31. Mai 2020

Lord Dunsany, "Der Schatz der Gibbelinen" (1911)

(Ill. Sidney H. Sime. "There the gibbelins lived and discreditably fed."


Es ist allgemein bekannt, daß sich die Gibbelinen von keiner weniger edlen Speise ernähren als von Menschenfleisch. Zu ihrem finsteren Turm gelangt man aus der Terra Cognita, den Ländern, die wir kennen, über eine Brücke. Ihre Schätze übersteigen jedes Vorstellungsvermögen;  ihr Reichtum läßt alle Habgier erblassen; sie haben einen eigenen Keller für Smaragde und einen Keller für Rubine, sie haben tiefe Kavernen mit Gold gefüllt und graben es bei Bedarf aus. Und ihr ganzer ungeheuerlicher Reichtum dient ihnen nur zu einem einzigen Zweck: Narren in ihre Speisekammern zu locken. Wenn Not herrscht, streuen sie Rubine in aller Welt aus und legen damit Spuren in den Städten der Menschen, und siehe da: alsbald sind ihre Vorratskammern wieder prall gefüllt.

Ihr Turm erhebt sich auf der anderen Seite jenes Flusses, der schon Homer bekannt war - er nannte ihn ho rhoos okeanoio - der die Welt umfließt. Und dort, wo der Fluß seicht ist und man hindurchwaten kann, haben ihre hungrigen Ahnen ihren Turm errichtet, denn es gefiel ihnen wohl, wenn Bettler ohne viel Mühe zum Eingang rudern konnten. Die gewaltigen Bäume, die am Ufer aufragen, verdanken ihre Größe keinem gewöhnlichen Dünger.

Dort also hausten die Gibellinen und nährten sich auf ihre schändliche Weise. Alderic, Ritter der Stadtwache und der Angriffstruppen und mit dem Erbamt des Wächters über den Geistesfrieden des Königs betraut, hatte so lange über die Schätze der Gibbelinen nachgesonnen, daß es ihm schien, es seien sie schon die seinen. Leider gebietet mir die Ehrlichkeit, hinzuzusetzen, daß es die schiere Habsucht war, die ihn zu einem solchen Unterfangen in finsterster Nacht anstachelte. Aber es war jene Habsucht, die den Gibbelinen die Speisekammern füllte, und alle hundert Jahre sandten sie ihre Kundschafter in die Städte der Menschen aus, um zu sehen, wie es um die Gier der Menschen bestellt sei, und ihre Spione kehrten stets mit den besten Nachrichten zum Turm zurück.

Man könnte vermuten, daß, während die Jahre vergingen und die Menschen ihr grausiges Ende an der Wand des Turms fanden, die Gibbelinen weniger und weniger Tischgäste zum Mahl laden konnten; allein, dem war nie so.

30. Mai 2020

Lord Dunsany - "Das wahrscheinliche Abenteuer der drei Freunde der Literatur" (1911)

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 (Ill. Sidney H. Sime, "The Edge of the World")


Als die Nomaden nach El Lola gelangten, mußten sie feststellen, daß ihr Vorrat an Liedern zur Neige gegangen war, und die Frage nach dem Diebstahl der Goldenen Truhe erhob ihr Haupt in all ihrer Dringlichkeit. Zum einen hatten sich schon viele der Goldene Truhe zu bemächtigen gesucht, jener Schatztruhe (wie die Äthiopier zu berichten wissen) voller herrlichster Gedichte, und ihr grausiges Schicksal ist in Arabien wohlbekannt. Andererseits war es traurig, zur Nacht am Feuer zu sitzen und keine neuen Lieder singen zu können.

Es war im Stamm der Hleth, in dem diese Dinge an einem Abend  in der Wüste unter dem Gipfel des Mluna zur Sprache kamen. Ihre Heimat waren die Wege, über die sie seit unvordenklichen Zeiten durch die Welt gezogen waren, und unter den Stammesältesten hatte sich Unruhe breit gemacht, weil es keine neuen Lieder gab, während über ihnen, unberührt von allen menschlichen Sorgen, der Gipfel des Mluna, den die Nacht noch nicht eingehüllt hatte, während sie die Ebenen in Schwärze zu tauchen begann, auf die Zweifelhaften Lande hinausblickte. Und es geschah dort unten auf der Ebene, auf jener Seite des Mluna, die den Menschen bekannt ist, als sich der Abendstern wie ein Mäuschen an den Himmel stahl und der Rauch aus den Lagerfeuern in den Abendluft stieg, daß die Nomaden jenen unvorsichtigen Plan ersannen, den die Nachwelt als Die Suche nach der Goldenen Truhe kennt.

„Hier ist der Kompass verloren gegangen“

In der Pfingstausgabe heißt es auf der ersten Seite der FAZ, die Kirchen hätten bei der Pandemie versagt, weil sie in der Öffentlichkeit kaum mehr präsent seien, es bestünde in Deutschland die „Furcht, dass das Christentum im Land allmählich an seiner mangelnden Sichtbarkeit zugrunde geht“. Nicht wegen der einfachen Gläubigen. „An der Spitze sind beide Kirchen gefangen in überholten Strukturen. Sie handeln lahm.“ (Reinhard Bingener, Geist und Kirche, 30. Mai 2020)

DIE ZEIT schrieb auf ihrer Titelseite, die Kirchen hätten gelernt, sich mit der Deutung von Katastrophen zurückzuhalten. Der Glaube sei vernünftig geworden, gerade in Deutschland. „Aber war das genug?“ Thüringens ehemalige Ministerpräsidentin rügte das Versagen der Kirchen, die einer der größten Arbeitsgeber im Land sind, beim Schutz von Alten und Kranken. Das Gefühl sei: Das Schweigen der Kirchen ist merkwürdig, die Kirchen sind nicht systemrelevant: „Vielleicht weil sie in Deutschland so eng mit der Politik verbandelt sind. Vielleicht weil auch die Bischöfe sich heute als Konsenssucher verstehen und in einer Empörungsgesellschaft am ehesten durch Unauffälligkeit überleben.“ (Evelyn Finger, Frommes Schweigen, 28. Mai 2020.)

