1. November 2015

Angela Merkel: Problem oder Symptom des Problems? - Ein Gasnbeitrag von nachdenken_schmerzt_nicht

Ich habe vor ein paar Tagen den Satz gelesen, dass Angela Merkel nicht die Ursache für die aktuelle politische Krise sei, sondern das herausragende Symptom eines sehr viel tiefer liegenden Problems innerhalb unserer Gesellschaft, ohne dass dies genauer benannt worden wäre. Wenn diese Analyse zutrifft, was mir intuitiv plausibel zu sein scheint, wie läßt sich dieses tiefer liegende Problem aber fassen? Dazu gingen mir einige Gedanken durch den Kopf, an denen ich die Leser in ZR gerne teilhaben lassen möchte.
Zunächst einmal ist die Erkenntnis, Angela Merkel könnte nur Symptom und nicht etwa das Problem sein, in vielerlei Hinsicht unangenehm. - Aus offensichtlichen Gründen und weniger offensichtlichen. Zu den offensichtlichen gehört, dass es bei Richtigkeit dieser Analyse auch mit einer Abwahl Merkels keine Rationalisierung deutscher Politik geben wird. Zu den weniger offensichtlichen gehört, dass Merkel das Symptom eines beschränkten deutschen Politikverständnisses ist – wobei ich die Formulierung des „beschränkten Politikverständnisses“ im Folgenden genauer spezifizieren und darüber einen Erklärungsversuch für die aktuelle Einwanderungspolitik wagen möchte.

30. Oktober 2015

Sterbende Dörfer

Wenn über den demographischen Wandel in Deutschland gesprochen wird, dann wird das meist an zwei Themen festgemacht. Einerseits wird die Zukunft der Rentenversicherung diskutiert, also ob die Renten für eine größer werdende Zahl von Alten von weniger werdenden erwerbstätigen Jungen bezahlt werden können. Andererseits wird der zum Teil drastische Bevölkerungsrückgang in verschiedenen Regionen angeführt, insbesondere im ländlichen Raum.

Besonders dramatisch ist die Lage in Ostdeutschland abseits weniger Ballungszentren, in Nordhessen, Nordostbayern und einigen Regionen Westfalens und Niedersachsens. Immer häufiger sind die Berichte über Dörfer, in denen nur noch ein Bruchteil der früheren Bevölkerungszahl wohnt und in denen Schulen und Infrastruktureinrichtungen geschlossen werden müssen.

Nur: Mit dem demographischen Wandel hat das eigentlich fast nichts zu tun.

28. Oktober 2015

Schilda lebt. Eine Münsterländer Provinzposse, mit leichtem Stileinschlag

Bei den Wörtern, die es - ob nun wirklich oder nur den mangelnden Sprachgefühl von Non-native speakers geschuldet, in anderen Zungen nicht gibt und die deshalb höchstens als direkter Fremdworteinschuss ein Heimatrecht erwerben könnten, scheint das Deutsche, wenn man den angelegentlichen Ausflügen zumeist sprachpflegerischer Feuiletonisten glauben möchte, besonders gesegnet. (Oftmals handelt es sich hier leider nur um fehlbaren Lokalstolz. Vladimir Nabokov beharrte stets darauf, daß das russische "poshlost'" keine Entsprechung in einer anderen Sprache fände, auch nicht als "kitschig", "peinlich", "vulgär" oder Englisches "bathos". Portugiesen, Italiener und Türken werden jeweils eisern darauf bestehen, daß die melancholische Moll-Gestimmtheit, die eher gelassen und schwebend eine Stimmung spätherbstlichen Abendlichts evoziert, nur ihnen zugänglich sei und "saudade", "nostalgia" und "hüzün" nichts miteinander, und schon gar nicht mit dem englischen "blues" verbindet.) Bei dieser Pirsch im Wald der Worte versammelte der Pilzgänger der Frankfurter Rundschau ein gutes Dutzend Exemplare im Korb, darunter so schöne wie "Geborgenheit," "Dornröschenschlaf" und "Fernweh" (was nahelegt, daß er in den Aufforstungen des Freiherrn v. Eichendorff unterwegs war) und so prosaische wie "Torschlußpanik", "Dunkelziffer", "scheinheilig", "Bausparen", "Brückentag" und "Geschmacksverirrung".   

