11. April 2021

Übersterblichkeit Reloaded: Merkwürdigkeiten, Rätsel und die Erkenntnis, dass wir alle sterben werden

Die Erkenntnis, dass wir alle sterben werden ist nicht allzu neu. Die Behauptung, dass wir alle viel früher sterben werden, war dagegen die Grundlage für den massiven Freiheitsverlust der vergangenen 13 Monate, gerne als "Corona-Maßnahmen" euphemisiert. Und das Bundesamt für Statistik, das gerade hier in einer etwas unrühmlichen Rolle diskutiert wurde, liefert auch gleich die passenden Zahlen dazu.

10. April 2021

Das Ende der Fahnenstange. Ein Gedankensplitter zu Inflation, Wachstum und anderen unwichtigen Dingen.

Bei der Hintergrundrecherche für einen anderen Artikel, der noch in Arbeit ist, habe ich mich ein wenig intensiver mit dem Thema Inflation beschäftigt. Sie wissen schon, die Inflation, die seit Jahren so vor sich hindümpelt und der EZB permanent als Begründung dient weiters Geld zu drucken. Die selbe Inflation, die "gefühlt" jedes Jahr mehr und mehr steigt und von der uns das statistische Bundesamt im Auftrag der Regierung permanent erklärt, das finde nur in unserem Kopf statt. 

8. April 2021

Die Wut im Bauch

Ein persönlicher, vielleicht auch mein (vor)letzter Artikel. Dieser Artikel ist eine innere Reflektion, nicht redigiert, nicht überdacht und in Wut geschrieben. Wen das nicht interessiert, der braucht ab hier nicht weiter zu lesen.

Ich kann nur schlecht beschreiben welche Wut ich inzwischen empfinde, der Begriff des Wutbürgers, der noch vor wenigen Jahren so gerne verwendet wurde, um diejenigen, die eine Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen befürchteten, zu brandmarken, beschreibt die Situation nicht einmal schlecht. Man ist erwachsen, man hat gelernt seine Aggressionen zu kanalisieren, sich zu benehmen, keine Kraftausdrücke zu benutzen, sich zurück zu halten und die Form zu wahren. Und dennoch ist alles was ich derzeit für den amtierenden Ministerpräsidenten, den ich gerne immer verharmlosend Flaschet genannt habe, übrig habe nur noch der kalte Hass, der eigentlich keine solche Bezeichnung mehr zulässt.

7. April 2021

Flaschet und die Möhre oder wie man sich mit Anlauf lächerlich macht

Flaschet hat nachgedacht. Ein ganzes Osterwochenende. Das muss ein sehr schwerer Prozess gewesen sein, denn am Ende kam dann das heraus, was sich ein Penäler auch in der 5-Minuten Pause hätte überlegen können. Ein "Brücken-Lockdown" soll es sein. Was nichts anderes ist als ein harter Lockdown nach Wunsch der Frau Bundeskanzler und ihres bayrischen Adlaten, nur mit einer Möhre vorneweg, auf die ohnehin nach einem Jahr kein Mensch mehr rein fällt. Der Berg kreiste und gebar eine Maus. Eigentlich nicht einmal die, denn das was Flaschet da vorstellt ist eigentlich nur noch hochnotpeinlich.

5. April 2021

Osterbotschaft 2021



Ein Bild und zwei Zitate.



蒲 松 龄 《书 痴》 / Pu Songling, "Der Büchernarr" (1679 / 1766)





(Illustration aus einer Ausgabe des Liaozhai Zhiyi von 1886)

郎玉柱,是彭城人。他的父亲曾做过太守,为官清廉,得到俸禄后,不置田产,酷爱买书,积攒了满满一屋子。到了玉柱,尤其痴:家里非常贫困,东西都卖光了,只有父亲的藏书,一本也不忍卖掉。父亲在时,曾抄录《劝学篇》贴在郎玉柱书桌的右边。玉柱每天都要读上几遍,还罩上层白纱,恐怕磨坏了。玉柱读书倒不是为了做官,而是真的相信书中自有“千钟粟”“黄金屋”,因此昼夜苦读,四季不断。二十多岁了,也不知娶妻,盼望着书中那“颜如玉”的美人自己会来找他。有时亲戚朋友来到家里,他也不知问寒道暖。略说几句话,便又旁若无人地高声读起书来。客人无味,自己坐一会儿就走了。每次科考,学使总是首先选他参加,但却一直考不中。

一天,玉柱又在读书,忽然一阵大风吹来,将书刮跑了。玉柱急忙追赶,一脚踏空,双脚陷进地里。低头一看,见是一个坑,上头盖着层烂草。往下挖了挖,才知原来是古人窖藏粮食的地窖,里面的粮食已经腐烂成粪土了。虽然粮食没法吃,但玉柱更加相信“书中自有千钟粟”的说法确实不错。因此,读书也更加用功。又一天,玉柱爬梯子上书架高处找书,在一堆乱书中发现一个尺把长的小金车,惊喜万分。以为“书中自有黄金屋”的话又应验了。拿出去给人家看了看,原来是镀金的,并不是真金。玉柱沮丧不堪,暗地里埋怨古人欺骗自己。过了不几天,有个跟父亲同榜考中的人,做了本道的观察,此人信佛。有人便劝玉柱将金车献给他作佛龛。观察非常高兴,赐给玉柱三百两银子、两匹马。玉柱大喜,以为“书中车马多如簇、书中自有黄金屋”都应验了,越发刻苦攻读。

玉柱到了三十多岁,有人劝他该娶妻子了。玉柱说:“‘书中自有颜如玉’,我还愁没有漂亮的妻子吗?”又过了两三年,书里仍没出来个美女找他,大家都嘲讽他。这时,民间谣传天上的织女星私奔到了人间。有人和玉柱开玩笑:“织女私逃,大概是为了你吧?”玉柱知道他们是在戏弄自己,也不答理。一晚,读《汉书》读到第八卷,刚到一半的时候,见一个用纱剪成的美人夹在书页中。玉柱大惊道:“书中自有颜如玉,难道就是这个吗?”心里怅然若失。他再细看看那纱剪的美人,眼睛眉毛栩栩如生,脊背上隐隐约约有行小字:“织女。”玉柱十分惊异,天天把美人放到书上,反复观赏,至于废寝忘食。

2. April 2021

Statistik, Märchen und andere Geschichten. Eine kleine Lanze für Astra-Zeneca.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Impfstoff in Deutschland. Da Ursel Fond-of-Lying die Bestellung bei Pfizer, wie erwartet, in den Sand gesetzt hatte, musste schnell ein neuer Kandidat her und das war AZD 1222 (vulgo der "Astra-Zeneca-Impfstoff"). Dieser bot zwei ganz entscheidende Vorteile: Erstens, er war billig (er kostet nur ein Viertel der Pfizer Variante) und außerdem war Astra-Zeneca im Unterschied zu Pfizer noch nicht völlig ausgebucht und wollte bis Ende 2021 knappe 200 Millionen Dosen an die EU liefern.

So weit, so gut. Was dann aber nicht so gut war, war dann die Verträglichkeit. Wie so oft, wenn etwas vor allem schnell gehen muss, war das Ergebnis eben nicht ganz optimal. Nach bisherigem Stand haben von den 2,4 Millionen in Deutschland mit dem Stoff geimpften 31 Impflinge eine Trombose entwickelt, wovon 9 gestorben sind. Vor allem und im Wesentlichen Frauen unter 60 Jahren. Schlimm, so die Bundesregierung, und zwar so schlimm, dass jetzt erst einmal Schluss ist mit Impfung und der Stoff nicht mehr an unter 60-jährige vergeben werden kann. Impfstopp.

31. März 2021

Béla Balázs, "Das Buch des Wan-Hu-Tschen" (1921)



(Béla Balázs)

Liu-Tschang ist eine reiche Stadt. In dieser lebte einmal ein armer Mensch namens Wan-Hu-Tschen. Seine Eltern hatten ihm ziemlich viel Geld hinterlassen und auch seine Verwandten waren vermögende Leute. Aber Wan-Hu-Tschan liebte keine ehrliche Arbeit; weder wollte er Handel treiben auf den Barken mit den Drachensegeln, noch hatte er Lust zur Seidenweberei. Stets befaßte er sich mit gelehrten Büchern, denn er wollte die Staatsprüfungen ablegen, um Beamter zu werden. Aber Wan-hu-Tschan war dumm. Nicht einmal den ersten Tschin-Grad mochte er zu erreichen. So verarmte er allmählich, und darum verstießen ihn auch seine Verwandten, ja sie machten sich auch noch lustig über ihn. Das ist es, was wir von Wan-Hu-Tschan wissen müssen.

Li-Fan war die Tochter des Staathalters, deren Lilienwangen das Herz Wan-Hu-Tschans zur Liebe entflammt hatten.

Doch auch Li-Fan lachte nur über ihn. Der Staathalter aber fing einen Brief des Wan-Hu-Tschen auf, der also lautete:

"O, mein Lieb, wie bist du mir so ferne,
Fern bist du mir, wie meinem Zimmer der Mond,
Dein weißes Bild zittert am Grunde meines Herzens.
So wie der Mond auf meines Zimmers Boden."

Da ließ der Statthalter den armen, dummen und arbeitsscheuen Freier aus seinem Hause werfen.

29. März 2021

Immer Ärger mit Joe

Der eine oder andere Leser mag sich an die Klamotte "Immer Ärger mit Bernie" erinnern, die vor knapp 30 Jahren in die Kinos kam und dort ganz anständigen Erfolg feierte. Der Plot war vergleichsweise simpel wie grotesk: Zwei Verlierer geraten in einen Strudel mit der Mafia, ihr Boss "Bernie"(ein Verbrecher) wird von eben dieser umgebracht und die beiden haben das Problem, dass sie den Anschein erwecken müssen, dass Bernie noch am Leben ist, um selber vor der Mafia zu entkommen. Deswegen unternehmen sie allerhand mit der Leiche und versuchen möglichst vielen Leuten zu verkaufen, dass Bernie noch sehr lebendig ist. 

28. März 2021

"Vom Maler, der im Bild verschwindet": Drei deutsche Echos einer Legende, um 1930





(Ernst Bloch in jüngeren Jahren)

In der deutschen Literatur um 1930 finden sich mehrere Erwähnungen - oder Ausarbeitungen der chinesischen Künstlerlegende vom - nicht genannten - Maler, der diese Welt verläßt, indem er das letzte von ihm geschaffene Gemälde betritt und sich darin verliert. In dieser Folge unserer lockeren Umkreisung dieses Topos, dieses Motivs, sollen drei Beispiele aus dieser Zeit angeführt werden, die mehr eint, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Zum einen bleibt in allen drei Texten der Verweis seltsam unkonkret, als könnte man die Anekdote als allgemein bekannt voraussetzen; darüber hinaus stehen sie im Kontext einer rein assoziativen Auslotung einer Motivkette, denen ihre Verfasser nachspüren: ein tastendes Umkreisen von Anklängen, von Erinnerungen, die wachgerufen werden: kein analytisches, sondern ein impressionisches Verfahren.