Stimmt das für alle? Schauen wir ein wenig weiter herum.

29. Mai 2020

Lord Dunsany, "Das Feld" (1909)


Wenn die Blütenpracht des Frühlings in London vorbei ist und der Sommer seinen Einzug gehalten und früh verwelkt ist, wie das in den Großen Städten so geht, und wenn man dann noch immer in London gefangen ist, dann bleibt es nicht aus, daß die Hügel mit ihren Blumen und Wäldern nach einem rufen, mit mächtiger und drängender Stimme, deren Ketten eine hinter der anderen in die Abendluft ragen wie die Reihen eines Engelschors, dessen Gesang selbst einen Trunkenbold aus der Spelunke locken könnte. Kein Straßenlärm kann diesen Ruf übertönen, nichts, was London einem zu bieten hätte, könnte dagegen ankommen. Sobald er ertönt, nimmt er alle Phantasie gefangen und entführt sie zu Bächen, in denen die Kiesel in allen Farben glänzen, und sämtliche Londoner Versuchungen sind so tot wie Goliath, als ihn ein solcher Kiesel in die Stirn traf.

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Der Ruf erklingt aus weiter Ferne, über die Meilen und die Jahre hinweg, denn die Hügel, die da nach einem rufen, sind die der uralten Zeit, und ihre Stimmen sind die aus der Vorzeit, als die Elfenkönige noch in den Wäldern ihr Horn erschallen ließen.

Ich sehe sie deutlich vor mir, diese Hügel meiner Kinderzeit (denn es die sind die, die nach mir rufen), die Gipfel in die dunkelnde Abenddämmerung gereckt, und die schimmernden Gestalten der Elfen, die aus dem Farnkraut spähen und auf den Abend warten. Was hingegen nicht vor meinem geistigen Auge steht, das sind die teuren Villen und begehrten Landsitze, die sich gewisse Leute gebaut haben, deren Geschäfte sich allein um Kunden und Mieter drehen.

Deutschland zahlt

Wenn es eine Konstante gibt, die die Finanzentwicklung der EU über die letzten 30 Jahre verfolgt, dann ist es dieser einsame Satz: Deutschland zahlt. Das Konzept ist somit nicht allzu neu, allerdings gehen die Dimensionen inzwischen derart ins Absurde, dass man sich fragen muss, warum in Deutschland nicht längst eine überwältigende Mehrheit die Afd wählt. Doch der Reihe nach:

27. Mai 2020

SpaceX - Demonstration Mission 2. Livefeed

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Dies ist kein Blogpost.
(Kunsthistorisch Versierte mögen in diesem Satz eine Anspielung auf ein nicht ganz unbekanntes Bild von Rene Magritte erkennen. Der nicht besonders tiefe semantische Witz bei Magrittes Titel liegt darin, daß es sich nicht um eine Pfeife, als ein konkret nutzbares Rauchutensil, handelt, sondern nur um das Bild einer solchen. Und dies ist kein Blogpost im üblichen Sinn - ein kurzers Aufsatz zu einem Thema, ein Hinweis, eine Übersetzung. Vielmehr handelt es sich um eine Weitervermittlung von akutellen Bewegtbildern und ein Work in Progress. Je nachdem, wie sich die Dinge in den nächsten Stunden - oder Tagen - entwickeln - kann sich vieles am Text ändern, vieles wird sicherlich ergänzt, womöglich ändert sich sogar der Titel - bis auf die URL, unter der dies aufgerufen wird. Diese wird beim Posten des Beitrags generiert und steht hinfort unveränderlich fest. Zum anderen ist dies ein Experiment, das an dieser Stelle schon einmal unternommen wurde, nämlich vor zwei Jahren beim Erststart der Falcon Heavy-Rakete von SpaceX.)

In gut zweieinhalb Stunden, wenn alles gutgeht - um 16:33 Ortszeit nach EDT, Eastern Daylight Saving Time (was 20:33 GMT, Greenwich Mean Time entspricht und durch die beiden einstündigen Zeitversetzungen unserer Zeitzone plus des Sommerzeit 22:33 MESZ) werden also zum ersten Mala seit fast neun Jahren wieder Raumfahrer vom amerikanischem Boden aus, von der "Mondstartrampe" des Launch Complex 39A in Cape Canaveral, die auch für die meisten Shuttleflüge als Startort diente, zum Flug ins All aufbrechen.

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA überträgt das Geschehen seit einigen Stunden live auf dem Fernsehkanal, über den sie seit ein paar Jahren verfügt. Als Livestream ist dies auch überall auf der Welt vom jedem Endgerät zu verfolgen, das einen Weltnetzanschluß hat. Insgesamt ist vorgesehen, diese Verfolgung der Mission über alle 27 Stunden aufrechtzuerhalten, bis die Crew Dragon-Kapsel mit den beiden Astronauten Douglas Hurley und Robert Behnken an der Internationalen Raumstation andockt.


Auf diesem Link kann man den aktuellen Stand der Mission über den Kurznachrichtendienst Twitter nachverfolgen.