Woran das jeweils liegt, wird wohl, wie so oft bei den Kobolzereien der Sprache, nicht zu klären sein, aber bei der Vokabel "fremdschämen" darf man vermuten, daß im Deutschen ein verstärkter Bedarf vorliegt. Das Phänomen ist andernorts (siehe по́шлость) zwar geläufig, aber bis zum eigenen Lemma reicht es nicht. Da freut es den Beobachter, wenn einmal neben der Tristesse der erwartbaren Peinlichkeit ein Anklang an den reichlichen Vorrat entsorgter Pratfalls vernehmbar wird. Wie in dieser Provinzposse aus dem münsterländischen Gescher.





27. Oktober 2015

Horst, was nun?

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat der Bundesregierung ein Ultimatum gestellt: bis "Allerheiligen" (also den 1. November) müsse eine Begrenzung der Zuwanderung her, sonst werde die bayerische Landesregierung - ja was eigentlich?

Sie werde sich dann etwas überlegen.

21. Oktober 2015

Uhrenabgleich: Warten auf "McFly!"

Sollten sich auch hier, im Zentrum der Mitteleuropäischen Zeitzone, Zeitgenossen bereithalten, um Marty McFly bei seinem Auftauchen am unteren Ende seiner temporalen Exkursionen im pannenanfälligen DeLorean zu begrüßen, so wie es auch bei den Stationen "1885", "1955" und "1985" der Fall ist - oder sagt man war? sein wird? gewesen sein wird? - das Temporalsystem der natürlichen menschlichen Sprachen ist zur Wiedergabe der Auswirkungen fahrlässig erzeugter Chronoklasmen nur eingeschränkt tauglich - sollte also jemand planen, sich dem Begrüßungskommittee  von Biff und seinen Spießgesellen beizugesellen - deren herzhaftes und hier blogposttitelgebendes "Hey, McFly!" allerdings nur am temporalen Ground Zero 1985 A.D. dem von Michael J. Fox so kongenial gespielten Picaro gilt - sollte also...










15. Oktober 2015

Dummes, kurz kommentiert: Berliner Politiker spielen "Flüchtlingsboot"

Vor fast genau 100 Jahren, am 5. Oktober 1915, veröffentlichte Karl Kraus in seiner Zeitschrift "Die Fackel", in der er an den Zuständen in Wien, um Wien und um Wien herum seit jeher kein gutes Haar ließ, im Rahmen einer Reihung von Zeitungszitaten eine kurze Mitteilung aus einem nicht genannten Blatt über eine neue Attraktion im Wiener Prater, mit der die k.u.k. Heeresleitung dem geneigten Publikum die Realität des Frontalltags auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs näher bringen wollte:

"Spiele"

"Der Schützengraben wurde bis jetzt von mehr als 15.000 besucht. Nebst den großartigen Anlagen der Schützengräben fanden auch die Übungen mit den Scheinwerfern bedeutendes Interesse. Mirgen, Sonntag, werden auch die großen Scheinwerfer in Aktion treten. Das Militärkonzert beginnt bereits um 4 Uhr nachmittags. Eintritt pro Person 50 H., für Militär vom Feldwebel abwärts und Kinder 20 H. Kürzeste Abfahrt durch die Ausstellungsstraße (3. Haltestelle vom Praterstern).

