29. Februar 2020

Darauf ein Corona.

Das Stakato der Medienöffentlichkeit der letzten Woche ist inzwischen derart konfus und durcheinander, dass sich dieser Autor nicht der Chance berauben möchte, mindestens ebenso konfus und halbgebildet seinen Senf zur anstehenden Zombie-Apokalypse abzugeben. Daher an dieser Stelle eine Reihe von Thesen, Halbwahrheiten und vielleicht auch Erkenntnissen zu den letzten Entwicklungen oder Nichtentwicklungen in Sachen Corona.


- Das "Krisenmanagement" der derzeitigen Regierung ist überraschend. Nicht einmal dieser Autor, dessen Erwartungen schon reichlich tief liegen, hätte damit gerechnet ein solches Totalversagen derart offen zur Schau gestellt zu sehen. Man muss sich ernsthaft fragen wie die wesentlichen Protagonisten es morgens bewältigen ihre Schnürsenkel erfolgreich zuzubinden. Das Virus selber und seine vergleichsweise hohe Übertragungsgeschwindigkeit ist bereits seit einigen Wochen bekannt. Nicht einmal das absolut kompetente China war bis dato in der Lage das Ding ernsthaft einzudämmen. Stattdessen wurde der deutsche Markt an Schutzkleidung und Atemmasken nahezu leer gefegt. Reaktion der Regierung: Gar keine. Vorbereitung: Keine. Maßnahmen: Null. Dann, nachdem man in Bayern noch mit einem blauen Auge davon kam, plötzlich der Merkel-Fall in NRW: "Jetzt isser halt da". Schön hier auch die Unterschiede zwischen Bayern und NRW: Während man in Bayern sowohl den Patienten Null als auch die von ihm Infizierten schnell identifizierte und isolierte, lies man in NRW die Dinge erst einmal laufen. Schulen und Kindergärten schließen? Nein, das wäre übertrieben (inzwischen nachgeholt). Dann hatte man plötzlich über ein Dutzend Infizierte. Isolieren? Ja, aber zuhause. Das muss man sich auch klar machen: Während in China die Menschen zu tausenden(!) isoliert werden, ist NRW nicht willens auch nur 14 als infiziert bekannte Menschen ernsthaft zu isolieren sondern vertraut erst einmal auf das Gute im Menschen. Inzwischen sind nahezu 1000 Menschen in Heimisolation. Ob die sich daran halten? Juckt das wen?
Als Merkels Gäste kamen war man aus dem Stand in der Lage zehntausende von Menschen unterzubringen, baute Containerdörfer in wenigen Tagen. Aber die Wochen nutzen, seitdem klar wurde, dass selbst China es nicht schafft? Nein, da redet man lieber über Haltung und den neuen Chef der CDU. Jens Spahn, der vermutlich mit den derzeit wichtigsten Job in diesem Land inne hat, seit es Gesundheitsminister gibt, beschäftigt sich lieber mit seinem zukünftigen Wunschjob als zweiter Chef der CDU. Seine Leistung in der ganzen Angelegenheit bis dato: Null. 

- Überhaupt hört man von der Kanzlerette erstaunlich wenig.Vielleicht arbeitet sie gerade daran den Virus rückgängig zu machen (dumm nur, dass er nicht von der FDP stammt). Oder sie wollte es mit "Wir schaffen das" probieren, aber selbst ihr Regierungssprecher hat sich geweigert das mitzumachen. Real betrachtet sitzt sie wohl zuhause und studiert die Zeitung, um zu sehen wo die Stimmung hingeht, um genau das als ihre Meinung zu verkaufen (business as usual). Auch von Steinmeier ist wenig zu vernehmen, vielleicht vermittelt er irgendwo die richtige Haltung zum Virus und arbeitet noch daran. Hier auch ein Unterschied zum permanent gescholtenen Donald Trump, der selbstverständlich weiterhin seine Meinung laut raus twittert. Das muss nicht richtig sein, aber der amerikanische Bürger sieht deutlich mehr von seiner Führung. 