Literarische Chinoiserie: Zwei kleine Erzählungen von Lord Dunsany

­"Ein Archiv der unvordenklichen Geheimnisse"

Im Archiv der uralten Geheimnisse in China erzählt man die Geschichte, daß ein Sohn aus dem Hause Tlang so geschickt im Umgang mit scharfem Eisen war wie niemand sonst, und daß er sich in die grünen Jadeberge begab und dort einen grünen Jadegott schnitzte. Das geschah im Jahr des Drachen, im achtundsiebzigsten Jahr dieser Ära.

Und fast ein ganzes Jahrhundert hindurch weigerten sich die Menschen, an den grünen Jadegott zu glauben. Danach beteten sie ein Jahrtausend lang zu ihm, und als es verstrichen war, verloren sie erneut den Glauben an ihn. Und der grüne Jadegott tat in seinem Zorn ein Wunder und vernichtete die grünen Jadeberge und ließ sie eines Abends, als die Sonne unterging, mit ihr in die Erde versinken. Daher erstreckt sich heute an dem Ort, an dem sich einst die grünen Jadeberge erhoben, nur ein Sumpf. Und dieser Sumpf ist über und über mit Lotusblüten bedeckt.

Und am Ufer dieses Lotussees, der im Abendlicht glüht, geht Li La Tang, das chinesische Mädchen. Sie treibt die Kühe heim, sie geht hinter ihnen her und singt dem Fluß Lo Lang Ho ihr Lied. Und dies singt sie dem Fluß, singt es über Lo Lang Ho: daß er der wunderbarste ist von allen Flüssen, entsprungen aus Bergen, die älter sind als selbst die Weisen ahnen, geschwinder als fliehende Hasen, tiefer als das Meer, Herr über alle Flüsse, die wie Rosen duften und heller leuchtend als die Edelsteine, die den Hals von Prinzen schmücken. Und sie richtete ihr Gebet an den Fluß Lo Lang Ho, den Herrn aller Flüsse, das Ebenbild des Himmels, wenn der Tag anbricht: daß er ihr einen Liebsten senden möge, der in einem Boot aus Licht aus dem Landesinneren gerudert käme, in einem Gewand aus gelber Seide mit Türkisen, die seine Handgelenke zierten, jung und fröhlich und ohne Sorgen, mit einem Antlitz, das gelb wie Gold schimmern sollte und einem Rubin auf der hohen Mütze, der im Licht der Laternen im Dämmerschein leuchten würde.

26. Mai 2020

Shelter in place: Lawrence Wright, "The End of October" (Mai 2020). Ein Roman zur Pandemie

Als vor gut zwölf Wochen an dieser Stelle (mittlerweile scheint es eine Ewigkeit her zu sein), im zweiten Beitrag, der sich dem "neuartigen Coronavirus" widmete, ein Blick auf Dean R. Koontz' Thriller "The Eyes of Darkness" aus dem Jahr 1981 geworfen und die Frage gestellt wurde, ob es sich dabei um eine Vorschau auf das Geschehen handelt, das seit Monaten alles andere im Weltlauf überschattet, war der Bescheid abschlägig. Nein: bei dem im Roman im Zentrum stehenden "Supervirus" aus einem Biowaffenlabor im chinesischen Wuhan handelte es sich um einen reinen Zufall (der auch der in der Zweitausgabe des Buches sieben Jahre nach seinem ersten Erscheinen umgeändert wurde, um den veränderten politischen Verhältnissen im Zeichen der Glasnost'-Ära thrillertechnisch Rechnung zu tragen.) Über diesen Ortsnamen hinaus gibt es zwischen dem Geschehen im Roman und dem Killervirus keine Ähnlichkeit mit unserer Gegenwart. (Der Ullstein-Verlag hat Koontz' Buch am 15. Mai unter dem Titel "Die Augen der Finsternis" neu aufgelegt; die deutsche Erstübersetzung, die die "Dunkelheit" im Titel trug, erlebte von 1988 bis 1995 im Münchner Heyne-Verlag insgesamt 15 Auflagen; danach gab es 2004 einen Nachdruck bei Pavillon.) Und dennoch...

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Drei "kulturelle Artefakte" - ein Film und zwei Romane - können zumindest mit einigem Recht für sich beanspruchen, als luzide Vorwegnahme, als prophetischer - oder: scheinbar prophetischer - Vorschein eine Vorahnung der Seuche geliefert zu haben. Natürlich ist die Schilderung einer solchen Epidemie für die Literatur keine Neuigkeit; sei es als kritische Bedrohung der gesamten Menschheit, die noch abgewendet werden kann, sei es als explizit geschilderte "Beendigung des Experiments Menschheit" (das vielleicht nur noch ein paar Überlebende überstehen, die sich auf eine prähistorische Subsistenz zurückgeworfen sehen): vom Mary Shelleys "The Last Man" aus dem Jahr 1827 als erstem Beispiel bis zu Cormac McCarthys "The Road" von 2006 lassen sich mit den entsprechenden Titeln zahlreiche Regalmeter füllen. (Um nur, ganz wahllos, ein paar Titel aus dieser endlosen Reihe zu nennen: Richard Jefferies' After London von 1880; Jack Londons The Scarlet Plague von 1912, George R. Stewarts Earth Abides aus dem Jahr 1949, Edgar Pangborns Davy von 1964, Stephen Kings The Stand von 1982, Frank Herberts The White Plague von 1982 und Carl Amerys letzter Roman Das Geheimnis der Krypta von 1990 - in den beiden letzten Romanen wird das Virus bewußt als biologische Waffe erschaffen und eingesetzt, um die Menschheit auf einen - nach ökototalitären Vorstellungen - "erträglichen Stand" zu dezimieren.) Doch bei drei dieser Geschichten haben die Umstände, die mit diesen Texten selbst wenig zu schaffen haben, dafür gesorgt, daß sie, hier und jetzt zur Kenntnis genommen, wie ein luzider, böser Blick in eine Kristallkugel wirken.

