Posts mit dem Label Schützenvereine werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schützenvereine werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

14. März 2009

Zettels Meckerecke: Hurra, wir nehmen uns schulfrei! Der Amoklauf von Winnenden, die deutschen Schützen und ein deutscher Autor

Vermutlich tue ich Roman Grafe mit diesem Artikel einen Gefallen. Ich tue es gern, denn ich schätze das, was er als Autor zur Aufklärung des DDR-Unrechts, vor allem der Ermordung von Menschen an der Mauer, beigetragen hat.

Es gibt von ihm Bücher darüber, und es gibt einen Vortrag, den man hier nachlesen kann.

Eines seiner Bücher war von Zensur bedroht, weil ein darin vorkommender Offizier der NVA geklagt hatte. Aber nach für Graf günstigen Entscheidungen des Berliner Kammergerichts und des BGH scheint der Rechtsstreit über dieses Buch ("Deutsche Gerechtigkeit - Prozesse gegen DDR- Grenzschützen und ihre Befehlsgeber") sich dem Ende zu nähern, wenn auch der betreffende Ex- NVAler wohl noch nicht aufgegeben hat.



Nicht um dieses Schwerpunktthema des verdienstvollen Autors Roman Graf geht es hier aber. Sondern um eine Aktion, die er zusammen mit zwei Mitstreitern gestartet hat: Vielleicht inspiriert von Michael Moores Machwerk "Bowling for Columbine", in dem dieser die amerikanischen Schützen- Vereinigung NRA mit dem Schulmassaker von Littleton in Verbindung zu bringen versuchte, fordert Grafe jetzt nicht weniger als eine "Entwaffnung" der deutschen Schützenvereine!

Natürlich als Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden. Und wie will er das erreichen? Das hat er in einem Interview mit Andreas Glas von der Jugend- WebSite der "Süddeutschen Zeitung" erläutert:
Spätestens mit der Mordserie in Winnenden ist klar geworden: Es reicht mit all den halb ausgegorenen Gesetzesänderungen. Es gibt nur einen Weg: Entwaffnung. (...) Unsere Hoffnung ist, dass möglichst viele Schüler bis auf weiteres den Schulbesuch verweigern, damit Regierung und Bundestag nicht wieder Ausflüchte finden.

(Interviewer: Das heißt: Boykott als Druckmittel?)

Wir sprechen lieber von Verweigerung. Wenn der demokratische Staat in seiner Schutzfunktion versagt, dann ist der Bürger gefragt.
Geht's noch absurder? Kann man noch mehr überreagieren?

Daß zwischen der Zugänglichkeit von Waffen und der Wahrscheinlichkeit eines Verbrechens wie in Winnenden kein einfacher Zusammenhang besteht, liegt auf der Hand.

In der Schweiz hat bekanntlich jeder wehrfähige Mann ein Gewehr und Munition im Haus. In Frankreich gibt es so viele Jäger, daß diese sogar ein eigene Partei haben, die CPNT. Die Wikipedia listet kein einziges Schulmassaker in diesen beiden Ländern auf, dafür vier in Deutschland mit seinen strengen Waffengesetzen.

Weiterhin ist ein solcher Vorschlag maßlos in dem Verhältnis zwischen dem Eingriff in die Freiheitsrechte des Bürgers und dem erhofften Ergebnis.

Ob durch eine "Entwaffnung" der Sportschützen auch nur ein einziges künftiges Schulmassaker verhindert werden würde, weiß niemand. (In Deutschland kursieren mindestens genauso viele illegale wie legale Handfeuerwaffen). Aber daß die Freiheit der Schützen, ihren Sport auszuüben, massiv beeinträchtigt werden würde, ist absolut sicher. Um einer unsicheren erhofften Prävention willen soll in die Freiheit von zwei Millionen Bürgern eingegriffen werden.

Es ist eine Haltung des Verbietens, des Befehlens, des Glaubens an das Recht des Staats, beliebig über "seine Menschen" verfügen zu können, die hier sichtbar wird.

