9. Juni 2020

Lord Dunsany, "Die Straßenräuber" (1908)

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(Ill. Sidney H. Sime, aus: The Sword of Welleran and Other Stories, London: George Allen & Sons, 1908)

Tom o' the Roads hatte seinen letzten Ritt getan, und fand sich mutterseelenallein in der Nacht. Von dort, wo er sich befand, hätte ein Beobachter einen guten Blick auf die weißen, runden Rücken der Schafe werfen können, die auf den Wiesen ruhten, und die dunklen Umrisse der einsamen Hügel, und die feinen grauen Umrisse der einsameren Hügel dahinter, und in den schwarzen Tälern tief unter sich hätte er den Rauch aus den Schornsteinen der Häuser im Wind davontreiben sehen. Aber den Augen Toms war alles schwarz, und seine Ohren vernahmen nur ewige Stille, und nur seine Seele bemühte sich noch schwach, die eisernen Ketten zu sprengen, die sie in Bann hielten und nach Süden zum Paradies aufzubrechen. Und der Wind blies ohne Unterlaß.

Denn Tom konnte in dieser Nacht nur noch auf dem eisigen Nachtwind reiten. Sein treuer Rappen war ihm an dem Tag genommen worden, als die Häscher ihm auch die grünen Felder und den freien Himmel, die Stimmen der Männer und das Lachen der Frauen nahmen und ihn in Ketten geschlagen hatten, auf daß er für immer dem Wind als Spielzeug dienen sollte. Und der Wind wehte ohne Unterlaß.

Aber die Seele von Tom, dem Sohn der freien Wege, war durch die eisernen Ketten in Bann geschlagen, und bei jedem Versuch, sich zu befreien, trieb ihn der Wind, der vom Paradies her bläst, wieder in die grausamen Fesseln. Und während er er sich hin und her drehte, fielen die alten Flüche von seinen Lippen, und die Schmähungen, mit denen er Gott bedacht hatte, rollten über seine Zunge, und böse alte Verlangen ließen sein Herz verwesen, und von seinen Fingern tropften die Flecken, die böse Taten hinterlassen hatten und fielen zu Boden und wucherten dort in bleichen Flecken und Ringen. Und als diese Sünden verronnen und ausgetrocknet waren, da war Toms Seele wieder rein, so wie sie war, als er zum ersten Mal die Liebe kennengelernt hatte (es war vor langer Zeit gewesen, in einem Frühling) und sie schwang im Wind hin und her mit Toms Knochen, und mit seinem alten löchrigen Mantel und den rostigen Ketten.

Und der Wind wehte ohne Unterlaß.



Und dann und wann schwebten die Seelen der Verstorbenen und rechtmäßig Begrabenen, die sich aus ihrer geweihten Erde erhoben, an ihm vorbei, gegen den Wind, der vom Paradies her weht, vorbei am Galgenbaum und vorbei an der Seele Toms, die in Bann geschlagen war.

Nacht für Nacht sah Tom aus den leeren Augenhöhlen die Schafe auf den Hügeln unter sich, bis sein Haar wuchs und sein totes Gesicht bedeckte und die Schafe vor seinem Blick verbarg. Und der Wind wehte ohne Unterlaß.

Mitunter brachte der Wind verlorene Tränen, die jemand geweint hatte, und sie netzten die eisernen Ketten. Aber der Rost, der sie überzog, konnte sie nicht sprengen. Und der Wind blies ohne Unterlaß.

Und an jedem Abend sammelten sich alle Gedanken, die Tom in seinem Leben geäußert hatte, flatternd im Geäst des Galgenbaums, nachdem ihr Werk verrichtet hatten, das niemals ein Ende findet, und zwitscherten zu der Seele, die in Fesseln geschlagen war. Jeder Gedanke, den er ausgesprochen hatte! Und die schlechten Gedanken verfluchten die Seele, die sie geboren hatte, weil sie nicht vergehen konnten. Und die, die er am beiläufigsten dahergeredet hatte, tschilpten am schrillsten und lautesten im nächtlichen Gezweig.

Und all die Gedanken, die Tom je über sich selbst gedacht hatte, lachen über seine modernden Knochen und über seinen alten, zerrissenen Mantel. Aber die Gedanken, mit denen er andere bedacht hatte, waren der einzige Trost, den seine Seele finden konnte, während sie in der Nacht hin und her baumelte. Und sie zwitscherten der Seele zu, dem armen hilflosen Ding, das keine Träume mehr kannte, bis ein tödlicher Gedanke sie allesamt verscheuchte.

Und der Wind wehte in einem fort, ohne Unterlaß.