21. Mai 2020

叶永烈 (1940年8月30日-2020年5月15日). "Vom kleinen Herrn Allwissend zum Smartphone." Zum Tod des Schriftstellers Ye Yonglie

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Zu einer der seltsamen Konstanten von diktatorischen Gesellschaften, von "formierten Gesellschaften" in ihrer rigidesten, den menschlichen Geist rigoros abtötenden Form, in der maximalen Verneinung der menschlichen Freiheit, scheint das formale Verbot der Zukunft zu gehören. Nicht in der Form, daß es sie nicht geben darf - denn totalitäre Sozietäten beziehen ihre ureigenste ideologische Rechtertigung daraus, daß sie - und nur sie - die Zukunft darstellen. Sondern in dem Verbot, von ihr zu erzählen, und sei es nur als utopische Einlösung all der vage beschworenen "lichten Zukunft".

Hierbei scheint eine Nebenbedingung zu sein, daß solche Gesellschaften über eine reichhaltige, über die Jahrhunderte zurückreichende literarische Erzähltradition verfügten, bevor ihnen, um George Orwells Wendung zu zitieren, die Partei "auf immerdar mit dem Stiefel auf das Gesicht eintrat": in Nordkorea unter den Kims wie in Albanien unter Enver Hodscha fehlte das, was man eine "bürgerliche Erzähltradition" nennen könnte: der reiche literarische Assonanzraum aus Lyrik, Epik, Historie und jener einzigartigen Erfindung des menschlichen Gedächtnisses: dem Roman, um sowohl das Abenteuer des Unbekannten, die Hoffnung der alltäglichen Erfahrung und die Teilnahme am Schicksal erdachter Personen in all ihren Facetten in dem aufbewahren zu können, was als mündliche Form der Legende und des Heldenepos begonnen hat.

18. Mai 2020

Hauptsache Verschwörungstheoretiker

In Deutschland wird wieder demonstriert. Nicht ausgeprägt, aber doch deutlich vorhanden, am vorvergangenen Wochenende in Stuttgart wohl um die 10.000, was ja immerhin schon eine gewaltige Zahl ist, wenn man bedenkt, dass die meisten Städte die (demokratisch mehr als  fragwürdige) Strategie fahren, erst gar keine Demonstration zu genehmigen, die eine knapp dreistellige Menschenmenge erreichen könnte. Auch wurden die Bussgelder noch einmal deftig erhöht mit denen man Druck auf die Demonstranten ausüben  kann, dass unter solchen Umständen überhaupt nennenswerte Menschenmengen zusammen kommen, zeigt, dass die Demokratie in Deutschland zwar schwer erkrankt aber  noch nicht tot ist.

14. Mai 2020

Ein Fundstück aus dem Frühjahr 1920

­Es dürfte, zumal im deutschsprachigen nördlichen Nachbarland, nicht wenige Zeitgenossen geben, nach deren Dafürhalten die Boole'sche Kombination der Vokabeln "SCHWEIZ" + "SATIRE" den Begriff der "leeren Menge" trefflich illustriert. Und dennoch: die Schweiz ist heute Heimat der ältesten satirischen, noch bestehenden Zeitschrift der Welt. Der Nebelspalter, 1875 nach dem Vorbild des englischen Punch, or The Modern Charivari als Wochenzeitschrift ins Leben gerufen, erscheint heute, wen auch schon seit geraumen Jahren nur noch im Monatsrhythmus. Und im Nebelspalter erschien von fast genau 100 Jahren, in der Ausgabe 10 des 46. Jahrgangs (der hier auf der Netzseite der ETH Zürich vollständig einzusehen ist) vom Dienstag, dem 6. März 1920, eines jener satirischen Zeitgedichte, die in all den Blättern dieser Gattung, vom Punch selbst über den Münchner Simplicissismus und die Berliner Weltbühne, das A und O des ironischen Kommentars zur Weltlage darstellten, mit denen sich Autoren wie Kurt Tucholsky, Erich Kästner oder Mascha Kaleko (oder auf der anderen Seite des Ärmelkanals etwa der bei uns völlig unbekannte R. P. Lister) ins Gedächtnis der Zeitgenossen eingeschrieben haben.

Unter dem Titel "Die Grippe und die Menschen" hieß es dort:

11. Mai 2020

SpX-DM2 und darüber hinaus. Nebst der Beantwortung der Frage: "Wer ist Elon Musk"?

­Lieber Leser, man mag es ja in diesen Zeiten kaum glauben, und doch ist es so: es gibt ein Leben außerhalb von Corona. Es gibt Projekte, Vorhaben, Unternehmungen, die (bislang jedenfalls und vorerst) von der viralen Heimsuchung der Welt nicht tangiert worden sind - was sich natürlich im Zuge dessen, was Nassim Nicholas Taleb den "Fat Tail" der Epidemie (also den ökonomischen Folgen und den kaskadierenden Tertiäreffekten) genannt hat, noch anstehen kann. Dazu gehört die Wiederaufnahme, wie zögerlich auch immer, jenes Projekts, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem griffigen, aber weit zuweit ausgreifenden Motto "die Eroberung des Weltraums" zuerst angegangen wurde. Hier nun der aktuelle Stand, was die kleinen Mosaiksteinchen betrifft, aus denen sich, vielleicht, möglicherweise, eine Brücke (oder, um im Bild zu bleiben: eine Furt) ergeben wird, die der Menscheit eine wie klein auch immer geratene Basis außerhalb ihrer evolutionären Wiege auf dem dritten Planeten des Sonnensystems errichten könnte. Und zwar in aufsteigender Reihe: vom nüchtern Praktisch-Pragmatischen übers Größenwahnsinnige bis hin zum vollends bengalisch irrlichternd Megalomanischen.

