28.3.13

Wir wünschen uns, was wir nicht wollen – Die Deutschen und ihre Prominenten

Zu den Bereicherungen des Repertoires an sozialen Verhaltensweisen, die das Internet mit sich gebracht hat, gehört der so genannte Shitstorm. Kulturanthropologen werden darin vielleicht eine sublimierte, weitgehend verfahrensfreie und in ihren Folgen relativ harmlose Form des klassisch-antiken Scherbengerichts erblicken. Während der altgriechische Ostrazismus die gewichtige Frage der temporären Verbannung eines Mitbürgers betraf, tobt der postmoderne Sturm im Wasserglas über Nebensächlichkeiten wie etwa einem verunglückten Fernsehinterview.
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Auf Youtube hat es ein Nichtgespräch zwischen der Schauspielerin Katja Riemann und dem Nord-3-Moderator Hinnerk Baumgarten zu einer mittlerweile unüberschaubaren Fülle an Kommentaren gebracht, die in ihrer Mehrheit bald mit der Aktrice, bald mit dem Journalisten hart ins (Scherben-)Gericht gehen. In voller Länge dürfte der zäh scheiternde Dialog allenfalls für Studenten der Kommunikationswissenschaft oder Adepten der linguistischen Teildisziplin Pragmatik von Interesse sein: Riemann gibt ein Lehrbuchbeispiel für die Missachtung des kommunikativen Kooperationsgebotes ab, während sich Baumgarten dieser unerwarteten Blockadepolitik nicht einmal ansatzweise gewachsen zeigt. Eine Zusammenfassung der krassesten Kollisionen dieser verbalen Abwehrpartie kann man hier nachhören.

Die Medien schossen sich zunächst überwiegend auf Katja Riemann ein. Das Prädikat „Diva“ wurde schnell aus dem Stehsatz geschüttelt. Doch es ist grundfalsch. Denn bemüht zickig oder himmelschreiend arrogant war das Auftreten der Schauspielerin keineswegs; vielmehr legte sie eine völlig ungekünstelte Verdrossenheit und eine absolut natürlich wirkende Unlust an den Tag. In gewisser Weise verwirklichte die Mimin das, was einem Prominenten für gewöhnlich zur höchsten Wertschätzung gereicht: Sie benahm sich authentisch.

Davon abgesehen erscheint die Missstimmung über Katja Riemanns demonstrative Unwilligkeit aus zwei Gründen inkonsequent. Zum einen ist es ja nicht so, dass das Publikum schwierigen Interviewpartnern aus Prinzip seine Gunst verweigert. Im Gegenteil: Der fast jeden Gesprächsversuch torpedierende Klaus Kinski (hier Ausschnitte aus seiner berüchtigten Konfrontation mit Alida Gundlach) wurde jedenfalls posthum zur Ikone. Das Wort vom „einzigen deutschen Weltstar“ bekam Flügel – dieser Nimbus dürfte erst durch die von Kinskis Tochter Pola erhobenen Missbrauchsvorwürfe angekratzt worden sein.

Zum anderen wird Kritik an deutscher TV-Unterhaltung, wenn von Hollywood-Granden formuliert, weniger auf deren etwaige Allüren als vielmehr auf die Provinzialität und Inkompetenz der hiesigen Entertainmentbranche zurückgeführt. Und in der Tat wäre ein bisschen mehr Selbstreflexion gerade in der beitragsfinanzierten Senderzunft durchaus angebracht, lässt dort der Umgang mit Showgästen bisweilen doch sehr zu wünschen übrig.

Es stellt sich die Frage, was wir von unseren Prominenten eigentlich möchten: Sollen sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen oder erwarten wir von ihnen die Beachtung der einschlägigen Wohlverhaltensnormen? Wollen wir den Menschen hinter der Fassade kennen lernen oder bevorzugen wir eine als professionell geltende Mauer des Lächelns und der Contenance? Eine ebenso luzide wie prägnante Ansicht zu dieser Thematik vertritt in ihrer Spiegel-Online-Kolumne die Schriftstellerin Sibylle Berg:
Sie [unsere Stars] sollen sich verstellen, damit wir ihnen ihre Künstlichkeit vorwerfen können.
Genau das scheint des Pudels Kern zu treffen. Wir rufen lautstark nach Authentizität und Ehrlichkeit, aber hoffen insgeheim doch auf Heuchelei, um von unserer vermeintlichen moralischen Höhe herab die auswendig gelernten Worthülsen und sorgsam einstudierten Posen unserer Berühmtheiten anprangern zu dürfen.

Katja Riemann behauptet auf ihrer Internetpräsenz, in der Sendung seien Absprachen nicht eingehalten worden. Was auch immer die Gründe für ihre Verweigerungshaltung gewesen sein mögen: Den Schwarzen Peter schiebt man ihr zu, weil sie die Konvention gebrochen hat, dass Prominente zu jedem Spiel gute Miene machen müssen, auch wenn alles in ihnen gerade zum Gegenteil drängt. Das nehmen wir ihr übel.

Noricus


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