"...das von Hauptmann Adolf Ott zusammengestellte Programm umfaßte neben Chorgesängen mit Schauturnen verwundeter und rekonvaleszenter Soldaten die Vorführung eines Angriffs auf die 'Festung Wulkipoff', die von diversen Feinden verteidigt wurde. Die Kleider für die 'Feinde' hatte die Brünner Theaterdirektion zur Verfügung gestellt. Natürlich wird die Festung erobert und die Feinde in ihren abenteuerlichen Kostümen dem Publikum vorgeführt. Dann wurde die Mannschaft, rund 4000 Mann, mit Bier und Gulasch bewirtet und zum Schluß ein Feuerwerk, dessen Haupteffekt die bengalische Beleuchtung des Kaiserbildes und die flammenden Initialen bildeten."
(Die Fackel, Nr. 406-412, 5. Oktober 1915, S.34)

12. Oktober 2015

Empfehlung zum US-Wahlkampf

Es gibt leider extrem wenige politische Blogs in Deutschland, in denen nicht die Teilnehmer nur die Bestätigung des eigenen politischen Weltbilds propagieren. Saubere Analyse und offene Diskussion sind die große Ausnahme - das entspricht dem schlechten Vorbild der deutschen Medien.

Zu den lobenswerten Ausnahmen gehört Deliberation Daily. Die Autoren haben persönlich einen SPD-nahen Standpunkt, machen aber nicht in Parteipolitik, sondern bringen Fakten und Argumente.

Und aktuell bringen sie eine hervorragende Serie zu den US-Präsidentenwahlen. Besser als alles, was man in deutschen Medien lesen kann und daher von meiner Seite eine klare Empfehlung.

Vorher lohnt sich natürlich, die Grundlagen des politischen Systems in den USA nachzulesen.
R.A.

© R.A.. Für Kommentare bitte hier klicken.

6. Oktober 2015

Haltungsliteratur

Mankell war, was offenbar zur Grundausstattung guter Krimiautoren gehört, ein linker Moralist und ein engagierter Mensch. (Gerhard Spörl, SPON)
Dies soll bewusst kein Nachruf auf Henning Mankell werden. Ich habe nie ein Buch von ihm gelesen, da ich die Skandinavienkrimiwelle zwar nicht absichtlich an mir vorüberziehen habe lassen, aber mir auch keine Mühe gegeben habe, mich reitender Weise an ihr zu versuchen. Doch nach allem, was ich darüber weiß, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich dabei irgendwelches Lesevergnügen empfunden hätte. Ich schaue ja auch keinen Tatort, und zwar aus eben jenen Gründen, die Spörl hier für Mankell anführt.

3. Oktober 2015

Eine Lanze für Flüchtlinge. Und auch dagegen.


Dieser Post ist nicht zuletzt durch den Erlebnisbericht unseres Zimmermitgliedes Daska inspiriert, der hier seinen Weg in ein eigenes Posting gefunden hat. Ich glaube diesen Bericht. So ziemlich ohne Wenn und Aber. Und ich glaube ebenso, dass sich Vergleichbares in den vergangenen Monaten zehntausende Male so oder so ähnlich in Zügen, Bussen, auf Schiffen und auf der Strasse zugetragen hat. Menschen haben die fasznierende wie wunderbare Eigenschaft näher zusammenzurücken, umso stärker sie selber einer Bedrohung ausgesetzt sind oder gerade ausgesetzt waren. Auch die deutsche Geschichte ist voll mit Beispielen, wo wildfremde Menschen ihre Menschlichkeit gerade in Angesicht von grossen Katastrophen und Bedrohungen entdecken und ausleben.

2. Oktober 2015

Alte Rivalen

Eine erstaunliche Schlagzeile: "Russische Luftangriffe verärgern die Türkei". Erstaunlich nicht nur inhaltlich: Sowohl Rußland wie die Türkei kämpfen offiziell gegen den IS, aber real bombardieren sie dessen Gegner. Rußland die syrische Opposition, die Türkei die Kurden. Bei so viel Gleichklang müßten die Türken sich ja freuen, nicht verärgert sein.
Aber erstaunlich auch wegen der Details des Protests. Der wurde nämlich von den Alliierten erhoben, also den USA, Frankreich, Großbritannien und dann noch diversen arabischen Staaten und eben der Türkei. Und übrigens auch Deutschland - aber das ist nur unwichtige Folklore.