Doch zunächst zum Wichtigen: Die Frage: "wer ist Elon Musk?" läßt sich recht schlüssig bescheiden. Die Antwort lautet:

Elon Musk ist D. D. Harriman.

9. Mai 2020

Warum ich gehe


Auch ich verabschiede mich von Forum und Blog. Der Grund ist der Verlust des Kerns, welcher diesen virtuellen Ort für sehr lange Zeit ausmachte: Ein Wagschale zwischen Liberalismus und Konservatismus, zwischen denen immer abgewogen werden muss. Beide Positionen sind hier zwar noch immer vertreten. Es gibt auch genug Teilnehmer, die sowohl liberale als auch konservative  Positionen vertreten. Jedoch viele, besonders unter den aktivsten Teilnehmern, nicht mehr abwägend, sondern mit absolutistischer Selbstgewissheit – je nach Thema und emotionaler Prädisposition zu diesem – mal in die eine und mal in die andere Extreme ausschlagend ohne Spielraum für abwägende Zwischenpositionen.

Anstatt von der vernünftigen Standardannahme einer Position zwischen den Extrempositionen als Startpunkt ausgehend eine abwägende und differenzierte Analyse vorzunehmen, schwanken die aktivsten und lautesten Teilnehmer zwischen Panikmache und Weltuntergangsstimmung auf der einen Seite und Ignoranz für Gefahrenpotential und Risiko auf der anderen Seite, je nachdem bei welchem Thema die Amygdala wie angesprochen wird. Dabei geht das Ingorieren des Risikopotentials häufig mit einer Weltuntergangsstimmung anderer Art einher. Schließt man sich nicht den Panikmachern an, dann hat man halt panische Angst vor den Panikmachern. Hat man nicht Angst for der angeblichen oder tatsächlichen Gefahr (oder a-priori ernst zu nehmenden Gefahrenpotentials, auch wenn es starke Unsicherheiten gibt), hat man stattdessen Angst vor den Gegen- oder auch nur Vorsichtsmaßnahmen, welche die "Panikmacher" fordern oder gar umsetzen. Nachgeradezu panische Angst, möchte man sagen.

Nochmals: Das sehe ich nicht nur hier. Das sehe ich überall. Ich sehe hier auch noch überdurchschnittlich den Geist des liberal-konservativen Abwägens. Doch zunehmend sehe ich willkürliche Absolutismen. Und kurz gefasst: Den Vorwurf Autoritarismus das Wort zu reden und nicht freiheitlich (genug) gesinnt zu sein, kann ich mir auch bei links-progressiven Blogs und Foren abholen, in dem ich mich für verstärkte Einwanderungskontrolle ausspreche.

Zu abstrakt? Hier ein paar konkrete Beispiele:

Ein "entwürdigendes Spucktuch" verpflichtend im ÖPNV? Eine unterträgliche Grundrechtseinschränkung. Freiheit first, Beweise für ein Gefahrenpotential reichen nicht, es muss felsenfest belegt werden, dass eine Apokalypse sonst unvermeidlich ist, sonst handelt es sich um eine unterträgliche Freiheitseinschränkung. Darüber hinaus wird schon die Existenz eines Gefahrenpotentials geleugnet. Nicht genug Beweise für die Aufrechterhaltung der größten Grundrechtseinschränkung seit dem zweiten Weltkrieg.

Geschlossene Grenzen/Einwanderungskontrolle? Ja gerne, nix mit Freiheit zur globalen Freizügigkeit. Plötzlich überall ein Risiko, zumindest gefühlt. Da braucht es keine Beweise, die man aber an allen Enden zu sehen glaubt. Untergang der deutschen Wirtschaft, der Gesellschaft, der Kultur, Verlust der öffentlichen Sicherheit, alles ganz Gefährlich mit eindeutigen Beweisen belegt. Wird kommen. Ganz sicher. Und im übrigen sollten diejenigen das Risiko tragen, die es uns eingehen lassen und haben die Beweispflicht, dass es harmlos ist. Es geht schließlich um unsere Kinder und deren Zukunft!

Und was sind schon die paar Toten im Mittelmehr gegen die Chance durch einen harten Kurs abzuschrecken. Man hatte keine Beweise, das es funktioniert,  aber man wollte es glauben (Spoiler: Funktioniert nicht, die Flüchtlingszahlen korrelieren nicht mit der Härte des Abschreckungskurses, sondern mit der Situation aus den Ländern, aus denen geflohen wird).

Kannabis verbieten? Ja klar, ist gefährlich. Als Einstiegsdroge. Gibt es zwar keinen Beweis dafür, aber die Beweispflicht liegt bei denen, die es freigeben wollen. Ist schließlich ein Risiko, das vorher ausgeschlossen werden muss. Und die Freigabe wird ganz sicher zu mehr Kriminalität führen, auf keinen Fall zu weniger. Und überhaupt, was ist mit den Kindern, deren Konsum wird steigen. Gibt es zwar keine Beweis dafür, aber die Beweispflicht liegt bei denjenigen, die das Risiko eingehen wollen, nicht wahr?