Beide Autoren erwähnen nicht, auf welche Quelle die Anekdote, die sie erzählen, zurückgeht. Das soll im nächsten Teil meiner kleinen Folge nachgeholt werden: es handelt sich tatsächlich um eine genuine chinesische Künstlerlegende, und sie ist mit einem konkreten Namen verbunden - auch wenn sie nicht über die wachsende Bekanntschaft mit der chinesischen Kultur, sondern mit der Japans in den 1890er Jahren nach Europa gelangt ist. Aber für eine solche Anekdote ist es belanglos, mit welchem Namen, welchem Auslöser sie verknüpft ist: es sind "Wandersagen." Die Geschichte von Ei des Kolumbus findet sich bereits in identischer Form in den Künstlerviten von Giorgio Vasari: dort wird die Lösung der Aufgabe, ein Ei "auf die Spitze zu stellen," Filippo Brunelleschi anläßlich des Entwurfs der Kuppel für den Dom von Florenz zugeschrieben.

26. März 2021

Das Corona-Desaster 6.5: The Chaostruppe Formerly Known As "Bundesregierung"





In den Büchern Kurt Tucholskys, zumal in der chronologisch sortierten Werksausgabe, fallen immer wieder die kleinen Sammlungen "unfrisierter Gedanken" (©Stanislaw Jercy Lec) auf, launische Aperçus zu Politik, Zeitläuften und der krummen menschlichen Natur, die unter dem wiederkehrenden Titel "Schnipsel" gesammelt sind. Zumeist in der "Weltbühne" Carl von Ossietzkys erschienen und ganz dem Geist der Sudelbücher Lichtenbergs verpflichtet, dürften sie zum Bleibendsten und Prägnantesten zählen, was der feurige linke Streiter, in all seiner Widersprüchlichkeit, hinterlassen hat - auch wenn sie so oft Einspruch herausfordern: "Alles ist richtig - auch das Gegenteil. Nur: Zwar - aber... Das ist NIE richtig." ("Weltbühne," 30. Dezember 1930) Drei kategorische Fehler in zwölf Worten - das muß man auch erst einmal hinkriegen.

Aber man kennt als Leser den Ton, den Gestus, und man erwartet, dort Sentenzen zu finden, die man vergeblich suchen wird, die aber dort vollendet am Platz wären. Nicht wenige apokryphe Zitate sind ja Voltaire, Friedrich dem Großen oder Konrad Adenauer ("Wat kehrt mich ming Jeschwätz von gestern?") auf diese Weise zugewachsen. Und bei "Tucho" erwarte ich fast, beim nächsten Durchblättern auf das Urteil zu stoßen: "Ihr glaubt, daß in der Politik entschieden wird, daß sie im Keller Kegel schieben, und wer als letzter danebenwirft, darf einen Zettel aus dem Zylinderhut ziehen? Ihr Ahnungslosen. Es ist alles noch viel schlimmer."

25. März 2021

Paul Ernst, "Das alte Bild" (1916)





(Schloß Darfeld, Münsterland. Eigenes Photo)

Ein junger Mann saß allein im Wohnzimmer seiner Eltern. Niemand außer ihm war im Hause; die Eltern, Geschwister, Freunde machten eine Vergnügungsfahrt, die Dienstboten waren beurlaubt. Vor den Fenstern in den blühenden Obstbäumen ruhte der Sonnenschein; das Summen der großen Stadt tönte von weitem; er wußte, daß alle Türen geschlossen waren, und daß lange Stunden ihn niemand in seiner Einsamkeit stören würde.

Er saß vor einem großen Bilde, das er schon als Kind geliebt, das ihm so vertraut war, als lebe er in ihm, unter den hohen Bäumen, durch welche man in der Ferne, sichtbar und doch verdeckt, das Schloß sah. Das Bild war von einem der sanften Künstler der Rokokozeit gemalt; da war ein rasenbedeckter Platz in einem Park, der ganz von den ungeheuer großen grünen Bäumen überwölbt war; mit einem eigenen Blaugrün hatte der Maler die Bäume gemalt, das wunderlich einlud zu Träumereien; ganz in bläulicher Ferne glänzte das phantastische Schloß mit vorspringenden und zurückweichenden Säulen und Bogen; es schien schlank und kühn in die Höhe zu streben, mit hohen Fenstern, die von flammenartig nach oben steigenden Ornamenten gekrönt wurden, hohen und schmalen Türen, zierlichen Balkons mit verschlungenen geschmiedeten Geländern, heiter sich schwingenden Treppen, steilen Dächern, deren Flucht unterbrochen war durch anmutig geformte Mansardenfenster. Vorn, auf dem schattigen Rasenplatz unter den vielhundertjährigen Bäumen, lustwandelte eine jugendliche Gesellschaft: auf niedlichen Stöckelschuhen trippelten hübsche Damen mit hochgetürmtem Haar und geschürzten Röckchen; ihnen zur Seite tänzelten junge Herren in Seidenstrümpfen, prächtigen, goldgestickten Röcken, mit dem Gefäß des leichten Degens spielend, der munter und lustig abstand hinter ihnen, oder beteuernd die Hand auf den Arm einer der kleinen Damen legend, oder sich zuwinkend, zierlich mit den dreieckigen Hüten in der Luft agierend. Für sich allein aber, unbeachtet von den anderen, am Stamme eines Baumes stand eine der jungen Damen, ein Blatt Papier in der Hand, das sie traumverloren betrachtete. Hinter ihr zog sich durch das Grün des Gebüsches hin deutlich erkennbar ein kleiner Fußpfad, der zu einem ländlichen Gehöft führen mochte oder vielleicht auch in Windungen zum Schloß lief.

24. März 2021

Das Corona-Desaster # 6: Same procedure as every...





Um mit einer Aktualisierung des Auftakts anzufangen, mit dem ich meinen Beitrag vom 4. März begann: Ich schreibe dies hier am Tag 128 des 28-tägigen "Wellenbrecher-Lockdowns," den wir unbedingt benötigen, um Weihnachten 2020 unbeschwert im Kreis unserer Familie feiern zu können. Bekanntlich ist diese Maßnahme gestern auf der Konferenz der Bundesminister und der Regierungspräsidenten aufgrund des überwältigenden Erfolges in die sechste Verlängerung bis zum Tag 154 gegangen.

Niemand dürfte daran gezweifelt haben, daß die erneute Verlängerung schon lange vor der gestrigen MPK eine beschlossene Sache war; so sicher, wie es jetzt schon feststehen dürfte, daß auch das nächste Treffen am 12. April nur der weiteren unabsehbaren Forsetzung des Lockdowns dienen wird. Frau Merkel und ihre Getreuen (das Wort "Hofstaat" verkneife ich mir, um nicht in billige Polemik abzugleiten, auch wenn es die Sache gut trifft) haben seit dem erneuten Herunterfahren der Wirtschaft und der Kasernierung der Bürger im Spätherbst - und eigentlich schon seit dem ersten Lockdown vor nun über einem Jahr - kein Mittel gefunden, das ihnen den Anschein eines "entschlossenen Handelns" verliehen hätte. Die bewußte Torpedierung der Impfstoffbeschaffung, die grell sichtbare Weigerung, Strategien zur erfolgreichen Bekämpfung der Pandemie wie in Ostasien, Australien, Neuseeland oder auch bei uns vor Ort wie in Rostock oder Tübingen auch nur zur Kenntnis zu nehmen - geschweige denn, daraus etwas zu lernen - spricht Bände.

21. März 2021

蒲松龄 《画壁》 /Pu Songling, "Die bemalte Wand" (1679 / 1766)





江西人孟龙潭,与朱举人客居在京城。他们偶然来到一座寺院,见殿堂僧舍,都不太宽敞,只有一位云游四方的老僧暂住在里面。老僧见有客人进门,便整理了一下衣服出来迎接,引导他俩在寺内游览。大殿中塑着手足都作鸟爪形状的志公像。两边墙上的壁画非常精妙,上面的人物栩栩如生。东边墙壁上画着好多散花的天女,她们中间有一个垂发少女,手拈鲜花面带微笑,樱桃小嘴像要说话,眼睛也像要转动起来。朱举人紧盯着她看了很久,不觉神摇意动,顿时沉浸在倾心爱慕的凝思之中。

忽然间他感到自己的身子飘飘悠悠,像是驾着云雾,已经来到了壁画中。见殿堂楼阁重重迭迭,不再是人间的景象。有一位老僧在座上宣讲佛法,四周众多僧人围绕着听讲。

朱举人也掺杂站立其中。不一会儿,好像有人偷偷牵他的衣襟。回头一看,原来是那个垂发少女,正微笑着走开。朱举人便立即跟在她的身后。过了曲曲折折的栅栏,少女进了一间小房舍,朱举人停下脚步不敢再往前走。少女回过头来,举起手中的花,远远地向他打招呼,朱举人这才跟了进去。见房子里寂静无人,他就去拥抱少女,少女也不太抗拒,于是和她亲热起来。不久少女关上门出去,嘱咐朱举人不要咳嗽弄出动静。夜里她又来到。这样过了两天,女伴发觉了,一块把朱举人搜了出来,对少女开玩笑说:“腹内的小儿已多大了,还想垂发学处女吗?”都拿来头簪耳环,催促她改梳成少妇发型。少女羞得说不出话来。一个女伴说:“姊妹们,我们不要在这里久待,恐怕人家不高兴。”众女伴笑着离去。朱举人看了看少女,像云一样形状的发髻高耸着,束发髻的凤钗低垂着,比垂发时更加艳绝人寰。他见四周无人,便渐渐地和少女亲昵起来,兰花麝香的气味沁人心脾,两人沉浸在欢乐之中。

Die Grenzen der Demokratie. Ein Gedankensplitter.


Gestern gab es in Kassel eine etwas größere Querdenker Demonstration (wobei angesichts der Größe real bezweifelt werden kann, dass es sich um besonders viele Querdenker handelt als oftmals um ganz normale Bürger, die keine Lust mehr haben sich einsperren zu lassen). Boris Reitschuster, einer der wenigen Journalisten diesen Landes, die diesen Titel noch zurecht tragen, war vor Ort dabei und hat einige Lifestreams auf seine Webseite gestellt. Im letzten Lifestream kommt es zu einer recht interessanten Diskussion zwischen einer Demonstrantin und einem Passanten. Der Passant nimmt dabei die wohl verbreitete Position ein, dass man halt aus Rücksicht Masken tragen muss, etc. pp.. Er tut das allerdings sehr höflich, das muss man anerkennen. Die Demonstrantin hält ihm ein paar sehr interessante Sätze entgegen, die ich sinngemäß hier wiedergeben möchte (sie sind so an den Passanten gerichtet):
"Es sind sicher 60-65% in der Bevölkerung ihrer Meinung. Und die Politiker auch. Wir sind eine Minderheit. .... Ich habe mich jetzt ein Jahr lang angepasst, obwohl ich überhaupt nicht dieser Meinung bin, habe mein Leben eingerichtet nach Ihnen. Nach der Mehrheit. .... Ich habe mich Ihnen angepasst.Ein Jahr lang. Ich hab mein Familienleben, mein Freundschaftsleben, Freundschaften sind zerbrochen. Ich habe mich Ihnen angepasst." 

