24.3.13

Der kalkulierte Defekt

Geplante Obsoleszenz. Ein Begriff, den man vor einigen Jahren noch nicht kannte. Es ist der Fachterminus für den eingebauten Defekt, den geplanten Ausfall eines Gerätes nachdem die Garantie abgelaufen, aber das eigentlich "natürliche" Ende der technischen Lebenszeit noch nicht erreicht wurde.
Natürlich ärgere auch ich mich über Dinge, die unvermittelt, vermeintlich "vor ihrer Zeit" kaputt gehen. Und das, gefühlt, auch oft kurz nach dem Ablauf der Herstellergarantie. Wer täte das nicht?
Aber wenn dieses Feature tatsächlich in immer mehr Gebrauchsgegenständen eingebaut wird, - kann es das nicht nur, wenn die Kunden es eigentlich auch so ein bisschen wollen?

Auf das Thema gekommen bin ich aufgrund von Medienberichten, die mich auf diese Website hinwiesen. Dort werden Berichte über augenscheinlich frühdefekte Geräte, und natürlich Stimmen gegen den weitverbreiteten Murks gesammelt. Als Rückgrat dieser Sammlungsbewegung dient offenbar die Studie eines VWL-Professors und eines Betriebswirtes, in Auftrag gegeben von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen.­

Dass es dort vor allem um gierige Kapitalisten und Konzerne mit anonymen Aktionären geht, welche jegliche Ethik und Moral ihrem Profitstreben unterordnen - geschenkt. Das war zu erwarten. Aber wie diese es geschafft haben, dass wir ihnen ihre offensichtlich minderwertigen Produkte immer noch abkaufen, bleibt irgendwie im Dunklen. Sie machen das einfach, niemand hindert sie, und ethisch einwandfreie Unternehmer wie ein Henry Ford (ja, der Fließband-Ford!) geraten ins Hintertreffen. Tatsächlich. 
Als eines der ersten Obsoleszenz-Opfer wird eben dieser Produzent des T-Modells genannt, welcher vom skrupellosen General Motors-Management mit seiner minderen Produktqualität bei schnelleren Modellwechseln überflügelt wurde. Dieses verfolgte nämlich eine "darwinistisch orientierte" Wettbewerbsstrategie, erdacht am MIT, mittels derer veraltete Produkte durch neuere ersetzt werden sollten. Und man war damit erfolgreich. GM errang gegenüber Ford die Marktführerschaft.

Also wollten die Kunden doch anscheinend die bunteren, neuen Modelle! Wo ist das Problem?
Die Autoren machen das Problem daran fest, dass die Kunden hier getäuscht werden. Sie bemerken erst später, dass ihr minderwertiges Fahrzeug eine geringere Laufzeit hat als das altbewährte T-Modell. Und dann müssen die armen Kunden halt wieder ein neues Auto kaufen, während der schwarze Ford immer noch läuft. Nur, warum kauften die dann kein T-Modell? Sie müssten doch jetzt geläutert sein? Das eben meinte ich - es bleibt im Dunklen.

Und genauso ist es auch heute. Es gibt sie doch noch, die guten Dinge. Es gibt auch einen deutschen Haushaltsgerätehersteller mit High-Quality-Standard und 15-jähriger Ersatzteilvorhaltung. Es gibt das alles, warum ärgert man sich dann noch mit kaputten Kaffeeautomaten von anderen Herstellern herum? Zu teuer vielleicht für manchen? Mag sein. Vielleicht rechnet man insgeheim ja auch damit, dass bestimmte Produkte eben nicht für die Ewigkeit bestimmt sind? Wer kennt es auch, dass man so manches Gerät eigentlich über hat, es aber nicht wegwerfen möchte - weil es noch läuft? Deshalb zu schade für die Entsorgung ist?

Ein Fetzchen aus dem Billigfashion-Laden hält nun mal nur eine Saison. Dann ist die Form hinüber oder die Nähte gehen auf. Damit rechnet man einfach, für viele Jahre ist das nicht gedacht. Die elektrische Zahnbürste für 19,95 € wird vielleicht ihre 2-3 Jahre halten. Je nachdem, wieviele Personen sie täglich wie oft benutzen. Bei einem so hochfrequent vibrierenden Kleingerät rechne ich einfach damit, dass sich da Kontakte lösen oder der Akku schlapp macht. Bei einem 200 € Gerät erwarte ich allerdings eine längere Lebensdauer.

Bei Handys wird erwartet, dass sie einen austauschbaren Akku an Bord haben. Ich wünsche das auch und würde mir deshalb nur so ein Gerät kaufen. Apple wird aber dafür kritisiert, dass seine Akkus fest verbaut werden. Wahrscheinlich hat das auch einen technischen Hintergrund. Der Akku braucht keine Extraumhüllung, man spart sich die sonst benötigten Spaltmaße, nichts ist beweglich im Gerät etc.
Aber wer damit nicht leben kann, der braucht doch kein Apple-Produkt zu kaufen! Was soll das Meckern?
Vor einigen Jahren, als die Handys langsam zur Massenware wurden, zeichneten sich die Geräte eines deutschen Herstellers durch besondere Qualität und Langlebigkeit aus. Es hat ihm nichts genutzt, die Marke ist heute verschwunden. Beim hierzulande üblichen Zweijahreszyklus bis zum neuen Telefon bringt einem die Langlebigkeit gar nichts. Die Leute wollen etwas Neues und Frisches, mit mehr Leistung zum Beispiel.

Vielleicht wollen sie auch einfach etwas energiesparenderes? Wir wissen doch alle, dass das A+Gerät von heute das B-Gerät von morgen ist. Und ist es nicht ein Herzensanliegen gerade der Grünen, dass wir alle auf modernere, energiesparende Geräte umsteigen? Die aber wiederum morgen schon nicht mehr auf dem Stand der Technik sein werden? Erinnern wir uns noch an die Abwrackprämie für völlig funktionstüchtige Autos?

Ich denke, dass die Autoren schon gut recherchiert haben werden. Es lohnt sich auch durchaus, diese Studie zu lesen. Aber was mir hier missfällt, ist die Sicht auf die Kunden als durchweg hilflose Opfer profitgieriger Konzerne.
Wir haben es schon noch in der Hand, auf Qualität zu achten. Jeder Heimwerker weiß, dass er für die großen Einsätze lieber die teureren Werkzeuge in rot oder türkis kaufen sollte, wobei die grünen aber auch schon recht gut sind. Wir haben alle Möglichkeiten uns Testberichte und Kundenrezensionen anzusehen. Wir sind nicht ohnmächtig, sondern haben immer die Wahl.

Und ich musste auch ein wenig an meine Kindheit denken. An das teure Tonbandgerät, welches mein Vater meiner Mutter zur Hochzeit geschenkt hatte und das ich als Vierzehnjähriger noch für Radio-Mitschnitte nutzte. Bis ich dann zur Jugendweihe endlich einen West-Kassettenrekorder geschenkt bekam. Das war ein Plastik-Japaner, bestimmt nicht teuer und hatte auch bald die ersten Macken - aber verdammt nochmal, der hatte abnehmbare Boxen und ein Doppel-Kassettendeck!
War mir doch egal, dass das 10 kg schwere Tonbandgerät bestimmt unverwüstlich war!
Calimero


© Calimero. Für Kommentare bitte hier klicken.
Free counter and web stats