Posts mit dem Label Bagdad werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bagdad werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

25. Juli 2007

Ketzereien zum Irak (16): Authentisches aus Bagdad

Da sich kaum noch Journalisten in Bagdad aufhalten, sondern aus ihren Büros in Dubai, Amman, Kairo berichten, ist man für ein objektives Bild der Lage im Irak zunehmend auf zwei andere Quellen angewiesen: Irakische Blogger und die wenigen westlichen Freien Journalisten, die, meist unter dem Schutz der amerikanischen Armee, im Irak unterwegs sind.

Einen regelmäßigen Überblick über das Neueste aus englischsprachigen Blogs von Irakern findet man in "Dean's World" unter der Überschrift "The Carnival of the Liberated".

Zu den Freien Journalisten, die sich in den Irak wagen, gehören beispielsweise Michael Totten und Bill Ardolino.



Michael Tottens aktueller Bericht ist eine längere Reportage, die hauptsächlich (ziemlich weitschweifig, mit vielen Fotos illustriert) den Alltag amerikanischer Patrouillen schildert, die Reaktionen der Bevölkerung, die kleinen Fortschritte.

Eine interessante Information aus seinem Artikel, die jedenfalls mir neu war:

Im Bagdader Stadtteil Adhamiyah hat die Armee eine Mauer gebaut, die sunnitische und schiitische Wohnbezirke trennt. Zu Fuß kann man sie passieren, aber sie hindert Sprengstoff-Autos und Waffentransporter an der Passage. Innerhalb des ummauerten Bezirks leben hauptsächlich Sunniten, außerhalb Schiiten.

Dadurch seien, schreibt Michael Totten, die Anschläge sowohl der sunnitischen Milizen einschließlich der El Kaida als auch die der schiitischen Mahdi- Armee drastisch reduziert worden.

Auch andere gefährdete Areale - der Fischmarkt zum Beispiel - sind durch Mauern geschützt.



In diesem Zusammenhang ist interessant, was Omar in Iraq the Model schreibt: Die Zahl der Geschäfte hat nicht abgenommen, aber viele sind umgezogen. Sie ziehen weg von den Hauptstraßen, die durch Anschläge gefährdet sind, und siedeln sich in Nebenstraßen an, auf die ein Anschlag sich sozusagen nicht "lohnt".

Ein paar andere Informationen aus Omars Artikel:

Wenn vergangenen Samstag in Bagdad geschossen wurde, dann waren es überwiegend Freudenschüsse. Die irakische Fußball- Nationalmannschaft hatte nämlich bei der Asien- Meisterschaft 2:0 gegen Vietnam gewonnen.

Der Benzinmangel ist viel geringer als früher. Der Schwarzmarkt- Preis für Benzin liegt jetzt nur noch um die Hälfte höher als der offizielle Preis (60 Cents pro Liter; die Hälfte des Schwarzmarkt- Preises letzten Monat).

Die Stromversorgung hat sich, in Stunden gemessen, verdoppelt - allerdings schreibt Omar sarkastisch, die Begeisterung darüber solle sich in Grenzen halten, denn das bedeute vier statt zwei Stunden täglich Strom.



Wenn man ansonsten die in "Dean's World" verlinkten Blogs durchsieht, dann entsteht der Eindruck, daß vor allem eine sehr große Unzufriedenheit mit der Regierung herrscht.

Maliki wird allgemein als unfähig betrachtet. Die konfessionellen Auseinandersetzungen werden kritisiert; wobei niemand zu wissen scheint, was man denn dagegen tun kann.

Von einem "Bürgerkrieg" habe ich in keinem dieser Blogs etwas gelesen; außer einmal in dem Zusammenhang, daß irgendein Politiker mit Bürgerkrieg gedroht habe.



Das vielleicht Deprimierendste: Sämtliche Parlaments- Abgeordnete haben sich selbst (rote) Diplomaten- Pässe genehmigt. Und es gibt den Vorschlag, daß alle, die unmittelbar mit den USA zusammenarbeiten, ein Einreise- Visum zum dauerhaften Aufenthalt in den USA erhalten sollen.