Marguerite Yourcenar, "Wie Wang-Fô gerettet wurde" (1936)





Der alte Maler Wang-Fô und sein Schüler Ling waren schon seit langem auf den Straßen des Reiches der Han unterwegs. Sie kamen nur langsam voran, denn Wang-Fô hielt oft nachts inne, um die Sterne zu betrachten und am Tag, um dem Flug der Libellen zuzusehen. Sie führten nur wenig Gepäck bei sich, denn Wang-Fô liebte die Bilder der Dinge, aber nicht die Dinge selbst. Nichts auf der Welt schien es ihm wert, es zu besitzen, außer Pinseln, Farben, Tiegeln für Lack und Chinatusche und Rollen von Seide und Reispapier. Sie waren mittellos, denn Wang-Fô tauschte seine Bilder lieber gegen eine Portion Hirsebrei ein und verschmähte selbst Silbermünzen von geringem Wert. Sein Schüler Ling trug schwer an einem Sack, der prall mit Entwürfen gefüllt war; er krümmte den Rücken voller Ehrfurcht, als trüge er das Himmelsgewölbe auf dem Rücken, denn dieser Sack enthielt in Lings Augen schneebedeckte Berge, Frühlingsblumen und den Mond in einer Sommernacht.

18. März 2021

Lafcadio Hearn, "Die Erzählung des Kwashin Koji" (1901)





(Kosai Ishikawa, Illustration aus dem 『夜窓鬼談』, Band II, 1893)

In den Jahren der Tenshō-Zeit (1) lebte in einem der nördlichen Bezirke von Kyōto ein alter Mann, der von den Leuten Kwashin Koji genannt wurde. Er trug einen langen weißen Bart, und er war stets in die Gewänder eines Shintō-Priesters gekleidet, aber er verdiente seinen Lebensunterhalt damit, daß er Bilder mit buddhistischen Motiven austellte und buddhistische Lehren predigte. An jedem schönen Tag begab er sich zu dem Tempel in Gion. Dort hing er ein großes Kakémono, ein Rollbild, an einem der Bäume auf, auf dem die Qualen dargestellt waren, die die Sünder in der Hölle erwarten. Dieses Kakémono war so kunstfertig gemalt, daß alles, was es zeigte, wirklich zu sein schien, und der alte Mann belehrte seine Zuhörer darüber und erklärte ihnen die Gesetze von Wirkung und Ursache. Mit einem Nyoi, einem Stab, wie ihn die Mönche bei sich führen, die sich in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen haben, erklärte er die verschiedenen Höllenstrafen in allen Einzelheiten und hielt seine Zuhörer an, den Lehren des Buddha zu folgen. Oft versammelte sich eine Menge um ihn, um das Bild zu betrachten und dem alten Mann zuzuhören, und häufig war die Strohmatte, die er vor sich ausgebreitet hatte, um Almosen in Empfang zu nehmen, unter den Münzen, die darauf geworfen worden waren, nicht mehr zu sehen.

Zu dieser Zeit herrschte Oda Nobunaga über Kyōto und die umliegenden Provinzen. Bei einem Besuch im Tempel in Gion sah einer seiner alten Diener, der den Namen Arakawa trug, das Bild, und nach seiner Rückkehr zum Palast berichtete er davon. Nobunaga war von Arakawas Beschreibung angetan, und er schickte einen Boten zu Kwashin Koji, damit er unverzüglich in den Palast kommen und das Bild mitbringen sollte.

14. März 2021

Algernon Blackwood, "Der Mann, der Milligan war" (1923)





(Algernon Blackwood)

Milligan musterte mit einem abschätzigen Blick die armselige Zimmerflucht, während die Vermieterin hinter ihm stand und darauf wartete, wie er sich entscheiden würde. Sie hatte die Arme verschränkt. Ihr aufmerksamer Blick taxierte seinerseits natürlich Milligan. Er war als Angestellter in einem Reisebüro tätig; in seiner Freizeit schrieb er für den Film. Was ihm an der schlichten Wohnung zusagte, waren die großen Flügeltüren. Er suchte nur nach einer Unterkunft, in der auch noch Frühstück serviert wurde, aber jetzt stellte er sich vor, wie er hier saß und Drehbücher verfaßte - und das mit Erfolg. Es war eine verlockende Aussicht: Endlich ein Literat - mit einem angemessenen Arbeitszimmer!

"Die Miete scheint mir doch ein wenig hoch, Frau ---?" begann er.

"Bostock, Sir, Mrs. Bostock," ließ sie ihn wissen und fing an, ihm das Elend der hohen Lebenshaltungskosten zu klagen. Es war vergebene Liebesmüh, denn Milligan hörte nicht zu. Er hatte sich längst entschlossen, die Zimmer zu mieten.

13. März 2021

Streiflicht: Damals und heute und der Kanzler, der Fehler machte.

Es ist manchmal schon lustig welche Videos einem Youtube manchmal so vorschlägt und so landete das folgende heute in meinem Feed.

https://www.youtube.com/watch?v=j9Kj9KKlCuU

Es lohnt sich das Video einmal anzusehen, sich die Körpersprache von Kohl als auch seine Aussagen einmal in Ruhe zu betrachten. Und dann den Vergleich mal mit der Person machen, die heute in seinem Sessel sitzt, denn der Gegensatz könnte kaum größer sein.

11. März 2021

Das Corona-Desaster # 5





Nein - diesmal geht es nicht um die unendliche Fortsetzungsgeschichte der verschleppten Impfkampagne, um die mangelenden Bestellungen, die leerstehenden Impfzentren, die Ausschließung der Hausärzte. Und doch reiht sich auch dieses Versagen nahtlos in die schier endlose Kette der Aussetzer und Versäumnisse ein, die seit nun mehr als dreizehn Monaten den Umgang dieser Regierung mit der Corona-Pandemie ausmachen.

Eigentlich kann man sich jeden Kommentar hierzu sparen. Man braucht nur die Meldung herzusetzen, die zuerst am Montag vom Magazin "Business Insider" zuerst verbreitet wurde: als weiteres Steinchen in einem Mosaik des Staatsversagens, als ein weiterer Eintrag in einem "Echolot", wie es vor einem Vierteljahrhundert Walter Kempowski aus zahlosen Zeitungsmeldungen, Briefen und Tagebucheinträgen zusammengetragen hat - nur diesmal als Protokoll der Gegenwart der angehenden 2020er Jahre in Deutschland.

7. März 2021

Der letzte Beatnik. Zum Tod von Lawrence Ferlinghetti





(Lawrence Ferlinghetti in San Francisco, im November 1996)

Zu den Besonderheiten der Literaturentwicklung im 20. Jahrhundert - aber auch in der Kunst allgemein, zählt das regelmäßige Aufkommen radikaler Bewegungen, sich selbst absolut setzender Schulen. Nicht, daß es "Schulen" oder "Bewegungen" nicht auch schon davor, beginnend mit dem frühen 19. Jahrhundert, gegeben hätte - in der Kunst steht das Aufkommen des Impressionismus dafür, oder die Plein-Air-Malerei der "Schule von Barbican". Im Bereich der Literatur fällt etwa in England die "School of Spasmodic Poetry" in den 1830er Jahren darunter, deren Markenzeichen Bombast und frenetische Hektik bei der Gestaltung möglichst breitwandformatiger Sujets war. Aber das waren kleine, persönlich nicht miteinander verbandelte Schnittmengen von artistischen Einzelkämpfern. Den "Cenacles" (wie in jenen Jahren, nach dem Vorbild von Joris-Karl Huymsmans solche Künstler-und-Bohême-Klüngel genannt wurden) des 20. Jahrhunderts kamen die Präraffaeliten ab 1860 wohl am nächsten: eine kleine Gruppe von maximal einem halben Dutzend artistischen Frontkämpfern, in engem Kontakt und Rivalität verbunden und mit einem ästhetischen Credo, das dem zu ihrer Zeit tonangebenden künstlerischen Richtmaß eine radikale Kampfansage entgegen setzt. Nicht zuletzt gehört zum Umfeld eines solchen "Aufbruchs" auch eine wohlwollende Begleitung durch die Medien: im neunzehnten Jahrhundert die breit gestreuten Salonberichte über die Jahresausstellungen, wie sie bei Charles Baudelaire nachzulesen sind. Aber etwas ganz Entscheidendes unterscheidet all die Stürme im ästhetischen Wasserglas von ihren Nachfolgern aus den Jahren kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der "Swinging Sixties".

4. März 2021

Das Impfdesaster # 4: Coronagipfel Reloaded





Ich schreibe dies hier am Tag 109 des 28-tägigen "Wellenbrecher-Lockdowns," den wir unbedingt benötigen, um Weihnachten 2020 unbeschwert im Kreis unserer Familie feiern zu können. Bekanntlich ist diese Maßnahme gestern auf der Konferenz der Bundesminister und der Regierungspräsidenten aufgrund des überwältigenden Erfolges in die fünfte Verlängerung bis zum Tag 133 gegangen.

Der Titel ist insofern irreführend, weil dieser Post mit dem Versagen bei der Bestellung und Verabreichung der Corona-Vakzinen direkt nichts zu tun hat. Aber ich habe diese Bezeichnung für diese Serie zum Thema "Versagen in der Pandemie" gewählt; und auch das gestrige Desaster gehört zu dem flächendeckenden Fiasko, von dem das "Impfdesaster" nur den auffallendsten Aspekt darstellt.

3. März 2021

Streiflicht: That didn't age well, Alexander Lambsdorff und das Werfen von Dreck.

Es ist nur eine Kleinigkeit, Alexander Lambsdorff, seines Zeichens heute einer der mehr oder weniger großen Vortänzer der FDP, wollte vor drei Wochen die Gelegenheit nutzen mal wieder ein bischen Dreck über den politischen Gegner zu kübeln und sah da eine totsichere Vorlage von Erika Steinbach als prima Vorganbe für einen Elfmeter. Erika Steinbach hatte geschrieben:
Von verschiedenen Seiten habe ich glaubhaft gehört, dass 50% der Covid-Patienten in Krankenhäusern aus dem arabischen Raum stammen. Für die Medien war das bislang kein Thema. Wäre eine reizvolle Aufgabe für unsere so fleißigen Netzwerk-Journalisten. Werden die aber nicht machen.

 Hier sah dann Alexander Lambsdorff seine Chance billige Punkte zu machen und twitterte seinerseits:

Es gibt widerliche Tweets, es gibt ekelerregende Tweets und es gibt Tweets von Erika #Steinbach. Sie ist Teil einer fauligen Lügenmarinade, die unsere Gesellschaft vergiften will. #Corona #noAfD

28. Februar 2021

Der Mond als Reklametafel. Nachtrag





Ne serait-ce pas un spectacle capable d’alarmer les esprits faibles et d’éveiller l’attention du clergé que de voir apparaître, sur le disque même de notre satellite, sur la face épanouie de la Lune, cette merveilleuse pointe-sèche que nous avons tous admirée sur les boulevards et qui a pour exergue : À l’Hirsute? (Villiers de l'Isle-Adam, 1873)



Wäre es nicht ein Schauspiel, das so recht geeignet wäre, empfindsame Seelen aufzuregen und den Klerus zu empören, wenn auf unserem himmlischen Begleiter, auf der hellen Mondscheibe, jener wunderbare Lockenbrenner erscheinen würde, dessen Bild wir alle auf unseren Boulevards bewundert haben und der von dem Schriftzug "Für prächtige Mähnen!" umrahmt ist?