Paul, der Erzbischof von Alois und Vayence, ruhte in seiner weißen Marmorgruft, die nach Süden zum Paradies hin ausgerichtet war. Und über seiner Grablege erhob sich das Kreuz Christi, in Stein gemeißelt, um seiner Seele Frieden zu schenken. Dort stöhnte kein Nachtwind in den einsamen Baumwipfeln; dort wehte eine sanfte Brose, schwer vom Blütenduft aus den Obsthainen, die aus dem Süden vom Paradies her blies, und spielte mit dem Gras und den Vergißmeinneicfundenht auf dem geweihten Boden, wo die, die Gnade gefunden hatten, rund um das Grabmahl von Paul, dem Erzbischof von Aloiss und Vayence, ruhten. Es war ein Leichtes für eine Menschenseele, aus einer solchen Grablege emporzusteigen, und tief über die Felder dahinzuschweben, die sie einst so gut gekannt hatte, und endlich zu den Toren des Paradieses zu gelangen und den ewigen Frieden zu fiinden.

Und der Wind blies ohne nachzulassen.

In einer Schenke von zweifelhaften Ruf schlabberten drei Männer Gin. Ihre Namen lauteten Joe und Will und Puglioni (der dem fahrenden Volk angehörte). Sie besaßen keine weiteren Namen, denn sie wußten nicht, wer ihre Väter gewesen waren, von denen sie nur finstere Gerüchte vernommen hatten.

Die Sünde hatte ihre Gesichter mit ihren Klauen liebkost und gezeichnet, aber das Antlitz Puglionis hatte die Sünde auf den Mund und die Wangen geküßt und entstellt. Der Raub war ihr täglich Brot und der Mord ihr Zeitvertreib. Alle drei hatten sie sich redlich die Trauer Gottes und die Feindschaft der Menschen erworben. Sie saßen am Tisch und spielten Karten, die speckig von Betrügerzinken und den Nagelkniffen waren, mit denen Spielkarten markiert werden. Und sie unterhielten sich im Flüsterton, so daß der Wirt am anderen Ende des Schankraums nur gedämpfte Flüche vernahm und nicht wußte, in wessen Namen sie fluchten und was sie besprachen.

Diese drei waren die treuesten Freunde, die auf Erden zu finden waren. Und derjenige, dem ihre Freundschaft galt, besaß nichts weiter mehr, außer den Knochen, mit denen der Wind und der Regen spielten und einen zerrissenen alten Mantel und eiserne Ketten und eine Seele, die in Bann geschlagen war.

Aber als die Nacht fortschritt, ließen diese drei Freunde ihren Gin stehen und stahlen sich davon, und schlichen zu dem Gottesacker, wo Paul, Erzbischof von Alois und Vayence, in seiner Gruft ruhte. Am Rand des Friedhofs, dort, wo der Boden noch nicht geweiht war, hoben sie hastig ein Grab aus. Zwei von ihnen schaufelten, während der dritte Wache hielt im Wind und im Regen. Und die Würmer, die sich in der ungesegneten Erde krümmten, wunderten sich und warteten.

Und die finstere Stunde der Mitternacht näherte mit ihren Schrecken, und fand sie noch dabei, wie sie neben dem Friedhof geschäftig waren. Und die drei Freunde schauderten beim Gedanken, diese Stunde an solch einem Ort zu verbringen, und erzitterten im Wind und im Regen, und setzten ihr Werk fort. Und der Wind blies, ohne Unterlaß.

Bald war ihre Arbeit getan. Und sie machten sich davon und ließen das Grab hungrig und die Würmer ungefüttert zurück, und schlichen vorsichtig, aber eilig über die nassen Felder, während der Friedhof hinter ihnen im mitternächtlichen Dunkel zurückblieb.  Alle drei zitterten sie vor Kälte und fluchten laut. Schließlich gelangten sie zu der Stelle, an der sie eine Leiter und eine Laterne verborgen hatten. Dort beratschlagten sie lange, ob sie die Laterne entzünden sollten oder nicht, um nicht den Wächtern des Königs in die Hände zu fallen. Schließlich entschieden sie, daß es besser wäre, daß ihnen das Licht den Weg erhellen sollte, auch auf das Risiko hin, von den Häschern geschnappt und gehängt zu werden, als unverhofft im Finstern auf etwas zu treffen, das nach Mitternacht an Richtstätten sein Unwesen treibt.

Auf dreien der Straßen Englands, die für gewöhnlich des nachts nicht sicher sind, blieben Reisende in dieser Nacht unbehelligt. Aber unsere drei Freunde näherten sich auf der Landstraße dem Galgenbaum, und Will trug die Laterne und Joe die Leiter, aber Puglioni hatte ein Schwert bei sich für die Arbeit, die verrichtet werden mußte. Als sie näherkamen, sahen sie, wie schlecht es um Tom stand, denn von seiner beeindruckenden Gestalt war wenig geblieben, und nichts war geblieben von seinem Wesen - außer daß sie beim Näherkommen glaubten, ein leises Winseln zu vernehmen, wie von etwas, das gefangen und eingepfercht ist.