Diese Haltung kontrastiert nun allerdings auf eine seltsame Weise mit dem Aufruf an die Schüler, sich rechtswidrig zu verhalten. In Deutschland besteht bekanntlich Schulpflicht, und zwar bis zum zwölften Schuljahr.

Man ruft nach dem Obrigkeitsstaat, damit er in die Freiheit der Schützen eingreife. Man selbst aber nimmt sich die Freiheit, gegen die Gesetze dieses Staats zu verstoßen. Man will den staatlichen Zwang für andere, nur will man selbst sich ihm nicht unterwerfen.



Grafe und seine Mitstreiter - inzwischen sind es mehr geworden als die beiden, die er in dem Interview nennt - haben, das geht aus dieser seltsamen Aktion hervor, den demokratischen Rechtsstaat nicht verstanden.

Sie haben erstens nicht verstanden, daß der Staat nur dann in die Freiheit des Einzelnen eingreifen darf, wenn dies für das Gemeinwohl unerläßlich ist. Sie haben zweitens nicht verstanden, daß für solche Eingriffe des Staats der parlamentarische Weg vorgesehen ist und nicht irgendwelche "Verweigerungen".

In dem Interview kommt Grafe auf die DDR zu sprechen, in der er aufgewachsen ist:
Mir hat gerade erst ein Sportschütze erzählt, dass in der DDR, zumindest in den Amateurvereinen, keine tödlichen Sportpistolen erlaubt waren. In diesen Schützenvereinen habe es damals nur Kleinkaliberwaffen gegeben.
Was Grafe verschweigt, das ist die Existenz der "Gesellschaft für Sport und Technik", der Millionen von DDR- Bürgern mehr oder weniger freiwillig angehörten und in der im Rahmen der vormilitärischen Ausbildung Schießsport mit scharfen Waffen betrieben wurde. Auch Kleinkaliber- Waffen sind "tödliche Sportpistolen". Der Amokläufer von Tuusula tötete neun Menschen mit einer Kleinkaliber- Pistole.

Aber davon abgesehen ist der Hinweis auf die DDR schon bezeichnend. Natürlich konnte dort der Staat erlauben und verbieten, was immer ihm opportun erschien. In einer freiheitlichen Gesellschaft geht das eben nicht.



Für Kommentare bitte hier klicken.

13. März 2009

Zitat des Tages: "Konsequenzen des Amoklaufs" von Winnenden. Kontrollieren, Verbieten, Verschärfen. Warum aber wurde Tim K. zum Mörder?

Konsequenzen des Amoklaufs - CSU will Killerspiel- Verbot, SPD Kontrolle über Schützenvereine
Notruf- Funktionen für Internet- Nutzer, ein Killerspiel- Verbot, mehr Kontrolle in Schützenvereinen: Politiker der Großen Koalition streiten nach der Bluttat von Winnenden über politische Konsequenzen. Die Polizeigewerkschaft beklagt Sicherheitslücken bei der Waffenkontrolle.


Schlagzeile und Teaser eines heutigen Artikels in "Spiegel- Online"

Kommentar: Jetzt geht es also los mit dem, was zu erwarten gewesen war: Es wird über "politische Konsequenzen" diskutiert.

"Konsequenzen", von denen nicht zu erkennen ist, daß sie auch nur entfernt, daß sie auch nur indirekt etwas mit der Tat des Tim Kretschmer zu tun haben.

Von einem "neuen Anlauf" des bayerischen Innenministeriums berichtet "Spiegel- Online", "gewaltverherrlichende Spiele aus dem Verkehr zu ziehen". Ja, hat denn der Amoklauf von Winnenden etwas mit gewaltverherrlichenden Spielen zu tun? Es gibt dafür nicht das geringste Indiz. Noch nicht einmal daß Tim Kretschmer sich bei seiner Tat wie eine Figur aus solchen Spielen gekleidet hat, stimmt. Er ging so zum Töten, wie er sonst in die Schule ging.