- Die Presse kann sich noch nicht so recht entscheiden zwischen Panikmache und falschen Beruhigungspillen. Einerseits werden einzelne Todesfälle und Zahlen mit großer Exegese vorgetragen, andererseits versucht man zu beschwichtigen und zu verharmlosen. Besonders schön in diesem Zusammenhang immer der Hinweis auf den scheinbar so dummen Bürger. Der beispielsweise Atemmasken kauft, weil die ja so unwirksam sind. Natürlich sind die wirksam. Jeder Idiot kann sich überlegen, dass ein Virus, der im Vlies hängt einer ist, der nicht in die Lunge gerät. Es sind nur eben nicht genug Masken da, schon gar nicht die mit Filterklasse 3. Man will nur nicht unbedingt Panik schüren. Was verständlich ist, aber falsche Beschwichtigungen erreichen eher das Gegenteil. Hier rächt sich auch ein bischen, wenn der Seitenhieb gestattet sei, der Pressecodex und die Berichterstattung der letzten Jahre. Selbst der westdeutsche Michel hat, analog zu seinem ostdeutschen Pendant, inzwischen gelernt zwischen den Zeilen zu lesen. Oder simpel gesagt: Er glaubt den Hanseln ad hoc erst einmal kein Wort mehr. Ein weiteres schönes Beispiel für dieses Doppelschreib (analog zum Doppeldenk) ist dann der Hinweis auf die überall ausverkauften Desinfektionsmittel. Was ja auch ganz dumm und unwirksam ist. Nur: Gleichzeitig darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, sich oft und regelmäßig die Hände zu waschen, kommt an der Stelle seltsam rüber. 

- Überhaupt ist der Michel ziemlich alleine. Denn seine hautnahen Probleme werden nicht einmal adressiert. Was bedeutet das für mich? Wenn alle meine Nachbarn hamstern (und nein, die hören damit nicht morgen auf, weil das neue Süddeutschland das alles doof findet), wie sieht die Versorgungslage eigentlich wirklich morgen aus? Bekomme ich auf absehbare Zeit noch Desinfektion? Oder einen Mundschutz? Was ist mit Antibiotika? Regierung? Presse? Schweigen.

- Globalisierung ist ja das Mantra der Neuzeit. Unausweichlich. Alternativlos. Und nicht aufzuhalten. Und für alle positiv (naja, nicht für ganz alle, dass ab und zu mal ein "basket of deplorables" die Verlierer sind, ist so ein kleiner Nebeneffekt). Aber gerade durch Corona zeigt sich doch, wie verheerend die Folgen einer solch massiven Arbeitsteilung sein können. Hat jemand mal früher drüber nachgedacht, was es wirklich bedeutet, wenn ein Land keine Antibiotika mehr bekommt? Was es bedeutet, wenn der Zustrom von chinesischer Elektronik ausfällt? Man liest in der Presse China sei die Apotheke der Welt. Aber wie kann das sein?

- Und was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft? Entgegen dem Hurra-Schreien von Spargel, dem neuen Süddeutschland oder der Zeit ist die wirtschaftliche Lage des Landes eben nicht allzu dolle, im Gegenteil. Man hat jahrelang ein massives Strohfeuer mit den deutschen Ersparnissen und Rücklagen der letzten 50 Jahre veranstaltet und im Wesentlichen Kapital exportiert. Doch statt sich darüber bewusst zu sein, dass jedes Strohfeuer einmal endet hat der Staat und vor allem seine Ausgaben sich massiv vergrößert. Was ist, wenn jetzt der Wirtschaftseinbruch kommt und man eben keine Kohle mehr hat, um das aufzufangen? Corona hat bereits jetzt zu einem Börsenwerteverlust von sieben Billionen weltweit geführt, alleine der DAX ist um mehr als 15% gefallen. Und wir stehen noch am Anfang der Pandemie. Ist das das Signal für das Ende der Party?

- Der Corona-Virus ist sicher kein harmloses Exemplar. Nach jetzigem Stand hat er eine Letalität von um ein bis zwei Prozent. Das ist nicht wenig. Wer sich mal die Freude macht darf gerne ausrechnen, was das alleine für seine Stadt bedeutet. Die Letalität liegt damit immer noch einen Faktor 10 bis 20 über der "normalen" Grippe (gegen die man nebenbei impfen kann). Nur: Bei aller Übelkeit, das geht schon deutlich schlimmer. Es gibt Ebola-Stämme mit einer Letalität von gut 50%. Was würde das erst bedeuten? Wir beschäftigen uns als Land mit allerhand Phantomproblemen vom Feinstaub bis zum Bienensterben, aber was ist, wenn mal was wirklich massiv boshaftes ausbricht?

- Und von all dem ab wird sich die Situation in ein paar Wochen beruhigen. Nicht weil es aufhört (im Gegenteil) sondern weil die Gewöhnung einsetzt. Was soll man machen? Für die nächsten paar Jahre alle sozialen Kontakte einschränken? Kein Schwimmbad mehr besuchen? Schulen geschlossen halten? Das ist am Ende alles Mumpitz. Ja, es werden viele Menschen sterben, vor allem (sorry an einige Leser) ältere Männer mit Lungenproblemen. Aber das Leben wird sich wieder normalisieren. Die Zombie-Apokalypse fällt dieses mal noch aus.


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Llarian

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