20.3.13

Setzen, sechs! Wie deutsche Bildungspolitik Gescheiterte produziert



 

 

 

 

 

 

Nach Hamburg plant nun auch die frisch gewählte rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen, das Sitzenbleiben an den meisten Schulen abzuschaffen. Spiegel online zitiert die seinerzeit noch designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) mit den Worten:

An integrierten Gesamtschulen gibt es in Niedersachen schon jetzt kein Sitzenbleiben - durchaus mit Erfolg: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt", sagte Heiligenstadt. "Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können."
Nun müsste man natürlich zunächst einmal fragen, inwiefern eine niedrige Schulabbrecherquote mit guter Lernleistung korrespondiert und ob der zitierte „Erfolg“ sich auch in Form besserer Vorbereitung auf das und größerem Erfolg im Berufsleben zeigt. Dieser Frage möchte ich mich im Folgenden nähern.




Als ein Argument gegen das Sitzenbleiben führen die Kritiker die angeblichen Kosten des Sitzenbleibens für den Staat in Höhe von 1 Mrd. Euro an. Nun, hier in NRW wird gerade mal wieder eine Schulreform durchgeführt. Die wievielte das ist, weiß ich nicht, aber es waren ihrer viele in den vergangenen Jahrzehnten. Jede dieser Schulreformen muss geplant, implementiert und evaluiert werden – wobei bisher offenbar jede Evaluation der jeweils letzten Schulreform ergeben haben muss, dass weiterer Reformbedarf besteht. Anders ist die Reformitis der vergangenen Jahrzehnte, insbesondere in sozialdemokratisch regierten Bundesländern, wohl nicht zu erklären. Was kostet das eigentlich den Staat? Belastbare Zahlen hierzu habe ich leider nicht gefunden.

Bemerkenswert ist das Menschenbild, das die Reformpädagogen umzutreiben scheint: Der Mensch sei von Geburt an eine „Tabula Rasa“, ein unbeschriebenes Blatt. Es gäbe keine angeborenen Begabungsunterschiede, keine Temperaments- und motivationalen Unterschiede, die nicht durch geeignete pädagogische Interventionen zu korrigieren wären. Jeder kann alles lernen, wenn er nur genügend gefördert würde. Die Verantwortung hierfür läge somit beim Staat; Bildungsversagen wird so zu staatlichem Versagen, die Verantwortung für individuelles Leistungsversagen trägt die Gesellschaft, allen voran die Lehrer.
Dies widerspricht zwar nicht nur jeglicher Alltagserfahrung, sondern v. a. auch einschlägigen Forschungsbefunden. Aber im Namen der Ideologie trägt man solche Irrtümer gerne mit. Vor allem aber überfordert die Annahme, daß jedes Kind alles lernen könne die Leistungsschwächeren, während die Leistungsstärkeren durch diese Gleichmacherei chronisch unterfordert werden. Ergo: beide Gruppen bleiben am Ende unter ihren Möglichkeiten; Gewinner sind die Mittelmäßigen.
Übrigens wurde das Sitzenbleiben erstmals im 16. Jh. in Jesuitenkollegien eingeführt. Dort wurden Schüler nicht nach Alter, sondern nach Wissensstand in eine Klasse zusammengeschlossen, und nur wer eine Prüfung bestand, durfte in die nächsthöhere Klasse vorrücken. Das nur nebenbei aus gegebenen Anlaß.
Menschen im Allgemeinen und Kinder im Besonderen lernen am Erfolg – oder auch am Misserfolg. In der Lernpsychologie spricht man von Verstärkung: Hat ein Verhalten für den Betreffenden positive, erwünschte Konsequenzen, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das betreffende Verhalten erneut gezeigt wird, der wirksame Faktor ist also Belohnung.

Hat ein Verhalten dagegen negative, unerwünschte Konsequenzen, so sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das betreffende Verhalten erneut gezeigt wird, Bestrafung also. Diese suchen Menschen im Allgemeinen zu vermeiden.

Das Hauptargument der Gegner der Klassenwiederholung lautet, daß es eine nicht vertretbare Härte für das Kind darstelle, den Klassenverband wechseln zu müssen, dass sie die Klassenwiederholung unzumutbar stigmatisiere und frustriere.

Dies scheint mir der zentrale Punkt zu sein. Es geht den „reformorientierten“ Bildungspolitikern darum, Kinder und Jugendliche vor Rückschlägen, der Erfahrung des Scheiterns, vor Unbilden und Anstrengungen, ja vor Frustration überhaupt zu schützen. Und scheinbar glauben sie, sie täten damit den Kindern etwas Gutes.

Das Gegenteil ist der Fall.

Frustration, die Erfahrung, sich für Erfolg anstrengen zu müssen, und die damit verbundene Freude, aber auch die Erfahrung von Niederlage und Scheitern bilden in der menschlichen Entwicklung das aus, was wir Frustrationstoleranz nennen, ein wichtiger Faktor seelisch-nervlicher Robustheit, die man auch Resilienz nennt.  Diese psychische Stärke erwerben wir aber nur durch die konkrete Erfahrung des Frustriertwerdens und der Niederlage sowie deren erfolgreiche Überwindung. Niemand kann uns das abnehmen, wir reifen an solchen Erfahrungen und werden „fit für das Leben“ mit seinen vielfältigen Frustrationen, Rückschlägen und unerfüllten Wünschen.