Wie kommt also der Spiegel dazu, nur über die Türkei zu reden, wenn normalerweise die USA als Hauptakteur gelten? Das liegt wohl nur daran, daß die Erklärung von der türkischen Regierung veröffentlicht wurde. Es ist eher unwahrscheinlich daß der Spiegel-Reporter begriffen hat, was er da eigentlich abschreibt.

Denn eigentlich geht es um etwas ganz Anderes: Den Konflikt der beiden traditionellen Gegner Rußland und Türkei um ihre Einflußsphären im Nahen Osten.

1. Oktober 2015

Die Nationaltracht

Die wirklich völkerverbindende Wirkung eines Erasmus-Aufenthalts entfaltet sich erst, nachdem die Beteiligten ihr Auslandssemester hinter sich haben. Denn dann kommen die gegenseitigen Besuche der aus allen möglichen europäischen Ländern stammenden Studenten. Und die wollen sich natürlich sowohl amüsieren wie auch das jeweilige andere Land kennenlernen.

Das heißt konkret: Die Belgier, Schweden, Engländer usw., die meine Tochter bei ihrem Frankreich-Semester kennengelernt hat, sagen sich zu einem Oktoberfestbesuch an. Ersatzweise, weil in München kein Platz mehr ist, werden die Cannstadter Wasen angepeilt.
Und um sich ordentlich aufs Volksfest vorzubereiten, kauft sie sich nun erst einmal ein Dirndl.

30. September 2015

Zitat des Tages: Zum Tod von Hellmuth Karasek

Ich hatte mich daran gewöhnt, dass es ihn gibt, und solange es ihn gab in meiner Umgebung, war dieses ideologisch überhitzte Deutschland weniger verbissen, weniger dumm. 

Es war lebenslustiger.
(Matthias Matussek zum Tod von Hellmuth Karasek)

Kommentar: 

Diesem geradezu zärtlichen Nachruf gibt es zur Person von Karasek wenig hinzuzufügen. Karasek war der Beweis dafür, dass ein hohes bildungsbürgerliches Niveau selbst in Deutschland nicht zwangsläufig zu Verbitterung, Elitarismus und Pöbelverachtung führen muss, wie es so häufig der Fall ist. Er war sich im besten Sinne zu nichts zu schade, kein Thema war ihm zu banal - und wenn er es behandelte, ließ er sich nicht dazu herab, sondern hob es empor.

Er, der scherzte, oft mit Grass verwechselt zu werden, überlebte seinen großen Antipoden nur um ein paar Monate. Allerdings: An literarischen Gewissen der Nation wird auch zukünftig kein Mangel herrschen. Karaseks fantastische Beschwörung der leichten Muse wird nun Willemsen übernehmen. Und das ist ein Gedanke, der fast ebenso traurig stimmt wie die Nachricht von seinem Tod.

Die Feder entschwindet, es bleibt das Blei.

R.I.P.


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Meister Petz


© Meister Petz. Für Kommentare bitte hier klicken.

23. September 2015

Der Wagen des Volkes

Endlich kriegen die dreisten Manager der Autokonzerne, die unsere Luft verpesten, mal so richtig einen auf den Deckel, mag mancher Umweltaktivist denken! Endlich bekommen es die Schulmeister aus Deutschland auch mal mit der Angst zu tun, mag sich mancher im schuldengeplagten Südeuropa freuen!
So verständlich diese Haltung sein mag – eine solche Häme ist angesichts der Dramatik der Ereignisse um Volkswagen nicht angebracht. Pathetisch zugespitzt gilt: Scheitert VW, dann scheitert Deutschland. Und scheitert Deutschland, scheitert Europa. (Richard Rother, taz)  

Sie haben richtig gelesen - dieser Kommentar stammt nicht aus der Auto Bild, sondern aus der taz! Aus dem antinationalistischen Ökoblatt, dem der Niedergang eines vom Führer persönlich gegründeten Konzerns, der die Welt mit fossil betriebenen Dreckschleudern verpestet, doch eigentlich einen inneren evangelischen Kirchentag bereiten müsste!