Klimawandel? Alles erstunken und erlogen, irrationale Panikmache. Belege für eine signifikante menschengemachte Komponente werden ignoriert und weggeredet. Stattdessen sollten wir Angst haben vor diesen hinterlistigen Panikmachern und damit sind nicht nur die Politaktivisten gemeint,  die auf der Welle reiten, sondern auch die Klimawissenschaftler. Bekanntlich alles ein korrupter Haufen!

Energiewende? Ganz schlimm, das Ende des Wirtschaftsstandortes Deutschland! Glasklar bewiesen: Siehe Abwanderung der Stahlindustrie. (Nein wirklich, mal ganz ohne Polemik: Das ist tatsächlich eine reale Folge! Sowohl von Llarian sauber theoretisch begründet als auch durch Statistiken und realem Arbeitsplatzverlust belegt. Das non sequitur: Die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gehe verloren. Es ist zwar ein Indiz, dass hier ein Gefahrenpotential liegt, aber ein Beweis für ein unvermeidbare Folge ist es nicht.) Das die Wirtschaft (bis zu Corona) brummte, egal. Wird kommen, ganz sicher. Die Dicke wird singen, in spätestens 15-30 Jahren (interessanter Weise genau die Weltuntergangs-Konstante, die man bei den Klimaaktivisten zurecht kritisiert).

Und komme mir jetzt niemand damit, das Kriterium, bei wem die Beweislast liege, sei, wer den Staatseingriff fordere. Das ist ein bunter Mix. Anti-Corona-Maßnahmen sind staatliche Eingriffe in die Freiheit, genau so wie geschlossene Grenzen, Einwadnerungskontrolle und Canabis-Verbot. Die Selbstgeweisheit, die eigene Angst oder Furchtlosigkeit in Bezug auf eine Gefahr oder Gegenmaßnahme, sei ein Ausfluss liberaler Prinzipien lasse ich nicht gelten. Die Karte zieht man immer dann, wenn es gerade passt. Das tun auch die Grünen! Aber ich sehe diese Phänomen hier genau so. Das wäre in Ordnung - im Rahmen einer liberal-konservativen Abwägung und Kompromissfindung. Die Werte der Freiheit vs. Schutz und Bewahrung des Bestehenden abwägen im Rahmen eine gesitteten Diskussion mit agree-to-disagree-Menatlität, wie sie bei einem Diskussion um Abwägung zwischen Zwei im Konflikt stehenden Werten unabdingbar ist. Nicht ein willkürliches Wechseln zwischen den beiden Extrempolen je nach Thema und emotionaler Reaktion auf dieses (natürlich immer mit absolut sicheren Beweisen für die eigene Position bei gleichzeitigem absoluten Fehlen jedes Indizes, die Gegenseite könnte auch einen Punkt haben).



Techniknörgler

© Techniknörgler. 

8. Mai 2020

Fahrplan-Vorschlag

Im voran gegangen Artikel Zu Vorhersagen a priori und a posteriori habe ich einige allgemeine Bemerkungen zur Bewertung von Vorhersagen getroffen. Vor allem aber habe ich auf die große Unsicherheit verwiesen. Diese berücksichtigend möchte ich nun meinen Vorschlag für einen Fahrplan kund tun, denn andere zu kritisieren ist einfach, solange man selber keine konstruktiven Gegenvorschläge unterbreitet.
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Ich beschränke mich hier auf eine Auflistung der Maßnahmen, die mE von staatlicher Seite verbindlich vorgeschrieben werden sollten. Entsprechend wirkt meine Auflistung der Form nach wie ein (juristisch nicht sauber formulierter Entwurf) einer Allgemeinverfügung. Alles andere sollte entsprechend freigegeben werden. Darüber hinaus gibt es natürlich zu empfehlende Beschränkungen des sozialen Kontaktes, für die es Faustregeln geben kann, bei deren Einhaltung man aber nur an die Vernunft der Bürger appellieren sollte, da es sich um den (ohne ans autoritäre grenzende Maßnahmen) nur sehr schwer zu überwachenden Privatbereich der Bürger handelt. Ein Beispiel wäre die Faustregel sich in einem bestimmten Zeitraum nur mit Personen aus ein und dem selben anderen Haushalt privat zu treffen und nicht jeden Tag mit Leuten aus unterschiedlichen Haushalten.

Am schwierigsten dürfte vermutlich die von mir vorgeschlagene Dokumentation des Besuches bestimmter Einrichtungen umzusetzen sein, da im datenschutzfixierten Deutschland eher Shutdown alle Einzelhändler umzusetzen ist, als eine dezentrale, kurzfristige Datensammlung, die evt. sogar nur auf absolut nicht-digitalem Papier erfolgt. Dabei ist dies bei Lichte betrachtet die deutlich mildere Maßnahme, die einem Gleichzeitig bei der Verfolgung von Infektionsketten hilft, sollte sich die Corona-Pandemie doch als schwerwiegender und vor allem nicht ausgestanden erweisen. Es handelt sich also also um ein Sicherungsseil gegen einen erstaunlich geringen Preis, falls die Lockerung doch voreilig war. Einige weitere Einschränkungen noch ein oder zwei Wochen aufrecht zu erhalten dient u.a. auch der Vorbereitung darauf, entsprechende Gästelisten zu führen. Bekanntlich braucht so etwas in Deutschland ja alles einen Vorlauf.

Aber nun die Auflistung der mE aufrecht zu erhaltenden Maßnahmen.