Es ist vergleichbar mit dem menschlichen Immunsystem. Wir sind biologisch nicht darauf ausgerichtet, in besonders hygienischen Verhältnissen zu leben, unsere Immunabwehr wird durch die Konfrontation mit Bakterien und Viren gleichsam trainiert und geeicht. Das Leben in allzu hygienischen Verhältnissen fördert dagegen die Entstehung von Autoimmunkrankheiten wie z. B. Allergien.

Der Versuch, Schüler vor seelischen Belastungen und unangenehmen Erfahrungen zu schützen, führt dazu, dass diese „Eichung“ ausbleibt. Die Schüler lernen nicht, mit Härten umzugehen. Im Gegenteil wird die Erwartung auf Seiten der Schüler erzeugt und verfestigt, dass sich schon immer „irgendwer kümmern“ werde, wenn es im Leben Probleme gibt, eine verwöhnte Ansprüchlichkeit also, die durch die bemutternde Haltung der Schul- und Bildungspolitik gefördert, ja erzeugt wird und die den Betroffenen in aller Regel spätestens im ersten Lehrjahr auf die Füße fällt.

Die Diskrepanz zwischen den Anforderungen im Berufsleben und den schulischen Voraussetzungen wird so immer größer, nicht nur mit Blick auf grundlegende Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch mit Blick auf die psychischen Voraussetzungen, im (Berufs-)Leben zurechtkommen zu können.
Man liest und hört allenthalben von der Modediagnose „Burnout“; ein spezifisch deutsches Phänomen übrigens, genau wie die hochfrequenten Schul- und Bildungsreformen sehr deutsche Phänomene sind. Ich vermute hier einen Zusammenhang.

Es gibt große Übereinstimmungen zwischen „Burnout“, das übrigens keine anerkannte Krankheit ist, und der seit langem bekannten psychiatrischen Diagnose Erschöpfungsdepression. „Burnout“ hat aber den Vorteil, daß man die Ursache der Erkrankung im außen, in den „Verhältnissen“ suchen kann, während der Begriff Depression doch eher personenbezogen gesehen wird. Der sprunghafte Anstieg der Vorkommenshäufigkeit (Prävalenz) von „Burnout“ ist für Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften dann auch stets ein Grund, auf den „zu großen Druck“ im Arbeitsleben hinzuweisen, auf die „Entmenschung der Arbeit“ und auf das „Elend prekärer Arbeitsverhältnisse“. Jeder würde unter solchen Verhältnissen krank werden, so soll uns suggeriert werden.

 Aber ist das auch so?

Ich bin der Meinung, dass der objektive Leistungsdruck für einen Bergmann im Jahre 1910 deutlich größer war als bei einem heutigen Arbeitnehmer. Verlor er seine Arbeit, standen er und seine Familie buchstäblich vor dem Nichts, es drohten Hunger, Obdachlosigkeit und Krankheiten. Es gab keinen Kündigungsschutz, keine Sozialversicherung, nur eine rudimentäre  Kranken- und Rentenversicherung. Mir ist nicht bekannt, daß Arbeiter damals in großen Zahlen depressiv erkrankt wären. Es ist also vermutlich nicht der objektive Druck, um den es hier geht, sondern es geht um den „gefühlten“, den subjektiven Druck durch gegebene Leistungserwartungen.

Psychische Störungen sind inzwischen der häufigste Grund für vorzeitige Verrentung, noch vor den Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und vor den Erkrankungen des Skeletts.

Wie kommt das?

Könnte es sein, dass ein dauerreformiertes Schulsystem, das versucht, jeden um fast jeden Preis „mitzunehmen“, niemanden „zurückzulassen“, das Leistungsstandards für alle senkt, um auch den Schwächsten jegliche Frustration und Misserfolg, gar Scheitern, zu ersparen, dass gerade ein solches Schulsystem die Menschen später krank und depressiv macht, diese späteren Krankheiten zumindest vorbereitet und begünstigt?

Es passte jedenfalls auf perfide Art ins Bild eines bemutternden Staates, der seine Bürger als Unbeholfene sieht, wie der immer noch sehr vermisste Zettel vor nicht langer Zeit in einem Interview mit der „Welt“ sagte.

Erst werden die Menschen seelisch-geistig geschwächt, um sie später als Gescheiterte auffangen zu können. Der nächste Schritt auf dem Weg dahin wäre dann die Abschaffung der Schulnoten.

Nur um die Gescheiterten können die Kümmerer sich kümmern.

Andreas Döding


© Andreas Döding. Mit Dank an die geschätzten Mitautoren Meister Petz für den Hinweis auf die Herkunft des Sitzenbleibens aus Jesuitenkollegien und Gansgouter für weitere Anregungen.  Titelbild vom Autor Fluteflute als public domain freigegeben. Für Kommentare bitte hier klicken.