21. September 2015

Die Atomverschwörung (2): Privatisieren und sozialisieren

Der zweite Teil der Atomverschwörung ist aufgrund des Ausstiegs eigentlich in weiten Teilen eine Braunkohleverschwörung. Aber er passt so schön zum Thema, weil es hier auch darum geht, wie ein Thema kommuniziert wird und wie die Fakten sind. Wieder geht es um RWE.

Als Aufhänger diene folgende Meldung, die aber nur der Höhepunkt einer seit dem Beginn der Energiewende andauernden Entwicklung ist: 
Um rund 60 Prozent haben RWE-Aktien an Wert verloren - in nur einem Jahr. Experten warnen: Der Konzern droht mittelfristig aus dem Dax zu rutschen. Dem Essener Energiekonzern RWE droht nach Einschätzung von Experten ein Abstieg aus dem Deutschen Aktienindex (Dax).   
"Der Abstieg von RWE ist noch nicht akut, aber es darf auch nicht mehr viel passieren“, sagte der Index-Experte der Landesbank Baden-Württemberg, Uwe Streich.

19. September 2015

Im Zug von Wien nach München. Ein Erlebnisbericht von Daska

Ich frage: Wer könnte und was könnten wir von den Flüchtlingen lernen?

Am Samstag, den 5.9. wurde ich mit den Flüchtlingen zusammen, mit denen ich im selben Regionalzug aus Osten kommend saß, bei der Ankunft im Münchner Hauptbahnhof beklatscht. Ich suchte schnell das Weite und verschwand in der Menge der Schaulustigen, bevor einer auf die Idee gekommen wäre, mich vor laufender Kamera nach meinem Woher und Wohin zu fragen.

18. September 2015

Wer könnte und was können wir schaffen?

Die deutsche Vergangenheit weist Deutschland eine besondere Pflicht zu, die echten Flüchtlinge aufzunehmen. Unser Asylgesetz wurde vom Wissen um vergangene Verfolgungen von Millionen geschrieben. Sind es verrückte Gutmenschen gewesen, die mit Obst und Teddybären an die Bahnhöfe eilten, um die Fremden zu bewillkommnen? Vielleicht wollten die Deutschen nicht nur wiederum die Besten sein, wie andere Europäer spotteten.

17. September 2015

Von denen da oben und denen da unten


­Es ist schon ein seltsames Erlebnis in diesen Tagen die Zeitungen liest: Egal ob man Interviews, Reportagen, Berichte oder Kommentare liest, überall findet man ein nahezu einheitliches Bild: Deutschland heißt die Flüchtlinge willkommen. Deutschland zeigt Mitgefühl. Deutschland ist das Fanal der Humanität. Deutschland führt Europa in eine bessere Zukunft. Deutschland löst sein Demographieproblem.

Nun kann das –theoretisch- ja alles sein. Irritierend ist aber, dass es, nicht nur nahezu sondern ganz praktisch, keinen Gegenstandpunkt mehr gibt. Und nicht nur das, auch die Faktenberichterstattung zeichnet inzwischen ein sehr interessantes, um nicht zu sagen seltsames, Bild der Realität. 

15. September 2015

Über die Pflicht und das Recht in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben und dem Wunsch nach Demokratie.