Da werfen die US-Präsidentschaftswahlen ihren Schatten voraus. Viele Iraker werden sich daran erinnern, wie schändlich die US- Demokraten schon einmal die Menschen, die in Vietnam den USA vertraut hatten, im Stich gelassen haben.

Wenn Obama oder Clinton gewählt werden, dann wird aus dem Irak fliehen, wer immer es kann.

In der kürzlichen CNN/YouTube- Veranstaltung, in der die demokratischen Präsidentschafts- Kandidaten von Bürgern befragt wurden, haben mit einer Ausnahme alle sich für den Abzug aus dem Irak ausgesprochen. Es gab nur Differenzen darüber, wie schnell. Die Ausnahme war der Senator Biden, der einen eigenen Irak- Plan hat, nach dem immerhin ein kleines Kontingent im Irak bleiben soll.

Niemand von den Kandidaten hat ein Wort darauf verschwendet, was bei dem beabsichtigten Rückzug aus den Irakern werden wird, die mit den USA zusammengearbeitet haben.

Vielleicht sollte die US-Botschaft in Bagdad schon vorsorglich die Hubschrauber bestellen für den Tag nach den Präsidentschafts- Wahlen.



Und was zum Thema "Informationen zum Irak" nicht fehlen sollte: Iraq Slogger, eine umfassende, ständig aktualisierte Sammlung von Meldungen aus den verschiedensten Quellen.

Darunter auch eigene Analysen von Iraq Slogger. Zum Beispiel diese zu einem grausigen Thema: Die Morde und Folterungen, die schiitische und sunnitische Terroristen untereinander verüben.

Zwischen dem 18. Juni und dem 18. Juli wurden 592 Ermordete aufgefunden. Wenn man die Fundorte in eine Karte von Bagdad einträgt, dann zeigt sich, daß sie fast durchweg in konfessionell gemischten Bezirken liegen; kaum in rein oder überwiegend sunnitischen oder schiitischen. Die Morde sind, schreibt Iraq Slogger, Ausdruck von Machtkämpfen um die Kontrolle von Territorien.

Mit der Invasion des Irak hat das alles nichts zu tun. Da kämpft niemand gegen die Koalitions- Truppen. Sondern wie so oft nach dem Ende einer Diktatur - siehe Jugoslawien - machen sich die Konflikte, die von der Diktatur gewaltsam unterdrückt worden waren, blutig bemerkbar.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

15. Januar 2007

Ketzereien zum Irak (6): Reporter "vor Ort" und was sie berichten

Über den Irak wird viel berichtet. Aus dem Irak wird sehr wenig berichtet.

Heute hat der "Spiegel" wieder einen Artikel über die Situation im Irak. Autoren sind Georg Mascolo (Washington) und Siegesmund von Ilsemann (Hamburg). Also doch recht weit weg von Bagdad stationiert. Immerhin hat der "Spiegel" Büros in Kairo und neuerdings in Dubai. Da ist man schon näher dran. Kurz nach der Befreiung gab es sogar ein "Spiegel"- Büro in Bagdad, das aber bald wieder aus dem Impressum verschwand. Feste Büros haben nur noch wenige Medien in Bagdad.

Das ist verständlich, vermutlich unvermeidlich. Bagdad ist gefährlich für Journalisten.

Aber es gibt dennoch Berichte von Autoren, die wirklich "vor Ort" sind. Irakische Blogger; ausländische Reporter, die sich trauen. Hier zwei aktuelle Beispiele.