Heinlein und Clarke mögen die bekanntesten Vorschläge unterbreitet haben, den Begleiter der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne in eine kugelförmige Litfaßsäule (Litfaß-Kugel?) umzuwidmen - sie waren aber nicht die ersten und sind auch nicht die letzten geblieben. Das Besondere ihrer "bescheidenen Vorschläge" liegt darin, daß hier Luna höchstselbst als Träger der Werbebotschaft dienen sollte, um die nächtlichen Betrachter zum Konsum einer nicht unbekannten Getränkemarke anzuregen. Ein gleicher Fall liegt in Isaac Asimovs Kurzgeschichte "Buy Jupiter!" (zuerst erschienen in Venture Science Fiction im Mai 1958), in dem außerirdische Wesen die aus reiner Energie bestehen, den Erdlingen die Nutzungsrechte für den größten Planeten des Sonnensystems abkaufen - um ihn ebenfalls mit einer Werbebotschaft zu versehen. Asimovs Pointe liegt darin, daß der Unterhändler der Vereinten Nationen den im Geschäft offenkundig nicht sehr versierten Aliens nur die Lizenz für den Jupiter abgetreten hat: die nachfolgende Konkurrenz erhält mit dem Ringplaneten Saturn einen wesentlich markanteren Blickfang.

24. Februar 2021

Richard M. Powers 1921 | 2021





(Childhood's End, Ballantine Books 33, August 1953)

Vor fast genau einem halben Jahr habe ich an dieser Stelle aus Anlaß seines 100. Geburtstages an das Werk eines Science Fiction-Künstlers erinnert, der in den 1950er Jahren mithalf, "der Zukunft" (jedenfalls ihren populären Vorstellungen davon) "ein Gesicht zu geben: H. R. van Dongen, der zu den guten drei Dutzend Zeichnern, Illustratoren und Schöpfern von Titelbildern gehörte, die nach dem Ende der Groschenheftära der "Pulp-Magazine" und der Aufnahme von SF-Titeln in das Programm angesehener Verlage den bevorstehenden Zeiten ein Gesicht verliehen, das unmittelbar wiedererkennbar war und deren Bildfindungen bis heuute ihren Wiedererkennungswert beibehalten haben.

Aus dem gleichen Anlaß möchte ich heute an einen anderen Künstler aus diesem Metier erinnern, der zur selben Zeit und im gleichen Genre tätig war, dessen Werk aber in fast jeder Hinsicht den größtmöglichen Gegensatz zu dem van Dongens darstellt. van Dongen war ein strikt repräsentativer Künstler, seine Roboter und Raumschiffe waren "realistisch" (wenngleich sie mitunter nur symbolische Funktion hatten), sie stellen konkrete "Hardware" vor. Die Bilder von Richard M. Powers begründeten eine völlig andere Art der Visualisierung der Tropen und Versatzstücke, mit denen das Genre der Science Fiction arbeitet und an denen es zu erkennen ist. Anstatt möglichst dramatische Situationen aus den Texten wiederzugeben, setzen sie auf Andeutungen, die die Evokation: amorphe Massen, fast abstrakte Liniengebilde erinnern nicht mehr an die Art-Déco-Raumkreuzer eines Flash Gordon, die sich mit regenbogenfarbenen Energiestrahlen Raumschlachten liefern, sondern an die surrealistischen Landschaften von Joan Miró oder Yves Tanguy. Heute kann man nicht mehr so recht nachvollziehen, welche bildgebende Revolution diese Bilder darstellten, als sie in der Mitte der 1950er auf den Titeln der Taschenbuchreihen von Dell und Ballantine erschienen: heutige SF-Titel - auch bei deutschen Verlagen - sind oft kaum noch als Genreliteratur zu erkennen, so unkonkret und allgemein ist die Covergestaltung mittlerweile gehalten (es sei denn, es handelt sich um einen Titel der endlosen "Media Tie-Ins" aus den narrativen Kosmen von Star Wars und Konsorten). Aber in diesen Jahren verliehen diese Bilder eine doppelte Funktion: zum einen verliehen sie den Texten des Genres die Respektabilität, die die grellbunten Groschenhefte niemals besessen hatten, die ernsthafte Leser des Genres, die an einer literarischen Auseinandersetzung mit der Zukunft, mit den Möglichkeiten von Technik und Wissenschaft, die eben nur diese Literatursparte ermöglicht, immer reklamiert hatten. Und sie setzten eine unverkennbare "optische Duftnote," sorgten für einen unmittelbaren Wiedererkennungswert, ein Markenzeichen, daß man in der Buchhandlung an den gewünschten Artikel gekommen war.

23. Februar 2021

Werbepause. Der Mond als Reklametafel





Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle versucht, die Spur eines literarischen Motivs, eines Mems, nachzuzeichnen - in diesem Fall der "Blume des Paradieses," die einem Träumer im nächtlichen Kopftheater überreicht wird, und die er beim Erwachen neben sich findet. Da sich in diesem Monat die "Wiederaufnahme" der bemannten Mondlandungen nach der fast tödlich verlaufenen Mission von Apollo 13 im April 1970 zum 50. Mal gejährt hat, möchte ich diesmal die Spur eines Witzes nachverfolgen, der offenkundig aus Anlaß des "Space Race" zwischen den beiden Supermächten UdSSR und USA vor einem halben Jahrhundert entstanden ist. Alan Shepard, Edgar Mitchell und Stuart Roosa, die am 9. Februar 1971 mit der Raumkapsel "Kitty Hawk" der Mission Apollo 14 im Pazifik wasserten, leiteten nach den beiden "vorbereitenden" Missionen die Phase der länger auf dem Erdtrabanten verweilenden Visiten ein, die mehr Instrumente platzierten und mehr Mondgestein zur Erde zurückbrachten.

19. Februar 2021

Die ESA und die Diversität: ein bescheidener Vorschlag



An Herrn Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und den Ministerrat der ESA
ESA HQ
4 Rue du Général Bertrand
F-75007 Paris

Sehr geehrter Herr Wörner, sehr geehrte Damen und Herren des Ministerrats,

wie Sie vielleicht aus den Nachrichten erfahren haben, sind in diesen Tagen drei Raumfahrtmissionen beim Nachbarplaneten der Erde, dem Mars, eingetroffen: die Sonde al-Amal der Vereinten Arabischen Emirate am 9. dieses Monats, der chinesische Orbiter Tianwen-1 am folgenden Tag, und gestern hat Ihre amerikanische Schwesterbehörde NASA dort einen drei Meter langen und über zwei Meter hohen Rover gelandet, der mitsamt einem Helikopter dort nach möglichen früheren Lebensspuren suchen soll.

17. Februar 2021

Klabauterbach und der Hass: Aber ich liebe Euch doch alle!

"Ich liebe - Ich liebe doch alle - alle Menschen - Na ich liebe doch - Ich setzte mich doch dafür ein!"

                                                                                       -Erich Mielke, 13. November 1989 

Karl Lauterbach, vom einen oder anderen, auch diesem Autor, zärtlich als Klabauterbach bezeichnet, wird bedroht. Das ist, im Unterschied zu den Aussagen von vielen öffentlich "Bedrohten", ausgesprochen glaubwürdig. Und ausgesprochen schlecht: Wir leben in einem freien Land (noch), es regiert die Macht des Wortes, nicht der Faust und im Allgemeinen gilt (ebenso noch) Gewalt kaum als zulässiges Mittel der Politik. Es gibt sicher inzwischen zunehmend Aufweichungen davon (wenn mal wieder aus irgendeinem linken Grunde demonstriert wird und die Gewalt der Faust als Antwort auf die "Gewalt der Worte" oder "die strukturelle Gewalt der Gesellschaft" gerechtfertigt wird), aber der grundsätzliche Betrieb ist im Allgemeinen noch friedlich. Insofern gibt es keine Berechtigung oder Rechtfertigung Karl Lauterbach zu bedrohen. Und nein, jetzt kommt auch kein aber.

Das Impeachment fällt aus



Im Forum zu diesem Netztagebuch hat der geschätzte Mit-Protokollant Llarian seine Absicht dargelegt, dem neuen amerikanischen Präsidenten Biden die übliche Schonfrist von 100 Tagen einzuräumen, sich also bis Ende April des Urteils über die neue Politik der US-Regierung zu enthalten.Ich will versuchen, mich in diesem Beitrag daran zu halten; daß es nicht völlig möglich sein wird, liegt in der Natur der Sache, die in der Wahl Bidens. der Wahl seiner Minister und den bishrigen Maßnahmen als größtmöglicher Kontrast zu seinem Amtsvorgänger und der Rückgängmachung seiner Politik begründet liegt. So wie Donald Trump und seine Politik das maximale Kontrastprogramm zum "Sozialdemokratismus" Barack Obamas darstellte, so steht Biden bislang für die Rückkehr zu dieser Ausrichtung. Und auch in dem am Samstag klanglos versandeten zweiten Amtsenthebungsverfahren kann man eine bruchlose Fortsetzung der Politik der Democracts während der letzten vier Jahre auf der Oppositionsbank ausmachen: eine grelle, weitgehend inhaltsfreie und auf Showeffekte hin ausgelegte Effekthascherei, die einmal wieder demonstriert, daß nicht nur bei uns, sondern auch in den USA die Politik als Kunst des Möglichen und Umsetzbaren durch ein vergiftetes pseudomoralisches Schwarz/Weißschema ersetzt worden ist.

10. Februar 2021

Mittwoch, 10. Februar 2021. Coronagipfel



Es gibt Meldungen, Entwicklungen, die bedürfen keines Kommentars, weil sie für sich allein wirken. Die Graphik, die in meinem Geschichtsbuch in der 7. Klasse die Stärke der Grande Armee während der Rußlandfeldzugs Napoleons von Borodino bis zum Übergang über die Beresina zeigte, ist mir aus diesem Grund ins Gedächtnis gebrannt.

6. Februar 2021

Somerset Maugham, "Der Damensalon" (1922)





"Ich denke, daraus läßt sich wirklich etwas machen," sagte sie.

Sie sah sich aufmerksam um, und die Kraft der gestalterischen Phantasie strahlte ihr aus den Augen.

4. Februar 2021

Das Impfdesaster # 3: "Im Großen und Ganzen..."



(Netzfund: Screenshot aus einem Callcenter für die Terminvergabe der Coronaimpfung in Nordrhein-Westfalen. Nb: Am 31. Januar wurden in NRW isgesamt 11.000 Impftermine vergeben.)

"...ist nichts schiefgegangen." Dieser Satz, den Bundeskanzlerin Merkel vor zwei Tagen im Interview im Stil devoter Hofbereichterstattung in der ARD-Sendung "Farbe bekennen" (allein schon der Titel der Sendung ist ein Hohn) sagte, wird von ihr bleiben. Wie auch die beiden vorigen Sätze, die von dieser sprachlich fast rührend hilflosen Person in Gedächtnis bleiben werden: "Wir schaffen das!" und "...dann ist das nicht mehr mein Land."

Eines sollte ich vorausschicken: Ich besitze seit 19 Jahren keinen Fernseher mehr. Das Radiohören habe ich schon ein paar Jahre davor eingestellt. Die letzte Zeitung habe ich vor 10 Jahren aufgeschlagen. Die Rolle der Informationsbeschaffung hat in meinem Fall in jeder Hinsicht das Internet übernommen. Zum einen befinde ich mich damit auf dem Stand einens Zeitungslesers des 19. Jahrhunderts; zum anderen steht mir damit eine Informationsfülle zur Verfügung, wie es sie in der Geschnhichte der Menschheit nie zuvor gegeben hat: die sekundenschnelle Verfügbarkeit aller gewünschten Informationen, in allen Sprachen, die ich beherrsche, die Möglichkeit, "ad fontes" zu gehen - also die Quellen und Äußerungen direkt einzusehen, und die Möglichkeit, Hintergründe und Details mit ein, zwei Suchanfragen zu erfahren: das gab es noch nie. Aber diese punktgenaue, jederzeit aufrufbare Bereitstellung ändert den Blick auf die Nachrichtenlage. Sie hängt von meinem Interesse ab, und ich spüre nichts mehr von der Omnipräsenz mancher Themen, der Allgegenwart der immergleichen Politiker, die Themen der sich mittlerweile im Halbstundentakt wiederholenden Nachrichtenblöcke. Kurz gesagt: ich habe meinen persönlichen Blick als die Weltlage; wie sie sich den "geschätzten Zuschauern draußen an den Empfangsgeräten im Lande" darbietet, kann ich nicht sagen. Das entnehme ich nur dem schwachen, verzerrten Echo der politschen Netzecken wie der "Achse des Guten" oder "Tichys Einblick," den Kommentaren der Blogger, denen ich folge und dem Rauschen in den sozialen Medien.