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Vor einigen Tagen habe ich mir Gedanken zum gemeinen deutschen Pack gemacht, das Siggi Pop ganz gerne aus Deutschland ausschließen, zumindest dem gegenüber er seine Augen gerne verschließen möchte. Andere Autoren sind dann noch einen Schritt weiter gegangen und haben halb Sachsen zum Pack erklärt, womit der Begriff Dunkeldeutschland eine fragwürdige Renaissance erleben durfte. Und wie immer, wenn man etwas skalieren kann, so macht das in aller Regel nicht an einer Ländergrenze halt: Es gibt nicht nur Dunkeldeutschland, es gibt inzwischen auch Dunkeleuropa, zumindest in Teilen. Die Nummer eins der Dunkelmänner (Dunkelfrauen gibt es bekanntlich nicht) sind inzwischen wohl die Ungarn, die es angesichts des Elends dieser Welt tatsächlich gewagt haben, auf bestehende Verträge und Gesetze zu verweisen. Aber auch andere Europäer sind nicht so ohne, gibt es doch Länder die mehr oder weniger offen verkünden, dass sie eben keine oder nur bestimmte „Flüchtlinge“ (neudeutsch: Migranten) aufnehmen wollen. Und manchmal (aber nur manchmal) gibt es auch mal ein ehrliches Wort darüber, dass man seine kulturelle Homogenität gerne erhalten möchte. Das ist dann schon ziemlich Pack. Um nicht zu sagen Autobahn.

14. September 2015

Wir schafften das nicht

Was für ein Rausch, was für ein Höhenflug: Kaiserinnenwetter im Frühherbst! "Wir schaffen das!", ruft die Kanzlerin, liebevolle Menschen strömen zu den Bahnhöfen mit Geschenken und Gesängen, Mama Merkels neue Untertanen freuen sich, die Dichter in den Redaktionsstuben schreiben Huldigungen.

11. September 2015

Zitat des Tages: Keine Obergrenze

"Das Grundrecht auf Asyl für politisch Verfolgte kennt keine Obergrenze; das gilt auch für die Flüchtlinge, die aus der Hölle eines Bürgerkriegs zu uns kommen."
(Angela Merkel, Rheinische Post vom 11.9.2015.)

Mit dem ersten Satz hat die Kanzlerin recht. Wobei allerdings dieses Grundrecht seit langem so gut wie abgeschafft ist: denn wer nicht gerade mit dem Boot an der Nordseeküste anlandet, ist zwangsläufig über einen sicheren Drittstaat eingereist und kann sich damit nicht mehr auf eine politische Verfolgung berufen. So steht's im Grundgesetz, Artikel 16(2).

Das gleiche müsste dann freilich auch für die Flüchtlinge gelten, die aus der Hölle eines Bürgerkriegs kommen. Auch diese haben Aufnahme und Sicherheit in Drittstaaten gefunden, bevor sie sich auf den Weg zu uns begeben haben.

10. September 2015

Die Kolonialherren

Eigentlich sollte der Vortragende über Geschichte sprechen, über 200 Jahre Wiener Kongreß. Aber die Parallele lag halt nahe: Damals durfte man ja noch Länder erobern und aufteilen, und der russische Zar war dabei geschätzter Partner. Und heute sind diese schönen Sitten außer Mode gekommen und der arme Wladimir muß deswegen draußen bleiben. Was dem Vortragenden überaus mißfiel und nach den üblichen Klagen über den Verfall von Bildung und Moral zur Aufzählung des großen Sündenregisters führte: "Wir" wollen den Russen wie schon damals im Krimkrieg ihre Gebiete wegnehmen, und "wir" haben den Zerfall Jugoslawiens verursacht und "wir" haben das osmanische Reich zerschlagen und damit die Konflikte in Nahost verursacht.

Wenn man deutsche Medien verfolgt, bekommt man von linker Seite Ähnliches serviert: "Wir" haben die Taliban und ISIS gegründet und unterstützt, "wir" hatten auch seinerzeit zu verantworten, daß die Mullahs den Iran übernommen haben. "Wir" sind schuld an der Armut in weiten Teilen der Welt und "wir" sind schuld an Afghanistan, Irak und Libyen, weil "wir" interveniert haben und an Eritrea, dem Sudan und Burundi, weil wir nicht interveniert haben.
In Syrien sind sich die Kommentatoren noch uneinig, ob "wir" schuld sind wegen Intervention oder "wir" schuld sind wegen Nicht-Intervention. Auf jeden Fall sind sie eich einig: Die Einheimischen haben mit dem Bürgerkrieg sicherlich nichts zu tun.

