18.3.13

Ad maiorem Dei gloriam – Franziskus ist der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri

Im fünften Wahlgang des Konklaves, am 13. März 2013, haben die wahlberechtigten Kardinäle den Argentinier Jorge Mario Bergoglio SJ, qui sibi nomen imposuit Franciscum, zum Papst gewählt. Dass der neue Papst aus einem nichteuropäischen Land stammen könnte, galt auch schon vorher nicht als unwahrscheinlich. Die viel größere Überraschung war, dass er dem Jesuitenorden angehört.

Die 1534 von einem exzentrischen Basken namens Inigo (dem späteren hl. Ignatius von Loyola) und ein paar Weggefährten gegründete Compania de Jesus, als Societas Jesu 1540 vom Farnese-Papst Paul III. offiziell als Ordensgemeinschaft anerkannt, hat bis heute einen schillernden Ruf – gerade im konfessionell geteilten deutschsprachigen Raum, wo sie aufgrund ihrer Rolle in der Gegenreformation Gegenstand zahlreicher Kontroversen war.

Die Jesuiten – Giftmischer oder Heilige“ fragt die BZ, Begriffe wie „Kadavergehorsam“ und „jesuitische Rabulistik“ sowie die Figur des Naphta in Thomas Manns Zauberberg sind gängige Assoziationen; und wer es ganz besonders „gut“ mit der Gesellschaft meint, vergisst auf keinen Fall zu erwähnen, dass ihre Organisation Heinrich Himmler als Vorbild für die SS gedient haben soll. Andererseits gelten sie als „intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche“ und die Bezeichnung als „Jesuitenschüler“ weist z.B. einen Heiner Geißler als außerordentlich klugen Kopf aus.

Die Wahl von Pater Bergoglio, übrigens neben einem 79jährigen emeritierten und vergleichsweise unbekannten Bischof aus Jakarta der einzige tatsächlich wählbare jesuitische Kardinal, wirft vielmehr die Fragen auf

• Inwiefern ist die Wahl eines Jesuiten eine Sensation?
• Was bedeutet es für das Pontifikat und die Kirche, wenn ein Jesuit das Amt innehat?


Dass bisher in fast 500 Jahren Ordensgeschichte noch nie ein Jesuit zum Papst gewählt wurde, hat verschiedene Gründe. Zum Einen verbietet die Ordensregel der Jesuiten grundsätzlich das Streben nach hohen kirchlichen Ämtern. Es gibt zwar immer wieder eine Reihe jesuitischer Kardinäle (in Deutschland war Augustin Bea einer der bekannten Vertreter), doch erhalten diese den Purpur meist dann, wenn sie in der Kurie tätig sind, selten als Diözesanbischöfe. Dennoch verpflichtet sie ihr spezielles Gehorsamsgelübde gegenüber dem Papst (das sie in dieser Form als einziger Orden haben) natürlich, die Wahl in ein Amt anzunehmen. Ein amerikanischer Jesuit beschreibt das so:

We have a vow that we will not seek out office. But there have been cases where offices seek us out,”(Robert Ballecer SJ),
während ein Ordensbruder auf die spezielle Rolle der Jesuiten in der Kirchengeschichte aufmerksam macht:
In extraordinary moments and times, the church has looked to members of the Society of Jesus to play these leadership roles. I think it’s recognition that the church is at one of those moments.”
Die Jesuiten verstanden sich immer als Diener, ja als Soldaten des Papstes (nicht umsonst heißt die Bulle, die sie als Ordensgemeinschaft anerkannt hat, Regimini militantis ecclesiae, zu deutsch etwa „Von der Regierung der wehrhaften Kirche“. Darunter ist aber nicht zu verstehen, dass der Orden in blindem Gehorsam agierte. Zahlreiche theologische Konflikte mit dem Vatikan durchziehen die Geschichte des Ordens, und der liberale Münchner Jesuitenprediger Albert Keller SJ prägte die griffige Formel: „Der Papst hat ein Recht auf Widerspruch“. In dieser paradox anmutenden Rolle von Gehorsam und unbändigem Selbstbewusstsein, von selbstlosem Einsatz für die Kirche und intellektueller Freigeistigkeit liegt der zweite Grund dafür, dass ein Jesuit auf dem Stuhl Petri eigentlich nichts verloren hat: Selbst wenn die Jesuiten zu gewissen Zeiten über immensen Einfluss innerhalb der Kirche verfügt haben und vom Papst selbst 1773 aufgelöst worden sind, so haben sie das nie in der vordersten Reihe getan. Sie waren Berater, Lehrer, Missionare, aber keine Kirchenpolitiker und Administratoren.