1. Februar 2021

Das Impfdesaster. Fortsetzung



Es gibt eine Szene in Terry Gilliams herrlichem Fantasy-Film "Time Bandits" aus dem Jahr 1982, an die ich unwillkürlich angesichts der Nachrichten an diesem Wochenende denken mußte. Gilliams groteske Komödie handelt von einer Schar - nun, da die Vokabel "Zwerge" unter dem Verdikt des Herabwürdigenden steht, sagen wir: "Heinzelmännchen" -, die im Auftrag des Weltschöpfers die Detailarbeit erledigt haben und sich ungenügend dafür entlohnt fühlen und ihm daraufhin eine Karte entwenden, die die Schlupflöcher in Raum und Zeit zeigt, um ungestraft auf Raubzug in der Vergangenheit (oder ihrer Zukunft) ziehen zu können. Auf ihrer Odyssee durch die Historie landen sie in einem nächtlichen Ozean und werden von einem vorüberkommenden Dampfer aufgefischt. Während sie sich in Liegestühlen zigarrerauchend aufwärmen, fragt ein Steward, ob sie noch etwas wünschen. Der Chefheinzel hebt sein Martiniglas und ordert: "Eis! Soviel Eis wie möglich!" Und erst in diesem Moment fällt dem Zuschauer auf, daß der Name des Schiffes auf dem Rettungsring, der an der Wand hinter ihm hängt, "Titanic" lautet.

Auch wenn es zynisch und unangemessen ist: schließlich geht es als Folge des unglaublichen Impfstoff-Desasters, das die EU und zumal die deutsche Leitung angerichtet hat, um eine unabsehbare Verlängerung des Lockdowns wohl bis in den Sommer oder gar Herbst und um zehntausende von Toten, die bei einer zügigen Bestellung zu vermeiden gewesen wären. Aber mittlerweile gibt es Momente, in denen man das Versagen unserer Classe Politique nur noch mit schwärzestem Sarkasmus goutieren mag. Und in diesem Sinn frage ich mich, ob ich mich nicht selbst als Letztverursacher für dieses Chaos, diese fleischgewordene Unfähigkeit ansehen muß. Die alten Griechen (auch die "Zeitbanditen" statten ihnen ja einen Besuch ab) wußten noch, daß man vorsichtig sein muß, mit welchen Bitten und vorschnellen Gewißheiten man die Götter behelligt. Und als Ursula von der Leyen Ende 2019 zur Präsidentin der Europäischen Kommission gewählt wurde - ohne daß einer der 400 Millionen Staatsbürger der EU bei der Wahl im Sommer eine Stimme für sie abgeben konnte - habe ich recht vernehmlich meine Erleichterung darüber geäußert, daß diese Frau, die bislang in jedem politischen Amt eklatant versagt hat, nunmehr auf die Juncker-Sinekure befördert wurde, auf der ihre absolute Unfähigkeit hinfort keinen Schaden mehr anrichten konnte. Die naturgesetzliche Gültigkeit des von Laurence J. Peter formulierten Peter-Prinzips, nach dem in einer genügend großen Hierarchie (und was ist die EU anderes als eine gigantische Hierarchie?) jeder an die Stelle befördert wird, wo seine Unfähigkeit den größtmöglichen Flurschaden hinterläßt, hätte mich warnen sollen. Ich stelle mir vor, daß auf meine Unbedachtheit hin auf dem Olymp homerisches Gelächter erscholl und Göttervater Zeus "Hold my ambrosia!" (beziehungsweise "κρατήστε την ἀμβροσία μου!") brummte.

30. Januar 2021

Ein beunruhigender Aufruf





Seit gut zwei Wochen gibt es in den USA eine Petition, in der Autoren und Mitarbeiter großer Verlage die Forderung erheben, nicht nur dem aus dem Amt geschiedenen Präsidenten Donald Trump, sondern sämtlichen Mitarbeitern seiner Regierung (auf Englisch "Administration") das Recht zu verweigern, künftig Bücher zu publizieren und Verlagsverträge abzuschließen. Die Eingabe läuft unter dem Motto "No Book Deals For Traitors" - "Keine Verlagsverträge für Verräter" - und hat bis gestern, den 29. Januar 2021, 590 Unterzeichner gefunden.

Im Wortlaut lautet der Aufruf wie folgend:

27. Januar 2021

Die Coronalüge von BILD und "Handelsblatt"





Zugegeben: ganz sicher bin ich mir nicht, ob die Falschmeldung - auf Neudeutsch: Fake News, die vor langer Zeit, als in Deutschland noch Journalismus betrieben wurde, der seinem Ruf gerecht wurde, auch als "Zeitungsente" bekannt war - die vor zwei Tagen von "Handelsblatt" gebracht und anschließend von der BILD-Zeitung aufgegriffen worden ist, tatsächlich den Tatbestand der Lüge erfüllt. Dazu gehört nach juristischem wie allgemeinen Verständnis auch der Vorsatz, das Wissen, daß man die Unwahrheit sagt oder schreibt, daß man seine Leser oder Zuschauer bewußt täuscht.

Andererseits kann ich mir aber auch nicht vorstellen, daß bei einer Meldung von solcher Wichtigkeit, von solcher Bedeutung für die jetzt angelaufenen Impfkampagnen in der EU gegen SARS-CoV-2, sämtliche Kontrollmechanismen in den Chefredaktionen der beiden Zeitungen versagt haben sollen. Daß deutsche Journalisten schlicht nicht mehr in der Lage sein sollen, einfache Sätze auf Englisch zu verstehen.

Randbemerkungen zur Kommunikation oder warum man sich gar nicht verschwören muss.

Es ist mir schon mehrfach (und jüngst auch wieder) aufgefallen, dass oftmals das in vielen Debatten das Argument gezückt wird, diese oder jene Beobachtung sei ja eine Verschwörungstheorie. Mit der Implikation, dass das natürlich lächerlich, zumindest sehr unwahrscheinlich sei.

Dem ist real natürlich wirklich so. "Echte" Verschwörungen, wie man sie vielleicht aus Filmen oder Büchern kennt, sind tatsächlich extrem selten. Es gibt sie schon, beispielsweise in Form von Kartellen (beispielsweise das Schienen-Kartell oder auch das Wurst-Kartell), aber sie sind sehr selten und in aller Regel vor allem auch sehr klein. Sie können lange funktionieren, weil die Zahl der Beteiligten übersichtlich ist, aber sie tendieren genau deshalb auch dazu klein zu bleiben. "Die" große Verschwörung dagegen ist in freier Wildbahn noch nicht beobachtet worden. Und damit meint man so manchen Zusammenhang eben vom Tisch wischen zu können. 

26. Januar 2021

[Ohne Worte]

U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.

25. Januar 2021

Roboter@100



(Titelbild der tschechischen Erstausgabe)

Die Genese der Standardtopoi die Science Fiction - jener Sparte der Literatur, die die Weiten des Universums, die Tiefen von Raum und Zeit, vor allem aber: die uns bevostehenden Möglichkeiten der technologischen Entwicklung - zum Schauplatz ihrer Texte nimmt, verläuft oft in mehreren Schritten. H. G. Wells' Zeitmaschine war nicht die erste Versetzung eines Protagonisten aus dem Hier-und-Heute in eine andere Zeit (obwohl sich frühere Erzählungen dies als Vision erklärten oder auf einen Erklärungsansatz zuliebe der bloßen Mystifikation gleich ganz verzichteten - so etwa der Fund das Manuskriptes in Mary Shelleys Roman "The Last Man," das das Ende der Menschheit im späten 22. Jahrhundert schildert und doch - so die Autorenfiktion - im Jahr 1827 in einer Höhle auf Sizilien entdeckt wurde); die weiteren Facetten des Themas wie Zeitparadoxa oder eine "Zeitpolizei," die die Veränderung der bekannten Geschichte verhindert, sind später an den Grundgedanken der willkürlichen Bewegung durch die Zeit angehängt. Auch das Raumschiff unterlag einer solchen sprunghaften, disruptiven Evolution: von den ersten Postulaten mittels Ballonflug von Eberhard Christian Kindermanns "Die Geschwinde Reise auf dem Lufft-Schiff nach der obern Welt" aus dem Jahr 1744 (die die ersten Aufstiege ins Lufft-Reich durch die Gebrüder Montgolfier immerhin um ein paar Jahrzehnte vorwegnahm) bis zu Edgar Allen Poes Hans Pfaahl, Jules Verne bemannter Kanonenkugel aus "De la terre à la lune" von 1865 und ab Percy Greggs "Across the Zodiac" von 1880 dann allerlei geheimnisvolle Wundertechnik, mit der sich die lästige Schwerkraft schlicht neutralisieren ließ.

22. Januar 2021

"Die verspätete Nation": Zur Reichseinigung vor 150 Jahren





Oder: Ein Gepräch im Hause Steinmeier über den abwesenden deutschen Nationalstaat.

Vor vier Tagen, am 18. Januar 2021, jährte sich zum 150. Mal der "Tag von Versailles," der Gründungsakt des Deutschen Reiches als konstitutionelle Monarchie und die Annahme der Regentschaft durch Wilhelm I, nachdem die neue Verfassung am 1. Januar des neuen Jahres in Kraft getreten war, die Reichstag und Bundesrat am 9. und 10. Dezember ratifiziert hatten. Formell begann mit der Verabschiedung auch die Regentschaft; die Annahme war ein formeller Akt. Es war die Kulmination der Hoffnung auf die Eingung der Deutschen in einem gemeinsamen Nationalstaat, der im Gefolge des Wiener Kongresses erstmals konkrete Gestalt angenommen hatte und beim Hambacher Fest 1832 erstmals zum Ausdruck gebracht worden war. Das Aufgehen, die Unterordnung der bis dahin existierenden Kleinstaaten und Monarchien in einer größeren nationalen Klammer. Das Zögern Wilhelm, den ihm angetragenen Titel des Deutschen Kaisers anzunehmen, verdankte sich diesem Impuls: er befürchtete, daß die Bedeutung Preußens als Primus inter Pares der deutschen Staaten erheblich schwinden würde. Aber mit der Etablierung der von Bismarck beförderten "kleindeutschen Lösung" - unter Ausklammerungs der k.u.k Doppelmonarchie - gab es zum ersten Mal einen Zusammenhalt "der Deutschen" in einer gemeinsamen nationallen Ordnung: etwas das auch das Mittelalter nie gekannt hatte, als das Heilige Römische Reich deutscher Nation zwar über den Ewigen Reichtstag über eine Proklamationsinstanz zur Regelung der Herrschaftsnachfolge und darüber auch in länderübergreifenden Rechtsfragen über eine entsprechende Gerichtsbarkeit verfügte, für das aber in jeder anderen Hinsicht das Urteil Voltaires zutraf: "Ce corps qui s'appelait et qui s'appelle encore le saint empire romain n'était en aucune manière ni saint, ni romain, ni empire." (Er hätte auch noch "ni allemand" hinzusetzen können.)