7. September 2015

Spielgeld

Es war der große Hype. Pünktlich zur "Eurokrise" wurde eine Währung propagiert, die top-modern daher kam und alle Nachteile der klassischen Zentralbank-Währungen vermeiden sollte.
Es verstand zwar kaum jemand, wie diese Bitcoins eigentlich genau funktionierten. Aber die EDV-Nerds hatten Tools bereitgestellt, mit denen auch Amateure sich ein Bitcoin-Konto anlegen und benutzen konnten.

Die Eigenschaften von Bitcoin trafen genau die wunden Punkte, die die Zentralbank-Kritiker und Staatsskeptiker am Euro und anderen Währungen störten:
- Bitcoin ist eine völlig neutrale Währung, "gehört" niemanden und ist daher von niemand, auch keinem Staat, beeinflußbar.
- Insbesondere ist die Zahl der Bitcoins vom System her beschränkt, d.h. es kann keine Inflation geben oder eine Entwertung durch "Quantitative Easing", wie das die EZB derzeit praktiziert.
- Das ganze Bitcoin-Zahlungssystem läuft völlig anonym. Kein Geheimdienst kann herausfinden, welcher Eigentümer hinter einem Konto steckt. Und ohne den kryptographischen Schlüssel des Eigentümers kann auch niemand auf das Geld auf diesem Konto zugreifen.

Inzwischen hat Bitcoin einige Höhen und Tiefen, insbesondere auch einige Krisen hinter sich.
Und es wird immer klarer: Es bleibt ein Spielzeug für bestimmte Nischengruppen und wird keine Alternative zu normalen Währungen sein.

5. September 2015

Können wir das schaffen ?


Wer kleine Kinder in seinem Umfeld hat, kommt oftmals unweigerlich um zwei Sätze nicht herum: „Können wir das schaffen ? Jo, wir schaffen das.“. Es ist die Parole von Bob dem Baumeister und immerhin hat eine Abwandlung des zweiten Satzes einen weit überforderten Hinterbänkler ins Amt des amerikanischen Präsidenten befördert.
Nun war es unsere Frau Bundeskanzler die in der letzten Woche mit einem ähnlichen Satz glänzte. Genaugenommen sagte Sie wohl: "Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden." Bezogen hat Sie sich dabei –selbstredend- auf den derzeitigen Zustrom an Flüchtlingen in die Bundesrepublik. 

4. September 2015

Dumpfer Hass und klare Kante. Zweite Ergänzung zu Llarians Pack-Zettel-Beitrag

Nach Sigmar Gabriels Auftritt in der Packstation Heidenau legte er in einem SZ-Interview nach, und diese Aussage ist ebenfalls sehr aufschlussreich:
Ihn besorgten zwei Dinge, sagte Gabriel der "Süddeutschen Zeitung": "Das eine ist die Vermutung der Neonazis wie in Heidenau, dass sie dem sogenannten gesunden Volksempfinden Ausdruck verleihen und dass sie sich dabei für nichts mehr zu schade sind - also mittlerweile auch unter Klarnamen übelste Hetzparolen verbreiten." Noch mehr Sorgen mache ihm aber, "dass in der Mitte der Gesellschaft der Anteil derjenigen wächst, die Politik, Politiker und Parteien verachten".
Nun sage noch einer, dass unser Siggi das Herz nicht auf der Zunge trägt. Schon schlimm, dass es Neonazis gibt - aber viel schlimmer: Die Leute können die Politiker nicht leiden. Also mich! Diese Reaktion erinnert an einen anderen bekannten deutschen Staatsmann vor fast 25 Jahren.