Die unsägliche Justizministerin Zypries "rief Schützenvereine dazu auf, ihre Mitglieder künftig besser zu kontrollieren." Ja, ist denn der Vater von Tim Kretschmer schlecht kontrolliert worden?

Hätte ein Inspektor des Schützenvereins dessen Wohnung aufsuchen sollen, um herauszufinden, daß alle Waffen ordnungsgemäß im Waffenschrank verwahrt waren, bis auf die Beretta? Hätte er dann das Schlafzimmer des Ehepaars Kretschmer durchsuchen sollen, um diese Beretta zu ermitteln?

Eine "Verschärfung des Waffenrechts" schloß CDU- Generalsekretär Profalla nicht aus. Ja, wo will man denn da, bei einem der strengsten Waffengesetze der Welt, noch etwas verschärfen? Und gibt es auch nur den Schein eines Hinweises darauf, daß ein schärferes Waffenrecht den Amoklauf von Tim Kretschmer verhindert hätte?

Gegen solche Versuche, an den Haaren herbeizuziehen, wo man nur ziehen kann, muten Überlegungen wie die des Pädagogen Dieter Lenzen schon fast rational an, der den Amoklauf mit der Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungswesen in Zusammenhang bringt. Immerhin sind solche Schulmassaker etwas ausgeprägt Geschlechtsspezifisches.



Bei allen diesen Versuchen, Zusammenhänge zu konstruieren, scheint mir das Offensichtliche zu kurz zu kommen: Ein Mensch hat moralisch versagt. Dieser Tim Kretschmer - ja kein Kind, sondern strafmündig, wenn auch dem Jugendstrafrecht unterworfen - hat sich entschieden, Menschen zu töten. Nach allem, was man weiß, so viele, wie er nur konnte.

Hat er sich aus freiem Willen entschieden, das zu tun? Wahrscheinlich ja. Hinweise darauf, daß er nicht schuldfähig war - daß also beispielsweise eine schizophrene Erkrankung vorlag oder eine tiefgreifende Bewußtseinsstörung zu dem Zeitpunkt, zu dem er sich für die Tat entschied - gibt es bisher nicht. Es ist davon auszugehen, daß Tim Kretschmer ein Mörder ist, ein Massenmörder.

Er hat sehr wahrscheinlich abgewogen, bevor er sich für das Morden entschied. Er muß sich im Klaren darüber gewesen sein, welches Leid er über viele Menschen bringen würde - die Opfer, deren Angehörige, seine Eltern.

Er kam zu dem Ergebnis, daß dieses Leid weniger wog als seine Wut, sein verletztes Selbstwertgefühl, sein Bedürfnis nach Rache - was immer ihn zu der Tat getrieben hat.



Wenn man "Konsequenzen" aus einer solchen Tat erwägt, dann wäre hier anzusetzen. Was ist in der Erziehung eines jungen Menschen schief gelaufen, daß er zu einem solchen moralischen Krüppel geworden ist? Wieso hat er nicht hinreichend die Fähigkeit erworben, Mitleid mit anderen Menschen zu haben, sich in ihr Leid einzufühlen? Wieso war bei ihm die Kontrollfunktion so offensichtlich schwach ausgebildet, die wir umgangssprachlich Gewissen nennen, die Freud Überich und die Immanuel Kant das "moralische Gesetz in mir" genannt hat?

Fragen, die seltsamerweise in der öffentlichen Diskussion des Falls kaum eine Rolle spielen.

Fragen, die ja in einem öffentlichen Diskurs generell eine geringe Rolle spielen, der ganz auf "die Gesellschaft" hin zentriert ist. Ein Diskurs, der bei solchen Ereignissen fragt "Was haben wir, die Gesellschaft, falsch gemacht?" Statt zu fragen: "Warum hat dieser Mensch eine solche Schuld auf sich geladen?".



Mit Dank an Califax. Für Kommentare bitte hier klicken.