Der von zwei Irakern in Bagdad betriebene Blog Iraq the Model, den ich schon in früheren Folgen dieser Serie zitiert habe, hat bereits am 7. Januar - also vor der Rede Präsident Bushs - berichtet, daß eine großangelegte Militäroperation gegen Aufständische in Bagdad unmittelbar bevorstehe. Unter der Überschrift "A new crackdown is about to begin..." (Ein neuer Schlag [gegen den Aufständischen] steht bevor) wurde von massiven Truppenbewegungen in Bagdad berichtet. Maliki habe, so war zu lesen, schon am Tag zuvor den Plan skizziert:
  • Keine Einflußnahme von politischer Seite auf die Ausführung dieses Plans
  • Alle bewaffneten Gruppen werden gleich behandelt
  • Der Schutz der Bevölkerung obliegt ausschließlich den regulären Truppen und nicht irgendwelchen Milizen
  • Vergangenen Mittwoch hieß es dann unter der Überschrift "Did the operation actually begin?" (Hat die Operation schon begonnen?), daß in Bagdad heftiger Schlachtenlärm zu hören sei, daß 30-mm- Geschütze und Apache- Helikopter eingesetzt würden und daß bereits 50 Aufständische gefallen seien. Der Beginn der eigentlichen Operation werde für Freitag, spätestens den Wochenbeginn (also heute) erwartet. Am gestrigen Sonntag wurde berichtet, daß die sunnitischen und El- Kaida- Aufständischen anscheinend schon auf die Operation reagierten, indem sie Positionen in Bagdad verließen und sich in die Provinz Diyala nordöstlich von Bagdad zurückzögen.

    Ein anderes interessantes Detail ist in einem Bericht vom vergangenen Freitag zu lesen, in dem von einem Gespräch mit einer Frau berichtet wird, die aus einer umkämpften Gegend (Haifa Street) geflohen ist. Die "Aufständischen" waren nach ihrer Aussage überwiegend ursprünglich "bandits, thieves and notorious thugs" (Banditen, Diebe und notorische Halunken). Einer ihrer Anführer, Noori al-Aqra, der von Regierungstruppen getötet wurde, habe beispielsweise kurz zuvor eine kurdische Reporterin ermordet und ihren Schmuck geraubt.



    Mehr zu diesem Thema erfährt man in dem Blog In Iraq Journal, dessen Autor, Bill Ardolino, unter Schutz amerikanischer Marineinfantrie-Truppen aus dem Irak berichtet. Am 10. Januar erschien sein Interview mit einem Bürger Falludschahs, "Yusef", dessen genaue Funktion aus Sicherheitsgründen nicht mitgeteilt wird; er sei an leitender Stelle in der Verwaltung tätigt. (Siehe auch den Artikel von Ardolino im "Examiner").

    "Yusef" berichtet ebenfalls, daß es sich bei den "Aufständischen" überwiegend um Kriminelle handle, die mafia- ähnliche Strukturen aufgebaut hätten. Einen großen Teil ihrer Einkünfte bezögen sie aus Schutzgelderpressungen. "From Fallujah to the city of Abu Ghraib, the radicals control everything. Gas stations, power, contracts and, believe it or not, contracts with the Americans themselves." Von Falludschah bis hin zu der Stadt Abu Ghraib würden diese Radikalen alles kontrollieren, Tankstellen, die Energieversorgung, sogar die Kontrakte mit den Amerikanern.

    Sie würden sich sehr um die Rekrutierung junger Männer bemühen, die fest an sie gebunden seien, sobald sie den ersten Mord begangen hätten. Viele dieser junger Männer seien während ihrer Haftzeit in einem Gefängnis radikalisiert worden.



    Eine andere interessante Information aus diesem Interview: Kritisch ist nach "Yusefs" Einschätzung die Haltung der Beduinenstämme.

    In der Provinz Anbar hätten sich bereits auf die Seite der irakischen Regierung gestellt. In Falludschah würden sie wohl zu dem jeweils Stärkeren tendieren. Das seien im Augenblick noch die Aufständischen. Es käme also darauf an, zuerst die Polizei zu verstärken, um dann die Beduinen auf die Seite der Regierung zu ziehen. "Yusef" ist optimistisch, daß das gelingen kann.



    Über weitere Blogs direkt aus dem Irak, zum Beispiel den von Michael Yon, werde ich in einem späteren Beitrag berichten.

    Gewiß läßt sich schwer beurteilen, wie repräsentativ die Beobachtungen und das Urteil dieser Reporter "vor Ort" sind. Mindestens ergänzen sie das Bild, das uns die Journalisten aus Washington, Hamburg, Dubai oder allenfalls aus der Grünen Zone Bagdads liefern.

    Auffällig ist, daß diese Blogs wenig von dem Pessimismus dieser Mainstream- Berichterstattung zeigen.

    Die Lage wird keineswegs rosig gesehen. Aber kaum jemand scheint zu glauben, daß der Krieg gegen die Aufständischen verloren sei.