Überhaupt ist es auffällig, dass Gabriel mit dem Pack durchzukommen scheint, ja gar damit punktet. Denn seit Strauß mit seinen "roten Ratten", der damals auch innerhalb der Union für seine Wortwahl scharf kritisiert wurde, hat es kaum ein Politiker der ersten Reihe mehr gewagt, sich derart zu äußern. Aber Chapeau, er hat die Stimmung richtig eingeschätzt und vorausgesehen, dass ein Politiker momentan am meisten gewinnen kann, wenn er seinen Stil denen anpasst, die er eigentlich genau dafür ächten will.

Denn die Beobachtung ist ja nicht falsch, dass immer mehr Hass und Verachtung wahrnehmbar ist. Aber dazu stellt sich die Frage: 

Beißen die bellenden Hunde auch? Ich glaube, in den seltensten Fällen. Denn die Mehrheit, die aktuell jeder hinter sich zu wähnen scheint, der sich politisch äußert, ist im Grunde genommen weder an der Revolution noch an der nationalen Erweckung interessiert. Es ist das gute alte "Man müsste halt mal...". 

3. September 2015

Humanismus? Erste Ergänzung zu Llarians "Pack"-Zettel-Beitrag

Habt Dank, dass Ihr nie fragt / Was es bringt, ob es lohnt / Vielleicht liegt es daran / Dass man von draußen meint / Dass in Euren Fenstern / Das Licht wärmer scheint. (Reinhard Mey, 1972)

Es fällt mir zunehmend schwerer, mich zur Flüchtlingsproblematik zu äußern. Nicht nur, dass die Debatte völlig polarisiert ist. Es gibt nur noch zwei Positionen: "Alle rein" oder "Alle raus". Jeder Zwischenton, jeder Hinweis auf die Komplexität der Situation wird gnadenlos zerrieben. Aber ich möchte hier auch nicht meine Position darlegen, das hat der Kollege Herr in so überzeugender Weise hier getan, dass ich mich vollständig darin wiederfinde. 

Außerdem möchte ich keinesfalls zu den gefühlt 99% Mitbürgern gehören, die ganz genau wissen, was zu tun ist, und das in schlüssigster Weise damit begründen, dass sie es ja schon immer gewusst haben. Um es ganz offen zu sagen: Ich habe keine Ahnung, wie man das Problem am besten in den Griff bekommt. Und von den out-of-the-box-Argumenten hat mich bisher noch keines überzeugt. Ich hänge nicht so sehr an der Deutschtümelei, dass ich sie vermissen würde, auch bin ich kein Karl-May-Fan, der sich wünscht, auf der A9 von Bagdad nach Stambul zu fahren. Kurz gesagt, weder die bevorstehende Bereicherung des Abendlandes noch dessen dräuender Untergang will mir einleuchten. Und von beidem wird mir zu viel dahergefaselt.

Genau genommen will ich mich damit persönlich gar nicht mehr beschäftigen, weil es mich so frustriert. Ich zahle der deutschen Verwaltung jedes Jahr einen fünfstelligen Betrag allein an Einkommenssteuer, und dafür möchte ich doch erwarten können, dass eine bestehende Situation legislativ, juristisch und administrativ bewältigt werden kann. Wenn ein ganzes Mittelmeerland scheinbar problemlos alimentiert werden kann, dann muss es doch auch für dieses Flüchtlingsproblem eine Lösung geben. Wie gesagt, ich habe mich daran gewöhnt, dass mit meinem Steuergeld ziemlich viel Unsinn angestellt wird, und den Gedanken aufgegeben, dass man ja auch auf die Idee kommen könnte, es mir zu lassen, um damit meinen ganz persönlichen Unsinn anzustellen. Wenn's also ein paar Mark fuffzig mehr kostet, sei's drum. 

Wenn mich aber etwas an der Debatte aufregt, ist es ihre unsägliche Verlogenheit, das schier unerträgliche Ausmaß an Hybris und Selbstbetrug, dem ich tagtäglich ausgesetzt bin. Dies möchte ich in zwei Artikeln tun, dabei beginne ich mit der Bereicherungsfraktion.