31. Dezember 2025

Erich Kästner, "Punschlied auf das neue Jahr"





(Zeichnung von Paul Warburton, 2025)

So. Sie sind also das neue Jahr?
Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei mir.
Das vorige Jahr zum Beispiel, das war,
Wenn ich nicht irre, zwölf Monate hier.

Ich wollte ihm vorher kündigen. Freilich.
Das stimmt schon. Aber dann zog's sich hin.
Ich konnte es nicht hinausschmeißen, weil ich
Ein ausgemachter Gemütsmensch bin.

Außerdem waren wir zwei vertraglich
Für zweiundfünfzig Wochen gebunden.
Hätte ich denn Ersatz gefunden?
Vorm 1. Januar schien mir das fraglich.

Ich will es Ihnen ganz offen sagen,
Auch wenn Sie meine Offenheit stört:
Das war kein Jahr, wie sich's gehört!
Wir werden uns hoffentlich besser vertragen.

Sie brauchen nur auf eins zu achten.
Ich ford‘re Respekt vor meinem Willen.
Sie müssen nichts tun als darnach zu trachten,
Mir sämtliche Wünsche zu erfüllen.

Sie sind noch jung. Es wird schon gehen.
Der Dienst ist leicht. Meine Wünsche sind klein.
Was bleiben Sie denn vor der Tür stehen?
Treten Sie näher! Kommen Sie 'rein!

Den Kontrakt, den können wir gleich unterschreiben.
Zwölf Monate fest engagiert, steht drin.
Und falls ich mit Ihnen zufrieden bin,
Dürfen Sie sogar länger bleiben.

Ja, ja, ich bin ein gemütlicher Mann.
Hören Sie draußen die Glocken läuten,
Und wissen Sie auch, was die Glocken bedeuten?
Ihr Dienst geht los! Also, fangen Sie an!

24. Dezember 2025

Annie M.G. Schmidt, "Das großartigste Weihnachten seit 574 Jahren" (1960)







„Da sitzen wir also mal wieder,“ sagte der Heilige.

„Das kannst du laut sagen,“ sagte Piet. „Auf dem Dampfschiff in die Niederlande. Genau wie jedes Jahr. Zum wievielten Mal machen wir das jetzt, Sinterklaas?“

„Zum fünfhundertvierundsiebzigsten Mal,“ sagte der Heilige.

„Bah,“ sagte Piet.

„Was soll das heißen: ‚bah‘?“ fragte Sinterklaas erbost. „Wieso bah?“

“Mir reicht es!“ sagte Piet.

„Aber du magst doch Kinder? Und die Kinder lieben uns!“

„Ach was,“ sagte Piet. „Die mögen nur unsere Geschenke. Es geht einzig und allein um die Päckchen, und sonst um gar nichts. Und jetzt zieht auch noch ein Sturm auf. Bah!“

4. Dezember 2025

Erich Kästner, "An die Unpolitischen" (1929)





Ihr hieltet und ihr haltet still.
Und man macht mit euch, was man machen will.
Ihr laßt dem Staat seinen Lauf.
Ihr sitzt und wartet ungefähr,
als ob das Schicksal ein Zahnarzt wär
und reißt den Schnabel auf.

Man sagt, man müßte die Steuern erhöh’n.
Man sagt, eine große Flotte sei schön
Und schöner ein großes Heer.
Man sagt, ihr brauchtet den Ausfuhrzoll.
Man redet euch die Jacke voll
Und verschweigt euch noch viel mehr.

Man meldet, daß der Brotpreis stieg,
Man sagt, ihr müßtet in den Krieg,
und lacht euch ins Genick.
Man schmiert euch an. Man seift euch ein.
Man legt euch trocken. Man legt euch herein.
Man nennt das Politik.

Ihr seid so dumm. Ihr seid so stumm.
Man tanzt euch auf der Nase ‘rum.
Ihr fühlt euch so privat.
Die Frau will Geld. Und der Säugling schreit.
Ihr wollt ins Bett. Ihr habt keine Zeit
Für den sogenannten Staat.

Ihr habt die Augen, fragt nicht wo.
Ihr laßt die Köpfe im Büro.
Ihr haltet still und blecht.
Es ist egal, wer euch regiert.
Ihr werdet ewig angeschmiert.
Und das geschieht euch recht!


[Erschienen in „Jugend“ (München), Jg. 34, Nr. 48, vom 23. November 1929)