Man sollte annehmen, daß die Schaffung eines solchen Staates, einer Nation, dem Staatsoberhaupt einer Nation, die sich, bei allen Brüchen und Zäsuren, bei mehreren Neubegründungen, immer noch aus dieser Nationwerdung herleitet, immer noch Teil dieser historischen und kulturellen Matrix ist, zum 150. Jubiläum Anlaß zu einem öffentlichen Gedenken, zu einem Festakt sein sollte. Gemäß dem Tonus der Selbstdarstellung der Bundesrepublik Deutschland nicht mit Gepränge und militärischem Pomp, sondern mit ostentativer Schlichtheit, mit einer geradezu philiströsen Bescheidenheit, aber doch als eine markante Wermarke. In den USA mag man den Nationalfeiertag am 4. Juli mit Paraden und Tschingderassabumm ebenso zelebrieren wie die Französen die Erstürmung der Bastille am 14. Juli, ohne daß die Bürger dieser Nationen von den Leitmedien der Auftrag erteilt erhielten, sich lieber wegen der schwarzen Flecken in ihrer Vergangenheit in Grund und Boden zu schämen. Deutschland ist dies aus den naheliegenden Gründen nicht möglich. Das liegt nicht nur an dem Bruch durch den Massenmord des Dritten Reiches, sondern der daraus resultierenden Memorialkultur der letzten 70 Jahre. Aber immerhin war es bis in die siebziger und achtiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts möglich, das Gedenken an die davorliegenden Epochen, die diesen Staat, seine kulturellen Traditionen und Entwicklungen geprägt haben, zu pflegen, sine ira et studio.

Quo Vadis Joe Biden? Blindflug, McCarthy oder Business as usual? Ein Gedankensplitter.

Tja, nun ist er im weißen Haus: Joe Biden hat es geschafft den so verhassten Präsidenten Donald Trump zu beerben und wohnt seit vorgestern Mittag nun im wohl bekanntesten Wohnhaus der Welt. Der von den Medien herbei geschriebene Staatsstreich blieb aus, es blieb bei einer völlig langweiligen Machtübernahme, die schwer an Joe Bidens Wahlkampfveranstaltungen erinnerte: Keiner da, aber die Medien zeigen sich begeistert. Besonders der ehemalige Nachrichtensender CNN konnte sich kaum einkriegen vor Begeisterung. 

21. Januar 2021

Somerset Maugham, "Der Sinologe" (1922)





Er ist ein großer Mann, ziemlich stämmig, aber mit schlaffer Haltung, als ob er sich nicht genügend bewegen würde, mit rotem, glattrasiertem, breitem Gesicht und grauem Haar. Er spricht ziemlich schnell und nervös, mit einer hohen Stimme, die nicht zu seiner Körpergröße paßt. Er bewohnt die Gästezimmer in einem Tempel gleich außerhalb des Stadttors, wo außer ihm drei buddhistische Mönche und ein winziger Novize leben und die heiligen Riten durchführen. Seine Räume sind spartanisch eingerichtet, mit ein paar chinesischen Möbeln und einer unüberschaubaren Menge von Büchern. Es ist kalt; das Zimmer, in dem wir sitzen, wird von einem Ölofen nur unzureichend gewärmt.

20. Januar 2021

Somerset Maugham, "Der Taipan" (1922)





(Somerset Maugham. Gemälde von Philip Steegman, 1931. National Portrait Gallery)

Niemand wußte besser als er selbst, daß er ein bedeutender Mann war. Er war die Nummer eins in einem der wichtigsten Niederlassungen der bedeutendsten englischen Handelsfirma, die in China tätig war. Er hatte sich seine Stellung durch Fleiß und Kompetenz erworben und er dachte nur amüsiert an den unwissenden Angestellten zurück, als der er vor dreißig Jahren nach China gekommen war. Wenn er an seine Herkunft dachte, an das bescheidene kleine rote Reihenhaus in Barnes, einem Vorort, dessen Einwohner sich nach einer bescheidenen Eleganz sehnen und es doch nur zu einer schäbigen Tristesse bringen, und das mit der prächtigen Villa mit ihrer großen Veranda und geräumigen Zimmern verglich, die ihm als Geschäftsadresse und als Wohnsitz diente, mußte er zufrieden lächeln. Es hatte es weit gebracht. Er dachte daran zurück, wie er als Kind aus der Schule heimgekommen war (er besuchte St. Paul's), und mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern zu Abend gegessen hatte: es gab eine Scheibe kalten Braten, Brot und Butter und Tee mit viel Milch, und jeder bediente sich selbst, und verglich es mit den Mahlzeiten, die er jetzt einnahm. Er trug stets Abendgarderobe, und er erwartete, daß ihn die drei Boys bedienten - egal, ob er allein speiste oder Gäste empfing. Boy Nummer Eins war mit seinen Vorlieben bestens vertraut; er selbst mußte sich nie um die Einzelheiten der Haushaltführung kümmern, aber er ließ jeden Abend ein vollständiges Dinner auftischen, mit Suppe, Braten als Hauptgericht mit süßen und sauren Beilagen, so daß er nicht in Verlegenheit kam, wenn er spontan jemandem zum Essen einlud. Er war ein Gourmet und sah nicht ein, warum er weniger gut speisen sollte, wenn er keine Gesellschaft hatte.

Er hatte es wirklich weit gebracht. Das war der Grund, warum er kein Bedürfnis verspürte, nach England zurückzukehren. Er war seit einem Jahrzehnt nicht mehr in England gewesen, und verbrachte seinen Urlaub in Japan oder Vancouver, wo er sichergehen konnte, alte Bekannte aus China zu treffen. In der alten Heimat kannte er niemanden mehr. Seine Schwestern hatten ihrem Stand gemäß geheiratet; ihre Männer waren Beamte und ihre Söhne waren Beamte: zwischen ihnen gab es nichts Verbindendes; sie langweilten ihn. Er kam seiner Pflicht als Verwandter nach, indem er ihnen zu Weihnachten ein paar Meter feinen Seidenstoff schickte, ein paar auserlesene Stickereien, ein paar Pfund Tee. Es war nicht so, daß er geizig war: solange seine Mutter noch lebte, hatte er sie jeden Monat unterstützt. Aber er hatte nicht vor, nach England zurückzukehren, wenn er aus dem Geschäftsleben ausschied. Er hatte zu oft erlebt, daß andere damit gescheitert waren. Er würde ein Haus nahe der Pferderennbahn in Shanghai erwerben und den Rest seines Leben mit Bridgespielen, Reiten und Golfspiel angenehm zubringen. Aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen. In fünf oder sechs Jahren nahm Higgins seinen Abschied, und er würde die Leitung des Firmensitzes in Shanghai übernehmen. Bis dahin war er mit seiner Stellung hier ganz zufrieden; er konnte Rücklagen bilden, was in Shanghai nicht möglich war, und obendrein ein angenehmes Leben führen. Ein weiterer Vorteil war, daß er der wichtigste Mann der kleinen Gemeinschaft war; er bestimmte, was hier galt. Selbst der Konsul achtete darauf, es sich mit ihm nicht zu verscherzen. Mit einem seiner Vorgänger hatte es gewaltigen Ärger gegeben - und es war nicht er gewesen, der am Ende den Kürzeren gezogen hatte. Der Taipan reckte kampflustig das Kinn in die Höhe, als er an die kleine Episode dachte.

18. Januar 2021

"The Midnight Sky"





Vielleicht bin ich auch nur zu anspruchsvoll.

Und zudem ist es mißlich, den Stab über einen Film zu brechen - oder über einen Roman, ein Theaterstück - ohne ihn gesehen (oder gelesen) zu haben, nachgerade aus willentlicher Ignoranz. Soweit ich weiß, hat sich nur Julie Burchill, selbsternannte Königin des "literarischen Punks" und britische Kultur-Krawallnudel, in den "Plattenkritiken" dazu verstiegen, die sie über neue Pop- und Rockalben, noch bevor sie auf dem Markt waren, Ende der 1980er Jahre für den New Musical Express geschrieben hat.

Außerdem ist mir klar, und das seit Jahrzehnten, daß im Genre der Science Fiction hanebüchene Prämissen, wildeste Unwahrscheinlichkeiten und das Ignorieren aller Naturgesetze eher die Regel als die Ausnahme darstellen - und daß die audiovisuelle Spielart in Filmen und Fernsehserien hier noch einmal ungenierter mit der Realität umspringt. Selbst in der sogenannten "harten Science Fiction" - in der sich ein Autor bemüht, sich an den Erkenntnissen der Physik und Astronomie zu orientieren und seine Handlungen und die Spielregeln seiner Geschichte daran ausrichtet - ist es durchaus verstattet, etwa einen "Überlichtantrieb" zu postulieren, dessen tatsächliche Konstruktion die Relativitätstheorie kategorisch ausschließt, damit die Mannschaft (bzw. Diversschaft) des Sternenkreuzers "Markus Söder" der Bavarian Space Agency nicht diverse Jahrtausende braucht, um beim Orionnebel - Distanz: 1.200 Lichtjahre - einzutreffen. Aber wenn sie am Ziel aus dem Hyperraum ins Raumzeitkontinuum zurückstürzen, erwartet der Leser, daß sie unter Beachtung der naturgesetzlich verhängten Verkehrsregeln auf Beteigeuze III landen - und nicht, indem sie sich wie einst Pan Tau an die Melone tippen. (Das Beispiel macht klar, daß auch hier die Grenzen fließend sind: daß sich Captain James Tiberius Kirk und alle seine Nachfolger im Trekkieversum ohne Empfangsstation an beliebige Ziele beamen konnten, war den Budgetbeschränkungen der ersten Staffel von 1966 geschuldet, die den Bau einer Raumfährenattrappe nicht zuließen; die Spielwarenfirma Mattel hat dem Studio Desilu, das die drei Staffeln der "Original Series" produzierte, das "lebensgroße" kastenförmige Modell, das ab Folge 27 zum Einsatz kam, im Gegenzug für die Produktionsgenehmigung des Merchandisings finanziert. NARRATOLOGISCH entspricht das Beamen eben jenem "Rücksturz in den Normalraum" oder dem plötzlichen Auftauchen eines Zeitreisenden und bricht, wenn sich der Zuschauer einmal an dieses Versatzstück gewohnt hat, nicht den stillschweigenden Kontrakt, den Samuel Taylor Coleridge 1817 als "willing suspension of disbelief" bezeichnet hat - die Bereitschaft, solche Unmöglichkeiten um der Geschichte willen zu akzeptieren.)

16. Januar 2021

Freie Meinung, Big Tech & der Reichstagsbrand. Ein Gedankensplitter.

“There is freedom of speech, but I cannot guarantee freedom after speech.”

