher, wenn der Verstorbene selber so profunde Gedanken zum Umgang mit dem Tod und seine Sicht darauf veröffentlicht hat, ist das für einen Trauerredner natürlich auch eine naheliegende Quelle. Aber ich gehe davon aus, daß diese Schwerpunktsetzung völlig in Zettels Sinne war.
Wenn auch überraschend für die meisten Trauergäste. Von den Anwesenden wußten wohl nur ganz wenige überhaupt davon, daß es Zettels Raum gibt und welche Rolle er dort spielte: Seine Frau, sein Bruder, eine gute Bekannte und wir drei Zimmerleute. Für die Übrigen, für die Kollegen, Nachbarn, Bekannten war das wohl völlig neu und sie werden nicht schlecht gestaunt haben. Vielleicht sollten wir mal in der Zugriffsstatistik prüfen, wie viele neue Besucher anschließend zu Zettels Raum gekommen sind.


Andererseits sollten sie inhaltlich wenig überrascht gewesen sein. Das Pseudonym ist der Mensch, Zettels Wesen und seine Weltsicht sind im Internet dieselben gewesen wie im realen Leben.
Ich habe inzwischen fast 20 Jahre Erfahrung mit anonymen Internet-Diskussionen und habe viele Menschen "nur" als Pseudonym kennen gelernt. Und einige davon auch später "im echten Leben". Und es hat sich jedes Mal bestätigt, daß sie real genau so waren wie virtuell. Solche realen Treffen von alten Bekannten sind auch immer ein schönes Erlebnis. So auch jetzt das Treffen mit Kallias und Calimero. So traurig der Anlaß war, es wäre die Fahrt alleine schon wert gewesen, mit ihnen für kurze Zeit zusammen zu kommen.
Und genauso kann ich nur dafür danken, daß wir uns anschließend mit Zettels Frau und seinem Bruder eine Weile unterhalten konnten. Es ist ungewöhnlich, wenn ein Ehepaar täglich zwei bis drei Stunden echte Gespräche führt. Wenn man Zettels Frau erlebt hat dann weiß man, daß das mit ihr nicht nur möglich, sondern ein echtes Privileg war.


Nur mit Zettel werden wir nie mehr ein Gespräch führen können. Ich hatte immer gehofft, daß er doch irgendwann einmal seine Anonymität lüften und zu einem Treffen bereit sein würde. Es hat nicht sollen sein.
Aber es bleibt uns so viel von ihm, dafür bin ich dankbar.



R.A.

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