Haben wir uns von Franziskus also ein ähnlich unpolitisches Pontifikat zu erwarten wie vom Professor Ratzinger, mit dem zwar eine vermutlich nie da gewesene theologische Brillanz in den Apostolischen Palast eingezogen ist, der aber in vielen Fragen die Kurie einfach wirtschaften ließ? Keineswegs.

Der Amtsantritt des Argentiniers zeigt neben seiner erfrischenden Eigensinnigkeit auch, dass er weniger die akademische als vielmehr die missionarische Seite des Jesuitentums repräsentiert.

Die oft kommentierte Einfachheit der Kleidung (weiße Soutane ohne irgendwelchen Prunk) ist nicht nur ein Zeichen persönlicher Bescheidenheit. Die Jesuiten tragen schließlich keine Ordensgewänder, und einen durchschnittlichen Pater könnte man wohl nicht einmal mit der Androhung körperlicher Gewalt dazu bewegen, auch nur einen römischen Kragen anzulegen.

Seine Namenswahl (ein ungenannter Kardinal schlug ihm tatsächlich vor, sich als späte Rache am Papst des Jesuitenverbotes Clemens XV. zu nennen) ist keineswegs überraschend. Natürlich weiß er, dass sein Ordensgründer selbst den hl. Franz zum Vorbild hatte. Die Parallelen der Lebenswege sind deutlich. Beide waren Soldaten aus reichem Hause, die ein ausschweifendes Leben führten und in Folge von Gefangenschaft bzw. Verwundung ihr Leben auf Gott ausrichteten. Vergleichen wir die Lebensbeschreibungen:

Franz: Er führte ein fröhliches und sorgloses Leben und wollte Ritter werden. Nach einer Schlacht zwischen Assisi und Perugia bei Collestrada 1202 wurde er über ein Jahr in Perugia festgehalten und litt während seiner Gefangenschaft an einer schweren Krankheit, die ihn zu seiner Bekehrung führte.


Ignatius: Er war ein Lebemann, kam mit dem Gesetz in Konflikt, wurde 1517 Offizier im Dienst des Vizekönigs von Navarra in Pamplona; sein Lebensplan war eine Karriere beim Militär. Dann zwang ihn eine steinerne Kanonenkugel, die ihn am 20. Mai 1521 bei der Verteidigung der Feste Pamplona gegen die Franzosen verletzte, für lange Zeit aufs Krankenbett zuhause im Schloss von Loyola. Während seiner Genesung las er religiöse Schriften wie das "Leben Christi" von Ludolf von Sachsen und die Heiligenlegenden der Legenda aurea, was neben mystischen Erlebnissen zu seinem Entschluss führte, sich einem geistlichen Leben zu verschreiben.


Ihre kämpferische, kühne, bisweilen fanatische Persönlichkeit behielten sie als Soldaten im Dienste Gottes bei. Dabei nahm sich der Nachgeborene den Älteren zum Vorbild.

“For Ignatius, Francis is the alternative to the life of the world. Francis, with his itinerant ministry and his intense devotion to the life of Christ and his ascetical lifestyle,” is the counterbalance to the worldly life in the court, the Jesuit said. Ignatius, as he admits himself, was given to womanizing, gambling and feats of arms,” but at the time of his conversion, “to his great surprise,” Ignatius finds himself “much more attracted, much more consoled, enlivened and given joy when he thinks about imitating the life of St. Francis,” the founder of the Franciscans, who died in 1226.“ (Gerald Blasczak SJ)
Nicht zuletzt: Beide sahen als vorrangige Aufgabe an, die Kirche in schwierigen Zeiten zu konsolidieren - und in beiden Fällen waren die Schwierigkeiten nicht in unerheblichem Maße von Rom selbst heraufbeschworen worden. Man sagt schon jetzt dem Pontifikat einige Überraschungen voraus. Das denke ich auch. Denn eins ist klar: Genau wie der Orden aus dem er stammt, passt Franziskus in keine Schublade. Der Jesuitenorden ist nicht einfach liberal oder konservativ; intellektuell oder demütig; theorie- oder praxisbezogen. Aber eines zeichnet ihn aus, genau wie den neuen Papst:
“From the conversations I’ve had with my Latin American Jesuit colleagues, this is a man who knows his own mind. This is a man who is not afraid of choosing and marking his own direction.” (Gerald Blasczak SJ)
Meister Petz


© Meister Petz. Titelvignette (gemeinfrei): Ignatius empfängt die Bulle Regimini militantis ecclesiae aus der Hand des Papstes Paul III. Fresko von Johann Christoph Handke in der Kirche Maria Schnee in Olmütz. Für Kommentare bitte hier klicken.
Free counter and web stats