                                                                                                                    - Idi Amin 

Historische Vergleiche sind immer etwas schwierig, besonders dann, wenn sie sich auf die Nazis beziehen, aber dieser Vergleich drängt sich einfach viel zu sehr auf, als das man ihn liegen lassen könnte. Am 27. Februar 1933 brannte in Deutschland der Reichstag und in Folge des Brandes entstand eine bis dahin beispiellose Notverordnung, die "Reichstagsbrandverordnung", deren Auswirkungen direkt zur Machtergreifung und damit zum dritten Reich führten. Es ist ein, wenn nicht das Beispiel schlechthin, wie man aus einem eigentlich nicht einmal sehr dramatischen Ereignis die Grundlagen einer ganzen Gesellschaftsordnung aus den Angeln hebt und damit einen völlig neuen (im Beispiel sehr, sehr dunklen) Weg einschlägt. Dabei ist es nicht einmal erheblich, ob die Nazis den Brand selber legten oder ob sie nur einfach (heute würde man sagen in guter politischer Tradition) dem Prinzip folgten eine gute Krise nicht ungenutzt zu lassen.

Arnold Bennett, "Nachtstück im Majestic" (1905)



I.

Im geschäftigen Leben eines Grandhotels gibt es immer wieder Momente, in denen die chaotische, wilden Vorgänge zur Ruhe kommen, und der ganze riesige Organismus wie unter dem Einfluß eines einschläfernden Opiats zu träumen scheint. Die Zustand tritt etwa dann ein, wenn die Gäste sich in den Rauchsalons oder in der Loge eines Theaters den geheimnisvollen Vorgängen der Verdauung hingeben. Am Abend dieses Notturnos war die wohlbekannte Rotunde der Eingangshalle des Majestic mit ihrem gefliesten Boden, den Säulen aus Malachit, den Perserteppichen, den Sitznischen und den berühmten ausgestopften Bären, die neben der breiten Haupttreppe Wache hielten, fast verlassen, bis auf den Chefportier, den Nachtportier und die Empfangsdame. Es war viertel vor neun, und der Chefportier übergab gerade das Szepter über sein Reich an den Nachtportier und weihte ihn in die Geheimnisse des Tages ein. Diese beiden Eminenzen, die Tag und Nacht Zeugen der Wechselfälle des menschlichen Lebens wurden, hielten des Morgens und des Abends Kriegsrat. Sie kannten das Leben und gaben sich keinen Illusionen hin. Shakespeare selbst hätte von ihnen noch lernen können.

Die junge Frau in der Rezeption hatte sich an das Fenster vor ihn gelehnt, wie ein schönes, entspanntes Tier in seinem Käfig, und betrachtete die beiden Majestäten, die da von zwei der Säulen eingefaßt vor ihr standen. Sie waren zu weit entfernt, um ihr Gespräch belauschen zu können, und sie sah ihnen nur zu, verloren in einem Tagtraum, den die süße Schwermut des Sommerabends, die Ruhe, die eingetreten war, und die Aussicht auf den morgigen freien Tag ausgelöst hatten. Die Herrschaften in ihrer prunkvollen Livree schenkten ihr keine Beachtung; wahrscheinlich war sie in ihren Augen nicht mehr als ein dekorativer Blickfang. Und doch war sie es, die das geheime Zentrum aller Aktivität darstellte, nicht sie. Wenn eine Rechnung beglichen wurde, war sie es, die das Geld in Empfang nahm; wenn ein Gast ein Zimmer wünschte, suchte sie es aus; und die Herren hatten sie mit "Miss" anzureden. Das riesige, prächtige Hotel drehte sich um ihr schlichtes Herz, das unter ihrer weißen Bluse schlug. Besonders im Sommer.

Ihre Anwesenheit und die ihrer Kolleginnen an der Rezeption (heute abend war sie freilich allein) diente der Erbauung der männlichen Gäste, deren primitive (wenn auch zutiefst menschliche) Instinkte Gefallen daran fanden, daß diese hübschen Gefangenen in ihrem Käfig auf sie warteten,wenn sie von ihren Wanderungen heimkehrten, sie mit einem Lächeln begrüßten, sich mit hochgezogenen Brauen ihre kleinen Gehirne über gewaltigen Kladden zermarterten, aus rosigen Mündchen Unverbindlichkeiten plapperten, und ihre entzückende Kleidung mit langen schmalen Händen ordneten, die dafür geschaffen waren, von Ringen und Armreifen geschmückt zu werden und nicht für die Arbeit mit Lineal und Stahlfeder.

13. Januar 2021

"Ein Treffen unter Gleichen"

«Ognuno sta solo sul cuor della terra
trafitto da un raggio di sole:
ed è subito sera.»

- Salvatore Quasimodo





Ich ließ Rouen hinter mir und folgte den weiten Kurven der Straße in ein Land von schwarzem Glas.

Ich hatte schon viele Solarfarmen gesehen - in Australien, Amerika und auf meinem Weg von Paris in die Normandie - aber der Effekt, den die tiefstehende Sonne auf die endlosen Reihen der dunklen Paneele hatte, verlieh der Szenerie etwas Unwirkliches. Der Motor des Tesla summte lautlos, und in der vom letzten Regenschauer noch feuchten Luft war es, als ob ich durch eine Art magischer Stille fuhr. Zur Rechten ragte ein Kiefernwäldchen in die reglose Abendluft, und ringsum saugten die angewinkelten schwarzen Reihen das letzte Licht des Tages auf. Die Reflexe, die mitunter auf den oberen Kanten aufblitzen, verliehen den Ganzen einen merkwürdig belebten Ausdruck, obwohl niemand auf den verlassenen ehemaligen Feldern zu sehen war. Auch als mich nach zehn Kilometern hinter Vieux-Manoir das Navi anwies, die A28 zu verlassen und die Abzweigung nach Buchy zu nehmen, hielt der traumhafte Eindruck an.

Bevor mir Max seine Adresse an diesem Morgen per WattsApp mitgeteilt hatte - in seiner typischen Manier hatte er sich auf die Angabe von geograpischer Länge und Breite beschränkt, die ich mehr oder weniger genau mit den Karten im Netz abgeglichen hatte - hatte ich mir vorgestellt, er könne, gemäß seinem Leben im Verborgenen und angesichts dessen, was er war, in einem abgelegenen kleinen Landhaus wohnen, ein Robinson hinter einer Dornröschenhecke. Aber die Adresse erwies sich als eine ganz normale Vorortstraße in einem ganz normalen nordfranzösischen Dörfchen, gleich hinter dem Ortsschild. Platanen und Kastanien säumten die schmale Fahrspur. Während ich langsam zwischen den kleinen Vorgärten dahinrollte und überlegte, welches der sauberen, geputzen Häuschen gemeint sein mochte, klingelte mein Telephon.

8. Januar 2021

Über die Ungerechtigkeit der Welt und den "Clash of Cultures". Ein Gastbeitrag von Frank2000



Anknüpfend an eine Debatte um "Impfstoffnationalismus" im Diskussionsforum zu "Zettels Raum" hat unser Forumsmitglied und geschätzter Gastautor Frank2000 einen Beitrag zu den weitergefaßten, grundsätzlicheren Umständen von Kollektiven, sprich Gemeinschaften, hier im Sinne von in Konkurrenz stehender, unterschiedlich verfaßter Gesellschaften verfaßt. (U.E.)

* * *



Über Geburtsvorteile

Möglicherweise muss man das wirklich mal aussprechen: die Welt ist nicht gerecht. Ich habe mir nicht ausgesucht, in Deutschland geboren zu werden. Gesund zur Welt zu kommen. Fürsorgliche Eltern zu haben. In der Sekunde, in der ich das Licht der Welt erblickte, war ich umfassend privilegiert: hatte Zugang zu einem Bildungssystem, sauberem Wasser und öffentlicher Sicherheit und Ordnung. Aber die Ungerechtigkeit geht noch weiter, denn auch viele individuelle Merkmale sind angeboren: Intelligenz, Charakter... selbst hier in Deutschland sind viele Menschen "geborene Verlierer". Auch mit größter politischer Korrektheit kann man Dumme nicht intelligent machen (lediglich die vorhandene Intelligenz aktivieren). Und wer als aggressive, emotional gestörte Persönlichkeit zur Welt kommt, wird immer Probleme in sozialen Gruppen haben. Die größte Ungerechtigkeit überhaupt ist aber Gesundheit und Aussehen: auch wenn die "No body shaming"-Fraktion gern etwas anderes einführen möchte: die Menschen werden immer instinktiv (!) das Aussehen des Gegenübers bewerten. Zwar gibt es hier in einem engen Spielraum kulturell bedingte Prägungen (zB steigt nach einer Hungersnot die Attraktivität moderat dicker Menschen). Aber unzählige Tests mit der Messung von Augenbewegungen, Blutdruck usw haben bewiesen, dass das Aussehen bewertet wird. Immer.

Die Menschen sind keine Bärtierchen oder Termiten, deren individuellen Abweichungen kaum noch messbar sind. Die Natur der Menschheit ist die Diversifikation. Welche Schlussfolgerung zieht man zunächst aus dieser Tatsache? Die Evolutionstheorie beschreibt als Grund dieser Varianz die Innerspezies-Konkurrenz: es sollen eben nicht alle Individuen gleiche Ergebnisse erzielen. Sondern einige Individuen setzen sich auf Grund von Konkurrenzvorteilen stärker durch, bekommen mehr oder fruchtbarere Weibchen, mehr Nahrung, Macht usw.
Wenn hier schon Schluss wäre mit der Geschichte, dann könnte man "Links" argumentieren: In einer Welt des Überflusses ist individuelle Konkurrenz überflüssig. Und an die Stelle von "Gewinner und Verlierer" tritt der Sozialismus: der zentrale Ausgleich der individuellen angeboren Vorteile und Nachteile. Die Menschen mit angeborenen Vorteilen geben die Früchte ihrer Konkurrenzvorteile ab, da sie diese nicht "verdient haben": schließlich handelt es sich um angeborene Vorteile. Kann man nix für. Die Einnahmen der ausgebeuteten Gewinner werden an die Verlierer verteilt.

6. Januar 2021

Das Impfdesaster



Dieser Beitrag erscheint mit einem Tag Verzögerung, da ich erst um einen ruhigen, halbwegs nüchternen Ton ringen mußte und nicht Gefahr laufen wollte, mich in meinem Zorn und in meiner Fassungslosigkeit zu Formulierungen hinreißen zu lassen, die justiziabel sind. Der Vorgang, der vor zwei Tagen durch einen Bericht der BILD-Zeitung bekannt geworden ist (die mittlerweile, neben "Tichys Einblick", das einzige Medium in diesem Land zu sein scheint, das noch kritische Recherchen zur Arbeit zur Arbeit der Regierung durchführt - was von seither die oberste Aufgabe der "Vierten Macht" war, statt nur als willfähriges Propagandawerkzeug zu dienen) - dieser Vorgang ist ungeheuerlich, und selbst ich, der ich unsere Regierung für unfähig und blind für die Wirklichkeit halte, hätte mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können, daß sie zu dergleichen fähig wäre.

Es geht um das, was seit Anfang dieser Woche als "Impfstoffskandal" geläufig ist. Es geht um die Tatsache, daß diese Regierung, die seit dem vergangenen April immer wieder, Tag für Tag, betont hat, daß wir ohne einen wirksamen Impfstoff gegen SARS-CoV-19, und ohne eine weitreichende Durchimpfung der Bevölkerung, die Pandemie nicht hinter uns lassen können. Es kommt nicht oft vor, daß ich mit den Zielen und Plänen unserer Regierung absolut d'accord bin. Aber hier hat sie recht. Und nicht sie allein: ALLE Regierungen der Welt verfolgen dieses Ziel: Das Virus zu eradizieren, es auszurotten, sein Auftreten auf Null zu bringen (in dieser Einmütigkeit sehe ich auch den Grund, warum die Entscheidungen unserer Regierung halbwegs richtig lagen. Wohlgemerkt: die ENTSCHEIDUNGEN, nicht die Durchführung). Für eine wirksame Erreichung dieses Ziels - wie es etwa China und Taiwan geschafft haben - ist es seit März zu spät; auch der Lockdown, der seit nun 9 Wochen andauert und bislang keine nennenswerte Wirkung zeigt, dient nur dazu, die Fallzahlen und ihr Anwachsen möglichst gering zu halten.