Maßnahmen

A) Auf unbestimmte Zeit sollten folgende Maßnahmen in Kraft bleiben:
  1. Großveranstaltungen mit mehr als 300 Teilnehmern bleiben untersagt.
  2. In öffentlichen Verkehrsmitteln besteht eine Pflicht zum Verdecken von Mund und Nase.
  3. In allen Betrieben und allen öffentlich zugänglichen Einrichtungen ist wenn möglich und für den Betrieb (z.B. wirtschaftlich) zumutbar ein Mindestabstand von 1,5 bis 2 m einzuhalten oder eine Verdeckung von Mund und Nase zu tragen.
  4. Auf allen Verkaufsflächen (ob in geschlossenen Räumen oder unter freiem Himmel) sowie öffentlich zugänglichen Geschäftsräumen ist ein Mindestabstand von 1,5 bis 2 m einzuhalten, sofern kein anderweitiger Schutz vor Infektionen besteht. 
  5. Die Anzahl der sich gleichzeitig in öffentlich zugänglichen Geschäftsräumen (inkl. Verkaufsflächen) aufhaltenden Personen ist zu beschränken. Die Höchstzahl pro Fläche wird vom lokalen Gesundheitsamt nach Maßgabe der aktuellen Lage festgelegt.
  6. Öffentliche Tanzveranstaltungen mit Alkoholausschank sind untersagt.
  7. In Hallenbädern, Saunen, Sporteinrichtungen in geschlossenen Räumen sowie  auf Tanzveranstaltungen ist sowohl die Anzahl an Gleichzeitig pro Fläche anwesenden Personen zu begrenzen, als auch eine Liste aller Anwesenden zu führen, die Name, Anschrift und nach Möglichkeit eine elektronische Kontaktmöglichkeit erhält, welche 6 Wochen aufzubewahren ist (um eine Verfolgung der Infektionsketten durch die Gesundheitsbehörden zu ermöglichen, welche als einzige und nur dann Zugriff erhalten, falls eine meldepflichtige Infektionskrankheit bei einem Gast festgestellt oder begründet vermutet wird)
  8. Dienstleistungen mit großem Körperkontakt sind nur nach vorherigem Termin zulässig sowie nach Eintragung in eine Liste in Analogie zu Punkt 7.
  9. Besuche von mehr als einer Person am Tag für einen Bewohner eines Alten- und Pflegeheimes sind unzulässig und auch diese nur nach Eintragung in eine Liste in Analogie zu Punkt 7. Weitere Einschränkungen des Besuchsrecht werden nach Ermessen des lokalen Gesundheitsamtes festgelegt.
B) Bis einschließlich 6. Juni sind zu untersagen

  1. Besuche in Alten- und Pflegeheimen (Ausnahmen nach Ermessen des örtlichen Gesundheitsamtes möglich) (und ja, absichtlich so gelegt, das Pfingsten da noch mit rein fällt),
  2. der Ausschank von Alkohol über eine Höchstgrenze von bis zu 0,5 l Bier und 0,2 l Wein pro Gast nach 18 Uhr,
  3. öffentliche Tanzveranstaltungen, Konzerte und Public Viewings,
  4. Tanzveranstaltungen mit mehr als 10 Teilnehmern in geschlossenen Räumen sowie
  5. öffentliche Freizeitveranstaltungen bei denen der Mindestabstand von 1,5 bis 2 m nicht eingehalten werden kann, sofern sie in geschlossenen Räumen stattfinden oder mehr als 20 Teilnehmer aufweisen

C) Bis einschließlich 25. Mai sind 

  1. zu schließen: Kinos, Theater, Hallenbäder, Saunen sowie Sporteinrichtungen in geschlossenen Räumen
  2. untersagt: gastronomische Dienstleistungen nach 18 Uhr in geschlossenen Räumen (außer Bestellungen zum Mitnehmen) sowie Dienstleistungen mit großen Köperkontakt außer Friseure unter Einhaltung entsprechender Hygiene- und Mindeststandards.
  3. in geschlossenen, öffentlich zugänglichen Geschäftsräumen sind Mund und Nase zu verdecken.
D) Bis einschließlich 18. Mai sind zu schließen:

  1. Schwimmbäder (Hallen- wie Freibäder) und Saunen
  2. Sporteinrichtungen und Sportplätze
  3. Kitas, Kindergärten und Grundschulen (außer Notbetreuung)
  4. weiterführenden Schulen für die Jahrgänge bis zur 9. Klasse
E) Falls vom RKI für notwendig erachtet sind vom 29. Mai bis einschließlich 1. Juni Reisen außerhalb des Kreises oder der kreisfreien Stadt des Wohnortes, außer falls beruflich, gesundheitlich oder anderweitig zwingend notwendig, zu untersagen.

F) Die Maßnehmen sind in einem Kreis, einer Gemeinde oder kreisfreien Stadt wieder zu verschärfen, wenn mehr als 35 neue Infektionen pro 100.000 Einwohner ohne Berücksichtigung von Alten- und Pflegeheimen oder 50 neue Infektionen pro 100.000 Einwohne insgesamt festgestellt wurden. Dabei sind mindestens die Maßnahmen nach Punkt B und C  für mindestens 3 Wochen zu ergreifen. Weitere Maßnahmen sind nach Ermessen des lokalen Gesundheitsamtes zu ergreifen.


G) Die Maßnahmen auf unbestimmte Zeit nach Punkt A sind aufrecht zu erhalten bis
  1. mindestens 3 Monate ohne eine Verschärfung nach Punkt F im selben Bundesland verstrichen sind
  2. mindestens 2 Monate ohne eine Verschärfung nach Punkt F im Bundesgebiet verstrichen sind und
  3. nach Rücksprache und Einholung von Expertenmeinungen durch das RKI selbiges das Risiko einer weiteren Welle trotz Aufhebung der Maßnahmen für gering einschätzt.

