Versucht man abzuschätzen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß ein Land seine Schulden einmal nicht zurückzahlen wird, so werden üblicherweise rein ökonomische Daten angeführt: Die Gesamtschulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), das Verhältnis zwischen Staatsdefizit und BIP, schließlich auch Faktoren wie Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosigkeit. Nach all diesen Kriterien ist etwa Griechenland offensichtlich ein Pleitekandidat: Der
Schuldenstand beträgt aktuell 142,8 % des BIP, das Defizit 10,5 %, die
Arbeitslosigkeit wird in diesem und dem nächsten Jahr vermutlich über 15 % betragen, und schließlich sinkt seit mehreren Jahren das BIP deutlich, 2011 wohl noch einmal um 3,5 %.
Könnte es aber nicht sein, daß die Verschuldung eines Staates (und die Gefahr eines Staatsbankrotts) mehr Ähnlichkeit mit der Verschuldung einer Privatperson (und der Gefahr einer privaten Insolvenz) hat, als man zunächst vermuten würde? Bei Privatpersonen gehen wir ja nicht davon aus, daß sich Ver- oder Überschuldung nur durch wirtschaftliche Rahmenbedingungen erklären lassen. Manche Menschen sind bitterarm, kämen aber nicht im Traum darauf, überhaupt Schulden zu machen, und manche schaffen es, trotz bester Startbedigungen wie einer üppigen Erbschaft in wenigen Jahren einen gigantischen Schuldenberg aufzuhäufen. Das private Schuldenmachen und der Umgang mit vorhandenen Schulden ist eben nicht nur eine Frage des vorhandenen oder nicht vorhandenen Geldes, sondern auch eine des Charakters und der Mentalität.