Man sollte meinen, daß es eine Selbstverständlichkeit wäre, daß eine Regierung alles daran setzt, um dieses Ziel zum schnellstmöglichen Zeitraum zu erreichen. Wir haben zurzeit pro Tag 500 Todesfälle an COVID-19; in jedem Monat also 15.000. Jede Woche Verzögerung führt dies fort. Man sollte meinen, die Regierung habe bei jedem Impfstoff, dessen Entwicklung erfolgsverprechend schien, sich ein größtmögliches Kontingent durch Vorkaufsoption gesichert, um es schnellstens und auf der brreitesten möglichen Ebene einsetzen zu können, sobald die für die Zertifizierung zuständige EU-Behörde EMA, die European Medicines Agency, die Vakzine freigegeben hat.

4. Januar 2021

Arnold Bennett, "Der ermordete Mandarin" (1907)



"Was redet ihr da von Mord?" fragte Mrs. Cheswardine, als sie mit dem Tablett mit dem Abendessen in den geräumigen Salon kam.

"Stell's da hin," sagte ihr Gatte (das bezog sich auf das Tablett) - und zeigte auf einen kleinen Tisch, der mit zwei Beinen auf und den beiden anderen vor dem Kaminvorleger stand.

"Die Schürze steht dir ausgezeichnet," brummte Woodruff, der Freund der Familie, der seine langen Beine - noch länger als die von Cheswardine - auf das Schutzblech vor dem Kaminfeuer gelegt hatte. Beide Männer saßen in einem Lehnsessel neben dem Kamin; beide waren sie groß und schlaksig, und beide zählten sie vierzig Jahre.

Mrs. Cheswardine setzte das Tablet mit einer unbeschreiblich eleganten Bewegung auf dem Tischchen ab, nahm auf einem Stuhl dahinter Platz, der sich wie ein winziger Großneffe der Lehnsessel ausnahm, und strich sich die Schürze glatt.

Die Schürze stand ihr tatsächlich ausgezeichnet. Es ist ganz erstaunlich, welche bezaubernde, köstliche Wirkung eine adrette Schürze entfalten kann, vor allem, wenn sie über einem gutgeschnittenen, teuren Kleid getragen wird; wenn darunter das Rascheln eines Unterkleides aus Seide zu hören ist, und wenn die Schürze dann auch noch von reichberingten Frauenhänden glattgestrichen wird. Jeder Mann weiß das. Jede Frau weiß es. Mrs. Cheswardine wußte es. In solchen Dingen wußte sie außerordentlich gut Bescheid. Es machte ihr Freude, selbst noch einen kleinen Imbiß zuzubereiten, weil die Dienstboten schon schlafen gegangen waren, wenn ihr Mann spätabends Woodruff noch auf einen Sprung vorbeibrachte - was nicht selten der Fall war, wenn er den Klub aufgesucht hatte. Etwa Tomatensandwiches, mit Bier oder Chapagner. Die Männer zogen natürlich Bier vor, aber Mrs. Cheswardine stand eher der Sinn danach, Champagner aus einem geschliffenen Kristallglas zu trinken. Also wurde kein Bier aufgetischt.

3. Januar 2021

McDonald's in Pompeji. Nachschlag: Garum, Garum, Garum



(Moretum)

Und ein kleines Quiz.

* * *

Der Esprit de l'escalier, der Treppenwitz (die Wendung findet sich zuerst bei Denis Diderot) bezeichnet gemeinhin eine Pointe, eine Volte, ein Antwort, die einem erst im Nachhinein einfällt, wenn man die Konversation, in die sie gepaßt hätte, schon verlassen hat: auf der Treppe halt. (Das ist nicht zu verwechseln mit der bekannten Anekdote, in der Alexandre Dumas pêre seinen Sohn, der ihm den täglichen Morgenbesuch abstatten wollte, von einem Diener hinauskomplimentieren ließ. Am nächsten Morgen entschuldigte sich der Autor der Drei Musketiere mit der Begründung. "Ich lag mit einer kleinen Erkältung im Bett." "Ich weiß," gab der Verfasser der Karneliendame zur Antwort, "Sie ist mir auf der Treppe begegnet.")

So (also im Sinne von Diderot, nicht A.D. fils), ging es mir auch mit dem in Folgenden übersetzten kleinen Text, der mir erst einfiel, als mein Beitrag zum kürzlich ausgegrabenen Straßenimbiß in Pompeji schon eingestellt war. So möge es denn als zweiter Besuch in der Kulinarik der Antike durchgehen.

2. Januar 2021

Arnold Bennett, "Mitternacht im Grandhotel Babylon" (1905)





(Das Savoy Hotel in London, das Bennett als Vorbild für das Grandhotel Babylon diente.)

I.

"Also gut," begann der Arzt. "Manche hier sind der Ansicht, daß ich mich in letzter Zeit ziemlich bedeckt gezeigt habe. Kann sein. Trotzdem werde ich euch jetzt - nur euch hier in der Runde - alles über den Fall erzählen, der mich beschäftigt hat. War nicht der seltsamste, der mir je untergekommen ist. Ihr wißt, daß ich so allerlei erlebt habe; jeder Fall ist auf seine Art interessant. Aber Giftmorde haben etwas Besonderes an sich, und dieser hier war der Merkwürdigste von allen. Kommt nicht oft vor, daß jemand, der einen Mord mit Gift ausführen will, einen Arzt ruft und ihn dann zu diesem Zweck einspannt, ohne daß er davon etwas ahnt. Aber genau das ist hier passiert. Es kommt auch nicht oft vor, daß ein Giftmörder ein Gift wählt, das ausgefallen ist, das kaum nachzuweisen ist, und das in jeder Apotheke ohne Rezept erhältlich ist. Aber genau das ist mir passiert. Ihr könnt euch darauf verlassen, daß mir das eine Lehre war. Mir ist hier zum ersten Mal wirklich aufgegangen, welche Möglichkeiten sich einem wirklich gerissenen Mörder hier im zwanzigsten Jahrhundert bieten. Es gibt ja die Berichte über die raffinierten Giftmorde im Mittelalter. Bah! Alles zweitklassig! Damals verstand niemand genug davon im Vergleich zu dem, was ein wirklich raffinierter Mörder heute erreichen kann; sie besaßen das nötige Wissen einfach noch nicht. Und das andere, was mir auffiel, ist, wie nützlich ein großes Hotel in London für einen modernen Mörder ist. In einem großen Hotel kann man sich alles erlauben, und es fällt niemandem auf. Man verläßt es, man kommt herein; niemand nimmt groß davon Notiz; man ist nur jemand in der Menge der Gäste. Sobald man oben in den Zimmerfluren ist, ist man vor Verfolgung und Beobachtung so sicher wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Man kann zwei Zimmer buchen, unter verschiedenen Namen, in verschiedenen Stockwerken. Die Leitung und das Personal merken davon nichts; niemand, der im zweiten Stock zu tun hat, weiß, wer im dritten wohnt; oder im vierten. Man kann hin und her pendeln, daß selbst Inspektor Anderson vor einem unlösbaren Rätsel stehen würde. Sobald man auf seinem Zimmer ist, sitzt man da so sicher wie ein Baron im Mittelalter auf seiner Burg - sogar noch sicherer. In der fraglichen Nacht hielten sich mehr als tausend Gäste im Grandhotel Babylon auf (im Goldsaal fand ein Ball statt, und es gab mehrere Bankette), und mitten unter dieser Menge spielte sich eine schreckliche Tragödie ab, ohne daß es jemand geahnt oder mitbekommen hätte, und ich wurde da hineingezogen. Also hört gut zu.

1. Januar 2021

Jahresauftaktklang

Da das alte Jahr mit Musik ausklang, scheint es nur angemessen, auch mkit einem musikalischen Auftakt zu beginnen. Und, entre nous soit dit: es mag mein Alter zeigen, aber SO habe ich in meinen jungen Jahren das einundzwanzigste Jahrhundert immer vorgestellt.

https://www.youtube.com/watch?v=fn3KWM1kuAw



Dr. Susan Calvin von US Robots soll dem Vernehmen nach nicht besonders begeistert reagiert haben. Das mag man der renommiertesten Roboterpsychologin angesichts ihrer Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Interaktionen, die sie für ihren Job so qualifizieren, nachsehen.

Arnold Bennett, "Der Anfang des neuen Jahres" (1907)



I.

Wir in den Fünf Städten sind ein phlegmatischer Menschenschlag und machen nicht viele Worte. Vielleicht liegt's daran, daß wir weitab vom Rest der Welt liegen; vielleicht auch deshalb, weil wir unser Brot mit der Arbeit an Ton und Eisen verdienen; und vielleicht liegt es einfach in unserer Natur, schweigsam und und gemächlich zu sein. Aber wir sind nun einmal wortkarg und gefestigt, und mitunter nehmen unsere Wortkargheit und unsere Sturheit ein Ausmaß an, das diesen Rest der Welt in Erstaunen versetzt. Für uns hier gilt das natürlich nicht: wir halten das für einen Riesenwitz, und uns kümmert es nicht, was der Rest der Welt von uns hält. Ich habe mich schon des Öfteren gefragt, wie dieser Rest der Welt wohl reagieren würde, wenn man ihm an einem Beispiel diese Besonderheiten unseres Charakters hier in den Fünf Städten vorführen würde (außer, sich darüber zu wundern). Ich habe vor, zum ersten Mal davon öffentlich Zeugnis abzulegen. Ich habe mit Bedacht kein extremes Beispiel gewählt, nur ein völlig durchschnittliches. Aber urteilen Sie selbst.

Toby Hall, der aus Turnhill stammte, der nördlichsten und kleinsten der Fünf Städte, kam am letzten Silvester auf der Fahrt von Crewe nach Derby durch den Bezirk. Er wohnte in Derby, und er kam von der Beerdigung eines alten Logenbruders des Alten Försterordens in Crewe. Er stieg in Knype, dem großen Eisenbahnknotenpunkt der Fünf Städte, aus dem Zug, um sich ein Glas Bier im zweitklassigen Bahnhofsrestaurant zu genehmigen. Es war Silvester; die Fahrgäste drängelten und stauten sich, besonders in Bahnhofsrestaurant, und als Toby wieder auf den Bahnsteig ankam, fuhr der Zug gerade an. Toby war weder jung noch sportlich. Er zählte fünfzig Jahre, und aus Anlaß der Beerdigung trug er einen Anzug aus schwerem Tuch, einen Filzhut, und sein Mantel war neu und hinderte ihn an raschen Bewegungen. Ausgeschlossen, dem Zug hinterherzusprinten! So verpaßte er seinen Zug. Dann fuhr er sich über seinen kurzen grauen Bart (er trug keinen Schnurrbart, und seine Oberlippe hing weit herunter), und dann strich er den Anzugstoff glatt, der seine stämmige Gestalt umspannte.