Die Maßnahmen sind jedoch bundesweit wieder in Kraft zu setzen, sollte eine einem Kreis, einer Gemeinde oder kreisfreien Stadt wieder eine Verschärfung nach Punkt F notwendig sein. Die Maßnahme nach Punkt A 1 (Verbot von Großveranstaltungen) sollte bis mindestens 30. November in Kraft bleiben, die Maßnahme nach Punkt A 2 (Mund- und Nasenabdeckung in öffentlichen Verkehrsmitteln) ist in diesem Jahr auf jeden Fall vom 1. Oktober bis 30. November anzuwenden.
Techniknörgler

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Zu Vorhersagen a priori und a posteriori

Groß ist der Graben zwischen den unterschiedlichen Lagern in der Corona-Krise. Die einen sagen (überspitzt oder vielleicht nicht einmal das) es sei nur wie eine Grippe zu bewerten, die Bezeichnung Pandemie sei übertrieben und in Anführungsstriche zu setzen sowie alle Maßnahmen überflüssig und nutzlos (außer vielleicht die Absage von Großveranstaltungen). Das geht häufig mit einer enormen emotionalen Abneigung gegen den Mund-Nasen-Schutz einher, der nur ein "entwürdigendes Spucktuch" oder ein "Staatsknebel" sei, damit Merkel ihr Gesicht wahren könne. Die anderen sagen, jegliche Lockerung sei ein Fehler, käme mindesten 3 Wochen zu früh und der Lockdown sowie andere staatliche Maßnahmen seien absolut notwendig, angemessen und wirksam, um den noch am Anfang stehenden exponentiellen Anstieg zu unterbinden. Ohne diese harten Maßnahmen drohe uns ein Desaster wie in Italien, Spanien oder New York, ein Abrücken von den Maßnahmen gefährde also auf unverantwortliche Weise Menschenleben.

Wahrscheinlicher ist ein Szenario in der Mitte, wonach einige Maßnahmen unabdingbar sind, um ein Desaster zu verhindern, andere sinnvoll, wieder andere einen geringen Nutzen haben, der aber außer Verhältnis steht, sowie schlussendlich andere wiederum vollkommen  nutzlos sind. Letztere Sichtweise wird mit dem Konzept des "Tanzes" nach dem "Hammer" (wie im viral gegangen Artikel "Coronavirus: The Hammer and the Dance" beschrieben, deutsche Übersetzung hier) assoziiert, kann aber auch mit der Sichtweise einhergehen, der "Hammer" (Lockdown) sei nicht notwendig oder gar total nutzlos gewesen, der "Tanz" jedoch sinnvoll bis unabdingbar (und hätte schon deutlich vor dem März beginnen sollen).

Wunderbar wurden diese drei Sichtweisen vom Spieltheortikers Prof. Rieck in seinem sehenswerten Youtube-Video "Drei mathematische Wege aus der Krise: Reproduktionszahl und politische Ansichten" in Bezug auf die Interpretation des zugrunde liegenden mathematischen Modells dargestellt und analysiert.

Vor allem aber gilt: Wir wissen es nicht (mit Sicherheit) und hinterher ist man immer schlauer. Oder wie Danisch es so schön auf den Punkt gebracht hat: 

Ich habe mich da insoweit am Zügel, dass ich nur wettere, wenn ich das mit demselben Wissensstand als falsch erkennen kann, wenn also eine a priori-Entscheidung auch a priori falsch aussieht. Aber ich werde nicht den Fehler machen, a posteriori die a priori-Entscheidung zu verurteilen, weil ich hinterher schlauer bin als die anderen vorher.
(Quelle: "Ein Systemling?" von Hadmut Danisch am 12.04.2020)

Hinterher werden aber auch diejenigen, die es im Vorhinein nicht besser wissen konnten, aber gut spekuliert und geraten haben, behaupten, ihre Vorhersage ginge aus den schon a priori verfügbaren Statistiken und Erfahrungsberichten hervor, auch wenn es doch nur Spekulation war und die a priori unwahrscheinlichere Vorhersage. Viele unserer Meinungen sind emotional geprägt und von unseren Weltbildern, subjektiven Erfahrungen, Wünschen, Sorgen und Ängsten abhängig und wir sind gut darin, unsere Vorstellungen zu rationalisieren und als angeblich nahe liegende Schlussfolgerung aus den Daten heraus zu lesen. Behält man dann tatsächlich recht, obwohl a priori das unwahrscheinlichere Szenario, sieht man sich darin bestätigt, man hätte die Vorhersage rational aus den Daten getroffen (und jeder andere hätte das auch tun könne, wären die nur nicht so verblendet gewesen). Auch dann, wenn bei nüchterner Betrachtung durch die Mehrzahl der Fachleute, eine andere Interpretation die Wahrscheinlichere war und sich lediglich a posteriori als falsch heraus stellt. Das ist auch immer möglich, denn "wahrscheinlicher" heißt nicht sicher und es wird immer eine signifikante Anzahl an Ereignissen geben, welche nicht den wahrscheinlicheren Ausgang einnehmen.


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Spiele ohne Regeln

Wer mit kleinen Kindern Spiele spielt, deren Regeln nicht von vorneherein festgelegt sind, wird schnell die Erfahrung machen, dass er das Spiel nicht gewinnen wird. Weil das Kind, so es frei ist die Regeln zu ändern, dies immer so tun wird, dass es zu seinem Vorteil ist. David Zucker hat diese Beobachtung schon vor Jahren zu einer ganz netten Komödie (Basekettball) verarbeitet und natürlich auf die Spitze getrieben, so dass das entstehende Spiel danach recht absurden Regeln folgt.