Hin und her baumelten die Gebeine und die Seele Toms im Wind, hin und her, als Lohn für die Sünden, die er auf den Landstraßen auf sich geladen hatte, auf denen das Gesetz des Königs galt. Und durch die Schatten, im Licht einer Laterne und unter Gefahr ihres Lebens kamen die drei Freunde, die diese Seele für sich gewonnen hatte, bevor sie in Ketten gelegt wurde. Und auf diese Weise war aus dem, was Toms Seele ihr Lebtag lang gesät hatte, ein Galgenbaum gewachsen, der zur Erntezeit eiserne Ketten trug, während die sorglose Saat, die er achtlos verstreut hatte - ein paar Scherze, ein paar freundliche Worte - zur dreifachen Freundschaft aufgegangen war, die seine Knochen nicht im Stich ließ.

Dann lehnten die drei ihre Leiter gegen den Baum, und Puglioni stieg mit seinem Schwert in der Rechten nach oben. Und als er an der Spitze der Leiter angelangt war, griff er nach oben und fing an, auf den eisernen Halsring über sich einzuschlagen. Bald danach stürzten Toms Knochen und der alte Mantel und die Seele Toms in die Tiefe, und der Schädel, der so lange allein und blind die Welt geschaut hatte, folgte nach. Will und Joe sammelten all dies auf, und Puglioni stieg eilends die Leiter hinab, und sie packten den Mantelsack mit den grausigen Relikten ihres Freundes darauf und eilten durch den Regen davon, mit der Furcht vor Gespenstern hinter sich im Herzen und der furchtbaren Last auf der Leiter, die sie trugen, zwischen sich. Um zwei Uhr waren sie zurück im Tal und vor dem schneidenden Wind geschützt, aber sie blieben nicht am offenen Grab stehen, sondern betraten den Gottesacker und gingen zwischen den Gräbern hindurch mit ihrer Laterne und der Leiter und der grausigen Last darauf, der ihre Freundschaft immer noch galt. Und die drei, die das Gesetz um sein rechtmäßiges Opfer betrogen hatten, fügten um ihres alten Freundes willlen ihrem Sündenkonto einen weiteren Posten hinzu und hebelten die Marmorplatten in der Grablege von Paul, dem Erzbischof von Alois und Vayence, auf. Und sie holten die Gebeine des Erzbischofs heraus und trugen sie zu dem Grab, das sie geschaufelt hatten, und häuften die Erde darüber. Aber alles, was auf der Leiter lag, legten sie in das große weiße Grab unter dem Kreuz Christi, und setzten die Marmortafeln wieder an ihre Stelle.

Und von da stieg die Seele Toms aus der geweihten Erde auf, als der Morgen anbrach, schwebte das Tal entlang, verweilte ein wenig bei ihrem Elternhaus und an den Stellen, an denen sie ihre Kindheit verbracht hatte, ließ sie hinter sich und gelangte zu den weiten Ebenen, die sich hinter den engen Dörfern auftun. Und dort traf sie auf all die guten und freundlichen Gedanken, die Toms Seele im Leben in die Welt gesät hatte, und sie flogen gen Süden, singend, bis sie schließlich zum Paradies gelangten.

Aber Will und Joe und Puglioni (der dem fahrenden Volk angehörte), kehrten zu ihrem Gin zurück, und raubten und betrogen in der Taverne mit ihrem zweifelhaften Ruf, und erfuhren nie, daß sie in ihrem ganzen sündigen Leben eine Sünde begangen hatten, die den Engeln ein Lächeln abnötigte.

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"The Highwaymen" ist die zweite Erzählung Dunsanys, die außerhalb ihrer Buchveröffentlichung in einem Periodikum erschien. Sie wurde zuerst in The Neolith veröffentlicht, einem kleinen Literaturmagazin, das Edith Nesbit (1858-1924, und heutigen Lesern als Autorin zahlreicher klassischer englischer Kinderbücher wie The Railway Children und Five Children and It bekannt) ab dem November 1907 im vierteljährlichen Turnus herausbrachte und das es bis zum folgenden August auf vier Nummern brachte. Der kleine Text erschien in der zweiten Ausgabe vom Februar 1908 (neben zwei Erzählungen von Lawrence Housman und Robert Hugh Benson, zwei weiteren Kleinmeistern des englischen Fin de siècle, und Andrew Langs Aufsatz "Neolithic Decadence") und in Buchform im Oktober des gleichen Jahres in Dunsanys drittem Erzählungsband, The Sword of Welleran and Other Stories im Londoner Verlag George Allen & Sons. Simes Illustration ist für diese Buchveröffentlichung entstanden.



U.E.

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